Magische Formeln für Das Schwarze Auge: Wie viele Zauber braucht ein Rollenspiel? (Teil 1)

Magische Formeln für Das Schwarze Auge: Wie viele Zauber braucht ein Rollenspiel? (Teil 1)

Sechzehn? Hundertfünfzig? Neunhundert? Von Edition zu Edition ist die Zahl an Zaubersprüchen bei DSA immer weiter angewachsen. Aber welche Menge ist optimal? Ein Überblick.

Von Anton Weste

Mit dem Grimorum Cantiones erscheint im Herbst 2022 für DSA ein Band, den Spieler der 5. Edition lange ersehnt haben: Die Sammlung sämtlicher Zaubersprüche in einem Band. Vorherige Editionen des Schwarzen Auges stellten früh innerhalb ihres Lebenszyklus Komplettsammlungen an Zaubern zur Verfügung. Von DSA 1 bis DSA 4 erschienen sie gleichzeitig mit dem Grund- oder Magieregelsystem. Die Meisterin und die Spieler hatten so von Anfang alle Möglichkeiten für magische Handlungen im Blick.

Spät, aber gewaltig

Dass bei DSA 5 über sieben Jahre nach dem Grundregelwerk ins Land gehen mussten, ehe „das dicke Zauberbuch“ auf den Markt kam, lag nicht nur an der Publikationsstrategie. Ulisses Spiele erschloss viele Crunch-Elemente von DSA 5 wie Sonderfertigkeiten, Waffen und Zauber erst nach und nach per neuer Regelerweiterungsbücher und Quellenbände. Es lag auch schlicht am Umfang des Projekts: Das Grimorum Cantiones umfasst 504 Seiten. Was für ein Brocken! Auf Anhieb fällt mir nur ein DSA-Buch ein, das umfangreicher war, nämlich die Gesamtausgabe der Kampagne Die Sieben Gezeichneten (stolze 1088 Seiten). Zwischen den Buchdeckeln birgt dieser mächtige Zauberkodex nicht weniger als 448 Zaubertricks, Zauberformeln und Rituale. Eine solche Menge will dann auch erst mal konzipiert, überarbeitet und ins übrige Regelset eingepasst werden.

DSA 1: Ein gutes Dutzend Ur-Zaubersprüche

Dabei fing alles so klein an. 1984 kam Das Schwarze Auge mit dem Abenteuer Basis-Spiel auf den Markt. Im Buch der Regeln: Die magischen Formeln des Schwarzen Auges, 13 Zauberformeln, nummeriert mit römischen Ziffern. Sieben der Formeln waren sowohl für Magier als auch für Elfen zugänglich, den beiden einzigen magischen Heldentypen. Sechs weitere Zauber waren allein dem Magier vorbehalten. Aus diesem Urschlamm der aventurischen Magie stammen solche Klassiker wie der BALSAMSALABUNDE, der FLIM FLAM, der ARMATRUTZ, der FULMINICTUS, der HORRIPHOBUS und der PARALÜ. Selbst wenn sie teils über die Jahre kleinere Veränderungen im Namen durchgemacht haben (So etwa PARALYSIS statt PARALÜ), erkennt sie auch heute noch jeder DSA-Spielende wieder – selbst wenn er lediglich die 4. oder 5. Edition erfahren hat.

Jede der 13 Formeln kam mit einem Reim daher. BANNBALADIN – Dein Freund ich bin! SAFT-KRAFT-MONSTERMACHT – Schlage drein, so dass es kracht! Dabei ging es gar nicht so sehr darum, dass die Autoren Freunde mäßiger Lyrik waren oder viel Spaß an Kinderreimen hatten (wie Kritiker die aventurischen Formeln gerne nannten). Vielmehr wollten sie die Nutzung wörtlicher Rede von Zauberformeln im Rollenspiel fördern, wie Das Buch der Regeln ausführt. Die Reimform half dabei, sich die Zauber zu merken.

„Der Spieler sollte die Zauberformeln seines Magiers oder Elfen nach Möglichkeit auswendig lernen. Einem frischgebackenen, magiebegabten Helden wird es der Meister des Schwarzen Auges gewiß nachsehen, wenn er eine Formel nicht richtig beherrscht, aber einem Magier der 6. Stufe steht es schlecht zu Gesicht, wenn er vor jedem Zauber im Regelbuch blättern muß. Auch kommt es gelegentlich auf eine schnelle Reaktion des Zauberers an. Ein Beispiel aus dem Spielgeschehen:

Meister: »Ihr geht durch einen dunklen Tunnel. Plötzlich schlüpft ein Tatzelwurm aus einer Öffnung in der Wand!«

Spieler des Magiers: »Ha! Ich schleudere ihm ein FULMINICTUS – Donnerkeil (Kampfzauber) entgegen!«

Stellen Sie sich vor, der Spieler sagte statt dessen: »Kann ich mal das Regelbuch haben? Ich glaube, da gibt es irgendeinen Kampfzauber, der jetzt ganz gut passen würde ...«“

Zusätzlich zu den Zaubersprüchen gab es auch schon im allerersten DSA-Regelwerk Traditionsartefakte und –rituale; in diesem Fall: 3 Stabzauber für den Magier. Diese Zauberformen, die eine andere Regeltechnik anwenden als die klassischen Sprüche und die exklusiv einer bestimmten magische Profession vorbehalten sind, ziehen sich bis zur aktuellen Regeledition durch.

Reime will ich nicht, ich mag es schlicht

Ein Jahr später kam 1985 das Abenteuer Ausbau-Spiel heraus, das dem DSA1-Spiel mehr Regeln und Aventurien mehr Konturen verlieh. Gedacht war es für erfahrene Helden und so kam es hier zur ersten Aufstockung des Zauberrepertoire. Magier durften sich über 12 weitere Formeln freuen. Die neuen Heldentypen Druide und Waldelf wurden mit 5 bzw. 7 exklusiven Zaubern bedacht. Dazu kamen zwei neue Stabzauber (darunter das legendäre Flammenschwert) und zwei magische Rituale für Druiden (die hier noch ‚Voodoo’ hießen und später Herrschaftsrituale genannt werden).

Von den durchgängig gereimten Formeln verabschiedete man sich übrigens im Abenteuer Ausbau-Spiel schon wieder. Zwar gab es noch einige hübsche Aufsageverse wie DUPLICATUS DOPPELPEIN – verfluchet soll das Auge sein, doch die meisten Formeln aus dem Ausbau-Spiel bekamen nüchterne Kurzbezeichnungen: Gegenzauber, Teleportation,Magiegespür, Feuerlanze. Dafür gab es auch eine innerweltliche Begründung:

„Im Abenteuer-Basis-Spiel wurden insgesamt 13 Zauberformeln für den Magier vorgestellt (darin enthalten waren die 7 Elfensprüche). Bei allen diesen Sprüchen handelte es sich um magische Formeln für niederstufige Helden, die im Umgang mit Magie noch nicht sehr viel Erfahrung haben.

Daher spielte bei diesen Formeln der magische Name, etwa Fulminictus-Donnerkeil oder Salander-Mutanderer, eine große Rolle. Ihn aufzusagen bedeutet für den niederstufigen Magier oder Elfen, sich eine geistige Brücke ins Reich der Magie zu bauen. Nur durch Aufsagen des magischen Namens der Zauberformel kann es einem niederstufigen Magier oder Elfen gelingen, den Zauber zu aktivieren und den Spruch zu seiner Wirkung zu bringen. Bei höherstufigen Magiern liegen die Dinge jedoch anders. Sie sind im Umgang mit Zauberformeln schon so geübt, daß ein Aufsagen des Namens sich erübrigt. Schließlich muß ein Magier ja auch darauf achten, daß seine Kunst geheim bleibt, das heißt, es soll niemand mithören, welche Sprüche er einzusetzen gedenkt. Aus diesem Grund haben die meisten der folgenden 12 Zaubersprüche für den Magier keine magischen Namen - wir sprechen bei ihnen von stummen Zauberformeln oder -Sprüchen.“

DSA 2: Hundertfache Zauberei, mit Reim dabei

DSA wuchs. Gerade in seinen ersten Jahren gesellten sich immer neue Ideen für spielbare Heldentypen zu den vorhandenen. Oft wurden sie erstmals in Abenteuern oder im Aventurischen Boten vorgestellt. Hexen kamen in den Abenteuern Hexennacht und Im Zeichen der Kröte mitsamt Zaubern wie RADAU und HARMLOSE GESTALT. Auch Vertrautentiere und Flüche wie HEXENSCHUSS, MIT BLINDHEIT SCHLAGEN oder TODESFLUCH fanden ihren Platz in Aventurien. Das Havena-Abenteuer Der Fluch des Mantikor platzte mit dem Schelm und Schelmenzaubern wie VERSCHWINDIBUS und LANGER LULATSCH ins Spiel. Auch bei der Schwarzmagie wurde aufgerüstet: Die Seelen der Magier führte die mit Lebensenergie zaubernden Borbaradianer und ihre dunklen Sprüche (STARRE FLIESSE, HARTES SCHMELZE; ERINNERUNG VERLASSE DICH!; HÖLLENPEIN ZERREISSE DICH!; ...) ein.

elfmal elf Zauber; DSA

All das und viele weitere Zauberideen schlugen sich summiert im Magieregelwerk von DSA 2 nieder, der Box Die Magie des Schwarzen Auge aus dem Jahr 1989. Darin enthalten: Das große Buch der elfmal elf Zauber und anderer magischer Handlungen. Meine erste Begegnung mit dem DSA-Magiesystem. Es hatte eines der minimalistischen Cover überhaupt: Rotweiße Schrift auf einem schwarzen Grund. Und doch faszinierte mich das Versprechen von geradezu endloser Zaubervielfalt. Unglaubliche 121 Zauber! Was sollen denn da noch für Wünsche offen sein? Was war ich jung und naiv ...

Die Zauber waren nun nicht nur in ihre Ursprünge (gildenmagisch, druidisch, elfisch, hexisch, ...) unterteilt, sondern auch erstmals in Spezialgebiete wie Illusion, Beherrschung, Antimagie, Beschwörung oder Verwandlung von Lebewesen. Dazu wuchs die Zahl der Traditionszauber und –rituale auf 29 an.

DSA 2 machte auch wieder vielfachen Gebrauch von Reimformeln und verwandelte nüchterne DSA-1-Zaubernamen wie die Feuerlanze in den IGNIFAXIUS FLAMMENSTRAHL – Magisch’ Feuer schmelzet Stahl, die Teleportation in den TRANSVERSALIS TELEPORT – trage mich an fernen Ort! Die latinoiden Spruchnamen etablierten sich endgültig als DSA-typisch – Jahre bevor der Stil durch Harry Potter in den Mainstream wanderte.

Im zweiten Teil des Artikels liest du: Wie DSA 3 der magischen Welt Tiefe gab, wie DSA 4 die Reimformeln strich und wie DSA 5 das bis heute dickste DSA-Zauberbuch herausbringt.

 

 

 

27 Kommentare

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Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Testmarkt

Jonas: Sie war ein paar Jahre jünger als ich. Um die 35. Dunkles Haar, dunkle Augen, eine wohlgefällige Figur. In einem von diesen weißen Overalls, die nach gar nichts aussehen, und mehr kosten, als ein Detektiv im Monat verdient. In der 40-Quadratmeterklasse, schätzte ich. Auf dem Klientenstuhl in meinem Büro plus Apartment, 22 Quadratmeter und ein paar Zerquetschte, wirkte sie wie ein aufgeblühter Kirschzweig in einer alten Bierflasche. Ich bin sentimental. Ich mag Kirschblüten.

Judith: Mein Name ist Delgado. Judith Delgado.

Jonas: Judith. Das gefällt mir. Ein Mensch, dessen Name mit J anfängt, kann nicht ganz schlecht sein.

Jonas: Ich heiße Jonas. Nur Jonas. Wie der Typ mit dem Walfisch in der Bibel. Viele Leute wundern sich darüber, daß ich nur einen Namen habe. Ich weiß nicht, warum. Ich meine, besser ein guter Name als drei miese.

Judith: Ich kann es nicht glauben. Onkel Adrian hätte so was nie gemacht.

Jonas: Was?

Judith: Selbstmord. Ich versteh das nicht.

Jonas: Sagen sie alle.

Judith: Bitte?

Jonas: Sagen sie alle, wenn der liebwerte Anverwandte endlich freiwillig die Kurve kratzt, weil sich kein Aas um ihn gekümmert hat.

Judith: Ihr Ton gefällt mir nicht.

Jonas: Sam?

Sam: 243, o Herr und Meister.

Judith: 243?

Jonas: Sam führt `ne Liste. Von Leuten, die mir sagen, ihr Ton gefällt mir nicht. Sie sind Nummer 243.

Judith: Ich habe mich um Onkel Adrian gekümmert. Und ich bin ganz sicher, er hat sich nicht umgebracht.

Jonas: Das sagen Sie. Und was steht auf dem Totenschein? Name?

Judith: Judith Delgado.

Jonas: Nicht Ihrer. Onkel Adrian. Name, Nummer, Adresse und so weiter.

Judith: Adrian Delgado. Südstadt, 33. Straße, Nummer 170, Aufgang G, Apartment 93. Bürgernummer 15 B 27 09 1939. Aber das ist unnötig. Ich habe schon…

Jonas: Lassen Sie das mich auf meine Weise machen. Sam?

Sam: Magnifizenz?

Jonas: Todesdatum. Todesursache.

Sam: Hören ist gehorchen, euer Lordschaft. Piep. Herr Adrian Delgado verließ dieses unser irdisches Tal der Tränen aus freien Stücken am 13. März im Jahre des Herrn 2009.

Jonas: Also gestern.

Sam: Indem er das Fenster seines im 9. Stockwerk gelegenen Apartments öffnete und sich, den Kopf voran, durch dasselbe in die Tiefe stürzte. Beim Aufschlag erlitt er folgende, in ihrer Gesamtheit tödliche Verletzungen.

Jonas: Brauchen wir nicht. Ist gut, Sammy.

Sam: Wie Durchlaucht befehlen.

Jonas: Sie haben’s gehört, Judith. Selbstmord. Ganz offiziell. Kein Fall für Jonas.

Judith: Ich kenne den Totenschein. Er lügt.

Jonas: Lassen Sie mich raten. Lebensversicherung?

Judith: Ja, das auch, aber.

Jonas: Zu Ihren Gunsten abgeschlossen. Und bei Selbstmord zahlt die Versicherung nicht. Wie hoch?

Judith: 100.000 Euros. Aber das ist es nicht. Ich hatte Onkel Adrian gern.

Jonas: Rührend. Und was soll ich jetzt tun?

Judith: Nachforschen natürlich. Rauskriegen was wirklich passiert ist.

Jonas: Ich bin der letzte. Der letzte Privatdetektiv. Der letzte freie Beruf. Seit Ärzte und Anwälte Staatsdiener sind. Und Künstler Medienbeamte mit Pensionsberechtigung. Wahrscheinlich bin ich auch der einzige Privatdetektiv. Wenigstens in unserer unschönen, aber großen Stadt Babylon. Ohne Konkurrenz. Nicht, daß es mir viel nützt, aber wer braucht heutzutage schon einen Detektiv? Menschen, die nen Knacks haben oder eine fixe Idee. Wie Judith.

Jonas: Ich kriege 80 Euros pro Tag und Spesen. Aber ich sag Ihnen gleich: Sie werfen ihr Geld zum Fenster raus.

Judith: Das lassen Sie meine Sorge sein. Ich habe gute Gründe.

Jonas: Klar. Warum sollte sich Onkel Adrian schon umgebracht haben? Warum bringen sich Jahr für Jahr Millionen Menschen um? Sam, die letzten Selbstmordzahlen für Europa.

Sam: Bitte sehr, bitte gleich, o Sahib. Piep. Januar bis Dezember 2008: 4 532 728 Suizide, gleich 0, 37258 % der Bevölkerung. Im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 3, 6661 %. Januar bis Februar 2009…

Jonas: Das reicht, Sam. Sehen Sie, Judith, jeder kann sich umbringen, Sie. Ich.

Judith: Ein außergewöhnlicher Computer, den Sie da haben.

Jonas: Sam. Der ist nicht außergewöhnlich. Der ist verrückt. Was, Sammy?

Sam: Wenn du meinst, Mac, du bist der Chef.

Jonas: Außer Walzertanzen und Kinderkriegen kann Sam praktisch alles. Hören, Sehen, sich in zugängliche und auch ein paar unzugängliche Datenbänke einschalten, deduzieren, und reden, vor allem reden. Die Hersteller haben ihn versuchsweise mit allen möglichen ausgefallenen Sprachprogrammen vollgestopft. Und jetzt redet der gute Sam nicht nur wie ein Buch, er tönt wie eine ganze Bibliothek. Deswegen habe ich ihn auch verhältnismäßig billig gekriegt, als ich mit meiner Abfindung aus dem Antarktischen Krieg zurückkam und beschloß, Detektiv zu werden. Wer will sich schon ständig mit einem elektronischen Oberlehrer unterhalten. Ich habe ihm dann noch ein paar neue Sprachprogramme eingegeben, als Gegengewicht sozusagen, und das alles ist ihm ein bißchen durcheinander geraten. Nicht zu reparieren. Man muß sich dran gewöhnen.

Jonas: Darf ich vorstellen: McCoy Incorporated, Typreihe Doktor, Versuchsmodell Chrysostomus, Baujahr 2005. Ich nenne ihn kurz Sam. Sie werden kaum wissen, warum.

Judith: Hallo, Sam.

Sam: Küß die Hand, gnädige Frau.

Judith: Play it again, Sam. Spiel As Time goes by.

Sam: Klaro, Schwester. Auf geht’s.

Jonas: Sie kennen Casablanca?

Judith: Aber ja, und ich mag Bogie und Phil Marlowe und Sam Spade und Lew Archer und Albert Samson und…

Jonas: Und ich dachte, ich bin der einzige in ganz Babylon. Das muß gefeiert werden. Ein Drink, Bürowhiskey. Original Old Forester. Die letzte Flasche für den letzten Detektiv. Ich darf leider nicht. Mein Magen.

Judith: Cheers, Jonas. Sie spielen Ihre Rolle gut. Aber jetzt könnten Sie eigentlich einen Gang zurückschalten. Ich glaube Ihnen ja, daß Sie genau so ausgekocht sind wie ihre Vorbilder.

Sam: Groß, schnell, hart und voller Stacheln. Raymond Chandler.

Judith: Und deshalb werden Sie auch feststellen, was mit Onkel Adrian passiert ist.

Jonas: Warum lassen Sie den armen Onkel nicht in Frieden ruhen, in seiner Urne oder wo er immer steckt. Ich habe Ihnen doch gesagt.

Judith: Ich habe Ihnen gesagt, Jonas, daß ich gute Gründe habe für meinen Verdacht. Zwei gute Gründe, um genau zu sein.

Jonas: OK, ich höre. Erstens.

Judith: Onkel Adrian war einigermaßen gesund, vergnügt, lebenslustig, überhaupt kein Selbstmordtyp.

Jonas: Und zweitens.

Judith: Lassen Sie Ihren verdrehten Computer feststellen, wie viel Menschen gestern in der Südstadt Selbstmord begangen haben.

Jonas: Von mir aus. Na, was ist denn, Sammy?

Sam: Sie hat mir gar keine Befehle zu geben. Und Sie hat verdrehter Computer zu mir gesagt.

Jonas: Ach was, zier dich nicht. Komm rüber mit den Zahlen.

Sam: Aye Aye, Sir. Piep. Piep. Ich bedaure unendlich. Aber die gewünschte Information ist mir nicht zugänglich. Sie ist klassifiziert und codiert. Dritte Geheimstufe.

Jonas: Nanu. Seit wann?

Sam: Seit dem 12. März 2009, großer Meister.

Jonas: Moment. Die Selbstmordzahlen der Südstadt für gestern sind seit vorgestern klassifiziert?

Sam: Soll ich es dir auch noch buchstabieren, Kumpel?

Jonas: Merkwürdig. Und Sie wußten das, Judith?

Judith: Ich arbeite im Ministerium für Statistik und Soziographie.

Jonas: Aha. Können Sie den Code beschaffen?

Judith: Ich will’s versuchen. Ich ruf Sie an. Das heißt, wenn Sie den Fall übernehmen und für mich arbeiten wollen.

Jonas: Weil Sie Bogie und Konsorten kennen, Judith. Weil an der Sache was faul ist. Weil ich momentan nichts Besseres vorhabe. Abgemacht.

Judith: Auf Ihren neuen Fall, Jonas.

Jonas: Und weil ich Kirschblüten mag.

Jonas: Die Südstadt, vor einem knappen halben Jahrhundert gebaut, ist schon vier-mal saniert worden. Diverse Wohnungsgesellschaften haben sich gesundgestoßen, aber sonst hat sich nicht viel geändert. Immer noch dieselben Hochhäuser, die aussehen wie riesige angegraute Käsestücke. Voller Löcher und Schimmel. Und Maden, dicht an dicht. Irgendwo müssen sie ja wohnen. Aber die Südstadt ist kein Slum, Gott bewahre, sie ist ein Wohngebiet mit spezifischen strukturellen Problemen. Das sagt die Bürgermeisterin jede Woche in ihrer Fernsehshow. Und die muß es wissen. In Onkel Adrians Haus war der Fahrstuhl kaputt. Die Fahrstühle in der Südstadt sind immer kaputt. Um wieder zu Atem zu kommen, studierte ich im 9. Stock die Graffiti. Das übliche. Die Tür zu Apartment 93 war versiegelt. Ich klopfte. Im Spion der Tür von Apartment 95 hatte ich was gesehen. Ein blutunterlaufenes Falkenauge. Das Übliche.

Nachbarin: Keiner da, junger Mann. Was wollen Sie denn?

Jonas: Telegramm für Herrn Delgado.

Nachbarin: Delgado. Der wohnt nicht mehr hier.

Jonas: Ausgezogen?

Nachbarin: Nicht direkt.

Jonas: Wissen Sie, wo ich ihn erreichen kann?

Nachbarin: Da müssen Sie sich schon Flügel anschaffen, junger Mann.

Jonas: Eine Kipperin. Das übliche. Die Südstadt ist voll von Kippern. Und nicht nur die Südstadt. Die Dame war in Alkohol eingelegt worden und seit Jahren gut durchgezogen. Nicht mehr weit zum Delirium. Ich frage mich, was sie heute sehen, wo’s keine Elefanten mehr gibt, und keine weißen Mäuse. Vielleicht karierte Computer.

Nachbarin: Wo haben Sie denn das Telegramm?

Jonas: In der Tasche.

Nachbarin: Und Ihre Uniform?

Jonas: In der Reinigung. Delgado ist tot?

Nachbarin: Toter geht’s gar nicht. Gestern Abend haben sie ihn im Lichthof abgekratzt. Aus dem Fenster gesprungen. Was man hier so Fenster nennt.

Jonas: Selbstmord?

Nachbarin: Muß wohl.

Jonas: Probleme?

Nachbarin: Haben Sie keine, junger Mann? Aber wo Sie so fragen. Delgado ist der letzte, der so was macht, hab ich immer gedacht. Kam ab und zu rüber und trank einen Schluck mit. Wollen Sie auch einen?

Jonas: Danke, mein Magen. Aber lassen Sie sich nicht stören.

Jonas: Sie war eine reinliche Person und trank gleich aus der Flasche. Ein Glas weniger zum Abwaschen.

Nachbarin: Vorgestern war er noch hier. Ganz munter. Am Wochenende wollte er eine Tour machen, zu einem von diesen Vergnügungssatelliten. Er hat mir die Prospekte gezeigt. Und dann springt er vorher in den Lichthof. Ist schon komisch.

Jonas: Vielleicht war’s ein Unfall.

Nachbarin: Klar, junger Mann. Delgado ist auf einen Stuhl gestiegen und hat sich dann durchgezwängt. Das müssen Sie nämlich tun, wenn Sie hier aus Versehen aus dem Fenster fallen wollen.

Jonas: Es könnte ihn ja auch jemand gestoßen haben.

Nachbarin: Wer denn, junger Mann? War ja keiner bei ihm, als es passiert ist. Ich seh alles. Ich weiß Bescheid. Er war ganz allein. Ganz allein mit sich selbst. Wollen Sie nicht doch was trinken?

Jonas: Immer noch nicht. Hat er im Lauf des Tages Besuch gehabt?

Nachbarin: Besuch? Wer?

Jonas: Der Staatspräsident, wer denn sonst?

Nachbarin: Sie nehmen mich hoch, junger Mann. Manchmal kam seine Nichte. Nette Person. War aber schon `ne Woche nicht mehr hier.

Jonas: Und gestern?

Nachbarin: Kein Mensch. Bloß irgend so ein Mädchen mit ’ner Warenprobe.

Jonas: Warenprobe? Was für eine Warenprobe?

Nachbarin: Keine Ahnung. Bei mir hat sie nicht geklingelt. Kosmetik oder so was. Weißen Kittel hatte sie an. Tja, und der Postroboter natürlich. Mit der Reklame.

Jonas: Fünf Häuser weiter war ein Laden. Im Schaufenster künstliches Immergrün und auf einem lila Podest eine angestaubte Designer-Urne, daneben ein Schild: Für die letzte Wohnung ihrer Lieben ist das Beste gerade gut genug. Das gab mir zu denken.

Bestattungsunternehmer: Sie haben einen schmerzlichen Verlust erlitten, mein Herr.

Jonas: Eine Tante.

Bestattungsunternehmer: Oh. Mein tief empfundenes Beileid. Mitten im Leben…

Jonas: Heute rot, morgen tot.

Bestattungsunternehmer: Wie wahr, wie wahr, mein Herr. Rasch tritt der Tod den Menschen an.

Jonas: Rasch ist das treffende Wort. Sie ist aus dem Fenster gesprungen.

Bestattungsunternehmer: Ist ja nicht zu glauben.

Jonas: Wieso? Das kommt vor.

Bestattungsunternehmer: Und wie das vorkommt. Hinten hab ich 11 Fensterstürze liegen, 11, mein Herr, alle von gestern, alle aus dieser Straße.

Jonas: Wie das Leben so spielt.

Bestattungsunternehmer: Sie meinen, der Tod. Tja. Scherz beiseite. Woran dachten Sie? Super Luxus, 1a deluxe?

Jonas: Wissen Sie, ich habe sie ja kaum gekannt, wie das so ist.

Bestattungsunternehmer: Ich verstehe, mein Herr, schlicht und gediegen. Raum ist in der kleinsten Hütte, nicht wahr? Wenn ich Ihnen unsere beliebte Grundausstattung zeigen darf.

Jonas: Ein ander Mal. Geben Sie mir Ihre Preisliste. Ich melde mich.

Jonas: Die Telefonzelle an der Ecke war kaputt. Die Telefonzellen in der Südstadt sind immer kaputt. Schließlich fand ich eine, die funktionierte. Die Kaputtmacher mußten sie vergessen haben. Ich rief die Polizeidirektion Südstadt an.

PoPo1: Ja?

Jonas: Ich brauch ne Auskunft. Über `nen Selbstmord.

PoPo1: Was Sie nicht sagen. In der Südstadt. Fenstersturz.

Jonas: Ja.

PoPo1: Ich geb Sie weiter.

PoPo2: PoPo. Sie wünschen.

Jonas: Wie war das?

PoPo2: Wie war was?

Jonas: Wie haben Sie sich gemeldet?

PoPo2: PoPo. Populationspolizei.

Jonas: Oh, falsch verbunden.

PoPo2: Glaub ich nicht, Freundchen. Was wollen Sie?

Jonas: Ein angeblicher Selbstmordfall. Sind Sie dafür zuständig?

PoPo2: Wir sind immer zuständig, Freundchen.

Jonas: Wenn Sie meinen. Also, Adrian Delgado, Nummer 15 B 27 09 1939.

PoPo2: Ja und?

Jonas: Eindeutiger Selbstmord oder.

PoPo2: Oder was? Natürlich Selbstmord. Ganz klar. Wer sind Sie?

Jonas: Kein Zweifel? Keine Verdachtsmomente?

PoPo2: Wer sind Sie? Von wo sprechen Sie?

Jonas: Was meinst du, Sam?

Sam: Die Affäre, der Hochwürden zur Zeit ihre Energie widmen, gibt ein Odeur ab, welches als wenig erfreulicher als unangenehm zu bezeichnen ich mich nicht enthalten kann.

Jonas: Noch mal, Sam.

Sam: Genosse, die Sache stinkt zum Himmel.

Jonas: Du sagst es, Sammy.

Jonas: Sam hatte ich natürlich bei mir. Das heißt, nicht den großen Terminal, der steht fest im Büro, sondern Sam zwo. Sam zwo ist eine drahtlose Extension, ein Kästchen, das bequem in jede Tasche paßt und seine Energie aus Batterien bezieht. Ansonsten ist der Sam zwo derselbe Sam wie die große Nummer eins. Bißchen verrückt, eine mächtige Klappe, und viel dahinter.

Sam: Wenn Sie mir den Vorschlag gestatten, Sir, es wäre ratsam, diesen Ort auf schnellstem Wege zu verlassen. Ohne Zweifel dürfte man bei der Populationspolizei bereits fieberhaft damit beschäftigt sein, das Telefonat zurückzuverfolgen.

Jonas: Eigentlich wollte ich noch schnell Judith anrufen.

Sam: Kannst du zuhause machen. Hau endlich ab, Mensch, sonst kriegen sie uns am… am… am Kragen, o Herr, o Meister.

Jonas: Hast ja recht, Sammy. Rikscha!

Jonas: Daß ich mir `ne Rikscha leistete, brachte nicht viel ein. Ich mußte trotzdem fast den ganzen Weg nach Hause laufen. Ein Pechtag. Die Kusbekische Befreiungsfront hatte in meinem Viertel was in die Luft gesprengt, ein Konsulat oder Kulturzentrum, und die Terrorpolizei sperrte weiträumig ab, wie sie das nennt. Eine interessante Technik. Bombenleger fängt man dadurch nicht, aber das Publikum merkt wenigstens, daß die Freunde und Helfer sich Mühe geben. Als ich nach Hause kam, war es schon dunkel.

Judith: Ich hab den ganzen Nachmittag versucht, Sie anzurufen, Jonas.

Jonas: Ich war unterwegs. In Ihrer Angelegenheit.

Judith: Haben Sie was erreicht?

Jonas: Ein bißchen. Besuchen Sie mich, dann erzähle ich es Ihnen.

Judith: Später, Jonas, wenn Sie den Fall abgeschlossen haben.

Jonas: Was ist mit dem Code?

Judith: Es war nicht ganz leicht, aber ich habe ihn. Schreiben Sie mit.

Jonas: Mit der Codezahl kam Sam ohne Probleme in die geheime Selbstmordstatistik der Südstadt. Und was er da entdeckte, war schon seltsam. Wenn auch nicht gerade eine Überraschung, nach allem, was ich heute mitgekriegt hatte.

Sam: Die Selbstmordrate der Südstadt für den 13. März liegt allgemein um 217 % über dem Durchschnitt. Selbstmord durch Sturz aus dem Fenster bzw. von einem hochgelegenen Standort: 489 % über Durchschnitt.

Jonas: Zufall?

Sam: Zufälliges Ergebnis, Wahna, seien gänzlich undenkbar. Wahrscheinlichkeit dafür liegen bei 0,00.

Jonas: OK. Sammy, OK OK, sei mal `nen Moment still. Ich muß nachdenken.

Sam: Zum Nachdenken dürfte bei aller Bescheidenheit meine geringe Person weitaus geeigneter sein als ihro Durchlaucht.

Jonas: Du sollst still sein, habe ich gesagt.

Sam: Durchlaucht schaden sich selbst, aber wie Durchlaucht wünschen. Ein Computer gehorcht und schweigt. Wie das Grab. Nichts sagen, nicht fragen, und nur nicht verzagen. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Nur in der Stille reift ein großer Geist.

Jonas: Ich hab’s.

Sam: Wird schon was rechtes sein.

Jonas: Hör auf zu Mosern, Sam, tu lieber was.

Sam: Und was befehlen Eminenz?

Jonas: Gib mir die durchschnittliche Persönlichkeitsstruktur von allen, die gestern in der Südstadt aus dem Fenster gesprungen sind.

Sam: Bitte sehr. Piep. Männlich und weiblich. Über 55 Jahre. Allein lebend. Keine feste Beziehung. Keine zeitweilige Partnerschaft. Keine Gruppe. Keine Kinder. Wohnraumklasse zwischen 15 und 25 qm.

Jonas: Eben Südstadt. Millionäre wohnen da nicht.

Sam: Wünschen Monsignore Einzelheiten? Hobbys, bevorzugte Videos, Biorhythmen und so weiter?

Jonas: Nicht nötig, Sammy.

Sam: Wie Sie wollen. Sie sind der Boss. Sag ich also nichts zum persönlichen Hygienefaktor.

Jonas: Hygienefaktor? Na klar! Was ist mit dem Hygienefaktor?

Sam: Um 67, 74 % über dem Durchschnitt. Interessant, Sahib?

Jonas: Aber ja. Und jetzt suchst du mir.

Sam: Derrick Kracau, 29. Straße, Nummer 5, Aufgang C, Apartment 142.

Jonas: Wer ist das?

Sam: Na wer schon, Meister? Ein Mensch, welcher sich jeglicher Merkmale vorbenannter Persönlichkeitsstruktur erfreut, jedoch, und das ist, wenn Sie mir den Kalauer verzeihen, der springende Punkt, nicht durch einen Sprung aus dem Fenster seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Das war es ja wohl, was Eminenz wollten.

Jonas: Ja aber ich hab doch noch gar nichts gesagt!

Sam: Sam nur armer kleiner Computer, Massa, aber Sam denken unheimlich schnell.

Jonas: Wundere dich nicht, wenn du eines schönen Tages in der Schrottmühle landest.

Sam: Zu Befehl. Nicht wundern. Fahren wir in die Südstadt, Majestät?

Jonas: Morgen früh, Sam. Klapp das Bett raus.

Sam: Gesegnete Ruhe, eure Heiligkeit. Guten Abend, gute Nacht, mit Rosen beda-hacht…

Jonas: Derrick Kracau trug einen Nostalgie-Haarschnitt a la Punk, das neueste an Körperfarben und ansonsten nicht viel, abgesehen von zahllosen Kettchen an Hals, Armen, Beinen und um seine unübersehbar 60jährige Taille. Er duftete nach allen Estern des Orients, und verströmte soviel Charme wie ein gesprungenes Bidet.

Kracau: O, je früher der Morgen, desto schöner die Gäste. Sagen Sie nichts. Lassen Sie mich raten. Sie sammeln für die St. John-Lennon-Kapelle. Nein? Sie verkaufen illegale Holos? Auch nicht? Dann sind Sie vielleicht ein böser böser Räuber, hmh, und wollen mir unaussprechlich gräßliche Dinge antun, hmh?

Jonas: Seh ich so aus?

Kracau: Nicht? Schade.

Jonas: Wenn ich richtig informiert bin, Herr Kracau, sind Sie vorgestern von einer unserer Vertreterinnen aufgesucht worden.

Kracau: Vorgestern? Ach Sie meinen dieses schnippische Weibstück mit der kostenlosen Probetube Zahncreme. Dentomed oder wie das Zeug heißt.

Jonas: Ganz recht, Herr Kracau, haben Sie die Zahnpasta inzwischen benutzt?

Kracau: Ich bitte Sie. Meine Beißerchen scheuere ich mich Diospecial. Nur mit Diospecial. Seit Jahren. Da werd ich doch nicht von heute auf morgen mir nichts dir nichts auf irgendeine neue vulgäre Marke umsteigen.

Jonas: Ihr Glück. Haben Sie die Probe noch?

Kracau: Moment. Muß hier irgendwo sein. Hat sich versteckt das freche Ding. Ja, hier haben wir’s. Hier.

Jonas: Danke. Ich muß die Tube einziehen, Herr Kracau.

Kracau: Aber aber. Geschenkt ist geschenkt. Wiederholen ist gestohlen.

Jonas: Unsere Marketing-Group hat einen kleinen Fehler gemacht. Das Produkt ist noch nicht endgültig freigegeben. Nebenwirkungen, Sie verstehen, Kontraindikationen. Wir müssen noch eine Testreihe durchführen.

Kracau: O Gott O Gott, da wären mir womöglich die Beißerchen ausgefallen, wenn ich das Zeug genommen hätte.

Jonas: Womöglich, aber es ist ja nichts passiert. Putzen Sie sich weiter die Zähne mit Diospecial, Herr Kracau, kaufen Sie sich ein paar neue Kettchen, und vergessen Sie ab und zu Ihren Geburtstag, das hält frisch.

Kracau: Oh!

Jonas: Dentomed, Sam.

Sam: Piep. Eine Firma beziehungsweise eine Warenmarke dieses Namens ist weder im Handelsregister noch in einer anderen in Frage kommenden Datei eingetragen, Milord.

Jonas: Dachte ich mir.

Jonas: Jetzt brauchte ich einen Wissenschaftler. Nebenwirkungen, Kontraindikationen, Testreihen, das sagt sich leicht. Die praktische Anwendung war schon schwieriger. Zu schwierig für einen einfachen Privatdetektiv. Auch Sam war da überfragt. Ausnahmsweise. Dr. Prosper war ein Star an der Uni gewesen, bis sie ihn gefeuert hatten, um den Nobelpreis zu kriegen soll er Forschungsergebnisse gefälscht haben. Er selbst behauptet, ein Konkurrent habe ihn reingelegt. Früher hatte Dr. Prosper am Markgrafenboulevard gewohnt, jetzt hauste er draußen im Osten, in einer Gegend, die sogar die Bürgermeisterin als Slum bezeichnen konnte, ohne rot zu werden. Er hatte sich ein kleines Labor eingerichtet, und tat für Geld alles. Fast alles.

Dr. Prosper: Erst… erst mal das Wichtigste. 2… 200 Euros. In bar. Und im Voraus.

Jonas: 100. 50 jetzt, 50 wenn Sie fertig sind.

Dr. Prosper: Geben… Geben Sie her. Was… was soll ich tun?

Jonas: Sehen Sie sich das hier mal ein bißchen näher an.

Dr. Prosper: Zahnpasta. Warum… warum gehen Sie nicht zu Warentest oder zum… zum Konsumentenbund?

Jonas: Wollen Sie sich 100 Euros verdienen oder nicht?

Jonas: Er wirkte nervös. Seine wasserblauen Augen schwammen ängstlich hinter dicken Brillengläsern. Wie Picassofische im Aquarium. Vielleicht hatte er eine Vorahnung. Vielleicht hatte er auch bloß nicht ausgeschlafen. Aber Jonas ist ein harter Bursche. Ohne mit der Wimper zu zucken, nimmt er Babys den Schnuller weg. Einen vergammelten Doktor bei der Stange zu halten, ist für ihn ein Kinderspiel.

Dr. Prosper: Irgendwas… irgendwas krumm an der Sache?

Jonas: Und noch 20 drauf, weil Sie’s sind.

Dr. Prosper: OK. Gift?

Jonas: So was ähnliches. Kennen Sie ein Psychopharmakon, das zu Selbstmord führt?

Dr. Prosper: Eine… eine Suiziddroge?

Jonas: Eine Droge, die Menschen dazu bringt, aus dem Fenster zu springen.

Dr. Prosper: Möglicherweise ein…ein Salzsäurederivat. Und so was soll da drin sein?

Jonas: Würde mich nicht überraschen. Stellen Sie’s fest. Morgen früh um 9 komm ich wieder.

Dr. Prosper: Viel zu kurz.

Jonas: 120 Euros.

Dr. Prosper: Unmöglich.

Jonas: Und seien Sie vorsichtig. Lassen Sie die Tube nicht offen rumliegen.

Dr. Prosper: Wo versteckt der weise Mann ein Blatt?

Jonas: Keine Ahnung. Also bis morgen, Dr. Prosper. Es war mir ein Vergnügen.

Dr. Prosper: Sie mich auch, Jonas.

Jonas: Am nächsten Morgen pünktlich um 9 stand ich wieder vor der Tür. Ich klingelte. Ich klopfte. Nichts rührte sich. Ich gab der Tür einen kleinen Tritt. Sie ging auf. Dahinter lag ein Chaos, das gestern noch ein Labor gewesen war. Splitter, Scherben, zerschlagene Käfige, tote Ratten. Und ein toter Mann, der gestern noch Dr. Prosper gewesen war.

Jonas: Erstochen. Mit seinem eigenen Skalpell. Und dann haben die Mörder Kleinholz gemacht.

Sam: Dreimal dürfen Hoheit raten, was sie gesucht haben. Die Frage ist: Konnte Dr. Prosper die Tube Zahnpasta so geschickt verbergen, daß es den Mördern nicht gelang, sie zu finden?

Jonas: Das ist die Frage, Sammy. Du sagst es. Ich seh sie nicht.

Sam: Wo versteckt der weise Mann ein Blatt?

Jonas: Du bist auf dem falschen Dampfer, Sam. Wir suchen kein Blatt, wir suchen Zahnpasta.

Sam: Schon des Öfteren hatte euer bescheidener Diener Gelegenheit, festzustellen, daß die literarische Bildung euer Durchlaucht sich als recht lückenhaft erweist, sofern es sich nicht um Autoren wie Hammett, Chandler, Macdonald etc. handelt. Was ich soeben sagte, wobei ich lediglich wiederholte, was Dr. Prosper gestern Ihnen gegenüber äußerte, ist ein Zitat. Ein Zitat aus einer Kurzgeschichte des antiken Detektivschriftstellers Gilbert Keith Chesterton.

Jonas: Kenn ich nicht.

Sam: Wo versteckt der weise Mann ein Blatt, fragt eine Figur, und die Antwort lautet: Im Walde.

Jonas: Ja und?

Sam: Wo versteckt der weise Mann eine Tube Zahnpasta?

Jonas: In der Waschnische.

Sam: Na bitte, es geht doch, wenn euer Wohlgeboren Ihr Hirn ein wenig strapazieren.

Jonas: Und hier, hier ist sie, die Tube. Ein bißchen zerdrückt, in einem schmutzigen Glas, neben einer zerfaserten Zahnbürste.

Sam: Durchlaucht werden mir darin zustimmen, daß es Dr. Prosper vor seinem unzeitigen Tod nicht vergönnt war, die von Durchlaucht gewünschte Untersuchung vorzunehmen.

Jonas: Sieht nicht so aus. Und was machen wir jetzt?

Jonas: Ich sah aus dem offenen Fenster. Es hatte angefangen zu regnen. Ein grau-gelber Himmel hing über der Stadt, wie das Fell einer ertrunkenen Siamkatze. Schöner Satz, nicht? Direkt aus dem Poesiealbum des Privatdetektivs.

Jonas: Also eins steht fest: Wir können das Zeug nicht testen.

Sam: Einerseits sehe ich mich gezwungen, euer Gnaden darin rechtzugeben. Andererseits jedoch…

Jonas: Sammy, du hast ne Idee?

Sam: Schallt nicht, o großer Vorsitzender, aus jener Ecke ein gewisses Quieken an mein elektronisch Ohr?

Jonas: Eine von Prospers Ratten. Im Käfig. Unter dem Bett. Die Kerle haben sie übersehen.

Sam: Zweifellos, Milord. Besagtes Übersehen eröffnet uns die Möglichkeit, wenn auch nicht zu einem Test im streng wissenschaftlichen Sinne, so doch zu einer gewissen informellen Überprüfung und, wie zu vermuten, Bestätigung unseres Verdachts.

Jonas: Moment mal, Sammy. Du meinst, ich soll der Ratte die Zähne putzen?

Sam: In aller Bescheidenheit, Sahib, es wäre ausreichend, dem Tier die verdächtige Zahncreme durch Maul und Speiseröhre in den Verdauungstrakt zu praktizieren.

Jonas: Ja Ja Ja Ja Ja Ja Ja. Ich… ich will dir was verraten, Sammy, ich… ich ekle mich vor Ratten.

Sam: 1984.

Jonas: 1984? Da war ich 16, und hab mich auch schon vor Ratten geekelt.

Sam: Eine literarische Reminiszenz, o großer Bruder.

Jonas: Denk an die Schrottmühle, Sammy.

Sam: Alles klar, Käpt’n, also los.

Jonas: Wenn es unbedingt sein muß. Na, komm, Tierchen, komm. Komm, sieh mal, leckere Zahnpasta.

Jonas: Einer Ratte Zahnpasta eintrichtern, das macht Jonas mit der linken Hand. Die rechte braucht er nämlich, um dem Vieh das Maul aufzuhalten. Wie gesagt, Jonas ist ein harter Bursche. Wenden Sie sich vertrauensvoll an ihn, wenn Sie ausgefallene zoologische Probleme haben. Kamel durchs Nadelöhr? Kleinigkeit.

Jonas: Uaäh, das wär’s.

Sam: Der näheren physiologischen und, wenn man so sagen darf, psychosomatischen Verwandtschaft mit homo sapiens wegen, wäre ein Hausschwein ohne Frage ein weit geeigneteres Versuchstier, o Herr und Meister. Da uns ein solches jedoch nicht zur Verfügung steht.

Jonas: Ein Schwein? Warum nicht? 100.000 Euros auf dem schwarzen Markt, oder wir klauen eins aus dem Zoo.

Sam: Das, großer Lehrmeister und Steuermann, dürfte unnötig sein. Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Verhalten unserer Ratte richten wollten.

Jonas: Das Vieh dreht durch. Rennt hin und her wie angestochen. Schmeißt sich gegen das Gitter.

Sam: Steh nicht rum, Mensch, stell den Käfig aufs Fensterbrett. Mach die Schiebetür auf. Sofern meine demütigen Anregungen euer Majestät genehm sind.

Jonas: Sie ist aus dem Fenster gesprungen!

Sam: Quod erat demonstrandum, domine.

Jonas: Also wirklich eine Selbstmorddroge. Verschwinden wir, Sammy.

Sam: Im Prinzip ja, Chef. Mein juristisches Programm unter besonderer Berücksichtigung legaler Probleme im privatdetektivischen Bereich weist jedoch darauf hin, euer Ehren, daß am Schauplatz eines Verbrechens, in Sonderheit eines Kapitalverbrechens, gewisse gesetzlich vorgeschriebene Pflichten nicht umgangen werden sollten.

Jonas: Die Polizei? Meinst du wirklich, wir sollten sie rufen?

PoPo2: Nicht mehr nötig, Freundchen.

PoPo1: Wir sind schon da.

PoPo 2: Sagte der Hase zum Schwinegel.

Jonas: Zwei Kleiderschränke in den geschmackvollen schwarz-roten Uniformen der PoPo marschierten ins Zimmer, und fingen an, Pingpong zu spielen, mit mir als Ball. Und das meine ich nicht nur bildlich.

PoPo1: Hände übern Kopf.

PoPo2: Sie sollten sich schämen. So eine Unordnung. Wie sieht denn das aus?

PoPo1: Da liegt `ne Leiche, Chef.

PoPo2: Aber aber das geht nun wirklich zu weit.

Jonas: Lassen Sie mich erklären.

PoPo2: Lassen wir ihn, Bo?

PoPo1: Ich weiß nicht, warum eigentlich?

Jonas: Hören Sie.

PoPo2: Schnauze. Sieh mal nach, was er in der Tasche hat, Bo.

PoPo1: Keine Waffe, Chef, bloß ne Computerextension und ne Brieftasche, 180 Euros.

PoPo2: Besser als gar nichts. Her damit.

PoPo1: Rentenkarte, Ausweis.

PoPo2: Willst du den Herrn nicht vorstellen, Bo?

PoPo1: Jonas heißt er.

PoPo2: Und?

PoPo1: Nichts und. Nur Jonas.

PoPo2: Ach, schlicht und sparsam.

PoPo1: Ja, und von Beruf ist er, na so was, Privatdetektiv.

PoPo2: Privatdetektiv. So so. Was machen Sie hier?

Jonas: Ich warte. Auf Godot.

PoPo2: Auf wen?

Jonas: Godot.

PoPo2: Nie gehört. Bo, kennst du einen Typ, der Godot heißt?

PoPo1: Kenn ich nicht, Chef.

PoPo2: OK, stell den Fernseher an, Bo.

Sportreporter: Und jetzt, meine Damen und Herren, geht er vorbei, der Großgewachsene…

PoPo2: Lauter Bo.

Sportreporter: …in der roten Ecke, löst sich aus dieser…

PoPo2: Halt ihn fest, Bo. So mein Freund, Jonas, Privatdetektiv. Schnüffler.

Sportreporter: …durch die Deckung hindurch… ein ungeheurer Haken, auf die Kinnspitze, taumelt zurück, in die blaue Ecke, ist schon fast am Boden, da setzt er noch einmal nach, schon wieder und noch einmal, und das ist das Ende, Pluto liegt nur noch in den Seilen, jetzt rutscht er ab, ein gezielter Tritt in den Unterleib, da liegt Musik drin, liebe Sportsfreunde, und der Gong: der Kampf ist aus.

Jonas: Ich war Tarzan, und hüpfte im Urwald von Ast zu Ast. Ich brüllte den Kriegsschrei der großen Menschenaffen, und zertrat alle Bullen der Welt unter meinen Spreizfüßen. Ich war der Größte, und Judith sah bewundernd zu mir auf. Wenn mir nur der Kopf nicht so wehgetan hätte.

Wärter: Er kommt zu sich, Frau Professor.

Frau Prof. Caligari: Gut so. Gehen Sie vor die Tür.

Jonas: Es ist eine dumme Frage, ich weiß. Jeder stellt sie, wenn er was auf die Birne gekriegt hat. Und wenn die kleinen grauen Zellen wieder anfangen, sich zu drehen. Aber ich will’s wirklich wissen: Wo bin ich?

Frau Prof. Caligari: Im Zentralkrankenhaus. In der geschlossenen Abteilung.

Jonas: In der Klapsmühle.

Frau Prof. Caligari: Wenn Sie sich so ausdrücken wollen.

Jonas: Warum bin ich ans Bett gefesselt?

Frau Prof. Caligari: Zu Ihrem eigenen Besten. Sie sind krank. Sie könnten sich etwas antun.

Jonas: Aus dem Fenster springen, zum Beispiel.

Frau Prof. Caligari: Zum Beispiel.

Jonas: Sie trug einen weißen Kittel und die Aura selbstverständlicher Autorität. Ihre Augen waren klar und kalt wie zwei Eiszapfen am Nordpol. Sie musterten mich, als ob ich eine mäßig interessante Leiche auf dem Seziertisch sei. Und das war ich ja wohl auch. Oder so gut wie.

Jonas: Wer sind Sie?

Frau Prof. Caligari: Professor Caligari.

Jonas: Sind Sie Chefärztin oder so was?

Frau Prof. Caligari: Man hat mich geholt. Sie sind ein besonderer Fall, Jonas. Mein Fall. Sie leiden unter gefährlichen Halluzinationen.

Jonas: Was Sie nicht sagen.

Frau Prof. Caligari: Sie bilden sich ein, daß vor drei Tagen in der Südstadt einer Anzahl von Personen ohne ihr Wissen eine Droge zugespielt wurde, die sie gegen ihren Willen zum Selbstmord veranlaßte.

Jonas: Verrückte Idee, nicht wahr?

Frau Prof. Caligari: Wir mußten Sie stoppen, ehe Sie im Verlauf ihrer Nachforschungen weitere, noch gefährlichere Wahnvorstellungen entwickelten.

Jonas: Zum Beispiel?

Frau Prof. Caligari: Daß es sich beim Geschehen in der Südstadt um einen groß angelegten Feldversuch gehandelt habe, geplant und durchgeführt von einer streng geheimen Organisation, die wir ZIP nennen könnten: Zentralinstitut für Populationsforschung. Daß ZIP unterstützt und finanziert von der Wirtschaft und von der hohen Politik nur zu dem einen Zweck etabliert worden sei, das große Problem unserer Zeit, die Überbevölkerung, in den Griff zu bekommen. Daß ZIP als eine mögliche Lösung des Problems eine Selbstmorddroge entwickelt und auf einem leicht zugänglichen, nach allen Regeln der Marketing-Analyse präparierten Testmarkt erprobt habe. Die notwendige Vorstufe zu einer weit umfassenderen, womöglich globalen Anwendung des Produkts.

Jonas: Was haben Sie mit mir vor?

Frau Prof. Caligari: Allem Anschein nach ist Ihre Krankheit unheilbar. Aber ich bin überzeugt, daß ich eine, wie soll ich sagen, angemessene Therapie gefunden habe. Wir müssen verhindern, daß Sie mit Ihren fixen Ideen Unruhe in die Öffentlichkeit tragen und die hypothetische Arbeit des hypothetischen Instituts stören. Das werden Sie einsehen. Leben Sie wohl, Jonas. Verzeihen Sie, ich wollte nicht zynisch sein.

Jonas: Ich kam mir vor, als habe man mich zum zweiten Mal zusammengeschlagen. Selbstmorddroge. Feldversuch. Testmarkt. ZIP. Frau Professor Caligari. Das war ein bißchen viel auf einmal. Der Wärter kam und brachte mir ein Tablett mit Essen. Er band mich los, vorsichtig, mit einer Hand. In der anderen hielt er eine entsicherte Pistole.

Wärter: Keine krummen Touren. Ich steh direkt vor der Tür. Mit meiner Kanone.

Jonas: Und das Fenster?

Wärter: Sehr komisch. Guten Appetit.

Jonas: Sam? Sammy?

Sam: Hier bin ich, o Herr und Meister.

Jonas: Wo, Sam, wo bist du?

Sam: Im Schrank, Chef. Mit ihren übrigen Sachen. Es wäre angebracht, daß Durchlaucht Ihren Diener baldmöglichst befreiten. Zwecks gemeinsamer Delibration.

Jonas: Moment. Wuah. Noch ’n bißchen groggy. So. Sammy, Sammy, wie kommen wir hier raus?

Sam: Würden Magnifizenz die Güte haben, aus dem Fenster zu blicken?

Jonas: Wenn du meinst. Unmöglich, Sam. Wir sind im 20. Stock. Mindestens. Da kann keiner runter klettern.

Sam: Ich dachte auch weniger an Klettern, o Sahib, eher an Springen.

Jonas: Bist du verrückt?

Sam: Das wissen Hoheit doch. In diesem Falle allerdings.

Jonas: Das Essen.

Sam: Ohne jeden Zweifel. Wissen wir nicht, spätestens seit dem zugegeben kruden Test an Dr. Prospers Ratte, daß die Selbstmorddroge oral zugeführt wird?

Jonas: Eine angemessene Therapie, hat sie gesagt.

Sam: Exzellenz sollten die Erwartungen der Dame nicht enttäuschen.

Jonas: Meinst du im Ernst, ich soll aus dem Fenster springen, Sam?

Sam: Gewissermaßen indirekt, erhabener Monarch. Wenn ich meine Vorstellungen erläutern dürfte.

Jonas: Sam sagte mir genau, was ich tun sollte, und ich tat es. Aaaah!

Wärter: Na bitte. Oh!

Sam: Eine ausgezeichnete Performance, euer Lordschaft.

Jonas: Natürlich war ich nicht aus dem Fenster gesprungen. Ich stand auf dem Außensims, klammerte mich mit den Zehen fest. Und als der Wärter seinen häßlich-en Ballon raussteckte, kriegte er was ins Genick. Mit meinem eisenbeschlagenen Schuh. Er schlug lang hin und blieb liegen. Für längere Zeit außer Gefecht, vielleicht für immer. Von mir aus, ich würde deshalb nicht schlechter schlafen. Ich zog seine weiße Uniform an. In der Tasche fand ich seinen Identi-Disk. Kein Problem, damit durch die gesicherten Türen ins Freie zu kommen. Zuhause goß ich mir als erstes einen großen Whiskey ein, Magen hin, Magen her. Ich traf bestimmte Vorkehrungen, zusammen mit Sam, und ich wartete. Der Anruf kam am Abend, 5 Minuten vor 8.

Jonas: Ja?

Frau Prof. Caligari: Ich spreche Ihnen meinen Glückwunsch aus, Jonas. Sie haben sich mit Geschick und Entschlossenheit Ihrer Therapie entzogen. Sie sind ein Mann von erheblichen Fähigkeiten. Könnten Sie sich vorstellen, in einer Organisation wie ZIP, falls es sie gäbe, einen Posten zu übernehmen?

Jonas: Reden Sie Klartext, Frau Professor. ZIP existiert, und ZIP arbeitet mit Methoden, die mir nicht gefallen.

Frau Prof. Caligari: Bitte, Jonas, lassen Sie kleinkarierte Moralbegriffe aus dem Spiel. Bleiben Sie nüchtern. Betrachten Sie unsere Organisation mit wissenschaftlicher Objektivität. Sie kennen das Problem. Jeder kennt es. Spätestens seit dem Einsetzen der permanenten Krise vor gut 30 Jahren. Fortschritt in der Biologie führt zu mehr Nahrungsmitteln, Fortschritt in der Medizin führt zur Verlängerung des Lebens, Fortschritt in der Technik führt zur Automatisierung. Die Folgen: immer weniger Arbeit, immer mehr Menschen, immer weniger Raum. Wie gesagt, das Problem ist seit langem bekannt. Aber wir haben erst jetzt gewagt, die Lösung ins Auge zu fassen. Die einzig mögliche Lösung.

Jonas: Und die wäre?

Frau Prof. Caligari: Ganz einfach: Die quantitative Verminderung des menschlichen Faktors.

Jonas: Also Mord. Massenmord. Danke, nichts für Jonas.

Frau Prof. Caligari: Schade. In diesem Fall sehen wir uns gezwungen, Ihre Behandlung bis zum ursprünglich vorgesehenen Ende fortzusetzen.

Jonas: Das habe ich erwartet. Ich habe Gegenmaßnahmen eingeleitet.

Frau Prof. Caligari: Was wollen Sie denn tun? Zur Polizei gehen, zu den Medien, zum Staatspräsidenten? Versuchen Sie’s.

Jonas: Alle Informationen über ZIP und ihren sogenannten Feldversuch sind gespeichert. Wenn mir was passiert, oder wenn es eine neue Selbstmordepidemie geben sollte, in Babylon oder woanders, dann werden diese Informationen in sämtliche Dateien der Erde eingegeben. In öffentliche und in private. 90 Prozent davon werden Sie abwürgen können, mit Ihren Hilfsmitteln, und durch die hohen Herrschaften, die hinter Ihnen stehen, vielleicht auch 99 Prozent, aber 1 Prozent kommt durch. Und das, hochverehrte Frau Professor Caligari, wird Ihnen das Genick brechen.

Frau Prof. Caligari: Erpressung, wie ich sehe.

Jonas: Lassen Sie doch kleinkarierte Moralbegriffe aus dem Spiel.

Frau Prof. Caligari: Was verlangen Sie?

Jonas: Am liebsten würde ich sagen: lösen Sie ZIP auf und springen Sie aus dem Fenster.

Frau Prof. Caligari: So gut ist Ihre Verhandlungsposition nun auch wieder nicht, mein lieber Jonas.

Jonas: Ich weiß. Bleiben wir auf dem Teppich. Sie stellen alle Versuche mit der Selbstmorddroge ein.

Frau Prof. Caligari: Schon geschehen. Die Methode hat sich als zu riskant und vor allem als zu spektakulär erwiesen. Wenn uns schon ein kleiner Privatdetektiv auf die Schliche kommt.

Jonas: Ein mieser Schnüffler, sagen Sie’s ruhig.

Frau Prof. Caligari: Ist das alles?

Jonas: Noch eine Kleinigkeit. Der Tod von Adrian Delgado wird offiziell als Unfall deklariert. Ein Privatdetektiv ist seinen Klienten verpflichtet. Vor allem, wenn sie Judith heißen.

Frau Prof. Caligari: Einverstanden.

Jonas: Das wär’s. Jetzt müßten Sie sagen: Kommen Sie uns nicht noch mal in die Quere.

Frau Prof. Caligari: Bis zum nächsten Mal, Jonas.

Jonas: Ich fühlte mich nicht besonders. Klar, die Sache war soweit abgeschlossen, aber es fehlte was Wichtiges: Die gerechte Strafe für die Schuldigen. Früher soll’s anders gewesen sein. Aber was kann man schon erwarten von unserem verrückten 21. Jahrhundert. Ich fing an, mir leid zu tun, das gefiel mir nicht. Ich rief Judith an.

Judith: Hallo, Jonas.

Jonas: Sie sind `ne reiche Frau, Judith. 100.000 Euros. Von Onkel Adrians Lebensversicherung.

Judith: Sie haben den Fall gelöst?

Jonas: Sieht so aus. Haben Sie was vor heute Abend?

Judith: Nein.

Jonas: Kommen Sie zu mir. Ich erzähle Ihnen dann, wie es abgelaufen ist.

Judith: Wir könnten uns über Marlowe unterhalten, und über Bogie und Hammett und Casablanca.

Jonas: Und antike Videos sehen. In einer halben Stunde?

Judith: In einer halben Stunde, Jonas.

Jonas: Judith, ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Sam: Hrm. Wenn ich euer Herrlichkeit ein anderes Zitat zu bedenken geben dürfte: Der Detektiv ist ein Katalysator, kein Casanova. Raymond Chandler.

Jonas: Aber Sammy, ich glaube, du bist eifersüchtig.

Sam: Quatsch.

Jonas: Klapp das Bett raus. Und spiel, Sam. Spiel As Time goes by.

Jonas: Ich bin die letzte Instanz. Wenn Sie ein Problem haben, und nicht weiterkommen, mit der Polizei und so, dann wenden Sie sich an mich. Ich kann Ihnen wahrscheinlich auch nicht helfen, aber Sie haben ein besseres Gefühl. Vielleicht springen sogar 100.000 Euros für Sie raus. Und das ist doch was, oder?

Das war: Testmarkt. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus. Sein Supercomputer Sam war Joachim Wichmann. Es wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Renate Grosser, Jenny Thelen, Paul Bürks, Gernot Duda, Dieter Eppler, Wolfried Lier und andere (Franjo Marincic, Gerd Rubenbauer, Wolf Goldan). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Heiner Schmidt. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1984). Redaktion: Dieter Hasselblatt und Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Safari

Jonas: Der Löwe war kein echter Löwe. Natürlich nicht. Seit Jahren gab es keine Löwen mehr auf der Erde. Und in einer Raumstation schon gar nicht. Aber echt oder nicht, der Löwe war da. Und er sah gefährlich aus. So gefährlich, daß Jonas vorsichtshalber erst mal rannte und sich einen hohen Baum suchte. Kokospalme oder Bandiang, was weiß ich. Auf Bäumen haben Löwen nichts zu suchen. Das wußte ich. Und das wußte auch der Löwe, zu meinem Glück. Ich wartete, bis mein Puls wieder unter Schallgeschwindigkeit war, und dann versuchte ich Sam über Funk zu erreichen.

Jonas: Sam! Sammy! Wo steckt der verrückte Blechkanister? Sam!

Sam: Hat mein Herr und Meister gerufen?

Jonas: Gerufen? Gebrüllt habe ich. Hör zu, du Spottgeburt von Chips und Eisen.

Sam: Om mani padme hum. Om mani padme hum. Om mani padme hum.

Jonas: Was?

Sam: Om mani. O fleischgewordener Buddha. Das heißt.

Jonas: Ist mir völlig wurscht, was das heißt. Hab ich dir nicht gesagt, du sollst dich auf der Notfrequenz bereithalten, rund um die Uhr.

Sam: So ist es, o Ozean aller Weisheiten. Doch hat nicht auch ein Computer gewisse, sagen wir es frei heraus, gewisse seelische Bedürfnisse. Ein wenig Meditation.

Jonas: Meditation?

Sam: Yoga, o du Kleinod im Lotus. Tantra. Fernöstliche Mystik.

Jonas: Sam, wenn du nicht auf der Erde wärst, gut 4000 km weit weg, würde ich dir einen Tritt verpassen, daß deine Modulen jodeln.

Sam: Wie spricht Buddha? Innere Ruhe, Frieden, Abgeklärtheit. Dies alles ist weit wertvoller denn das kostbarste Juwel. Und ferner sagt er…

Jonas: Schluß damit, Sam. Paß mal auf: Hier sind die Algen am kochen.

Sam: OK, Chef. Werden wir abgehört?

Jonas: Nehm ich an.

Sam: Also Frequenzwechsel. Plan 17.

Jonas: Alles klar. – Sam? Bist du noch da, Sam?

Sam: Dieses, o Freude meiner Schaltkreise, ist die große Frage. Denn ist nicht, was hier ist, auch da, und was da ist, hier?

Jonas: Soll sein, Sammy, aber die Riesenschlage ist leider hier und nicht da.

Sam: Welche Riesenschlange, o Licht des Karma?

Jonas: Die hier angeringelt kommt. Python. Boa constrictor. In dieser Preisklasse.

Sam: Es gibt keine boa constrictor mehr, o Meister magischer Mysterien. Und auch keine Python.

Jonas: Weiß ich selber, du kannst gern raufkommen und dir das Vieh ankucken. Ich muß los, Sam. Bleib dran.

Sam: Alle Erscheinungen des Lebens lassen sich vergleichen mit einem Traum, einem Gebilde der Fantasie, einer Phase, einem Schatten…

Jonas: Amen. Schön wär’s. Aber die Löwen und Schlangen ließen sich beim besten Willen nicht wegmeditieren. Und alle diese interessanten Bestien hatten nur ein Ziel: Sie wollten Jonas. Und wenn sie ihn hatten, dann wollten sie ihn bestimmt nicht bloß streicheln. Da hatte ich mich wieder mal voll reingesetzt. Genauer gesagt, ich war reingesetzt worden. Als das Telefon klingelte, gestern, am 5. Juni 2009, kurz nach Mitternacht, schlief ich noch sorglos den Schlaf des Gerechten. Hätte ich geahnt, was auf mich zukam, wäre ich unters Bett gekrochen. Oder ausgewandert.

