Interview mit Karl-Heinz Witzko - DSA-Autor und Mitgestalter von Maraskan und Nostria

Interview mit Karl-Heinz Witzko - DSA-Autor und Mitgestalter von Maraskan und Nostria

Wenn ich sagen würde: Guten Tag, Herr Witzko, würdest du mich sicherlich seltsam anschauen, daher beginne ich mit preise die Schönheit, Karli, wie fein, dass wir wieder einmal miteinander schnacken.

Du bist eine weitere Menschenperson, die wir interviewen wollen, um den vielen Rollenspielerinnen und Rollenspielern da draußen etwas zu erzählen und vielleicht etwas mitzugeben, was sie bislang noch nicht wussten.

Lange ist es her, als es - ich glaube, es war 1993 - mit dem Adelsspiel in Aventurien so richtig begann und wir zwei Barone im lieblichen Almada wurden. Nicht wissend, welches Potential in dir steckt, wurde es dann doch bald klar: in dir steckt eine Art Asiate, eher ein Maraskaner!

So kommen wir zu ein paar Fragen, einige sind vielleicht gut gewürzt:

"Wem der Name seltsam bekannt vorkommt, dem sei verraten, dass es in Nostria nicht eben zufällig einen Bergzug mit ähnlichem Namen gibt."

> Seit wann ist Rollenspiel Teil deines Lebens und was war dein Erstkontakt?

"Das müsste 1984 gewesen sein, dass meine Freundin Babsi aus meiner alten Theatergruppe bei mir anrief und fragte, ob ich Lust hätte, bei einer neuen Art Spiel mitzuspielen. Da ich ein paar Wochen zuvor einen Artikel über Rollenspiele gelesen hatte, sagte ich zu. So kam es, dass ich mich ein paar Tage später mit ihr und vier anderen Leuten in Dortmund im Hallerey zu unserem ersten DSA-Abenteuer traf. Wem der Name seltsam bekannt vorkommt, dem sei verraten, dass es in Nostria nicht eben zufällig einen Bergzug mit ähnlichem Namen gibt. Ich fand an dem Spiel damals faszinierend, dass es praktisch ohne Regelkorsett auskam. Man konnte sich eine beliebige Handlung überlegen, die nirgends vorgesehen war, diese dem Spielleiter erklären, worauf der dann etwa sagte: Mache eine Geschicklichkeitsprobe. Talente gab es ja noch nicht. Alfred, unser Meister, war allerdings ziemlich knauserig. Unsere Figuren mussten lange mit Knüppeln auskommen, sammelten möglicherweise noch nützliches Gerümpel und sparten auf Kurzschwerter. Das blieb nicht folgenlos. Einmal bekamen wir den Auftrag uns zu überlegen, was unsere Figuren zwischen zwei Abenteuern getan hätten. Die Antworten waren etwas irritierend: Unser Magier hatte sich als professioneller Erbschleicher betätigt, meine Figur war in den Handel mit Fantasietiteln eingestiegen usw. Kurz und gut, es gab nicht einen, der beim Streben nach Mammon nicht einer halbseidenen oder kriminellen Tätigkeit nachgegangen war. So begann damals unsere Laufbahn als strahlende DSA-Helden."                     

> In welchen Systemen bist du zu Hause und was würde dich noch reizen?

"Zu Hause bin ich im Schwarzen Auge, schließlich kenne ich die aventurische Spielwelt am besten und war auch immer zufrieden damit. Ich habe allerdings auch andere Systeme gespielt, etwa längere Zeit 'Midgard' oder '7te See' und weniger häufig ein paar andere. Das hängt eben auch von den Mitspielern ab. Reizvoll fand ich auch Systeme, die die reale Welt als Spielwelt benutzten. Ich erinnere mich an ein Abenteuer, das die Spieler ins Paris der Weltausstellung von 1889 führte. Man konnte dort u. a. den jungen Degas treffen (und ihm Karriereratschläge geben) oder Gustave Eiffel (und ihn beknien, diesen hässlichen Metallturm möglich bald wieder abzureißen)."

"Ob ich Interesse hätte, ein Solo-Abenteuer zu schreiben, was damals ein üblicher Einstieg für neue Autoren war."

> Schon früh hast du dich beim Schwarzen Auge für Maraskan interessiert. Was hat dich bewogen, dich mit Land und Volk zu beschäftigen und deine Fantasie dort sprudeln zu lassen?