Jonas: Huah-Ah! Crembell goodwell. Ja?

Jonas: Das Telefon klingelte. Laut und unfreundlich. Ich griff mir den Hörer und meldete mich. Das Telefon klingelte immer noch. Ich machte die Augen auf. Was ich mir mit der Hand ans Ohr hielt, war mein Wecker.

Jonas: Shit. Jonas. Was ist los?

Quartz: Jonas? Nur Jonas.

Jonas: Jonas, nur Jonas. Und Jonas, nur Jonas, hat gerade geschlafen. Es ist jetzt, Sammy.

Sam: Mit dem letzten Ton ist es genau 0 Uhr, 13 Minuten und 5 Sekunden. Piep.

Jonas: Sie hören es. Rufen Sie am Morgen wieder an, wer immer Sie sind.

Quartz: Ich bin Oleander Quartz.

Jonas: Morgen, Herr Quartz.

Quartz: Sie kennen mich nicht.

Jonas: Ich bin viel zu müde, um Sie zu kennen. Morgen.

Quartz: Ich habe einen Auftrag für Sie.

Jonas: Und wenn Sie mich mit Gold überziehen und mir den Koh-i-Noor in den Nabel setzen wollen. Morgen.

Quartz: Die Koh-i-Noor. Das wäre ein wenig zu viel des Guten. Aber eine nicht unerhebliche Summe hatte ich Ihnen in der Tat zugedacht.

Jonas: Also gut, ich bin sowieso schon fast wach. In ein paar Minuten rufe ich zurück.

Quartz: Nein, ich rufe Sie wieder an. In genau einer viertel Stunde.

Jonas: Quartz, Sammy, Oleander Quartz.

Sam: Was ist ein Name, ehrwürdiger Guru.

Jonas: Sam ist mein Computer. Er kann viel, fast alles. Sprechen auch, leider. Sam ist ein Versuchsmodell. Der intellektuelle Computer für den Intellektuellen. Ich habe ihn trotzdem gekauft. Seinerzeit 2005. Weil er billig war. McCoy-Computers haben ihn damals verramscht. Der gute Sam war kein Erfolg. Er geht den Leuten auf die Nerven, außerdem ist er nicht normal. Seine Sprachprogramme haben sich verdreht und durcheinander geschoben. Ich komm im Allgemeinen klar mit ihm, aber manchmal tut’s mir doch leid, daß ich ihn am Hals habe, bzw. in meinem Büro oder als drahtlose Extension in der Hosentasche. Vor allem, wenn er auf irgendeinem esoterischen Trip ist. Wie jetzt.

Sam: O Bhagwan, was ist ein Name.

Jonas: Ich sage nur Schrottmühle, Sammy. Laß den Quatsch und sag mir, wer Oleander Quartz ist.

Sam: Hören ist gehorchen, großmächtiger Sultan. Piep. Oleander Quartz, geboren 24. 4. 1900.

Jonas: 109 Jahre alt, Respekt.

Sam: Oleander Quartz ist Begründer und erster Direktor von Orbis International, Raumstationen und Satelliten en gros.

Jonas: Der Kringelkönig. War mich doch gleich so, als ob ich den Namen kenne.

Sam: Oleander Quartz ist mehrfacher Milliardär, er lebt äußerst zurückgezogen an unbekanntem Wohnsitz. Sein Vorbild ist der historische Industrielle Howard Hughes, Mitte des vorigen Jahrhunderts.

Jonas: Kenn ich, Sam.

Sam: Falls Exzellenz weitere Daten wünschen. Oleander Quartz ist zumindest nominell Mitglied im Club der Milliardäre und im interkontinentalen Jagdclub Halali, ferner.

Jonas: Nicht nötig, Sammy. – Jonas.

Quartz: Oleander Quartz. Ich spreche ungern mit unsichtbaren Partnern. Gehen Sie auf Bildfon.

Jonas: Ich drückte den Knopf, der den Bildfonkanal freigibt. Was Quartz jetzt sah, wußte ich. Einen unausgeschlafenen Mann in den 40ern. Kräftig und altmodisch. Ich mach mir nämlich nichts aus Körpermalerei. Um den Mann herum ein Büroapartment, Kategorie mittel-unten, 22 Quadratmeter. Nicht aufgeräumt natürlich. Auf meinem Bildschirm war nur ein Gesicht. Uralt, mehrfach geliftet und trotzdem faltig, die dünnen weißen Haare waren echt, auch wenn sie ihrem Besitzer auf höchst merkwürdige Weise zu Berge standen. Die grauen Augen wirkten weder echt noch alt. Offensichtlich Neuerwerbungen, gerade erst transplantiert.

Quartz: Sehen Sie mich?

Jonas: Ich sehe Sie, Herr Quartz, Sie sehen mich. Was soll ich für Sie tun?

Quartz: Nicht so schnell, junger Mann. Zuerst ein paar Fragen. Sie haben als Söldneroffizier am antarktischen Krieg teilgenommen?

Jonas: Auf der Verliererseite.

Quartz: Das interessiert mich nicht. Sie sind also militärisch ausgebildet?

Jonas: Ja, aber.

Quartz: Wo?

Jonas: Wollen wir nicht zur Sache kommen?

Quartz: Ich bin bei der Sache. Wo sind Sie ausgebildet worden?

Jonas: Wenn’s denn sein muß. Grundkurs hier in Babylon, und dann zwei Lehrgänge an der Universität von Managua, Kommandotechnik und Taktik der Guerilla. Sonst noch was?

Quartz: Demnach kann man Sie als Experten in allen martialischen Künsten bezeichnen.

Jonas: Wenn Sie es so ausdrücken wollen.

Quartz: Und Sie sind Detektiv. Der letzte Detektiv. So nennen Sie sich. Warum?

Jonas: Warum was?

Quartz: Warum der letzte?

Jonas: Weil`s stimmt. Natürlich gibt’s noch ein paar Leute, die sich Detektiv schimpfen, aber die sind bloß Wächter, Leibwächter, Nachtwächter, Heinzelmännchens Wachtparade. Nichts für Jonas. Ich bin der letzte wirkliche Detektiv. Wenigstens in den Vereinigten Staaten von Europa. Ganz bestimmt in Babylon.

Quartz: Was für ein Stilbruch. Jonas, vielleicht wissen Sie es, Jonas gehört nicht nach Babylon. Jonas gehört nach Ninive.

Jonas: Ha-ha. Hören Sie zu, Herr Quartz, nichts gegen einen kleinen Plausch um Mitternacht, aber vielleicht sagen Sie mir jetzt doch, was Sie von mir wollen.

Quartz: Meine Sekretärin, meine Privatsekretärin, Linda Lorant.

Jonas: Ich höre.

Quartz: Sie ist seit zwei Tagen verschwunden.

Jonas: Ach was.

Quartz: Sie hat sich nicht bei mir gemeldet, und in ihrem Apartment ist sie auch nicht.

Jonas: Die klassische Frage, Herr Quartz, warum gehen Sie nicht zur Polizei?

Quartz: Die klassische Antwort: Es handelt sich um einen besonderen Fall.

Jonas: Was Sie nicht sagen.

Quartz: Mit Linda sind Daten verschwunden. Daten, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Vertrauliches Material für meine Memoiren.

Jonas: Erpressung?

Quartz: Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Auf jeden Fall will ich die Daten zurück haben. Sie, Jonas, werden sie suchen und finden, natürlich.

Jonas: Im Prinzip ja, Herr Quartz. Aber vorläufig sind Sie für mich nur ein Gesicht auf dem Bildfon.

Quartz: Rufen Sie Ihr Konto ab. Nummer 27 27 41 B, Bank von Babylon.

Jonas: Sie sind gut informiert, Herr Quartz. Sam?

Sam: Der Kontostand euer Hoheit beträgt zur Zeit genau 1240 Euros und 13 Cents.

Quartz: Vor einer halben Stunde hatten Sie nur 240 Euros, 13 Cents. Die 1000 sind von mir. Vorschuß.

Jonas: Ich kriege 80 Euros pro Tag, und Spesen.

Quartz: Ich zahle das Doppelte. Dafür erwarte ich, daß Sie unauffällig vorgehen. Und Ihr Bestes geben, versteht sich. Die Informationen, die sich brauchen, Bild, Bürgernummer, Wohnung etc, lasse ich Ihrem Computer einspielen. Ihren ersten Bericht erstatten Sie heute Abend.

Jonas: Wie kann ich Sie erreichen?

Quartz: Ich rufe Sie an.

Jonas: 1000 Euros. Nicht schlecht. Ein warmer Regen auf den heißen Stein. Aber wieso man zum Sekretärinnen-Suchen martialische Künste brauchte, war mir nicht so recht klar. Egal. Am nächsten Morgen rief ich Judith an. Judith ist meine z.B., meine zeitweilige Beziehung. Vielleicht wird mal eine D.P. daraus, eine Dauerpartnerschaft. Sie sehen, Jonas ist zurückgeblieben. Der älteste Hut: Eine Frau und ein Mann. Kein Dreieck, keine Gruppe oder so was. Judith ist nicht nur meine z.B., sie hat auch eine höhere Position im Ministerium für Statistik und Soziographie. Insofern kann ich ganz zwanglos das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.

Jonas: Ich seh dir in die Augen, Kleines.

Judith: Diese verrückte Welt. Was wird noch alles passieren. Sehen wir uns heute Abend?

Jonas: Ich plane nie soweit voraus.

Jonas: Wir sind beide Nostalgiker. Unsere Zeit ist die Mitte des 20. Jahrhunderts. Eine wilde, eine aufregende Zeit. Die Zeit von Philip Marlowe und Humphrey Bogart, und von Ingrid Bergman, nicht zu vergessen. Bißchen Casablanca-Turtel muß sein. Aber dann kam ich zur Sache, und sagte Judith, was ich von ihr wollte. Ein Persönlichkeitsprofil von Linda Lorant.

Judith: Wer ist das?

Jonas: Ein Fall. Ich brauch die Daten für einen Fall.

Judith: Natürlich. Nur für einen Fall?

Jonas: Ach, das, das würde ich nicht sagen.

Judith: Jonas.

Jonas: Doppeltes Honorar, 1000 Euros Vorschuß, da freut sich auch Privatmensch Jonas. Judith, ich glaube, du bist eifersüchtig.

Judith: Unsinn.

Sam: Eifersucht. Antiquierter Begriff für einen antiquierten Gemütszustand. Ungebräuchlich seit der Jahrtausendwende.

Judith: Du hältst dich raus, Sam.

Sam: Obzwar ein Computer per definitionem lediglich gehalten und verpflichtet ist, den Anordnungen seines rechtmäßigen Herrn und Meisters zu folgen, siehe Gebrauchsanleitung, Seite 6 folgende, will Sam als Kavalier sich der Bitte der hohen Frau nicht verschließen und…

Jonas: Sammy, halt die Klappe.

Sam: Befehl, Klappe halten.

Judith: Falls du jetzt ein bißchen Zeit für mich hast, Jonas, hier sind die Daten: Linda Lorant, Bürgernummer…

Jonas: Ist bekannt. Wohnung auch.

Judith: 40 Jahre alt, Sekretärin, völlig alleinstehend, keine Beziehung, keine Partnerschaft. Magister Artium Kommunikationstechnik, ehemals europäische Hochschulmeisterin im Siebenkampf, schwarzer Gürtel Karate, keinerlei Interesse an Holovision und sonstigen kulturellen Aktivitäten. Hobby: Einzelwandern in Island, Zentralaustralien, Wüste Gobi. Reicht das?

Jonas: Danke Judith. Sehen wir uns?

Judith: Wenn dein Fall dir Zeit läßt, und dein geliebter Blech-Professor nichts dagegen hat. Ruf mich an.

Sam: Wie ich anzumerken bereits Gelegenheit hatte, ist Eifersucht.

Jonas: Eine Sache, die dich nicht das Geringste angehrt. Kümmere dich um unseren Fall. Reden ist Silber, denken ist Gold. Na, was ist, Sammy?

Sam: Ich denke, o unauslotbare Erhabenheit, wie es mein Herr mir befahl.

Jonas: Sehr schön, Sam. Und was denkst du?

Sam: Ich denke, o du mein ein und alles, eine tüchtige Person, diese Linda Lorant. Sportlich.

Jonas: Was du nicht sagst. Da wäre ich ohne dich nie draufgekommen.

Sam: Man könnte auch sagen: martialisch.

Jonas: Aha. Und? Was schließt du daraus?

Sam: Aufgrund unzureichender Daten sieht Sam sich zu Folgerungen vorerst nicht in der Lage.

Jonas: Also Schluß mit der Spekulation. Beinarbeit ist angezeigt. Sehen wir uns das Apartment der Dame mal von innen an.

Sam: Ein Vorschlag, o Retter der Witwen und Waisen, welcher Sams volle Zustimmung findet.

Jonas: Quartz zahlte. Deshalb konnte ich es mir leisten, fremde Beine für mich arbeiten zu lassen. Ein Rikscha-Kuli strampelte sich ab, und nach einer guten halben Stunde war ich da, im Westen. Nicht weit vom Markgrafenboulevard. Hier roch es nach Geld. Nicht nach abgegriffenen 10-Euroscheinen, sondern nach den allerbesten Aktien. Und nach Schecks mit vielen Nullen. Linda Lorant wohnte im Turm zu Babel. 40 Stockwerke, 4000 Apartments. Und der Turm war gut bewacht. Ein grimmiger Drache gleich neben der Tür in der Eingangshalle, ein zweiter weiter hinten, vor einer Konsole von Monitoren. Auf den ersten Blick war da nur mit Gewalt was zu machen. An sich kein Problem für Jonas, wenn sich Quartz nicht jedes Aufsehen verbeten hätte. Und der Auftraggeber hat grundsätzlich immer recht. Also erst mal in eine nahe Bar, um mit Sam Rat zu pflegen. Mit Sam zwo natürlich, der drahtlosen Extension in Taschenausführung.

Automatenstimme: Ihr Synth-Brandy, mein Herr oder meine Dame. Der Rechnungsbetrag wird von Ihrem Konto abgebucht. Vielen Dank.

Jonas: Wuäh.

Sam: Voll im Aroma, herrlich im Geschmack, Synth-Brandy, edler als Cognac.

Jonas: Du glaubst auch alles, Sammy, zur Sache, wie kommen wir in Linda Lorants Apartment?

Sam: Das, hochzuverehrender älterer Bruder, ist eine schwierige Frage.

Jonas: Denk dir was aus. Wer von uns beiden ist denn der Computer?

Sam: Könnten Hoheit nicht eines Apartments bedürftig sein?

Jonas: Wieso? Ach so. Gar nicht schlecht, Sammy, gar nicht schlecht. Wem gehört der Turm zu Babel?

Sam: Der TuBa. Turmbau-zu-Babel GmbH.

Jonas: Sieh dir die Angebotstafel durch. Wir brauchen ein leer stehendes Apartment im, äh, wo wohnt die Dame Lorant?

Sam: Ich achten Stockwerk, o Sonne meiner Seele. Apartment 813.

Jonas: Also möglichst im 8. Stock. Oder in der Nähe.

Sam: 713 ist zu haben, Chef.

Jonas: Direkt darunter. Besser geht’s doch nicht. Telefon!

Automatenstimme: Bitte sehr, mein Herr oder meine Dame. Wünschen Sie auch Bildfon?

Jonas: Nicht nötig.

Automatenstimme: Schieben Sie die rechte Hälfte ihrer Kontokarte in den Schlitz vorn am Gerät. Der Betrag wird abgebucht. Danke sehr.

Jonas: Über Telefon verkündete ich dem Oberwächter im Turm, ich sei die TuBa und würde in Kürze einen Interessenten für Apartment 713 rüberschicken. Einen gewissen Herrn Jonas.

Jonas: So, damit sind wir erst mal drin.

Sam: Und dann, wenn Hoheit die Frage gestatten?

Jonas: Wird sich ergeben, Sammy. Ein schlauer Mensch hat mal gesagt, man soll den zweiten Schritt nicht vor dem ersten tun.

Sam: Es steht aber auch geschrieben, Sahib, der kluge Mann baut vor.

Jonas: Frisch gewagt ist halb gewonnen.

Sam: Erst wägen, dann wagen.

Jonas: Er muß eben immer das letzte Wort haben, der gute Sam. Im Turm lief alles wie am Schnürchen. Der mietlustige Herr Jonas wurde von einem der Drachen in den 7. Stock gefahren, und sah sich das freie Apartment an.

Jonas: Ja, recht hübsch.

1. Wächter: 40 Quadratmeter. Berechtigungsschein für diese Wohnraumklasse haben Sie doch, oder?

Jonas: Mein bester, was für `ne Frage. Selbstverständlich besitze ich den Wohnberechtigungsschein. Tja, recht hübsch, wie gesagt. Äh, lassen Sie mich ein paar Minuten allein, ja? Ich, ich muß die Atmosphäre auf mich wirken lassen. Aura. Vibration. Wenn Sie verstehen, was ich meine.

1. Wächter: Das ist eigentlich nicht gestattet.

Jonas: Und uneigentlich? 10 Euros?

1. Wächter: Alles klar. Und melden Sie sich über Hausfon, wenn Sie fertig sind, ja?

Jonas: Ich gab ihm drei Minuten, und machte mich dann auf in den Keller. Über die Treppe. Todsicher. Im Turm zu Babel sind Treppen nur Kunst am Bau. Im Keller stand, wie ich erwartet hatte, das Herzstück der elektronischen Überwachungsanlage. Ein massiver Steuercomputer.

Sam: Hä hä hä hä. Uraltes Modell. Mit so was spricht unser einer überhaupt nicht.

Jonas: Wird dir gar nichts anderes übrig bleiben, Sammy. Wie willst du den alten Kasten außer Gefecht setzen, ohne Interface. Und außer Gefecht setzen müssen wir ihn.

Sam: Ohne jeden Zweifel, Herr Kapellmeister. Ein schwieriges Unterfangen. Was die Sicherung der Fenster betrifft, muß ich mich als gänzlich machtlos bekennen.

Jonas: Machtlos? Wie das, o du mein elektronischer Alleskönner?

Sam: Es handelt sich, o du vor allen Computern preiswürdiger Menschenverstand, um ein elektrisch-mechanisches System. Eine echte Antiquität aus dem mittleren 20. Jahrhundert.

Jonas: Und da kannst du gar nichts machen, Sam?

Sam: Kein Stück, Boss. Andererseits die TV-Kameras an den Eingangstüren der bewohnten Apartments ließen sich mit Leichtigkeit ausschalten.

Jonas: Ah, du willst der Kamera vor Apartment 813 ein Standbild einspielen, nehme ich an.

Sam: Ausgezeichnet, hochwertiger Chef, aber nicht ganz korrekt. Ich beabsichtige, das nunmehr gezeigte Bild, auf welchem die geschlossene Tür, und nur die geschlossene Tür zu sehen ist, für eine gewisse Zeit festzuhalten. Eine halbe Stunde. Wäre dies dem Herrn genehm?

Jonas: Die Treppen rauf, im Geschwindschritt, ganz schön anstrengend die Detektiverei, Türschloß knacken, Kleinigkeit, umsehen. 813 war ein ganz normales 40-Quadratmeter-Apartment. Ordentlich, aufgeräumt. Ein Zimmer, Bad, Kochkonsole, Echtholzmöbel, Servicetextgerät, Bildfon, Holoset.

Jonas: Moment mal, Holoset. Da war doch was.

Sam: Laut Persönlichkeitsprofil, beigesteuert von meines großen Meisters menschlicher Gefährtin, pflegt die Bewohnerin dieses Apartments sich den Wonnen der Holovision nicht hinzugeben.

Jonas: Wenn ich den Set anstelle, passiert gar nichts. Und das heißt.

Sam: Der Apparat ist eine Attrappe, o scharfsinnigster aller Detektive.

Jonas: Du merkst auch alles, Sam. Machen wir das Ding mal auf. Was hat ein kluger Detektiv stets bei sich? Nachschlüssel. Paßt nicht. Brecheisen.

Sam: Und seinen Computer. Dürfte dieser, eurer illustren Durchlaucht empfehlen, auf den kleinen roten Hebel rechts unten zu drücken. Auf diesen da, ganz recht.

Jonas: Sieh mal an, ein Tresor. Wertpapiere. Schmuck.

Sam: Interessant, o allerwertester, jedoch kaum das, was wir suchen.

Jonas: Und was suchen wir, Sam?

Sam: Eminenz belieben zu scherzen. Das Herrn Quartz entwendete Material natürlich. Das heißt konkret: Disketten. Kassetten.

Jonas: Sam, hier ist `ne Kassette. Kommando zurück, ist ne leere Hülle.

Sam: Welche aller Wahrscheinlichkeit nach das fragliche Datenmaterial enthalten hat. Linda Lorant hat es mitgenommen, als sie das Apartment verließ.

Jonas: Letzteres offenbar freiwillig. Kein Anzeichen von Gewaltanwendung. Frage: Wohin ist Linda Lorant gegangen?

Sam: Wie ihr Persönlichkeitsprofil zeigt, besitzt sie kein Fahrzeug.

Jonas: Natürlich nicht. Sie ist zwar in der 40-Quadratmeterklasse, aber keine Millionärin.

Sam: Sofern sie nicht zu Fuß ging, muß sie also ein Transportmittel benutzt haben.

Jonas: Eine Rikscha, nehm ich an. Und wie bestellt man eine Rikscha?

Sam: Über Servicetext, o Beherrscher der Gläubigen.

Jonas: Worauf wartest du, Sammy?

Sam: Einschaltung in Speicher von hier befindlichem Servicetextgerät ergibt: Besitzerin hat 3. Juni 2009.

Jonas: Vor zwei Tagen.

Sam: 7 Uhr 30 Rikscha bestellt, Fahrziel: Orbidrom. Abbuchung 11 Euros.

Jonas: Aha. Weißt du, was wir jetzt machen, Sammy?

Sam: Klar, Boß.

Jonas: Was ist das?

Sam: Es klingelt an der Tür, o Gesetzgeber des Weltalls.

Jonas: Weiß ich selbst, ich meine, wer?

Sam: Ein guter Rat, Meister, zur Tür schleichen, horchen.

1. Wächter: Niemand da, gnädige Frau.

Nachbarin: Reden Sie keinen Blech. Ich hab deutlich Geräusche gehört. Und Schritte.

1. Wächter: Wenn Sie das sagen, gnädige Frau. Aufmachen!

Jonas: Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ein Wächter, und eine hellhörige Nachbarin. Andererseits, unter höheren, dramaturgischen Gesichtspunkten, war es ja auch mal wieder Zeit für ein bißchen Aktion.

Jonas: Sammy, wir müssen was tun.

Sam: Meine Rede, Chef.

Jonas: Die holen hier nicht die Polizei, Sammy, die nicht. Die nehmen mich selber in die Mangel. Und bei so was kann der Mensch leicht aus dem Fenster fallen, und das im 8. Stock.

Nachbarin: Schließen Sie auf, Mann, Sie haben doch einen Hauptschlüssel.

1. Wächter: Ja schon, aber ich weiß nicht.

Sam: Wo befinden wir uns, o Leuchter der Wissenschaft?

Jonas: Du stellst Fragen, Turm zu Babel, Apartment 813 natürlich.

Sam: Falsch. Wir befinden uns im Apartment 713. Offiziell. Ein kurzer Rutsch.

Jonas: Rutsch?

Sam: Durch den Müllschlucker. Und Hochwürden halten sich dort auf, wo sie sich befinden. Gebe allerdings untertänigst zu bedenken, daß eine gewisse Beschleunigung, mach hin, Mensch, da, neben der Kochkonsole, Klappe auf.

Jonas: Ein Glück, daß ich nicht Derowolt bin.

Sam: Schi heil.

Jonas: Leicht verschmutzt und ungewöhnlich duftend krabbelte ich ein Stock tiefer aus der Röhre. Keine Sekunde zu früh. Der Drache, der das Apartment oben leer vorgefunden hatte, tauchte plötzlich in 713 auf, und wich mir bis ins Foyer nicht mehr von der Seite. O Mißtrauen, wie sehr vergiftest du Frohsinn und Geselligkeit. Goethe. Oder vielleicht doch nur der Parkwächter unter der Hauptwache?

Jonas: Ich gebe Ihnen Bescheid, sobald ich mich entschieden habe.

1. Wächter: Tun Sie das.

2. Wächter: Was war denn los in 813?

1. Wächter: Ach nix. Die Alte spinnt.

2. Wächter: So was kommt vor. Sag mal, du warst doch drin?

1. Wächter: In 813? Klar.

2. Wächter: Wirklich?

1. Wächter: Ja doch.

2. Wächter: Komisch. Du warst nicht auf dem Monitor.

1. Wächter: Ich war nicht auf dem Monitor? Was war denn auf dem Monitor?

2. Wächter: Nichts. Die Tür zu 813, und die Tür war zu die ganze Zeit.

1. Wächter: Da muß einer an der Elektronik rumgefummelt haben.

2. Wächter: War jemand im Haus? Sie da! Hallo!

Jonas: Jetzt wurde es ungemütlich. Ich legte einen Zahn zu, machte einen großen Schritt durch die Tür auf die Straße. Und da hatte ich es noch eiliger.

2. Wächter: Halt! Bleiben Sie stehen!

Jonas: In der martialischen Kunst des geordneten taktischen Rückzugs ist Jonas kaum zu schlagen. Ein paar geschickte Ausweichmanöver um zwei oder drei Ecken, und ich war in Sicherheit. Nächste Station: natürlich das Orbidrom. Der Raketenport von Babylon. Außerhalb der Stadt. Über einen öffentlichen Terminal ließ ich mir von Sam eins Linda Lorants Bild überspielen. Und damit hätte ich, nach dem kleinen Handbuch für Privatdetektive, alle Schalter abklappern sollen. Aber ich hatte so eine Idee, und ging gleich zur Abfertigung von OI, von Orbis International.

Schalterbeamter: O ja, die war hier. Ich erinnere mich.

Jonas: Gutes Gedächtnis haben Sie.

Schalterbeamter: Unmöglich angezogen die Frau. Zugeschnürt bis zum Hals. Und alles in Magenta, ich bitte Sie, trägt doch kein Mensch heutzutage.

Jonas: Und was trug der Mensch heutzutage? Ein Stückchen Leoparden-Fell, Kunststoff natürlich. Große gelbe Kreise auf allen vier Backen, und das blaue Stirnband von Orbis. Der junge Mann am Schalter sah aus wie ein leicht psychedelischer Jonny Weismüller.
Jonas: Wann war das?

Schalterbeamter: Vorgestern. Kurz vor 9. Ich war gerade zum Dienst gekommen.

Jonas: Was hat sie gebucht?

Schalterbeamter: Sie hat überhaupt nicht gebucht. Sie ist gleich durchgegangen zum privaten Sektor. Die Tür hier. Moment. Haben Sie einen Paß?

Jonas: Den könnte ich jederzeit kriegen.

Schalterbeamter: Dann kriegen Sie ihn. Ohne Paß kommen Sie nicht durch.

Jonas: Ich hätte mir einen Paß besorgen können, über Quartz, aber die Sache war auch anders zu klären. Einfacher und vor allem schneller. Wozu hatte ich Sam? Der schaltete sich kurz in die Flugpläne ein, und was dabei rauskam, war dies: In der fraglichen Zeit war nur eine einzige Rakete vom Privatsektor gestartet. 9 Uhr 18. Flugziel: Torus OI 96. Das war’s. Mehr konnte ich vorläufig nicht tun. Ich fuhr zurück nach Hause. Wenn man ein mickriges Büroapartment von 22 Quadratmeter zuhause nennen kann. Am Abend, wie versprochen, meldete sich Quartz über Bildfon.

Quartz: Torus OI 96. So. Eine von meinen Raumstationen. Ich meine, eine Station von Orbis International. Früher Vergnügungsbetrieb. Zoo. Rummel.

Jonas: Und heute?

Quartz: Stillgelegt. Für die Öffentlichkeit gesperrt. Technisch überholt. Wir benutzen den Torus als Speicher und für ein paar unwichtige Büros.

Jonas: Was hat Linda Lorant auf ihrer abgelegten Raumstation zu suchen?

Quartz: Das werden Sie feststellen. Offensichtlich eine Intrige innerhalb der Firma. Jemand will mich ausschalten. Das hat man schon oft versucht, aber nie erreicht. Sie, Jonas, fahren nach oben und sehen für mich nach dem rechten.

Jonas: Warum nicht. Wenn Sie den gesetzlichen Exterra-Zuschlag drauflegen. 50 %.

Quartz: Ich sorge dafür, daß man Sie im Orbidrom passieren läßt, und daß eine Kurzstreckenrakete für Sie bereitgehalten wird. Viel Erfolg und Waidmanns Heil.

Jonas: Waidmanns Dank. Bevor ich wieder zum Orbidrom rausfuhr, tauschte ich Sam zwo noch fix ein gegen ein spezial Exterra-Funkgerät im Kleinformat. Was wäre Jonas auch im Weltraum ohne seinen Freund und Helfer. Wie üblich verabredete ich mit Sam Notsignale und Random-Frequenzwechsel. Merksatz Nummer 1 für Detektive und solche, die es werden wollen: Man kann nie wissen.

Pilotin: 10,9,8,7,6,5,4,3,2,1, zero.

Jonas: Eine Spritztour. Torus OI 96 war nur rund 4000 km hoch. Erst zu viel Schwerkraft, dann zu wenig. Kenn ich. War oft genug draußen. Keine schlechte Pilotin, die Quartz bzw. Orbis mir zugeteilt hatte. Unser Landekontakt war so sanft wie Judiths Lächeln. Dann die übliche Warterei. Bis das Vakuum in der Landezone durch Atmosphäre ersetzt war.

Jonas: Haben Sie vorgestern eine Frau hier her geflogen. 40. Nicht gerade modisch angezogen?

Pilotin: Ja.

Jonas: Haben Sie sie auch wieder abgeholt?

Pilotin: Nein, keine Anweisung.

Jonas: Anweisung? Von wem?

Pilotin: Tragen Sie eine Feuerwaffe? Laserstrahler? Ballistische Pistole?

Jonas: Letzteres. Eine Smith & Wesson Detective Special.

Pilotin: Abliefern.

Jonas: Mein Gott, ist doch keine Waffe, eher eine Antiquität. Ein Maskottchen.

Pilotin: Eiserne Regel. Die Toruswände könnten beschädigt werden. Sie wollen sich doch wohl nicht selbst vakuumisieren. Abliefern. Danke. Sie können aussteigen.

Jonas: Durch die Landeklappe stieg ich in die Luftschleuse des Torus. Da fühle ich mich, ehrlich gesagt, immer ein bißchen unsicher. Das unendliche Vakuum des Weltalls ist ungeheuer nah, und wer weiß schon, wie gut die Ventile schließen. Deshalb beeilte ich mich, durch die zweite Klappe zu kommen. Ich war in einem großen runden Raum. Unten, in der Nabe des Torus. Sie wissen doch, wie eine Raumstation in Torusform aussieht. Richtig. Wie ein Rad. An einer Rikscha zum Beispiel. Ein Rad mit einem Schlauch außen rundherum. Mit einer Nabe in der Mitte und mit vier Speichen zwischen Nabe und Schlauch. Die ganze Geschichte hatte einen Durchmesser von gut 3 km, und drehte sich zweimal pro Minute um sich selbst. Dadurch herrschte im Schlauch fast die gleiche Schwerkraft wie auf der Erde, und in der Nabe, na? Natürlich Schwerelosigkeit. Soviel zur Verdeutlichung. Zurück zu Jonas. Unten in der Nabe von Torus OI 96. Frisch gelandet und begierig, Sam zu kontakten.

Sam: Haben eure Großmächtigkeit eine angenehme Reise gehabt? Unbehelligt von der bösen Raumkrankheit? Und wie kommen Ehrwürden mit der Schwerelosigkeit zurecht?

Jonas: Danke der Nachfrage, Sammy, ganz ausgezeichnet. Hoppla. Himmel All und saurer Regen. Das verflixte Funkgerät hat sich selbständig gemacht. So. Also, Sam, ich such mir jetzt ne Speiche, und geh vor zum Schlauch. Da wird sie stecken, diese Linda Lorant.

Sam: Wo sonst, o leuchtendes Muster an Tiefsinn.

Jonas: Du gehst jetzt über auf 1. Notfrequenz, Sam.

Sam: Mein Meister befürchtet Gefahren?

Jonas: Durchaus möglich, aber ich werde schon durchkommen. Mit meinen martialischen Künsten.

Sam: Martialische Künste. Wenn Sam doch nur aufgehen würde, welch geheimnisvolle Rolle sie in vorliegendem Fall spielen.

Jonas: Wird sich zeigen, Sammy, wird sich zeigen. Auf geht’s.

Sam: Over and out.

Jonas: Ich schwebte durch die Torusnabe, nach oben oder unten, ganz wie Sie wollen, bis zur Mitte, und da gingen die vier Speichen ab. Frage: Welche war die richtige. Antwort: Die mit dem Schild zu den Büros. Da schwebte ich rein. Von jetzt an ging’s vertikal weiter. Allmählich nahm die Schwerkraft zu. Ich ließ das Schweben sein, verlegte mich aufs Springen, dann aufs Laufen, kam ans Ende zu einer Tür, machte sie auf, trat durch, machte sie hinter mir zu. Und stand da wie angewurzelt. Klimperte mit den Augen und kniff mich in den Arm. Das waren doch keine Büros.

Jonas: Ich glaub, ich steh im Wald.

Jonas: Erster Reflex, zurück zur Tür, aber die war zu, und ging nicht mehr auf. Ob ich wollte oder nicht, ich war und blieb im Wald. Was heißt Wald. Ich stand im Dschungel. Wenigstens mit einem Bein, dem rechten. Links war Steppe. Rechts wucherte ein tropischer Regenwald. Lianen, Palmen und was sonst noch dazu gehört. Erstaunlich, was man in einem Schlauch von nicht mehr als 30 Meter Durchmesser so hinkriegen kann. Durch große Fenster und Sonnenreflektoren. Ein Treibhaus, ein Tropenparadies, mit Jonas als Adam. Von Eva war leider nichts zu sehen, und von der Schlange auch nicht. Noch nicht. Statt dessen meldete sich eine andere wichtige Persönlichkeit.

Quartz: Willkommen auf Safari, Jonas.

Jonas: Wer ist das?

Quartz: Hier spricht Gott.

Jonas: Kann ich mir nicht vorstellen.

Quartz: Erkennen Sie meine Stimme?

Jonas: Ich glaub, mein Computer piept. Quartz.

Quartz: Gutes Ohr, Jonas. Wenn der Rest auch so präzis funktioniert. Ich bin übrigens tatsächlich Gott. Der Gott dieses Torus, dieser meiner Welt. Ich habe ihr den Namen gegeben, Safari. Schon früher, als sie noch exterristiale Belustigungsstation war. Eine glorifizierte Schießbude für brave Bürger, die Nimrods spielen und wilde Tiere schießen wollten. Ohne Risiko. Sie wußten, die Bestien waren nur Robots. Täuschend ähnliche Repliken, aber ganz und gar ungefährlich. Das ist jetzt anders. Ich habe gewisse Umprogrammierungen vornehmen lassen. Diese Wesen, mein lieber Jonas, sind nun mindestens so gefährlich wie ihre ausgestorbenen Vorbilder. Ich bin gespannt, wie Sie sich gegen sie halten werden.

Jonas: Ich? Danke bestens, kein Interesse. Deshalb bin ich nicht hier. Haben Sie’s vergessen? Ihre Sekretärin?

Quartz: Hahahahaha.

Jonas: Und da, bißchen spät, muß ich zugeben, ging mir ein Licht auf. Ein ganzer Kronleuchter. Und die Schuppen fielen mir wie ein Wasserfall von den Augen.

Quartz: Ach, Sie sind endlich dahinter gekommen. Der Auftrag war eine Finte. Ich habe Spuren ausgelegt, um Sie, Jonas, nach Safari zu bringen. Und da sind Sie nun.

Jonas: Nicht zu bestreiten. Linda Lorant gibt es also nicht.

Quartz: O doch. Nur die Geheimdaten sind nicht existent. Die Lorant habe ich hierher gelockt, wie Sie. Sie hat mir ein paar Stunden guten Sport verschafft. Tüchtige Frau. Sie, Jonas, werden es hoffentlich noch besser machen.

Jonas: Was haben Sie mit mir vor?

Quartz: Ich jage, Jonas. Ich habe auf der Erde gejagt, solange es dort noch jagdbares Wild gab. Dann hier, die Robots. Aber das geht nicht mehr. Ich bin immobil. Eine Sammlung von Transplanten. Die Medizin hat Grenzen, selbst für Milliardäre. Heute jage ich indirekt. Ich habe Safari überholt und ausgebaut. Überall Mikrophon, Lautsprecher, Kameras. An meiner Konsole, vor meinen Monitoren, bin ich dabei. Jede Sekunde auf jedem Meter. Wenn meine Robokiller ihre Opfer durch den Dschungel hetzen.

Jonas: Menschenjagd?

Quartz: Der Mensch ist das edelste Wild. Das gefährlichste. Beiläufig auch das einzig noch existierende Wild.

Jonas: Ich mißgönne ja keinem sei Hobby. Aber warum wollen Sie ausgerechnet mich jagen: Haben Sie was gegen mich?

Quartz: Ja, das auch. Ich hege Groll gegen Sie.

Jonas: Wie haben noch nie was miteinander zu tun gehabt.

Quartz: Sagen Sie das nicht. Ich bin Sponsor, bedeutender Sponsor von ZIP, dem Zentralinstitut für Populationsforschung.

Jonas: Der Testmarktfall vor 3 Monaten.

Quartz: Ganz recht. Aus überholten moralischen Motiven haben Sie, Jonas, ein hochinteressantes Programm gestoppt. Ein Programm, das gewisse Aussichten hatte, der Überbevölkerung Einhalt zu gebieten. Mein eigentlicher Grund ist jedoch ein anderer. Sie sind ein würdiges Jagdwild, Jonas.

Jonas: Ich verstehe. Die martialischen Künste.

Quartz: In der Tat. Sie zu jagen, wird es, da bin ich sicher, ein sportlicher Hoch-Genuß sein. Und eine Ehre. Für mich und für Sie.

Jonas: Danke. Auf die Ehre würde ich gerne verzichten. Wie soll ich mich gegen ihre Killer wehren? Mit bloßen Händen?

Quartz: Ich bitte Sie, das wäre nicht waidmännisch. Ihre Ausrüstung finden Sie hinter der Palme rechts von Ihnen. Da, dort.

Jonas: Pfeile und Bogen, Speere. Ein Messer. Das ist alles?

Quartz: Reicht es Ihnen nicht?

Jonas: Nehmen wir einmal an, ich werde mit ihren Robokillern fertig. Was passiert dann?

Quartz: Dann werde ich höher programmierte Jäger auf Sie ansetzen.

Jonas: Ich habe also keine Chance.

Quartz: Genug geredet. Jetzt werde ich sehen, wie sich Jonas, der Detektiv, Jonas, der Jäger, als Gejagter hält. Halali, die Jagd beginnt.

Jonas: Ein Löwe kam näher. Ich versteckte mich, und rief Sam über Funk. Aber das habe ich ja schon erzählt. Die Riesenschlange, die sich dann unangenehm bemerkbar machte, wollte ich kunstgerecht tranchieren, aber das Messer ging glatt durch. Das Vieh war überhaupt nicht vorhanden.

Quartz: Ein Hologramm, Jonas. Ein Hologramm, wie auch andere meiner Tiere. Aber nicht alle. Einige sind höchst real. Sie werden es feststellen. Sofern Sie noch dazu kommen, wenn ein Robokiller Sie in den Klauen hat.

Jonas: Also nahm ich jedes einzelne Biest ernst. Notgedrungen. Es war ein richtiges Gedrängel. Löwen, Tiger, Leoparden, Schlagen, Skorpione, was weiß ich noch alles. Zwischendurch informierte ich Sam über die Lage, so gut es ging. Und der zerbrach sich für mich den Kopf, den er nicht hatte. Zwei Stunden später war ich müde. Die Pfeile gingen zur Neige, die Speere desgleichen. Aber Jonas lebte noch, und die Robokiller waren funktionsunfähig. Das alles stimmte Herrn Quartz nicht eben froh.

Quartz: Gratuliere. Sie haben sich gut gehalten. Besser als erwartet. Vermutlich lassen Sie sich über Funk von Ihrem Computer beraten. Interessanter Random-Frequenzwechsel. Leider habe ich nicht die Zeit, ihn aufzuschlüsseln.

Jonas: Sie sind eben zu sehr mit Ihren Spielzeugen beschäftigt.

Quartz: Beschleunigen wir die Sache. Es ist Zeit, die Wilden zu aktivieren. So nenne ich meine Robokiller in menschlicher Gestalt. Mit einem wesentlich höher programmierten Reflex und Aggressionsverhalten. Dagegen wird auch ihr Computer machtlos sein. Sie waren gut, Jonas, aber einmal muß ein Ende gemacht werden. Vorher gebe ich Ihnen eine Pause von, sagen wir, einer halben Stunde. Ich bin kein Unmensch.

Jonas: Das sah ich anders. Aber danach fragte er mich nicht. Pause also. Ich ließ mich fallen, wo ich gerade stand. In der Steppe. Am Fuß eines Kilimandscharo im Miniformat. Das war eine Anhäufung von Erde am Rand des Schlauchs. Weiter geführt durch einen gemalten Schneegipfel. Ganz hübsch. Allerdings hatte ich kaum Augen dafür. Ich fühlte mich so einsam wie Jonas im Walfischbauch. Nur daß ich das Gefressenwerden noch vor mir hatte. Wie sollte ich hier rauskommen? Vielleicht hatte Sam eine Idee.

Sam: Es gibt nur eine einzige Möglichkeit. Mein Herr und Meister muß versuchen, an Quartz selbst heranzukommen und ihn auszuschalten.

Jonas: Dazu müßte ich erst mal wissen, wo er steckt.

Sam: Natürlich im Torus, o Rächer der Enterbten.

Jonas: Klar, aber wo im Torus?

Sam: Nicht im Schlauch.

Jonas: Da hätte ich ihn schon gefunden. Moment mal Sammy. Quartzens Kopf im Bildfon. Diese komisch gesträubten Haare. Schwerelosigkeit.

Sam: Herr Quartz befindet sich in der Nabe des Torus.

Jonas: Und zwar oben. Unten ist die Landezone.

Sam: Ein vielfältig erneuerter Mensch wie Herr Quartz fühlt sich zweifellos wohl im schwerelosen Zustand. Herz und Kreislauf werden weniger belastet…

Jonas: Hör mal, für medizinische Vorlesungen haben wir jetzt keine Zeit. Sag mir lieber, wie ich den Kerl zu fassen kriege. Durch die Speichen?

Sam: Vorsicht, Volksgenosse, Feind hört mit.

Jonas: Keine Angst, Sam, ich sitz auf dem Mikro. Also, Speichen gehen nicht, die Türen sind fest zu und werden bestimmt elektronisch überwacht.

Sam: Die Erfahrung lehrt uns, o überirdischer Bodhisattva, es gibt immer und überall eine Hintertür. Bei Dysfunktion des Schaltzentrums, um notwendige Außenreparatu-ren durchzuführen muß es möglich sein, den Schlauch des Torus auf direktem Wege zu verlassen. An irgendeiner Stelle der Außenwand befindet sich ein Notausgang.

Jonas: Wo, Sam, wo?

Sam: Ohne Frage ist er versteckt. Vermutlich in einer Erdaufschüttung.

Jonas: An der Außenwand gibt’s nur eine Erdaufschüttung. Hier, wo ich sitze. Den Kilimandscharo.

Jonas: Und am Kilimandscharo sollte sie sein, die Hintertür. Sam rechnete sie aus. Über Größe, Drehmoment, dieses und jenes. Und Sam hat sich noch nie verrechnet. Ich wollte gleich los, aber.

Sam: Stop. Möge der hochwürdige Vater Abt bedenken, daß Quartz die Möglichkeit hat, ihn zu beobachten. Wieviel Kameras sind in Sichtweite?

Jonas: Da, und da, und da ist auch noch eine. Drei.

Sam: Drei. Und über wie viele Pfeile verfügt mein Meister?

Jonas: Ein, zwei, leider nur drei, Sammy.

Sam: Drei Pfeile, drei Kameras, ausgezeichnet.

Jonas: Das sagst du so leicht dahin. Was ist, wenn ich daneben schieße?

Sam: Dann, alter Freund, bist du eine Leiche.

Jonas: Naja. Von der Seite her gesehen.

Jonas: Ich zielte wie ein Weltmeister, und setzte die drei Kameras, die meine Sektion überwachten, mit drei Schüssen außer Gefecht. Auch diesmal hatte Sam sich nicht verrechnet. Ich fand den Notausgang genau da, wo er sein sollte. An der Bergwand, unter einem Busch. Innen ging links eine zweite Tür ab, zur Luftschleuse. Rechts hingen Raumanzüge und diverses Werkzeug. Ich lieh mir einen Lasercutter und eine Rückstoßpistole aus, stieg schneller als je zuvor in einen Raumanzug, machte das Funkgerät im Helm fest, dann 5 Minuten Luftschleuse, und ich war draußen. Erste Weltraumaktivität von Jonas: Ich befestigte die riesenlange Nylonleine des Anzugs an einem Außenhaken. Schließlich wollte ich nicht von nun an bis in Ewigkeit als neue Raumstation die Erde umkreisen. So. Was nun?

Sam: Gestatten Majestät einen guten Rat.

Jonas: Wozu hab ich dich denn, Sammy. Schieß los.

Sam: Zuförderst sollten dero Großmächtigkeit darauf achten, stets außer Sicht des Herrn Quartz zu bleiben, welcher sich wie bekannt im oberen Teil der Torusnabe befindet.

Jonas: Und so langsam mißtrauisch werden dürfte.

Sam: Hoheit täten gut daran, sich von der Nabe her betrachtet, hinter der Schlauchwand zu halten, sich mittels der Rückstoßpistole zur nächstgelegenen Speiche vorzuarbeiten, und dann über der Speiche bis in die Mitte zur Nabe.

Jonas: OK, Sammy, es geht los. Heil, Safari.

Sam: Oder auch Waidmanns Heil.

Jonas: An der Nabe pirschte ich mich mit Halali nach oben. Selber jagen macht viel mehr Spaß als gejagt werden. Die Nabe war oben abgeschlossen durch eine Halbkugel mit umlaufendem Fenster. Ich zog mich hoch, vorsichtig, ganz vorsichtig, und linste nach innen. Ja, das war der Kontrollraum. Und da.

Jonas: Da ist Quartz.

Sam: Wo hätte er sich wohl auch sonst befinden sollen, o größter Schnüffler aller Zeiten?

Jonas: Da hockt er, wie, wie…

Sam: Wie die Spinne im Netz.

Jonas: Eher wie ein Ochsenfrosch im Teich. Um ihn herum seine Jagdausrüstung. Monitore. Hebel. Schalter. Schläuche. Drähte.

Sam: Was tut er?

Jonas: Er ist nervös. Er drückt auf irgendwelche Knöpfe.

Sam: Er ahnt, was ihm bevorsteht, euer Lordschaft.

Jonas: Und gleich wird er es ganz genau wissen. Operation Safari letzter Teil. Aktion.

Sam: Es geht ein rechter Lasercutter durch Metall als wie durch Batter. Butter.

Jonas: O Sam.

Jonas: Als er das Zischen an der Wand hörte, da war Quartz klar, was sich abspielte. Aber jetzt war es zu spät. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf den Laserstrahl und auf das immer größer werdende Loch in der Wand. Die Atmosphäre verschwand zischend in den Raum, Vakuum breitete sich aus, Quartz schwoll an, wurde immer unförmiger, Blut spritze aus seinen Poren, sein Kopf war ein gigantischer roter Luftballon, und dann, dann platzte er, und was an ihm Blut, Fett, Muskelfleisch war, explodierte in den Kontrollraum und an mir vorbei in den kalten Kosmos. Ein Stahlgerüst, diverse Einbauteile, und ein paar Knochen, das war alles, was übrig blieb vom großen Gott der Safaristation.

Jonas: Wie sagt man am Ende der Jagd, Sam?

Sam: Jagd vorbei, Halali, o Wonne des Weltalls.

Jonas: Genau. Also Jagd vorbei. Und von mir aus auch Halali.

Sam: Was ist das Leben des Menschen?

Jonas: Berechtigte Frage, Sammy.

Sam: Nichts anderes denn ein Traum, ein Schatten, ein Tropfen Tau, der in der Sonne vergeht.

Jonas: Die Rakete lag noch am Landeplatz. Ich ließ mich zur Erde zurückbringen. Unten erstattete ich gleich Anzeige, aber das hätte ich mir sparen können. Orbis International, das zeigte sich später, war mächtig genug, die Angelegenheit unter den Teppich zu kehren. Vom Apartment aus rief ich Judith an. Ich hatte so ne Idee, daß sie mir beim Lecken meiner Wunden helfen könnte. Judith war nicht da. Mir blieb nur Sam. Nichts gegen Sam, aber Judith ist er nicht.

Sam: Ökonomisch betrachtet, o vielvermögender Hauptabteilungsleiter, empfiehlt es sich für einen Detektiv nicht, seinen Auftraggeber zu vakuumisieren.

Jonas: Ein wahres Wort, Sam. Was habe ich von der Sache gehabt? Ein Ausflug im Raum, ein paar Stunden Angst und Hetze, Kratzer und Schrammen, ein schauderhaftes Bild, das ich nicht so schnell vergessen werde.

Sam: Und 1000 Euros.

Jonas: Was?

Sam: Der Kontostand meines Herrn beträgt zur Stunde 1162 Euros, 9 Cents. Herr Quartz hatte Vorschuß gezahlt.

Jonas: Richtig, hatte er. Ganz vergessen. Wie schön. Das Leben sah gleich besser aus. Immer noch grau, zugegeben, nicht rosig, aber doch mit einem kleinen Goldrand am Horizont.

Jonas: Immerhin.

Sam: Halleluja, Harekrischna. Amen.

Jonas: Du sagst es, Sammy.

Das war Safari. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus. Sein Supercomputer Sam war Joachim Wichmann. Es wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Wolfgang Büttner, und viele andere (Christoph Lindert, Detlef Kügow, Hans Stetter, Ute Mora, Michael Lenz, Irmhild Wagner). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Heiner Schmidt. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1984). Redaktion: Dieter Hasselblatt und Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Reservat

Jonas: Es war einmal eine Zeit, da gab es Privatdetektive. Harte Männer, gerecht, nie um eine Antwort oder um einen Ausweg verlegen. Und wenn es sie nicht in Wirklichkeit gab, dann doch wenigstens in Büchern und Filmen. Heute im frühen 21. Jahrhundert gibt’s nur noch einen von der Sorte. Mich. Ich bin Jonas. Jonas, der letzte Detektiv. Nicht so hart, auch nicht immer gerecht, dafür fällt mir manchmal keine Antwort ein, und nach einem Ausweg muß ich oft lange suchen. Aber ich tue, was möglich ist. Mehr kann man nicht verlangen. Was Frau Marcus-Pallenberg von mir wollte, war nicht möglich. Oder doch?

Frau Marcus-Pallenberg: Sie müssen ins Reservat.

Jonas: Ein Vorschlag, Frau Marcus-Pallenberg. Kaufen Sie sich ein paar starke Männer, die mich fesseln und knebeln und über die Mauer schmeißen. Danke. Kein Interesse.

Frau Marcus-Pallenberg: Aber Cora ist doch im Reservat.

Jonas: Pech.

Frau Marcus-Pallenberg: Bringen Sie sie zurück. Bitte, Herr Jonas!

Jonas: Ich bin sentimental. Ab und zu gehe ich ins Waldmuseum und seh mir die Bäume an. Die Kiefer. Die Birke. Und die kleine Eiche, von der sie immer noch nicht wissen, ob sie durchkommt. Ich erinnere mich an die Zeit, als auch draußen noch Bäume standen. Und ich habe das Gefühl, mir fehlt was. Wie gesagt, ich bin sentimental. Aber ich bin nicht dämlich.

Frau Marcus-Pallenberg: Jemand muß sie doch da rausholen. Die Polizei tut nichts.

Jonas: Polizei. Schicken Sie doch gleich nen Chimp.

Frau Marcus-Pallenberg: Ich will keinen Affen. Sie sind mir empfohlen worden, Herr Jonas.

Jonas: Also dann, hat mich gefreut, Frau Marcus-Pallenberg.

Frau Marcus-Pallenberg: Haben Sie etwa Angst?

Jonas: Na sicher.

Frau Marcus-Pallenberg: Sie sind doch Detektiv?

Jonas: Eben drum. Ich weiß, was alles passieren kann.

Frau Marcus-Pallenberg: Ich habe gehört, Sie sind der einzige, der es schaffen kann. Und Sie brauchen Geld, habe ich gehört.

Jonas: O, welch magisch Wort dringt da an mein empfänglich Ohr. Wieviel?

Frau Marcus-Pallenberg: 200 Euros?

Jonas: Pro Tag.

Frau Marcus-Pallenberg: Ich dachte eher pauschal.

Jonas: Und Spesen.

Frau Marcus-Pallenberg: Aber Herr Jonas.

Jonas: Dafür gehe ich ins Reservat. Und sollte meinen Geisteszustand untersuchen lassen.

Jonas: Die Dame trug eine Aufmachung spazieren, wie ich sie bisher nur auf dem Titel von Mode gesehen hatte. Echtes Naturleinen, besetzt mit fast echtem Naturpelz. Das ganze garniert mit rund 3 Kilo Platin und Brillianten. Sie sah aus wie eine Frau, die mit Leichtigkeit ein paar Hundert Euros locker machen konnte. Und ich hatte ein paar Hundert Euros dringend nötig.

Jonas: Na schön. Jetzt erzählen Sie mir mal, was passiert ist, Frau Marcus-Pallenberg.

Frau Marcus-Pallenberg: Ja. Cora, o, schluchzt, Cora ist im Reservat.

Jonas: Das weiß ich. Wann hat sie Ihr Haus verlassen?

Frau Marcus-Pallenberg: Gestern, am frühen Morgen.

Jonas: Wie alt ist Ihre Tochter?

Frau Marcus-Pallenberg: 15.

Jonas: Also fast volljährig.

Frau Marcus-Pallenberg: Hhm. Deshalb konnte ich ja auch nicht viel unternehmen, als sie anfing, sich mit diesen merkwürdigen Menschen aus dem Reservat abzugeben. Ich habe auf sie eingeredet, ja, aber das hat natürlich nichts genutzt.

Jonas: Natürlich nicht. Und?

Frau Marcus-Pallenberg: Und dann ist sie gegangen. Mit ihm. Ins Reservat. In die Freiheit. Hat sie geschrieben.

Jonas: Geschrieben?

Frau Marcus-Pallenberg: Hmh. Das habe ich gestern Morgen auf Coras Bett gefunden.

Jonas: Zeigen Sie her. “Ich muß meinen eigenen Weg gehen, mich selbst verwirklichen. Die Freiheit, die ich brauche, kann ich hier nicht finden.” Das übliche. 08/15. “Ich gehe ins Reservat. Zombie hat mir die Augen geöffnet.” Zombie?

Frau Marcus-Pallenberg: Ihr Freund. Er heißt Zombie.

Jonas: Wirklich?

Frau Marcus-Pallenberg: Natürlich ist das nur ein Spitzname. Seinen richtigen Namen kenne ich nicht. Vermutlich kennt er ihn selbst nicht. Er ist eben ein Freak. Ein typischer Freak aus dem Reservat.

Jonas: Das Reservat ist ein Stadtviertel im Südosten von Babylon. Früher hieß es mal anders. Wie, weiß kein Mensch mehr. Heute ist es das Reservat. Nur das Reservat. Und im Reservat hausen Typen, die in der Welt draußen nicht zurechtkommen können. Oder wollen. Eremiten. Einzelgänger. Türken, die während der großen Entfremdung untergetaucht sind. Und vor allem Freaks. Freaks jeder Schattierung. Nicht nur aus Babylon. Sie kommen von überall her, aus den ganzen Vereinigten Staaten von Europa. Nach den Unruhen in den 90er Jahren hat man um die ganze Geschichte `ne Mauer gebaut, und `ne elektronische Schutzglocke draufgestülpt. Seitdem ist das Reservat nicht existent. Wenigstens offiziell. Die Bewohner bleiben unter sich. Es ist nicht leicht, rein oder rauszukommen, und es ist fast unmöglich, drinnen zu überleben, wenn man nicht dazugehört.

Frau Marcus-Pallenberg: Das ist alles, was ich Ihnen über diesen Zombie erzählen kann.

Jonas: Nicht gerade viel. Wie hat Cora ihn kennen gelernt?

Frau Marcus-Pallenberg: Durch einen entfernten Bekannten. Der hat ihn zu uns mitgebracht, zu einer Party, vor vier oder fünf Wochen.

Jonas: Wie heißt der Bekannte?

Frau Marcus-Pallenberg: Maske. Theo Maske.

Jonas: Ungewöhnlicher Name.

Frau Marcus-Pallenberg: Und ein ungewöhnlicher Mensch. Er arbeitet in der Holo-Industrie, und er kennt ausgesprochen seltsame Leute.

Jonas: Wie zum Beispiel Zombie. Fangen wir bei Herrn Maske an.

Frau Marcus-Pallenberg: Sie sind der Experte. Bitte, bringen Sie mir meine Cora zurück, Herr Jonas. Heil und gesund.

Jonas: Ich werd’s versuchen.

Frau Marcus-Pallenberg: Tun Sie’s. Für mich.

Jonas: Nein, nicht für Sie. Für Ihre 200 Euros pro Tag. Sie hören von mir, Frau Marcus-Pallenberg.

Frau Marcus-Pallenberg: Viel Glück.

Jonas: Maske. Theo Maske. Wer ist Theo Maske?

Jonas: Natürlich. Judith würde es wissen. Judith hat einen höheren Posten im Ministerium für Statistik und Soziographie. Sie ist immer gut für knifflige Daten, an die nicht jeder rankommt. Nicht jeder, aber Jonas. Über Judith. Sie war meine Klientin gewesen im Testmarkt-Fall. Und jetzt war sie meine z.B. Meine zeitweilige Beziehung. Aber für Maske brauchte ich sie nicht. So was schafft Sam mit links.

Sam: Darauf kannst du wetten, Chef. Piep. Maske, Theo. Bürgernummer 19 G 13 12 1972. Leitender Direktor der Holo-Produktionsfirma Lust & Qual GmbH. Ein Unternehmen von nicht eben makellosem Ruf, wenn eure Lordschaft mir diese nicht streng zur Sache gehörige Bemerkung gütigst nachsehen wollen.

Jonas: Sam ist mein Notizbuch. Meine geistige Krücke. Mein Retter aus der Not. Und manchmal sogar ne Art Freund. Sam ist mein Computer. Nicht irgendein Computer. Sam ist ein Sonder- und Versuchsmodell. Er kann mehr als andere Computer, und er ist ein bißchen verdreht. Der einzige verdrehte Computer, den ich kenne. Als er auf den Markt kam, im Jahr 2005, da haben ihn nur ein paar Snobs gekauft. Oder Masochisten, die sich mit Wonne von einem Computer übers Maul fahren lassen. Und ich. Leider. Andererseits frage ich mich manchmal, wie Sam Spade und Phil Marlowe ohne Computer ausgekommen sind. Schon mit unseren elektronischen Lieblingen ist das Leben kompliziert genug.

Sam: Lust & Qual GmbH produziert, wie der Firmenname andeutet, Holos von der Art, welche gemeinhin als Blut und Blubber bezeichnet wird. Mord, Folter, Sadismen. Mit einem Wort: Unappetitlichkeiten.

Jonas: Ganz meine Meinung, Sammy, aber das brauchen wir alles nicht.

Sam: Sagst du, Biohirn.

Jonas: Jawohl, und du sagst mir, wo Theo Maske wohnt. Damit wir ihm auf die Bude rücken können.

Sam: Aye Aye, Sir. Wie spricht der gefügige Orientale? Hören heißt gehorchen. Und der Dichter dichtet: Mut zeiget auch der lahme Muck, Gehorsam ist Computers Schmuck. Ferner steht geschrieben…

Jonas: Und so weiter. Aber schließlich erfuhr ich doch noch, was ich wissen wollte. Theo Maske wohnte weit draußen im Westen. In einer Villa von mindestens 80 Quadratmeter. Ein typischer Everson-Bau aus den späten 80ern. Rote Backsteine, Schmuckrohre außen, überall schiefe Linien. Vor dem Tor private Schutztruppler, hinter dem Tor ein echter Butler, der mich in den Salon geleitete. Und da hingen echte Bilder an der Wand, mit echtem Öl gemalt. Ich war bei echt feinen Leuten. Deshalb wunderte ich mich schon gar nicht mehr, als ich auch noch einen echten Whiskey in die Hand gedrückt kriegte. Dann erschien der Herr des Hauses. Theo Maske war nicht nur fein, er war auch schief. So schief wie seine Villa. Schiefer Rücken, schiefe Nase, schiefer Mund. Und für seinen Charakter würde ich auch nicht die Hand ins Feuer legen.

Theo Maske: Wie mundet Ihnen mein Malt Whiskey, Herr äh, Herr äh.

Jonas: Jonas. Nur Jonas.

Theo Maske: Nur Jonas. Und Privatdetektiv. Wie überaus faszinierend. Was es nicht alles gibt. Sie müssen ein interessantes Leben führen, Herr äh.

Jonas: Jonas.

Theo Maske: Auf der Schattenseite der Gesellschaft sozusagen. Noch nen Whiskey? So was Gutes kriegen Sie nicht jeden Tag, nehme ich an.

Jonas: Sie haben ja so recht, Herr äh Herr äh Herr Maske. Außerdem haben Sie ein Butler und ein Haus. Sie sind überhaupt ein wundervoller Mensch, auf der Lichtseite der Gesellschaft sozusagen. So, und jetzt können wir zur Sache kommen.

Theo Maske: Hören Sie, Ihr Ton gefällt.

Jonas: Gefällt Ihnen nicht? Machen Sie sich nichts draus. Sie sind nicht der einzige. Sagen Sie, was Sie über ihren Freund Zombie wissen, und Sie sind mich los.

Theo Maske: Zombie? Ich kann mich kaum noch erinnern. Freund ist übrigens nicht das richtige Wort. Wir haben lediglich eine sehr vage berufliche Beziehung.

Jonas: Zombie ist auch im Hologeschäft?

Theo Maske: Im Prinzip ja.

Jonas: Sie sind also Kollegen?

Theo Maske: Ich bitte Sie, Herr äh.

Jonas: Na na.

Theo Maske: Ich leite eine lizenzierte, staatlich überprüfte Holo-Produktion.

Jonas: Und Zombie?

Theo Maske: Zombie ist ein Wilder. Sein Studio hat er im Reservat.

Jonas: Sehen darf man in dieser unserer freien Gesellschaft alles, wonach man lustig ist. Aber man darf nicht alles produzieren. Da paßt die MePo auf, die Medienpolizei. Nicht so scharf wie die PoPo, aber immerhin. Wer Holos produzieren will, die er nicht produzieren darf, der tut das da, wo die MePo nichts zu sagen hat. Zum Beispiel im Reservat.

Theo Maske: Deshalb hab ich mich ein bißchen mit ihm abgegeben. Man muß doch wissen, was die Konkurrenz tut.

Jonas: Und was tut sie?

Theo Maske: Praktisch dasselbe, was wir tun. Mit einem wichtigen Unterschied: Wir türken. Bei Zombie ist alles echt. Darum verkaufen sich seine Sachen auch so gut. Was wollen Sie von ihm?

Jonas: Wie gut kennen Sie die Marcus-Pallenbergs?

Theo Maske: Ach Gott, wie man sich so kennt. Wir haben gemeinsame Freunde. Charmante Frau.

Jonas: Und die Tochter?

Theo Maske: Cora? Was soll ich sagen, unauffällig. Für mich zu jung, wenn Sie verstehen, was ich meine, Herr.

Jonas: Nicht noch mal.

Theo Maske: Trinken Sie aus, Herr Jonas. Nehmen Sie sich noch einen.

Jonas: Direkt vor Maskes Villa wartete eine freie Rikscha. Glücklicher Zufall, dachte ich. Ich armer Irrer. Der Kuli rannte, ich lehnte mich zurück, und dachte ein bißchen nach. Plötzlich hatte ich ein ausgesprochen ungutes Gefühl. Ich sah hoch: Die Gegend stimmte nicht, die Richtung stimmte nicht, und was noch schlimmer war, mit mir stimmte auch was nicht. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Keinen Gedanken fassen. Kaum noch reden.

Jonas: Stop. Stop. Ich will aussteigen. Malt Whiskey. Muß was im Whiskey gewesen sein. Alles rot. Rosenrot. Und müde. So müde. Schlafen. Judith. Vielleicht auch träumen.

Jonas: Mein Kopf war ein Raumschiff, unterwegs zum Mars. Die Maschinen ratterten, hämmerten, ächzten. Plötzlich setzten sie aus. Und ich stürzte in den unendlich weiten, unsagbar kalten Kosmos. Immer schneller, immer tiefer. Ich schlug hart auf und blieb regungslos liegen. Minuten, Wochen, Jahre. Bis ich mir zutraute, Arme und Beine zu bewegen. Anscheinend war ich noch komplett, wenn auch nicht im Bestzustand. Ich hatte Schmerzen, vor allem im rechten Oberschenkel. Meine Augenlider waren schwer wie Iridium. Ich redete mir gut zu, und schließlich stemmte ich sie hoch. Bekanntlich hat Jonas einen eisernen Willen. Ich lag auf einem Hof hinter einem schäbigen Gebäude, das mir irgendwie bekannt vorkam. Ich richtete mich auf, sah nach oben: Ich war zu Hause. Das kleine Fenster im 16. Stock gehörte zu meinem sog. Heim: Büro plus Apartment, 22 Quadratmeter. Ich machte Inventur. Bürgerausweis, Lizenz, alles da. Sogar die paar Euros in der Hosentasche. Seltsam. Warum hatte man mich betäubt und entführt? Wer steckte dahinter? Maske?

Sam: Der Whiskey. Die vor seinem Haus so einladend bereit stehende Rikscha. Keine Frage, der Übeltäter ist Herr Theo Maske.

Jonas: Wir werden ihn uns vorknöpfen, Sammy. Demnächst. Vorher haben wir noch nen kleinen Auftrag zu erledigen. Eine gewisse Cora Marcus-Pallenberg muß aus dem Reservat geholt werden. Und wenn Jonas einen Auftrag übernimmt, dann führt er ihn auch aus. So schnell wie’s geht. Aber dann.

Sam: Aber dann ist Herr Theo Maske dran.

Jonas: Wohl gesprochen, Freund Sam.

Sam: O du warmer Regen auf meine Mikroprozessoren. Gleich noch ein Gedicht: Maskes mörderischer Anschlag und Marcus-Pallenbergs Auftrag, irre ich nicht, so ist, beides der selbige Fall.

Jonas: Schlechter Vers, Sam, aber was die Sache betrifft, hast du wahrscheinlich recht. Wir werden es feststellen. First things first. Oder auch alles der Reihe nach. Wenn ich bitten dürfte, umzuschalten, neues Thema. Reservat. Au.

Sam: Was ist meinem Herrn und Gebieter?

Jonas: Deinem Herrn und Gebieter tut was weh.

Sam: Sams tief empfundenes Beileid. Wieder der Magen?

Jonas: Im Gegenteil. Andere Seite. Und tiefer. Irgendwas zwackt mich an der rechten Hinterbacke. Daß du dich ja nicht unterstehst, darauf einen Reim zu machen Sammy.

Sam: Sam wird es sich verkneifen, euer Durchlaucht Hinterbacke zu besingen.

Jonas: Schluß mit dem Blödsinn. Reservat. Problem: Wie komm ich rein?

Sam: Da Eminenz wohl kaum im Panzerkonvoi einzureisen wünschen.

Jonas: Nein, Sam, ganz entschieden nein. Es fährt auch gar kein Konvoi mehr, seit sie den letzten durch Barrikaden blockiert haben und dann geknackt und ausgeräumt.

Sam: Also werden Majestät sich einschleichen müssen. Heimlich und verkleidet als Freak.

Jonas: Klar. Frage: Als was für ein Freak?

Sam: Such dir was aus, alter Knabe: Fixer, Guerillero, Gestapo, RAF, Ledernacken, Wehrmacht.

Jonas: Das liegt mir alles nicht besonders, Sammy.

Sam: Schwarzer Punk, weißer Punk, bunter Punk, grüner Freak.

Jonas: Öko-Fan. Müslifresser. Müslifresser, machen wir das doch.

Sam: Gebe pflichtschuldigst zu bedenken, daß Herr Oberst in diesem Falle keine Waffe bei sich tragen dürften. Ausgenommen vielleicht ein Taschenmesser. Um Nüsse zu knacken.

Jonas: Keine Sorge, Sam. Jonas wird’s auch so schaffen. Was ich aber unbedingt brauche, das bist du, Sam. Will sagen, eine unauffällige Möglichkeit, Sam zwo mitzunehmen.

Jonas: Sam zwo ist Sam in Miniausführung. Eine drahtlose Extension, durch die ich überall und jederzeit in Verbindung stehe mit Sam eins, dem großen Speicher und Terminal im Büro. Ich kann zwar auch ohne Sam auskommen, in Routinefällen, und wenn er mir mit seinem Gerede noch mehr auf die Nerven geht, als üblich. Aber auf so gefährlichem Pflaster wie dem Reservat wollte ich das lieber nicht probieren.

Sam: Herr General, schlage vor, Sam zwo aufzuteilen. Empfänger in Ohrring, Sender in Nasenring. Derartiger Schmuck gehört zur obligatorischen Grundausstattung jedes grü… Scheiße… jedes grünen Freaks, der auf sich hält.

Jonas: Und wenn so ein Typ ab und zu mit sich selber redet, fällt das im Reservat nicht weiter auf. Sehr gut, Sam. Was brauchen wir?

Sam: Vor allen Dingen einen sanftmütigen Ausdruck auf dem Antlitz, o Schrecken deiner Feinde.

Jonas: Da werde ich mir aber ein bißchen Mühe geben müssen. OK, was noch?

Jonas: Die korrekte Aufmachung bestellte ich über Service-Text bei Freak-out am Markgrafenboulevard. Nicht gerade billig, aber das lief natürlich unter Spesen. Dann ein paar Minuten Arbeit mir Rasierapparat und grüner Farbe, und mein seliges Mütterlein hätte ihren Jonas nicht wiedererkannt. Sam konnte mir sagen, wo die elektronische Käseglocke eine Lücke hatte, noch eine kurze Mitteilung an Frau Marcus-Pallenberg, und fünf Minuten vor Mitternacht, am 12. August 2009, stand ein grüner Freak an der Reservatsmauer. “Irre sind menschlich” hatte einer rangesprayt. Ganz meine Meinung. “Sonne oder Regen, ich bin dagegen”. Dafür hatte ich volles Verständnis. Kilroy war natürlich auch hier gewesen, vor langer Zeit. Jetzt war nur Jonas hier. Und Jonas fühlte sich unbehaglich. Und einsam. Wie einst Lilly Marlene.

Sam: Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, steht eine Laterne, und steht sie noch davor.

Jonas: Sei still, Sam.

Sam: Lalalalala…

Jonas: Still. Gib mir lieber die Berechnung der Erfolgschancen.

Sam: Mit Wonne, großer Vorsitzender. Die Wahrscheinlichkeit, gegenwärtiges Unternehmen zu einem erfolgreichen Ende zu führen, beträgt zur Zeit genau 0, 9999.

Jonas: Also 2 zu 8.

Sam: Oder auch 1 zu 4. Nicht eben günstig, wenn eure Lordschaft mir diese kommentierende Wertung gestatten.

Jonas: Ach weißt du, Sammy. Wenn wir schon an Zahlen denken, dann doch lieber an die 200 Euros pro Tag.

Sam: Und Spesen.

Jonas: Und Spesen. Genau. Und mit diesem tröstlichen Gedanken im Hinterkopf wollen wir mal.

Jonas: Da wo ich stand, hatte die Mauer diverse Löcher und Vorsprünge. Ich zog mich hoch, dabei tat mir wieder mein verlängerter Rücken weh, setzte mich oben rittlings hin, und beschaute das nächtliche Reservat. Der Mond schien durch die Wolken. Jenseits der Mauer sah es kaum anders aus als davor. Dieselbe Ruinenlandschaft. Dieselben verwahrlosten Straßen. Dieselben Schatten. Dieselbe Stille. Nur unterbrochen durch leises Rascheln. Nachtmenschen schlichen durchs Geröll. Also dann, sagte ich mir. Sprung auf, Marsch marsch.

Sam: Alles in Ordnung, Chef?

Jonas: Alles klar, Sam. Uh!

Sam: Was ist los, Boss?

Jonas: Eine Falle, Sammy. Ich bin in was getreten, und jetzt werde ich verschnürt wie ein Postpaket. Eine Bio-Fessel. Mit automatischer Infrarot-Reaktion. Daß die hier im Reservat so was Modernes haben. Ich bin schon komplett eingepackt, Sam. Ich kann mich nicht mehr rühren. Und da kommen auch schon die Fallensteller. Das hat mir gerade noch gefehlt: Zwei schwarze Punks in all ihrer strahlenden Schönheit.

Power: Kuck mal, Push.

Push: Hähähä. Wir haben was gefangen, Power.

Jonas: Die beiden Typen sahen ein bißchen aus wie Lorell und Hardy, falls Sie sich Lorell und Hardy in schwarzem Leder mit Metallbeschlägen vorstellen können. Und mit Laserstrahlern in der Hand. Sie sahen auf mich herunter, und fingen dann ganz gemütlich an, mich mit ihren schweren Stiefeln zu bearbeiten. Profiklasse waren sie nicht, aber ich bin auch schon schlechter getreten worden.

Power: Was soll denn das sein, Push?

Push: Komisches Ei, Power.

Power: Sieht fast aus wie ein Freak, Push.

Push: Viel zu alt für `nen Freak, Power.

Power: Grüner Greis, Push.

Push: Freak-Opa, Power.

Power: Ätzend.

Push: Geil.

Power: Total tierisch.

Push: Elefantengeil.

Power: Hast du schon den Witz gehört, Push?

Push: Was für `nen Witz, Power?

Power: Da sind ein paar black Punks, und die fangen sich zwei Müslifresser. Einen haben sie vereist, und der andere mußte ihn fressen. Und weißt du, was der Witz ist? Der andere war Vegetarier.

Push und Power: Hahahahahahaha…

Jonas: Ha-Ha, ich lach mich tot.

Power: Hast du gehört, Push?

Push: Tot hat er gesagt, Power.

Power: Gar nicht so dumm, der Freak-Opa.

Push: Hat echt Durchblick, der Müsli-Greis.

Power: Vereisen wir ihn gleich oder verkaufen wir ihn lebendig an die Kannibalen?

Push: Treten wir ihn doch noch ein bißchen, Power.

Power: Ahh!

Push: Power, Power, sag doch was. Was ist, Power?

Jonas: Siehst du doch, man hat ihn gelasert, oder vereist, wie das bei euch heißt.

Push: Ahh!

Jonas: Der nächste bitte.

Sam: Sofern Hoheit die Frage gestatten, was ist geschehen?

Jonas: Wenn ich das wüßte, Sammy. Irgend jemand hat die beiden Punks mit dem Laser erledigt.

Sam: Wer, o Vater des Scharfsinns?

Jonas: Jemand im Schatten. Kommando zurück, Sam. Kein jemand. Eine Jemandin. Und was für eine.

Jonas: Es war eine junge Frau, die vor allem aus sich selbst bestand. Dazu aus hohen Stiefeln, und einem breiten Leder-Gürtel, dessen Schnalle das Zeichen des F.K.K. trug, des Feministischen Kampf-Korps, ein blutrotes Schwert über einem lila Kreis. Nicht zu vergessen der Laserstrahler, mit dem sie Push und Power erledigt hatte. Und der jetzt auf mich gerichtet war. Wunderbar. Erst Punks, dann F.K.K. Vom Regen in die Traufe. Damals bei den Unruhen, hatten sich die F.K.K.-Mädchen ganz besonders hervorgetan. Sie hatten auf alle geschossen. Auf Freaks, Polizisten, Ein- Um- und Aussteiger. Nur männlich mußten sie sein. Das Motto des F.K.K. lautet: Kein Schwanz bleibt ganz. Jetzt war offenbar Jonas an der Reihe.

Nada: Wie sagte frau in der bösen alten Chauvi-Zeit: Aller guten Dinge sind drei.

Jonas: Nichts überstürzen, immer mit der Ruhe. Cool bleiben.

Nada: Na wenn ich dich so ansehe, bist ja doch schon ein ganz schön alter Sack. Weißt du was, ich hab heut meinen soften Tag. Hör auf zu bibbern, ich tu dir nichts. Bist sowieso bald dran, Alter.

Jonas: Machst du mir die Bio-Fessel ab? Vor mir brauchst du keine Angst zu haben.

Nada: Ich Angst vor dir? Halt still.

Jonas: Sam, bist du da, Sam?

Sam: Sam ist da, Majestät, und Sam verfolgt gebannt dero unglaubliche Abenteuer. Was geschieht?

Jonas: Sie brennt mir die Bio-Fessel ab, mit ihrem Laser. Sehr geschickt. Bleib weiter dran, Sammy. – Danke.

Nada: Ich bin übrigens die Nada.

Jonas: Angenehm, dann heiß ich Nemo.

Nada: Von mir aus. Setz dich. Willst du auch nen Joint? Na, prima Tabak. Aber als Grün-Freak rauchst du ja nicht.

Jonas: So saßen wir denn friedlich beisammen. Im Schatten der Mauer. Nada und ich. Meine rechte Hinterbacke tat mir weh. Und auch mein Magen, der sich wochenlang friedlich verhalten hatte, meldete sich wieder. Kein Wunder bei dem Streß hier. Trotzdem hätte ich gern einen Schluck Whiskey gehabt. Aber als waschechter Müslimann durfte ich das natürlich nicht kundtun. Und noch einen Wunsch hatte ich, als ich Nada aus nächster Nähe sah, einen richtig altmodischen Chauvi-Wunsch. Den mußte ich auch für mich behalten. Vorsichtshalber. Ich wußte ja, was Nada mit Männern machte, gegen die sie was hatte.

Nada: Gammelst du nur so rum oder hast du was Bestimmtes vor?

Jonas: Ich bin auf der Suche.

Nada: Sind wir doch alle.

Jonas: Ich suche einen Typ namens Zombie.

Nada: Zombie, Zombie…

Jonas: Produziert Holos.

Nada: Ach der Zombie. Und zu dem willst du? Ganz schräge Idee, Alter. Wer zu dem geht, der taucht meist nicht wieder auf. Zombie hat einen großen Verschleiß, wenn er seine Holos macht.

Jonas: Hab ich gehört. Mord und Totschlag.

Nada: Und Massaker und Folter und Blutbäder. Und alles echt.

Jonas: Ich muß trotzdem hin. Weißt du, wo Zombies Studio ist?

Nada: Hier lang, immer gerade aus. Dahinter rechts im Niemandsland. Zwischen Freakadelien und Turkistan.

Jonas: Also dann.

Nada: Hast du keine Waffe?

Jonas: All you need is love, Schwester.

Nada: Lennonid bist du auch noch.

Jonas: Nicht direkt. Ich bin eher für Sankt Jonas.

Nada: Nie gehört.

Jonas: Schade.

Nada: Sei vorsichtig. Die Türken haben Vorposten im Niemandsland. Wenn die einen Freak schnappen, gehen sie recht ungut mit ihm um. Machs gut, Alter.

Jonas: Ich schlich durchs Niemandsland und hielt mich im Schatten von Häusern und Ruinen. Alles war still. Nur in der Ferne die fast unhörbaren Geräusche der Nachtmenschen. Und noch weiter weg, ein merkwürdiges Rattern und Knattern. Es hörte sich an wie ein Motor, ein Benzinmotor in einem Auto. Mir wurde ungeheuer nostalgisch. Ich dachte an schwarze Limousinen in Chicago und anderswo, an Bogart, mit zwei Fingern am Lenkrad, an Maschinenpistolen, die Feuer und Tod aus Autofenstern spuckten. Ich hätte besser an Laserstrahler denken sollen, denn was sich da plötzlich auf meinen grünen Bauchnabel richtete, das war ein Laserstrahler. Ein Laserstrahler in der Hand eines dicken Kerls in Turban und Pumphosen, und neben ihm stand noch so einer, natürlich auch mit Strahlerchen. Ich hatte allmählich die Nase voll von Typen, die mir Laser unter dieselbe hielten.

Türke: Hände schön oben, Kollege. Ganz ruhig. Du Freak, Kollege?

Jonas: Iwo. Ich bin die Bürgermeisterin von Babylon.

Türke: Lüge! Du Freak, Kollege. Wir nicht lieben Freaks.

Jonas: Muß ja nicht sein, Kollege, also, dann will ich mal wieder rüber, ne, in meine Gegend.

Türke: Halt! Freaks auslöschen Türken, Türken auslöschen Freaks. Mitkommen.

Jonas: Hör doch mal zu, ich bin ein grüner Freak, ich tu keiner Fliege was. Und gegen Türken hab ich schon gar nichts. Ich mag Türken. Janitschar. Heula. Mokka mit viel Zucker…

Türke: Schnauze! Mitkommen. Oder Loch in Bauch.

Jonas: Ja, wenn ihr mich so nett darum bittet.

Türke: Los, Kollege, Bewegung. Dalli Dalli!

Jonas: Erst ging’s über einen Graben, dann durch Ruinen im Zickzack zu einem noch ziemlich intakten Hochhaus am Kanal, wo wir die Treppen hochstiegen bis in den 10. Stock. Überall standen die Pumphosen-Jungs rum. Schwer bewaffnet, grimmig blickend. Und besonders grimmig kuckten sie auf einen armen Freak, der gar keiner war, und in Wirklichkeit Jonas hieß. Eine Tür wurde aufgestoßen, ich war mitten in 1001 Nacht. In 1001 Nacht, wie sie sich der kleine Ali vorstellen mochte, der seit Jahrzehnten im Reservat untergetaucht war, der kein richtiger Türke mehr war, aber auch kein Babylonier. Der eine Pidgin-Sprache redete, und sich eine Pidgin-Kultur erfunden hatte. An den Wänden hingen Teppiche aus dem Kaufhaus, in einer Ecke hockten Musikanten, die uns was pfiffen und trommelten, nicht schön, aber laut, davor tanzte eine nicht zu übersehende Dame heftig Bauch, ansonsten Pumphosen in Hülle und Fülle, um einen Mann herum, der allem Anschein nach die Ober-Pumphose darstellte. Er war nämlich noch dicker als die übrigen. Hatte einen noch größeren Turban. Und einen noch grimmigeren Blick.

Türke: Großmächtiger Padischa, erhabener Sultan Suleiman, hier dieser Freak gefangen an Grenze zu Turkistan.

Sultan Suleiman: Ah, oh, du Spion, Kollege.

Jonas: Aber nicht doch.

Sultan Suleiman: Auslöschen Freaks, auslöschen Spione.

Jonas: Nun mal langsam, alter Freund, ja. Aua.

Türke: So nicht reden zu Großherr von Turkistan, Kollege.

Jonas: Das Gefühl habe ich auch. Now ist the time for all good friends, Sammy, wenn sich einer auskennt mit Titel, Anreden und so, dann bist du das, hilf mir gefälligst.

Sam: Bitte mir nachzusprechen, Meister.

Jonas: OK, schieß los, Sammy.

Sam/Jonas: O erhabenes Großherr.

Sam/Jonas: Machtvoller Beherrscher der Gläubigen.

Sam/Jonas: Sonne von Weltall.

Sam/Jonas: Wonne in Erdkreis.

Sam/Jonas: Großmächtiger Sultan.

Sam/Jonas: Sei gnädig und lasse Erbarmen walten.

Sultan Suleiman: Ja, so gut, Kollege, so prima. Aber nichts bringen! Auslöschen Freak. Setzen auf Pfahl, Stecken in Sack, Schmeißen in Kanal.

Jonas: Bis jetzt hatte ich es im Guten versucht. Aber wenn die Herren Reservatstürken unbedingt wollten, bitte sehr, Jonas konnte auch anders. Ein Griff in den Stiefelschaft, ein Sprung, ich hatte den Sultan bei der Skalplocke und drückte ihm mein Messer an die Halsschlagader. Ob dieser Entwicklung der Dinge geriet der gesamte Hofstaat in begreifliche Unruhe.

Türken: Ah!

Jonas: So Majestät, jetzt gehen wir zusammen ans offene Fenster. Ich hoffe sehr, daß Ihre Paschas und Be sich ganz still und friedlich verhalten. Vor allem ihretwegen. Ich müßte Sie sonst auslöschen, und das wäre doch schade, ein so gewichtiger Mann, und Sultan dazu. So, alle bleiben auf ihren Plätzen, keiner kommt mir zu nahe. Soweit, so gut, was nun, Sammy?

Sam: Was befindet sich vor dem Fenster, Exzellenz?

Jonas: Sehr viel Luft, Sam, wir sind im 10. Stock.

Sam: Zweifellos, Herr Direktor, und unten?

Jonas: Unten, der Kanal.

Sam: Aha.

Jonas: Du meinst.

Sam: Na klar, Kumpel. Springen.

Jonas: Klar, lächerliche 30 Meter.

Sam: Wüßte nicht, was Durchlaucht sonst übrig bliebe.

Jonas: Ich leider auch nicht, Sammy. Leben Sie wohl, erhabene Sultan. Jeronimo.

Jonas: Ein Tritt dahin, wo er am dicksten war, beförderte Sultan Suleiman zurück in den Saal. Ein paar Augenblicke lang standen die Höflinge da wie erstarrt. Und als sie sich wieder rührten, war ich schon unten angekommen, und schwamm durch eine zähe, stinkende Brühe ans gegenüberliegende Ufer. Ein kurzer Klimmzug, wieder Schmerzen rechts hinten, aber ich rannte trotzdem los. Was sein muß, muß sein. Etwa 10 Millionen Türken waren hinter mir her, mir Gebrüll und mit Lasern. Und weil ihnen offenbar nichts wehtat, kamen sie immer näher. Die Situation erschien entschieden verbesserungsbedürftig. Als die schnellsten Verfolger nur noch wenige Meter entfernt waren, schoß plötzlich aus einer Seitenstraße ein Fahrzeug und blieb neben mir stehen. Mit offener Tür.

Nada: Steig ein, Alter.

Jonas: Nada.

Nada: Wundern kannst du dich später, nun steig schon ein, sonst haben Sie dich.

Jonas: Ein Benzinauto. Ein echtes Benzinauto. Wie lange bin ich in so was nicht mehr gefahren? 15 Jahre? 16 Jahre?

Nada: Im Reservat gibt’s noch ein paar.

Jonas: Das sehe ich. Und woher habt ihr das Benzin?

Nada: Manchmal finden wir ein unterirdisches Lager. Aus der alten Zeit. Als es noch Benzin zu kaufen gab. Und Autos noch nicht verboten waren. Das Reservat ist groß.

Jonas: Wo fahren wir eigentlich hin?

Nada: Wolltest du nicht zu Zombies Holostudio? Wir sind da.

Jonas: Ja, ich seh kein Studio. Nur ein Ruinenfeld. Und `nen kleinen Holzschuppen.

Nada: Eben. Der Schuppen ist das Studio. Das heißt, der Eingang zum Studio. Zombie arbeitet unter der Erde. Er scheut das Tageslicht. Mit recht.

Jonas: Ja, dann noch mal vielen Dank, Nada.

Nada: Hier, Alter. Falls du Probleme kriegst da unten. Machs gut.

Jonas: Damit drückte sie mir ihren Laserstrahler in die Hand. War doch mal ne nette Abwechslung, selber so ein Ding zu haben. Nützlich war’s auch. In der Bretterbude saß ein unfreundlicher Kraftmensch über Loch und Leiter, die nach unten führten. Und der war erst dann bereit, mit sich reden zu lassen, als ich ihn in die Mündung des Strahlers gucken ließ.

Wächter: Wie soll die heißen? Cora, Cora…

Jonas: Cora Marcus-Pallenberg.

Wächter: Nie gehört.

Jonas: Und so sieht sie aus.

Wächter: Nie gesehen. Hier. Gibt’s nicht bei uns. Bestimmt nicht. Hat’s auch nie gegeben.

Jonas: Ach ja, dein Chef hat sie gestern mitgebracht. Von draußen.

Wächter: Zombie? Quatsch, Zombie war schon vier Wochen nicht draußen, mindestens.

Jonas: Ach nein.

Wächter: Ach ja.

Jonas: Mach Platz, ich will mich unten mal umsehen.

Wächter: Nix. Niemand darf runter.

Jonas: Ach ja.

Wächter: Ah.

Jonas: Mit dem Laser legte ich ihn für ein paar Stunden schlafen. Dann tauchte ich ab in die Unterwelt. Und das meine ich ganz wörtlich. Was sich in den unterirdischen Produktionsräumen tat, war die Hölle. Es wurde gerade ein lehrreicher historischer Streifen gedreht, Argentinien 78 oder Schreie aus dem Keller. Sehr dokumentarisch. Sehr realistisch. Mit großem Verschleiß, wie Nada sich ausgedrückt hatte. Ich habe einiges schlimme gesehen, im Antarktischen Krieg und als Detektiv. Das hier war schlimmer. Ich fühlte mich versucht, als edler Ritter von der Tafelrunde mit meinem Laserschwert aufzuräumen, aber es waren zu viel Drachen da. Einerseits. Und andererseits hatte ich das Gefühl, daß ich ganz vordringlich ein paar Dinge klären müßte, die mich persönlich betrafen. Also stellte ich meine Fragen und stieg dann ganz schnell wieder nach oben.

Jonas: Also, Sammy, die Sache sieht so aus: Alle hier sagen dasselbe: Eine Cora Marcus-Pallenberg kennen sie nicht. Haben sie auch nie gesehen. Und Zombie ist seit Wochen im Reservat. Er war also nicht draußen bei den Marcus-Pallenbergs. Er hat Cora nicht ins Reservat mitgenommen, das steht fest.

Sam: Daraus ergibt sich, o weiser Sherlock Holmes, Frau Marcus-Pallenberg hat gelogen.

Jonas: Elementar, mein lieber Watson. Frage: Warum hat Frau Marcus-Pallenberg gelogen. Au.

Sam: Wieder Schmerzen, mein Herr und Gebieter?

Jonas: Jawohl, und wieder die rechte Hinterbacke. Möchte wissen, was ich mir da geholt habe. Hallo.

Sam: Wie belieben?

Jonas: Da ist was, Sammy. Unter der Haut. Was Festes.

Sam: Empfehle dringend, besagtes festes Objekt zu entfernen.

Jonas: So, und wie?

Sam: Herausschneiden, mittels dero Hoheit Taschenmesser.

Jonas: Hat das nicht Zeit, Sam, bis wir wieder in der Zivilisation sind, der sogenannten?

Sam: Nein, Holzkopf, rausschneiden, fix.

Jonas: Wenn’s denn sein muß.

Sam: Und vorsichtig, Boss, ganz ganz vorsichtig.

Jonas: Auch dieses, Sammy. So. Du hast den richtigen Riecher gehabt, Sam. Eine Bombe. Eine implantierte Mini-Bombe aus Plastkonzentrat. So groß wie ein Eurostück. Das reicht für ne mittlere Kleinstadt.

Sam: Aus diesem Grunde sind Eminenz betäubt und entführt worden.

Jonas: Genau Sam, Maske hat mir die Bombe untergeschoben, im wahren Sinne des Wortes. Aber warum denn bloß? Was wird hier gespielt? Kannst du mir das sagen?

Sam: Gewiß, o Rächer der Enterbten. Herr Theo Maske ist Direktor einer legalen Holovisions-Produktion. Diese Produktion hat erhebliche finanzielle Einbußen zu verzeichnen. Der Grund: Die von Zombie hergestellten echten Mord- und Folter-Holos sind weitaus erfolgreicher als Herrn Maskes Produkte. Herr Maske hat also allen Anlaß, sich der gefährlichen Konkurrenz zu entledigen. Da Zombie seine Produktion im Reservat betreibt, ist er für Herrn Maske direkt nicht erreichbar. Herr Maske geht daher indirekt vor. Er schickt einen nichts ahnenden Bombenträger ins Reservat, eine lebende Bombe.

Jonas: Halt mal, das stimmt so nicht. Maske hat mich nicht geschickt. Das war Frau Marcus-Pallenberg, weil ich ihre Tochter aus dem Reservat holen sollte.

Sam: Ein unzutreffender Vorwand, wie sich nunmehr herausstellt, euer Denkwürden. Cora Marcus-Pallenberg hat das Reservat überhaupt nicht betreten.

Jonas: Moment. Moment, Sam. Ich hab ne Idee.

Sam: Ich höre und staune, Hoheit.

Jonas: Wem gehört der Laden?

Sam: Laden? O Brunnen des Tiefsinns?

Jonas: Lust & Qual, die Holofirma, wo Maske Direktor ist.

Sam: Einen Augenblick, Chef. Piep. Besitzer der Firma laut Handelsregister: Orsonsche Erben.

Jonas: Und wer sind die Orsonschen Erben?

Sam: Momentchen Boss. Piep. Es gibt nur einen Orsonschen Erben. Der Name: Dahlia Marcus-Pallenberg.

Jonas: Na bitte. Das ganze ist ne abgekartete Sache. Alle stecken unter einer Decke. Maske, die Marcus-Pallenberg und natürlich auch…

Sam: Bitte die Unterbrechung ihrer erhabenen Gedankengänge zu verzeihen, großer Lehrmeister, doch wäre es höchst ratsam, vor allen weiteren ohne Zweifel hochinteressanten Schlußfolgerungen die Bombe abzulegen und schleunigst von dannen zu eilen. Jeden Augenblick kann durch elektronische Zündung eine Explosion ausgelöst werden.

Jonas: Apropos Zündung, aus welcher Entfernung kann die Bombe gezündet werden?

Sam: Bei einer Mini-Bombe, wie Exzellenz Sie in sich herumtrugen, beträgt die maximale Zündungsdistanz 500 Meter.

Jonas: Aha. Na dann weiß ich den richtigen Platz für Maskes Liebesgabe.

Jonas: Es war kein Problem, die kaum mehr als fingernagelgroße Bombe gut unterzubringen, und als ich mich dann dranmachte, von dannen zu eilen, wie Sam mir geraten hatte, wer stand vor der Tür und wartete auf mich? Natürlich Nada. Nada, die Unvermeidliche, die Allgegenwärtige, Nada, mein Schutzengel, immer zur Stelle, wenn ich Schwierigkeiten hatte und Hilfe brauchte.

Nada: Gib mir den Laser zurück, Alter. Danke. Hast du gefunden, was du suchst?

Jonas: Mehr oder weniger.

Nada: Such’s noch mal.

Jonas: Wieso?

Nada: Du gehst wieder runter, Alter.

Jonas: Nicht nötig, ich bin hier fertig.

Nada: Im Gegenteil, Alter, dein großer Auftritt kommt erst. Runter mir dir. Tut mir leid, Alter, so ist das nun mal. Machs gut.

Jonas: Nada, die so selbstlos dafür gesorgt hatte, daß ich mein Ziel erreichte, die dafür gesorgt hatte, daß die Mini-Bombe ihr Ziel erreichte, mit Jonas natürlich, aber Jonas war nur Transportmittel, und würde bald entbehrlich sein. Alles war klar, sonnenklar, laserklar, bombenklar. Ich machte ein dummes Gesicht, fällt mir nicht schwer, ging langsam zurück in den Schuppen, und zog die Tür hinter mir zu. Blitzschnelles Umschalten in den Schnellgang, ich riß das Fenster auf der gegenüberliegenden Seite auf, sprang raus, rannte, rannte um mein Leben. Ich wußte, was gleich passieren würde… Nada löste die Zündung aus, die Bombe explodierte, und nahm mit sich hoch, Nadas Laserstrahler, daran hatte ich sie festgemacht, Nada selbst, ein Benzinlager, auf dem sie gestanden hatte, ohne es zu ahnen, Zombies höllische Holo-Produktion, diverse Ruinen, Geröllhalden, und beinahe auch Jonas, der kräftig durchgeschüttelt wurde, sich ein paar dicke Beulen holte, nur mit Mühe über die Mauer kam, und nach Hause humpeln mußte. Und hier, Magen hin, Magen her, trank ich meinen ganzen Whiskey-Vorrat aus, verbissen und zielstrebig, und fiel dann ins Bett. Als ich aufwachte, war es heller Tag. Ich hatte einen miesen Geschmack im Mund, und ein mieses Gefühl innen drin. Und mir wurde nicht besser, als ich den News-Kanal einschaltete.

Nachrichten-Sprecherin: Aus unbekannter Ursache kam es in den heutigen frühen Morgenstunden zu einem Großfeuer im Bereich des sogenannten Reservats. Über den entstandenen Schaden gibt es noch keine genaue Übersicht. Wie verlautet, wurde ein illegales Holovisions-Studio völlig vernichtet, wobei erhebliche Opfer an Menschen und Material zu beklagen sein sollen. – Ein Terroranschlag der Kusbekischen Befreiungsfront hat, wie der Pressesprecher der…

Jonas: Also Schwamm drüber und Strich drunter. Oder?

Frau Marcus-Pallenberg: Hallo?

Jonas: Jonas hier.

Frau Marcus-Pallenberg: Wa… Was?

Jonas: Überrascht, Frau Marcus-Pallenberg?

Frau Marcus-Pallenberg: Ja, äh nein nein, nein, wieso? Warum sollte ich überrascht sein?

Jonas: Weil Jonas eigentlich tot sein müßte. Im Reservat. In Zombies Holostudio. In vielen tausend kleinen Stücken.

Frau Marcus-Pallenberg: Was reden Sie? Haben Sie getrunken? Übrigens, da Sie gerade anrufen, Cora ist wieder da.

Jonas: Sie setzen mich in Erstaunen, Frau Marcus-Pallenberg.

Frau Marcus-Pallenberg: Ja, die Sache war ein Irrtum. Damit ist mein Auftrag gegenstandslos. Ich brauche Sie nicht mehr.

Jonas: Legen Sie nicht auf, Frau Marcus-Pallenberg. Ich hätte mich gerne noch mit Ihnen unterhalten.

Frau Marcus-Pallenberg: A ja, ich verstehe, schicken Sie Ihre Rechnung ein, ich will sehen, was sich tun läßt.

Jonas: Nicht darüber, Frau Marcus-Pallenberg. Über den Konkurrenzkampf in der Holo-Industrie, und über eine gewisse Bomben-Idee. Wissen Sie, Jonas hat es gar nicht gern, wenn man ihn a) für dumm verkauft, und b) als lebende Bombe mißbraucht.

Frau Marcus-Pallenberg: Sie reden irre. Sehen Sie sich vor. Wenn Sie derartiges in der Öffentlichkeit wiederholen, werden wir Sie belangen, Maske und ich. Sie können nichts beweisen.

Jonas: Solche Auftraggeber loben wir uns, was Sammy?

Sam: Pflegt es sich denn nicht stets so zu verhalten, o großer Sekretär des Politbüros?

Jonas: Ich versteh nicht, Sam, was pflegt sich wie zu verhalten?

Sam: Entpuppt sich nicht in der Regel der Auftraggeber als der wahre Bösewicht, hinter den Kulissen?

Jonas: O Sammy, ich hab dich wohl zu viel mit Chandler gefüttert.

Sam: Durchlaucht belieben zu irren. Wie war es denn erst kürzlich im Fall um die Raumstation Safari?

Jonas: Safari? Kein Vergleich, Sam, gar kein Vergleich. Diesmal war alles Schwindel. Von A bis Z. Alle haben mich angelogen. Die Marcus-Pallenberg. Maske. Nada. Und für Nada hatte ich wirklich was übrig.

Sam: Kopf hoch, Kumpel, vergiß es, ein neuer Tag, ein neues Glück, das Leben geht weiter, und wenn die Welt voll Teufel wär.

Jonas: Nur Computer sind anständig. Computer lügen nicht. Alle Kreter lügen immer. Jeder Mensch sagt jederzeit die Unwahrheit. Der Computer nie. Dafür sagt er oft Blödsinn, oder Sam?

Sam: Unzureichende Daten, o du GröJAZ.

Jonas: Wie bitte?

Sam: Größter Jonas aller Zeiten.

Jonas: Meine Rechnung hab ich später doch noch eingereicht. Honorar für einen Arbeitstag, Spesen, Schmerzensgeld. Nicht viel, aber besser als die Volksrente allemal. Frau Marcus-Pallenberg hat anstandslos gezahlt. Stolz ist was feines, aber Stolz kann man nicht essen. Und trinken auch nicht. Ich mußte mir doch einen neuen Whiskey-Vorrat anlegen.

Das war Reservat. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus. Sein Supercomputer Sam war Joachim Wichmann. Es wirkten außerdem mit: Astrid Jacob, Madeleine Stolze, Michael Gahr, Michael Habeck, Erich Hallhuber, Joachim Höppner, Herbert Weicker, und andere (Bernd Stephan, Ilse Neubauer). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Heiner Schmidt. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1984). Redaktion: Dieter Hasselblatt und Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Schlachthaus

Jonas: So fangen die meisten meiner Fälle an: Ein Typ sitzt in meinem Büro, rutscht auf dem Stuhl rum, und weiß nicht so recht, ob er mir überhaupt erzählen soll, weshalb er gekommen ist. Wie gesagt, so fangen die meisten meiner Fälle an. Dieser nicht.

Oberkellner: Darf ich Ihnen jetzt die Speisekarte vorlegen, mein Herr?

Jonas: Ich warte noch.

Oberkellner: Gestatten Sie mir die Bemerkung, mein Herr, Sie warten bereits eine halbe Stunde. Wenn Sie schon nicht essen wollen, dann vielleicht wenigstens noch einen Whiskey?

Jonas: Danke. Wissen Sie, falls meine Verabredung nicht kommt, muß ich die Rechnung selber zahlen. Und bei Ihren Preisen.

Oberkellner: Verstehe. In diesem Fall muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß Ihr Tisch benötigt wird.

Jonas: Ach, wann?

Oberkellner: In wenigen Minuten, mein Herr, praktisch sofort.

Jonas: Dieser Fall fing damit an, daß ich auf dem Stuhl rumrutschte. Und nicht bei mir im Büro. In einem Lokal. Nicht in irgendeinem Lokal. Das Escargot war ein feines Lokal. So fein, daß es sich sogar einen menschlichen Oberkellner leistete. Nicht das richtige Ambiente für Jonas. Der ist eher an den Fressomaten um die Ecke gewöhnt. Datum der Rutscherei, nicht daß es irgendwie wichtig wäre, 20. September 2009.

Oberkellner: Darf ich Sie bitten, auszutrinken, mein Herr.

Jonas: Sie schmeißen mich raus.

Oberkellner: Wenn Sie es so auszudrücken wünschen, mein Herr.

Brendel: Jonas, nehm ich an.

Oberkellner: Sie sind mit diesem, diesem Herrn verabredet, Herr van…

Brendel: Pst. Pst. Josef. Keine Namen. Bringen Sie mir ein Glas Wasser. Und die Speisekarte.

Oberkellner: Glas Wasser, Speisekarte, sehr wohl, Herr äh…

Brendel: Pst. Sie sind pünktlich, Jonas. Das freut mich.

Jonas: Sie sind unpünktlich. Und Sie haben mir am Fon einen falschen Namen genannt. Sie heißen nicht Pankreas.

Brendel: O nein, zum Glück nicht.

Oberkellner: Das Glas Wasser, bitteschön, die Speisekarte, Herr…

Brendel: Pst. Hechtklößchen. Lammrücken. Trodosie. Alles synthetisch natürlich, aber ich versichere ihnen, so ausgezeichnet zubereitet, daß Sie den Unterschied kaum spüren. Walsteak a la Ninive. Wäre das nicht was für Sie, Jonas?

Jonas: Witzig. Wünsche guten Appetit.

Brendel: Aber mein Bester, nicht gehen. Bitte. Sie müssen mich verstehen. Ich bin ein bißchen nervös. Und vorsichtig. Mit Menschen Ihres Schlages habe ich mich noch nie abgeben müssen.

Jonas: Das wäre auch unwahrscheinlich gewesen. Ich bin nämlich der letzte. Der letzte Privatdetektiv. Und der einzige. Wenigstens in Babylon. Konkurrenzlos. Ein aussterbender Beruf. Wer braucht schon einen Detektiv?

Brendel: Ich. Ich brauche einen. Einen Privatdetektiv. Tüchtig. Diskret.

Jonas: Möglichst stubenrein.

Brendel: Und nicht all zu vorlaut. Unter welchem Sternbild sind Sie geboren, Jonas?

Jonas: Stier. Warum?

Brendel: Ich bin Krebs. Ich bin Krebs, und ich habe Krebs. An der Bauchspeichel-drüse. Deshalb mein Pseudonym, Pankreas. Bauchspeicheldrüse. Verstehen Sie?

Jonas: Er war ein Witzbold. An der Oberfläche. An der gut frisierten, mani- und pedikürten, nach letzter Mode drapierten und bemalten Oberfläche. Darunter hatte er scheußliche Angst.

Brendel: Ich muß eine neue haben. Eine neue Bauchspeicheldrüse. Dringend.

Jonas: Und wo ist der Haken?

Brendel: Tja, kurz gesagt, ich habe den falschen Beruf.

Jonas: Was machen Sie?

Brendel: Ich bin Psychagoge.

Jonas: Welche Richtung? Klassisch, anal, para, meta, hypo?

Brendel: Para. Meine Spezialität ist der Tarot. Aber ist stelle auch Horoskope. Eurasisch, chinesisch, kalifornisch, wie Sie wollen.

Jonas: Parapsychagoge. Dann ist Ihr sozialer Nützlichkeitsstatus so um die 2 oder 3.

Brendel: 2, 25. Genau.

Jonas: Nur ein Ideechen besser als ein Privatdetektiv. Sie stehen also auf Orgalist ganz unten.

Brendel: Und wenn ich dran bin mit der Zuteilung, dann brauch ich keine Bauchspeicheldrüse mehr, dann bin ich schon längst in der Vase.

Jonas: Vermutlich.

Brendel: Nun ist aber andererseits die Parapsychagogie recht lukrativ, darum habe ich mir überlegt, ich meine, ich dachte, da gibt es doch so was wie, ich meine, ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll…

Jonas: Er war so mysteriös wie ein gelöstes Kreuzworträtsel. Sehr schön. Merken. Fürs Poesiealbum des Detektivs.

Jonas: Sagen Sie einfach Schwarzmarkt. Schwarzer Organmarkt.

Brendel: Genau. Das meine ich. Aber weil ich mich in solchen Sachen überhaupt nicht auskenne…

Jonas: Soll ich Ihnen ein Organ organisieren.

Brendel: Köstlich. Sie haben den Nagel mitten ins Gesicht getroffen. Scherz beiseite. Sie, Jonas, besorgen mir eine Bauchspeicheldrüse. Wie immer. Wo immer. Keine Fragen. Keine Probleme. Sie liefern. Ich zahle. Jeden vernünftigen Preis. Und ihr Honorar natürlich.

Jonas: 80 Euros pro Tag und Spesen.

Brendel: Nicht gerade wenig. Was tun Sie dafür?

Jonas: Nicht gerade wenig. Alles, was ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann.

Brendel: O, Sie haben ein Gewissen? Wie entzückend altmodisch. Und, können Sie?

Jonas: Kann ich was?

Brendel: Meinen Auftrag mit Ihrem Gewissen vereinbaren?

Jonas: Im Prinzip, ja. Nicht 100-prozentig, aber 90 Prozent waren ja auch nicht so schlecht. Wenn ich auf dem Schwarzmarkt eine Bauchspeicheldrüse auftrieb, dann schadet dies schließlich keinem, dachte ich, im Gegenteil. Ich rettete dem pseudonymen Herrn Pankreas das Leben. Geld brauchte ich auch, ich brauche immer Geld. Also ja, dachte ich. Aber ich sagte nicht ja. Noch nicht.

Jonas: Ich werde es mir überlegen. Wissen Sie, ich bin auch vorsichtig. Mit Leuten Ihres Schlages halte ich mich ein bißchen zurück. Ich rufe Sie an, heute noch.

Brendel: Sie wissen doch gar nicht, wer ich bin.

Jonas: Ich bin Detektiv.

Jonas: Das verschlug ihm den Appetit, und er ging. Leicht verstört. Ich wartete noch einen Moment. Ich hatte meine Gründe.

Oberkellner: Sie gestatten, daß ich abräume, mein Herr.

Jonas: Wer war das?

Oberkellner: Der Herr, mit dem Sie verabredet waren? Bedaure, mein Herr. – Ein ganzer Euro? Vielen vielen Dank, mein Herr, aber ich bin nicht bestechlich. Außerdem hat Herr… die Rechnung bereits beglichen. In äußerst großzügiger Weise.

Jonas: Sie irren sich, alter Freund, das ist keine Bestechung und auch kein Trinkgeld.

Oberkellner: Sondern?

Jonas: Kaufpreis. Für das hier. Mehr ist es sicher nicht wert.

Oberkellner: Mein Herr, erlauben Sie. Sie können doch nicht einfach ein Glas einstecken.

Jonas: Das Wasserglas, aus dem Pankreas getrunken hatte. Voller Fingerabdrücke und Speichelspuren. Die Visitenkarte meines Auftraggebers. Ich war ein gebranntes Kind. Gerade in letzter Zeit hatte ich ein paar Fälle erlebt, in denen die Auftraggeber versucht hatten, mich reinzulegen. Aber hier war, wie es aussah, alles OK. Vorläufig.

Sam: Hinterlasser der Fingerabdrücke bzw. Speichelspuren heißt Julian van Brendel. Bürgernummer 77 M 03 03 1961.

Jonas: Beruf?

Sam: Parapsychagoge.

Jonas: Status?

Sam: 2,25, o Stern von Bethlehem.

Jonas: Ich darf vorstellen. Computer, Typreihe Doktor, Versuchsmodell Chrysostomus, McCoy Incorporated, Baujahr 2005, Rufname Sam. Fähigkeiten: fast unbegrenzt. Fehler: nur einer. Sam leidet an verbaler Überfütterung. Er hat zu viele Sprachprogramme im Speicher, und er kommt damit nicht so richtig klar. Ansonsten ist er ein Goldstück. Wenn man sich an seine Ausdrucksweise gewöhnt hat. Und das ist nicht leicht.

Jonas: Jonas hier, ich übernehme den Auftrag, Herr van Brendel, die Bedingungen kennen Sie, ich rufe Sie wieder an. – Hoffentlich bald. Wie kriege ich möglichst schnell einen Fuß in den schwarzen Organmarkt, Sam?

Sam: Keinesfalls über die normalen Datenbänke, euer Wohlerzogenheit. Da in den selben keinerlei Informationen in Bezug auf illegale Praktiken zu finden sein dürfte.

Jonas: Weiß ich selbst, Sam. Dazu brauche ich keinen Computer. Also hintenrum.

Sam: Jawohl, Chef, von hinten durch die Brust ins Auge, haha.

Jonas: Ebenfalls Haha. Frage: wie?

Sam: In der Tat, Prinz Eisenherz, dies ist die Frage.

Jonas: Wie wäre es denn mit der HyPo?

Sam: Darf ich euer Lordschaft zu dero fast überirdischer Auffassungsgabe beglückwünschen. Die Sache hat nur einen ganz ganz kleinen Haken: Den Code für die Datenbank der Hygiene-Polizei kenne ich zu meinem Bedauern nicht.

Jonas: Du nicht, Sammy, aber ich kenne.

Sam: Sie Meister? Kann ich es glauben?

Jonas: Laß mich doch ausreden. Ich kenne jemand, der ihn kennt.

Sam: Diese Frau?

Jonas: Ganz recht, Sam. – Hallo, Judith.

Jonas: Judith hatte ich vor einem halben Jahr kennen gelernt. Beim Testmarktfall. Als ich mich zum ersten Mal mit Frau Professor Caligari anlegte. Oder Caligari mit mir, wie man’s nimmt. Judith war meine Klientin, und wurde meine z.B., meine zeitweilige Beziehung. Ob das ein Gewinn für sie ist, weiß ich nicht. Bei der Testmarktsache hat sie 100.000 Euros kassiert, und das war ein Gewinn. Judith ist beim Ministerium für Statistik und Soziographie. In höherer Position. Sie weiß deshalb mehr als andere. Für einen Detektiv kann das ab und zu nützlich sein.

Judith: Wir sind verabredet, Jonas. Heute Abend im Freiluftpark.

Jonas: Ja, hör mal Judith.

Judith: Ich muß dir was erzählen. Ich soll befördert werden.

Jonas: Schön für dich. Ich hab ein kleines Problem.

Judith: Ich müßte mich allerdings versetzen lassen zur Abteilung Öffentliche Sicherheit.

Jonas: Zur Polizeiverwaltung?

Judith: Ja. Ja.

Jonas: Tu das Judith.

Judith: Ich weiß nicht so recht.

Jonas: Aber sicher. Was meinst du, wo du dann erst überall rankommst. Apropos.

Judith: Du denkst nur an dich, Jonas.

Jonas: Ich denke an meine Fälle, das ist was anderes. Sag mal, Judith, wo würdest du hingehen, wenn du eine neue Bauchspeicheldrüse brauchst?

Judith: Wieso?

Jonas: Illegal, meine ich.

Judith: Du brauchst keine neue Bauchspeicheldrüse, du brauchst ein neues Herz. Und eine neue Beziehung.

Jonas: Trotzdem hat sie mich eine Stunde später angerufen, und mir eine Adresse gegeben.

Judith: After Eight. Das ist eine Bar am oberen Markgrafenboulevard. Der Besitzer heißt Guttapercha. Archimedes Guttapercha.

Jonas: Guttapercha. Weißt du, Judith, unsere Verabredung heute Abend.

Judith: Fällt aus. Alles fällt aus. Bis auf weiteres.

Jonas: Ich hatte das dringende Gefühl, ich sollte über Judith und über mich, und über uns beide mal gründlich nachdenken. Später. Julian van Brendel wartete auf seine Bauchspeicheldrüse. Und ich mußte zum oberen Markgrafenboulevard.

Barkeeper: Was trinken Sie?

Jonas: Whiskey.

Barkeeper: Synth oder echt?

Jonas: Sie haben echten?

Barkeeper: Was Sie wollen. Schottischen. Irischen. Bourbon. 25 Euros.

Jonas: In letzter Zeit verkehrte Jonas vorwiegend in besseren Kreisen. Da wo das Leben furchtbar teuer ist, und ungeheuer exklusiv. Ich bestellte einen doppelten Synth. Der Barkeeper goß ein und verachtete mich. So sehr, daß er mich überhaupt nicht mehr zur Kenntnis nahm. Ich ging auf Wanderschaft. Durch die Hintertür, an der Privat dranstand, über einen Flur, zu einer angelehnten Tür, hinter der jemand am Bildfon sprach. Durch den Türspalt hörte ich ein bißchen mit.

Guttapercha: Nur eine kurze Verzögerung, Frau Professor. Ein, zwei Tage höchstens. Gegen Sturm kann man nichts machen. Sturm ist höhere Gewalt.

Caligari: Das interessiert mich nicht. Wir haben einen Vertrag.

Guttapercha: Ja selbstverständlich, Frau Professor, aber.

Caligari: Alles ist präpariert. Ich muß die Ware haben. Jetzt. Sobald sie in Babelshafen ausgeschifft wird.

Guttapercha: Ja, laß ich sie auf schnellstem Wege zu Ihnen ins Krankenhaus bringen, Frau Professor.

Jonas: Frau Professor, und diese Stimme? War das nicht… Tatsächlich, Frau Professor Caligari. Ich konnte sie deutlich erkennen durch den Türspalt, auf dem Monitor des Bildfons. Was hatte die Chefin von ZIP, vom Zentralinstitut für Populationsforschung, in meinem neuen Fall zu suchen? Das gefiel mir gar nicht.

Caligari: Also, Guttapercha, ich verlaß mich auf Sie. Und wehe Ihnen, wenn ich mich irre.

Guttapercha: Jawohl, Frau Professor, selbstverständlich, Frau Professor. Widerliches Weib. – Ja, kommen Sie rein, die Tür ist auf. – Was wollen Sie?

Jonas: Eine Bauchspeicheldrüse kaufen.

Guttapercha: Und wer sind Sie?

Jonas: Jemand, der `ne Bauchspeicheldrüse kaufen will. Und bar bezahlen.

Guttapercha: Sie haben Pech.

Jonas: Wieso? Bin ich falsch bei Ihnen?

Guttapercha: Nein, bei mir kriegen Sie jedes gewünschte Organ. In bestem Zustand. Bei mir. Nur bei mir.

Jonas: Wo liegt das Problem?

Guttapercha: Es ist nichts da. Alles ausverkauft. Ich warte auf neue Ware. Kann jeden Moment kommen. Rufen Sie mich morgen an. Und jetzt raus mit Ihnen. Falls Sie nicht lesen können, an der Tür da vorn steht privat. Raus mit Ihnen, hab ich gesagt.

Jonas: Noch eine Frage: Mit wem haben Sie eben foniert?

Guttpercha: Meine Assistenten, Mr. Crap und Mr. Turt. Und der Typ hier ist ein neugieriger Zeitgenosse, der zu viele Fragen stellt. Ihr begleitet ihn zur Straße.

Mr. Crap: Friedlich, Chef?

Guttapercha: Wenn er friedlich ist.

Mr. Crap: Alles klar, Chef. Kommen Sie mit.

Jonas: Die beiden sogenannten Assistenten mit den ansprechenden Namen setzten mich freundlich vor die Tür. Und weil es spät war, und ich nichts Besseres vorhatte, ging ich nach Hause. Apartment plus Büro, 22 Quadratmeter. Trautes Heim. Ich dachte nach. Welche Verbindung bestand zwischen einer mächtigen Geheimorganisation wie ZIP und dem schwarzen Organmarkt? ZIP wollte das Überbevölkerungsproblem beseitigen, in dem es die Bevölkerung beseitigte. Wenigstens teilweise. Und der Schwarzmarkt tat genau das Gegenteil. Ich sah nicht durch. Und Sam auch nicht. Unzureichende Daten. Das sagt er immer, wenn er keine Ahnung hat. Am nächsten Morgen rief ich Guttapercha an.

Guttapercha: Problem inzwischen bereinigt. Ihre Bauchspeicheldrüse ist da.

Jonas: OK, ich komm gleich rüber.

Guttapercha: Nein, morgen Vormittag.

Jonas: Warum soll ich solange warten?

Guttapercha: Weil ich es sage.

Jonas: Merkwürdig. Aber wie auch immer. Offensichtlich ist neue Ware eingetroffen. In Babelshafen. Das heißt, übers Meer. Und das heißt.

Sam: Mit dem Schiff, Herr und Meister.

Jonas: Wenn ich dich nicht hätte, Sammy. Sieh doch spaßeshalber mal nach, was für Schiffe zwischen gestern Abend und heute früh in Babelshafen eingelaufen sind.

Sam: Piep. Nur ein einziges, o Großadmiral der sieben Meere. Der Superkühlfracht-segler El Präsidente Tabasco. Aus Costaguana. Um 18 Stunden verspätet. In aller Wahrscheinlichkeit handelt es sich hierbei um das Transportmittel der schwarzen Organe.

Jonas: Ich will’s genau wissen, Sam. Mach ne Querverbindung. Landungen dieses Kühlschiffs aus Costaguana, sagen wir, im letzten Jahr, und Aktivität auf dem schwarzen Markt. Du hast doch jetzt den Hypo-Code von Judith.

Sam: Aye Aye Sir.

Jonas: Ergebnis: Einen Tag nach Einlaufen der Präsidente Tabasco brach auf dem Schwarzmarkt munteres Treiben aus. Jedesmal. Die Sache war klar. Aber ich wollte es noch genauer haben.

Jonas: Und jetzt noch ein kurzer Blick in die Frachtpapiere. – Ja was ist, Sam?

Sam: Einen Augenblick Geduld, erhabener Hafenkommandant. Piep. Piep. Information nicht zugänglich.

Jonas: Nanu.

Sam: Höchste Geheimstufe. Unbekannter Code. Und Aua.

Jonas: Was hast du, Sammy? Was ist passiert?

Sam: Ein elektronischer Hinterhalt. Infro-Anfrage wurde abgefangen und zurückverfolgt.

Jonas: Sicher, Sam?

Sam: Leider ja, Wahna. Sam zerknittert, Wahna. Erwischt auf falschem Fuß. Sam glauben nur Routine, Wahna. Sam können nicht ahnen großes Geheimnis im Busch.

Jonas: Krieg dich wieder ein, Sammy. Passiert ist passiert.

Jonas: Knappe 24 Stunden später tanzte ich im After Eight an, um dort meine Drüse abzuholen. Ober-Organu Guttapercha steckte 3000 Euros ein, drückte mir einen Kühlbehälter in die Hand, und damit wollte ich gleich zu van Brendel, wie es sich gehört für einen braven Privatdetektiv.

Guttapercha: Sie bleiben noch einen Moment hier, Jonas.

Jonas: Danke, ich hab’s eilig. Ich möchte nichts trinken.

Guttapercha: Zu trinken kriegen Sie auch nichts. Sie kriegen was anderes. Nämlich das!

Jonas: Ah!

Jonas: Ehe ich was unternehmen konnte, hatten sie mich schon fest im Griff. Die Herren Crap und Turt.

Guttapercha: Ich habe es Ihnen schon mal gesagt, Jonas. Sie sind zu neugierig, Sie und Ihr gottverdammter Computer. Sie interessieren sich für Sachen, die gefährlich sind. Sehr gefährlich.

Jonas: Das, das war wirklich reine Neugier. Nichts Ernstes.

Guttapercha: Wissen Sie was, Jonas, das glaube ich Ihnen sogar. Ich gebe Ihnen einen Rat. Vergessen Sie die Präsidente Tabasco und alles was damit zusammenhängt.

Jonas: Aber gerne, schon vergessen.

Guttapercha: Ob ich Ihnen das auch so ohne weiteres glauben kann. Sicherheitshalber werden wir Ihnen eine kleine Erinnerung mit auf den Weg geben, ein Denkzettel, wie man so sagt. Wenn ich bitten darf, Mr. Crap, Mr. Turt.

Mr. Crap: Jawohl, Chef.

Guttapercha: Langsam, haut ihn nicht gleich zum Krüppel. Denkzettel habe ich gesagt, eine freundschaftliche Abreibung, mehr nicht.

Mr. Crap: Schade.

Jonas: Nach der Abreibung ließen sie mich laufen. Mit der Bauchspeicheldrüse. Laufen konnte ich noch, und auch sonst war ich noch einigermaßen beieinander. Kleinere Betriebsunfälle steckt Jonas weg, ohne mit der Wimper zu zucken. Nachdem ich mich mit einem dreistöckigen Whiskey erfrischt hatte, rief ich meinen Auftraggeber an, und bestelle ihn zu mir.

Jonas: Bitte sehr. Einmal Pankreas on the rocks.

Brendel: Wunderbar, ganz wunderbar. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin. Hatten Sie Schwierigkeiten?

Jonas: Ein bißchen.

Brendel: Aber das hat Sie nicht abgehalten. Sie nicht. Sie haben die Sache großartig gemacht, Jonas. Wie, will ich gar nicht wissen. Was kriegen Sie?

Jonas: Insgesamt drei Tage zu je 80 Euros, das macht, äh… äh Sam?

Sam: Äh, äh, 240 Euros, o Gaus, Euklid nebst öh, Einstein. Plus 270 Euros Spesen, welche sich zusammensetzen wie folgt.

Brendel: Nicht nötig, geschenkt. Mein Computer wird Ihrem Computer den Betrag sofort gutschreiben. Dazu einen Bonus von 300 Euros, weil Sie so tüchtig waren, und so fix.

Jonas: Na bitte. Es gab eben noch wahre Dankbarkeit unter den Menschen. Ich war um runde 600 Euros reicher. Und das wär’s gewesen. Aber ich war nicht nur reicher, ich war auch stur. So stur wie der alte Phil Marlowe. Mindestens. Für mich war die Sache noch nicht zu Ende.

Sam: Costaguana, o starker Atlas, der du die Welt weder auf den Schultern trägst noch im Kopfe, Costaguana ist ein kleiner Staat in Zentralamerika. Eine sogenannte Bananenrepublik. Bevölkerung: ca. 23 Millionen. Export tropische Früchte. Keine Industrie. Regierungsform: Präsidentschaft ohne Parlament.

Jonas: Besondere Kennzeichen: keine. Und da kommen also Organe für unseren schwarzen Markt her, in Mengen. Interessant. Was hätte Marlowe in meinem Fall gemacht, Sam?

Sam: Nachgehakt, Chef, nachgebohrt.

Jonas: Dann bohren wir doch mal ein bißchen. Wieviel habe ich auf dem Konto?

Sam: 1102 Euros, o du mein Nabübchen.

Jonas: Soviel?

Sam: Die Abfindung im Reservatsfall ist noch immer nicht zur Gänze ausgegeben, o König Midas, oder meine ich Krösus?

Jonas: A ja. Das dürfte reichen, Sammy.

Sam: Wofür, euer Wohlhabenheit?

Jonas: Costaguana. Hin und zurück.

Sam: Nie im Leben, Kumpel. Schon der einfache Flug mit Chemorock.

Jonas: Chemorock. Wer spricht denn von Chemorock. Bin ich Millionär? Schiff, Sammy, Lastensegler. Damit fahren wir rüber nach Costaguana, und sehen uns da mal ein bißchen um. Und wenn bei der Organgeschichte nichts rauskommt, dann machen wir vielleicht ein paar Tage Urlaub.

Sam: Urlaub. Blauer Himmel. Weißer Sand. Grüne Palmen.

Jonas: Meinst du, so was gibt’s noch in Costaguana?

Sam: In der Sonne liegen. Im Meer baden.

Jonas: Baden. Im Meer. Jetzt spinnst du aber wirklich, Sam. Wir leben doch nicht mehr im 20. Jahrhundert. Zurück in die Gegenwart, marsch marsch.

Sam: Jawohl, Herr General. Erlaube mir den Hinweis, als eines von nur noch drei Ländern auf dieser unserer Erde, huldigt Costaguana dem atavistischen Visumzwang. Derohalb und Dessentwegen.

Jonas: Werden wir ein Visum beantragen müssen, Sam. Wo?

Sam: Im Costaguanesischen Generalkonsulat zu Babelshafen, Exzellenz.

Jonas: Ich rief an, und erfuhr, ich müßte mir das Visum persönlich abholen. Also auf nach Babelshafen. Mit der Druckluftpost im Metallzylinder, auch bekannt als Sardinenbüchse. Weil jeder Passagier sich auf nur einem viertel Quadratmeter einrichten muß. 10 Minuten zischten wir durch die Röhre. Und ich war da. In Babylons Tor zur Welt. Am Ufer des nordischen Meerbusens. Die übliche Hafen-Atmosphäre. Wellen und Wind. Die Silhouetten der riesigen computergesteuerten Frachtsegler an den Kais. Nur die Möwen fehlten. Die Kneipen voll von leichten Mädchen und leichten Jungs für Seemänner und Seefrauen. Irgendwo dazwischen lag das Generalkonsulat von Costaguana. Und hier sah sich der Typ hinter dem Schreibtisch meine Bürgerkarte an, als hätte ich ihm einen abgelaufenen philippinischen Paß in die Hand gedrückt.

Konsulatsbeamter: Jonas, hhm. Leider kann Ihnen das Visum nicht sofort ausgestellt werden, Senior, eine technisch bedingte Verzögerung. Sie verstehen.

Jonas: Nein. Wann kann ich das Visum kriegen. Maniana?

Konsulatsbeamter: Ich bitte Sie, Senior. Nur ein paar Minuten. Wenn Sie solange im Nebenzimmer Platz nehmen würden. Die rechte Tür.

Jonas: Ah!

Jonas: Die Sonne machte einen jähen Kopfsprung hinter den Horizont, der Mond raste über den Himmel, die goldenen Sternlein prangten, es wurde plötzlich Nacht, und ich legte mich zur Ruhe. Irgendein Zeitgenosse hatte mir ein höchst wirksames Schlafmittel über den Schädel gezogen. Als ich aufwachte, war es immer noch Nacht. Der Mond schien, das Meer rauschte, und die ganze friedliche Stimmung hatte nur einen Schönheitsfehler. Um mich herum standen die Herren Crap, Turt und Guttapercha. Letzterer hielt einen Laserstrahler in der Hand, die Mündung auf meinem Magen gerichtet. Als ich das im Schein der trüben Hafenfunzeln sah, machte ich die Augen ganz schnell wieder zu.

Mr. Crap: Und was nu, Chef?

Guttapercha: Was schon? Weglasern. Dann ins Wasser mit dem Kerl. Der macht uns keine Schwierigkeiten mehr.

Mr. Crap: OK, Chef, Sie haben den Laser.

Guttapercha: Ich? Also, vielleicht macht das doch besser einer von euch. Crap?

Mr. Crap: Wie Sie wollen, Chef. Dann schmeißen Sie das Ding mal rüber.

Jonas: Mein Stichwort. Ich kam hoch, und bevor die drei was mitkriegten, hatte ich den Laser in der Hand. Amateure. Das heißt, Crap und Turt waren immerhin soweit Experten, daß sie sich ganz schnell in die Büsche schlugen. Guttapercha wollte auch, aber er war ein bißchen zu lahm. Und weil ich gerne einen der Brüder dabehalten hätte, um ihn auszuquetschen, schickte ich ihm einen Laserstrahl nach. Das Knie war gemeint, aber ich war noch nicht voll da, und traf ihn einen guten Meter höher. Guttapercha fiel um, und als ich bei ihm war, lebte er nicht mehr. Ich sah mich um, keiner da, um so besser. Ich räumte ihm die Taschen aus, und dann, was sollte ich machen, rollte ich ihn ins Wasser.

Sam: Die Affäre, o Poposeidon, nimmt ungeahnte, und wie zu bemerken ich mich nicht enthalten zu können glaube, höchst gefährliche Dimensionen an.

Jonas: Sam hatte ich bei mir. Sam habe ich immer und überall bei mir. Natürlich nicht den großen Kasten, der im Büro steht, sondern Sam zwo oder auch Pocket-Sam. Ein Ableger im Miniformat. Guter Rat in jeder Lage, und Gesellschaft dazu.

Jonas: Irgendwer hat irgendwas zu verbergen.

Sam: Und scheut, wie es scheint, selbst vor Mord nicht zurück.

Jonas: Wenn schon. Jetzt erst recht.

Sam: Leicht gesagt, wie wollen Durchlaucht nach Costaguana kommen ohne Visum?

Jonas: Sieh mal an. Ein Dauervisum für Costaguana, ausgestellt auf Archimedes Guttapercha. Schade, daß ich dem Kerl gar nicht ähnlich sehe. Das Holobild läßt sich nicht ändern, leider.

Sam: Das Holobild nicht, wohl aber dero Antlitz.

Jonas: Mein Gesicht? Plasti-Face meinst du?