"Das war reiner Zufall. Ich hatte übers Wochenende Michael Meyhöfer besucht, ein weiteres Mitglied meiner alten Theatergruppe, der später verantwortlicher Redakteur des Aventurischen Boten wurde. Zu der Zeit veranstaltete Schmidt Spiele einen Wettbewerb für selbstgeschriebene Abenteuer, wo man irgendwas gewinnen konnte. Wir beschlossen, uns mit einem Beitrag zu beteiligen, und ich meine, Michael hätte vorgeschlagen, als Schauplatz Maraskan zu wählen, weil es zu der Insel und ihren Bewohnern lediglich zwei karge Seiten im 'Land des Schwarzen Auges' gab, also wenige Vorgaben, an die man sich halten musste. Wir haben dann an dem Wochenende ein paar wesentliche Dinge gemeinsam entwickelt und es später geschrieben, getippt und eingereicht. Das Ergebnis hatte mit dem heutigen Maraskan natürlich noch nicht viel zu tun. Einige Wochen später sollten in Essen oder Düsseldorf die Gewinner bekannt gegeben werden. Wir fuhren also voller Hoffnung zu nachtschlafender Zeit von Unna dorthin, nur um zu erfahren, dass die Liste mit den Gewinnern in Eching vergessen worden sei. Ulli Kiesow schrieb später einmal, dass unser Abenteuer sogar verloren gegangen sei. Das war sehr ärgerlich, mag aber dazu beigetragen haben, dass ich irgendwann später anlässlich einer DSA-Feedback-Aktion einen stark ironisierenden Leserbrief schrieb, in dem ich alles auflistete was mich aktuell störte, und als Statistiker untermauert man so etwas natürlich mit Zahlen. Norbert Venzke, der damalige Botenredakteur, hatte offenbar gerade nichts Besseres zu tun und antwortete in einem ähnlichen Ton. Daraus entwickelte sich ein längerer Briefwechsel und da, was ich damals nicht wusste, Norbert nicht der einzige Leser meiner Briefe blieb, wurde ich irgendwann zum Redaktionskonvent eingeladen, weil man diesen seltsamen Herrn Witzko in Augenschein nehmen wollte. Dabei lernte ich Ulli kennen, was später dazu führte, dass er mich fragte, ob ich Interesse hätte, ein Solo-Abenteuer zu schreiben, was damals ein üblicher Einstieg für neue Autoren war. Daraus entstand 'Straßenballade', aventurisch für Roadmovie, eine Geschichte mit zahlreichen musikalischen Anspielungen, seltsamen Begegnungen am Wegesrand, einem jungen Prinzen Kasparbald, der wie ein knallharter Grateful-Dead-Fan einer Musikerin hinterher reist und vielen Altem, aber auch Neuem, was ich mir zu Maraskan ausgedacht hatte. So begann das."

 

Am Rande der Nacht von Karl-Heinz Witzko
Am Rande der Nacht, eine der sehr bekannten Publikationen von Karl-Heinz Witzko

 

> 1993 erschien dein erstes Soloabenteuer, 'Straßenballade', weitere, wie 'Am Rande der Nacht' und 'Die Ungeschlagenen' stammen ebenfalls aus deiner Feder. Mit Treibgut hast du deinen ersten DSA-Roman veröffentlicht und etliche folgten. Bekommen wir aus Deiner Feder wieder einmal etwas zum Schwarzen Auge präsentiert oder dürfen wir vergeblich warten?

"Tom Finn sagt ja stets, man solle niemals nie sagen, aber momentan sehe ich keinen Roman oder ein Abenteuer am Horizont. Allerdings werde ich gelegentlich nach meiner Expertise gefragt, was ich dann auch recht ernst nehme. Ich habe zu dem Heldenwerk-Abenteuer „Wandel im Chaos“ von Thorsten Mosch und Josch K. Zahradnik etwas beigesteuert und konnte vor einiger Zeit auch Diana Rahfoth und Claas Rhodgeß offenbar hilfreiche Tipps zu ihrem Beitrag über maraskanische Mode für die Scriptoriumsveröffentlichung über aventurische Mode geben.

"Allerdings setzt er damit Ereignisse in Bewegung, die sein Leben zunehmend in einen Alptraum verwandeln werden."

> Deine Vita erzählt, dass du Romane für andere Verlage geschrieben hast. Es entstand ein Werk für die Gezeitenwelt-Reihe, Kobolde und etliche mehr. Magst du uns und den Menschen, die diesen Blog lesen, mitteilen, woran du gerade arbeitest? Wieder ein Roman oder Genrewechsel in Richtung asiatischer Kochbücher?