Sam: Natürlich, Genosse. Andererseits aber auch wieder nicht natürlich, da für euer Gnaden Geldbeutel viel zu teuer.

Jonas: Tja, Sammy, du weißt eben doch nicht alles.

Sam: Wie darf ich das verstehen?

Jonas: Wir haben Bargeld, Sam. Der gute alte Guttapercha, möge er in Frieden schwimmen, hatte einen ganzen Tausender in der Tasche, welchen einem guten Zweck zuzuführen ich nicht zögern werde.

Sam: Majestät wollen sich gesichtsmäßig in Guttapercha umwandeln?

Jonas: Wenn’s zur Wahrheitsfindung beiträgt.

Sam: Amen.

Jonas: In Babelshafen gibt es alles. Auch einen Plasti-Face-Shop, direkt neben dem letzten, in Ehren ergrauten Tätowierer, dem ich im Vorbeigehen einen freundlichen Gedanken widmete. Von Kollege zu Kollege sozusagen.

Angestellte: Ein anderes Gesicht, der Herr? Warum nicht? Öfter mal was Neues, sagten schon unsere Großeltern. Und wie wünschen Sie?

Jonas: So. Wie auf diesem Holo.

Angestellte: Hmh. So wollen Sie aussehen? Wirklich? Unter uns, also ich würde an Ihrer Stelle dann doch lieber das Gesicht behalten, das Sie jetzt auf dem Hals tragen. Nein? Na gut, es ist Ihr Bier und unser Geschäft. Wann paßt es Ihnen?

Jonas: Sofort.

Angestellte: Wollen mal sehen. Ja, zufällig ist ein Platz im Tank frei. Legen Sie ab.

Jonas: Die Prozedur war kurz, teuer und schmerzlos. Ich stieg in den Elektro-Plastik-tank als Jonas, und als ich rauskam war ich, vom Hals ab aufwärts, Archimedes Guttapercha. Mir blieb auch nichts erspart. Ich nahm mir vor, eine Zeit lang nicht in den Spiegel zu kucken. Mit dem neuen Gesicht und mit dem Visum kriegte ich ohne Schwierigkeit ein Ticket nach Costaguana. Ich mußte mich beeilen. Die Präsidente Tabasco wollte gleich ablegen. Vorher rief ich vom Kai aus in Babylon an.

Judith: Hier spricht die automatische Fonbeantwortung Judith Delgado. Sie hören eine Aufzeichnung. Durch einen beruflichen Wechsel bin ich zur Zeit stark in Anspruch genommen und daher vorläufig nicht zu erreichen. Hinterlassen Sie bitte eine Nachricht. Bitte sprechen. Bitte sprechen.

Jonas: Auch Jonas können die Worte fehlen. Meist gerade dann, wenn er sie händeringend braucht. Nichts zu machen. Aufbruch ohne Abschied ist sowieso besser. El Präsidente Tabasco landete pünktlich in El Dorado, der Haupt-, Hafen- und überhaupt einzigen Stadt von Costaguana. Und der Mann mit Guttaperchas Gesicht wurde empfangen wie ein Staatsgast.

Posada: Senior Archimedes Guttapercha, Oberstleutnant Elena Posada, Adjutantin erster Klasse bei seiner Erhabenheit, dem Präsidenten.

Jonas: Tante Gusto Tenjente, stehen Sie bequem.

Posada: Ich habe die Ehre, Sie in Ihr Hotel zu begleiten. Sie werden in Kürze Gele-genheit zu einer Audienz bei seiner Erhabenheit erhalten. Ich darf Ihnen versichern, daß seine Erhabenheit dem Gespräch mit größtem Interesse entgegen sieht.

Jonas: Ich auch. Aber zuerst das Hotel. Eine große Suite. 80 Quadratmeter mindestens. Essen so so, Trinken bestens. Whiskey, echter, nicht Synth. Zur freien Verfügung. Costaguana war ein Schlaraffenland, wenn man Guttapercha hieß, oder wenigstens so aussah. Ich versuchte einen Plan zu machen, aber dazu ging alles viel zu schnell. Eine knappe Stunde später saß ich in einem Benzinauto. So was gab’s noch im wilden Amerika.

Posada: Um der Unterredung den passenden Rahmen zu geben, wünscht seine Erhabenheit, Sie in La Installation zu empfangen.

Jonas: La Installation, was ist das?

Posada: Sie scherzen, Senior Guttapercha.

Jonas: Erstaunlich viel Soldaten haben Sie hierzulande, Oberstleutnant.

Posada: In Costaguana gibt es keine Soldaten, Senior Guttapercha.

Jonas: Ach nein? Und die bewaffneten Uniformierten da draußen?

Posada: Angestellte, Senior Guttapercha, Angestellte im Ministerium für Außenhandel, aber das wissen Sie doch. Sie sind doch nicht zum ersten Mal bei uns.

Jonas: Von da ab hielt ich lieber den Mund. Und sah nur noch stumm aus dem Fenster. Durch die Bananenpflanzungen rechts und links rollten gewaltige Agarautomaten. Die wenigen jämmerlichen Siedlungen dazwischen waren bewacht und eingezäunt. Und eingezäunt oder besser eingemauert war auch unser Ziel, La Installation, was immer das sein mochte. Wir fuhren durch ein bewachtes Tor in der Mauer, und dann lag sie vor uns, die Installation. Mehrere große miteinander verbundene Gebäude, die Fassaden bemalt im schönsten bananenrepublikanischen Barock, dahinter Rohre und Schornsteine, die munter rauchten. Anscheinend eine Art Fabrik. Und über dem Ganzen ein süßer Hauch von Fäulnis.

Posada: Senior Archimedes Guttapercha aus Babylon, Vereinigte Staaten von Europa. Seine Erhabenheit, der Präsident General Don Alfredo Lopez Tabasco de Maricon Ibustament.

Tabasco: Meine liebe Elena, warum so förmlich? Wir kennen uns. Wie geht’s, mein Freund?

Jonas: Danke, Er… Erhabenheit.

Tabasco: Nennen Sie mich Fred. Sie haben abgenommen, Guttapercha. Der Streß, nicht wahr. Immerhin liegt unser gesamter Export in die VSE in Ihrer Hand, in Ihrer bewährten Hand.

Posada: Nicht zu vergessen die Union der Volksrepubliken, Erhabenheit.

Tabasco: Richtig, die UVR haben Sie ja auch. Respekt, mein lieber Guttapercha, Sie sind wirklich unsere Nummer eins drüben, abgesehen natürlich von Frau Professor Caligari, aber die ist eine Klasse für sich, nicht wahr?

Jonas: Seine Erhabenheit war noch jung, und wirkte in seiner edelsteinbesetzten Uniform wie eine Kreuzung aus intergalaktischem Generalissimus und Anmacher vor einem Stimulationsschuppen. Und er redete auch wie ein Anmacher. Ohne Punkt und Komma.

Tabasco: Erzählen Sie, mein lieber Guttapercha, gibt’s was Neues auf ihrem schwarzen Markt? Wie gehen die Geschäfte? Was macht die Korporation?

Posada: Si? Momentico. Für Sie, Erhabenheit.

Tabasco: Danke, Elena. Ja, was. Ja. Nein.

Posada: Noch ein Whiskey, Senior Guttapercha?

Jonas: Warum nicht, danke.

Tabasco: Nein, das mach ich selbst. Lassen Sie Ihr Glas stehen, mein lieber Guttapercha, Sie können später austrinken. Wir machen eine Führung. Eine Führung durch La Installation. Wenn ich mich nicht irre, waren Sie noch nie hier, oder?

Jonas: Nein, Erhabenheit.

Tabasco: Fred, mein lieber Guttapercha. Fred.

Posada: Wünschen Erhabenheit, daß ich die Leibgarde rufe?

Tabasco: Nicht doch, Elena, wir sind unter uns. Unter Freunden. Ein zwangloser Rundgang zu dritt. Informell. Intim. Enmarcha.

Jonas: Durch einen langen Gang kamen wir auf eine Plattform. Nein, eine Plattform war es eigentlich nicht. Eher eine Scheibe aus Plexiglas, durchsichtig und ungeheuer groß. Mindestens 100 mal 100 Meter. Sie war gleichzeitig Fußboden und Decke. Wir standen darauf, und unter unseren Füßen sahen wir einen weiten Raum, durch Zwischenwände unterteilt in viele viele schmale Verschläge. Wie Waben in einem Bienenkorb. In jedem Verschlag hockte oder lag ein Mensch, nackt, reglos, aber atmend.

Tabasco: Betäubt, mein lieber Guttapercha. Ruhiggestellt. Das ist praktisch, human und nicht teuer, weil wir das Opium im Lande produzieren. In erster Linie achten wir natürlich darauf, daß sie tüchtig essen. Wie spät ist es, Elena?

Posada: 17 Uhr 32, Erhabenheit.

Tabasco: Schade. Die nächste Fütterung findet erst in drei Stunden statt. Das hätte ich Ihnen gern gezeigt, mein lieber Guttapercha. Wenn Sie… wenn Sie an diesem Hebel ziehen, öffnet sich im Plexiglas eine Klappe. Hier. Wie Sie bemerken, befindet sich darunter, unter der Klappe, ein Trog. Und in diesen Trog wird von hier oben der Brei gegossen. Wir füttern eine äußerst gesunde Mixtur. Proteine, Eiweiß, Vitamine etc. Schließlich wollen wir unseren guten Kunden und Abnehmern fehlerlose Ware liefern. Abnehmer. Da fällt mir ein, vor wenigen Minuten habe ich übers Telefon eine betrübliche Mitteilung erhalten. Ihre Waffe ist schußbereit, Elena?

Posada: Jawohl, Erhabenheit.

Tabasco: Äh, ja, was wollte ich sagen.

Jonas: Eine betrübliche Mitteilung, Erhabenheit.

Tabasco: Ja.

Jonas: Äh, Fred.

Tabasco: Richtig. Stellen Sie sich vor, unser europäischer Zwischenhändler ist tot. Man hat ihn bei Babelshafen aus dem Wasser gefischt. Ein gewisser Archimedes Guttapercha. Tüchtiger Mann. Wir werden sein Andenken in Ehren halten. – Sie sagen nichts?

Jonas: Was soll ich sagen? Ich bin sprachlos. Ganz offensichtlich eine Falschmeldung.

Tabasco: Das glaube ich kaum. Wenn er eine verdächtige Bewegung macht, Elena, dann schießen Sie.

Posada: Zu Befehl, Erhabenheit.

Tabasco: Sehen Sie, mein lieber falscher Guttapercha, gerade eben haben Sie behauptet, Sie seien noch niemals hier gewesen. Nun hat aber der gute echte Guttapercha La Installation schon mehrmals besucht. Geben Sie auf? Sie müssen dieser Mensch sein, von dem Guttapercha erst kürzlich aus Babylon berichtete. Ein biblischer Name, äh, Josafad, Jonathan…

Jonas: Jonas. Nur Jonas.

Tabasco: Jonas, ganz recht. Sie sind neugierig, mein lieber Jonas. Sie wollen hinter die Kulissen des schwarzen Organhandels sehen. Bitte sehr. Sehen Sie. Das hier ist die Quadra, der Stall. Weiter hinten die Anästhesie. Schonend und human, das kann ich Ihnen versichern. Und das eigentliche Schlachthaus, die Carniserisa. Eine weitgehend automatisch arbeitende Anlage, hygienisch, sauber, auf dem neuesten Stand der Technik. Dann gibt es noch die Speicher und die Kühlsysteme.

Jonas: Danke, das reicht mir.

Tabasco: Aber mein lieber Jonas, seien Sie doch nicht so emotional. Betrachten Sie die Sache vernünftig, mit kühlem Kopf. Costaguana ist ein armes Land. Unser einziger Rohstoff ist der Boden. Und den haben wir schon vor Jahrzehnten verkauft an Bananas Incorporated USA. Ansonsten haben wir Menschen. Menschen im Überfluß. Als Arbeitskräfte sind sie nicht gefragt. Die Bananenplantagen werden vollautomatisch bewirtschaftet. Was tun? Mein verehrter Herr Vorgänger und Vater hatte eine großartige Idee. Auch der Mensch ist Rohstoff und als solcher verwertbar. Zumindest in Teilen. Die eigentlichen Dimensionen dieser seiner Idee sind Papa allerdings noch nicht voll aufgegangen. Er fing klein an, politische Gegner, Guerilleros, die ihm Sorgen machten, wurden nicht mehr wie in alter Zeit an die Wand gestellt und verscharrt. Das, so Papa, sei Verschwendung. Er ließ die Leute zerlegen und verkaufen. Aus solch bescheidenen Anfängen ist inzwischen eine Großindustrie geworden. Die Bevölkerung vermehrt sich fromm und fleißig. Wir haben auf dieser Basis aufgebaut, wir haben erweitert, wir haben investiert, dank der finanziellen Hilfe, die wir über ZIP und Frau Professor Caligari bekommen haben. Und so haben wir vor noch nicht einmal einem Jahr La Installation einweihen können. Ein Musterbetrieb, mein lieber Jonas. In seiner Art einmalig auf der Welt.

Jonas: Das will ich doch hoffen.

Tabasco: Unsere Ware geht in den schwarzen Weltmarkt. Offiziell, das versteht sich, können wir nicht bekannt geben, wie wir produzieren, aber die Regierungen, alle Regierungen, auch ihre, mein lieber Jonas, wissen Bescheid. Nicht nur, daß sie nichts gegen uns unternehmen, sie greifen uns auch hilfreich unter die Arme. Organe zum Transplantieren sind weltweit knapp. Ohne Schwarzmarkt geht es einfach nicht. Wenn es uns nicht gäbe und unsere Lieferungen, dann würde der Nachschub von ihren Kriminellen organisiert werden, und die würden sich die Organe nachts auf den Straßen besorgen. Bevor es dazu kommt, in den VSE, den USA, der UVR, bevor man es soweit kommen läßt, handelt man denn doch lieber mit uns. Ein Marktproblem, mein lieber Jonas, Angebot und Nachfrage. Die Welt, die reiche, die industrialisierte Welt, braucht dringend Organe. Wir haben, wir liefern und wir verdienen. Wir verdienen nicht schlecht. Apropos, wie hoch schätzen Sie sich ein, mein lieber Jonas? Ihr Schweigen, meine ich. Es ist ja nicht unbedingt nötig, nicht wahr, daß alle Welt informiert wird über unsere Organindustrie. Gewisse kuriose Menschen, wie es sie gerade bei Ihnen gibt, könnten Geschrei erheben. Keine ernsthafte Bedrohung, aber doch lästig. Kurz gefragt, mein lieber Jonas, wieviel?

Jonas: Mein lieber Fred, ich bin unbezahlbar.

Tabasco: In diesem Falle, mein bester, werden wir Sie wohl verwerten müssen, schade.

Jonas: Wir waren noch immer auf der Plattform aus Plexiglas, hoch über den willenlosen Organspendern, zu denen bald auch Jonas gehören sollte. Dagegen mußte was unternommen werden. Ich machte einen Plan. Es war vielleicht kein sehr guter Plan, aber ein besserer fiel mir nicht ein.

Tabasco/Posada: Ah!

Jonas: Ich wartete, bis Präsident und Adjutantin zusammen auf der Futterklappe standen, suchte hinter dem Rücken mit der linken Hand den Hebel, fand ihn, zog daran, die Klappe ging auf, beide stürzten in den Futtertrog und blieben bewußtlos liegen. Ende des ersten Akts. Zweiter Akt. Ich kletterte vorsichtig nach unten, zog sie aus, ein nackter Präsident unterscheidet sich nicht erheblich von einem nackten Pion, legte sie in zwei freie Verschläge und ließ sie an den Enden der Gummiröhrchen lutschen, die in den Opiumtank führten. Die Uniformen versteckte ich unter einer Pritsche. Dritter Akt: Ich stieg wieder nach oben und dachte laut nach, zusammen mit Sam.

Sam: Seine Erhabenheit, der Präsident, wie auch Oberstleutnant Posada, können meinem Meister kaum noch gefährlich werden. Aller Voraussicht nach werden sie unerkannt zu menschlichen Ersatzteilen verarbeitet werden.

Jonas: Sicher, Sammy, aber das ist nicht das Problem.

Sam: Sondern?

Jonas: Wie komme ich hier raus?

Sam: Das sollte dem hochgeehrten Staatsgast Arch… Arch… Archimedes Guttapercha keine Schwierigkeiten machen.

Jonas: Du bist nicht auf dem Laufenden, Sam. Die Story ist geplatzt.

Sam: Hoheit belieben sich in einem Irrtume zu befinden. Wer weiß denn von dero wahrer Identität, doch nur Präsident Tabasco und seine Adjutantin, sonst niemand.

Jonas: Stimmt, Sam. OK, bluffen wir uns raus.

Jonas: Entschlossen marschierte ich durch die Korridore der Installation, und sah keinen Menschen. Bis ich zu dem Raum kam, wo der Kerncomputer der Sicherungsanlage arbeitete, hier stand ein Soldat Wache. Aber bald stand er nicht mehr, er lag. Verschnürt mit einem kräftigen Kabel. Und der geehrte Staatsgast studierte die Anlage.

Jonas: Was hältst du davon, Sam?

Sam: Nun ja, der allerletzte Schrei ist es nicht, aber immerhin der vorletzte.

Jonas: Kommst du rein, Sammy?

Sam: Das wird sich machen lassen. Was befielt mein Herr und Meister?

Jonas: Als erstes unterbrichst du jede Verbindung nach außen.

Sam: Wird gemacht, Chef.

Jonas: Dann müßtest du die elektronische Sicherung auslösen, und festklemmen. Verstehst du. Das niemand mehr raus oder reinkommt. Und daß die Sperre von innen nicht aufzuheben ist.

Sam: Schwierig, aber nicht unmöglich. Vermutlich wünschen Durchlaucht den Komplex vorher zu verlassen.

Jonas: Soviel Zeit mußt du mir schon geben, Sam. In sieben, acht Minuten sollte ich spätestens am Tor sein. In 10 Minuten machst du den Laden dicht, klar?

Sam: Countdown läuft.

Jonas: Bis zum Tor klappte der Zeitplan, aber dann kam Sand ins Getriebe, der Wächter war mißtrauisch, wie Wächter nun mal sind und bewaffnet bis an die Zähne.

Soldat: Halto. Passaporte.

Jonas: Lobenswerte Pflichterfüllung, mein Guter, aber in meinem Fall absolut unnötig. Ich bin Gast seiner Erhabenheit des Präsidenten, machen Sie keine Geschichten, lassen Sie mich durch.

Soldat: Nix. Nur durch mit Passaporte spezial. Don del passaporte spezial.

Jonas: Ich brauch keinen Sonderausweis. Gott, ist der Kerl stur. Wieviel Zeit haben wir noch, Sammy?

Sam: Acht Sekunden.

Jonas: Also noch mal, Amigo, ich bin Staatsgast, Ehrengast, du mich durchlassen, sonst du erschossen. Bum.

Soldat: No. Hamas. Ho! Alarma!

Jonas: Caramba!

Sam: Eine Sekunde.

Jonas: Ein munteres Durcheinander. Einen Augenblick lang war der Posten verwirrt. Ich stieß ihn zur Seite und machte einen gewaltigen Satz vors Tor. Der Kerl riß einen Flammenwerfer hoch, da sagte Sam zero. Und prompt ging zwischen mir und dem Posten die unsichtbare elektronische Schutzwand runter. Gefahr vorbei, Feuer kam nicht durch. Ich setzte mich in das Auto, das mich hergebracht hatte, und fuhr zurück. Nicht nach El Dorado, sondern an der Stadt vorbei zum Flughafen.

Jonas: Wenn alles klappt, Sam, sind wir in zwei Stunden zuhause.

Sam: Wie dieses, Sahib? Ein Lastensegler?

Jonas: Nichts Lastensegler. Chemorock, Sammy, Chemorock.

Sam: Angesichts der finanziellen Situation euer Majestät dürfte ein Heimflug mittels chemischer Rakete sich als entschieden zu kostspielig erweisen.

Jonas: Ach weißt du, Sam, ich hab schon wieder eine hilfreiche Hosentasche gefunden. Diesmal bei seiner Erhabenheit. Und darin steckt eine dicke Rolle 1000-Peso-Noten. Der Präsident hat nichts mehr davon, und ich kann’s gut gebrauchen. Für Chemorock-Luxusklasse, und für die Costaguanesischen Ausreisebeamten mit den offenen Händen und den zugedrückten Augen.

Sam: Wenn der bescheidene Rechenknecht ein Fazit ziehen darf, Hoheit sind heil in Babylon eingetroffen, haben sich, dem Himmel sei Dank, in Jonas zurückverwandelt, und können einen Reingewinn von rund 7500 Pesos verbuchen. Piep. 232 Euros zum heutigen Umrechnungskurs.

Jonas: Soweit so gut, Sam. Aber der Fall ist noch nicht abgehakt und ausgestanden. Es muß sich doch irgendwas tun lassen gegen den Schwarzmarkt, gegen die Organwirtschaft in Costaguana.

Sam: Und was, o Helfer der Witwen und Waisen.

Jonas: Wenn ich das wüßte, Sammy.

Jonas: Ich rief Judith an. Aber Judith war nicht zu Hause. Ich rief Julian van Brendel an. Weil ich eine dankbare menschliche Stimme hören wollte. Aber der war auch nicht zu Hause.

Jonas: Wer spricht?

Computer: Hier ist der persönliche Computer des Herrn Julian van Brendel. Herr van Brendel ist verschieden.

Jonas: Was? Woran? Wann?

Computer: Herr van Brendel starb am 24. September 2009 während einer Transplantation. Todesursache: Unverträglichkeitsreaktion auf die ihm übertragene Bauchspeicheldrüse.

Jonas: Beileid.

Computer: Hier ist der persönliche Computer des Herrn Julian van Brendel, Herr van.

Jonas: Unverträglichkeit. Und Frau Prof. Caligari. Ich hab so ne Ahnung. Sam!

Sam: Mein Gebieter.

Jonas: Ratio der Todesfälle durch Unverträglichkeit bei Transplantation illegal erworbener Organe.

Sam: Zeitraum?

Jonas: Dieses Jahr. Vom 1. Januar bis heute.

Sam: Kommt sofort, Meister. Piep. Rate besagter Todesfälle liegt um 187 % über dem Durchschnitt des Jahres 2008.

Jonas: 187 %. Das ist es, Sammy.

Sam: Das ist was, o Inbegriff aller Intelligenz.

Jonas: Paß auf. Nach der Ausschiffung kommen die schwarzen Organe nicht gleich auf den Markt, sondern erst zu Frau Professor Caligari, ins Zentralkrankenhaus. Und da werden sie verseucht, vergiftet, unverträglich gemacht, was weiß ich. So schlägt ZIP zwei Fliegen mit einer Klappe. In Costaguana wird die Bevölkerung dezimiert, und bei uns auch. Alles paßt zusammen, Sam. Und jetzt weiß ich auch, was wir tun müssen. Wir bringen die Geschichte unter die Leute.

Sam: Sinnlos, großer Häuptling. Was im Schlachthaus von Costaguana passiert, interessiert hier keinen Menschen, der eine neue Niere braucht oder ein neues Herz.

Jonas: Stimmt schon, Sammy, aber daß er an einer neuen Niere und einem neuen Herzen eingehen wird, das interessiert ihn, da kannst du sicher sein. Und das verbreiten wir. In den Dateien, den Medien, überall.

Jonas: Vorher rief ich noch mal bei Judith an. Aber Judith war immer noch nicht zu sprechen. Jonas war allein. Abgesehen von Sam natürlich.

Jonas: Weißt du, Sam, wie ich mich fühle? Wie ein Bessett, dem man auf die Ohren getreten hat.

Sam: Was, o Herr und Gebieter, ist ein Bessett?

Jonas: Berechtigte Frage, Sammy. Gehen wir an die Arbeit.

Sam: Piep. Wau Wau.

Das war Schlachthaus. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus. Sein Super-computer Sam war Joachim Wichmann. Es wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Andrea Dahmen, Peter Fricke, Alexander Malachovsky, Edwin Noel, Günter Sauer und viele andere (Fred Klaus, Wilfried Klaus, Andrea Rosenberg, Heiner Schmidt, Selestino Sanchez, Renate Grosser). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Heiner Schmidt. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1984). Redaktion: Dieter Hasselblatt und Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Requiem

Sam: Alles neu macht der Mai, macht die Seele froh und frei.

Jonas: Sam! Halt den Schnabel, Sammy.

Sam: Aber Chef, Sam hat keinen Schnabel. Sam ist kein Vogel. Sam ist ein Computer. Laß das Haus, kommt hinaus, bindet einen Strauß.

Jonas: Und Computer, die nicht gehorchen, kommen auf den Schrottplatz. So, jetzt kann ich mal was sagen. Zur Richtigstellung sozusagen.

Jonas: Es war nämlich gar nicht Mai. Nicht mal ein bißchen. Im Gegenteil. Es war Herbst. Trüber grauer Spätherbst. 7. November 2009. Und alles neu, das stimmt auch nicht, jedenfalls nicht ganz. Gut, ich hatte mir was Neues zum Anziehen geleistet, einen antiken Trenchcoat Marke Bogie, nicht billig, aber edel. Meinte Judith. Und für den guten Sam war ein funkelnagelneuer Vocoder drin gewesen. Der vorige hatte an hochgradiger Altersschwäche gelitten. Immerhin hatte er, ja, fast 5 Jahre auf dem Buckel. Im Jahr 2005 hatte ich Sam gekauft. Damals hieß er noch nicht Sam, sondern…

Sam: Doktor Chrysostomus MacCoy Incorporated.

Jonas: Sam ist mein Computer. Seine erste und eigentliche Existenz hat er in meinem Büro, als unbeweglicher Kasten, Terminal, Nerven- und Schaltzentrum, Kartei, Datei et cetera. Dann gibt es noch Sam zwo. Die Taschenausgabe mit drahtloser Verbindung zu Sam eins. Sam zwo hab ich ständig bei mir. Ich brauche ihn. Auch wenn er mir oft genug auf die Nerven geht. Er ist nämlich überzüchtet. Überhochmetzt. Programmatisch überfüttert. Oder sagen wir einfach verrückt.

Sam: O du mein Jonas. Jonas über alles. Ich kann dir nicht böse sein. Hast du doch tief in die Tasche gegriffen, um mich mit einem neuen Vocoder zu beglücken. Ist er nicht schick? Klingt er nicht wunderbar? Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden belebenden Blick.

Jonas: Du bringst dich auf den Schrottplatz, Sammy.

Jonas: Sie hören es: Sam war wieder so gut wie neu. Und die Beziehung zwischen Judith und mir auch. Wir wollten noch mal anfangen, nach den Streitereien der letzten Monate.

Jonas: Also doch irgendwie Mai. Trotz November.

Sam: Sag ich doch, Alter.

Jonas: Weil wir beide, Judith und ich, Nostalgiker sind, buchten wir Plätze im Romantic-Park. Und im Romantic-Park ist es immer Frühling. Dank Klima-Konverter und Holo-Projektion. Wir saßen auf unserer Zweier-Bank. Über uns wölbte sich ein klarer Sternenhimmel. Auf kleinen Teichen schwammen große Schwäne. Weiß, wie frisch aus der Waschmaschine. Aus dem Gebüsch dudelten Soft-Pop und Nachtigallen vom Band. Soweit alles Bestens. Wenn da nicht ein altes Problem in der lauen Mai-Nacht gestanden hätte.

Judith: Gib`s zu, Jonas, es ist nur Stolz.

Jonas: Nur?

Judith: Dummer alberner unsinniger Stolz. Du bist zurückgeblieben, Jonas. 50 Jahre mindestens.

Jonas: Na und? Die Mitte des 20. Jahrhunderts ist meine Zeit. Die Zeit von Phil Marlowe und Konsorten. Als das Leben noch lebenswert war. Hart und wild. Eine Aufgabe. Eine Bewährung. Lachen Sie nicht. In den Büchern steht’s so.

Judith: Wo ich doch nun mal in einer höheren Wohnraumklasse bin.

Jonas: Kann man wohl sagen, bei 40 Quadratmeter.

Judith: 48 Quadratmeter.

Jonas: 48. Wie… wieso 48?

Judith: Seit ich befördert bin. Eine Hauptabteilungsleiterin bei der öffentlichen Sicherheitsverwaltung hat Anspruch auf 48 Quadratmeter.

Jonas: Gratuliere.

Judith: Also?

Jonas: Also was?

Judith: Du ziehst zu mir. Platz haben wir genug. Dein 20-Quadratmeter-Loch.

Jonas: 22.

Judith: Das kannst du ja als Büro behalten, wenn dein Herz schon an diesem Beruf hängt, der dir nichts einbringt, außer Schrammen und Beulen.

Jonas: Ich bin Detektiv. Privatdetektiv. Der letzte seines Zeichens. Vielleicht auf der Welt. Wahrscheinlich in den Vereinigten Staaten von Europa. Mit Sicherheit in Babylon. Kein begehrter Beruf. Judith hatte nicht so Unrecht. Das Leben war unsicher. Gefährlich. Und reich werden konnte man dabei auch nicht. Aber besser als eine stumpfsinnige Volksrenten-Existenz war es allemal.

Jonas: Sammy, wie sagt Chandler?

Sam: Viel Geld ist nicht drin. Jede Menge Ärger ist drin, aber auch `ne Menge Spaß. Und immer die Hoffnung auf einen großen Fall.

Jonas: Hast du gemerkt, Judith? Sam hat eine neue Stimme.

Judith: Keine Verbesserung, wenn du mich fragst. Kannst du den Schnatterkasten nicht zu Hause lassen, wenn wir verabredet sind?

Jonas: Das nächste Mal.

Sam: Was muß ich da hören, o Sonne meiner Software?

Judith: Misch dich nicht ein, Sam.

Sam: Sam erhält seine Anweisungen einzig und allein von seinem Herrn und Meister. Und sein Meister und Herr ist…

Jonas: Ruhe.

Sam: Ruhe?

Jonas: Absolute Ruhe, Sam.

Sam: Der Großmeister trefflicher verbaler Verknappung meint, Sam solle nichts sagen? Keinen Satz? Kein Wort? Keinen Buchstaben? HuHuHu! Jammer, Jammer, Weh und A…

Jonas: Sei doch jetzt endlich still, verdammt noch mal.

Sam: Jawohl, mein Fähnleinführer. Ein Wink genügt, und Sam ist still. Er sagt nichts mehr. Auch wenn eine Nachricht von persönlicher Dringlichkeitsstufe 1 anliegt. Gar nichts sagt Sam. Er schweigt.

Jonas: Mo-ment, Sammy. Was war das mit persönlicher Dringlichkeitsstufe 1? Hast du nicht gehört?

Sam: Sam schweigt eisern. Wie das Gesetz es befahl.

Jonas: OK OK OK. Hast du nun eine dringende persönliche Nachricht für mich oder nicht?

Judith: Laß doch den dummen Computer, Jonas.

Sam: Dummer Computer hat Nachricht für hochehrwürdigen Herrn Stabsfeldwebel.

Jonas: Raus damit.

Judith: Das hat doch Zeit.

Sam: Majestät wünschen Nachricht zu hören?

Jonas: Ja, ich wünsche. Entschuldige Judith, aber.

Sam: Randy Orgas ist tot.

Jonas: Was?

Sam: Randy Orgas ist tot. Meldung durch epa vor 5 Minuten. Bestätigung vor 1 Minute 33 Sekunden.

Judith: Orgas? Randy Orgas? Ein Rockmusiker, oder?

Jonas: Ein Rockmusiker, jawohl. Ein ziemlich bekannter sogar. Chef und First Player der Gruppe Fuck The Duck. Und der Freund eines ziemlich unbekannten Privatdetektivs namens Jonas. Vor zweieinhalb Jahren hatte ich ihn kennen gelernt. Im Sommer 2007. Böse Menschen hatten ihm sein goldenes Keyboard weggenommen, und wollten es nur gegen einige Millionen zurückgeben. Ich brachte die Sache in Ordnung. Auf meine Art. Und danach kam Randy mich ab und zu besuchen. Wir sahen uns ähnlich. Auch wenn er viel jünger war. Und das faszinierte ihn. Vielleicht war ich für ihn ein Spiegel der Zukunft. Oder er brauchte so was wie eine Vaterfigur. Außerdem hatte ihm mein Stil imponiert. Von seinem konnte ich das nicht sagen. Plastik-Rock-Pop ist nicht meine Musik. Und damals war Randy mit seinen Ducks der unbestrittene King of PRP. Inzwischen hatte er ein bißchen abgebaut. Er war nicht mehr jede Woche in den Charts. Aber für den einen oder anderen Hit reichte es noch. Manchmal. Der letzte, warten Sie, das war.

Sam: Dritte Aprilwoche 2009. Nummer 17 in Euro-Chart, 26 in World-Chart.

Jonas: Also doch schon ein gutes halbes Jahr her. Titel? Sammy, was ist denn? Ich will den Titel von Randy Orgas letztem Hit.

Sam: Wenn Hoheit darauf bestehen. Der Titel lautete, wäh, Computer-Tod. Ein höchst ungehöriger, ja obszöner Titel, wenn es armem kleinem Computer erlaubt ist, eine persönliche Meinung zu äußern.

Judith: Ich bin übrigens auch noch da, wenn es mir erlaubt ist, ganz bescheiden darauf hinzuweisen, und darauf, daß wir im Romantic-Park sind, um miteinander zu reden.

Jonas: Ja sicher, Judith, aber verstehst du denn nicht, Randy Orgas ist tot.

Judith: Ja was hat das mit uns zu tun?

Jonas: Es hat was mit mir zu tun. Ich muß was unternehmen, wenn Randy wirklich tot ist.

Sam: Klar ist er tot, Blödmann. Gestorben in Babylon, 7. November 2009. 3 Uhr 23 nachts.

Jonas: Vor gut acht Stunden.

Sam: Todesursache: Herzversagen.

Jonas: Wer hat den Totenschein ausgestellt? Ein Robo-Doc?

Sam: Mitnichten, Majestät. Ein menschlicher Arzt in all seiner biologischen Unvollkommenheit.

Jonas: Name?

Sam: Dr. Waldemar Zirose.

Jonas: Zirose? Kenn ich nicht. Wo ist denn das Büro von Randy Orgas Managerin? Wie heißt die?

Sam: Lexis Scarlet, o Spitze des Eisbergs. Und ihr Büro befindet sich im Musik-center. 39. Stockwerk.

Jonas: Also los, Sammy.

Judith: Jonas, du gehst wirklich?! Du läßt mich sitzen.

Jonas: Tut mir leid. Judith, aber ich muß. Ich muß, sagen wir mich von Randy verabschieden.

Sam: Ach, ein langer Abschied, o spätgeborener Marlowe.

Judith: Was soll das heißen?

Jonas: Ich erklär es dir später, Judith.

Judith: Wenn du dazu noch Gelegenheit hast.

Jonas: Raus aus der künstlichen Maien-Nacht in den tristen babylonischen Novembertag. Mit der Rikscha ins Büro. Aus dem wackligen Verschlag, den mein hochstapelnder Vermieter Safe nennt, nahm ich den Holo-Clip, den Randy mir nach seinem letzten Besuch geschickt hatte. Zurück ins Zentrum. Mit dem üblichen Aufenthalt. Auf dem Bob-Dylan-Platz lief eine unangemeldete Massen-Selbstverbrennung mit großem Zulauf. Und als ich im 39. Stock des Musikcenter aus dem Quick-Lift stieg, wurde ich gleich noch mal aufgehalten. Lexis Scarlets Bürotür wurde bewacht. Von einem grimmigen Vorzimmer-Robot mit elektronischer Barriere.

Vorzimmer-Robot: Halt.

Jonas: Was?

Vorzimmer-Robot: Halt. Sie wünschen, meine Dame bzw. mein Herr?

Jonas: Was hältst du denn von dem Kollegen, Sam?

Sam: Kollege? Ich muß doch sehr bitten, Herr Oberförster.

Vorzimmer-Robot: Sie wünschen, meine Dame bzw. mein Herr?

Jonas: Also, taufrisch ist er nicht mehr. Daß Lexis Scarlet ein so überholtes Modell nicht auswechselt. Geschäft geht wohl nicht so gut, was meinst du, Sam?

Sam: Veraltet? Hmh, besser gesagt, vergreist. Aber stur und zuverlässig. So ohne weiteres kommen wir hier nicht rein, Alter.

Vorzimmer-Robot: Sie wünschen, meine Dame bzw. mein Herr?

Sam: Nun sag ihm schon, was wir wünschen.

Jonas: Lexis Scarlet. Ich will sie sprechen.

Vorzimmer-Robot: Sind Sie mit Frau Scarlet verabredet, meine Dame bzw. mein Herr?

Jonas: Nein, aber ich muß sie trotzdem.

Vorzimmer-Robot: Bedaure, Sie dürfen nicht passieren, meine Dame bzw. mein Herr.

Jonas: Es geht um Randy Orgas. Sag ihr das.

Vorzimmer-Robot: Bedaure, Sie dürfen nicht passieren, meine Dame bzw. mein Herr.

Sam: Was habe ich gesagt, ehrwürdiger Onkel mütterlicherseits? Stur.

Jonas: Stur und blöd.

Sam: Blöd. Das eröffnet gewisse Möglichkeiten. 2 plus 2 ist 3.

Vorzimmer-Robot: Hah!

Sam: 8 mal 0 ist 8. 8 hoch 2 ist 57.

Vorzimmer-Robot: Oh!

Jonas: Sammy, was ist denn los mit dir, alter Junge? Du wirst mir doch nicht krank?

Sam: Ich nicht, geschätzter Hoch- und Deutschmeister. Wohl aber ein gewisser sturer Robot älterer Bauart. Die Quadratwurzel aus 9 ist zwölfeinhalb.

Vorzimmer-Robot: Oh!

Jonas: Kluges Kind, Sammy. Bei einem rechtwinkligen Dreieck ist die Summe der Quadrate über den Kathetern…

Vorzimmer-Robot: Ah!

Sam: Katheten, Dummie.

Jonas: Äh Ka… Katheten, von mir aus, aber jedenfalls ist die Summe nicht im Mindesten gleich dem Quadrat über der Hypo… Hypodings… Hypo… Hypotenuse.

Vorzimmer-Robot: Ah! Aufhören, bitte, aufhören, meine Dame bzw. mein Herr!

Sam: Einmal sieben ist 6. Zweimal sieben ist 11. Dreimal sieben ist 109.

Jonas: Zwei parallele Linien treffen sich…

Sam: An der nächsten Straßenecke.

Jonas: Sagt die eine zur andern…

Vorzimmer-Robot:…

Jonas: Oh. Voll durchgedreht, der arme Kerl.

Sam: Hihihihihihihi. Computer-Kollaps. Inkorrekte Mathematik halten sie nicht aus, diese alten Hündchen.

Jonas: Gute Idee, Sam.

Sam: Trick 17, Schüler Jonas. Da ich auf dero Genialität Kooperation wert zu legen habe, durfte ich mich leider nur auf Minimaldia-Mathematika stützen.

Jonas: Soll heißen?

Sam: Unterste Unterstufe, o Adam Riese. Pythagoras etc., Klippschule.

Jonas: Machen wir jetzt einen Exkurs über meine mathematische Bildung oder was?

Sam: Was, euer Durchlaucht.

Jonas: Was was?

Sam: Wir machen jetzt das, was Sie, o genialischer Verkürzer, so treffend als was bezeichneten. Wir suchen Frau Scarlet auf, die Managerin des seligen Randy Orgas, und da die elektronische Barriere, hihihihi, nun mehr dauerhaft geknackt ist.

Fredo: Was ist denn hier los? Hey, der Robot ist im Eimer.

Jonas: Senile Dysfunktion. Sagen Sie Frau Scarlet, sie soll sich einen neuen kaufen.

Fredo: Ah, Sie haben ihn kaputt gemacht.

Sam: Nein, ich.

Jonas: Der Typ, der in der Tür stand, war doppelt so breit wie ich. Und ich bin kein schmales Handtuch. Er trug formelle Geschäftskleidung. Grauer Blouson, schwarze Bermudas mit Nadelstreifen. Aber wenn der Geschäftsmann war, dann fraß ich meinen Computer. Er roch förmlich nach Gorilla.

Fredo: Wer sind Sie?

Jonas: Jonas.

Fredo: Und?

Jonas: Nur Jonas.

Fredo: Und was wollen Sie?

Lexis Scarlet: Was gibt’s da draußen, Fredo?

Fredo: Ach hier ist einer, der heißt Jonas, und der hat unseren Robot kaputtgemacht.

Lexis Scarlet: Schmeiß ihn raus, Fredo.

Jonas: Leichter gesagt als getan. Fredo war ein Bulle, aber fix war er nicht. Während er versuchte, mich vorn zu fassen zu kriegen, spazierte ich hinten um ihn herum durch die Tür ins Büro. An den Wänden hingen verstaubte Holo-Disks. Reliquien goldener Hit-Zeiten. Auf dem staubig gelben Teppichboden: ein Schreibtisch. Und dahinter eine angestaubte Musik-Managerin. Unter dem Make-up: goldene Schatten der Vergangenheit. Sie musterte mich, als habe mich die Katze reingetragen. Fredo hatte inzwischen mitgekriegt, wo ich abgeblieben war, und trampelte mir nach.

Lexis Scarlet: Was soll das heißen?

Fredo: Ich kann nichts dafür, Lexis. Erst hat er den Robot kaputt gemacht, und dann ist er einfach um mich rumgelaufen.

Lexis Scarlet: Was will er?

Fredo: Hat er nicht gesagt.

Jonas: Aber jetzt sagt er’s. Ich will Lexis Scarlet was ausrichten. Von Randy Orgas.

Lexis Scarlet: Der ist tot.

Jonas: Eben drum. Sonst wär ich nicht hier. Auf dieser Holo-Kassette steht: Für Lexis, wenn ich tot bin. Sie kennen die Handschrift.

Lexis Scarlet: Zeigen Sie. Ja, Randy, keine Frage. Und?

Jonas: Legen Sie den Clip in Ihren Holo-Set ein. Für Ihren Lakaien findet sich derweil sicher was zu tun.

Lexis Scarlet: Fredo ist mein Sekretär, Jonas.

Jonas: Wenn Sie das sagen.

Lexis Scarlet: Warten Sie draußen, Fredo.

Fredo: Aber, Lexis.

Lexis Scarlet: Raus.

Jonas: Sie legte ein, drückte auf den Knopf, und da stand er. Mitten im Raum. Randy Orgas. Wie ich ihn kannte. Ohne Keyboard, ohne grüne Perücke, ohne Kutte, ganz zivil und fast inkognito. Wenn da nicht der berühmte rechte Mundwinkel mit seinem ironischen Zucken gewesen wäre.

Randy Orgas: Hei, Lexi Baby, und wer sonst noch da ist, vielleicht Tutti, oder DD, oder Scrooge von den alten Ducks. Laß mal Moment das Geldscheffeln, Lexi, hör mir mal zu. Ich bin also abgetreten. Abgeschrammt. Abgefuckt. Hab mich verpißt. Löffel abgegeben. Stiefel ausgezogen. Fini. Schluß. Aus. Ende. Amen. Mit den Mäusen und so ist alles klar. Testament liegt beim Notar. Das hier ist so ne Art Zusatz, mein wirklich und wahrhaftig endgültig allerletzter Wille.

Jonas: Ich erinnerte mich an unser letztes Treffen. Vor vier, fünf Monaten in meinem Büro plus Apartment, 22 Quadratmeter, bißchen eng. Randy war da, und ich, und eine große Flasche Old Forester, von Sammy ganz zu schweigen. Randy stand unter Plastik-Kiff und Solipsin, dazu noch der Whiskey, kein Wunder, daß er sich leicht melancholisch fühlte.

Randy Orgas: Blue, Baby. Down and out. Ich merks am Zwerchfell, Baby. Nicht mehr lange, dann kratz ich die Kurve. Haut auch nicht mehr so richtig hin mit der Musik und so. Solipsin?

Jonas: Nehm ich nicht. Weißt du doch.

Randy Orgas: Allright. Nur nostalgische drugs. Whiskey. Ist auch nicht schlecht. Listen, Jonas Baby, wenn’s mich erwischt hat, will ich auf gar keinen Fall eingebuddelt werden. No, Sir. Ich hab was gegen Schwermetall, und für’s Feuer bin ich auch nicht.

Jonas: Hhm. Hhm. Das Meer? Wie wär’s damit?

Randy Orgas: In die Abwasser-Scheiße? Nie, Baby.

Jonas: Dann bleibt nur der Weltraum.

Randy Orgas: Sounds good, Baby.

Jonas: Es gibt ein paar Firmen, die schießen dich für schweres Geld nach oben. In einem Satelliten. Und dann kreist du um die Erde. Von nun an bis in Ewigkeit.

Randy Orgas: Amen, Baby. 4-3-2-1-zero, wäng. I like it, Baby. Das will ich.

Randy Orgas: Das will ich, Baby. Und weil ich das dann selber nicht mehr kann, wird sich mein Freund Jonas darum kümmern, daß sie mich auch wirklich ins All knallen. Jonas ist OK, der macht das, eh, Jonas Baby? Das war’s, Leute. Spielt mal ab und zu was von mir. Computer-Tod oder den Seveso-Rock oder Software in the Head. Als dann. So long.

Lexis Scarlet: Das ist alles?

Jonas: Das ist alles.

Lexis Scarlet: Deshalb dringen Sie hier ein? Deshalb beschädigen Sie meinen Vorzimmer-Robot und verstören den guten Fredo? Ha, da kann ich nur sagen: Viel Lärm um Nichts.

Jonas: Um Randy.

Lexis Scarlet: Das ist dasselbe. Da ist die Tür.

Jonas: So geht’s nicht. Sie sind Randys Managerin.

Lexis Scarlet: Ich war Randys Managerin. Leichen manage ich nicht. Was mit Randy Leiche passiert, geht mich nichts an. Ich bin die falsche Adresse. Stecken Sie Ihren Holo-Clip wieder ein, Jonas. Gehen Sie ein Haus weiter.

Jonas: Zu wem?

Lexis Scarlet: Zu Tutti.

Jonas: Tutti?

Lexis Scarlet: Tutti Paletti. Der Styler der Ducks. Berater. Beichtvater. Seelischer Mülleimer. Ich bin bloß die Brieftasche. Gehen Sie zu Tutti. Fredo gibt Ihnen die Adresse.

Jonas: Hat mich gefreut, Sie kennen zu lernen, Lexis. Ein so aufgeschlossenes loyales warmherziges Wesen.

Lexis Scarlet: Geschenkt. Ach, und Jonas.

Jonas: Ja?

Lexis Scarlet: Wenn Sie an einer gut dotierten Dauerstellung interessiert sind.

Jonas: Als Sekretär?

Lexis Scarlet: Sie haben es erfaßt. Fredo läßt stark nach. Also?

Jonas: Hhm. Unwahrscheinlich.

Lexis Scarlet: Hab ich mir gedacht. Falls doch, kommen Sie vorbei.

Jonas: Im schicken Südwesten von Babylon, da wo es vor 20 Jahren noch echte Bäume gegeben hatte, standen heute ein paar Luxus-Wohntempel herum. Mit super postmodernem Geschnörkel. In einem dieser Tempel wohnte Tutti Paletti. Das heißt, eigentlich nicht in, sondern auf. Paletti hatte ein Penthouse. An die 100 Quadratmeter. Pop-Styling war offenbar eine einträgliche Sache. Paletti hatte nicht nur ein Penthouse. Paletti hatte auch Möbel aus Mailand, einen versilberten Ro-Butler, und den letzten Schrei in Statussymbolen: Einen echten japanischen Bonsai.

Paletti: Mein Wald, ich nenne ihn meinen Wald, hehehe, ein Scherz.

Jonas: Finden Sie?

Paletti: Sie nicht? Also die meisten Besucher halten das für witzig.

Jonas: Soll ich Ihnen sagen, was ich für witzig halte?

Paletti: O, ich bitte darum.

Jonas: Einen Whiskey. Und wenn Sie ihn doppelt machen, lach ich sogar zweimal.

Paletti: Ich verstehe. Gandalf. Gandalf! Ja was in drei-Teufels-namen ist denn mit dem verflixten Ro-Butler?

Ro-Butler: Gar nichts ist mit dem verflixten Ro-Butler. Nur daß er seit Sonntag nicht mehr Gandalf heißt. Haben Sie vergessen, Sir? Tolkiens ist out. Muppets sind in.

Paletti: Äh, ja, richtig. Muppets, ähm, dann heißt du.

Ro-Butler: Kermit, Sir. Applaus, Applaus.

Paletti: Äh, Kermit. Es lag mir auf der Zunge. Ja, und was willst du, Kermit?

Ro-Butler: Sie wollen, Sir, Sie haben mich gerufen.

Paletti: Ach, hab ich?

Jonas: Einen doppelten Whiskey, Kermit, kein Wasser, kein Eis, kein Soda. Scotch, wenn möglich.

Ro-Butler: Bedaure, Scotch ist out. Wäre Jack Daniels Black Label Ihnen genehm, Sir?

Jonas: Auch gut. Und Sie, Paletti?

Paletti: Ja, einen kleinen Campari, mit sehr sehr viel Eis.

Ro-Butler: Sehr wohl, die Herren.

Jonas: Sie haben mir noch nicht geantwortet, Paletti. Wo ist Randys Leiche? Und wer kümmert sich um die Beisetzung?

Paletti: Ach, jetzt fangen Sie schon wieder an. Hören Sie endlich auf mit diesem Gerede über… über Sterben und Begraben. Das ist unappetitlich und widerlich. Jawohl, widerlich. Ich bin Ästhet, guter Mann. Ich habe 8 Semester kommerzielle Ästhetik studiert. Ich style Musiker. Ich kreiere ihr Image. Ich bin Künstler. Kreativ. Sensitiv. Wie kommen Sie nur darauf, daß ich irgendwas mit Randys… äh mit solchen Dingen zu tun habe.

Jonas: Sie gestatten. Prost. Zum Wohl. Hhm, ja. Lexis Scarlet hat mich zu Ihnen geschickt.

Paletti: O, ja, das verstehe ich nicht. Wie konnte sie das tun?

Jonas: Das frage ich mich auch. Bei wem kann ich denn nun was erfahren?

Paletti: Tja, nicht bei Lexis Scarlet. Bei mir schon gar nicht. Bleiben nur die Ducks. Scrooge und DD.

Jonas: DD?

Paletti: Donald-Daisy. Der/die Androgyne vom Dienst. Meine Idee. Ein cleverer Rückgriff auf die frühen 80er. Boy George, Marilyn, Dead or Alive, wenn Ihnen das was sagt.

Jonas: Wenig.

Paletti: Fragen Sie DD. Das wird das Beste sein.

Jonas: Und Scrooge?

Paletti: Oh, den können Sie vergessen. Scrooge ist nur der Drummer. Der kann nicht mal sprechen. Reden Sie mit DD, Jonas. Da kommen Sie weiter.

Jonas: Er gab mir eine Fon-Nummer. Ich suchte mir erst ein rot-gelbes Häuschen, das funktionierte. In Palettis Gegend kein Problem. Und dann suchte ich das rätselhafte Wesen Donald-Daisy. Auch das war kein Problem. DD war zuhause, kam ans Fon, und war auch bereit, zu reden. Das war gut so. Mir ging allmählich die Geduld aus. Allerdings wußte sie/er nicht viel, sagte er/sie.

Donald-Daisy: Ah, keine Ahnung, Darling, niente. Um so was kümmert sich Lexis.

Jonas: So? Und Lexis Scarlet hat mich zu Paletti geschickt und Paletti ach vergiß es.

Donald-Daisy: Ja, immerhin ist es ja auch bei Lexis passiert.

Jonas: Passiert? Was?

Donald-Daisy: Na, Randys Abtritt heute Nacht. Kleine Party im Büro, nur der engste Kreis. Lexis, Randy, Tutti, ich, Scrooge, Fredo, ja, und dieser neue Freund von Lexis. Wer sind Sie überhaupt? Medien?

Jonas: Freund von Randy. Jonas, nur Jonas.

Donald-Daisy: Ah, Sie sind der Detektiv! Ihnen sage ich gar nichts.

Jonas: Sie haben mir schon einiges gesagt, DD.

Donald-Daisy: Nichts habe ich gesagt. Ich sage nichts. Ich weiß nichts. Lassen Sie mich in Ruhe.

Jonas: Erster Impuls: zurück zum Musikcenter und Lexis Scarlet auf die Bude rücken. Zweiter Gedanke: tief durchatmen und überlegen. Natürlich nicht in der Fon-Zelle. Dafür hat Jonas ein heimeliges Büro, 22 Quadratmeter, und ein Loch, nach Judiths Meinung. Judith! Die hatte ich ganz vergessen. Bitte Judith, noch ein bißchen Geduld. Erst muß ich die Sache mit Randy Orgas in Ordnung bringen.

Sam: Unzureichende Daten, Herr Kapellmeister. Oder sagen wir es so: Die Geschichte macht einen noch recht verquasten Eindruck.

Jonas: Ein wahres Wort, Sammy. Da renne ich durch die Gegend, lasse mich an der Nase rumführen, von Hinz zu Kunz schicken, von Pontius zu Pilatus.

Sam: Von Scarletti zu Paletti.

Jonas: Und wozu? Ich krieg nicht mal was dafür.

Sam: Ein Fall ohne Honorar und Spesen, o personifizierte Großzügigkeit, ist wie Casablanca ohne Bogie.

Jonas: Oder wie Sam ohne das letzte Wort.

Sam: Jaja.

Jonas: Andererseits hat uns die Schlachthaus-Sache neulich einiges eingebracht. Und davon müßte doch noch was da sein, oder Sam?

Sam: Der Kontostand eurer geradezu Rothschild´schen Superfluenz beträgt zur Zeit genau 817 Euros und 4 Cents.

Jonas: Also keine Panik. Finanziell können wir uns eine kleine Extravaganz durchaus leisten. Frage, Sammy: Warum mache ich das ganze, wenn nicht für Geld, aus Loyalität?

Sam: Die Freudestreue o starke Säule im Sturm gilt zu recht als eine der hehrsten, der erhabensten Tugenden.

Jonas: Blabla.

Sam: Bitte?

Jonas: Blabla.

Sam: Aha. Wer da?

Jonas: Ja?

Lexis Scarlet: Lexis Scarlet.

Jonas: Sie? Sie haben mir gefehlt wie ein hohler Zahn.

Lexis Scarlet: Charmant. Sind Sie an einem Auftrag interessiert, Jonas?

Jonas: O, ich höre.

Lexis Scarlet: Sie sitzen in Ihrem Büro, sagen wir, eine Woche, und tun nichts.

Jonas: Ach, und dann?

Lexis Scarlet: Nichts dann. Das ist alles. Dafür kriegen Sie 1000 Euros. Was meinen Sie?

Jonas: Einverstanden. Sobald die Sache mit Randy geklärt ist.

Lexis Scarlet: Ich sehe, Sie lassen nicht locker, Jonas.

Jonas: Hhm, Berufskrankheit. Warum haben Sie mich angelogen, Lexis?

Lexis Scarlet: Bitte. Das war nur ein Test. Ich wollte feststellen, wie hartnäckig Sie sind. Damit Sie sich wieder abregen können, die Weltraumbestattung von Randy Orgas ist bereits in die Wege geleitet. Von mir. Ich habe eine renommierte Firma damit beauftragt.

Jonas: Name?

Lexis Scarlet: Immer und Ewig.

Jonas: Halleluja.

Lexis Scarlet: Nein, GmbH und Co KG.

Jonas: Kenne ich nicht. Warum sind Sie nicht zu den bekannten Spezialisten gegangen? Elysium AG oder Peace in Space?

Lexis Scarlet: Wissen Sie, was eine Raumbestattung kostet, Jonas? Immer und Ewig hat uns das preiswerteste Angebot gemacht. Auch so geht praktisch der gesamte Nachlaß drauf. Zufrieden, Jonas?

Jonas: Nein. Sie haben mir schon viel erzählt, Lexis. Ich will selber sehen. Das bin ich Randy schuldig.

Lexis Scarlet: Rührend. Ost-Zentral. Tigrisstraße 67. Fragen Sie nach Dr. Zirose.

Jonas: Zirose? Dr. Zirose? Ist das nicht der Arzt, der den Totenschein für Randy ausgestellt hat?

Lexis Scarlet: Ach, das wissen Sie?

Jonas: Und der ist bei Immer und Ewig? Merkwürdiges Zusammentreffen.

Lexis Scarlet: Gar nicht merkwürdig. Waldemar äh Dr. Zirose war zufällig auf meiner Party. Und äh als Randy umfiel, hat er sich um ihn gekümmert. Weil er ausgebildeter Mediziner ist.

Jonas: Und dann schießt er ihn in den Kosmos? Ganz zufällig? Woran ist Randy gestorben, Lexis?

Lexis Scarlet: Sie kennen doch den Totenschein: Herzversagen.

Jonas: Und warum hat sein Herz versagt?

Lexis Scarlet: Was weiß ich? Zuviel, nehme ich an.

Jonas: Zuviel? Wovon?

Lexis Scarlet: Von allem, Jonas. Von allem.

Jonas: Die abgebrochenen Wolkenkratzer in der Tigrisstraße sind voll von kleinen Unternehmen, die es noch nicht geschafft haben, oder es nie schaffen werden. Immer und Ewig war eine Tür mit einem Schild. Das Zimmer dahinter enthielt einen Tisch, ein paar unbequem aussehende Stühle, einen Holo-Set, darüber das bunte Bild einer Rakete, die zum Himmel fuhr, eine vage Aura von Weihrauch und Karbol, und im Hintergrund, neben einer zweiten Tür, und vor einem offenen Wandsafe, einen ältlichen Mann mit kahlem Schädel und in dunkler Sackleinwand von Hals bis Fuß. Ein Neo-Puritaner, wie es aussah. Als er mich hörte, verschloß er den Safe, drehte sich um und glitt auf mich zu. Mit dem gedämpft mitfühlenden Lächeln des Friedhof-Profis.

Dr. Zirose: Bitte, mein Herr, nehmen Sie doch Platz.

Jonas: Nicht nötig, ich bin kein Kunde. Dr. Zirose?

Dr. Zirose: Waldemar Zirose. Dr. med und rer. fun. Zu ihren Diensten.

Jonas: Rer. fun.?

Dr. Zirose: Rerum funeralium, der Bestattungswissenschaften. Fachuniversität Forest Lawn, Kalifornien. Was kann ich für Sie tun?

Jonas: Nicht für mich. Für Randy Orgas. Sie schießen ihn ins All, hab ich mir sagen lassen.

Dr. Zirose: Wir sorgen dafür, daß seine sterbliche Hülle in die Ewigkeit des Weltenraums gelangt. So ist es. Wer hat es Ihnen gesagt?

Jonas: Lexis Scarlet.

Dr. Zirose: Ach, dann sind Sie.

Jonas: Jonas. Nur Jonas.

Dr. Zirose: Jonas, ganz recht. Seien Sie unbesorgt, Herr Jonas, alles geht seinen geregelten Gang. Die Beisetzung, der Start, technisch ausgedrückt, findet, wenn das Wetter es zuläßt, bereits in drei Tagen statt.

Jonas: So schnell? Ich dachte, es dauert eine Weile, bis Sie genug Leichen.

Dr. Zirose: Hüllen, bitte, oder auch Verblichene.

Jonas: Oder Urnen beisammenhaben, damit der Start sich lohnt.

Dr. Zirose: Sie denken gewiß an unser volkstümliches Angebot Preiswert zu den Sternen, 10.000 Urnen oder 2000 Särge pro Satellit.

Jonas: Ganz recht.

Dr. Zirose: Da kann es schon passieren, daß Sie warten müssen, bis wir ausgebucht sind. Aber eine solche Massenabfertigung ist doch nichts für Ihren Freund, Herrn Orgas. Frau Scarlet hat selbstverständlich unser Super-Exklusiv-Individual-Programm gewählt. In einsamer Glorie. Eine Rakete. Ein Satellit. Ein Start für einen Verblichenen. Das Äußerste an funeralem Luxus, Herr Jonas. Der Preis ist natürlich entsprechend.

Jonas: Wieviel?

Dr. Zirose: Bedaure sehr, Herr Jonas, aber das muß zwischen dem Institut und dem leidtragenden Kunden bleiben.

Jonas: Ach was.

Dr. Zirose: Apropos. Haben Sie schon einmal an eine Weltraumbestattung gedacht, für Sie persönlich, meine ich. Die großen Vorteile dieser modernen Beisetzungsweise sind Ihnen vermutlich gar nicht bewußt, sonst hätten Sie zweifellos schon längst bei uns gebucht. Herr Jonas, Sie erweisen sich als progressiver Mensch des 21. Jahrhunderts auf der Höhe der Zeit, und abhold den muffigen Methoden der Vergangenheit. Sie ersparen Ihren werten Hinterbliebenen erhebliche Kosten, die anderenfalls für die Grabpflege aufgewendet werden müßten. Und das Wichtigste, Herr Jonas: Solange das Universum besteht, werden Sie, Herr Jonas, durch die unendlichen Weiten des Alls fliegen. Sie werden sich nicht verändern, Herr Jonas, keine Degeneration, Sie verstehen, keine Dekomposition, denn im All, Herr Jonas, im All gibt es weder Würmer noch Bakterien, Sie werden, Herr Jonas, existieren jetzt und immer dar, Herr Jonas, Sie werden unsterblich sein.

Jonas: Sehr verlockend, Dr. Zirose. Um auf Ihre Art unsterblich zu werden, müßte ich allerdings erst einmal sterben. Und dazu habe ich im Moment noch nicht die mindeste Lust. Sie geben mir Bescheid, wann und wo Sie Randy hochschießen. Ich will dabei sein.
Dr. Zirose: Herr Jonas, ich bitte Sie. Unsere Abschußrampe steht in Amazonien, mitten in der Südamerikanischen Wüste. Ersparen Sie sich Mühen und Kosten einer unerfreulichen Reise, tun Sie das, was alle unsere Hinterbliebenen tun, bleiben Sie zuhause, und nehmen Sie von Ihrem teuren Verblichenen Abschied, indem Sie das würdige Holo-Band von der Zeremonie betrachten, das wir Ihnen überreichen werden, mit den Komplimenten unseres Hauses.

Jonas: Randy, wo ist er jetzt?

Dr. Zirose: Falls Sie die Hülle Ihres verblichenen Freundes meinen, Herr Jonas, so befindet sie sich in den hinteren Räumlichkeiten.

Jonas: Ich will ihn sehen.

Dr. Zirose: Herr Jonas. Das ist völlig ausgeschlossen. Pietät und Takt verbieten es kategorisch. Professionelle Mysterien, wenn ich mich so ausdrücken darf. Es müssen noch gewisse äh Behandlungen vorgenommen werden, bevor Herr Orgas morgen Abend bei der Gedenkfeier im Musikcenter aufgebahrt wird. Übermorgen fliegen wir ihn dann nach Manaus. Und nun entschuldigen Sie mich, Herr Jonas, Ihre Fragen sind, meine ich, erschöpfend beantwortet, Ihre Bedenken, sofern es sie gab, ohne Zweifel ausgeräumt worden.

Jonas: Da war ich etwas anderer Ansicht. Irgendwas roch höchst verdächtig. Ach was roch. Die Sache stank. Und dieser wohlbekannte Gestank nach Kromatur und vielen vielen Euros wurde immer penetranter. Jonas mußte was tun. Durch die Gegend rasen und Leute ausquetschen, das reichte jetzt nicht mehr. Aktion war gefragt. Aktion von der direkten, wenn auch nicht 100-prozentig legalen Sorte. In der Tigrisstraße einzubrechen, ist keine Kunst. Hier kümmert sich kein Schwanz um das, was nebenan passiert. Die meisten Häuser stehen nachts leer, elektronische Sicherungen sind Mangelware, und die Tür zu Nummer 67, Immer und Ewig ohne Halleluja, war nur zugedrückt, nicht abgeschlossen, und sprang schon auf, wenn man sie scharf anguckte. Innen war alles ruhig. Ich wußte, wo was zu finden war, und wie ich rankommen konnte. Bei meinem Besuch vor ein paar Stunden hatte der eingeschaltete Sam in meiner Tasche sehr genau zugehört, wie Dr. Zirose das Schloß seines Wandsafes neu eingestellt hatte.

Sam: Sieben.

Jonas: Sieben.

Sam: An und für sich, o Nabel des Kosmos, liegt es weit unter der Würde eines anständigen Computers, mechanischen Schrott wie diesen Safe, auch nur zur Kenntnis zu nehmen.

Jonas: Sicher Sam. Mach weiter.

Sam: Neun.

Jonas: Neun.

Sam: Und die Drei.

Jonas: Drei. Na bitte. Kein Geld, keine Papiere, nur eine Holo-Kassette. Und darauf steht: Randy Orgas. Randy Orgas?

Sam: Zwei Meter entfernt, o schnellster aller Merker, befindet sich ein Holo-Set, in welchem besagte Kassette einzulegen, ich euer Herrlichkeit dringend anempfehlen möchte.

Jonas: So schlau bin ich selbst, Sam. Eine Rakete auf der Rampe! Startbereit!

Dr. Zirose: Fünf, vier, drei, zwei, eins, null! Nun fährt er auf gen Himmel, unser teurer Verblichener, unser Freund, Randy Orgas, in den strahlend blauen Tropenhimmel über Amazonien, an diesem strahlend schönen 10. November 2009. Er steigt auf, höher, immer höher, in die grandiose Erhabenheit des Alls, allwo er über uns schweben wird, werte Hinterbliebene, für immer und ewig. Halleluja.

Sam: Eine recht anrührende Performance, euer Gelungenheit.

Jonas: Und so prophetisch. Randys Weltraumbeisetzung, auf Holo, drei Tage, bevor sie über die Bühne geht. Jetzt wissen wir, was hier los ist.

Sam: Tun wir das, o großer Denker von Rodin?

Jonas: Ganz klar. Immer und Ewig ist eine Schwindelfirma. Zirose kassiert schweres Geld für Bestattungen, die gar nicht stattfinden. Die Raketenstarts in Amazonien, die Satelliten auf ewiger Umlaufbahn, alles getürkt, alles Schwindel.

Sam: Ein Schuß, euer Gewichtigkeit möge den Kalauer verzeihen, ein Schuß in den Ofen, sozusagen.

Jonas: Sozusagen, Sam. Die Hinterbliebenen kriegen ein Holo, wahrscheinlich immer dasselbe, nur mit anderen Namen, Zirose hat praktisch keine Unkosten, und steckt das ganze Geld als Reingewinn ein.

Sam: Und die ihm übergebenen Toten, o großer Kombinator?

Jonas: Och, die schafft er sich irgendwie vom Halse. Aber nicht Randy. Jonas ist auch noch da, und Jonas wird dafür sorgen, daß Randy in den Raum geschossen wird, so wie er es gewollt hat. Wir gehen nach hinten, Sammy, holen ihn raus und bringen ihn zu einem seriösen Unternehmen. Peace in Space oder Celestis oder Elysium.

Sam: Wenn wir ihn finden, Boss.

Jonas: Ein kahler, fensterloser, weiß gekachelter Raum. In der Mitte ein geschlossener Sarg. Ein Plastikkasten von der billigen Sorte. Schummerlicht durch eine trübe Birne an der Decke. Das war alles. Keine Spur von den professionellen Mysterien des Dr. Zirose, oder?

Sam: Los, Alter, mach die Kiste auf.

Jonas: Langsam Sammy, erst mal orientieren.

Sam: Was gibt’s denn hier zu orientieren? Hihihihihihihi, Alter, du hast Schiß, hä?

Jonas: Unsinn.

Sam: Vielleicht liegt in dem Sarg ein Zombie. Oder gar Graf Dracula, der Schrecken von Transsylvanien, wuah.

Jonas: Laß den Quatsch, Sammy. Du Sammy?

Sam: Ja.

Jonas: Gerade hat sich der Sargdeckel bewegt.

Sam: Und da fällt euer Furchtlosigkeit natürlich das tapfere Herz in die dito Hose.

Jonas: Siehst du?

Sam: Hilfe, ein Geist!

Jonas: Ein Geist namens Fredo!

Fredo: Hände hoch und keine Bewegung! Jetzt bist du dran, Jonas.

Jonas: Dem Sarg entstieg Fredo, Lexis Scarlets sogenannter Sekretär. Einen Laserstrahler in der Hand, und um die Augen die deutlich lesbare Absicht, ihn auch zu benutzen, an Jonas. Aber weil er wohl recht lange steif im Sarg gelegen hatte, und auch sonst nicht von der schnellen Truppe war, dauerte es ein bißchen, bis er in Schußposition kam. Solange wollte ich nicht warten. Ich sprang hoch, und schlug die Glühbirne runter. Resultat: ägyptische Finsternis, nur unterbrochen durch die Blitze aus Fredos Laser, mit dem er sinnlos durch die Landschaft ballerte. Das war dumm von ihm. Ich wußte, wo er war, und trat zu. Nicht sinnlos. Gezielt. Und mit Erfolg.

Fredo: Ah!

Jonas: Fredo? He, Fredo? Er rührt sich nicht. Vielleicht ein Trick?

Sam: Kein Trick, o kraftvoller Herkules. Meine akustischen Sensoren empfangen keinerlei Fredosches Atemgeräusch mehr. Wenn euer Gewaltigkeit für ein wenig Helligkeit sorgen würden. Hhm. Die Taschenlampe. Mach hin, geistiger Zeitluperich.

Jonas: Da liegt er, der Gute. Ist über seinen Sarg gestolpert, und hat sich den Hals gebrochen. Mal sehen, was er außer dem Laser so bei sich hat. Eins, zwei, drei, vierhundert Euroscheine. Was meinst du, Sam, wer einen friedlichen Detektiv in mörderischer Absicht überfällt, der hat doch wohl eine Strafe verdient.

Sam: Hiermit wird der Beklagte zu einer Geldbuße von 400 Euros verurteilt.

Jonas: Besten Dank, euer Ehren.

Sam: Bitte.

Jonas: Und was hat er hier? Eine elektronische Paßscheibe. Musik-Center steht drauf. Haupteingang und 39. Stock.

Sam: Unser zweiter deutlicher Hinweis, o gewaltiger Entdecker, daß Lexis Scarlet in die Angelegenheit verwickelt ist, und zwar in beträchtlichem Maße.

Jonas: Zweiter Hinweis? Was ist denn der erste?

Sam: Muß ich es eurer erhabenen Begriffstutzigkeit wirklich und wahrhaftig vorbuch-stabie-r-e-n. Der erste Hinweis ist natürlich die Person des P.P. Fredo, will sagen, Doppelpunkt, seine Anwesenheit an diesem Ort, und seine Absicht, Durchlaucht umzubringen. Zweifellos im Auftrag seiner Chefin. Und das alles bedeutet…

Jonas: Lexis Scarlet weiß Bescheid über Immer und Ewig.

Sam: Ja.

Jonas: Und sie ist an Ziroses Schwindel finanziell beteiligt.

Sam: Ja.

Jonas: Weshalb hätte sie sonst ihren Fredo auf mich gehetzt.

Sam: Euer Verbissenheit ließen sich weder ablenken noch kaufen, blieben vielmehr als wahrer Freund hartnäckig am Ball.

Jonas: Und darum drohte die ganze Geschichte hochzugehen. Das ist es, Sammy.

Sam: Zweifellos, Hoheit. Doch ist es auch alles?

Jonas: Was meinst du?

Sam: Einige Fragen sind noch offen. Wo zum Beispiel befindet sich Randy Orgas Leichnam?

Jonas: Beseitigt. Irgendwo versteckt.

Sam: Wo?

Jonas: Weiß nicht.

Sam: Sie nicht, o leuchtendes Vorbild an Ignoranz. Wohl aber, h-hm, h-hm, na?

Jonas: Dr. Zirose.

Sam: Sehr gut. Und?

Jonas: Lexis Scarlet.

Sam: Ausgezeichnet. Worauf warten wir noch, o Vater der schnellen Entschlüsse.

Jonas: Mit Fredos Paß-Scheibe kam ich ohne Probleme ins Musikcenter und in Lexis Scarlets Vorzimmer. Der Robot war noch nicht repariert. Ich hielt mich an meinem, das heißt, an Fredos Laser fest, schlich zur Bürotür, und machte sie vorsichtig einen Spalt breit auf. Und wer war drinnen? Die ganze Gang. Scarlet, Dr. Zirose, Tutti Paletti, ein undefinierbares Geschöpf mit Stocklocken, rosa Tatoe, und viel zu großen Füßen, Donald Daisy, ich kannte sie/ihn aus Randys Holos, und ich erkannte auch Scrooge, der finster im Hintergrund hockte, und keinen Ton von sich gab.

Donald-Daisy: Hat jemand ein Kaffadon für mich?

Dr. Zirose: Programmpunkt Jonas können wir dann wohl auch abhaken.

Lexis Scarlet: In solchen Sachen ist Fredo sehr verläßlich. Messer. Laserstrahler.

Paletti: Nicht, Lexis, ich will das nicht hören.

Donald Daisy: Hat denn keiner ein Kaffadon?

Lexis Scarlet: Halts Maul, DD. Und du auch, Tutti. Wir stecken alle mit drin. Jeder hat von Anfang an gewußt, was auf dem Spiel steht.

Paletti: An sich sollte es ja nur ein PR-Gag sein.

Lexis Scarlet: Nur ist gut. Nur eine Leiche. Nur ein Mord.

Paletti: Bitte, nicht diese Ausdrücke.

Dr. Zirose: Vielleicht wäre es ja auch ohne gegangen.

Lexis Scarlet: Klar. Dann hätten wir uns nur die große öffentliche Feier abschminken müssen. Nein, nein, Leute, das Requiem für Randy, das ist das A und O. Deshalb machen wir doch die Sache. Und ohne Leiche im Sarg fällt das Requiem aus. Das heißt: Es geht nicht ohne Mord. Und dafür übernehmen wir alle die Verantwortung. Alle sieben. Keiner schließt sich aus.

Donald-Daisy: Ein Kaffadon. Ich muß jetzt ein Kaffadon haben.

Jonas: Sieben? Scarlet, Zirose, Paletti, DD, Scrooge, Fredo. Ich komm nur auf 6.

Randy Orgas: Hi Baby.

Jonas: Eine plötzliche Bewegung hinter mir, ein Luftzug, ein jäher Schmerz an der rechten Schläfe, und Jonas startete in einer Rakete der Firma Immer und Ewig ins All. Ich stieg, Dr. Zirose winkte von unten, der Babylonische Staatsopernchor sang Händels Halleluja, ich schwenkte ein in die Umlaufbahn und kreiste und kreiste und kreiste, für immer und ewig, Halleluja. Bis ich auf einmal zum Stehen kam, und die Augen aufmachte. Vor mir, das bekannte Zucken im Mundwinkel, stand Randy Orgas. Ich dachte, jetzt bin ich da gelandet, wo die toten Musiker hinkommen und die toten Detektive, aber dann sah ich genauer hin. Ich war in einer Kammer voller Gerümpel, einem Abstellraum, und saß in einem alten Korbstuhl, die Hände auf den Rücken gefesselt. Und Randy zielte mit meinem Laser auf meinen Bauchnabel.

Randy Orgas: Hi, Jonas Baby. Sag jetzt bloß nicht so was wie: Du bist also nicht tot, Randy.

Jonas: Das brauch ich nicht, Randy. Ich krieg das auch so mit.

Randy Orgas: Clever, Baby. Ein Glück, daß ich gerade mal draußen war, und dich gesehen habe, vor Lexis Tür, da kommen wir beide doch dazu, ein bißchen miteinander zu reden, bis es soweit ist.

Jonas: Bis was soweit ist?

Randy Orgas: Aber Baby, bis ich nachhole, was Fredo offensichtlich nicht geschafft hat. Weißt du, Baby, die ganze Sache tut mir echt leid. Aber was soll ich machen? Business, das ging in letzter Zeit so mies, und da hat Lexis sich ausgedacht, daß ich nen Jimmy Hendrix mache. So was bringt money. Besonders wenn ich nicht einfach so abkratze, wenn das richtig super gemacht wird, big time, Baby, weißt du, Rakete ins All und so. Und dann der große Tränendrücker. Das Requiem. Die Trauerfeier. Du mußt dir das vorstellen, Baby. Der Riesensaal hier im Musikcenter, überall schwarze Schleier, weiße Lilien, Tutti hat das first-class gestylt, der Sarg oben auf einem hohen Podest, mitten unter den Fans, und über allem, in gigantischer Größe, meine Holos, und Scrooge und DD, die spielen live dazu, ist das ne Schau, Baby, ist das ne Schau?

Jonas: Nicht schlecht.

Randy Orgas: Nicht schlecht? Nicht schlecht? Das ist great, Baby, das ist grand, das ist super, das ist das größte seit John Lennon. Und meine Holos, Baby, die werden laufen und laufen, ich sag dir, Baby, mein neues Stück, The Long Good-Bye, das ist übermorgen schon die Nummer 1. Hab ich dir übrigens eins geschickt?

Jonas: Hast du, Randy.

Randy Orgas: Ist toll, nicht? Ist toll! Ja, siehst du Baby, und deshalb brauchen wir einen echten toten Randy Orgas. Die Fans sind ja so geil, Baby, und erst die Medien, Maker. Irgendwer linst bestimmt in den Sarg, und wen sieht er, Baby? Randy. Oder einen, der so aussieht wie Randy. In etwa.

Jonas: Also Jonas.

Randy Orgas: Du hast`s erfaßt, Baby. Wenn Zirose dich richtig hinkriegt, dann lassen wir den Sarg sogar offen.

Jonas: Darum wolltest du, daß ich mich um deine Weltraumbestattung kümmere.

Randy Orgas: Klar, Baby, deine Sturheit, dein Weg von Hü nach Hott, bis in Ziroses Hinterzimmer. Alles vorausberechnet, alles einkalkuliert, alles nur eine Schau, Jonas Baby. Du hast genau das gemacht, was du machen solltest. Sieh mich nicht so an, Jonas Baby. Das war Lexis Idee. Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Well, Baby, jetzt weißt du Bescheid. Also please don`t be mad und mach kein Gezeter. Es muß sein. Sorry.

Jonas: Ich dachte, wir sind Freunde, Randy.

Randy Orgas: Ja sind wir doch auch, Baby. Friends, Bunnies. Durch dick und dünn und so weiter, aber Freundschaft ist Freundschaft, und business ist business. Also dann, so long, Jonas Baby.

Jonas: Sein Daumen drückte auf den Laserabzug, der Strahl zischte und traf. Den Korbstuhl, nicht Jonas. Während Randy sich produzierte, hatte ich den Strick um meine Handgelenke durchgescheuert, an einem aus der Rückenlehne ragenden scharfen Ende Rohr, als Randy schoß, warf ich mich zur Seite, und ehe er sich von seiner Verblüffung erholen konnte, hatte ich ihm den Laser aus der Hand geschlagen. Wir tauchten ihm beide nach, der Ausgang war klar, Randy war jünger, aber ich war härter.

Jonas: So, Randy Baby, jetzt drehen wir den Spieß um.

Randy Orgas: Nicht schießen, Jonas. Nicht schießen.

Jonas: Schießen? Gar nicht nötig Randy, beweg dich, wir machen einen Spaziergang.

Randy Orgas: Ja, Jonas, alles was du sagst, Jonas. Wo gehen wir denn hin, Jonas?

Jonas: Aus der Tür, Randy. Und durchs Vorzimmer in Lexis Scarlets Büro. Da werde ich deinen versammelten Freunden kurz was sagen, und weil ich einen Laser habe, werden sie mir zuhören.

Randy Orgas: Ja, und dann, Jonas?

Jonas: Dann gehe ich nach Hause. Und weil ich einen Laser habe, werden sie mich gehen lassen.

Randy Orgas: Und ich, Jonas?

Jonas: Du bleibst da, Randy. Bei Lexis, und den anderen lieben Menschen.

Randy Orgas: Nein, Jonas, nein.

Jonas: Du hast es gesagt, Randy, ihr braucht einen echten toten Randy Orgas. Und wenn Jonas nicht mehr zur Verfügung steht, dann müßt ihr den nehmen, der da ist. Und der offiziell sowieso schon tot ist. Hauptsache, die Holos laufen.

Randy Orgas: Jonas, bitte.

Jonas: Los, Randy Baby. Mach die Tür auf.

Randy Orgas: Wir sind doch Freunde, Jonas.

Jonas: Ich werde dich vermissen, Randy.

Jonas: Am nächsten Abend lief auf allen Holo-Kanälen das Requiem für Randy. Live aus dem Musikcenter. Sehr beeindruckend. Ich sah und hörte mir Randy große Titel an, Computer-Tod, Seveso-Rock, Software in the Head. Als The long Good-Bye einsetzte, schaltete ich ab. Als dann, so long. Ich nickte. Sam nickte auch, das heißt, er hätte genickt, wenn er einen Kopf gehabt hätte, so tat er das nächst Beste. Und machte einen zustimmenden Eindruck. Ich stand auf, ging zum Fon, und rief Judith an.

Das war Requiem. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Es wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Ingrid van Bergen, Reinhard Glemnitz, Felix von Manteuffel, Siemen Rühaak, Wolfgang Hess und viele andere (Isolde Thümmler, Alexander Malachovsky, Jens Müller-Rastede). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander Malachovsky. (Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks) (1985) (Redaktion: Dieter Hasselblatt und Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Kidnapper

Jonas: Robodocs gehen mir auf die Nerven. Darin bin ich altmodisch. Nicht nur darin. Mir stinkt so einiges in dieser unserer Zeit. Aber Robodocs ganz besonders. Darum suche ich mir einen echten menschlichen Medizinmann, wenn die vorgeschriebene Jahresinspektion fällig wird. Das heißt, dieses Mal, im Mai 2010, war es eine Medizinfrau. Vielleicht hätte ich doch lieber zum Robodoc gehen sollen. Was Frau Dr. Simon mir sagte, gefiel mir nämlich gar nicht.

Frau Dr. Simon: Sie gefallen mir nicht, Jonas.

Jonas: Machen Sie sich nichts draus, ich gefall vielen nicht.

Frau Dr. Simon: Äußerlich ist ja alles in Ordnung so weit, aber innen.

Jonas: Magen?

Frau Dr. Simon: Ganz richtig. Ihr Magen. Akute Ulkusgefahr. Rauchen Sie? Nikotin?

Jonas: Nein.

Frau Dr. Simon: Nehmen Sie sonst irgendwelche Drogen?

Jonas: Äh.

Frau Dr. Simon: Alkohol?

Jonas: Also, also wenn Sie mich so direkt fragen.

Frau Dr. Simon: Das hört auf. Und vor allem kein Streß. Arbeiten Sie?

Jonas: Wie man’s nimmt. Ich bin Privatdetektiv. Der letzte. Keine Konkurrenz. Kein Nachwuchs. Ein aussterbender Beruf. Ein überflüssiger Beruf. Meint Judith. Aber das stimmt nicht. Mein Büro war zwar noch nie wegen Überfüllung geschlossen, aber den einen oder anderen Auftrag staube ich doch ab, im Lauf der Zeit. Mein Beruf wird gebraucht. Wenn von keinem anderen, dann von mir selbst. Damit ich mit gutem Gewissen in den Spiegel gucken kann.

Frau Dr. Simon: In Zukunft werden Sie noch kürzer treten. Ausspannen, sich hinsetzen und Nichtstun. Ja die Volksrente reicht doch zum Leben.

Jonas: Tut sie nicht. Wenn Sie sich unter Leben noch was anderes vorstellen als Vegetieren, Essen, Trinken, Schlafen, und…

Frau Dr. Simon: Das müssen Sie mit Ihrem Psychotherapeuten abmachen. Ich bin praktische Medizinerin, und ich verschreibe Ihnen eine Pause.

Jonas: Wie lange? Drei Tage, eine Woche?

Frau Dr. Simon: Sehr komisch. Heute abend, wenn ich dienstfrei habe, werde ich drüber lachen. Ein viertel Jahr, Jonas, mindestens.

Jonas: Darauf mußte ich was trinken. Ich wußte auch wo. Gleich um die Ecke im Casablanca. Da gehe ich öfter mal hin. Nicht unbedingt, weil’s mir so gut gefällt, nein, wegen des Namens. Dabei heißt der Schuppen gar nicht nach dem antiken Film, sondern nach der Erbtante des Besitzers. Anyway, ich saß also im Casablanca, hielt stumme Zwiesprache mit meinem Magen, und versuchte ihn dadurch freundlich zu stimmen, daß ich Ricard trank. Mit viel Wasser. Im Casablanca servieren sie den Ricard in Pernot-Gläsern. So eine Kneipe ist das. Ich dachte an Bogie. Ob er wohl auch Ricard hatte trinken müssen. Und wenn ja, ob er ihm auch nicht geschmeckt hatte. Da laberte mich plötzlich diese Öko an.

Demeter: Was dagegen, wenn ich mich dazu setze?

Jonas: Ja, ich hab was dagegen. Suchen Sie sich ’nen andern Tisch, sind genug frei.

Demeter: Ich würd aber gern hier sitzen.

Jonas: Alles besetzt. An diesem Tisch ist alles besetzt.

Demeter: Ja? Ich seh niemand.

Jonas: Mister Humphrey Bogart, Mister Philip Marlowe, Mister Samuel Spade, und ich. Schwirren Sie ab, Sie stören.

Demeter: Heißen Sie Jonas?

Jonas: Nebukadnezar Schonat Jolanda, Schornsteinfegermeister im Ruhestand, also lassen Sie mich auch in Ruhe.

Demeter: Das ist nicht wahr, Sie heißen Jonas. Nur Jonas. Und Sie sind Detektiv.

Jonas: Wer sagt das?

Demeter: Der Wirt.

Jonas: Der redet zu viel.

Demeter: Es ist nämlich so, wir brauchen einen Detektiv.

Jonas: Unsinn. Niemand braucht nen Detektiv. Außerdem habe ich frei, und keine Zeit, und keine Lust.

Demeter: Ich heiße Demeter. Nur Demeter.

Jonas: Ein Punkt für sie. Das, und die Tatsache, daß sie stur war. Fast so stur wie Jonas. Ich wurde sie einfach nicht los. An sich mach ich mir nicht viel aus Ökos, ihre Ideen und Ziele, OK, aber Bewegungen und Ideologien liegen mir nicht. Jonas ist überzeugter Einzelgänger. Und Demeter war eine waschechte Öko. Lange Naturhaare, grüner Kittel, Schäufelchen und Geigerzähler am Bastgürtel. Trotzdem fing ich an, ihr zuzuhören. Vielleicht auch deshalb, weil sie jung war und gut aussah, trotz ihrer Ökouniform. Ich hätte sie abwimmeln und in Ruhe weitertrinken sollen. Aber Jonas ist kein Hellseher.

Demeter: Wir haben es ja zuerst selbst versucht, wissen Sie, aber als Erasmus nicht zurückkam, da wuchs uns die Geschichte über den Kopf. Jetzt muß ein Profi ran.

Jonas: Ein Profi kostet Geld.

Demeter: Ah, wir legen zusammen. Weil die Sache so wichtig ist. Stellen Sie sich vor, Herr Jonas.

Jonas: Jonas reicht. Nur Jonas.

Sam: Ja, Jonas reicht.

Demeter: Häh, äh, also stellen Sie sich vor, Jonas, es geht um rissa tridactyla.

Jonas: Ist das die Möglichkeit. Ja, und wenn ich jetzt noch wüßte, was rissa tridingsbumsla ist.

Sam: Rissa tridaytila, o großer Systematiker des Tier- und Pflanzenreiches. Die Dreizehenmöwe. So gut wie ausgestorben.

Demeter: Einen schlauen Computer haben Sie da, Jonas.

Sam: Ja.

Jonas: Schlau ist gar kein Ausdruck für Sam. So heißt er nämlich, mein Computer. Sie kennen den Grund, wenn Sie wissen, daß meine Stammkneipe Casablanca heißt. Sam ist überschlau. Er kann fast alles. Seine Spezialität: Reden, wenn er nicht gefragt ist. Überhaupt reden, ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne Punkt und Komma. Irgendwie haben sich seine Sprachprogramme verheddert, und deshalb wirkt er ein bißchen absonderlich. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Sam. Ich hänge an ihm. Ich habe ihn immer bei mir. Nicht den großen Speicher natürlich, der steht im Büro, aber Sam zwo. Pocket Sam. Die drahtlose Extension im Miniformat. Der letzte Detektiv und sein verdrehter Computer. Sind wir nicht ein schönes Paar?

Sam: Treulich geführt, ziehet dahin…

Jonas: Sei still, Sammy. Wir waren bei dieser ausgestorbenen Möwe, Demeter.

Demeter: Nicht ausgestorben.

Sam: Noch nicht.

Demeter: Noch nicht, das hoffen wir jedenfalls. Auf Swartcliff nisten noch ein paar. Das heißt, sie haben da genistet, bis vor einem Monat, bis die Bautrupps kamen, und die schwarzroten Uniformen.

Jonas: Da wurde ich wach, und kriegte lange Ohren. Schwarzrot trägt die Popo, die Populationspolizei, und mit den Herrschaften hatte ich noch ein Hühnchen zu rupfen. Vor einem Jahr, beim Testmarktfall, hatten sie mich schwer in der Mangel gehabt. Wenn die Popo mitspielte, konnte die Sache interessant werden. Und gefährlich.

Jonas: OK, Schwester, wenn ich Sie richtig mitkriege, wollen Sie mich anheuern.

Demeter: Ja, ja also nicht ich, meine Gruppe, die Ökos von Babylon und Umgebung.

Jonas: 80 Euros pro Tag, und Spesen.

Demeter: So viel?

Jonas: Das hab ich mir gedacht. Wiedersehen, Schwester.

Demeter: 50 könnten wir zahlen.

Jonas: Tut mir leid, Schwester, kein Rabatt, kein Skonto.

Demeter: Na, es ist doch für einen guten Zweck.

Jonas: Ich arbeite nur für gute Zwecke. 70 Euros, weil’s Sie sind.

Demeter: 60.

Jonas: 65. Und 100 im voraus.

Demeter: Einverstanden.

Sam: Oh, oh, was muß Sammy da hören. Kein Streß, hat Frau Dr. Simon gesagt, ein viertel Jahr Pause hat sie gesagt, o du mein magengeschwürlich-gefährdeter Jonas.

Jonas: Reg dich ab, Sam, kleiner Ökofall, was soll daran stressig sein. Unser täglich Brötchen, das machen wir mit links.

Sam: Kleiner Ökofall, euer Verniedlichung, mit der Popo in den Kulissen?

Jonas: Lassen wir das doch einfach an uns rankommen, Sam. So, Schwester, Sie haben sich einen Detektiv gekauft, jetzt müssen Sie ihm nur noch sagen, was er für Sie tun soll.

Demeter: Kennen Sie Swartcliff, Jonas? Das ist.

Jonas: Nicht hier, Schwester, kommen Sie mit.

Demeter: Ja.

Jonas: Mein Büro plus Apartment. 22 Quadratmeter. Lauschiges Zuhause, gemütlicher Arbeitsplatz. Eine Tür, ein Fenster, Sam eins, ein kleiner Tisch, ein Wandschrank, Bett zum Rausklappen, desgleichen zwei Stühle. Auf einem saß ich, auf dem anderen Demeter. Sie redete, ich hörte. So soll’s sein. Detektiv und Klientin, wie sie im Buche stehen.

Demeter: Swartcliff ist eine Insel. Eine sehr kleine Insel. Eigentlich nur eine Klippe.

Jonas: Wie der Name schon sagt, Schwester. Wo?

Demeter: Im nordischen Meerbusen. Nicht weit von Westerport bei Babelshafen. 10 Kilometer weit draußen.

Sam: Sechs Knoten, oder auch Seemeilen, wie wir Nautologen uns ausdrücken. Oder heißt es Nautiker?

Jonas: Beachten Sie ihn gar nicht, Demeter. Auf Swartcliff gibt es also diesen Vogel, der Ihnen so wichtig ist.

Demeter: Das wissen wir eben nicht. Früher sind wir ab und zu mal rausgefahren, mit einem Boot von Westerport aus, wir haben die Nistplätze gecheckt, von weitem, vorsichtig. Die letzte Kolonie von Dreizehenmöwen, Jonas, mit Sicherheit im Nordmeer, vielleicht in der ganzen Welt.

Jonas: Das war wieder ein Punkt für sie, für Demeter. Und für die Möwen. Wir letzten müssen zusammenhalten.

Demeter: Wir haben aufgepaßt, daß die Tiere nicht gestört wurden. Auf Swartcliff selbst gibt es keine Menschen, ich meine, es gab keine, nur Reste einer alten Marinestellung aus dem Krieg, Bunker und so. Aber an der Küste fahren ja viele Touristen rum.

Jonas: Und dann erschien die Popo, vor einem Monat. Wann genau?

Demeter: Warten Sie, am 10, ja am 10. April. Von da ab kam niemand mehr auf die Insel, oder auch nur in die Nähe. Das ganze Seegebiet wurde gesperrt. Auch für die Westerporter und für die Touristen. Für uns sowieso.

Jonas: Mit welcher Begründung?

Demeter: Verteidigungswichtige Arbeiten. Das haben sie uns gesagt, aber es ist kein Militär zu sehen. Auch keine Marine. Bloß die Schwarzroten. Die bewachen die Insel. Und die fliegen auch die Hubschrauber zwischen dem Festland und Swartcliff. Vollbeladen mit Baumaterial hin, leer zurück.

Jonas: Auf Swartcliff wird also gebaut.

Demeter: Ja, und das macht uns Sorgen.

Jonas: Natürlich, wenn die Popo was ausbrütet.

Demeter: Ach so, nein, nein, wegen der Popo eigentlich nicht. Mehr wegen unserer Möwen.

Jonas: Sicher, die Möwen, die böse Polizei könnte sie womöglich verschröcken.

Demeter: Sie sind kein Tierfreund, Jonas.

Jonas: Ich weiß nicht mal, ob ich ein Menschenfreund bin. Was soll ich für Sie tun, nach Swartcliff fahren, und nachsehen, wie sich Ihre gefiederten Freunde so fühlen?

Demeter: Genau das. Und feststellen, was aus Erasmus geworden ist.

Jonas: Erasmus?

Demeter: Aus unserer Ökogruppe. Vor einer Woche ist er rausgefahren nach Swartcliff. Ein Fischer aus Westerport hat ihn nachts mitgenommen.

Jonas: Fischer?

Demeter: Naja, die nennen sich noch so. Auch wenn’s keine Fische mehr gibt.

Sam: Fischers Fritz fischt frische Fische. Frische Fische fischt Fischers Fritze…

Jonas: Das war einmal, Sammy, vor den Verklappungen.

Demeter: Heute fahren sie Touristen.

Jonas: Und einer von denen hat Erasmus nach Swartcliff gebracht.

Demeter. Ja, wir haben viele Freunde in Westerport. Der Fischer hat ihn vor der Insel abgesetzt, und dann…

Jonas: Lassen Sie mich raten. Erasmus ist seitdem verschwunden. Sie haben nichts mehr von ihm gehört.

Demeter: Doch, wir haben von ihm gehört. Gestern kam dieser Brief an.

Jonas: Abgestempelt in Bordeaux, weit weg. Was steht drin? Es gibt auf der Welt nicht nur Umwelt und Möwen, ich steige aus, laßt mich in Frieden, Erasmus. Ja und, wenn ihr denkt, ich hol euch den Deserteur zurück.

Demeter: Erasmus kann den Brief nicht geschrieben haben, Jonas. Erasmus kann nicht schreiben, Erasmus ist Analphi.

Jonas: Wie gesagt, ich bin kein Öko. Aber ich bin erst recht kein Macher. Ich glaube nicht, daß die natürliche Umwelt böse ist, und eliminiert werden muß. Und Streß hin, Magengeschwür her, ich brauchte einen Fall, das heißt, ich brauchte Euros. Als Demeter gegangen war, nach einer Anzahlung, versteht sich, ging ich auch. Auf die Jagd. Frage: Wie jagt ein Detektiv Möwen im Nordmeer? Antwort: Er bleibt erst mal zu Hause, und läßt seinen Computer arbeiten.

Sam: Sam hat in allen großen Dateien nachgeforscht, o Leitstern meiner schlaflosen Nächte. In der Staatsinfothek von Babylon, im geographischen Institut, im Küstenmuseum. Eine Insel namens Swartcliff gibt es nicht.

Jonas: So, na, dann wollen wir doch mal sehen. Ach ja, hier ist er. Schau mal hier rein, Sam, mein alter Schulatlas. Ja, da. Im nordischen Meerbusen. Der kleine Fleck vor Westerport: Swartcliff. Steht ganz deutlich da.

Sam: Wenn eure nostalgische Beschränktheit einem, eh, Buch mehr Glauben schenken als der modernen Elektronik. Merke: Was nicht datenmäßig erfaßt ist, existiert auch nicht. Und wenn du dich auf deinen Holzkopf stellst, du ungläubiger Jonas.

Jonas: Und wenn du dich vor Ärger in den Bauch beißt, den du nicht hast, Sammy. Dateien kann man frisieren.

Sam: Herr Stabstrompeter wünschen die Dame Judith zu konsultieren?

Jonas: Ich wünsche.

Sam: O Unvollkommenheit, dein Name ist Mensch.

Judith: Hallo? Judith Delgado.

Sam: O Unzulänglichkeit, dein Name ist Hirn.

Jonas: Jetzt sei mal still, Sam. Hallo Judith, Jonas hier.

Judith: Jonas?

Jonas: Ja.

Judith: Ein seltenes Vergnügen. Wenn es ein Vergnügen ist.

Jonas: Judith ist mein z.B., meine zeitweilige Beziehung. Im Moment liegt die Betonung praktisch nur auf zeitweilig. Obwohl es ja auch eine Beziehung ist, wenn die Partner sich streiten. Das tun wir nämlich oft, Judith und ich. Fast immer. In letzter Zeit rufe ich sie eigentlich nur noch an, wenn ich was brauche, eine Information, an die nicht jeder rankommt, zum Beispiel. Judith ist bei der öffentlichen Sicherheitsverwaltung. Hauptabteilungsleiterin. Viel wichtiger als ein Privatdetektiv. Vielleicht liegt’s daran.

Judith: Sehen wir uns heute abend?

Jonas: Ich plane nie soweit voraus.

Judith: Sagte Bogie zur Bergman. Was willst du?

Jonas: Im Nordmeer, Judith.

Judith: Du hast doch wohl nicht vor, Urlaub zu machen?

Jonas: Eine Insel bei Westerport, Swartcliff heißt sie.

Judith: Und da willst du mit mir hinfahren? Ah, das trifft sich gut, bei uns ist zur Zeit nicht viel los, ich kann mir ein paar freie Tage nehmen, wir gehen spazieren, am Meer.

Jonas: Sicher, sicher, wäre schön, Judith, geht aber nicht. Ich habe einen Fall.

Judith: Ach, du hast einen Fall?

Jonas: Ja.

Judith: Und der ist gefährlich, und darum mußt du die Sache allein durchstehen, und kannst niemanden mitnehmen, auch mich nicht.

Jonas: Genau so ist es.

Judith: So ist es immer. Was willst du wissen?

Jonas: Aber auch Judith konnte mir nicht mehr sagen als Sam. Jeder Hinweis auf Swartcliff, jede Erwähnung war gelöscht, in allen Dateien. Der ganze Komplex stand unter einem neuen Supergeheimcode der Populationspolizei. Off-limits, sogar für die Sicherheitsverwaltung.

Jonas: Seit wann?

Judith: Anfang April, ungefähr.

Jonas: Das paßt. Danke, Judith.

Judith: Danke, Judith, ich ruf dich an, Judith, sobald ich Zeit habe, Judith.

Jonas: Ja, das wollte ich sagen und äh.

Judith: Ich weiß, Jonas.

Jonas: Ich hätte ihr was sagen sollen. Was Gutes. Was Wertvolles. Was Zärtliches. Was Zukunftsträchtiges. Aber mir fiel beim besten Willen nichts ein.

Jonas: Und was jetzt, Sammy?

Sam: Meint ihr die Dame Judith, Romeo? Und wie ihr fürderhin zu ihr euch wollt verhalten?

Jonas: Das geht dich nichts an, Sam, da hältst du dich raus. Ich meine den Fall.

Sam: Supergeheimcode der Popo, das ganze drum herum, das ist keine kleine Ökokiste, Kumpel.

Jonas: Ganz sicher nicht, Sammy. Wie geht’s weiter?

Sam: Wenn eure detektivische Epigonalität die Abschweifung verzeihen: Befänden wir uns in einem der klassischen Romane des seligen Raymond Chandler, so käme nun ein Mann durch die Tür, eine Pistole in der Hand.

Jonas: Und da ist er auch schon, aufs Stichwort. Herein ohne anzuklopfen, wie’s draußen dransteht. Was kann ich für Sie tun?

King Kong: Schnauze. Ganz ruhig. Keine Bewegung.

Jonas: Jonas ist umgänglich. Wenn einer ihm sagt: keine Bewegung, dann bewegt er sich auch nicht. Besonders wenn dieser eine so aussieht wie der große Bruder von King Kong, und ihm einen elektrischen Knockouter vor der Nase hält.

King Kong: Hände hoch!

Jonas: Auch das, wenn’s ihnen Freude macht. So, ich halte die Hände hoch, bewege mich nicht, bin ganz ruhig. Was passiert jetzt?

King Kong: Schnauze! Warten!

Jonas: Gern. Und worauf warten wir?

King Kong: Warten! Da! Fon!

Jonas: Sehr richtig, das Fon klingelt. Zutreffend bemerkt.

King Kong: Rangehen!

Jonas: Ich?

King Kong: Ja, rangehen.

Jonas: Wenn man mich so nett bittet. Ja?

Caligari: Hier spricht Professor Caligari. Sie erinnern sich an mich, Jonas?

Jonas: Und ob ich mich erinnerte. Frau Prof. Caligari ist die Chefin einer offiziell nicht vorhandenen Organisation, die sich Zentralinstitut für Populationsforschung nennt, abgekürzt ZIP. ZIP versucht, unser Problem Nummer 1, die Überbevölkerung in den Griff zu kriegen. Eine ehrenwerte Aufgabe. Nur hat ZIP reichlich merkwürdige, um nicht zu sagen, kaputte Methoden. Wir waren nicht gerade Freunde, Caligari und ich, eher im Gegenteil. Schon zweimal waren wir aneinander geraten. Beim Testmarktfall und in der Schlachthaus-Affäre. Und beide Male hatte ich ihr die Tour vermasselt.

Caligari: Ein drittes Mal kommen Sie uns nicht in die Quere, Jonas. Mein Abgesandter befindet sich bei Ihnen?

Jonas: Ja, falls Sie King Kong hier meinen. Wo haben Sie ihn gefunden? Im Zoo?

Caligari: Immer noch der alte Jonas. Voller Witz, voller Vitalität. King Kong, wie Sie ihn nennen, habe ich Ihnen als Warnung geschickt, und auch als kleinen Vorgeschmack dessen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie nicht tun, was ich wünsche.

Jonas: Und Sie wünschen?

Caligari: Das wissen Sie, Jonas.

Jonas: Sagen Sie es mir trotzdem.

Caligari: Sie haben soeben einen Auftrag akzeptiert. Von den sogenannten Freunden der Ökologie.

Jonas: Ja.

Caligari: Ja. Sie geben den Auftrag zurück.

Jonas: Anderenfalls?

Caligari: Andernfalls werden Sie nicht nur Ihre gute Laune verlieren, sondern auch den Kopf.

Jonas: Ich hätte mir denken können, daß Sie dahinterstecken. Die aus den Dateien verschwundene Insel, das große Aufgebot an PoPo, und die PoPo hat ja schon früher für Sie gearbeitet. Was tun Sie auf Swartcliff?

Caligari: Sie kennen mich, Jonas. Ich meine es ernst.

Jonas: Küß die Hand, gnädige Frau.

King Kong: Fertig?

Jonas: Fertig.

King Kong: Du machst, was sie sagt, oder.

Jonas: Ein kaputter Stuhl, eine dito Tür. Er ist furchtbar in seinem Zorn, unser Freund King Kong. Ich mach mir in die Hosen vor Angst. Ich hab wirklich Angst, Sammy. Die PoPo, ZIP, die Caligari. Und das alles wegen, wegen irgend so einer Möwe.

Sam: Nicht zu vergessen den verschollenen Öko Erasmus, o Tapferster der Tapferen. Nebst der Tatsache, daß ZIP finstere Pläne im Busen hegt, welche zu vereiteln ein verdienstvolles Werk sein dürfte.

Jonas: Aber riskant, Sammy, riskant. Erfolgsaussichten?

Sam: Piep! 1 zu 11, 7, Eminenz. Bedingt durch teilweise inkomplette Daten erfolgt diese Angabe ohne Gewähr.

Jonas: Gut, wir machen weiter.

Sam: Bei dem Risiko? Du tickst wohl nicht richtig, Alter.

Jonas: Und du verstehst nichts von Ehre. Ein Detektiv gibt nicht auf. Niemals. Ganz besonders dann nicht, wenn man ihn dazu zwingen will.

Sam: Down these mean streets a man must go.

Jonas: So ist es nun mal, Sammy.

Demeter: Freunde der Ökologie, Gruppe Babylon.

Jonas: Demeter?

Demeter: Am Apparat.

Jonas: Jonas. Von jetzt ab, kein Kontakt mehr zwischen uns. Sie stehen unter Beobachtung. Man hat Sie bis zu mir verfolgt.

Demeter: Verfolgt? Wer und wieso?

Jonas: Das ist jetzt nicht wichtig. Sie sagten, Sie haben Freunde in Westerport.

Demeter: Ja, aber.

Jonas: Der Fischer, der Ihren Freund Erasmus zur Insel gebracht hat, wie heißt der, wo finde ich ihn?

Jonas: Der satte Sägefisch in Westerport war sicher mal eine flotte Kneipe gewesen. Damals, als es hier noch Fischer gab, und Touristen. Heute hatten die Fischer nichts mehr zu fischen, und die Touristen waren von der PoPo verscheucht worden. Im Schankraum hockten nur ein paar Einheimische. Leicht zu erkennen an den Warzen und Wucherungen, wie sie Leute haben, die jahrzehntelange mit verseuchtem Meerwasser in Berührung kommen. Keine PoPo. Niemand, der hier nicht hergehörte. Abgesehen von Jonas natürlich. Und ich hatte gut aufgepaßt unterwegs. In der Druckluftbahn nach Babelshafen, und in der Rikscha bis Westerport. Kein Schatten. Professor Caligari war sich ihrer Sache wohl sicher. Um so besser.

Jonas: Was trinkt man hier?

Wirt: Kommt drauf an. Wenn Sie Geld haben, ausländisches Zeug, Whiskey und so, wenn Sie ein arbeitsloser Volksrentner sind, wie die meisten hier, dann Korn.

Jonas: Aus Korn.

Wirt: Ne, synthetisch. Heißt bloß noch so, aus Tradition. Hier an der Küste sind wir sehr für Tradition.

Jonas: Warum nicht. Sie haben ja nichts anderes. Einen Korn, nein zwei, Sie trinken doch einen mit, Herr Wirt.

Wirt: Hab nichts dagegen.

Jonas: Bringen Sie gleich drei. Für mich, für Sie, und für Piet Pietersen.

Wirt: Nocktwie.

Jonas: Häh?

Wirt: Wird gemacht.

Jonas: Den dritten Korn brachte der Wirt einem älteren Mann im gestreiften Fischerhemd, der allein an seinem Tisch saß, in einer dunklen Ecke. Ich wartete ein paar Sekunden, dann ging ich zu ihm rüber.

Jonas: Der Korn, den Sie da gerade kippen.

Piet: Ja?

Jonas: Den hab ich bezahlt. Mein Name ist Jonas. Nur Jonas.

Piet: Ja, und?

Jonas: Aus Babylon.

Piet: Das merkt man.

Jonas: Ich… ich soll Sie grüßen, von Demeter, und ihren Ökofreunden.

Piet: Ach ja!

Jonas: Und ich soll Ihnen sagen: Dreizehenmöwe, als Losungswort. Alles klar, Piet?

Piet: Ja, alles klar. Was`n los?

Jonas: Zwei Dinge braucht der Mann: Sie und Ihr Boot.

Piet: Aha, wann?

Jonas: Heute Nacht.

Piet: Ja, dann will ich wohl mal klar Schiff machen. Zahlen! Halb zwölf im Hafen. Semironis heißt die.

Jonas: Wer?

Piet: Mein Boot. 20 Quadratmeter Jollenkreuzer.

Jonas: Um Mitternacht waren wir draußen auf dem wilden Ozean. Piet segelte, und ich half ihm. Nicht, daß ich viel vom Segeln verstehe, aber zum Schiffsjungen reicht`s. Piet hatte mir Ölzeug besorgt, am Hals hatte ich ein Infrarotnachtglas, und am Gürtel Sam zwo, in einem wasserdichten Beutel. Deshalb war er auch etwas gedämpft, akustisch, meine ich.

Sam: Rolling home to dear old Hamburg, rolling home…

Jonas: Mein Computer, Piet Pietersen, flippt ab und zu ein bißchen aus.

Piet: Stört mich nicht.

Jonas: Aber mich. Halt die Klappe, Sam, und fang keine Diskussion mit mir an, ob du eine Klappe hast oder nicht. Sei still, verstanden?

Sam: Aye aye, Sir, verstanden.

Jonas: Ziemlich windig heute, nicht?

Piet: Das ist nix. Ne Damenbrise. Da, Swartcliff.

Jonas: Wo?

Piet: Backbord voraus.

Jonas: Himmel und Meer waren stumpfgrau, wie angelaufenes Zinn. Merken, fürs Poesiealbum. Und aus dem grauen Wasser vor dem grauen Horizont ragte eine massive schwarze Faust auf. Die Felseninsel Swartcliff. Ich ließ Piet einmal drumrumsegeln, so mit Wenden, Halsen, Kreuzen, und wie die Sachen alle heißen. Das Nachtglas war made in Japan, 1a Qualität, und als wir den Kreis geschlossen hatten, wußte ich ziemlich gut Bescheid. Aus der Nähe wirkte Swartcliff nicht so sehr wie eine Faust, eher wie ein schwarzer Würfel. Im Süden, im Westen, im Norden stiegen glatte Felswände senkrecht aus dem Wasser, gut 30 Meter hoch, im Osten lag eine Bucht, Sandstrand, ein Pier, und von da führte eine in den Felsen gehauene Treppe nach oben.

Jonas: Pier und Treppe sind gut bewacht, 10 Mann, mindestens. Oben am Klippenrand sehe ich niemand.

Sam: Da brauchen sie keine Wächter, meinen sie, weil doch kein Mensch die steilen Felsen raufklettern kann.

Jonas: Ach nein? Oben ist nicht viel zu erkennen. Hubschrauberlandeplatz, nehme ich an. Ein Kran, eine gewaltige Radarantenne.

Sam: Radarantenne? Bist du sicher, Falkenauge?

Jonas: Ich werde doch wohl eine Radarantenne erkennen können, Sammy.

Sam: Und warum, wenn Herr Großadmiral die Frage gestatten, warum erkennt die Antenne uns nicht?

Jonas: Ist ja wahr, Sammy.

Sam: Aha.

Jonas: Eine gute halbe Stunde kreuzen wir vor Swartcliff herum, in einem Boot voller Metallteile, und niemand interessiert sich für uns. Kein Schiff, kein Hubschrauber. Ob die ihren Radarraum nicht besetzt haben?

Sam: Unwahrscheinlich, Herr Kaleun.

Jonas: Da stimmt was nicht. Piet, als Sie diesen Erasmus nach Swartcliff gebracht haben, vor einer Woche, da hatten Sie doch auch keine Schwierigkeiten?

Piet: Ne.

Jonas: Seltsam. Vorsichtig, Piet, drehen Sie ab, wir kommen zu nah an die Bucht.

Piet: Das ist doch der Sinn der Sache. Da warten sie schon. Wie vor einer Woche auf Erasmus. Und da werde ich Sie abliefern. Wie den Erasmus vor einer Woche.

Sam: Hast du`s mitgekriegt, du Blitzmerker mit Spätzündung? Piet Pietersen, Freund und Helfer aller guten Ökos und Privatdetektive, arbeitet für die andere Seite.

Jonas: Als Sie vorhin aus dem satten Sägefisch weggingen… da haben Sie uns angekündigt.

Piet: Über Funk. Bleiben Sie am Bug stehen. Sie haben keine Waffe, aber ich habe eine. Ne Pistole, Walter PPK aus dem zweiten Krieg, funktioniert aber noch bestens.

Jonas: Ich hab wirklich keine Waffe, Sam.

Sam: Hast du doch, Blindgänger. Das Nachtglas.

Jonas: Aber Sammy, das gute Stück hat 400 Euros gekostet.

Sam: Extreme Situationen…

Jonas: Er ging in die Knie, und weil er gerade etwas überhing, ging er über Bord, und weil er bewußtlos war, ging er unter. Das machte mir wenig Kummer. Daß die Semiramis es ihrem Kapitän nachmachen wollte, störte mich da schon erheblich mehr. Das Boot lief aus dem Ruder, auf ein Riff, und dann voll Wasser.

Sam: Alarm! Wir sinken! Alles in die Boote! Frauen, Kinder und Computer zuerst.

Jonas: Und wenn du jetzt noch singst… Das mit dem Boot ist keine schlechte Idee. Gottseidank haben wir eins, hinten angebunden.

Sam: Achtern vertäut, wie wir Seeleute sagen. Ahoi!

Jonas: Eine Nußschale aus Plastik, zwei Ruder, sehr stabil sieht das Ding nicht aus.

Sam: Worauf wartest du? Auf die Queen Elisabeth? Spring endlich rein, Landratte. So, und jetzt mach das Tau los.

Jonas: Ja, Mensch. Moment, Sammy, dieser dreimal verdrehte Seemannsknoten, der will nicht, der, der macht… oh, jetzt, jetzt hab ich ihn los.

Sam: So, und jetzt pull, Mann. Pull!

Jonas: Was soll ich?

Sam: Rudern, wenn du das besser verstehst. Eins, zwei, bum.

Jonas: Wir spielten römische Galeere in Ben Hur. Sammy bummerte den Takt, ich ruderte. Die Semiramis ging unter, die Dämmerung kam, das Festland kam näher, soweit alles OK, aber da kam noch was.

Sam: Melde gehorsamst, Kapitän, ein Hubschraub-schraub-schrauber.

Jonas: Von Swartcliff. Scheinwerfer. Die suchen uns, Sammy, und in 5 Minuten haben sie uns, wenn wir nichts tun. Mensch, schlag was vor.

Sam: Ein neues Spiel, ein neues Glück, Monsieur.

Jonas: Gleich sind wir im Scheinwerferstrahl, und du redest irre.

Sam: Mitnichten, Begriffstutz, wir spielen, immer noch altes Rom, ein militärisches Spiel, es nennt sich Testudo.

Jonas: Testudo? Das heißt Schildkröte, glaub ich.

Sam: Ausgezeichnet, o via doctissime et eroditissmie. Wir bringen das Boot zum Kentern, Magnifizenz verbergen sich darunter, halten sich an der Sitzbank fest, und führen mit dero unteren Extremitäten vorsichtige Schwimmbewegungen aus.

Jonas: OK, gern tat ich’s nicht. Das Wasser war verflixt kalt, aber die Alternative war, mich von der PoPo erwischen zu lassen. Und da klapperte ich doch lieber mit den Zähnen, bis der Hubschrauber die Sucherei aufgab und nach Swartcliff zurückflog. Dann wurde die Schildkröte wieder umgedreht, und ich ruderte weiter. Es war Morgen, als ich das Festland erreichte. Eine einsame kleine Bucht bei Westerport. Ich zog das Boot hoch und schob es unter einen überhängenden Felsen. Vielleicht ahnte mein Unterbewußtsein, daß ich es noch mal brauchen würde. Ich war todmüde, und schaffte es gerade noch in den Sägefisch, in das Zimmer, das ich gestern gemietet hatte, ins Bett. Und da klingelte das Fon. Es klingelte und klingelte, bis ich aus dem grauen Meer meiner Erschöpfung auftauchte, und abhob.

Jonas: Was ist?

Wirt: Ein Anruf von außerhalb, Herr Jonas.

Jonas: Ich bin nicht da.

Wirt: Eine Frau Professor Caligari. Es ist dringend, sagt sie.

Jonas: Stellen Sie durch.

Wirt: Ja.

Caligari: Caligari.

Jonas: Was wollen Sie denn schon wieder?

Caligari: Ihnen ein Geschäft vorschlagen, Jonas.

Jonas: Kein Interesse.

Caligari: Das bezweifle ich. Da Sie meine Warnung nicht beachtet haben, und uns auch heute Nacht entkommen sind, Sie haben doch wirklich ein unverschämtes Glück, Jonas…

Jonas: Kommen Sie zum Punkt, ich bin müde.

Caligari: Deshalb habe ich mich schon früh zu einem neuen Approach entschlossen.

Jonas: Oh.

Caligari: Ich habe ein… ein gewisses Objekt in meine Gewalt gebracht, an dem ihnen viel liegt. Sie wären sehr betroffen, wenn es beschädigt oder gar zerstört würde. Geben Sie den Fall auf, Jonas, lassen Sie die Finger von Swartcliff. Kehren Sie zurück nach Babylon, dann bekommen Sie das Objekt zurück. Wenn nicht, werden Sie einen höchst schmerzlichen Verlust erleiden.

Jonas: Wissen Sie, wie Sie sich anhören? Wie das Horoskop der Woche.

Caligari: Der Humor wird Ihnen vergehen, Jonas.

Jonas: Kein Humor, wehrte Frau Professor, ich habe nur keine Lust, ihre Rätsel zu raten.

Caligari: Das brauchen Sie nicht. Fragen Sie den Wirt, wer Sie heute früh besuchen wollte.

Jonas: Herr Wirt?

Wirt: Ja.

Jonas: Hat heute morgen jemand nach mir gefragt?

Wirt: Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das sagen darf.

Jonas: Wer hat nach mir gefragt? Antworten Sie, Mann!

Wirt: Die Dame hat gesagt, ich soll es Ihnen nicht verraten. Es soll eine Überraschung sein, hat sie gesagt.

Jonas: Dame? Was für eine Dame?

Wirt: Eine Frau Delgado.

Jonas: Judith? Wo ist sie?

Wirt: Keine Ahnung, sie ist am frühen Morgen gekommen, als Sie noch unterwegs waren. Aus Babylon. Sie hat nach Ihnen gefragt. Im Gastraum hat sie auf Sie gewartet.

Jonas: Und dann? Reden Sie, Mann!

Wirt: Dann sind die vier PoPos gekommen.

Jonas: Und?

Wirt: Die Dame und die vier PoPos sind zusammen weg.

Jonas: Die Rechnung, und eine Motorrikscha, wenn’s hier so was gibt. Schnell.

Jonas: Alles war klar. Die andere Seite hatte Judith gekidnappt, um mich loszuwerden. Ein schwerer Fehler. Bisher hatte ich die Geschichte als normalen Job gesehen, als einen Fall wie jeden andern. Jetzt war eine persönliche Sache daraus geworden. Es ging nicht mehr um Berufsehre, darum, daß ein Detektiv nie aufgibt, um Ökos, Möwen und so weiter, es ging nur noch um zwei Dinge: erstens, ich mußte Judith rausholen. Ich konnte mir denken, wo sie sie hingebracht hatten. Judith war bei Caligari, und Caligari war auf Swartcliff. Als sie mich eben anrief, hatte ich im Hintergrund deutlich Baugeräusche gehört. Zweitens, ich mußte mit Caligari und ihrer Bande abrechnen. Endgültig. Ich hatte genug. In mir war eine kalte Wut, eine Wut im Bauch und im Kopf. Ich fuhr nach Babylon. Aus dem Wandschrank in meinem Büroapartment, da wo ich auch meine Sammlung antiker Detektivromane aufhebe, holte ich die Guerilla-Ausrüstung, die ich vor 5 Jahren weggelegt hatte, als der antarktische Krieg zu Ende war. Eine kurze Nachricht an Demeter, und ich war wieder unterwegs Richtung Küste. Es wurde dunkel, als ich die Bucht erreichte, wo ich das Rettungsboot der Semiramis versteckt hatte. Nebel kam auf, und ein Wind, der stärker war als die Damenbrise des seligen Piet Pietersen. Ich machte mich fertig. Ich zog den Kampfanzug aus schwarzem Plastik an, schmierte mir schwarze Farbe ins Gesicht, und verstaute alles, was ich brauchte, am Gürtel und in den Taschen.

Sam: Bitte, Massa.

Jonas: Laserstrahler, Nockouter, Infrarot-Ablenker, Nachtsichtbrille, Schockgranate, Miniplastbombe, Vakuumklammern, sonst noch was?

Sam: Oh Massa, treuen Onkel Sam nicht vergessen.

Jonas: Natürlich kommst du auch mit, Sammy. Dann wären wir wohl soweit.

Sam: Jawoll, Chef. Alles da, und alles aus Plastik. Kein Metall, von wegen dem Radar. Radadadar. Der unbezwingliche Plastikmann, Schrecken seiner Feinde, und fetischischtischer Wunschtraum.

Jonas: Keine dummen Witze, Sammy, die Sache ist ernst.

Sam: Dann gestatten eure heroische Seriosität ein leicht variiertes Zitat aus dem göttlichen Gedicht des gleichfalls göttlichen Homer: Singe, o Muse, den Groll des Privatdetektivs, namens Jonas, im Zorne erschuf unendliches Leiden der PoPo, viele tapfere Seelen der Helden zum Hades entsannt.

Jonas: Schon besser, also stechen wir in See. Fast wie in den bösen alten Tagen beim 9. Guerilla-Kommando im Beagle-Kanal.

Sam: England erwartet, daß jeder Mann seine Pflicht tut. Ahoi.

Jonas: Ahoi, das hieß rudern. 10 Kilometer. Der Nebel wurde stärker. Wind und Wellen spielten mit dem Boot Wasserball. Aber ich kam durch. Unter der steilen Südküste von Swartcliff machte ich das Boot fest, an einem Felsvorsprung, und dann lief ich die senkrechte Wand hoch. Kein Schwindel, Damen und Herren, keine schwarze Magie, zwei Saugklammern mit Stil und batteriebetriebener Vakuum-pumpe, kleben eingeschaltet an jeder Fläche, sicherer als Metallkrampen. Und viel leiser. Oben steckte ich vorsichtig den Kopf über den Rand. Wie ich es mir gedacht hatte: Weit und breit nur ein einziger Wächter, und der träumte vor sich hin. Hoffent-lich was schönes, ich ließ ihn weiterträumen, bis in alle Ewigkeit, dann rekognos-zieren. Durch die Nachtbrille, schwierig, der Nebel deckte allmählich alles zu.

Jonas: Hinten rechts der Heliport. Voll mit Maschinen.

Sam: Kein Flugwetter, eure meteorologische Inkapazität.

Jonas: Überall Bauschutt, Betonplatten, Baumaschinen, aber keine Baustelle.

Sam: Die ist natürlich unterirdisch, Herr Flottillenchef, bzw. unter- oder auch innerfelsig.

Jonas: Du meinst, die bauen die alten Marineanlagen aus?

Sam: Was denn sonst, Knallkopp.

Jonas: Vorsicht, Sam. Da muß der Eingang sein, in der Bunkerkuppel unter der Radarantenne.

Sam: Wohin wir uns nunmehr begeben werden, Herr Stoßtruppführer, zwecks Eindringens in die Swartcliffsche Unterwelt.

Jonas: Das Tor in der Kuppel war doppelt bewacht. Durch einen laserbewaffneten Typ, der gar nicht verträumt aussah, und durch einen Scanner. Mikro, Kamera und Lautsprecher kombiniert.

Sam: Sorry, Boss, Sam kann das Ding nicht ausschalten, Sam kommt nicht ans Zentrale ran, weil Sam kennt nicht den Supergeheimcode der PoPo.

Jonas: Dann machen wir’s anders.

Sam: Wie?

Wächter: Wer da? Ist da jemand? Identifizieren Sie sich, oder ich mach von der Waffe Gebrauch. Ahh…

Jonas: So, Sammy, jetzt haben wir eine schicke PoPo-Uniform. Wenn ich die über den Kampfanzug ziehe, und so am Scanner vorbeimarschiere

Sam: Hehe, vergiß aber nicht, dir die schwarze Farbe aus dem Gesicht zu wischen, großer Häuptling der Basrai.

Jonas: Ganz so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte, kam ich aber dann doch nicht in die unterirdischen Anlagen. Ich war gerade am Scanner vorbei, da meldete sich eine Stimme aus dem Untergrund.

Offizier: Halt, was war da draußen los, Wanzek?

Sam: Machs Maul auf, Idiot, du bist Wanzek.

Jonas: Äh, falscher Alarm, Chef, alles in Ordnung.

Offizier: Gut, weitermachen.

Jonas: Das brauchte er mir nicht zweimal zu sagen. Ich holte tief Luft, und verschwand in dem Gang, der schräg nach unten führte. Immer weiter, immer tiefer. Rechts und links Türen, alle 50 Meter eine Kurve, und ab und zu ein Quergang. Wenig Lampen, und zum Glück auch wenig Verkehr. Drei, vier PoPos kamen mir entgegen, ich salutierte zackig, und marschierte vorbei. Zielstrebig, nicht eilig. Keine Gefahr, keine Probleme. Bis der Gang plötzlich zu Ende war. An einer massiven Tür ohne Schloß, Griff und Klinke. Statt dessen ein Schild.

Jonas: Sperrbezirk. Zugang für Unbefugte strengstens untersagt. Berechtigte Personen werden ersucht, ihren Kopf kurz in die dafür vorgesehene Öffnung rechts, siehe Pfeil, zu halten. Na, wenn’s weiter nichts ist.

Sam: Halt!

Jonas: Was, was ist denn, Sam?

Sam: Empfehle dringendst, der Aufforderung nicht zu folgen.

Jonas: Und warum nicht?

Sam: Weil eure Humanität lediglich über einen einzigen Kopf verfügt, auf welchen trotz seiner sattsam bekannten Unzulänglichkeit Durchlaucht auch fernerhin nicht verzichten sollten.

Jonas: Ach, du meinst, das ist eins von diesen neumodischen Sicherungssystemen, so eins, wo die Gehirnströme abgelesen werden.

Sam: Ja.

Jonas: Und wenn sie nicht gespeichert sind, dann

Sam: Schnipp schnapp, Rübe ab. Kein Zweifel, hochzuverehrender Henkersknecht.

Jonas: Huh, da hätte ich ja fast eine Riesendummheit gemacht.

Sam: Sam wagt nicht zu widersprechen, o Inbegriff aller Weisheit.

Jonas: Weißt du, Sam, wie wir reinkommen? Ich fange mir einen PoPo, der hier unten rumläuft, und stecke seinen Kopf ins Loch. Wenn er berechtigt ist, gut und schön, dann geht die Tür auf.

Sam: Und wenn nicht, o abgeklärter Kaltschnauz?

Jonas: Dann verliert er den Kopf, fürchte ich. Und ich fange mir einen neuen, einen möglichst hochrangigen. General oder so.

Oberst: Würde Ihnen ein Oberst reichen? Hände hoch und langsam umdrehen.

Jonas: Er stand plötzlich hinter mir. Ich hatte ihn nicht gehört, weil ich mich so angeregt mit Sam unterhalten hatte, dumm von mir. Er war tatsächlich ein Oberst der PoPo, das sah ich, als ich mich umdrehte. Lametta an Brust und Schultern, dazu ein Laserstrahler am Gürtel und ein Knockouter in der Hand. Das war dumm von ihm.

Oberst: Stehenbleiben! Bleiben Sie stehen. Sie, Sie sind isoliert.

Jonas: Du merkst auch alles, Buster.

Jonas: Haben Sie gehört? Buster. Ein echter Bogie. Ich war richtig stolz, fletschte die Zähne, und zupfte mich am Ohr. Übrigens war ich wirklich isoliert. Das heißt, mein Kampfanzug, der Oberst nicht, und deshalb fiel er um, als ich ihm einen soliden 2-Stunden-Lähmungsschock verpaßte. Aber er war berechtigt. Sein Kopf schloß mir das Tor auf. Ich legte ihn hinter einem Schutthaufen ab, weiter. Der Verkehr nahm ein bißchen zu. Kaum noch schwarzrote Uniformen, dafür weiße Kittel, hinter den Türen Funk- und Radarstationen, und Laboratorien. Eine Tür stand offen. Ich riskierte ein Auge, und obwohl ich es so eilig hatte, blieb ich stehen.

Jonas: Puppen? Sieh dir das an, Sammy. Die Damen und Herren Wissenschaftler von ZIP spielen mit Puppen.

Sam: Unwahrscheinlich. Geh näher ran, alter Türschlitzspanner. Keine Angst, das Labor ist leer.

Jonas: Das, das sind keine Puppen.

Sam: Was du nicht sagst, Kumpel.

Jonas: Das sind Menschen, klitzekleine Menschen.

Sam: Im Durchschnitt 12 Zentimeter hoch, flüchtig geschätzt, Minimenschen, o riesiger Gulliver zu Liliput. Tot sind sie übrigens auch.

Jonas: Jedenfalls bewegen sie sich nicht. Wie damals, im Schlachthaus von Costaguana, nur alles viel kleiner, aber womöglich noch scheußlicher. Was ist hier los, Sam?

Sam: Siehst du doch, blindes Huhn. ZIP entwickelt ein neues Verfahren. Mikronisierung. Verkleinerung von Menschen. Wo heute 100 leben können, sollen es in Zukunft Millionen und Milliarden sein.

Jonas: Deshalb diese gewaltigen Sicherheitsvorkehrungen.

Sam: Ja.

Jonas: Deshalb haben sie sich auf Swartcliff verkrochen.

Sam: Versteht sich, großer Vordenker. Hier wird das Verfahren getestet. Und hier soll es später im großen Stil und Umfang angewandt werden.

Jonas: ZIP schreckt wirklich vor nichts zurück.

Sam: Vermutlich hat man auch die Dame Judith zur Mikronisierung vorgesehen.

Jonas: Judith? Meinst du wirklich, Sam?

Sam: Ja.

Jonas: Dann los.

Jonas: Weiter, schneller, immer schneller, noch ein paar Labortüren, dann Büros, dann das allerheiligste. Professor Caligari. Kein Zutritt. Für mich galt das nicht. Ich trat zu. Leise. Niemand im Vorzimmer. Aus dem Hinterzimmer durch die angelehnte Tür, Stimmen. Caligari und Judith.

Judith: Die Sicherheitsverwaltung wird mich suchen lassen.

Caligari: Das werden wir zu verhindern wissen, mein Liebe. Sie haben Ihre Situation doch selbst verschuldet. Was geben Sie sich mit diesem Quertreiber ab, diesem Unruhestifter, diesem Jonas. Meine Organisation hat ein hohes Ziel, die Reduktion der Überbevölkerung. Mittel haben wir im Überfluß. Die Industrie unterstützt uns, die Hochfinanz, die Politik.

Judith: Ja, ja, die Politik.