"Nein, es bleibt bei einem Fantasyroman. Ich muss jetzt allerdings sehr vage sein, denn die Geschichte ist ziemlich vertrackt. Der Roman spielt in einer Stadt namens Glut-Napoi, die aus zwei separaten Teilen besteht, der neueren Bunten Stadt und der älteren Grünen Stadt. Die jüngere Stadt hat ihren Namen daher, weil alle Häuser mit bunten Fliesen verkleidet sind. Meine erste Hauptfigur (es gibt noch mehr, aber siehe oben), Iacobo mit Namen, arbeitet in einer Fliesenbrennerei und begeht am Anfang der Geschichte ein Verbrechen. Und obwohl er schnell Zweifel bekommt, ob dieses Verbrechen überhaupt stattgefunden hat, schafft er sich damit einen einflussreichen Gegner, der diese Zweifel ganz und gar nicht hat. Das führt dazu, dass Iacobo seine Arbeit, sein Zuhause und sein soziales Umfeld verliert. Ihm bleibt damit keine andere Wahl, als in der Grünen Stadt Zuflucht zu suchen. Sie ist aus einem grünen Material erbaut, das offenbar unzerstörbar ist, und die Legende besagt, dass sie älter sei als das Land. Dafür spricht, dass einige Charakteristiken der Umgebung nicht oder vielleicht nicht mehr zur Anlage der Stadt passen. Es gibt etwa Tore, die dort, wo sie sind, unsinnig erscheinen. Dieser Teil Glut-Napois wird zwar von einer Priesterschaft verwaltet, aber außer den Ausgestoßenen will dort niemand wohnen, und auch die bemühen sich oft, wieder weg zu kommen, denn zusätzlich zu vielen haarsträubenden Gerüchten, die kursieren, ereignen sich in der Grünen Stadt erschreckende und seltsame Dinge. Iacobo fristet sein Leben nun als Tagelöhner und erledigt einige ungewöhnliche Tätigkeiten, allerdings sorgt sein Widersacher dafür, dass er sich immer wieder etwas Neues suchen muss, bis er schließlich an Leute gerät, die sich nicht so leicht einschüchtern lassen. Allerdings setzt er damit Ereignisse in Bewegung, die sein Leben zunehmend in einen Alptraum verwandeln werden. Wie erwähnt ist das nur ein Handlungsstrang."

> Bist du noch aktiver Rollenspieler? Spielst du aktuell in einer Runde?

"Nach einer längeren Unterbrechung habe ich seit ein paar Jahren wieder eine sehr nette Gruppe und wir haben immer viel Spaß. Seit letztem Frühjahr spielen wir allerdings coronabedingt online über Discord. Anfangs hatte ich gewisse Zweifel, ob dabei überhaupt Stimmung aufkommen kann, aber die waren schnell ausgeräumt, auch angesichts der vielen Vorteile, die diese Art des Spielens hat, wie etwa dem geringen Aufwand."

"Oft entdeckt man ja beim Stöbern erst, was man schon immer haben wollte"

> An dieser Stelle kannst du dir selbst eine Frage stellen, die du gerne beantworten möchtest. Sollte dir keine geeignete einfallen, wäre der geneigten Leserin oder dem aufmerksamen Leser vielleicht wichtig zu wissen, ob du noch ein Zimmer zur Untermiete frei hast; in diesen Zeiten wäre das ja gut zu wissen und ein guter Mitbewohner bist du ja allemal, wenn du nicht kochst...

"Wieso kochen? Soll das etwa eine Anspielung auf damals sein, als ich dich zu einem typisch maraskanischen Acht-Gänge-Menü einlud, du während der Vorspeise aufsprangst, röcheltest, du hättest vergessen, das Licht an deinem Handy auszumachen, aus der Wohnung ranntest, vor dem Haus zusammenbrachst und in die Notaufnahme eingeliefert wurdest? Wie kann man nur so nachtragend sein? Immerhin hat man dich nach drei Wochen wieder entlassen und in der Reha soll’s dir doch auch gut gefallen haben?  Sogar die Schonkost hattest du gerühmt... " 

> Zu den Fragen: Wissen Autoren, was sie tun?

"Ja."

> Verraten sie ihren Lesern und Leserinnen alles?

"Nein, nicht alles."

> Wo und wann kann man dich auf einer Lesung live erleben? Gibt es da schon einen Termin?

"Momentan gibt es leider keinen Termin. Wegen Corona findet ja vieles nur online statt und bislang konnte ich mich nicht zu einer Onlinelesung durchringen, so ganz ohne nennenswerten Publikumskontakt. Wenn die gegenwärtige Situation aber im nächsten Jahr andauert, werde ich mir das wohl neu überlegen müssen."   

> Wonach suchst du schon lange und würdest dich freuen, es auf RPGMarket.de zu finden?

"Momentan such ich gar nichts, aber oft entdeckt man ja beim Stöbern erst, was man schon immer haben wollte. Ich habe jedenfalls eure Facebookseite abonniert."

> Vielen Dank für deine Zeit und die ausführlichen Antworten. Wir hoffen, dass du gesund und kreativ bleibst und dass wir alle noch viel von dir lesen werden.

"Danke, Hampi, dasselbe wünsche ich auch dir."

Dieses Interview wurde am 31.10.2021 geführt.

Weitere Informationen zu Karl-Heinz Witzko und seiner Arbeit finden sich auf seinem Wikipedia-Eintrag.

Der Hampi aka Jörg Middendorf

2 Kommentare

Sehr gerne! :)

RPGMarket

Vielen Dank für dieses Interview

Krassling

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