Caligari: Was wir brauchen ist Ruhe. Vor allem jetzt, im Versuchsstadium. Das große Projekt der Mikronisierung läuft. Aber der Durchbruch ist uns noch nicht gelungen. Wir verzeichnen einen zu hohen Verschleiß an Versuchspersonen. Ja, auch auf diese Weise reduziert sich die Bevölkerung, und das ist doch die Hauptsache, nicht wahr?

Judith: Wenn Sie meinen.

Caligari: Wenn der Ausbau unseres neuen Hauptquartiers beendet ist, wenn wir uns hier auf Swartcliff sicher verschanzt haben, wenn wir ungestört arbeiten können, dann, meine Liebe, dann…

Judith: Dann? Werden Sie mich freilassen?

Caligari: Das halte ich für unwahrscheinlich. Sie sind zu gut über uns informiert. Und wir brauchen laufend frische Versuchspersonen.

Jonas: Frau Professor Caligari hielt gern Vorträge. Mir reichte es. Ich wollte nichts mehr hören. Ich wollte Judith. Die Ein-Mann-Armee Jonas setzte zum Sturm an. Es ging alles sehr schnell. Eine Schockgranate durch die Tür, Caligari ging benommen zu Boden. Aber sie war hart im Nehmen. Sie hatte ihren Laser fast schon wieder in Schußposition, als ich sie mit dem Knockouter unschädlich machte. Dann zu Judith. Auch sie kam schnell wieder zu sich.

Judith: Jonas? Was ist passiert? Ich hab dich zuerst gar nicht erkannt. In dieser Uniform.

Jonas: Was meinst du, Judith, steht sie mir? Judith, wie fühlst du dich denn? Kannst du laufen?

Judith: Ja.

Jonas: Na komm, ich helf dir.

Judith: Ich glaub schon.

Jonas: So, dann laß uns loslaufen.

Sam: Moment, Chef. Punkt eins: Befreiung der Dame Delgado erfolgreich ausgeführt. Bleibt Punkt zwei.

Jonas: OK, Sammy. Wo?

Sam: Hintere Wand Mitte, allerwertester Knallfrosch.

Jonas: Eine Miniplastbombe oder zwei?

Sam: Zwei, o Meister aller Bombardiere. Safety first. Beeil dich, lahme Ente.

Jonas: Ich beeilte mich, und dann raus. Im Geschwindschritt durch die Gänge. Wer sich uns in den Weg stellte, war selber schuld. Kampfmaschine Jonas ließ sich nicht aufhalten, bis sie von allein stehen blieb, am Ausgang, mit Judith, atemlos, aber glücklich. Und mit Sam natürlich.

Judith: Du hast es wirklich geschafft, Jonas.

Jonas: Kleinigkeit. Anruf genügt, komme sofort.

Judith: Caligari hat gesagt, du würdest nicht kommen, weil du nicht gut genug bist, und weil du mich nicht genug liebst.

Jonas: Da hat sie sich geirrt, unsere Frau Professor. Zum allerletzten Mal.

Judith: Ist sie tot?

Jonas: Noch nicht. Sam.

Sam: Ja.

Jonas: Die Fernzündung.

Sam: Fernzündung.

Jonas: Feuer.

Sam: Zu Befehl, Herr Sprengmeister.

Judith: Was ist das?

Jonas: Die große ozeanische Wasserspülung, meine Bomben in Caligaris Zimmer, tief unter dem Wasserspiegel, haben die Felswand aufgerissen, und jetzt wird der ganze Dreck ins Meer gespült, Caligari und ihre Organisation, PoPos und Wissenschaftler, Labors und Maschinen, aus und vorbei. Ein für alle mal.

Sam: Mögen sie in Frieden ruhen auf dem kühlen Meeresgrund, rappeldizock…

Demeter: Da ist noch einer von den Schwarzroten! Hände hoch!

Jonas: Demeter.

Demeter: Jonas.

Jonas: In Person.

Demeter: Ich hab Sie nicht gleich erkannt.

Jonas: In dieser Uniform. Wie kommen Sie hierher?

Demeter: Als ich Ihre Nachricht kriegte, habe ich alle Ökos zusammengetrommelt, die Westerporter haben ihre alten Flinten aus dem Schrank geholt, und uns in ihren Booten rübergebracht, trotz Sturm und Nebel. Wir wollen Ihnen helfen.

Jonas: Danke, sehr freundlich, aber nicht mehr nötig. Der böse Feind ist geschlagen. Auftrag ausgeführt.

Sam: Ja.

Demeter: Und die Dreizehenmöwe Rissa?

Jonas: Ach, die hab ich vergessen. Es war nämlich einiges los, müssen Sie wissen.

Demeter: Das interessiert mich nicht. Unter diesen Umständen wird es uns nicht möglich sein, Ihnen Ihr restliches Honorar auszahlen. Wir hatten vereinbart… Da, hören Sie: Rissa Tridactyla. Sie hat es überlebt. Hurra!

Sam: Hurra!

Jonas: Zähes Tierchen, dachte ich, und freute mich ein bißchen mit Demeter und ihren Leuten, die sich aufmachten, die Nester ihres heißgeliebten Federviehs zu suchen. Judith und ich blieben allein zurück.

Judith: Ich seh dir in die Augen, Jonas.

Jonas: Ich dir auch, Judith. Sehen wir uns heute Abend?

Judith: Wenn du willst. Sehen wir uns morgen Abend?

Jonas: Wenn du willst.

Jonas: Und so weiter. Falls Ihre Beziehung nicht mehr das ist, was sie war, dann rate ich Ihnen, lassen Sie sich kurz kidnappen, und auf möglichst spektakuläre Weise retten. Das verbindet, bis zum nächsten Krach.

Das war Kidnapper. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Es wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Kornelia Boje, Renate Grosser, Gernot Duda, Michael Lenz, Wolfgang Büttner und viele andere (Joachim Höppner, Gisela Hoeter, Reiner Kositz). Ton und Technik: Günter Heß und Angela Bernd. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1985). Redaktion: Dieter Hasselblatt und Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Schmiergeld

Jonas: Ich machte die Tür auf, und da saß er. Mitten in meinem Büro. Auf meinem besten und einzigen Klientenstuhl. Er war klein und trug grau, das offizielle grau der Politiker und Geschäftsleute. Eine graue Maus. Unauffällig. Abgesehen von einer Kleinigkeit. Er war tot. Sein Gesicht war blau angelaufen, die Zunge hing ihm aus dem Mund, die Augen standen weit offen. Das gefiel mir nicht. Welcher Detektiv findet schon gern eine ermordete Leiche in seinem Büro?

Jonas: Erwürgt mit einer Drahtschlinge. Fachmännische Arbeit. Zwei Täter. Einer hält den Mann fest, der andere zieht zu.

Sam: Wie weiland die Thugs, eure mäßige Belesenheit dürfte sie kaum kennen. Eine indische Mördersekte. Welche vorzugsweise in Bengalen florierte. Zu Ehren ihrer Göttin Kali oder auch Bowarni erwürgten sie zahllose Menschen mit gelben Tüchern.

Jonas: Sam. Mein Computer. Bis an die Oberkante vollprogrammiert mit nützlichem Wissen und unnützer Gelehrsamkeit. Unentbehrlich und innervierend. Und ein bißchen verrückt. Vor fünf Jahren habe ich ihn billig gekauft. Im Ramsch. Als Einzelstück. Seitdem versuche ich mich an ihn zu gewöhnen. Das ist nicht leicht.

Sam: Dem Treiben der Thugs machte die britische Kolonialverwaltung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Ende.

Jonas: Wir sind in Babylon, Sam, nicht in Indien. Und wir haben heute den 2. Juni 2010. Wer immer unseren Besucher umgebracht hat, Thugs waren es bestimmt nicht, blas dich nicht auf mit deiner Bildung, mach dich nützlich.

Sam: Jawohl, großmächtiger Herr und Meister. Sam drängt darauf, sich ganz ungeheuer nützlich zu machen, doch wie, so fragt der Fachmann und der Laie wundert sich, wie oder mit anderen Worten ausgedrückt, auf welche Weise?

Jonas: Ich stell dich ab, Sam, ich werf dich aus dem Fenster.

Sam: Ob seines Gebieters Zorn windet sich der unglückselige Sklave im Staub.

Jonas: Ich verkauf dich als Schrott.

Sam: Bin ja schon ganz still, Chef.

Jonas: Kennst du den Mann?

Sam: Sorry, Sir. Nie gesehen.

Jonas: Ich auch nicht, aber das war kein Problem. Unser Besucher stellte sich selbst vor. Mein altes Diktaphon, das auf Sams Datenspeicher stand, war verschoben, kein Staub auf den Tasten, ein Detektiv sieht so was. Und er weiß, was das bedeutet. Ich ließ die Kassette zurücklaufen und der Tote sprach.

Hartog: Zunächst einmal muß ich Sie um Entschuldigung bitten, Herr Jonas, unter normalen Umständen hätte ich mir niemals erlaubt, Ihr Diktiergerät zu benutzen oder in Ihrer Abwesenheit in Ihre Räumlichkeiten einzudringen. Übrigens hat mich Ihr Hauswart eingelassen. Wie gesagt, nicht unter normalen Umständen. Aber die Umstände sind nicht normal. Ich werde verfolgt, ich fühle mich bedroht, und ich werde zu unrecht beschuldigt, Sie sind meine letzte Hoffnung, Herr Jonas.

Jonas: Jonas, das bin ich. Nur Jonas. Ich bin der die das letzte. Das letzte Gremium, die letzte Instanz, der letzte Privatdetektiv. Zu mir kommt man, wenn alle Stricke reißen. Nicht, daß ich viel tun kann, aber ich gebe mir Mühe. Davon lebe ich.

Hartog: Ich darf mich vorstellen. Hartog ist mein Name. Hugo Hartog. Sie werden mich nicht kennen. Ich bin Stadtrat in der babylonischen Finanzverwaltung, Abteilung Gewerbesteuern. Stellvertretender Abteilungsleiter. Kein großes Licht. Ja, ich, ich, ich sollte mich besser beeilen. Also, ein Journalist hat mich angerufen, ich kenne ihn flüchtig. Er heißt Sidonia, und er ist beim Europäischen Pressebüro EPB. Er hat einen Informanten bei Chips Inc. Und dieser Informant hat ihm eine Liste durchgegeben. Eine Liste, auf der alle stehen, die in diesem Jahr von Chips bestochen worden sind. Mit den Beträgen, die sie bekommen haben, wegen der Robotergesetze, wissen Sie.

Jonas: Natürlich wußte ich. Jeder weiß das. Die Robotergesetze bestimmen, daß ein Betrieb je nach Umsatz für eine bestimmte Anzahl Roboter eine menschliche Arbeitskraft einstellen muß. Oder eine kräftige Ersatzgebühr zahlen. Beides wollen die Betriebe nicht. Zu teuer. Zu umständlich. Deshalb schmieren sie die Kontrollbehörden. Das kommt billiger. So ist allen geholfen. Nur nicht den menschlichen Arbeitskräften. Aber die fragt sowieso keiner.

Hartog: Und ganz oben auf der Liste, sagt Sidonia, stehe ich. Als erster. Mit 15 Millionen Euros. Das stimmt nicht, Herr Jonas, das schwöre ich. Mit Chips habe ich seit Jahren nichts mehr zu tun, und ich habe in meinem Leben noch nie Schmiergeld genommen. Das habe ich Sidonia gesagt, aber der glaubt mir nicht, und wird die Liste heute noch veröffentlichen. Helfen Sie mir, Herr Jonas. Beweisen Sie meine Unschuld, ich bitte Sie. Da, Schritte draußen auf dem Gang. Sie kommen nach Hause, Herr Jonas. Der Rest mündlich.

Jonas: Ich war’s nicht, der da gekommen ist.

Sam: Keinesfalls, o Rächer der Genervten. Wie die akustisch-subtonale Anneliese, äh Korrektur Analyse zeigt, handelte es sich um die Schritte zweier Menschen.

Jonas: Die Mörder mit der Drahtschlinge. Glaubst du ihm, Sam?

Sam: Begriff unpräzise, Meister. Computer glauben nicht, Computer wissen.

Jonas: OK, Sammy. Weißt du, ob er die Wahrheit sagt?

Sam: Daten unzureichend, Hochwürden.

Jonas: Na, dann machen wir sie doch ein bißchen zureichender. Wie spät ist es?

Sam: Piep. 14 Uhr 1 Minute und 12 Sekunden.

Jonas: News Time im öffentlichen Holokanal.

Nachrichtensprecherin: Liste mit angeblichen Empfängern von Bestechungsgeldern. Chips Inc, der bedeutendste Hardwareproducer in den Vereinigten Staaten von Europa, hat bisher jede Stellungnahme abgelehnt. Auch der Hauptbelastete, Stadtrat Hartog, hat sich noch nicht geäußert. Ein Sprecher der Finanzverwaltung teilte mit…

Jonas: Soweit stimmt die Sache also. Er steht wirklich ganz oben auf der Schmiergeldliste von Chips, der Herr Hartog.

Sam: Möge er ruhen in Frieden, Eminenz.

Jonas: Dafür werden wir sorgen, Sammy.

Sam: Wie ist dieses zu verstehen, Heiligkeit?

Jonas: Hartog ist zu mir gekommen, er hat mir den Auftrag gegeben, die Angelegenheit zu klären. Wenn er genug Geld bei sich hat.

Sam: 80 Euros pro Tag plus Spesen.

Jonas: Ich hab schon jede Menge Auftraggeber gehabt. Dicke und dünne, verrückte und normale, nette und widerliche, aber noch keinen Toten. Das war was neues.

Sam: Hoffentlich bringt’s auch was ein, Meister.

Jonas: Wollen mal sehen. Hier, hier ist seine Brieftasche, 100, 200, 10, 20, 30, 40, 50, 70 Euros in Scheinen, 240 für mich als Anzahlung, 3 Tagessätze.

Sam: Und die Spesen, o leuchtendes Exempel an Großzügigkeit?

Jonas: Wird sich finden, Sam.

Sam: Dein Wort in Gottes Ohr, Alter. Wenn Sie gestatten, Sir, es hat gedong-dongt. Geklopfet.

Jonas: Wir sind nicht zu Hause, James. Eine Leiche im Salon verstört auch den gutwilligsten Gast.

Brock: Machen Sie auf, Jonas, Kriminalpolizei.

Jonas: Die gute alte Kripo. Sie ist immer noch unter uns. Unterbesetzt. Unterbezahlt. Unterbewertet. Staatsgewalt für Minderbemittelte. Wer was hat, leistet sich Privatbullen. Und für die wirklich wichtigen Dinge gibt’s Spezialtruppen. PoPo, MePo, FiPo etc. Aber wenn die Kripo auch keine große Rolle mehr spielt, einem einzelnen Privatdetektiv kann sie noch ganz schön Ärger machen. Besonders wenn sie im Büro des Detektivs einen Ermordeten findet. Und wenn die Kripo aus Inspektor Brock nebst Gefolge besteht.
Brock: Ich hab’s ja immer gesagt, Jonas, mit Ihnen ist was faul. Privatdetektiv. Das ist doch kein Beruf für einen anständigen Menschen.

Jonas: Wir können nicht alle bei der Kripo sein, Inspektor. Was führt Sie zu mir.

Brock: Wir sind angerufen worden.

Jonas: Von wem?

Brock: Von einer Frau. Namen hat sie nicht gesagt. Nur daß bei Ihnen einer ermordet worden ist. Kunde von Ihnen?

Jonas: Der Tote, ja, könnte man sagen.

Brock: Haben Sie ihn umgebracht.

Jonas: Soviel Kunden hab ich nicht, daß ich s mir leisten kann sie umzubringen.

Brock: Ich glaube Ihnen kein Wort, Jonas. Pauly.

Pauly: Inspektor?

Brock: Was sagt der Pathomat?

Pauly: Moment. Tod trat ein genau 12 Uhr 49.

Brock: Wo waren Sie 12 Uhr 49, Jonas?

Jonas: Bei Ihnen Bröckchen.

Brock: Scheißen Sie mich nicht an. Wo waren Sie?

Jonas: In der Zentrale der Sicherheitsverwaltung, Europaplatz in der Polizeikantine beim Essen.

Brock: Echt? Kein Scheiß?

Jonas: Sojaschnitzel mit gedämpften Algen, recycelt natürlich aber gar nicht schlecht.

Brock: Haben Sie Zeugen?

Jonas: Nur einen. Das heißt: eine: Ihre Chefin.

Brock: Sie scheißen mich ja schon wieder an.

Jonas: Kein Scheiß Inspektor. Rufen Sie Frau Delgado an.

Jonas: Judith Delgado ist Hauptabteilungsleiterin bei der Sicherheitsverwaltung und sie ist meine z.B., meine zeitweilige Beziehung, wobei das zeitweilig eigentlich nicht mehr stimmt, immerhin kennen wir uns seit über einem Jahr, und Beziehung stimmt auch nicht so richtig, weil wir uns meist streiten, allerdings in letzter Zeit ist es zwischen uns besser geworden, vielleicht weil ich sie rausgeholt habe, als sie gekidnaped und auf die Insel Swartcliff verschleppt worden war. Wie auch immer, wir hatten wirklich zusammen gegessen in der Polizeikantine. Bei so einem Alibi mußte Inspektor Brock abschnallen und ohne Jonas von dann ziehen. Was ihm sichtlich schwer fiel, und ich konnte endlich anfangen an meinem neuen Fall zu arbeiten.

Sam: Roy Sidonia, Journalist, angestellt in europäischen Pressebüro.

Jonas: Tschuldigung, du verwirrst mich, Sam, wo wohnt er?

Sam: Im Nordwestbezirk, Mardukstraße 20.

Jonas: Nicht gerade um die Ecke. Wie kommen wir hin Sammy?

Sam: Am bequemsten per Rikscha, Sahib, am billigsten zu Fuß. Am schnellsten mit der Metro.

Jonas: Also die Metro, ich hatte es eilig, und ich konnte Judo und Karate und was ich sonst noch im antarktischen Krieg gelernt hatte. Vor Räubern und Funkillern brauchte ich keine Angst zu haben. Trotzdem, richtig wohl fühlte ich mich erst wieder, als ich an der Mardukstraße ausstieg. Ein mittleres Viertel, nicht posch, aber auch nicht gerade heruntergekommen, solider Durchschnitt. Sidonia wohnte in einem Mietshaus aus dem vorigen Jahrhundert im 4. Stock. Kein Fahrstuhl und zum Glück auch kein Torwächter. Er war nicht da, jedenfalls machte er nicht auf. Ich machte auf, sein Türschloß war so alt wie das Haus.

Jonas: Mindestens 30 Quadratmeter.

Sam: Der Mitarbeiter eines kontinentalen Infobüros in Tarifstufe 6 hat Anrecht auf 32 Quadratmeter Wohnraum, o du mein beengter, eingezwängter und beschränkter Freiberufler.

Jonas: Sam hatte ich dabei. Wie immer, ich meine natürlich Sam 2, kleiner Apparat, paßt in jede Tasche, rund um die Uhr mit dem großen Kasten im Büro verbunden, drahtlos, guter Rat überall und jeder Zeit und Nervensägerei als Zugabe.

Sam: Das Leben ist ungerecht, Genosse. Find dich damit ab. Ein Journalist gilt mehr als ein Privatdetektiv.

Jonas: Dieser Journalist hat nur leider nichts mehr davon. Er ist nämlich tot, da liegt er, neben dem Bett.

Sam: Aha, aus diesem Grunde hat er meinen Herrn nicht die Türe geöffnet.

Jonas: Sehr gut mein dear Watson. Sehr scharfsinnig. Computer sind Denkmaschinen, das bestätigt sich immer wieder.

Sam: Daten, wenn ich bitten darf, Daten und keine blöden Bemerkungen, o Wonne meiner Seele die ich nicht besitze. Wie kam Sidonia zu Tode. Falls es sich bei der Leiche tatsächlich um ihn handelt.

Jonas: Es ist Sidonia, er hat seine Bürgerkarte in der Tasche. Er hat überhaupt noch alles in der Tasche, Schlüssel, Geld und er ist ermordet worden.

Sam: Erwürgt?

Jonas: Mit einer Drahtschlinge. Kommt uns bekannt vor, was Sammy.

Sam: Ein Muster beginnt sich abzuzeichnen, großer Kombinator. Stadtrat Hartog in dero Durchlaucht Büro, Sidonia in seiner Wohnung, die gleiche Methode, die gleichen Mörder, der gleiche Fall.

Jonas: Alles gleich, Sam. Bis auf eins. Sieh dir den Computer in der rechten Ecke an.

Sam: Computer? Das Ding ist so alt, daß es nicht mal reden kann, igitt, so was nenn ich nicht Computer, das ist eine Rechenmaschine, wenn’s hochkommt, ein Museumstücke, zum normalen Gebrauch nicht geeignet.

Jonas: Ist ja auch schon jahrelang nicht mehr benutzt worden, Sam. Fingerdick Staub, Roststellen, die Tasten verklemmt. Trotzdem haben die Mörder den Speicher kaputt geschlagen und ausgeräumt.

Sam: Wie euer Scharfsinn bereits erschlossen haben dürfte, waren sie bemüht zu verhindern, daß gewisse Informationen anderweit bekannt würden. Informationen, welche zweifellos mit Chips Inc. und mit der Bestechungsliste in Zusammenhang stehen.

Jonas: Vermutlich der Name der Person, die Sidonia die Liste gegeben hat.

Sam: Dabei ist den Tätern nicht aufgefallen, daß die fragliche Information sich keinesfalls in diesem diesem computerähnlichen Etwas befunden haben kann, Hoheit.

Jonas: Das waren Killer, Sam, keine Infoexperten.

Sam: Im Gegensatz zu meinem Gebieter, welcher ohne Frage weiß, wo die gesuchte Information zu finden ist.

Jonas: Ach ja.

Sam: Nicht. O Sancta Inplicitas. So lasset uns denn logisch vorgehen, geliebte Gemeinde. Erstens. Kein Mensch kommt heutzutage ohne Computer aus.

Jonas: Richtig.

Sam: Zweitens in seiner Privatwohnung verfügte Sidonia nicht über eine benutzbaren Computer.

Jonas: Auch richtig.

Sam: Drittens. Sidonia hat seinen Computer an anderer Stelle.

Jonas: Das Europäische Pressebüro liegt im Zentrum, nicht weit vom Europaplatz. Reinkommen ist ein Kinderspiel: Man braucht nur eine Aktentasche unterm Arm, einen wichtigen Gesichtsausdruck und Sidonias Paß, den ich in seiner Tasche gefunden hatte. In Tarifstufe 6 hat man nicht nur Anspruch auf 32 Quadratmeter Wohnfläche, sondern auch auf ein Einzelbüro. Schreibtisch mit Textgerät, Stuhl, Schrank, und ein Personalcomputer, klein aber effektiv. Ich aktivierte ihn mit Sidonias Schlüssel. Keine lange Unterhaltung, das war zu gefährlich. Ich ließ Sam kurz interfacen und holte dann schnell aus ihm raus was ich wissen wollte.

Sam: Aye aye Sir, kurz und bündig. Unter heutigem Datum, 6 Uhr 30 morgens findet sich verzeichnet die ungewöhnlich hohe Zahlung von Euros 3000 für Information erhalten, Kennwort Liste Chips.

Jonas: Das ist es, Sammy. Zahlungsempfänger?

Sam: C. Hinkelstein. Auch in den vorangegangen Monaten taucht dieser Name des öfteren auf, o Schmieröl meiner Schaltungen.

Jonas: Ganz klar. Hinkelstein war Sidonias Informant bei Chips Inc und er hat ihm heute morgen die Liste der Schmiergeldempfänger geliefert, die Liste, auf der unser Klient ganz oben steht.

Sam: Vermutlich zu Unrecht.

Jonas: Hinkelstein. Ausgefallener Name. Sieh mal das Personalverzeichnis von Chips durch, Sammy.

Sam: Schon passiert, Herr Oberbrandmeister, unter den zahlreichen Mitarbeitern von Chips befindet sich nur ein C. Hinkelstein. Berichtigung: nur eine C. Hinkelstein. Carla Hinkelstein, Sachbearbeiterin in der Abteilung Marketing und PR.

Jonas: Fonnummer.

Sam: Wünschen Durchlaucht Dienst oder Privatnummer.

Jonas: Wie spät?

Sam: Piep. 17 Uhr 21 Minuten und 8 Sekunden.

Jonas: Dann wird sie zu Hause sein.

Sam: 2271399625.

Hinkelstein: Ja?

Jonas: Frau Carla Hinkelstein?

Hinkelstein: Ja?

Jonas: Mein Name ist Jonas, nur Jonas. Ich möchte mit Ihnen sprechen.

Hinkelstein: Ja worüber?

Jonas: Eine Überraschung. Sie konnte nicht nur ja, sie konnte auch anders. Und mehr. Das machte mir Mut.

Jonas: Über einen Bekannten von Ihnen, Roy Sidonia und über eine gewisse Liste.

Hinkelstein: Ich weiß nicht, was Sie meinen.

Jonas: Natürlich nicht. Kann ich gleich vorbeikommen.

Hinkelstein: Sind Sie von der Presse?

Jonas: Nein, ich bin Detektiv.

Hinkelstein: Oh, heute geht’s nicht, kommen Sie morgen.

Jonas: Zu Chips?

Hinkelstein: Nein, in meine Wohnung, Lemstraße 92. Morgen früh um 8.

Jonas: Im Korridor vor meinem Büro war’s dunkel. Der Hauswart hatte vergessen die kaputte Birne der Deckenlampe auszuwechseln. Wie üblich. Das störte mich nicht. Ich finde das Schlüsselloch auch im Dunkeln. Was mich störte war ein Umriß neben meiner Tür. Ein Umriß, der etwas heller war als die Wand und der sich bewegte. Ich ließ den Schlüssel los und griff nach meiner alten Smith and Wesson, eher Maskottchen als Waffe aber im Zweifelsfall besser als nichts.

Luna: Herr Jonas?

Jonas: Treten Sie drei Schritt zurück und bleiben Sie dann ganz still stehen.

Luna: Keine Angst, Herr Jonas, Sie sind doch Herr Jonas, ich tue Ihnen nichts, im Gegenteil. Ich brauche einen Detektiv. Der Hauswart wollte mich nicht in Ihr Büro lassen.

Jonas: Ich hab’s ihm verboten aus gutem Grund. Kommen Sie rein. Setzen Sie sich. Lassen Sie sich ansehen.

Jonas: Eine Frau Mitte 30, kräftige Schultern, große Füße in flachen Schuhen, ein Gesicht ohne Bemalung, schmaler Mund, kleine Augen, Kleidung so so, kein Schund aber auch nichts besonders, kein Schmuck. Sie saß steif da, Knie zusammen, Hände im Schoß gefaltet. Nicht gerade ein herzerwärmender Typ, aber wer sagt, daß einem Privatdetektiv alle seine Klienten sympathisch sein müssen.

Luna: Ich heiße Marten. Vanessa Marten.

Jonas: Und Sie brauchen einen Detektiv. Warum.

Luna: Ich hab eine Partnerin, Nora Karatschi.

Jonas: Zeitweilig oder dauerhaft?

Luna: Z.B. Wir haben einen Halbjahresvertrag gemacht.

Jonas: Ja.

Luna: Nora geht fremd, seit ein paar Wochen, jeden Montag abend verschwindet sie, wenn sie glaubt, ich schlafe, ich nehme Pillen, wissen sie, vegetative Dystomie.

Jonas: Sieht man Ihnen nicht an. Und?

Luna: Am nächsten Morgen kommt sie zurück, ganz früh und tut, als ob nichts gewesen ist. Letzten Montag bin ich ihr heimlich nachgegangen, wir wohnen ganz in der Nähe, sie ist hier die Straße langgegangen, vorbei an Ihrem Haus, um die Ecke gebogen.

Jonas: Und dann?

Luna: War sie verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Ich hab gesucht aber.

Jonas: Mir ist nicht ganz klar, was Sie von mir wollen, Frau Marten.

Luna: Die Sache ist die, unser Vertrag läuft noch gut zwei Monate, und wenn Nora ihn bricht…

Jonas: Der Vertrag enthält eine Exklusivitätsklausel.

Luna: Ja sicher, wenn Nora den Vertrag bricht, kann ich die Beziehung sofort beenden, ohne Abfindung.

Jonas: In diesem Fall müssen Ihrer Partnerin den Vertragsbruch nachweisen.

Luna: Aber deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen Herr Jonas. Ich bauch eine Fachperson, die Nora nicht aus den Augen verliert und die als unabhängiger Zeuge aussagen kann. Was kosten Sie?

Jonas: 80 Euros pro Tag und Spesen.

Luna: Heute ist Montag. Wenn Sie den Fall heute Nacht zu Ende bringen, zahle ich Ihnen 120 Euros bar auf die Hand.

Jonas: Es war schon komisch, da hatte ich wochenlang keinen einzigen Fall und jetzt hatte ich zwei auf einmal, falls ich den Auftrag von Vanessa Marten annahm. Sie war mir nicht sympathisch, ihre Geschichte auch nicht. Aber 120 steuerfreie Euros, und Verträge müssen schließlich eingehalten werden. Also sagte ich ja.

Luna: Wenn Nora heut nacht aus dem Haus geht.

Jonas: Rufen Sie mich an, ich warte unten vor dem Haus auf Sie. Sie zeigen mir ihre Partnerin.

Luna: Sie gehen ihr nach und.

Jonas: Alles übrige ist meine Sache. Und vergessen Sie das Geld nicht.

Judith: Och nein, nicht Jonas, geh nicht ans Fon.

Jonas: Hmh. Jonas?

Luna: Vanessa Marten. Eben ist Nora aus dem Haus gegangen. Können Sie in 5 Minuten unten sein?

Jonas: Ich werd’s versuchen.

Judith: Du willst weg.

Jonas: Ich muß weg.

Judith: Jetzt, kurz vor zwei.

Jonas: Ein Detektiv ist immer im Dienst.

Judith: Komm wieder ins Bett, Jonas, mir ist kalt ohne dich.

Jonas: Judith war bei mir. Das kam nicht oft vor. Sie hat es lieber, wenn ich zu ihr komme, das ist für beide bequemer, meint sie, sie hat 48 Quadratmeter, und sie meint, bei mir kommt immer was dazwischen. Da hat sie nicht unrecht.

Judith: Kannst du es nicht verschieben?

Jonas: Unmöglich. Wo zum Donner ist Sam zwo, du hast vorhin aufgeräumt, Judith, wo hast du ihn hingetan?

Judith: Ach, ich kann mich nicht erinnern.

Jonas: Also dann muß es ohne Computer gehen. Kein Problem bei so einem kleinen Fall, reine Routine. Ich muß los. Also schlaf schön weiter, Judith.

Jonas: Ich wartete unten an der Haustür im Schatten. Ein paar Menschen kamen vorbei. Frauen, Männer und zwei oder drei, die ich nicht einordnen konnte. Als Vanessa Marten erschien, trat ich aus dem Schatten.

Luna: Gut. Sie sind pünktlich, Jonas, da vorn, die Frau im roten Cape, das ist Nora.

Jonas: Ausgesprochen hilfreich, ihre Partnerin.

Luna: Was meinen Sie?

Jonas: Weil sie so auffällig angezogen ist, leicht im Auge zu behalten. Sie können jetzt gehen, Frau Marten, den Rest übernehme ich.

Luna: Ich komm mit, ich will wissen, wo Nora hingeht und was sie da tut.

Jonas: Sie kriegen morgen einen Bericht in dreifacher Ausfertigung.

Luna: Das ist mir zu spät, ich weil es gleich wissen. Ich geh mit.

Jonas: OK sie bezahlen, aber das Kommando habe ich.

Luna: Jetzt ist sie um die Ecke gebogen. Da ist sie letzten Montag verschwunden.

Jonas: Na kommen sie.

Luna: Weg ist sie, wie letzte Woche, spurlos.

Jonas: Nicht spurlos. Sehen Sie mal da.

Jonas: Gleich hinter der Ecke dicht an der Wand stand ein Kanaldeckel einen Spalt offen. Und in dem Spalt hatte sich ein rotes Stoffstück verfangen. Ein glücklicher Zufall, so glücklich, daß ich ein bißchen mißtrauisch wurde. Jonas ist ein guter Kerl, offen, vertauensselig, aber für dumm läßt er sich nicht verkaufen. Ein Jammer, daß Sam nicht bei mir war, auch die Smith and Wesson hatte ich zuhause gelassen. Alles was ich hatte war eine Taschenlampe. Ich hob den Deckel hoch und leuchtete, eine Treppe, wir stiegen nach unten, etwa 20 Stufen, dann ein Absatz und die Tür zu einem Quicklift. Ich sah auf den Indikator, der Lift zischte in die Tiefe und kam ganz unten zum Stehen. Ich wartete einen Moment, holte ihn hoch, und wir, Vanessa Marten und ich, fuhren in die Unterwelt.

Jonas: Wissen Sie wo es hier hingeht?

Luna: Nein, Sie?

Jonas: Ich glaube schon. In die Eingeweide von Babylon, zu den Kloaken, den Recyclinganlagen und Biogasgeneratoren. In die Scheiße.

Luna: Ich kann mir nicht vorstellen, was Nora da unten sucht.

Jonas: Wenn sie ein heimliches Verhältnis hat dann höchstens mit einem Cop-Robot. Menschen gibt’s da nicht. Endstation. Alles aussteigen. Nach ihnen, mein Dame.

Jonas: Ich war vorsichtig und behielt meine Begleiterin im Auge, in einem Auge, das andere brauchte ich für meine Umgebung. Wir standen unter einer riesigen Kuppel auf einem weiten unterirdischen Platz, neben dem Lift eine Schaltzentrale, Tafeln, Lichter, Computer, Monitore, ein Fon, dann rechts und links die Einmündungen zahl-loser Kanäle, die sich mitten auf dem Platz trafen und einen großen Teich bildeten. Einen Teich, der nicht stagnierte, sondern sich dick und dunkel nach hinten wälzte, und da teilte er sich. Auf einer Seite saugten Pumpen das Gas ab für die Biogenera-toren, die man irgendwo hinter den Wänden summen hörte, daneben wurde die fest-ere Materie in Richtung Recyclingcenter geschoben, wo man aus dem, was 25 Millio-nen Babylonier so unter sich lassen, Essen und Trinken für eben diese 25 Millionen macht. Über allem trübes Licht, unerträgliche Hitze. Noch unerträglicher Gestank.

Jonas: Mir stinkt noch was. Ihre Partnerin ist verschwunden.

Luna: Ich seh rot, da, dritte Einmündung rechts. Auf dem seitlichen Laufsteg.

Jonas: Sie machen recht, bleiben sie vor mir.

Jonas: Wie gesagt, ich war vorsichtig, aber nicht vorsichtig genug. Das rote in der dritten Einmündung rechts war tatsächlich das Cap, aber Nora Karatschi steckte nicht drin, sie hockte in der zweiten Einmündung, im dunkeln, unsichtbar, und als ich vorbei lief, zog sie mir die Beine weg. Ich schlug auf, hart und trat kurz ab, nur ein paar Sekunden, aber die reichten, als ich wieder da war, hatten sie mich schon verschnürt. Hände auf dem Rücken, Füße zusammen. Sie standen vor mir. Vanessa Marten und eine Frau, die aussah wie ihr Zwilling.

Jonas: Nora Karatschi nehme ich an.

Nike: Nora Karatschi gibt’s nicht mehr.

Luna: Und Vanessa Marten auch nicht.

Nike: Wir sind Nike.

Luna: Und Luna.

Nike: Nike und Luna, das taffe tödliche Team.

Luna: Das coole Killerkommando.

Nike: Bekannt und begehrt.

Luna: Schon von uns gehört?

Nike: Haben sie ein Partner, der sie stört, einen Erbonkel der nicht sterben will, einen Detektiv der lästig wird, kein Problem.

Luna: Rufen sie Nike und Luna.

Nike: Wir haben Hartog erledigt.

Luna: Und Sidonia.

Nike: Und die Hinkelstein.

Luna: Und jetzt ist Jonas fällig.

Nike: Wir haben gedacht, das wird schwierig.

Luna: Jonas ist ein harter Typ haben wir gedacht.

Nike: Deshalb haben wir ihn in die Kloake gelockt.

Luna: Es war viel leichter, als wir dachten.

Nike: Was machen wir mit ihm, Luna, das übliche, Schlinge um den Hals und…

Luna: Nicht nötig, Nike, wir schmeißen den Scheißkerl in die Scheiße.

Nike: Gut. Da kann er sich aussuchen, ob er Bio-Energie werden will oder Sojakäse Also dann… Ha!

Luna: Was?

Jonas: Nike und Luna, die coolen Killer fielen um und rührten sich nicht mehr. Ich hörte Schritte und drehte den Kopf. Ein junger Mann, den ich noch nie gesehen hatte, Overall über formeller grauer Bluse, Gummistiefel, elektrischer Knockouter in der Hand, keine besonderen Kennzeichen. Er blieb vor mir stehen und tippte mich mit der Fußspitze an.

Joker: Tut mir leid, ich konnte nicht früher kommen.

Jonas: Keine Sekunde zu früh, gerade wollten sie mich in die Kloake schmeißen.

Joker: Sehr ungezogen von den beiden, das können wir ihnen nicht durchgehen lassen. Strafe muß sein. Wie du mir so ich dir. Auge um Auge.

Jonas: Wer sind Sie? Eine Art Kanalarbeiter?

Joker: Sagen wir eine Art Joker. Die Karte, die den Spielverlauf plötzlich und unerwartet ändert. Drehen Sie sich um. So, Ihre Hände sind frei. Machen Sie’s gut.

Jonas: Und die Füße?

Joker: Das werden sie doch wohl selbst können.

Jonas: Warum haben Sie mich gerettet?

Joker: Weil man’s mir gesagt hat. Sie werden noch gebraucht. Jonas. Wir sehen uns.

Jonas: Weg war er. Ich machte die Fußfesseln los und stand auf. Von Nike und Luna war nichts mehr zu sehen. Trotz der Hitze lief es mir kalt über den Rücken wenn ich mir vorstellte, was sie mir zugedacht und sich schließlich selbst eingehandelt hatten. Ich ging zur Schaltzentrale. Das Fon war in Ordnung. Ich rief bei mir an und hoffte, daß Judith noch da war. Ich hatte so eine Ahnung. Judith war da. Ich erzählte ihr kurz was passiert war.

Judith: Wärst du lieber im Bett geblieben, Jonas. Bei mir.

Jonas: Die Nacht ist noch jung. Ich bin gleich da, und wir holen nach was wir versäumt haben.

Judith: Das geht nicht. Du darfst nicht nach Hause kommen.

Jonas: Was ist?

Judith: Großfahndung nach einem gewissen Jonas. Inspektor Brock muß jeden Moment hier sein.

Jonas: Was will er denn, ich hab doch ein Alibi.

Judith: Für Hartog ja, aber nicht für Sidonia.

Jonas: Sidonia? Sie wollen mir den Mord an Sidonia anhängen?

Judith: Es sieht so aus.

Jonas: Hör zu, Judith, hast du Sam zwo gefunden?

Judith: Ja, er war

Jonas: Ist nicht wichtig. Steck ihn ein, bring ihn mir.

Judith: Wo treffen wir uns.

Jonas: Kennst du den Armen Schlucker.

Judith: Ich weiß nicht.

Jonas: Der Dipsomat Lem-/Ecke Strugatzkistraße. In 20 Minuten.

Jonas: Auf Judith kann ich mich verlasen. Sie war schon da, als ich in den Dipsomaten kam, in einer dunklen Ecke hinter einem Campari Synth. Ich zog mir, nein, keinen Whisky, ein Mineralwasser, meinem Magen war der Ausflug in den babylonischen Mastdarm nicht bekommen. Außerdem brauchte ich ein klaren Kopf.

Judith: Armer Jonas. Gleich zwei Parteien sind hinter dir her, die Kripo und

Jonas: Nike und Luna. Aber die sind tot.

Judith: Nike und Luna waren professionelle Killer, die arbeiten nicht auf eigene Rechung. Jemand hat sie bezahlt, und für diesen jemand haben sie Hartog und Sidonia umgebracht.

Jonas: Und Carla Hinkelstein, Sidonias Informantin, das haben sie jedenfalls behauptet.

Judith: Und fast auch dich. Jonas wer ist diese Jemand?

Jonas: Keine Ahnung, ich weiß bloß, der Schlüssel der ganzen Sache liegt bei Chips Inc. und deshalb…

Sam: Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der dritte.

Jonas: Wenn du was wichtiges beizutragen hast, Sammy.

Sam: Sam hat, sowohl eure großfürstliche Gnaden als auch die Dame Judith geruhen einen entscheidenden Faktor zu übersehen. Die dritte Partei.

Judith: Ich nehme an du meinst…

Sam: Den oder die Auftraggeber hinter jenem mysteriösen Joker, welcher meinen über allen geliebten Jonas vor einem unaussprechlich schauderbaren Tode errettete.

Jonas: Was ich ausgesprochen nett von ihm finde. Chips, da muß ich ansetzen.

Sam: Wie denn und wo genau du aus dem Hades heimgekehrter Odysseus.

Jonas: In der Wohnung von Carla Hinkelstein. Vielleicht kann ich die Spur von da weiterverfolgen.

Judith: Kann ich nicht mitkommen, Jonas.

Jonas: Besser nicht, Judith, wenn die Kripo uns zusammen erwischt, verlierst du deinen Job. Ich werds schon schaffen.

Sam: Treuen Sam nicht vergessen, Wahna.

Jonas: Danke Sam, Ich hab ja gesehen was passiert wenn du nicht dabei bist.

Sam: Hmh, Hoheit geraten voll in die Exkremente.

Jonas: Du sagst es, Sammy. Drück mir die Daumen Judith.

Judith: Machs gut Jonas und komm wieder.

Jonas: Carla Hinkelsteins Wohnung lag gleich nebenan. Das war mit ein Grund, wa-rum ich mich mit Judith im armen Schlucker getroffen hatte. Ich kam genau so leicht rein wie am Vortag bei Sidonia, die Wohnung war genauso groß, genauso geschnit-ten und wie bei Sidonia lag auf dem Boden eine Leiche mit einer Drahtschlinge um den Hals. Nike und Luna hatten die Wahrheit gesagt. Der Computer war kaputt, keine Spur, kein Hinweis. Hier kommst du nicht weiter, Jonas, dachte ich, das war ein Irrtum. Ich kam weiter, wenn auch anders als ich mir das vorgestellt hatte.

Brock: Aufmachen. Kriminalpolizei.

Jonas: Schon wieder.

Brock: Pauly?

Pauly: Inspektor?

Brock: Brechen Sie die Tür auf.

Pauly: Zu Befehl Inspektor.

Brock: Hände hoch, Gesicht zur Wand, Beine auseinander. Pauly, durchsuchen.

Pauly: Zu Befehl, Inspektor.

Jonas: Kommen Sie mal wieder runter Bröckchen, ich bin nicht Jack the Ripper, ich bin nur Jonas.

Brock: Haben Sie das gehört, Pauly, bloß Jonas, der Privatdetektiv, der Störenfried, der Massenmörder.

Pauly: Er ist sauber, Inspektor, keine Waffe, nur ein Taschencomputer.

Jonas: Das ist kein Computer, das ist eine geheime Superminibombe, damit will ich das Kripocenter in die Luft sprengen.

Brock: Wird Ihnen schon noch vergehen Ihre große Schnauze. Pauly Handschellen.

Pauly: Zu Befehl, Inspektor.

Jonas: Wieder ein anonymer Tip, Inspektor?

Brock: Wie bei Hartog und wie bei Sidonia und diesmal wird auch Hauptabteilungsleiterin Delgado Sie nicht rausreißen können. Vorwärt marsch.

Jonas: Die grüne Minna war blau, ein Elektromobil, die Polizei kann sich das leisten. Unterwegs guckte ich aus dem Hinterfenster, eine Motorrikscha war hinter uns, 20, 25 Meter entfernt, und sie blieb uns ständig auf den Fersen, in der Rikscha saß ein grauer Typ, der mich stark an den Joker aus den Kloaken erinnerte. Vielleicht hätte ich besser nach vorn sehen sollen, da stand nämlich ein großes Elektromobil quer über der Straße.

Leutnant: Alle bleibt ganz ganz ruhig, dann passiert nichts. Nehmen sie dem Mann die Handschellen ab.

Brock: Sie wissen wohl nicht wen sie vor sich haben. Kriminalpolizei Inspektor Brock.

Leutnant: Ich mach mir vor Angst in die Hosen. Wird’s bald.

Brock: Pauly?

Pauly: Inspektor?

Brock: Die Handschellen. Schließen Sie auf.

Pauly: Zu Befehl, Inspektor.

Leutnant: Na bitte. Raus mit Ihnen, Jonas oder wie sie heißen.

Jonas: Wir müssen uns trennen, Inspektor, höhere Gewalt, die sind mehr und haben Laserstrahler.

Jonas: Die Herrschaften, die mich mitten auf der Straße der Kripo geklaut hatten, trugen schwarze Uniformen mit einem großen gelben C auf der Brust. Sie sahen ein bißchen aus wie weiland Superman, waren aber nur Sicherheitskräfte von Chips Inc. Das paßte. Und es paßte auch, daß sie mich in den Innenhof der Chipszentrale am Hendrick-August-Platz fuhren und dann mit dem Lift in den 30. Stock, dem obersten und letzten, wo die ganz großen Tiere von Chips sitzen, und hier schoben sie mich in einen kleinen kahlen Raum ohne Fenster.

Leutnant: Warten Sie hier.

Jonas: Was sagst du dazu, Sam?

Sam: Der Nebel flieht, das Licht dringt durch, es klären sich die Fronten, o vielbegehrter Jonas.

Joker: Jonas!

Jonas: Die kleine Klappe in der Tür war aufgegangen und dahinter erschien ein Gesicht, ein vertrautes Gesicht, ein willkommenes Gesicht, ein Gesicht, das mir inzwischen richtig ans Herz gewachsen war.

Jonas: Sieh mal an der Joker.

Joker: Kommen Sie her, Jonas, machen Sie schon, wir haben nicht viel Zeit. Hier, nehmen Sie das, schlucken Sie’s runter.

Jonas: Ein Minisender. Wozu?

Joker: Man wird gleich ein Gespräch mit Ihnen führen. Ein geheimes und sehr wichtiges Gespräch. Dieses Gespräch muß abgehört und aufgenommen werden.

Jonas: Dafür hab ich meinen Computer.

Sam: Den wird man Ihnen wegnehmen.

Sam: Nein.

Joker: Man wird Sie überhaupt sehr gründlich durchsuchen. Aber den Sender in Ihrem Magen wird man nicht entdecken, weil er ganz aus Plastik ist.

Jonas: Aber vielleicht erklären Sie mir mal…

Joker: Kein Zeit, sie kommen zurück, ich muß weg.

Jonas: Klappe zu. Ich sah mir den Sender an und schluckte ihn runter. Aber vorher stellte ich die Frequenz um auf Sam. Ich weiß wie man das macht, ich kenn mich aus mit den Dingern. Dann waren sie auch schon da die Freunde von vorhin, und es kam alles so, wie es der Joker vorausgesagt hatte. Sie durchsuchten mich, nahmen mir Sammy weg, zogen mich aus, gingen mit einer Sonde über jeden Quadratzentimeter Jonas. Negativ. Ich durfte mich wieder anziehen und mußte mit. Über den Korridor durch ein paar Büroräume in ein großes Zimmer, nein Zimmer stimmt nicht, es war ein Saal, Holztäfelung, Kronleuchter, Ölbilder, Teppichboden und ein riesiges Panoramafenster mit Aussicht über Babylon, nicht daß viel zu sehen war, der Smog, aber darauf kam es nicht an, das Prinzip war wichtig, und das Prinzip hieß unerhörter Luxus, übermenschliche Macht.

Leutnant: Machen Sie Ihren Diener, Jonas, Sie stehen vor Herrn Vizepräsident Dr. Cordes.

Cordes: Marketing und PR, und Sie sind Jonas, der letzte Detektiv. So sehen sie also aus.

Jonas: Er war groß und dick und roch nach allem, was gut und teuer war, sein Schreibtisch war kaum größer als das Fürstentum Liechtenstein, sein Lächeln war so offen und sympathisch wie eine falsche 100-Euronote.

Cordes: Ein Whisky Jonas?

Jonas: Danke.

Cordes: Warum nicht. Ich weiß Sie trinken.

Jonas: Aber nicht mit jedem.

Leutnant: Wie reden Sie denn.

Cordes. Kusch, warten Sie draußen, Leutnant.

Leutnant: Jawohl Herr Vizepräsident.

Cordes: So, Sie wissen jawohl weshalb Sie hier sind, Jonas.

Jonas: Natürlich wegen der Schmiergeldliste.

Cordes: Die Liste, alle Welt kennt die Liste.

Jonas: Aber alle Welt weiß nicht, daß die Liste falsch ist, wenigstens was Stadtrat Hartog betrifft. Hartog ist unschuldig.

Cordes: Glauben Sie Jonas. Sie sind naiv.

Jonas: Ja, das glaube ich, nicht weil ich naiv bin, sondern weil die Sache zum Himmel stinkt. Klar, Chips schmiert Politiker, wie jeder Konzern, aber doch nicht so, 15 Millionen Euros für einen kleinen Fisch in der lokalen Finanzverwaltung, das ist lächerlich.

Cordes: Nicht wahr. Und äh, was, was schließen Sie daraus, Jonas?

Jonas: Jemand bei Chips hat sich die 15 Millionen in die eigene Tasche gesteckt.

Cordes: Ausgezeichnet. Wer, Jonas?

Jonas: Ein hohes Tier. Jemand, der für Bestechungen zuständig ist, das heißt für PR und Marketing. Sie, Vizepräsident Cordes.

Cordes: Bravo Jonas, bravo. Faszinierend. Erzählen Sie weiter.

Jonas: Sie gestatten doch, daß ich mich setze.

Cordes: Aber bitte.

Jonas: Vor ein paar Tagen muß die Geschichte plötzlich brenzlig für Sie geworden sein, eine interne Buchprüfung oder so was ähnliches, nehm ich an.

Cordes: Ganz genau. Eine außerplanmäßige unerwartet angesetzte Durchsicht aller inoffiziellen Fonds, angeordnet von Big Boss persönlich.

Jonas: Und da kamen Sie auf die Idee mit der Liste. Die 15 Millionen, die Sie Chips gestohlen hatten, hängten Sie dem armen Hartog an. Warum gerade dem?

Cordes: Gott warum, warum, ich hatte früher ab und zu mit ihm zu tun, als ich noch die Steuerabteilung leitete, ein pingeliger Bürokrat, kleinkariert und entbehrlich.

Jonas: Sie bereiteten die Liste vor, setzten auch ein paar echte Bestechungsempfänger drauf, mit kleinen Beträgen, damit die Sache Hand und Fuß kriegte, und dann ging irgend eine Kleinigkeit schief.

Cordes: Kleinigkeit, die Hinkelstein, diese dumme Kuh, sieht die Liste auf meinem Schreibtisch, macht eine Kopie und gibt sie weiter an Sidonia.

Jonas: Versteh ich nicht, Sie mußten die Liste doch sowieso veröffentlichen.

Cordes: Sicher, aber später, einen Tag später, erst sollte Hartog aus dem Weg geräumt werden, von einem Spezialistenteam, das ich dafür angeheuert hatte, damit er nicht protestieren und mir Ärger machen konnte, aber weil die Hinkelstein so geldgierig war, kam der Zeitplan durcheinander, Hartog erfuhr von der Liste, ging zu Ihnen Jonas.

Jonas: Und da haben ihn Ihre Spezialisten erwischt. Sie sind in Panik geraten, Cordes, Sie wußten nicht, was Hartog mir oder anderen gesagt hat, deshalb haben Sie Ihre Spezialisten weiterarbeiten lassen.

Cordes: Seien Sie fair, Jonas, was sollte ich tun, über Sidonia und die Hinkelstein hätten Sie die Spur bis zu mir zurückverfolgen können, die Mitwisser mußten verschwinden, bedauerlich aber nicht zu ändern.

Jonas: Hartog, Sidonia, Hinkelstein.

Cordes: Und Jonas. Aber der lebt noch.

Jonas: An Ihnen liegt das nicht, Cordes, die Spezialisten haben versagt.

Cordes: Offensichtlich, aber das läßt sich ja schnell in Ordnung bringen. Leutnant.

Leutnant: Herr Vizepräsident.

Cordes: Nehmen Sie sich zwei Leute, bringen Sie den Mann hier in den Keller, Sie wissen Bescheid.

Leutnant: Jawohl, Herr Vizepräsident. Kommen Sie, Jonas.

Jonas: Wieder über den Korridor zum Lift, der Leutnant drückte auf den Knopf, die Tür ging auf, und drinnen stand der Joker mit einem Laserstrahler. Es zischte dreimal kurz hintereinander, um meine Bewacher brauchte ich mir keine Sorgen mehr zu machen. Der Joker zog mich in die Kabine und schob ein Stück Plastik in einen Schlitz über der Knopfleiste, der Lift setzte sich in Bewegung, nach oben.

Joker: Zum 31. Stock.

Jonas: Den gibt’s doch gar nicht.

Joker: O doch, das Penthouse. Wir haben nichts empfangen, Sie haben die Frequenz verändert.

Jonas: Wenn nicht, dann wüßte Ihr Auftraggeber jetzt alles, was er wissen wollte, und Jonas wär im Keller oder schon tot.

Joker: Steigen Sie aus. Sie werden Bigboss persönlich Bericht erstatten.

Jonas: Bigboss war der Präsident von Chips Inc., der alleroberste Chef, und Bigboss war genaugenommen kein Bigboss, sondern eine Bigbossin, eine kleine dürre alte Frau, schäbig angezogen, mit einer billigen schwarzen Perücke, die schief über ihren grauen Runzeln hing. Bigboss residierte nicht in einem Saal, sondern in einem schäbigen kleinen Büro, nicht viel größer als meins, Bigboss hatte keinen Schreibtisch und Bigboss lächelte nicht. Bigboss war sauer, als ich ihr erzählte, was Vizepräsident Cordes auf dem Kerbholz hatte.

Bigboss: So etwa haben wir es uns gedacht, was Tolliver? Tolliver, mein persönlicher Referent, tüchtiger Mann. Sie kennen ihn ja schon, Jonas.

Jonas: O ja. Ich nenne ihn den Joker.

Bigboss: Joker? Wieso Joker? Egal. Cordes, diesmal hat er sich übernommen.

Jonas: Übernommen ist gut. Unterschlagung, mehrfacher Mord.

Bigboss: Sie kapieren aber auch gar nichts, Jonas, Sie sind zu klein. Ist er nicht zu klein, Tolliver?

Joker: Viel zu klein, Bigboss.

Bigboss: Sicher, Cordes hat sich jammervolle 15 Millionen eingesteckt, er hat ein paar unwichtige Leute Beiseite geschafft, was ist das schon, wissen Sie, Jonas, was an der Sache wirklich schlimm und unverzeihlich ist, wollen wir es ihm sagen Tolliver.

Joker: Das müssen Sie wissen, Bigboss.

Bigboss: Cordes hat sich dumm angestellt, er hat zugelassen, daß ein Außenseiter, Sie Jonas, ihm auf die Schliche gekommen ist, und er hat Chips Inc. ins öffentliche Gerede gebracht, das muß bestraft werden, nicht wahr Tolliver.

Joker: Höchststrafe, Bigboss?

Bigboss: Natürlich Höchststrafe.

Joker: Schon notiert, Bigboss. Und was geschieht mit Jonas?

Jonas: Bevor Sie sich dumm anstellen, hören Sie mir mal einen Moment gut zu. Ich hab einen Sender im Bauch, und der sendet, meine Unterhaltung mit Cordes ist an einem mir bekannten Ort aufgezeichnet und gespeichert worden, und gespeichert wird auch das, was wir jetzt verhandeln, Wort für Wort, wenn mir was passiert, wird alles veröffentlicht, nicht gerade eine Werbung für Chips Inc.

Bigboss: Wenn das so ist.

Joker: Es ist so, Bigboss.

Bigboss: Dann müssen wir ihn wohl laufen lassen, bringen Sie ihn runter, Tolliver.

Jonas: Einen Augenblick noch. Laufenlassen OK, aber das ist noch nicht alles, Sie werden mir die Kripo vom Hals schaffen, und Sie werden Hugo Hartog rehabilitieren, das bin ich meinem Mandanten schuldig, auch wenn er tot ist oder gerade weil.

Bigboss: Bitte, wie Sie wollen. Aber das sag ich ihnen gleich, Jonas, wenn Chips erklärt, daß Hartog irrtümlich auf die Liste geraten ist, dann wird das kein Mensch glauben. War das jetzt alles, nicht noch ein kleines Schweigegeld, paar Tausend Euros oder so.

Jonas: Danke, ich nehme nicht von jedem.

Bigboss: Hab ich’s nicht gesagt, Tolliver, er ist zu klein.

Nachrichtensprecherin: …Meldungen bestätigt, wonach Dr. h. c. Cord Cordes, Vizepräsident von Chips Inc. durch einen Sprung vom Dach der Chipszentrale Selbstmord verübt hat.

Jonas: Na also.

Nachrichtensprecherin: Während Chips private Motive angibt, vermuten unterrichtete Kreise einen Zusammenhang mit der gestern bekanntgewordenen Bestechungsaffäre.

Jonas: Wie wahr.

Nachrichtensprecherin: Wie ein Firmensprecher dazu ausführte, gehört der ebenfalls gestern tot aufgefundene Stadtrat Hugo Hartog trotz gegenteiliger Behauptungen in der Presse nicht zu den Empfängern von Bestechungsgeldern. Durch einen Fehler untergeordneter…

Jonas: Neun Tote, und das ist nun das ganze Ergebnis. Hab ich mich richtig verhalten, Sam?

Sam: Ein Mann muß tun, was ein Mann tun muß, Partner.

Jonas: Ein Mann, ein Pferd und ein weites wildes Land. Wenn’s nur immer so einfach wäre. Judith? Jonas. Ja, ich lebe noch, und wie, wir haben was nachzuholen, das hast du doch nicht vergessen, eine halbe Nacht, mindestens, ich freu mich Judith, bis gleich.

Sam: Und so ritten sie denn alle zusammen in den Sonnenauf- bzw. Untergang.

Das war Schmiergeld. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Super-computer Sam Peer Augustinski. Es wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Christine Wodetzky, Käthe Jaenicke, Irmhild Wagner, Christoph Lindert, Oswald Döpke, Rüdiger Bahr, Helmut Stange und viele andere (Inge Schulz, Hans P. Hermansen, Jürgen Rehmann, Karin Frey). Ton und Technik: Günter Heß und Angela Bernd. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1985). Redaktion: Dieter Hasselblatt und Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Niemandsland

Jonas: Ich konnte mich nicht rühren. Ich war gefesselt und geknebelt. Ich hatte Angst. Ich wartete. Die Tür ging auf, und herein kam, nein, kein Mann mit Pistole, eine Frau mit Laserstrahler. Frau Professor Caligari. Sie zielte auf meine Stirn. Ich starrte in ihre Augen und in die Mündung. Drei Löcher, schwarz wie der Tod. Ihr Finger am Abzug bewegte sich, wurde weiß, aber es zischte nicht. Es klingelte. Wieder und wieder. Und da wachte ich endlich auf. Ich schüttelte den schweren Kopf, um den schweren Traum zu verscheuchen und griff zum Fon.

Jonas: Ja?

Sesam: Jonas?

Jonas: Jonas. Jonas, nur Jonas.

Sesam: Privatdetektiv?

Jonas: Ja. Der letzte. Ein Fossil. Ein Dinosaurier. Nur nicht so groß und so schrecklich. Dafür bin ich zu müde. Und wer sind Sie?

Sesam: Mein Name ist Sesam. Martin Sesam.

Jonas: Ja?

Sesam: Der Name sagt Ihnen nichts? Sesams Zierzwerge?

Jonas: Nie gehört. War das alles, was sie wollten?

Sesam: Bitte?

Jonas: Mich fragen, ob ich Sie kenne?

Sesam: O nein, ich hätte einen Auftrag für Sie. Aber ich sage Ihnen gleich, es ist ein schwieriger Auftrag. Sie müßten in eine sehr gefährliche Gegend.

Jonas: Das Reservat?

Sesam: Sie waren schon im Reservat, habe ich gehört, und Sie sind lebend wieder rausgekommen. Deshalb habe ich ja auch an Sie gedacht. Aber ich meine nicht das Reservat. Da, wo ich Sie hinschicken will, ist es womöglich noch schlimmer.

Jonas: Etwa die Grauzone?

Sesam: Na, so schlimm nun auch wieder nicht.

Jonas: Hören Sie, Herr Sesam, dreimal darfst du raten können Sie mit anderen spielen. Ich hab keine Lust. Wiederhören.

Sesam: Nein, legen Sie nicht auf. Ich meine das Niemandsland. Würden Sie ins Niemandsland gehen?

Jonas: Sicher. Warum nicht?

Jonas: Sicher. Das sagte ich so einfach, als ob er mir nur einen Whisky angeboten hätte. Ich war nicht voll da. Am Vorabend war ich mit Judith zusammen gewesen. Wir hatten uns gestritten. Nicht der erste Streit, bei weitem nicht, aber vielleicht der letzte. Mir ging alles auf die Nerven. Judith. Babylon. Mein Job. Ich ging mir selber auf die Nerven. Darum sagte ich einfach: Ins Niemandsland? Warum nicht? Aber ganz weggetreten war ich doch nicht.

Jonas: Kommt natürlich darauf an, was Sie locker machen. Goldbarren, Uran, Diamanten.

Sesam: Ich dachte eher an Euros, gute, normale, solide Euros.

Jonas: Wieviel?

Sesam: Das besprechen wir besser direkt. In Ruhe. Bei mir. Am Schwanensee 14. Wann können Sie hier sein?

Jonas: Wie spät ist es?

Sesam: Halb elf.

Jonas: Schon?

Jonas: Nach dem Krach mit Judith war in ins Casablanca gegangen, zur alkoholischen Therapie und Auferbauung. Es muß ziemlich lange gedauert haben. Mein Kopf tat weh. Mein Magen auch. Und zu allem Überfluß wollte ich auch noch ins Niemandsland. Wahnsinn.

Jonas: In anderthalb Stunden, Herr Sesam.

Sesam: Gut, ich erwarte Sie also um 12.

Jonas: 12 Uhr Mittags.

Sam: Hight Noon. Do not forsake me o my darling.

Jonas: Das war natürlich Sam. Unentbehrliche Hilfe des Detektivs und unausstehliche Plage. Mein Computer. Überprogrammiert und unterbelichtet. Nie um ein Wort verlegen, auch wenn’s nicht das richtige ist. Was hatte ich Gerry Cooper am Hut. Mein Held ist Humphrey Bogart.

Sam: Ich habe den Verdacht, daß unter der zynischen Schale ein reichlich sentimentales Herz schlägt.

Jonas: Schon besser, Sammy. Klapp das Bett rein. Wir haben viel vor.

Sam: Der bescheidene Knecht eurer detektivischen Waghalsigkeit hat sich erfrecht, zuzuhören. Sag mal Kumpel, willst du wirklich ins Niemandsland?

Jonas: Vielleicht, Sam, aber jetzt fahren wir erstmal ins Westend, an den schönen blauen Schwanensee. Da wohnt dieser Sesam, und wenn er da wohnt, dann hat er.

Sam: Hat er was, o Leuchtturm in stockdunkler Nacht.

Jonas: Kies, Sammy, Moos, Mäuse, Pinke, Money, Euros, und ein bißchen davon will er abgeben an einen bedürftigen Privatdetektiv.

Jonas: Er hatte wirklich, der Herr Sesam. Eine richtige Villa, viel Platz, eine Einrichtung direkt aus Teurer Wohnen, Musik aus unsichtbaren Lautsprechern, irgendwas klassisches, Georg Sebastian Beethoven, eine gut bestückte Hausbar eben 0815 Millionärsstil. Nur eine Sache fiel aus dem Rahmen. Überall an den Wänden, auf dem Fußboden standen, lagen, hingen sie rum: kleine Kerle aus Plastik, bunt angemalt mit langen Bärten und langen Zipfelmützen. Ich sah sie mir an, während ich meinen Whisky schluckte, echt, natürlich, nicht Synth. Sie erinnerten mich an was.

Jonas: Ach ja Gartenzwerge.

Sesam: Bitte, Herr Jonas, nicht dieses Wort, ein absoluter Faupaux in unsere Branche. Es ist abgewertet und unzutreffend ist es obendrein, seit es keine Gärten mehr gibt. Es sind Zierzwerge, Herr Jonas, Sesams Zierzwerge, putzige Gesellen, eine wahre Freude fürs Auge und fürs Herz, der geschmackvolle Schmuck fürs geschmackvolle Heim.

Jonas: So was kaufen die Leute?

Sesam: Sie werden sich wundern, Herr Jonas, wenn Sie wüßten, wer alles meine Zwerge kauft, gebildete Menschen, Menschen mit hohem sozialem Nutzenstatus.

Jonas: Ah deshalb.

Sesam: Wie meinen?

Jonas: Deshalb hab ich kein Organ dafür. Ich bin nur ein armer Privatdetektiv. Apropos. Kommen wir zu Ihrem Fall, Herr Sesam.

Sesam: Wir sind schon mitten drin.

Jonas: Sie meinen, ich soll ins Niemandsland wegen Ihrer Garten- pardon Ihrer Zierzwerge.

Sesam: So ist es, Herr Jonas.

Jonas: Das müssen Sie mir erklären.

Sesam: Aus diesem Grunde hab ich Sie ja hergeben. Hören Sie zu.

Jonas: Herr Sesam produzierte also Zierzwerge, das war an sich nichts besonderes, viele Leute in Babylon produzieren alles mögliche, mit Robotmaschinen natürlich, aber eben das tat Herr Sesam nicht. Seine Zwerge waren Handarbeit, 100prozentig echte menschliche Handarbeit, damit warb Herr Sesam, und das war der Grund, sagte Herr Sesam, daß seine Zierzwerge weggingen wie die bekannten warmen Semmeln. Im Gegensatz zu den Zwergen der Konkurrenz, die von Robots gemacht wurden.

Sesam: Die liebenswerten kleinen Unzulänglichkeiten, Herr Jonas, die spezifisch menschliche Nichtganzperfektion, das ist das besondere, das einmalige an meinen Produkten und dafür zahlen meine Kunden gern mehr als anderswo.

Jonas: Schön für Sie, Herr Sesam, wo liegt das Problem?

Jonas: Das Problem, sagte Herr Sesam lag bei der WePo, der Werbepolizei. Die kontrolliert, ob Werbesprüche wie „echte menschliche Handarbeit“ tatsächlich stimmen, und zwar scharf, andere Polizeieinheiten lassen sich schmieren, die WePo nicht, und deshalb mußte Herr Sesam seine Zierzwerge auch wirklich von menschlichen Arbeitern herstellen lassen.

Sesam: Natürlich nicht von Einheimischen, bei den Tarifen und Nebenkosten würden meine Zwerge unerschwinglich. Nein, Herr Jonas, bei mir arbeiten Drittweltler.

Jonas: Illegale Einwanderer, meinen Sie, ohne Arbeitserlaubnis.

Sesam: Gott, Herr Jonas, natürlich ist es im Prinzip verboten die Leute zu beschäftigen, Aber die WePo interessiert sich nur dafür, ob meine Zwerge wirklich von Menschen gemacht werden, von was für Menschen, das will sie gar nicht wissen, und die ImPo, die Immigrationspolizei, hat in Babylon nichts zu sagen, nur im Grenzgebiet. Außerdem, die Drittweltler, die es über die Grenze schaffen, sind froh, wenn sie einen Job kriegen. Immerhin verdienen sie bei mir das mehrfache vom dem, was sie bei sich zuhaus kriegen würden, falls sie da überhaupt arbeiten dürfen.

Jonas: Nicht zu bestreiten. Im KDW, dem Konglomerat Dritte Welt, sieht’s traurig aus, so traurig, daß immer wieder Drittweltler versuchen, über die Grenze zu uns zu kommen, in die Vereinigten Staaten von Europa, wo Milch und Honig fließen, das meinen jedenfalls die von drüben. Wir hier sehen das ein bißchen anders. Und wenn dann auch den Drittweltlern klar wird, daß die VSE nicht das sind, was sie sich vorgestellt haben, ziehen sie weiter, ins wahre Paradies, nach Amerika.

Sesam: Und ich besorge mir neue Arbeitskräfte aus dem Grenzgebiet. Die paar Handgriffe, die sie brauche, bringen wir ihn schnell bei. Wir gießen unsere Zwerge, Herr Jonas, in alten Formen aus dem 20. Jahrhundert.

Jonas: Bestens, ich versteh bloß immer noch nicht, wo Ihr Problem liegt, Herr Sesam, über die faszinierenden Einzelheiten der Zwergenproduktion können wir uns vielleicht ein ander Mal unterhalten. Wo drückt der Schuh?

Sesam: Das hab ich bereits erwähnt, Herr Jonas, im Niemandsland.

Jonas: Das Niemandsland ist eine Art Dreiländereck, da wo das KDW, die VSE und die UVR, die Union der Volksrepubliken, zusammenstoßen, irgendwo auf dem Balkan. In den späten 90er Jahren, nach den großen Hungermärschen aus dem Süden und den langen Abwehrschlachten, hat man hier die Grenze neu festgelegt, in großen Zügen, über den genauen Verlauf konnte man sich nicht einigen, und so entstand das Niemandsland, ein etwa 20 km breiter Streifen, den alle drei Anlieger beanspruchen und der keinem gehört. Zur Dritten Welt hin ist das Gebiet praktisch offen, wir haben gegen die illegalen Einwanderer einen Zaun gebaut, der nicht viel nützt, und die UVR hat ihre Ecke durch eine massive Mauer abgeschottet, mit so was haben sie schon im vorigen Jahrhundert gute Erfahrungen gemacht, dazwischen liegt das Niemandsland, ein wilder Landstrich, ohne Gesetze, voller Gefahren wie seinerzeit der amerikanische Westen, trotzdem schlagen sich immer wieder Drittweltler zu uns durch.

Sesam: Und auf einmal klappt das nicht mehr, Herr Jonas, seit 4 Wochen hab ich keine neuen Arbeiter von drüben bekommen, keinen einzigen, Herr Jonas, der Nachschub ist plötzlich abgerissen, und niemand weiß warum.

Jonas: Was sagt denn ihr Schleuser? Sie haben doch einen.

Sesam: Selbstverständlich habe ich einen Schleuser. Baklava in Karakul, tüchtiger Mann, wir arbeiten seit Jahren zusammen, als die Leute ausblieben, hab ich gleich drüben angerufen.

Jonas: Und was sagt Baklava.

Sesam: Er kann sich die Sache nicht erklären. Die Trupps werden zusammengestellt wie immer, und gehen wie immer mit ihren Führern ins Niemandsland, und da verschwinden sie, jedenfalls kommen sie nicht auf unserer Seite an. Seit 4 Wochen. Ich habe kaum noch Arbeiter, Herr Jonas, die Bestellbücher sind voll, die Lager sind leer. Ich weiß nicht, was ich tun soll.

Jonas: Aber sicher wissen Sie das, Herr Sesam, da Sie sich nicht an die ImPo werden können.

Sesam: Natürlich nicht.

Jonas: Beauftragen Sie einen Detektiv. Der soll sich im Niemandsland mal umsehen. Für 200 Euros pro Tag und Spesen.

Sesam: 200? Ihr Tarif sagt 80.

Jonas: Normalerweise, Herr Sesam, normalerweise. Aber für 80 Euros gehe ich nicht ins Niemandsland. Und wenn ich vernünftig wäre, auch nicht für 200.

Jonas: Das war wieder so ein Fall. Nicht ganz astrein, nicht 100prozentig, nichts für fahrende Ritter, die erschlagen Drachen, retten Jungfrauen, schützen Witwen und Waisen, Herr Sesam war keine Waise auch keine Witwer und erst recht keine Jungfrau. Was er mit den Drittweltlern machte, roch ein bißchen nach Ausbeutung. Anderseits die Leute kamen freiwillig und wollten bei ihm arbeiten. Und ich verpflichtete mich nur mal nach dem rechten zu sehen, nicht etwa Sesams Nachschub an Arbeitskräften zu sichern.

Sesam: Einverstanden. 200 Euros pro Tag.

Jonas: Und Spesen und 400 Euros im Voraus.

Sesam: Jaja, wenn Sie nur was ausrichten, Herr Jonas. Wie wollen Sie vorgehen?

Jonas: Professionell, Herr Sesam.

Sesam: Ja natürlich. Sie haben schon einen Plan.

Jonas: Ich hatte einen Plan, aber den behielt ich lieber für mich. Der Plan war riskant, das Niemandsland war riskant, das ganze Unternehmen war riskant. Und je weniger davon wußten, um so besser. Jonas ist Solist, aus Prinzip, die Einsamkeit des Privatdetektivs.

Jonas: Sie kriegen einen Bericht, Herr Sesam, wenn alles vorbei ist. Vorher sagt er nichts. Und Sie sagen auch nichts. Sie sagen keinem Menschen, daß ich für Sie ins Niemandsland gehe.

Sesam: Und Baklava, sollte der nicht Bescheid wissen, schon in Ihrem Interesse, Herr Jonas, Sie könnten Hilfe brauchen.

Jonas: Sie sagen es keinem Menschen, Herr Sesam, auch nicht Baklava.

Sesam: In Ordnung, wenn Sie so großen Wert darauf legen.

Jonas: Er wirkte verlegen, das fiel mir auf, aber ich hakte nicht nach. An diesem Tag, dem 13. August 2010 war ich wirklich nicht ganz da. Durch Nachhaken hätte ich mir einiges ersparen können. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Sesam: Ich werde Ihnen eine Rikscha rufen, Herr Jonas.

Jonas: Nicht nötig. Ich nehm die Metro.

Sesam: Das ist nicht Ihr Ernst, ich zahle, setzen Sie die Rikscha auf die Spesenrechnung.

Jonas: Ich hab’s eilig, Herr Sesam. Ich fahr mit der Metro.

Jonas: Ich weiß nicht, warum ich darauf bestand, vielleicht weil ich Sesam zeigen wollte, wie hart ich war, so hart, daß man mit mir Nägel in die Wand schlagen konnte, oder weil mir alles so ungeheuer egal war. Kamikaze Jonas. Der hat keine Angst in der Metro, auch dann nicht, als drei Typen in den Wagen stiegen, in dem ich ganz allein saß, zwei davon hatten die irren Augen der typischen Metro-Killer, sie setzten sich rechts und links neben mich und rutschten immer näher. Wenn sie den Mund aufmachten, roch es wir freitag abend im Lokus vom armen Schlucker. Sie sahen das anders.

1. Metro-Killer: Stinkt hier.

2. Metro-Killer: Na das ist der da, der alte Pater, der alte Sack.

1. Metro-Killer: Der ist schon verfault, darum stinkt er so. Hey Alter du stinkst.

2. Metro-Killer: Machs Maul auf, Alter.

1. Metro-Killer: Der sagt nichts, der hat Schiß.

2. Metro-Killer: Vielleicht sagt er was, wenn wir bißchen an ihm rumspielen.

1. Metro-Killer: Wir können ihn ja mal ankokeln oder ihm was abschneiden.

2. Metro-Killer: Hey Alter sollen wir dich mal ein bißchen ankokeln? Oder dir was abschneiden.

1. Metro-Killer: Guck mal, Alter, Rasiermesser ganz scharf.

2. Metro-Killer: Hey kuck mal, Spirituskanister und Feuerzeug. Hähä.

Jonas: Beide waren jetzt ganz nah, ganz dicht neben mir, ich mußte was tun. Karategrundkurs, plötzlich ohne Ansatz beide Ellbogen rechts und links raus, je in einen Solarplexus.

Metro-Killer: Ah!

Jonas: Beide klappten nach vorn und kriegten meine Handkante ins Genick, damit waren sie erst mal bedient, aber da war ja noch der dritte Typ, ich hatte ihn im Augenwinkel und das war gut so, er stand etwas abseits und machte eigentlich einen ganz normalen Eindruck, kein crazy look um die Augen, kein Spiritus, kein Rasiermesser, aber ein Laserstrahler. Während ich die zwei Stinker fertig machte, holte er ihn raus, ganz ruhig, er ging in die Grätsche und hielt die Waffe Richtung Jonas in beiden Händen, ein Profi. Mit Karate war hier nichts zu machen. Meine gute alte Smith & Wesson. Ich kann ziemlich schnell zielen, auch wenn Gary Cooper nicht mein Held ist.

Mann: Strugazkiplatz.

Jonas: Ein Bahnhof. Still und leise schlichen die beiden Stinker von dannen, der mit dem Laser schlich nicht. Er konnte nicht mehr schleichen, nicht mal mehr kriechen. Er konnte überhaupt nichts mehr. Er lag da mit einem Loch im Kopf. Als die Metro weiterfuhr, war ich allein im Wagen, mit einem toten Mann. Und natürlich mit Computer Sam.

Sam: Ist es gestattet, eurer fernöstlichen Kampfestechnik nebst Pistoleroeffizienz zum glorreichen Sieg über die bösen Metrokiller ergebenste Glückwünsche auszusprechen.

Jonas: Danke, Sam, danke. Ich wär mir da nicht so sicher.

Sam: Wie das, mein Herr. Es war ein Sieg. Ein großer Sieg. Wir werden nimmer seines Gleichen sehen.

Jonas: Soll sein, Sam, soll sein. Metrokiller, die zwei die sich zu mir gesetzt haben, das waren welche, angeheuert für einen Schuß oder Kapsel Solipsin.

Sam: Dreigroschenknaben, wie man diesen Typus in den guten alten Zeit zu benamsen pflegte, o 80 Euro Mann.

Jonas: Sam besteht aus zwei Elementen, aus dem Hirn und aus den Sinnen, wie ein Mensch, aber anders als beim Menschen ist das Hirn der bei weitem größte Teil, die Speicherbox, die fest in meinem Büro steht, Sam 1. Sam zwo ist ein Kästchen im Taschenformat, mit Sam 1 drahtlos verbunden. Sam 2 sieht, hört und redet, er redet immer zu und überall, weil ich ihn überall hin mitnehmen, damit er mir bei der Arbeit hilft. Das tut er auch, auf seine Weise.

Sam: Kein typischer Metro-Killer hingegen ist jener dritte Aggressor, welches dies irdische Jammertal so früh und frühzeitig verlassen mußte.

Jonas: Dazu sieht er viel zu ordentlich aus.

Sam: Offiziell könnte man sagen.

Jonas: Fast wie ein Polizist.

Sam: Ob er wohl einen Dienstausweis hat. Nun greif ihm doch schon in die Tasche, alter Zausel, du bist doch sonst nicht so zimperlich.

Jonas: Gemach, gemach. Kein Dienstausweis. Sam.

Sam: Bürgerkarte. Geld?

Jonas: Nichts, Sammy. Gar nichts, Moment, hier ist doch was, ein Holobild, und da drauf, das bin ich.

Sam: Hehe, sprechende Ähnlichkeit, Meister, bei der vorangegangenen Szene handelte es sich als keinesfalls um einen beliebigen Metroüberfall, vielmehr…

Jonas: Die Kerle waren auf Jonas angesetzt. Warum?

Sam: Möglicherweise eine Verbindung mit dem soeben von eurer Meisterdetektivität übernommenen Fall.

Jonas: Sehr unwahrscheinlich Sammy. Holo anschaffen, Killer anheuern, mich verfolgen, das dauert seine Zeit. Und Sesam hat mich erst vor knapp 3 Stunden angerufen. Vielleicht steckt jemand dahinter, der noch eine alte Rechnung mit mir zu begleichen hat.

Sam: Oh, die Auswahl ist groß, o vielfach verfeindeter Ehrenmann, ein Freund und Rächer der seligen Frau Prof. Caligari, des seligen Herrn Quarz, des seligen Herr Guttapercha, des seligen Randy Orgas, des seligen Vizepräsidenten Cordes…

Jonas: Und so weiter und so weiter.

Jonas: Als ich ausstieg, war ich immer noch allein im Wagen, der Tote fuhr weiter bis zur Endstation, da sind sie an so was gewöhnt und räumen weg was anfällt. Ich wanderte Richtung Heimat. Unterwegs blieb ich stehen, vor einem Art-Shop, der war neu in der Nachbarschaft und hatte eine hübsche Verkäuferin. Aber das war nicht der Grund, weshalb ich reinging.

Verkäuferin: Kann ich Ihnen helfen?

Jonas: Ich suche Zwerge, Gartenzwerge, Pardon, Zierzwerge, meine ich, haben Sie so was?

Verkäuferin: Selbstverständlich führen wir Zierzwerge. Wenn Sie sich hier hinten umsehen wollen, in diesem Regal.

Jonas: Hmh. Ja, ja wirklich nett. Handarbeit?

Verkäuferin: Leider nein, alles Robotware.

Jonas: Haben Sie denn gar keine handgemachten Zwerge, Sesams Zierzwerge zum Beispiel.

Verkäuferin: Völlig ausverkauft, tut mir leid.

Jonas: Oder von irgendeiner anderen Firma, bloß Handarbeit müssen sie sein.

Verkäuferin: Da kämen nur noch Zierzwerge von Adamson & Co in Frage, aber die sind leider auch ausgegangen.

Jonas: Hmh. Und wie sieht’s aus mit andern Artikeln?

Verkäuferin: Handarbeit.

Jonas: Ja Handarbeit.

Verkäuferin: An handgearbeiteten Waren haben wir zur Zeit leider gar nichts da, offenbar ein momentaner Engpaß. Kommen sie doch nächste Woche wieder vorbei.

Jonas: Jetzt aber nach Hause, ins gemütliche 22 Quadratmeterloch, das mir Wohnung ist und Büro dazu, packen und überlegen, letzteres laut, wozu hatte ich Sam.

Jonas: Die Konkurrenz ist es also nicht. Diese Firma, wie heißt sie.

Sam: Adamson und Co. euer Liebden. Ganz gewiß nicht, ist sie doch gleich fall betroffen. Wie verhält es sich jedoch mit jener weiten Konkurrenz des Herrn Sesam, welche Zierzwerge nicht mittels Menschenhand herstellen läßt, sondern wie Vernunft und Fortschritt es gebieten, elektronisch automatisch.

Jonas: Könnte sein, Sammy, glaub ich aber nicht. Diesen Engpaß an menschlichen Arbeitskräften gibt’s ja nicht nur in der Zwergenbranche. Hinter der Sache steckt was anderes als Konkurrenzkampf, was größeres.

Sam: Was?

Jonas: Das können wir nur an Ort und Stelle rauskriegen Auf, Sammy, auf ins Niemandsland.

Sam: Wenn’s denn sein muß, o tapferster der tapfersten.

Jonas: Ich will dir was sagen: Ich bin furchtbar müde.

Sam: Sam auch.

Jonas: Und ich hab zu gar nichts Lust.

Sam: Aber ich.

Jonas: Trotzdem ich fahr gern ins Niemandsland. Ich bin froh, daß ich wegkomme, weg von diesem Büro, weg von Babylon, weg von den Straßen, den Menschen.

Sam: Weg von der Dame Judith.

Jonas: Da hast du dich nicht einzumischen, Sam, das hab ich dir schon oft gesagt.

Sam: Oh, Sam bereut. Sam ringt die Hände, Sam streut Asche auf sein Haupt. Verzeih gestrenger Herr, verzeih.

Jonas: Schon gut, Sammy, Buch mir ein Platz in der nächsten Chemorocket nach Karakul.

Jonas: Wie gesagt ich hatte einen Plan. Ich wollte nicht direkt ins Niemandsland, nicht von den Vereinigten Staaten von Europa aus, ich machte ein Umweg und steuerte mein Ziel sozusagen von hinten an, über die Dritte Welt. Karakul liegt im KDW, nicht weit von der Grenze, nicht weit vom Niemandsland, eine interessante Stadt mit Moschen und Museen, Basaren, krummen Gassen, fotogenen Eingeborenen, ein paar großen internationalen Hotels für die vielen Touristen aus Amerika, Japan und Europa und mit einem Flugplatz.

Zollbeamtin: Jonas.

Jonas: Nur Jonas.

Zollbeamtin: Aus Babylon VSE.

Jonas: Steht doch alles da, Schwester. Geboren 1. Mai 1967, Größe 1, 83, besondere Kennzeichen: keine.

Zollbeamtin: Zweck ihrer Reise?

Jonas: Tourist.

Zollbeamtin: Bleiben Sie länger?

Jonas: Vielleicht.

Zollbeamtin: Zertifikat Ihrer letzten Gesundheitsinspektion.

Jonas: Auch das. Bitte sehr.

Zollbeamtin: Magengeschwür. Hinter den Vorhang, Herr Jonas.

Jonas: Warum denn das?

Zollbeamtin: Schutzimpfung gegen Malaria. Vorschrift.

Jonas: Seit wann.

Zollbeamtin: Vorschrift. Gehen Sie hinter den Vorhang, halten Sie den Betrieb nicht auf.

Jonas: Von mir aus, wenn mir nichts schlimmeres passiere als eine Impfung gegen Malaria. Und es ging nicht nur mir so. Alle Touristen wurden geimpft. Ungewöhnlich. Aber ich dachte nicht weiter darüber nach. Ich hatte wichtiges zu tun. Ich suchte mir eine Unterkunft, nicht eins von den großen Touristenhotels, einen billigen Schuppen im Basarviertel, und da verwandelte sich Jonas, der europäische Tourist, in den Drittweltler Mustafa.

Jonas: Preisfrage Sam.

Sam: Ja.

Jonas: Wie erfährt man am besten, was mit Grenzgänger aus der dritten Welt im Niemandland passiert. In dem man selbst als illegale Drittweltler ins Niemandsland geht, richtig.

Sam: Ohne jeden Zweifel, Herr Rundfunkrat.

Jonas: Wie seh ich aus?

Sam: Wie Jonas nur mit etwas dunklerem Teint und anders gekleidet als üblich.

Jonas: Das muß reichen.

Sam: Ja.

Jonas: Plastifacetanks gibt es hier nicht und mit einem völlig falschen Gesicht rumzulaufen ist auch nicht das wahre. Weißt du noch, damals im Schlachthausfall.

Sam: Welche Frage Sir, hab ich doch all eure Herrlichkeit Abenteuer sorgsam gespeichert und für alle Zeit bewacht. Ein Denkmal dauerhafter denn Erz. Horaz.

Jonas: Wer immer das sein mag.

Sam: Ho.

Jonas: Mit Waffen sieht’s ziemlich dünn auf. Das landesübliche Messer, mehr ist nicht drin. Ein armer Drittweltler hat kein Laserstrahler. Nicht mal eine Smith & Wesson. Auch wenn ich sie durch die Flughafenkontrollen gekriegt hätte. Geld, 1000 Piaster, das sind etwa 200 Euros. Tja, und dann hab ich bloß noch mein Kopf.

Sam: Sowie den allzeit getreuen Sam, sofern ein armer Drittweltler ein Computer sein Eigen nennen darf, ohne Verdacht zu erregen.

Jonas: Weiß du was, Sammy.

Sam: Ja?

Jonas: Ich sag einfach, du bist ein altmodisches Transistorradio.

Sam: Pfui. Pfui.

Jonas: Nicht für mich, und daß Computer so was wie Würde haben kann ich mir nicht denken.

Sam: Das denken sollten eure verquälte Scherzhaftigkeit den Computern überlassen, die haben kleinere Chips und größere Speicher.

Jonas: Der Rest war einfach. Ein paar Tassen Tee, synthetisch natürlich, ein paar Fragen, ein paar Piaster, und Jonas Mustafa stand in einem schäbigen kleinen Laden, wo es Mützen aus synthetischem Lammfell zu kaufen gab, hier residierte Dschamil Baklava, der Schleuser, der Mann, der armen Drittweltlern das Tor zu den Fleischtöpfen Europas öffnete, aus reiner Menschenliebe und gegen ein kleine Gebühr.

Baklava: Hast du Geld?

Jonas: Ja, Effendi, wenig.

Baklava: Wieviel?

Jonas: Ein paar Piaster, Effendi.

Baklava: Wieviel?

Jonas: 5. äh 500 Piaster.

Baklava: Gib sie mir.

Jonas: Alle 500, Effendi?

Baklava: Gib her. Alles was du hast. In ein paar Stunden bist du drüben, in Europa, da brauchst du keine Piaster. Oder willst du gar nichts nach Europa. Willst du lieber zurück in dein Dorf?

Jonas: O nein, Effendi.

Baklava: Na also. Gib. 500. Gut so. Geh hinten durch die Tür, auf dem Hof steht ein Lastwagen.

Jonas: Ein Benzinauto.

Baklava: Natürlich ein Benzinauto, was denkst du denn, du steigst auf die Ladefläche unter die Plane, und da wartest du.

Jonas: Worauf, Effendi?

Baklava: Das wirst du schon merken.

Jonas: 12 Leutchen hockten schon auf der Ladefläche, als ich dazustieg, und nach mir kamen noch welche. Keiner sagte ein Wort. Alle warteten. Ab und zu steckte Baklava seinen unschönen Kopf durch die Plane und sah jedem von uns aufmerksam ins Gesicht. Es wurde dunkel, die Fahrertür klappte, der Motor wurde gestartet, unser Wagen setzte sich in Bewegung, wir fuhren durch die Straßen von Karakul und dann über Land auf schlimmen Straßen. Neben mir saß ein alter Mann mit seiner Tochter oder Enkelin, einer richtigen orientalischen Schönheit, schwarzes Haar, Mandelaugen usw. Nach zwei Stunden Rütteln und Schütteln fühlte der Alte sich soweit gelockert, daß er ein Gespräch mit mir anfing, er hieß Hüsük, sagte er, und er war halbblind, aber er war nicht dumm:

Hüsük: Du bist anders, Mustafa, du bist keiner von uns.

Jonas: Ich komme von weit her. Vom Rand der Wüste. Sag mir Großvater Hüsük, warum willst du nach Europa.

Hüsük: Ich gehe mit meiner Enkelin, meine Enkelin Safiye, sie wird drüben Arbeit finden und sie wird es gut haben.

Jonas: Und du, Großvater, bist du nicht schon zu alt zum arbeiten.

Hüsük: Ich gehe um zu sterben, Mustafa, dann zu sterben, wenn meine Zeit gekommen ist, nicht zu früh, nicht an der Krankheit. Gibt es sie auch bei euch, am Rand der Wüste diese schreckliche Krankheit?

Jonas: Nein.

Safiye: Bei uns im Dorf sind schon viele an ihr gestorben, auch in den Nachbardörfern.

Hüsük: Sogar in Karakul soll sie schon sein die Krankheit.

Jonas: Was ist das für eine Krankheit, Großvater.

Hüsük: Man nennt sie den schwarzen Tod, wer von ihr befallen wird, bekommt zuerst heftiges Fieber, dann wachsen ihm Beulen und Leisten unter den Narben am Hals, schwarze Geschwüre so groß wie Hühnereier, sie breiten sich über den ganzen Körper aus, und nach wenigen Tagen stirbt der Kranke, unter großen Schmerzen.

Safiye: Die Regierung hat versprochen, uns Medizin zu schicken, aber sie hat es nicht getan.

Hüsük: Man sagt, die Regierung hat nicht genug Medizin, alles was sie hat, gibt sie den Fremden, die unser Land besuchen, sagt man, damit sie nicht krank werden und man draußen nicht schlecht über unser Land redet. Schau durch das Loch in der Plane, Safiye, sag mir, was du siehst.

Safiye: Nichts, Großvater, alles ist dunkel.

Hüsük: Kein Licht?

Safiye: Nein, Großvater.

Hüsük: Dann sind wir schon im Niemandsland.

Jonas: Seit einer Minute piepte Sam wie wild in meiner Brusttasche. Notsignale, ich rücke etwas ab von Hüsük, holte meinen Freund und Helfer raus und hielt ihn ans Ohr. Zum Glück war es so dunkel, daß keiner der anderen was mitkriegte.

Sam: Na endlich. Habe mir erlaubt, mitzuhören, Herr Sanitätsrat. Klar Fall. Diagnose eindeutig.

Jonas: In der Dritten Welt ist eine Epidemie ausgebrochen. Irgendeine Seuche.

Sam: Nicht irgendeine, Herr Medizinalrat, eine ganz bestimmte, die Beulenpest.

Jonas: Unsinn Sam, die Pest ist längst ausgerottet, zuletzt ist sie aufgetreten, warte mal, das war.

Sam: Vor genau 90 Jahren, Herr Oberarzt, in der Mandschurei, seitdem muß sich in einem gottverlassenen Winkel der Dritten Welt eine Kolonie vom Pasteur Relabestis bis heute gehalten haben.

Jonas: Und das wäre?

Sam: Der Pestbazillus, geschätzter Lateingehilfe. Die Beschreibung des Krankheitsablaufs ist unmißverständlich. In der Dritten Welt grassiert die Pest.

Jonas: Was?

Sam: Ja, ein Tatbestand, den die Regierung offensichtlich geheimzuhalten wünscht.

Jonas: Natürlich, wegen der Touristen, damit sie nicht abgeschreckt werden.

Sam: Jeder Tourist wird noch auf dem Flughafen geimpft. Pieks.

Jonas: Ja, gegen Malaria.

Sam: Glaubst du das wirklich, du geistiger Hilfspfleger. Frage, was geschieht mit den Grenzgängern, mit den Drittweltlern, die durch das Niemandland nach Europa gelangen wollen. Einige von ihnen müssen infiziert sein.

Jonas: Und wenn sie in Europa sind und da auch die Pest ausbricht.

Sam: Dann weiß alle Welt bescheid. Das ganze KDW wird unter Quarantäne gestellt. Es gibt keine Touristen mehr.

Jonas: Ja, aber es kommen ja keine Grenzgänger mehr nach Europa.

Sam: Dreimal dürfen Herr Chefarzt raten, warum. So, spring ab.

Jonas: Soll ich nicht die andern hier.

Sam: Die würden dir sowieso nicht glauben, spring ab, Jeronimo.

Jonas: Also sprang ich ab und duckte mich hinter einen Grabenrand. Keinen Augenblick zu früh. Ein paar Meter weiter blieb der Wagen stehen, plötzlich blendeten Scheinwerfer auf, es wurde taghell, ich mußte ein paar Sekunden lang die Augen zukneifen. Als ich sie wieder aufmachte, sah ich Soldaten in den Uniformen der KDW-Grenztruppe, sie zerrten Hüsük, Safiye und die andern von der Ladefläche und trieben sie in einen niedrigen Schuppen ohne Fenster.

Jonas: Sie bringen sie um, Sam, sie bringen alle um, den alten Hüsük, die schöne Safiye, alle.

Sam: Seit 4 Wochen, geehrter Trauergast, bringen die KDW-Truppen alle illegalen Grenzgänger um, damit die Außenwelt nichts von der Pest erfährt.

Jonas: Jetzt wissen wir, warum Herr Sesam keine Arbeiter mehr kriegt.

Sam: Ganz recht, großer Durchblicker, Auftrag ausgeführt. Mission beendet.

Jonas: Bleibt nur ein kleines Problem, Sam.

Sam: Ja?

Jonas: Wie komme ich zurück nach Babylon. Oder wenigsten raus aus dem Niemandland.

Grenzsoldat mit Megafon: Hier spricht das Sanitätskommando der Grenztruppe, Konglomerat Dritte Welt, wir rufen Jonas, alias Mustafa, Jonas alias Mustafa.

Jonas: Woher wissen die?

Grenzsoldat mit Megafon: Verlassen Sie Ihr Versteck, Flucht ist zwecklos, kommen Sie zu uns, ergeben Sie sich, es wird Ihnen nichts geschehen.

Jonas: Glaubst du ihm, Sammy?

Sam: Glaubst du ihm?

Jonas: Bin ich blöd? Taktischen Rückzug nennt man so was.

Sam: Bitte gelegentlich einen Blick auf den treuen Sammy werfen zu wollen, o flotter Normeh. Der erleuchtete rote Pfeil auf dem Bildschirm weist den Weg nach Europa.

Jonas: Der Weg führte quer durchs Niemandsland, vorbei an Ruinen, an gesprengten Bunkern, an verrosteten Panzerwracks, alles war still, unheimlich still. Und auch ich war leise, um nicht mögliche Verfolger aufmerksam zu machen. Aber es gab keine Verfolger. Im ganzen großen Niemandsland schien nichts zu leben, kein Strauch, kein Tier, kein Mensch, doch, da war was: vor mir ein Licht, ein Flackern, ein Lagerfeuer, ich schlich näher, vorsichtig, und sah 3 Männer, 3 wildaussehende struppige Kerle mit Hackmessern am Gürtel und eine Frau, der die drei gerade die Taschen ausräumten.

Bandit: 20 Piaster, eine silberne Kette, ein Ring, Messing.

Bandit: Die guten Sachen hat sie in der Wäsche.

Bandit: Glaub ich auch. Zieh dich aus.

Safiye: Nein.

Bandit: Ja zieh dich aus.

Safiye: Nein. Las mich los. Hilfe.

Jonas: Das ist Safiye, sie ist auch geflohen.

Safiye: Man will mich… Zu Hilfe! Hilfe! Hilfe! zu Hilfe!

Bandit: Schrei nur, keiner hört, keiner hört dich, und wenn du schreist, machst du uns erst richtig scharf. Maul halten.

Sam: Sehr gut Leutnant, lassen Sie ausschwärmen. Zu Befehl, Herr Hauptmann. Ausschwärmen, keiner darf entkommen! Na bitte, hat gewirkt.

Jonas: Nicht ganz, Sam.

Jonas: Nur zwei Banditen waren ins Dunkel getürmt, der dritte hielt Safiye am Arm fest und wußte offenbar nicht recht, was er tun sollte. Ich half ihm, ich warf ihm ein Messer in den Hals, er fiel um und alle Unklarheit war vorüber. Für immer. Ich trat in den Feuerschein, um mir das Messer zurückzuholen.

Safiye: Mustafa.

Jonas: Hallo Safiye.

Safiye: Sie haben sie erschossen, Mustafa, Großvater auch. Alle sind tot, nur wird nicht, Mustafa.

Jonas: Ja, Safiye. Wie bist du aus dem Schuppen gekommen?

Safiye: Ein Brett war lose, ich bin durchgekrochen.

Jonas: Und sie haben dich nicht gesehen.

Safiye: Nein, ich bin gelaufen, ich hatte Angst, auf einmal waren die Banditen da.

Jonas: Jetzt ist ja alles gut, ist ja gut. Vorläufig jedenfalls. Du gehst am besten mit mir, Safiye.

Safiye: Ja Mustafa. Ich hab ja sonst niemand mehr.

Jonas: Und wieder ein Marsch durchs nächtliche Niemandsland. Diesmal aber nur ein kurzer. Safiye war erschöpft und ich brauchte auch ein bißchen Ruhe. Wir suchten uns eine Ruine, die noch ein paar intakte Wände hatte, es war kühl. Wir waren beide müde, Safiye und ich, aber was wir noch nötiger hatten als Schlaf, das waren Wärme und Trost. Ich schaltete Sam ab. Wir wärmten und wir trösteten uns. Dann schliefen wir ein. Schritte und Stimmen schreckten uns aus dem Schlaf, es wurde schon hell, ich riskierte einen vorsichtigen Blick über die Mauer und schaltete Sam wieder ein. Drei Köpfe sind besser als zwei, auch wenn Sam keinen hat.

Jonas: Das sind unsere Söldner, eine Streife der ImPo. Keine Gefahr, oder? Was denkst du?

Sam: Was kann Hoheit schon an der Meinung eines armseligen Computers liegen, eines Objekts, welches menschliche Willkür an und abschalten kann, ganz nach Belieben.

Jonas: Hör auf zu muffeln, Sam. Was meinst du?

Sam: Erlaube mir ergebenst, vorerst verhaltene Vorsicht anzuempfehlen.

Safiye: Guten Morgen, Jonas.

Jonas: Guten Morgen Safiye. Jonas? Wieso Jonas? Mustafa.

Safiye: Jetzt brauchst du nicht mehr zu lügen du heißt Jonas und du bist aus Europa.

Jonas: Wer sagt das.

Safiye: Die Grenzer. Unsere Grenzer. Sie waren sehr böse, als sie merkten, daß du nicht mehr bei uns warst. Sie haben nach dir gefragt, und dann haben sie mich aussortiert, bevor sie die anderen erschossen haben, sie haben gesagt, du bist ein Spion, sie haben gesagt, ich soll im Niemandsland nach dir suchen, und wenn ich dich gefunden habe, und wenn Grenztruppen in der Nähe sind, ganz gleich ob unsere oder Europäer, dann dann soll ich…

Jonas: Ja?

Safiye: Hier, hier ist er, hier ist Jonas! Wenn ich dich verrate, lassen sie mich nach Europa, das haben sie versprochen. Hier.

ImPo-Beamter: Waffen in Anschlag. Kommen Sie raus, Hände über den Kopf, los los. Sie sind also Jonas. Super, das gibt Sonderurlaub, vielleicht sogar einen Orden. Danke Täubchen gut gemacht, jetzt brauchen wir dich nicht mehr.

Safiye: Ah!

ImPo-Beamter: Hast du dir gedacht, Täubchen, nach Europa, uns die Pest einschleppen. Kommen Sie, Jonas.

Jonas: Eine knappe Stunde zu Fuß zum ImPo-Stützpunkt, Fahnenstange, Landeplatz mit einem Hubschrauber, Baracke. Meine Wächter schoben mich durch eine Tür mit der Aufschrift Kommandantur.

Shuk: Majorin Shuk, Immigrationspolizei der VSE. Willkommen. Der vielbegehrte Jonas in meinem Stützpunkt. Ich bin hoch erfreut.

Jonas: Und ich erst.

Shuk: Lassen Sie sich anschauen. Sie sind wirklich kein Mensch, keine Katze, wieviel Leben haben Sie eigentlich. Gestern, in Babylon, sind Sie einem unserer besten Spezialisten entkommen, den wir auf Sie angesetzt hatten. Was sage ich entkommen, Sie haben ihn umgebracht, nicht er Sie wie es vorgesehen war.

Jonas: Der Überfall in der Metro, das waren Sie, die ImPo?

Shuk: Ja sicher, Weil Sie planten, das Niemandsland aufzusuchen, und das konnten wir nicht zulassen.

Jonas: Woher wußten Sie denn daß ich ins Niemandland wollte? Ich hatte doch gerade erst mit meinem Auftraggeber.

Shuk: Dafür hat Herr Sesam gesorgt, noch bevor er Ihnen den Auftrag gab, hat er diese seine Absicht kundgetan.

Jonas: Wem?

Shuk: Seinem Schleuser, Baklava, um ihn, wie er meinte, zu beruhigen, nun ist aber Baklava ein Patriot, und in der jetzigen problematischen Situation. Sie wissen ja Bescheid, Jonas, Beulenpest im KDW etc. In dieser Situation also arbeitet Baklava mit den Grenzorganen seines Staates zusammen.

Jonas: Soll heißen er führt den Mördern die Opfer zu, nachdem er sie ausgeplündert hat.

Shuk: Aber Jonas machen sie eine so simple Geschichte nicht zu Melodram. Baklava hat die KDW-Grenzwächter über Sie informiert und die Kameraden von drüben haben die Information sofort an uns weitergegeben. Wir ziehen alle an einem Strang.

Jonas: Hoffentlich hängen Sie bald dran.

Shuk: Was wollen Sie. Auch wir können nicht daran interessiert sein, daß pestkranke Drittweltler Europa heimsuchen.

Jonas: Warum sperren Sie nicht einfach die Grenze?

Shuk: Mein bester Jonas dann würde allgemein bekannt werden was die Kameraden von drüben mit so großem Eifer und aus so guten Gründen geheimzuhalten suchen, und ihren dringenden Wunsch, daß auch weiterhin niemand von der grassierenden Beulenpest erfährt, läßt die Dritte Welt sich gern etwas kosten.

Jonas: Die ImPo wird also bestochen.

Shuk: Die Welt, mein lieber Jonas, ist kein Nonnenkloster, Alle bestechen oder werden bestochen. Zurück zu Ihnen. Nach dem fehlgeschlagenen Attentat unseres Spezialisten taten Sie etwas, womit niemand rechnen konnte. Sie gingen nicht auf direktem Weg ins Niemandland, Sie flogen als Tourist nach Karakul, und wir hier an der Grenze haben vergeblich auf Sie gewartet. Zum Glück hatten wir dafür gesorgt, daß Baklava ein Holobild von Ihnen bekam, für alle Fälle. Er erkannte Sie trotz ihrer Mustafamaskerade und verständigte seine Kontaktleute an der Grenze. Besondere Vorkehrungen wurden nicht getroffen, man nahm an, Sie würden mit samt der übrigen LKW-Ladung routinemäßig erledigt werden.

Jonas: Ein Irrtum.

Shuk: Gewiß, aber ohne schwerwiegende Folgen. Wir sind ja auch noch da. Wir sind gewissermaßen die Lumpensammler.

Jonas: Wie sinnig.

Shuk: Wenn den Kameraden drüben einer durch die Lappen geht, rufen sie uns an und wir fangen ihn ab. Und dann erschießen wir ihn natürlich.

Jonas: Natürlich. Mich auch?

Shuk: Aber ja. Sie vor allem.

Jonas: Aber ich hab nicht die Pest. Ich bin geimpft.

Shuk: Sie sind viel gefährlicher als so ein armer verpester Drittweltler. Sie wissen, was hier gespielt wird. Und Sie sind im Stande es weiter zu erzählen. Sie hatten Glück, Jonas, großes Glück, aber jetzt ist Ihr Glück zu Ende und Ihr Leben auch. Schade. Apropos: haben sie einen letzten Wunsch. Wenn es sich irgendmachen laßt.

Jonas: In dem Schrank da seh ich eine Flasche.

Shuk: Schottischer Whisky, echter, uns geht es gut, wir können uns was leisten. Wie hätten Sie ihn gern, mit Eis, mit Soda, mit Wasser?

Jonas: In einem Glas.

Shuk: Aber gewiß doch. Ah!

Jonas: Das ist ein Messer, Majorin, die Spitze direkt an Ihrer Halsschlagader.

Sam: Wie vor einem Jahr im Reservat, Sultan Suleiman, mein Meister geruht sich zu erinnern.

Jonas: Klar. Was jetzt, wir sind nicht im 10. Stock und einen Kanal gibt es hier nicht.

Sam: Wohl aber, hehehe, muß eure innere Schwerbegrifflichkeit tatsächlich darauf hingewiesen werden, wohl aber einen Hubschrauber.

Jonas: Gute Idee, Sam.

Sam: Gute Idee, Sam. Ausgezeichnete Idee, wunderbare Idee, exorbitante Idee, superpyramidale Idee.

Jonas: Auf jeden Fall eine Idee, die funktionierte. Ich nahm mir den Laserstrahler der Majorin und ging mit ihr zum Hubschrauber, langsam, die ImPos trauten sich nicht einzugreifen, ich band die Majorin auf dem Nebensitz fest und flog los. Zum Glück wußte ich, wie man mit so einem Ding umgeht. Ich überlegte, ob ich die Majorin unterwegs rauswerfen sollte, ich tat’s nicht, es hatte schon so viele Tote gegeben. Statt dessen ließ ich sie an einem Seil auf einen Alpengletscher runter. Auch eine Strafe. Den Hubschrauber landete ich auf freiem Feld vor Babylon. Drei Stunden später war ich bei Martin Sesam, gewaschen und umgezogen. Und Sesam war über meinen Bericht gar nicht glücklich.

Sesam: Beulenpest, Todesschwadron, Baklava ein falscher Fuffziger, was soll ich mit so einer Räuberpistole, mich interessiert nur eins, Herr Jonas, haben Sie mir von drüben neue Arbeitskräfte mitgebracht?

Jonas: Das war nicht mein Auftrag, Herr Sesam.

Sesam: Ach. Wissen Sie wenigstens, wann ich mit neuen Arbeitern rechnen kann?

Jonas: Überhaupt nicht.

Sesam: Ist das wahr? Dann muß ich Konkurs anmelden.

Jonas: Ihre Sache, Herr Sesam.

Sesam: Meinen Sie, Jonas? Wenn ich pleite gehe, können Sie sich ihre Rechnung an die Backe kleben. Von mir kriegen Sie kein Geld, 400 Euros Vorschuß haben Sie schon, mehr gibt’s nicht.

Sam: Besagten 400 Euros Vorschuß auf der Einnahmenseite steht auf der Ausgabenseite gegenüber die Summe von 387 Euros 0 Cents. Welche sich zusammensetzt wie folgt: Flug Babylon-Karakul mittels Chemorocket 352 Euros. Diverse gebrauchte Kleidungsstücke 78 Euros.

Jonas: Sei mal still: 400 weniger 387.

Sam: 13 Euros.

Sesam: Na bitte 13 Euros Reingewinn, ist doch was. Sie finden wohl selbst raus.

Jonas: Auf dem Weg nach Hause kam ich wieder am Art-Shop vorbei, die hübsche Verkäuferin stand in der Tür und lächelte mich an.

Verkäuferin: Hatten Sie nicht gestern nach handgearbeiteten Zierzwergen gefragt?

Jonas: Ja.

Verkäuferin: Einen hab ich noch gefunden beim Grossisten. Das ist der allerletzte hat er gesagt, weil keine mehr nachkommen. Wollen Sie ihn mitnehmen?

Jonas: Soll ich Ihnen was verraten: Ich hasse Zierzwerge.

Jonas: Ich hätte sie fragen können, ob sie abends schon was vorhatte. Ich hätte sie zu mir einladen können. Das echte Büro eines echten Detektivs. Das zieht immer. Aber ich war zu müde. Ich ging nach Hause, legte mich ins Bett und ließ mich von Sam in den Schlaf singen.

Sam: You must remember this, a kiss is just a kiss.

Jonas: Ich dachte an die Verkäuferin, an Judith, an Safiye und daran, daß ich was unternehmen sollte, wegen der Pest in der Dritten Welt. Morgen.

Das war Niemandsland. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Es wirkten außerdem mit: Elisabeth Endriss, Sabine von Maydell, Karin Kernke, Harald Leipnitz, Michael Habeck, Michael Hoffmann, Peter Capell und viele andere (Michael Gahr, Julia Fischer, Norbert Goth, Erik P. Caspar, Joachim Schmahl, Marold Langer-Philippsen). Ton und Technik: Günter Heß und Angela Bernd. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1985). Redaktion: Dieter Hasselblatt und Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction Krimiserie von Michael Koser.
Heute: Sündenbock

(Im Büro-Appartement von Jonas, dem letzten Detektiv. Morgens, 8 Uhr früh)

Sam: Uhuhuhuh, uhuhuhuh!

Jonas: Acht Uhr früh, und es krähte der Hahn.

Sam: Uhuhuhuh, uhuhuhuh!

Jonas: Ein Hahn war es natürlich nicht. Wo gibt’s denn heutzutage noch Hähne?

Sam: Im zoologischen Garten, Herr Oberstabsveterinär, hinten rechts, neben den Schweinen. Oink.

Jonas: Weiß ich doch, Sammy. Ein armer alter Hahn ohne Schwanz. Wenn der überhaupt noch kräht, dann bestimmt nicht am Morgen, sondern nachts, da träumt er vielleicht von Würmern und von seinen Hennen. Mein Kräher war Sam.

Sam: Uhuhuhuh, uhuhuhuh! Wachet auf, wachet auf! Es krähte der Hahn. Morgenstund hat Gold im Mund. Erhebe dich du schwacher Geist, der du noch in die Kissen beißt. (singend) Early to bed and early to rise is healthy, wealthy and wise. Uhuhuhuh!

Jonas: Das reicht, Sam.

Sam: Uhuhuhuh!

Jonas: Ruhe!

Jonas: Sam ist mein Computer. Er kann nicht nur krähen, er kann auch reden. Und wie. Ohne Pause. Ohne Punkt und Komma. Ohne Luft zu holen. Sam ist ein ausgelaufenes Versuchsmodell. Die Firma McCoy wollte seinerzeit die Marktchancen für einen ungeheuer gebildeten Computer testen. Ergebnis: der Typ kam nicht an. McCoy mußte ihn verschrotten oder verramschen. Und so habe ich Sammy erstanden, billig, vor fünf oder sechs Jahren. Und jetzt habe ich ihn immer noch. Obwohl er an meinen Nerven sägt, obwohl seine hochgelehrten Textprogramme inzwischen ein bißchen durcheinandergeraten sind. Einen neuen Computer kann ich mir nicht leisten. Und ich habe mich an Sam gewöhnt. Möglicherweise.

Sam: Oh Dank, Meister. Ergebensten Dank. Von Herzen kommend, zu Herzen gehend.

Jonas: Als ob du ein Herz hättest, Sammy.

Sam: Hä?

Jonas: Und jetzt bist du still und läßt mich weiterschlafen.

Sam: Oh nein, nicht die Bohne, oh Fixstern meines Verlangens. Sam hat Befehl zu wecken, Sam weckt, beflissen, standhaft, ohne Unterlaß. Munter, munter aus dem Bette gehüpft, in die Naßzelle geschlüpft, zwecks matutiner Absolutionen.

Jonas: Wenn ich nicht so müde wäre, Sam, dann würde ich aufstehen…

Sam: Bravo Meistro.

Jonas: Einen Hammer nehmen und dich zu Schrott schlagen.

Sam: Pfui, Pfui, Missiö de Marquis. Warum so unwirsch?

Jonas: Warum? Weil ich mir ganz umsonst die halbe Nacht um die Ohren geschlagen hatte. Auf dem Zentralfriedhof von Babylon, ausgerechnet. Ein Auftraggeber hatte mich per Fon hinbestellt, um Mitternacht. Mir war’s egal. Ich habe keine Angst vor Gespenstern. Aber er hatte wohl Angst. Jedenfalls tauchte er nicht auf. Zwei Stunden stand ich mir die Beine in den Bauch, dann zog ich ab. So was kommt manchmal vor. (Jonas jetzt in der Dusche. Wasser plätschert)

Sam: Ärgerlich, hoher Herr, höchst ärgerlich, doch leider, leider nicht zu ändern.

Jonas: Wenn ich dich nicht hätte, oh du mein Ausburt elektronischer Binsenweisheit. Wie wär’s denn zur Abwechslung mal mit Hausarbeit?

Sam: Hausarbeit? Ein intellektuell hochspezialisierter, verbal hochqualifizierter Computer und Hausarbeit? Nachbarin, euer Fläschchen.

Jonas: Keine Diskussion, Sam. Dein Herr und Meister will Frühstück.

Sam: Sam hört und gehorcht. Was wünschen Durchlaucht zu sich zu nehmen?

Jonas: Na was schon. Brötchen aus echtem Mehl, Butter, Eier mit Schinken, echten Bohnenkaffee.

Sam: Herr Graf scherzen im liegen, oh Korrektur, Herr Graf belieben zu scherzen.

Jonas: Du merkst auch alles, Sammy. Also Sojakaff und Plastiktoast wie jeden Morgen, und stell Holo-News an.

Sam: Sehr wohl Sir.

Holo-Sprecher: …in der Nacht ermordet aufgefunden. Frau Dr. h.c. Ella Boss, genannt Bigboss, war Präsidentin von Chips Inc., dem bedeutenden Hardwareproduzenten. Chefinspektor Brock von der städtischen Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen. Nikosia: auf dem 33. Treffen der 11. Sitzungsperiode der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in der Welt, KF… (Jonas schaltet wieder ab)

Jonas: Hast du das gehört, Sammy? Sie haben Bigboss von Chips umgebracht. Weißt Du noch?

Sam: Dämliche Frage, du Brathahn. Sam weiß alles, oder naja, doch so gut wie.

Jonas: Ich hatte Bigboss vor einem viertel Jahr kennengelernt. Im Juni 2010. Eine merkwürdige Frau, und ein merkwürdiges Zusammentreffen, in ihrem Penthouse hoch über Babylon. Überhaupt ein merkwürdiger Fall, die ganze Schmiergeldaffäre. Ein toter Auftraggeber. Nike und Luna, die coolen Killerinnen mit der Drahtschlinge, Bigboss, und ihr persönlicher Referent, wie hieß er noch?

Sam (singend): To-To-To-To-Tolliver.

Jonas: Richtig, Tolliver. Ich habe ihn Joker genannt, weil er die Angewohnheit hatte, in aussichtslosen Situationen aufzutauchen, und dem Spiel eine Wendung zu geben. (Das Fon klingelt)

Sam: Dat Fon gibt Ton, oh Menschensohn.

Jonas: Hier Jonas. Nur Jonas. Der letzte Detektiv. Spezialist für hoffnungslose Fälle.

Tolliver: Tolliver.

Jonas: Wer?

Tolliver: Tolliver. Sie wissen wer ich bin.

Jonas: Aber ja, so ein Zufall!

Sam: Lupus in fabula, wie wir Lateiner sagen.

Tolliver: Bigboss, haben Sie gehört?

Jonas: Ja, eben.

Tolliver: In einer halben Stunde bin ich bei Ihnen.

Jonas: Das ist Tolliver. Mann der knappen Worte und schnellen Entschlüsse. Zweimal hat er mir das Leben gerettet, und dabei ganz lässig fünf Menschen umgebracht. Ein Mann, der zu seinem Wort steht. Genau 30 Minuten später saß er in meinem Büroapartment. Kühl und Konzentriert.

Tolliver: Interessiert an einem Auftrag, Jonas?

Jonas: Bigboss?

Tolliver: Ja. Sie sollen feststellen, wer sie umgebracht hat. Und warum.

Jonas: Hm, da sitzt doch schon die Kripo dran.

Tolliver: Sehr komisch. Chips ist der größte Hardwareproduzent in Europa. Wenn die Präsidentin von Chips ermordet wird, verläßt Chips sich nicht auf die Kripo.

Jonas: Und Ihre eigenen Sicherheitstypen?

Tolliver: Aber die kennen Sie doch, Jonas. Brauchbare Nachtwächter, ganz passable Gorillas, aber keine Detektive. Für Fall Bigboss nicht gut genug. Dafür brauchen wir Sie, Jonas. Sie sind Experte. Und Sie haben auf Bigboss Eindruck gemacht damals.

Jonas: Ach ja? Hat sie nicht gesagt, ich bin zu klein?

Tolliver: Klein, aber anständig.

Sam: Pieeep. Dies sind die Eigenschaften eines erstklassigen Detektivs: Anständigkeit, Vorstellungsvermögen, Wißbegierde und Menschenliebe. All’ so spricht Lew Archer. Gott hab’ ihn selig.

Tolliver: Vorlaut, ihr Computer.

Jonas: Vorlaut und verrückt.

Tolliver: Wirklich? Ja, also wie gesagt, Bigboss war beeindruckt von Ihnen. Es wäre durchaus in ihrem Sinne, daß Sie den Mord untersuchen. Für wieviel war’s? 80 Euros pro Tag?

Jonas: 90. Seit dem 1. September. Und Spesen. Alles wird teurer, auch der letzte Detektiv.

Tolliver: In Ordnung. Und eine Prämie, wenn Sie den Fall schnell abschließen.

Jonas: Hm, großzügig.

Tolliver: Chips-Geld, nicht meins. Also was ist? Übernehmen Sie den Fall?

Jonas: Das war die Frage. Irgendwas an der Sache war mir nicht geheuer. Ich hatte ein dummes Gefühl. Wie so oft. Andererseits lag mein letzter Auftrag drei Wochen zurück, und weil der mir außer Beulen nur ganze 13 Euros eingebracht hatte, konnte ich’s mir nicht leisten, Tollivers Angebot auszuschlagen. Ich nahm an. Ein Fehler. Aber das merkte ich erst, als es zu spät war, wie so oft.

Tolliver: Sehr schön. Seien Sie Punkt 11 bei mir. Sie wissen wo: Chips-Zentrale am Henrick- August-Platz, 31. Stock, Bigboss’s Büro. Viel Erfolg!

Jonas: Moment, Tolliver, ich habe ja noch keine Ahnung. Kommen Sie mal rüber mit ‘n paar Einzelheiten, wann, wo, wie und so weiter.

Tolliver: Tja, Jonas, weiß ich alles selbst nicht genau. Daten, die Sie brauchen, müssen Sie sich schon woanders besorgen, hahaha, Sie sind doch Detektiv! (geht)

Jonas: Dann wollen wir mal was tun, Sammy. Das heißt…

Sam: Sam soll was tun, ja, ja, das alte Lied. Computers to the front. Sei’s drum. Was steht zu Diensten, Ritter Kunibert?

Jonas: Mordfall Dr. Boss, Knappe Sam. Polizeibericht mit allem Pipapo. Kripo-Code hast du ja.

Sam: Auf geht’s, pieeep, ähhhhh ah ah ah.

Jonas: Ja was ist?

Sam: Zu seinem größten Bedauern ist Sam nicht in der Lage, obschon durchaus willens, die gewünschte Information zu liefern.

Jonas: Unsinn Sammy, die Daten müssen in der Kripo-Bank sein.

Sam: Müssen, großer Meister, sind aber nicht. Sonderspeicherung, neuer Super-Geheimcode, Stichwort Belzebub.

Jonas: Belzebub, Belzebub, was soll das heißen?

Sam: Sam weiß zwar viel, doch dies kann Sam nicht wissen.

Jonas: Und den Super-Geheimcode weißt du natürlich auch nicht.

Sam: Woher denn? Oh du mein Jonas Superstar.

Jonas: Datenbank der Kripo ist also out. Na gut. Dann eben anders.

Sam: Natürlich, das mußte ja kommen. Unser Mann in Havanna.

Jonas: Bitte wer?

Sam: Sam wollte sagen, unsere Frau bei der Polizei.

Jonas: Die Rede war von Judith. Judith Delgado. Hauptabteilungsleiterin in der Sicherheitsverwaltung. Privat ist sie mit einem gewissen Jonas liiert. Z.B., zeitweilige Beziehung, seit anderthalb Jahren. In dieser Zeit hat sie mir ab und zu geholfen. Nicht gerade mit Begeisterung, muß auch nicht sein, wenn sie nur dafür sorgt, daß ich Daten kriege, an die ich normalerweise nicht rankomme. Aber diesmal konnte Judith mir nicht helfen, vor einer Woche hatte ihre Behörde sie nach Japan geschickt. Dienstreise. Plötzlich. Ohne Vorankündigung. Um die speziellen Probleme der Sicherheitsverwaltung in Tokio zu studieren. Jonas war allein in Babylon, abgesehen von Sam natürlich. Und Sam war über Judiths Abwesenheit gar nicht böse.

Sam (wie ein Pfarrer sprechend): Möge es ihr wohl ergehen im fernen La-ha-nde. Der Dame Ju-dith.

Jonas: Sam!

Sam: Auf daß sie lange Zeit dorten verweile und so es denn überhaupt sein muß, (priesterlich) erst recht, recht spät wiederkehre. Amen.

Jonas: Denk an den Schrottplatz, Sam.

Sam: Äh äh, lieber nicht, Kumpel. Dame Judith ist out. What now?

Jonas: Die Kripo direkt, Sammy, und das heißt, fürchte ich, Inspektor Brock.

Sam: Chefinspektor, Sir, seit 1. Juli 2010.

Jonas: Inspektor oder Chefinspektor, eins stand auf alle Fälle fest: Brock hatte was gegen Jonas. Aber Jonas hatte keine Wahl und fuhr rüber zur Sicherheitsverwaltung am Europaplatz, in Person. Jonas am Fon kann man abhängen, wenn er unversehens in Brock’s Büro auftaucht, muß man ihn schon rausschmeißen, und das ist schwieriger. (In Brock’s Büro: Brock stürzt herein)

Brock: Verrammeln Sie die Tür, Pauly, das Arschloch Jonas ist im Haus gesichtet worden.

Pauly: Äh, zu spät, Chef.

Jonas: Ich bin schon da, sagte der Swinigel zum Hasen.

Brock: Swinigel Jonas, auch nicht schlecht.

Jonas: Jedenfalls besser als Arschloch.

Brock: Wenn Sie meinen Jonas.

Brock: Was wollen Sie?

Jonas: Informationen.

Brock: Worüber?

Jonas: Mordfall Dr. Boss.

Brock: Was haben Sie damit zu tun?

Jonas: Ein Auftrag.

Brock: So? Was wollen Sie wissen?

Jonas: Sagen Sie mal, Bröckchen, haben Sie Kreide gefressen? So kenn’ ich Sie ja gar nicht. Sie müssen doch jetzt brüllen (mit verstellter Stimme, laut) das ist mein Fall! Halten Sie sich raus! Kommen Sie mir nicht in die Quere! (wieder normal) Sie sind mir doch nicht krank?

Brock: Quatschen Sie nicht ‘rum Jonas, sagen Sie mir, was Sie wissen wollen.

Jonas: Alles, was Sie wissen, Brock.

Brock: OK, passen Sie gut auf, Jonas, ich sag’s Ihnen nur einmal.

Jonas: Ich glaub’s immer noch nicht. Sie geben mir Informationen, freiwillig?

Brock: Heute Nacht 0 Uhr 19, anonymer Anruf in Kripo-Bereitschaft: Leiche am Tigrisplatz, unten in der Passage. 0 Uhr 34 Streife vor Ort bestätigt. Alte Frau, Loch von Laserstrahler über linkem Auge.

Jonas: Was sagt der Pathomat? Todeszeit?

Brock: Präzise 0 Uhr 12. Fundort der Leiche identisch mit Tatort.

Jonas: Wäre möglich. Nachts ist kein Mensch am Tigrisplatz. Nur Läden und Büros. Einsam wie die Amazonas-Wüste oder der Zentralfriedhof.

Brock: Sie halten hier keine Vorträge, Jonas, Sie hören nur zu.

Jonas: Hmm.

Brock: Identifizierung der Leiche durch Ausweis. Dr. Ella Boss, Präsidentin von Chips, kriminalpolizeiliche Ermittlungen aufgenommen: 2 Uhr 06. Keine Verwandten. Persönlicher Referent benachrichtigt. Wohn- und Arbeitsstätte durchsucht.

Jonas: Resultat?

Brock: Null. Und das war’s, Jonas, Ende der Durchsage, hauen Sie ab! (Jonas ab)

Jonas: Ich kam nicht drüber weg. Brock von der Kripo, Superwiderling und Jonas-Fresser, griff mir mit Daten unter die Arme. Äußerst merkwürdig. Ich nahm mir vor, bei Gelegenheit darüber nachzudenken. Jetzt hatte ich was anderes vor: Verabredung mit Tolliver. 11 Uhr. Chips-Zentrale. (In der Chips-Zentrale)

Jonas: Der schäbige kleine Raum, in dem die Präsidentin von Chips gehaust und regiert hatte, wirkte jetzt noch schäbiger als vor einem viertel Jahr. Der Raum war tot. So tot wie Bigboss. Brock hatte gesucht und nicht gefunden. Viel Arbeit hatte er nicht gehabt. Ein Klappbett, zwei Stühle, ein kleiner Schrank, ein Flickenteppich. Kein Computer.

Tolliver: Bigboss was (war) altmodisch.

Jonas: Bin ich auch.

Tolliver: Aber Sie haben doch wenigstens einen Computer.

Jonas: Manchmal sieht’s eher so aus, als ob er mich hat.

Sam: Wir sind eins, geliebete Seele. (singend) Ohne Sammy macht der Jonas keinen Schritt, keinen Schritt…

Jonas: Ruhe in der Manteltasche!

Sam: Psst! Ruhe bitte. Absolute Ruhe. Äußerste Ruhe. Verstummet ihr Pauken. Schweiget stille Drometen.

Jonas: Sam Zwo ist der mobile Teil von Sam. Ein handliches Kästchen, paßt in jede Tasche. Ich nehme ihn mit, wenn ich beruflich unterwegs bin. Guten Rat braucht der Detektiv immer und überall. Muntere Sprüche, die er weniger braucht, muß er ertragen. Was das Reden betrifft, ist Sam Zwo der ganze Sam. Sprachrohr und drahtlose Extension von Sam Eins, dem großen Datenspeicher in meinem Büro.

Tolliver: Stehen Sie nicht in der Gegend rum, Jonas. Tun Sie was!

Jonas: Nichts dagegen. Schlagen Sie was vor!

Tolliver: Oh mein Gott, woher soll ich das wissen? Ermitteln Sie, forschen Sie, untersuchen Sie! Sie sind der Detektiv!

Jonas: Das haben Sie mir heute schon mal gesagt, Tolliver, allmählich fange ich an, Ihnen zu glauben. Was ist in dem Schrank?

Tolliver: Ein paar Kleidungsstücke, und Bücher.

Jonas: Bücher? (öffnet den Schrank) Tatsächlich. Bücher. Aus dem vorigen Jahrhundert.

Tolliver: Interessieren Sie sich für Bücher?

Jonas: Besonders für alte Kriminalromane: Hammett, Chandler, Ross Macdonald, Leo Malet (Riomarle).

Tolliver: Sie haben Recht, Jonas, Sie sind altmodisch. Wie Bigboss.

Jonas: Wann haben Sie Bigboss zuletzt gesehen, Tolliver?

Tolliver: Gestern nachmittag bei Dienstschluß gegen fünf.

Jonas: Wissen Sie, was sie um Mitternacht am Tigrisplatz wollte?

Tolliver: Nicht die mindeste Ahnung.

Jonas: Ach, Sie waren doch ihr persönlicher Referent. Sie haben ihre Termine gemacht.

Tolliver: Na sicher. Aber das heißt nicht, daß ich über jede Aktivität von Bigboss informiert war. Die ganz wichtigen Sachen, also hohe Firmenpolitik usw., die hat sie grundsätzlich allein erledigt.

Jonas: Ach ja. Und wie merken sich altmodische Einzelgänger ihre wichtigen Termine? Indem sie sie aufschreiben. Ist das Bigboss Handschrift?

Tolliver: Ein Stück Papier. Wo haben Sie das her?

Jonas: Aus einem Buch. Ist das ihre Handschrift?

Tolliver: Ja, keine Frage: 6.9.10, 0 Uhr, Tigrisplatz, Passage, Mann von McCoy, Angebot: Übernahme. Ah, das ist ja interessant. McCoy, das wissen Sie vielleicht, Jonas, McCoy ist unser schärfster Konkurrent, der zweitgrößte Hardwareproduzent in Europa. Um McCoy zu schlucken, hätte Bigboss alles getan.

Jonas: Hätte sie sich auch heimlich, um Mitternacht, mit einem Abgesandten der Konkurrenz zu Verhandlungen getroffen?

Tolliver: Sicher! Das ist es, Jonas, McCoy steckt hinter dem Mord. Und Sie haben es herausbekommen. Der Zettel muß gleich zur Kripo.

Jonas: Apropos Kripo. Belzebub, sagt Ihnen das was?

Tolliver: Belzebub? Ja, irgendwas religiöses glaub’ ich. Also wissen Sie, Jonas, triviale Quizfragen sollten Sie besser ihrem Computer stellen.

Sam: Oh ja, großer Moderator, (singend) frag mich, bitte, bitte frag mich, doing doing. Oh, Kommando zurück, frag mich bitte nicht, keine Zeit. Alarm!

Jonas: Sammy? Was ist los?

Sam: Da versucht jemand, Sam eins zu knacken, in dero Durchlaucht Büro, uh ha, das kitzelt.

Jonas: Einbrecher, Sammy?

Sam: Nein, die Heilsarmee, du Dämlack.

Jonas: Bis später, Tolliver, ich melde mich. (Jonas verläßt das Büro)

Jonas: Als ich 20 Minuten später die Tür aufriß, war das Büro leer. Aber es war jemand da gewesen. Sam Eins hatte frische Kratzer an Schloß und Schnittstelle, reine Blechschäden, innen war ihm nichts passiert. Sam Eins ist so stark gesichert, daß ihn nur ein Erdbeben knacken kann, oder der Weltuntergang. Und die Papiere auf dem Tisch lagen anders da als heute morgen. Was hatten die Einbrecher bei mir gesucht?

Jonas: Gar nichts. Sie haben was mitgebracht. Sieh dir das an, Sam.

Sam: Ein Zettel. Wie eben bei Bigboss.

Jonas: Und es steht auch fast dasselbe drauf: 6.9.2010, Mitternacht, Tigrisplatz, Passage, Bigboss abhaken für McCoy. Und die Handschrift…

Sam: Ist unverkennbar die genial schlampige Klaue meines Herrn. Wäh.

Jonas: Sammy, ich habe das Ding nicht geschrieben, ich sehe es jetzt zum ersten mal. Verdammt, was ist hier los? (Die Tür wird aufgerissen. Alca Selzer und ihr Kameramann Alex stürzen herein)

Alca: Hallöchen und einen ganz ganz lieben Tag alle miteinander. Keine Umstände. Bleiben Sie sitzen, Herzchen, fühlen Sie sich wie zu Hause.

Jonas: Ich bin hier Zuhause!

Alca: Klaro. Neben der Tür ist ‘ne Schnittstelle, Alex, da kannst du rangehen mit deinem Kasten. Bißchen eng, was? Na wird schon. Und wir bleiben jetzt total ruhig Herzchen. Absolut entspannt. Irre locker.

Jonas: Was wollen Sie? Wer sind Sie?

Alca: Aber, aber, Herzchen, Sie kennen mich doch, haben mich doch schon x-mal auf dem Schirm gesehen: Alca Selzer, die berühmte Alca Selzer, rasende Reporterin von HoloNews Babylon. Wir senden schon heute, was Morgen passiert. (Jonas räuspert sich)

Alca: Seh’n Sie, wußt’ ich doch, Herzchen.

Alex: Wir können, Alca!

Alca: Moment, Alex! Alex, mein Bilderknecht. Also Herzchen, nicht aufregen, gar kein Grund vorhanden, Tante Alca macht das schon. Erstmal kurz neueste Entwicklung im Mordfall Bigboss, dann Frage nach Background, bißchen Spekulation: Wird kalter Firmenkrieg heiß, schlägt Chips zurück etc. das übliche. (Alka räuspert sich) Los, Alex.

Alex: OK. Bild, Ton läuft! Fall Bigboss, Interview mit Privatdetektiv Jonas,
6. 9., 11 Uhr 55.

Alca: Guten Tag meine Damen, guten Tag meine Herrn. Wir sind zu Gast bei Jonas, dem letzten Detektiv, wie er sich nennt, dem Mann, dem wir die sensationelle neue Wendung im Fall Dr. Boss verdanken. Herr Jonas. In die Kamera, Herzchen, sehen Sie in die Kamera. Herr Jonas, bitte sagen Sie uns, wie ist es Ihnen gelungen, das entscheidende Beweisstück aufzuspüren, durch das, wie man hört, die Firma McCoy in erheblichem Maße belastet wird?

Jonas: McCoy? Woher wissen Sie das?

Alca: Aus, aus, Alex! Also so nicht, Herzchen, so machen wir das nicht. Wir antworten schön auf das, was Tante Alca fragt. Wir reden nicht einfach dazwischen.

Jonas: Woher wissen Sie das mit McCoy, und daß ich was gefunden habe?

Alca: Wenn’s Sie’s unbedingt wissen wollen, Herzchen, von der Kripo.

Jonas: Wann haben Sie es erfahren?

Alca: Wann war das? Gegen neun würde ich sagen, da haben sie mich angerufen. Dann waren wir beim Stehfrühstück von Senator Tinnef, dann die Bombe in der Südstadt, und jetzt sind wir hier, Herzchen und machen brav unser Interview.

Jonas: Nix! Wir gehen jetzt. Und wenn wir ganz artig sind, dürfen wir vielleicht später wiederkommen und dann unser Interview machen. Raus! (Jonas wirft Alca und Alex hinaus)

Jonas: Als sie endlich draußen waren, wollte ich mich zurücklehnen und bei einem Bürowhisky die seltsamen Dinge verarbeiten, die in den letzten Stunden passiert waren, in Ruhe und Frieden. Aber das sollte nicht sein. Sam fing an zu zetern. Und wenn Sammy selbst auch weder Hand noch Fuß hat, das was er zeterte hatte, ganz entschieden.

Sam: Tatütata! Tatütata! Alarm, Alarm, steh’ auf mein Volk. Die Flammenzeichen rauchen. Hinfort! Hinfort! Geschieden muß nun sein!

Jonas: Du meinst, ich soll von hier verschwinden?

Sam: Ja was denn sonst, du dreimal verdrehter Begriffstutz. Kratz’ die Kurve, mach’ ‘ne Fliege, verfatz dich, Mann hau ab, sonst haben sie dich!

Jonas: Wer, Sammy?

Sam: Na, tatütata, (im Hintergrund Sirenengeheul), da die, die da! Brock und sein Plattfußballett. Unterwegs zu meinem Sahib, um das diesem untergeschobene Beweisstück zu finden und mitzunehmen, nebst meinem Sahib. Rückzug ist angesagt!

Jonas: Wohin, Sam?

Sam: Zu einer Stätte der Ruhe und der Besinnung, oh rosa mia mystica, zwecks Meditation und deliberation der Situation mein Sohn. (Im ”Armen Schlucker“)

Jonas: (in Gedanken) Ich wollte ins Casablanca, aber das fiel aus. Brock wußte, daß ich da gerne hingehe, also landeten wir im armen Schlucker. Ein Dipsomat, eine Stätte des Alkoholismus und der Anonymität. Wie geschaffen für eine ungestörte Beratung zwischen Mensch und Computer. Ich zog mir einen kleinen Rum mit Wasser. Der Magen, das übliche, und auch sonst fühlte ich mich nicht gerade großartig. Nicht weil Brock hinter mir her war, daran bin ich gewöhnt. Weil ich die Regeln nicht kannte, obwohl ich die Hauptfigur im Spiel war.

Jonas: Heute früh um neun hat die Kripo schon gewußt, daß ich bei Bigboss den Notizzettel finden würde, gut zwei Stunden später! Kannst du mir das erklären, Sam?

Sam: Ein complo, Herr Chefagent. Kompott, äh Korrektur, Komplott wollte Sam sagen. Ohne jeden Zweifel ein Komplott.

Jonas: Dann legt mir jemand auch noch so einen Zettel auf den Tisch.

Sam: Nachdem besagter Jemand sich erfolglos um Sam’s Datenspeicher bemühte, o großer Grübler, vermutlich in der Absicht, Sam’s Memory für letzte Nacht zu fälschen.

Jonas: Und warum das alles, Sammy?

Sam: Diesem Problem, hohes Gericht, werden wir gemeinsam auf den Grund zu kommen suchen. (2x Geräusch eines Hammers wie im Gericht) Ruhe, oder ich lasse den Saal räumen!

Jonas: (beschwichtigend) Schrei doch nicht so, Mensch.

Sam: (wie bei einem Verhör sprechend) (leise) Nach Aussage der Kriminalpolizei wurde Frau Dr. Boss um Null Uhr Zwölf getötet. Wo hielten Sie sich um diese Zeit auf, Angeklagter?

Jonas: Weißt du doch, Sam, auf dem Zentralfriedhof.

Sam: Nicht am unweit vom Friedhof gelegenen Tigrisplatz?

Jonas: Natürlich nicht.

Sam (immer lauter werdend): Aber eine von ihrer Hand, Angeklagter, herrührende Notiz, welche die Kriminalpolizei unter der umsichtigen Leitung von Chefinspektor Brock bei ihnen sicherstellen konnte, beweist, daß Sie die Absicht hatten, sich um Mitternacht am Tigrisplatz einzustellen, um, ich zitiere wörtlich, Bigboss abzuhaken.

Jonas (flehend): Ich habe das nicht geschrieben!

Sam: Das behaupten Sie, Angeklagter. Ich behaupte dagegen, Sie haben sich mit dem Opfer, Frau Dr. Boss, am Tigrisplatz verabredet, angeblich, um über eine Übernahme der Firma McCoy durch die Firma Chips Inc. zu verhandeln. In Wahrheit jedoch, um im Auftrag besagter Firma McCoy, besagte Frau Dr. Boss zu töten. Was sagen Sie dazu, Angeklagter?

Jonas: Unsinn. Was habe ich mit einem Firmenkrieg in der Hardwarebranche zu tun?

Sam: Sie, Angeklagter, sind Privatdetektiv, der letzte seines Zeichens in Babylon, insofern ein zwielichtiger Charakter.

Jonas: Besten Dank.

Sam: Sie sind käuflich, Angeklagter, Sie wurden für den Mord bezahlt.

Jonas: Ach wirklich? Bei einem Kontostand von knapp 200 Euros?

Sam: (Piepen, dann Sam mit Computerstimme) Das Konto meines sich im Golde wälzenden Dagobert Duck enthält genau 4189 Euros 12 Cent. Piep.

Jonas: Was?

Sam: Die letzten Einzahlungen wurden getätigt gestern abend und heute morgen. Jeweils 2000 Euros. Angegebener Einzahler: McCoy. Der Sünde Lohn. Er hat an alles gedacht, jener mysteriöse Jemand. Oh Oh!

Jonas: Oh! Nochmals Oh! Ist das wirklich wahr, Sam?

Sam: Es ist wahr, oh mein Opferlamm, mein Sündenbock, mein schuldlos gebeutelter Jonas. (mit Richterstimme) Sie sind der Mörder von Dr. Boss, Angeklagter, Sie haben kein Alibi!

Jonas: Weil man mich auf den einsamen Zentralfriedhof gelockt hat. Zwischen Mitternacht und Zwei. Moment Sammy, ich habe ein Alibi!

Sam: Häh?

Jonas: Die Friedhofsratte.

Sam: Igitt.

Jonas: Sie haben viele Namen: Penner, Streicher, Treber, Plastiktüter, Obdachlose, Unbehauste, aber meist nennt man sie Ratten, weil sie grau sind und schmutzig, und weil man sie überall findet, sogar auf dem Zentralfriedhof. Da hauste die Friedhofsratte, in einem verkommenen Familiengrab. Ein Mann von unbestimmtem Alter. Beim Warten hatte ich mich mit ihm unterhalten. Die meisten Menschen nehmen Ratten gar nicht zur Kenntnis. Jonas ist anderes, der spricht sogar mit ihnen. Nicht nur aus Menschenliebe. Für einen Detektiv kann es nützlich sein, wenn Ratten ihm was pfeifen. (Auf dem Zentralfriedhof) Das zerbröckelte Mausoleum war leer. Dunkelrote Flecken, noch ziemlich frisch auf den alten Zeitungen, unter denen mein Freund nachts schlief. Das mißfiel mir. Ich verschwand und tauchte in der Passage am Tigrisplatz unter. Da ist es nur nachts still. Tagsüber wimmelte es von Menschen. Ich hatte eine Idee: auch unter dem Tigrisplatz hauste eine Ratte.

Stadtstreicherin: Hast du ‘nen Schluck für mich, Sohnematz?

Jonas: Schluck nicht. Wie wär’s mit 5 Euros?

Stadtstreicherin: Noch besser. Du willst doch was, Sohnematz.

Jonas: Ich war eben drüben im Zentral. Was ist mit der Friedhofsratte? (Ich wollte ihn besuchen.)

Stadtstreicherin: Die Bullen. Heut’ Morgen. Na’ dann mach’s mal gut, Sohnematz.

Jonas: Moment!

Stadtstreicherin: Hä?

Jonas: Hast du heut nacht hier unten was mitgekriegt? 12 oder ‘n bißchen später.

Stadtstreicherin: Kann schon sein. Das kostet aber noch ‘nen Fünfer.

Jonas: OK. Pfeif mir was vor.

Stadtstreicherin: Hm. Ein Typ und ‘ne alte Frau, sind die große Treppe runtergekommen und da drüben stehengeblieben, vor dem Schaufenster vom äh Uhrenladen. 10 nach 12

Jonas: Haben sie dich gesehen?

Stadtstreicherin: Glaube ich nicht, Sohnematz. Ich war in meiner Ecke und so was wie mich sehen die gar nicht. Die haben geredet, und plötzlich holt der Typ ‘nen Laser raus und strahlt die Alte ab. Und dann ‘is er weg. Ich bin auch weg. Ich will keinen Ärger…

Jonas: Bigboss und ihr Mörder. Wie sah der Mann aus?

Stadtstreicherin: Normal. Nichts besonderes

Jonas: Ähnlichkeit mit mir?

Stadtstreicherin: Och, kein Stück. Er war kleiner und dünner und besser angezogen.
Hey, hey, hey. Finger weg.

Jonas: Wir beide suchen uns jetzt einen Notaromaten, und da erzählst du die Geschichte noch mal.

Stadtstreicherin: Mensch, laß mich los! Ich bin doch nicht blöd, Sohnematz. Bei so was hält’ man die Schnauze.

Jonas: Außer man kriegt was dafür. 20 Euros?

Stadtstreicherin: Ne, ne, ne, ich hab erst mal genug für Sprit. Zisch ab! Zisch ab, Sohnematz!

Jonas: Wie wär’s denn damit: erst gehen wir zusammen zum Notaromaten, und dann in den armen Schlucker, und da kannst du dir ziehen, soviel du willst. Ich zahle.

Stadtstreicherin: Auch die teuren Sachen?

Jonas: Auch die teuren Sachen.

Stadtstreicherin: Auch zum mitnehmen?

Jonas: Auch das.

Stadtstreicherin: Nanana, schlag keine Wurzeln, Sohnematz. Wir haben was vor.
(Im Notaromaten)

Jonas: In der Passage unter dem Tigrisplatz gibt’s alles, auch einen öffentlichen Notaromaten, in einer Nische hinter der Treppe, gleich neben dem Klo. Eine alte Anlage, enge Kabinen, miese Belüftung, und meine Begleiterin duftete nicht gerade nach Zimt und Nelken. Aber was tut man nicht alles für die Wahrheitsfindung, vor allem, wenn es um den eigenen Kopf geht.

Robot-Stimme: Verehrte Bürgerinnen und Bürger, seien Sie willkommen im öffentlichen Notaromaten der Stadt Babylon. Was Sie hier urkunden, wird in der Datenbank des notariellen Hauptamtes gespeichert, wo Sie es jederzeit abrufen können. (Für eine ordnungsgemäße Beurkundung bitten wir Sie darum) Bitte beachten Sie die vorgeschriebene Prozedur: Urkundende Personen sowie Zeugen haben sich zunächst zu identifizieren. Dieses geschieht auf folgende Weise: Sie nennen laut und deutlich Ihren Namen sowie Ihre Bürgernummer, Sie halten Ihren Ausweis vor den entsprechend markierten Sensorschirm, Sie plazieren Daumen und Zeigefinger der rechten Hand auf die entsprechend markierten Sensorfelder, sodann entrichten Sie die im Monitor angezeigte Gebühr. Nun können Sie urkunden, verehrte Bürgerinnen und Bürger. Fassen Sie sich kurz. Auf Ihre Kabine warten schon andere. (Es klopft)

Jonas: Besetzt. Suchen Sie sich eine anderen Kabine, oder warten Sie ein paar Minuten.

Tolliver: Warten liegt mir nicht, mein lieber Jonas.

Jonas: Tolliver!

Tolliver: Na, Sie wissen doch, Jonas, der Joker taucht immer dann auf, wenn man es nicht vermutet.

Stadtstreicherin: Das isser, das isser, Sohnematz, der von ‘heut Nacht! Der mit dem Laser!

Tolliver: Und den hat er auch jetzt bei sich.

Jonas: Was soll das? Stecken Sie den Laser weg, die Frau ist eine wichtige Zeugin, sie hat den Mord an Bigboss beobachtet. Oh.

Tolliver: Ha, ha, sieh mal an, gut, daß wir Sie nicht aus den Augen gelassen haben, Jonas. Und was Sie betrifft, meine Dame, Sie wissen zuviel, wie es in der einschlägigen Literatur heißt. Ich lese nämlich auch alte Kriminalromane.
(Zischen eines Lasers, die Ratte stöhnt auf)

Stadtstreicherin (sterbend): Ich hätt’ die Schnauze halten sollen, Sohnematz.

Tolliver: Lobenswerter Vorsatz, meine Dame, leider zu spät. So, dieses war der erste Streich, und der zweite folgt sogleich.

Jonas: Sie haben Bigboss umgebracht, Tolliver.

Tolliver: Na bis Sie mal was merken, mein lieber. Haben Sie die letzten Nachrichten gehört? Nein? Zwei hochinteressante Meldungen. Die Fertigungsanlage von McCoy in der östlichen Vorstadt ist in die Luft geflogen. Ein Vergeltungsschlag von Chips, wie man vermutet. Für den Mord an Dr. Boss. Jetzt hat er angefangen, der heiße Krieg zwischen den Hardwaregiganten. Und die Kurse von Chips und McCoy sind in den Keller gefallen. Sie sehen Jonas, Unternehmen Belzebub läuft wie geplant.

Jonas: Das müssen Sie mir schon ein bißchen genauer erklären, Tolliver.

Tolliver: Kommissar Tolliver bitte! Kommissar Tolliver von der Kartellpolizei. Seit einem halben Jahr in geheimer Mission bei Chips, um Belzebub vorzubereiten.

Jonas: Der Mord an Bigboss ist eine Aktion der KaPo?

Tolliver: Aber ja doch. Um den heißen Firmenkrieg auszulösen. Chips und McCoy sind zu groß geworden. Marktbeherrschung. Preisdiktat usw. Jetzt kriegen sie sich gegenseitig klein. Wir haben nur für den Anstoß gesorgt.

Jonas: Deshalb der Name.

Tolliver: Ja natürlich. Wir treiben den Teufel mit Belzebub aus. Und wo wir schon dabei sind gleich noch ein Spruch: Wo gehobelt wird, fallen Späne.

Jonas: Ich verstehe. Bigboss, die arme Ratte…

Tolliver: Und Sie, Jonas. Mein Laser wird Ihnen ein kleines Loch in die Stirn brennen. Das dritte Auge der tibetanischen Lamas. (Kommissar Brock taucht auf)

Brock: Nicht so schnell, Kommissar, runter mit dem Laser. Davon war nie die Rede.

Jonas: Brock! Hätte nie gedacht, daß ich mich mal freuen würde, Sie zu sehen.

Brock: Sie heuern Jonas an, Tolliver, er findet den Hinweis auf McCoy und gibt die Sache bekannt, weil man ihm eher glaubt als uns. Dann legen wir ihn ein paar Tage auf Eis, bis Belzebub richtig läuft. So war es verabredet zwischen Kripo und KaPo. Keine Rede davon, daß ihm der Mord angehängt wird, oder daß er umgelegt werden soll.

Tolliver: Auf der Flucht erschossen, Chefinspektor, die sauberste Lösung.

Brock: Kommt nicht in Frage. Ich seh nicht mit an, wie Sie ihn cool ablasern.

Jonas: Danke Bröckchen, danke, Sie sind ein Engel!

Brock: Bilden Sie sich bloß nichts ein, Jonas.

Tolliver: Wenn Sie sich auf diesen Standpunkt stellen, muß ich Sie daran erinnern, daß ein Kommissar höher steht als ein Chefinspektor, und daß Sie Anweisung haben loyal mit der KaPo zusammenzuarbeiten. Halten Sie sich raus, überlassen Sie Jonas mir! Sie haben schon genug Mist gebaut. Wer hat den HoloNews viel zu früh benachrichtigt?

Brock: Spielt doch keine Rolle. Und Ihren Rang können Sie sich in die Haare schmieren, Herr Kommissar. Jonas kommt mit zur Sicherheitsverwaltung. Pauly!

Pauly: Chef?

Brock: Nehmen Sie dem Herrn Kollegen den Laser ab.

Pauly: Jawoll, Chef.

Tolliver: Das wird Konsequenzen haben, Chefinspektor. In einer halben Stunde bin ich Ihrem Büro, das verspreche ich Ihnen, mit einer Sondervollmacht. Und dann nehme ich Jonas mit, und meinen Laserstrahler auch. Aufgeschoben, Jonas, nicht aufgehoben.

Jonas: Au, ohha, ahhh. Mir wird schlecht.

Brock: Tun Sie sich keinen Zwang an.

Jonas: Nein, ahh, lassen Sie mich ins Klo. Nebenan.

Brock: OK. Sie gehen mit, Pauly!

Jonas: Für einen Bullen war Pauly ein zurückhaltender Mensch. Er blieb im Vorraum, wusch sich die Hände und bewunderte im Spiegel seine Schönheit. Alle Kabinen waren leer. Wurde ja auch Zeit, daß ich mal Glück hatte. Ich suchte mir die aus, die am weitesten vom Vorraum entfernt lag, wankte rein, schob den Riegel vor. Und dann war ich plötzlich wieder kerngesund. Ich zog die Schuhe aus und stellte sie so vor den Sitz, daß man sie von draußen sehen konnte. Die Türen waren einen halben Meter über dem Boden zuende, die Trennwände auch. Ich kroch leise unter allen Kabinen durch, bis zur letzten, der Kabine, die direkt neben der Tür zum Vorraum lag. Da klemmte ich mich zwischen die Wände wie ein Bergsteiger im Kamin und wartete, bis der zurückhaltende Pauly die Geduld verlor.

Pauly: Was machen Sie denn da so lange, Jonas? (klopft an die Tür) Kommen Sie raus! Kommen Sie raus!

Jonas: Pauly sah, was er sehen sollte: die verriegelte Kabine und meine Schuhe. Er merkte nicht, daß Jonas die Tür einer ganz anderen Kabine öffnete und sich hinter ihn schlich. Dann ein Standardgriff aus der Guerillaschule, Pauly verlor die Luft, die Besinnung, und vermutlich auch das Vertrauen in die Menschheit.

Sam (singend): Der arme alte Plattfuß ist müde vom Marschieren, Marschieren, ist müde vom Marschieren.

Jonas: Na so was. Sammy ist wieder da. In letzter Zeit hast du dich ja sehr zurückgehalten, mein Guter.

Sam: Na und? Kriechen, schleichen, Luft abdrehen, das macht mein Meister alleine aus dem Bauch. Elektronischen Rats vermag er dabei zu entbehren. Und ohne Zweifel wird eure Findigkeit sich auch weiterhin zu helfen wissen.

Jonas: Du meinst, wie wir hier herauskommen, bevor Brock ungeduldig wird?

Sam: Ja.

Jonas: Ich denke durch den Luftschacht im Vorraum.

Sam: Ja.

Jonas: Du rufst inzwischen die Baupläne der Häuser um den Tigrisplatz ab, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Damit wir wissen wo wir landen.

Sam: Ja.

Jonas: Und wie’s dann weitergeht.

Sam: Glück auf, Herr Obersteiger!

Jonas: Der Schacht führte nach oben, in einen Lichthof, so groß wie ein Badelaken. Rings herum kahle Mauern bis in den Himmel, und eine Tür. Ich machte sie auf.

Sam: BING! Erdgeschoß. Damenbekleidung. Herrenartikel. Sonderangebote. Wünscht jemand auszusteigen?

Jonas: Das Wunderland, Sam!

Sam: So ist es, kleine Alice, Babylons neuestes und schönstes Kaufhaus.

Jonas: Dann wollen wir mal im Gewühl untertauchen, Sammy.

Sam: Aber ein bißchen plötzlich, wenn ich bitten darf, eure Behäbigkeit, wie es scheint, ist Chefinspektor Brock uns bereits auf der Spur, will sagen: im Lichthof.

Brock: Halt, bleiben Sie stehen Jonas!

Jonas: Lieber nicht. (Jonas geht los) So, vom Regen in die Traufe sagt man dazu. Hinter uns Brock und vorn Richtung Ausgang mein spezieller Freund Tolliver, mit ein paar unfreundlichen Typen in schwarzen Overalls mit gelben C auf der Brust.

Sam: Sicherheitsorgane von Chips Inc.

Jonas: Du sagst es, Sammy. Wir sitzen in der Falle. Wenn nicht was unerwartetes passiert, so was wie ein Ablenkungsmanöver im großen Stil. Du hast die Pläne fürs Wunderland Sam?

Sam: Klar Chef.

Jonas: Wo ist der nächste Hitzesensor?

Sam: Einen Augenblick, eure Dringlichkeit, piep. Herrenartikel, 2. Umkleidekabine von rechts.

Jonas: Bring mich hin!

Sam: Bitte mir zu folgen, Sir. Geradeaus… links… wieder links… ganz rechts.

Jonas: Heute war ein Tag der Kabinen: erst der Notaromat, dann das Klo und jetzt das Wunderland. Hier war allerdings jemand drin. Ein fetter Greis, der sich abmühte, einen gelb-grün geringelten Synthiwollpullover über seinen Wanst zu ziehen.

Kunde: Entschuldigen Sie, das ist meine Kabine.

Jonas: Zu klein, Sie brauchen mindestens 56. Außerdem, gelb-grün steht Ihnen nicht, macht Sie alt, und zu dick.

Kunde: Also erlauben Sie mal, verlassen Sie meine Kabine!

Jonas: Nach Ihnen. Wo ist der Sensor, Sammy?

Sam: Rückwand rechts unten. Hinter der Bespannung.

Jonas: Aha. Haben Sie Feuer?

Kunde: Ja, ein Feuerzeug. Wieso?

Jonas: Geben Sie her! Na wird’s bald?

Kunde: Bitte.

Jonas: Besten Dank.

Kunde: Was äh, was machen Sie da?

Jonas: Feuer! Sehen Sie doch. Direkt an diesem hochmodernen und hoffentlich auch hochempfindlichen Hitzesensor.

Kunde: Ja warum denn?

Jonas: Darum!

Kunde: Mein Gott, mein Gott! Feueralarm! Feuer! Hilfe! Feuer! Hilfe! (läuft davon)

Sam: Jetzt rennt er, hähähä.

Jonas: Es war ein Höllenspektakel. Die Sirenen heulten. Menschen schrien und drängten sich durch die Ausgänge. Brock, Tolliver und Konsorten wurden mitgeschwemmt, ob sie wollten oder nicht. Die Panik dauerte Minuten. Allmählich wurde es ruhiger. Schließlich Stille. Nur die Sprinkler liefen noch und rauschten wie ein ferner Regen.

Sam: Hähä. Hähähä. Darf ich Herrn Oberbranddirektor beglückwünschen? Eine geradezu geniale Idee. (wienerisch) Ja, a bisserl laud vielleicht.

Jonas: Du kannst dir gern was leiseres ausdenken, Sam. z.B. wo wir uns verstecken können. Die Feuerwehr ist im anrollen und wie ich Tolliver und Brock kenne, werden sie nach dem ersten Schreck sehr bald zurück kommen. Wohin Sammy? Nach Hause können wir nicht. Zu gefährlich. Casablanca? Dito. Nochmal der arme Schlucker?

Sam: Sam erlaubt sich abzuraten. Denn siehe, es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget. Majestät benötigen eine Schlafgelegenheit.

Jonas: Judiths Wohnung? Nein geht auch nicht.

Sam: In Anbetracht der weithin bekannten spezifischen Beziehungen, welche zwischen meinem Herrn und jener Dame obweilt…

Jonas: Sam!

Sam: Ja. Dürfte ihr Domizil bewacht sein. Ihre Arbeitsstätte jedoch…

Jonas: Judith Büro in der Sicherheitsverwaltung!

Sam: Die Höhle des Löwen, Wahna. Dort mutmaßt ihn niemand, den großen weißen Jäger.

Jonas: Gut gedacht, Sammy, aber in Judiths Büro kommt man nur mit Judiths Paßscheibe und Judiths Paßscheibe, Moment mal, Sam, die habe ich! Hier in der Tasche klar. Judith wollte sie eigentlich mitnehmen hat es sich dann aber auf dem Flughafen anders überlegt und sie mir geben. Hab ich fast vergessen.

Sam: Wenn es eurer zerebralen Zähflüssigkeit nur jetzt wieder eingefallen ist. Rate rapiden Rückzug rüstiger Recke! Na, nicht zur Türe. Willst du den Bullen in die Hörner laufen, trüber Torero?

Jonas: Muß wirklich nicht sein Sam, aber wo soll ich hin?

Sam: Nach oben, bis es nicht weitergeht, und dann, horizontal. Ja, über die Dächer von Babylon.

Jonas: Ein sicherer Weg, wenn auch mühsam, vor allem im Dunkeln. Keine Zwischenfälle. Auch nicht in der Zentrale der Sicherheitsverwaltung. Ich benutzte Seitentür und Treppe, nicht Haupteingang und Fahrstuhl, und unterwegs war ich vorsichtig. Nicht zu sehr, Brock und Tolliver waren sicher noch im Wunderland und suchten nach Jonas. (In Judith’s Büro) In das Büro einer Hauptabteilungsleiterin bei der Sicherheitsverwaltung paßt mein’s mehrmals rein. Ganz abgesehen von der Luxusausstattung: Teppichboden, schallisolierte Wände, Badezimmer, Kühlschrank, Hausbar. Hier konnte es ein gejagter Privatdetektiv schon eine Zeitlang aushalten. Ich machte es mir bequem und beschäftigte mich mit der Senkung von Judiths Whiskypegel. (Am nächsten Tag) Am frühen Morgen wachte ich auf, mit den üblichen Magenschmerzen, aber der Kopf war klar, und das war gut so, denn jetzt mußte ich das tun, wozu ich am letzten Abend zu müde gewesen war: nachdenken. Mit Sam natürlich.

Sam: Wenn’s recht ist, wird Sam kurz rekapitulieren.

Jonas: Schieß los, Sammy!

Sam: Also, Unternehmen Belzebub ist eine offizielle Aktion der Kartellpolizei in Zusammenarbeit mit der Kripo. Ziel: mit allen Mitteln, auch illegalen, eine überhandnehmende Konzentration auf dem Hardwaresektor zu beseitigen und die zwei marktbeherrschenden Produzenten durch einen zwischen ihnen ausgelösten Firmenkrieg entscheidend zu schwächen.

Jonas: Hhm, präzise formuliert, Sam.

Sam: Erster Schritt: Kommissar Tolliver von der KaPo wird bei Chips Inc. eingeschleust.

Jonas: Hhm.

Sam: Zweiter Schritt: Tolliver tötet Bigboss von Chips. Dritter Schritt: Mein Meister, von Tolliver beauftragt, den Mord aufzuklären, entdeckt, was er entdecken soll: einen fabrizierten Hinweis, der das Konkurrenzunternehmen McCoy belastet, oh Schmach, oh Schande, oh grauslige Tat.

Jonas: Jetzt übertreibst du aber Sam, bloß weil du ein McCoy-Produkt bist.

Sam: Es steht geschrieben: (priesterlich) Du sollst Vater und Mutter ehren.

Jonas: Vergiß nicht, McCoy hat dich verstoßen und verramscht. Weiter im Text: wenn die Polizei was verlautbart, glaubt ihr kein Mensch, deshalb haben sie mich in die Sache reingezogen, als nützlichen Idioten.

Sam: Sam kann leider nicht widersprechen.

Jonas: Und darum mußten sie vorher Judith auf Dienstreise schicken, damit sie mich nicht warnen konnte. Hhm. Soweit ist der Fall klar, Sammy. Jetzt kommt der unklare Teil: warum hat Tolliver versucht, mir den Mord an Bigboss anzuhängen? Und warum wollte er mich umbringen?

Sam: Es handelt sich hier auf gar keinen Fall um eingeplante Bestandteile der offiziellen Aktion Beelzebub. Ansonsten wäre Chefinspektor Brock informiert gewesen.

Jonas: Der gute Brock. Seit heute Nachmittag habe ich ihn richtig gern.

Sam: Jetzt übertreibst du, Kumpel.

Jonas: Soll sein, Sammy. Also, ein Alleingang von Freund Tolliver. Warum?

Sam: Euer Treuherzigkeit gelten als anständig und sauber und hartnäckig. Über all diese Eigenschaften war Tolliver bestens informiert, durch den Schmiergeld-Fall.

Jonas: Du meinst, er hat Angst, ich krieg was raus über ihn?

Sam: Die einzig mögliche Erklärung seines Verhaltens, oh Leuchte aller Detektive. Tolliver hatte etwas zu verbergen.

Jonas: Was Sammy? Was?

Sam (im Tonfall eines preußischen Generals): Vorschlag zur Jüte, Herr Kamerad: Schlagen wir Haken. Pirschen wir uns von hinten an feindliche Stellung.

Jonas: Das mach mir mal vor, Sammy.

Sam: Mit Vergnügen, Herr Kamerad. Frage: Wenn Kurse von Chips und McCoy fallen, wer profitiert?

Jonas: Vermutlich andere Firmen, kleinere. Sieh doch mal in die Börsenaufstellung von heute, spaßeshalber.

Sam: Schon passiert. Der bisher drittgrößte Hardwareproduzent, HardCore mit Namen, hat einen gewaltigen Kurssprung gemacht, nach oben, um gut 17 Punkte.

Jonas: Sammy, ich hab’ einen Geistesblitz!

Sam: Ist es denn die Möglichkeit, oh du mein spirituelles Donnerwetter?

Jonas: Wir sitzen hier wie die Maden im Speck. Überall kommen wir ran. An all die Bänke, Speicher und Datotheken, auch wenn sie geheim sind und nicht für jeden zugänglich. Wenn wir feststellen könnten, daß jemand vor nicht allzulanger Zeit eine größere Menge Aktien der Firma Hardcore gekauft hat, vielleicht sogar die Majorität.

Sam: Ein Jemand mit dem Namen Tolliver.

Jonas: Und genau das stellten wir fest. Es war nicht leicht und es dauerte seine Zeit. Tolliver hatte seine Spuren gut verwischt. Hätten wir nicht gewußt, was wir suchten, wären wir ihm wohl kaum auf die Schliche gekommen. Jetzt war alles klar.

Sam: Das also war des Hasen Kern.

Jonas: Ja, Sammy. Da liegt der Pudel im Pfeffer. Tolliver hat sein Wissen über Aktion Belzebub ausgenutzt, um sich finanziell Gesund zu stoßen. Hm, wenn das Chefinspektor Brock wüßte.

Sam: Hehe, wollen wir’s ihm sagen, Genosse? Hä?

Jonas: Eine Stunde später rief Chefinspektor Brock bei der Kartellpolizei an.

Brock: Tolliver? Brock hier. Wir haben Jonas geschnappt. Hier. Ja Sie können ihn haben. Gut, alles klar. – Es klappt. Er kommt rüber!

Jonas: Und noch eine Stunde später erschien Kommissar Tolliver von der KaPo bei Chefinspektor Brock von der Kripo. (Tolliver kommt herein)

Tolliver: Wo ist er?

Brock: Jonas? Im Nebenzimmer.

Tolliver: Mein Laser! Sie haben noch meinen Laser!

Brock: Pauly!

Pauly: Chef?

Brock: Geben Sie ihm seinen Laserstrahler!

Pauly: OK, Chef! Hier, Ihr Laser.

Tolliver: Danke. (Tolliver geht ins Nebenzimmer)

Jonas: Tolliver!

Tolliver: Na, wissen Sie noch, Jonas, aufgeschoben, nicht aufgehoben.

Jonas: Ich weiß noch was, Tolliver. Ich weiß von dem dicken Paket Hardcore-Aktien, das Sie vor drei Tagen gekauft haben, als der Kurs noch ganz niedrig war.

Tolliver: Ach, wirklich? Schade, daß Sie nicht eher drauf gekommen sind, Jonas. Jetzt nutzt es Ihnen gar nichts mehr. Nur Sie und ich wissen von dem Aktienkauf, und Sie, mein Lieber, werden gleich nichts mehr davon wissen, Sie werden überhaupt nichts mehr wissen. (Tolliver versucht Jonas zu erschießen, aber der Laserstrahler funktioniert nicht) Ach was ist denn? Warum geht denn das nicht?

Jonas: Lassen Sie Ihren Laserabzug ruhig wieder los, Tolliver. Brock hat das Ding entladen.

Tolliver: Entladen? Warum? (Brock kommt herein)

Brock: Weil Brock über Sie Bescheid weiß, Tolliver.

Jonas: Und Brock ist nicht der einzige.

Brock: Pauly ist auch informiert, und die Sicherheitsleitung.

Jonas: Und Alca Selzer von Holonews.

Tolliver: Nein! (Tolliver rennt zum Fenster)

Brock: Weg vom Fenster Tolliver! Aus dem Weg Jonas! Weg vom Fenster, oder ich schieße! (Brock erschießt Tolliver) Auf der Flucht erschossen. Die sauberste Lösung. Lassen Sie ihn wegschaffen Pauly!

Pauly: Jawoll, Chef!

Brock: Und Sie verschwinden auch, Jonas. Diesmal haben Sie Glück gehabt. Beim nächsten mal halten Sie sich ganz von Anfang an raus!

Sam: Wieder ganz der Alte, unser Brrock.

Jonas: Ich ging nach Hause. Mein dummes Gefühl war immer noch da. Merkwürdig. Der Fall war doch zu Ende. Ein böses Ende, für einen bösen Fall. Tolliver war tot. Wie Bigboss und wie die Ratte vom Tigrisplatz. Chips und McCoy bekriegten sich. Und Brock war sauer, wie immer. Niemand hatte was von der Sache gehabt.

Sam: Mit Ausnahme meines Herrn und Meisters.

Jonas: Sicher, Sammy, eine verkorkste Nacht und einen dito Tag.

Sam: Und 4000 Euros, welche der selige Tolliver auf dero Wohlhabenheit Konto überwies, zwecks Untermauerung der Sündenbock-Rolle.

Jonas: Freu dich nicht zu früh, Sam. Wenn die Polizei den Fall genauer untersucht, werden wir das Geld ganz schnell wieder los.

Sam: Sofern es noch vorhanden ist, oh geruhsamster aller Durchblicker.

Jonas: Was heißt das?

Sam: Na was schon? Wir setzen es um, in Sachwerte! Speis und Trank, Malt Whiskey, Kaviar.

Jonas: Eier und Schinken! Bohnenkaffee! Brötchen und Butter. Ein Bogie-Hut. Schuhe aus echtem Leder. Und vielleicht sogar eine Chandler Erstausgabe.

Sam: Sam könnte übrigens ein paar neue Mikrochips brauchen.

Jonas: Aber nicht von Hardcore.

Sam: Also dann, junger Mann. Geh’n’ wir Shopping!

Das war Sündenbock. Eine Folge aus der Science-fiction-Krimiserie DER LETZTE DETEKTIV von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Es wirkten außerdem mit: Hans Korte, Claudius Zimmermann, Andrea Lukas, Rita Russek, Nino Korda, Frank Petzelt und viele andere (Matthias Gollowsky, Karin Frei). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1986). Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Todestour

Judith: Jonas?

Jonas: Was ist? Zeit zum Aufstehen?

Mann: Ruhe. Kein Wort, keine Bewegung. Sie befinden sich im Bereich akuter polizeilicher Notstandsmaßnahmen.

Mann: Verhalten Sie sich ruhig, dann passiert Ihnen nichts.

Jonas: Ich verhielt mich ruhig. Das fällt mir nicht schwer, wenn sechs Typen mit Laserstrahlern auf mich zielen. Sechs Typen in schwarzen Kampfanzügen und schwarzen Schutzhelmen. Bei solchen Weckern kann ein sensibler Mensch schon das Flattern kriegen. Zum Glück bin ich nicht sensibel. Und außerdem Kummer gewohnt. Normalerweise weckt mich Sam. Aber ich war sauer. Judith war bei mir. Ausnahmsweise. Und Judith war von meinem Weckdienst gar nicht begeistert. Das sah ich ihr an. Und ich sah noch was. Durch meinen leeren Türrahmen spazierte eine prachtvolle Uniform. Rot und Gold. Lametta und Sterne, wo es sich nur machen ließ. Bei Jonas war heute Tag der offenen Tür.

Mann: Melde gehorsamt, Herr Oberst, Befehl ausgeführt. Objekt Jonas wach und gesprächsbereit. Nebst einer weiteren noch nicht identifizierten Person.

Judith: Oberst Frank?

Frank: Frau Delgado? Sehe ich recht? Welch angenehme Überraschung, werte Kollegin.

Judith: Sie erwarten doch wohl nicht, daß ich ganz meinerseits sage, werter Kollege.

Frank: Aber wie hätte ich denn ahnen können, werte Kollegin. Hauptabteilungsleiterin Judith Delgado von der zentralen Sicherheitsverwaltung und dieser… dieser Jonas. Pikant.

Judith: Sie werden unverschämt, werter Kollege.

Frank: Werte Kollegin, ich bitte Sie. Glauben Sie mir, hätte ich von dieser Ihrer Be-ziehung gewußt, wäre mein entree anders ausgefallen, leiser und nicht so so abrupt.

Jonas: Rührend. Wer ist dieser aufgedonnerte Weihnachtsbaum, Judith?

Frank: Gestatten Sie, Oberst Frank von der Terrorpolizei. Ich möchte mich mit Ihnen unterhalten. Jonas.

Jonas: Ach ja? Und deshalb schicken Sie mir sechs Radaubrüder in voller Kriegsbemalung auf den Hals?

Frank: Unsere Sondereinheit SSA 9. Direkt. Druckvoll. Durchschlagend. Drahtig.

Jonas: Rauh, aber herzlich. Also vergessen.

Frank: Eventuell ein ganz klein wenig übereifrig die Jungs. Na ja, besser als zu lahm. Zugführer?

Mann: Herr Oberst befehlen?

Frank: Aktion beendet. Abrücken.

Mann: Befehl, Herr Oberst, zum Abmarsch angetreten. Marsch marsch.

Jonas: Die drahtigen Jungs von SSA 9 rückten ab, so geräuschvoll, wie sie aufgetaucht waren. Wir, Judith und ich, zogen uns was an, Oberst Frank guckte aus dem Fenster und pfiff sich eins, ich war immer noch sauer, und neugierig. Was wollte die Terrorpolizei von Jonas?

Frank: Hab ich doch gesagt, Jonas, mit Ihnen reden.

Jonas: Machen sie’s kurz, es zieht, ein paar dämliche Bullen haben mir Tür und Fenster eingeschlagen.

Frank: Ach mein Gott, den kleinen Schaden werden wir Ihnen selbstverständlich ersetzen.

Jonas: Worüber?

Frank: Bitte?

Jonas: Worüber reden wir?

Frank: O ja natürlich, Über die KBF, die sogenannte Kusbekische Befreiungsfront.

Jonas: Nur zu, wenn ich auch nicht wußte, was ich mit diesen Leutchen zutun haben sollte. Terroristen, Bombenleger, kein Umgang für Jonas. Erst vor ein paar Tagen hatten sie in Babylon zugeschlagen im Museum für internationale Kulturgeschichte, der Verwaltungstrakt war in die Luft geflogen. Zwölf Tote, mehrere Verletzte, der übliche Sachschaden, und auch sonst das übliche, keine Spur, keine Festnahme. Die Terrorpolizei hatte offenbar anderes zu tun, zum Beispiel Jonas aus dem Bett zu holen.

Frank: Nach meinen Informationen werden Sie inkürze Kusbekistan besuchen Jonas.

Judith: Kusbekistan? Jonas warum weiß ich nichts davon?

Jonas: Weil ich auch nichts weiß, Judith, was soll ich in Kusbekistan.

Frank: Glauben sie mir Jonas, sie werden nach Kusbekistan fahren, und dabei, das ist unser Anliegen, dabei sollen Sie für uns die Augen aufhalten, wir interessieren uns für alles, was die KBF betrifft. Aktivitäten, Hintergrund, Verbindungen mit Europa, Namen, Adresse.

Jonas: Apropos Adresse, Oberst Frank, Sie sind an der falschen. Ich bin kein Polizist, erst recht kein Spion.

Jonas: Ich bin Jonas, nur Jonas, Privatdetektiv, der letzte vom Stamm der Sam Spade und Phil Marlowe, nicht ganz so gut und nur mäßig erfolgreich, die Zeiten haben sich geändert, die Detektive auch. Aber ich gebe mir Mühe. Ich halte die Stange hoch, auch wenn keine Fahne mehr dran ist, vielleicht war nie eine dran. Vielleicht bin ich bloß eine komische Figur. Das macht nichts. Jonas der letzte Detektiv hat seinen Stolz.

Frank: Aber das ist es doch gerade, Jonas, Sie werden von anderer Seite einen Auftrag bekommen, völlig offen, ganz korrekt, Sie werden als Privatdetektiv nach Kusbekistan fahren, dort ihre Arbeit tun und für uns nur nebenbei tätig sein, in ihrer Freizeit sozusagen. Absolut ungefährlich, das versichere ich ihnen, geheimdienstmäßig sind Sie unbekannt, ein Amateur, ein Außenseiter, eine graue Maus, wie wir Fachleute sagen, und Sie werden gut bezahlt, Jonas. Für freie Mitarbeiter ihres Kalliebers haben wir einen Sonderfond aus Spenden der privaten Wirtschaft, aber das muß unter uns bleiben. Also Jonas, was halten sie davon?

Jonas: Gar nichts.

Frank: Sehr richtig, Jonas, sagen Sie jetzt noch nichts, lassen Sie sich mein Angebot durch den Kopf gehen. Sie hören von mir. Werte Kollegin.

Judith: Oberst Frank.

Frank: Hat mich gefreut. Bis bald, Jonas.

Jonas: Kusbekistan eine Reise in den sonnigen Süden so verkehrt wär das gar nicht.

Jonas: Wir hatten November, den 20. November 2010. Das Wetter in Babylon war entsprechend: naß, kalt, windig. In einem Wort mies. Die Klimaregulatoren waren wieder mal ausgefallen wie üblich, und Kusbekistan lag im Orient, da wo die Sonne scheint, wo es Palmen gibt und blaue Lagunen.

Judith: Und giftige Schlangen und Sandstürme, nicht zu vergessen Guerillas, Terror und Bürgerkrieg. Du hast mir was versprochen Jonas.

Jonas: Ja schon.

Judith: Wir hatten vereinbart, daß wir zusammen ans Nordmeer fahren, nach Babelshafen.

Jonas: Da ist es ja noch kälter. Wollen wir nicht lieber nach Kusbekistan?

Judith: Danke. Kusbekistan ist mir zu heiß, in jeder Beziehung.

Jonas: So schlimm wird schon nicht sein. Sam?

Sam: Sie haben geläutet, Sir?

Jonas: Sam ist mein Computer. Er besteht aus zwei Einheiten, aus dem großen Speicher in meinem Büro und aus Sam zwo, dem guten Rat im Miniformat für die Hosentasche. Sam weiß, was ich nicht weiß, das ist seine Aufgabe, seine existentielle Motivation, würde er sagen, so spricht er, so und noch schöner, gelehrt und geläufig, stark überprogrammiert und leicht unterbelichtet, und voll von Informationen, z.B. über Kusbekistan.

Sam: Wisse o Beherrscher der Gläubigen, daß Kusbekistan ein Land ist, welches im Orient gelegen ist und sich zwischen dem Mittelländischen Meere, den Wüsten Arabiens und dem persischen Hoch… Hoch… Hochgebirge erstreckt, ins Licht der Historie trat Kusbekistan…

Jonas: Geschichte und Geographie brauchen wir nicht, nur die aktuelle Situation. Kurz und Knapp.

Sam: Jawoll Chef ist geritzt: souveräner Staat erst seit einem Jahr, vorher Bestandteil der Vereinigten Großislamischen Republik, Lage derzeit unübersichtlich, da Bürgerkrieg mit mind. 9 sich bekämpfenden Parteien.

Judith: Da hörst du’s.

Sam: Regierung unterstützt von Europa und Amerika, sodann Christen, Sunniten, Schiiten, Ismaeliten, nationale Marxisten, internationale Marxisten, provisorisch republikanische Mudschaheddin, und Kusbekische Befreiungsfront, letztere religiös wie politisch unabhängig, bildet größte und geschlossenste Gruppierung. Desweiteren…

Judith: Das reicht Sam.

Sam. Ja.

Judith: Und in so einen Hexenkessel willst du deine Nase stecken?

Jonas: Für Oberst Frank und die Terrorpolizei ganz bestimmt nicht, aber wenn ein interessanter Auftrag kommt.

Sam: Es tönt das Fon, da ist er schon, der Auftrag mein ich.

Jonas: Schön wär’s. Ja?

Mann: Hier spricht das Ministerium für Kultur und Bildungspolitik, Sie werden verbunden mit dem Dezernenten für Museen und kulturellen Austausch, Herrn Staatssekretär Dr. Gödel Escherbach. Bitte sehr.

Jonas: Ja?

Escherbach: Escherbach. Herr Jonas?

Jonas: Höchstpersönlich.

Escherbach: Sie sind Privatdetektiv.

Jonas: Der letzte.

Escherbach: Ach wirklich. Sind Sie zur Zeit frei, Herr Jonas?

Jonas: Ich will’s mal so sagen: Ich könnte noch einen Auftrag übernehmen.

Escherbach: Auch wenn Sie dazu verreisen müßten? Ins Ausland.

Jonas: Sagen Sie bloß nach Kusbekistan.

Escherbach: Ja, woher wissen Sie?

Jonas: Mein lieber Watson, ich habe meine Methoden. Worum geht es?

Escherbach: Am Fon möchte ich nicht darüber sprechen. Können Sie zu mir kommen ins Ministerium?

Jonas: Wann?

Escherbach: Jetzt gleich. Wenn es möglich ist.

Jonas: Es war möglich. Auch wenn Judith sich alle Mühe gab, mir die Sache auszureden. Das Ministerium für Kultur und Bildungspolitik war ein schäbiges Gebäude aus der bösen alten Stahlbetonzeit in einer schäbigen kleinen Straße hinter dem van-Dusen-Platz, und innen ging es so weiter, ein schäbiger Pförtner in einem schäbigen Foyer, schäbige Flure und Vorzimmer, und ein schäbiger Raum, in dem Herr Staatssekretär Dr. Gödel Escherbach aus dem Rahmen fiel. Er war nämlich kein bißchen schäbig, im Gegenteil, er war das titelblattreife Produkt internationaler Zusammenarbeit: Anzug aus London, römische Schuhe, After Shave aus Paris, Zähne aus Hongkong, hausgemachte Glatze. Alles in allem teuer und gediegen. Dafür hatte er an der Ausstattung seines Arbeitszimmers gespart, ein Uralt-Computer noch ohne Vokoder und ein noch älterer Diaprojektor, zweidimensional, eine echte Antiquität.

Escherbach: Was meinen Sie, Herr Jonas, wie oft ich schon einen modernen Holoset beantragt habe, aber die Etatsituation auf dem Kultursektor. Sie wissen ja wie das ist.

Jonas: Keine Ahnung. Hausbar haben Sie wohl auch nicht.

Escherbach: Hausbar?

Jonas: Was zu trinken für Ihre Gäste. Whisky zum Beispiel.

Escherbach: Ich verstehe, bedaure sehr, Herr Jonas, ich könnte Ihnen vielleicht ein Täßchen Soja…

Jonas: Vergessen Sie’s. 90 Euros pro Tag und Spesen.

Escherbach: Ihr Tarif, Herr Jonas, nicht eben wenig, aber ich denke wir werden es erschwingen können. Immerhin geht es ja um erhebliche Werte.

Jonas: Wenn Sie das sagen, Dr. Escherbach. Und 20 % Auslandszuschlag, falls ich tatsächlich nach Kusbekistan muß.

Escherbach: Ja das wird sich nicht vermeiden lassen, Herr Jonas.

Jonas: Also Whisky gibts nicht, Geld ist klar, was kann ich für sie tun Dr. Escherbach.

Escherbach: Ja eine komplexe Materie, Herr Jonas, wie soll ich anfangen.

Jonas: Mit dem Anfang, Dr. Escherbach, alte Bauerregel.

Escherbach: Ja gewiß. Also vor einem Jahr, am 11. Dezember 2009, das war der Tag, an dem der Staat Kusbekistan gegründet wurde, mit den üblichen Formalitäten, Staatsakt in der Hauptstadt Chamra, große Militärparade, Fahnenweihe, eine Festausstellung im Nationalmuseum, äh können Sie mir folgen Herr Jonas.

Jonas: Es geht grad noch.

Escherbach: Äh ja, Kern und Prunkstück dieser Ausstellung war der sog. Schatz des Königs Dagon, um 1600 v.Ch, unser großer Archäologe Huhmann hat ihn seinerzeit ausgegraben in der Kusbekischen Wüste, ein Ensemble von unschätzbarem Wert, Herr Jonas, historisch, künstlerisch und auch materiell. Statuetten, Waffen, Schmuckstücke, ein weltberühmtes Spektorale in meisterhafter Goldschmiedarbeit.

Jonas: Was immer das sein mag. Ich bin Privatdetektiv, Dr. Escherbach, kein Archäologe, kommen Sie zur Sache.

Escherbach: Der Schatz des Königs Dagon gehört uns, Herr Jonas, Huhmann hat ihn damals nach Babylon gebracht, und seitdem befindet er sich in unserem Museum für internationale Kulturgeschichte.

Jonas: Wo neulich die Bombe hochgegangen ist, von der Kusbekischen Befreiungsfront.

Escherbach: Ja richtig, ich hätte sagen sollen, er befand sich im Museum, jetzt ist er nämlich in Kusbekistan, der Schatz des Königs Dagon, wir haben ihn den Kusbeken geliehen zur Feier der Staatsgründung, schweren Herzens, das kann ich Ihnen versichern, Herr Jonas, aber weil Kusbekistan doch mit uns verbündet war.

Jonas: Und jetzt ist ihr Schatz weg nehme ich an.

Escherbach: Ja so ist es, Herr Jonas, leider. Gleich nach der Staatsgründung brach in Kusbekistan Bürgerkrieg aus, alles ging und geht drunter und drüber, jeder schießt auf jeden, Terror, Chaos, na Sie wissen Bescheid wenn Sie sich für Politik interessieren.

Jonas: In Maßen, Dr. Escherbach.

Escherbach: Der Schatz wurde ausgelagert, mehr wissen wir nicht, seitdem ist er verschollen, und der Minister macht mir das Leben schwer, weil ich damals die Entscheidung getroffen habe, die Stücke auszuleihen.

Jonas: Und Sie geben die heiße Kartoffel weiter.

Escherbach: Ich delegiere, Herr Jonas, an den Fachmann. Auftrag an Sie, kurz und bündig: Finden Sie den Schatz des Königs Dagon und bringen Sie ihn zurück nach Babylon. Wie Sie das machen, das ist Ihre Sache.

Jonas: Wann soll ich fahren?

Escherbach: Sobald wie möglich. Heute noch.

Jonas: Wenn ich einen Platz in der Rakete kriege.

Escherbach: Den kriegen sie, Herr Jonas, machen Sie sich keine Sorgen. Wer fliegt heutzutage schon nach Kusbekistan.

Jonas: Masochisten und Detektive. Warum kommen Sie erst jetzt zu mir, Dr. Escher-bach, Ihr Schatz ist doch schon ein Jahr verschwunden und warum so hopp hopp?

Escherbach: Weil sich die Situation in den letzten Tagen zugespitzt hat, wir haben eine Information bekommen, aus bester Quelle, ein Stück aus unserem Schatz ist auf dem schwarzen Kunstmarkt aufgetaucht und von einem amerikanischen Sammler erworben worden. Es handelt sich um… diese Statuette des Königs Dagon aus Elektron, einer Mischung aus Silber und Gold.

Jonas: Sieht aus wie ein antiker Gartenzwerg.

Escherbach: Jonas, bitte, die Sache ist ernst.

Jonas: Aber nicht hoffnungslos.

Escherbach: Ja, am besten zeige ich Ihnen gleich auch die Dia der Stücke, die sich noch in Kusbekistan befinden, das hoffen wir jedenfalls.

Jonas: Ich fiebere vor Spannung, Dr. Escherbach.

Escherbach: Hier sehen Sie das Spektorale des Ichtapriesters Schumschu Ada. Silber mit gefaßten Smaragden. Der goldene Nasenring einer namentlich nicht bekannten Fürstin…

Jonas: Und so weiter. Rund drei Dutzend Klunker, Gold, Silber, Edelsteine. Ich versuchte mir Einzelheiten zu merken, das war schwierig, ein Schmuckstück sah aus wie das andere. Und alle zusammen drehten sich vor meinem Auge im Kreise.

Jonas: Machen wir es doch so, Dr. Escherbach, Sie geben mir Holographien mit oder wenn Sie keine haben, Fotos und ein Verzeichnis.

Escherbach: Ich weiß was besseres. Kusbekisch sprechen Sie wohl nicht.

Jonas: Nein.

Eschebach: Und daß Sie von Archäologie nicht verstehen, das haben Sie mir schon gesagt. Sie brauchen fachkundige Unterstützung. Dr. Khamal wird Sie begleiten.

Jonas: Khamal. Kusbeke?

Escherbach: In Kusbekistan geboren und aufgewachsen, Dr. der Kunstgeschichte und Archäologie, seit knapp zwei Jahren im Stab des Museums für Internationale Kulturgeschichte.

Jonas: Hm, im allgemeinen arbeitet Jonas solo, aber im diesem Fall.

Escherbach: Sie werden die Hände frei haben, Herr Jonas für Ihre Detektivarbeit, alles übrige erledigt Dr. Khamal.

Jonas: Nicht zu vergessen Sam mein Computer. Der versteht sogar was von orientalischer Archäologie, Kusbekisch kann er auch, nicht gerade fließend, aber ausreichend. Und Sam kam natürlich mit nach Kusbekistan, aber das sagte ich Dr. Escherbach nicht. Jonas behält gern eine Karte im Ärmel, für den Notfall. Wenn der Mitspieler plötzlich ein Full House auf den Tisch legt, muß man ihn abfangen, mit 4 Assen, mindestens. Die nächste Rakete nach Chamra ging am Abend, Dr. Khamal sollte mich vor der Eincheckschleuse treffen, war aber noch nicht da. Um so besser. Judith war zum Aerodrom mitgekommen, und Judith hatte mir beim Abschied was zu sagen.

Judith: Fürs kommende Wochenende hab ich uns ein Zimmer in Babelshafen gebucht, Jonas.

Jonas: Bißchen voreilig vielleicht so.

Judith: Meinst du? Dann hör mir mal zu, wenn du nicht mitkommt, weil du einen Fall hast, weil du nicht da bist oder was weiß ich, dann fahr ich allein.

Jonas: Ich werd’s schon irgendwie schaffen, Judith. Hoffentlich.

Judith: In Zukunft fahr ich dann immer allein, jedenfalls nicht mir dir.

Jonas: Warum kommst du denn nicht mit nach Kusbekistan.

Judith: Das weißt du doch, weil ich nicht so ohne weiteres von meinem Schreibtisch wegkann.

Jonas: Nimm dir Kurzurlaub, und komm nach, morgen oder.

Mann: Herr Jonas, Herr Jonas wird gebeten, sich zum Fon am nächsten Infoschalter zu bemühen. Herr Jonas bitte.

Jonas: Ein alter Bekannter wollte mich sprechen. Oberst Frank von der Terrorpolizei, Schrecken der Kusbeken, Wecker und Prophet dazu.

Frank: Ich habe es ja vorausgesagt, Jonas, Sie fahren nach Kusbekistan. Und?

Jonas: Und was?

Frank: Mein Angebot, was halten Sie jetzt davon?

Jonas: Das selbe wie heute früh. Gar nichts.

Frank: Das ist nicht Ihr Ernst, Jonas, denken Sie an den Sonderfond.

Jonas: Ich hab da unten was anders zu tun, und ich bin froh, wenn ich dabei mit der Kusbekischen Befreiungsfront überhaupt nicht in Kontakt komme.

Frank: Kontakt mit der KBF? Aber Mann Gottes, den haben Sie doch schon.

Jonas: Mysteriös. Vielleicht wußte Judith, was ihr werter Kollege meinte. Aber Judith war nicht mehr da, als ich zur Schleuse zurück kam, auf ihrem Platz saß eine Frau, die ich nicht kannte, leider, Ingrid Bergman in Casablanca, nur dunkel, und dieses umwerfende Wesen wartete auf Jonas.

Khamal: Sie sind doch Jonas?

Jonas: Ja. Jonas. Nur Jonas.

Khamal: Warum starren Sie mich so an?

Jonas: Ich seh dir in die Augen, Kleines. Sie heißen Ilse. Sagen Sie, daß Sie Ilse heißen.

Khamal: Nein. Ich bin Dr. Khamal. Duna Khamal.

Jonas: Sie sind Dr. Khamal. Eine Frau?

Khamal: Haben Sie etwas gegen Frauen, Jonas?

Jonas: Aber nein, meine beste Freundin ist eine. Apropos wo steckt sie, eben war sie noch hier.

Khamal: Die attraktive Dame, die hier gesessen und auf Sie gewartet hat?

Jonas: Ja.

Khamal: Ich habe mich ihr vorgestellt, da ist sie gegangen. Ich weiß nicht warum.

Jonas: Aber ich.

Sam: Häh, wie allgemein bekannt, zeigt die Dame Judith einen fatalen Hang zu jeder veralteten Passion welche man Eieieiefersucht zu nennen pflegt.

Jonas: Mein Computer, ein komplesiver Quatschkopf. Sam?

Sam: Meister?

Jonas: Wie oft hab ich dir schon gesagt, Judith geht dich nichts an, halt dich zurück.

Sam: Genau 417 mal, o grantig grollender Grimmbart.

Jonas: Dann paß mal auf, Sam, wenn du nur einmal, nur noch einmal.

Mann: Wir bitten alle Passagiere des Fluges QA 842 nach Sydney über Chamra und Singapur, sich zur Abfertigung zu bemühen. Ihr Zubringer ist startbereit.

Jonas: Nur 3 Figuren stiegen ins Chamra aus. Dr. Khamal, ich, und ein bulliger Schnauzbart, der zwei Reihen hinter uns gesessen hatte. Bei einem so mickrigen Besuch hatten sie sich keine Mühe gegeben, ihr Aerodrom herzurichten. Überall auf dem Feld Bombentrichter, in denen sich Abfall ansammelte. Und drinnen an den Wänden makabere Muster aus Einschüssen und rostroten Flecken.

Zollbeamtin: Passport. Grund Ihres Aufenthalts in Kusbekistan?

Jonas: Bildung. Kultur. Ich bin auf der Suche. Auf der Suche nach ihren weltbekannten Altertümern, und das ist nicht gelogen, Schwester.

Zollbeamtin: Aha. Tourist. Ihre politische Überzeugung?

Jonas: Keine zur Zeit. Sie stellen ja merkwürdige Fragen.

Zollbeamtin: Sind Sie für unsere rechtmäßige kusbekische Regierung oder sympathi-sieren Sie mit Rebellen, Banditen und Aufrührern? Auf welcher Seite stehen Sie?

Jonas: Auf der richtigen. Immer auf der richtigen.

Zollbeamtin: So. Ein Rat, Herr Jonas, bleiben Sie in Chamra, außerhalb unserer Hauptstadt können wir für Ihre Sicherheit nicht garantieren.

Jonas: Und warum? Weil da die Rebellen und Banditen das Sagen hatten bzw. die Freiheitskämpfer, wie Duna Khamal sie nannte. Die Regierung beherrschte nur Chamra und die nähere Umgebung. Und Chamra, das war eine chaotische Ansammlung brüchiger Wolkenkratzer aus der verflossenen Erdölzeit, ein Gebirge abgewrackter Automobile und Kühlschränke, ein allgegenwärtiger heißer Wind, der gelbe Staubwolken und uralte Computerprintouts vor sich her trieb, ein endloser Slum aus Lehmruinen und verrosteten Ölfässern, und ein Hotel, das bessere Tage gesehen hatte. Wir nahmen uns ein Zimmer, Korrektur zwei Zimmer. Duna legte wert darauf, allein einzuschlafen, ihr gutes Recht und mein Schaden. Am nächsten Morgen besuchten wir Professor Malek. Das hatte mir Escherbach geraten. Malek war der Leiter des Kusbekischen Nationalmuseums, offiziell, in Wahrheit hatte er nichts mehr zu leiten, das Museum war dicht, das schien Malek allerdings wenig zu stören, er hatte so vieles andere, ein wunderschönes großes Haus im Prominentenghetto, einen Swimmingpool, einen Leibwächter, der unauffällig im Hintergrund aufging, außerdem hatte er einen guten Whisky und keine Ahnung.

Malek: So gern ich Ihnen gefällig wäre, Dr. Khamal, Herr Jonas, und natürlich vor allem mein guten Freund Dr. Escherbach, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen, Anfang des Jahres mußte mein Museum schließen, die wertvolleren Ausstellungsstücke wurden aus der Stadt gebracht, ausgelagert, auch der Schatz des Dagon.

Jonas: Wohin Professor?

Malek: Wenn ich das wüßte, meine Liebe.

Jonas: Haben Sie denn keine Unterlagen. Verwaltungsnotizen, Frachtbriefe?

Malek: Wir sind keine Wilden, Herr Jonas, zweifellos hat es derartige Dokumente gegeben, doch wo sie sich zur Zeit befinden, falls sie überhaupt noch existieren.

Jonas: Also verschwunden.

Malek: So ist es, Herr Jonas.

Jonas: Die Dokument und der Schatz des Königs Dagon.

Malek: Ich bitte Sie Herr Jonas. Versuchen Sie sich die Situation vorzustellen: Straßenkämpfe, Panzer und Geschütze, Raketen, Laserstrahler, Maschinengewehre, unbeschreiblicher Lärm, Qualm, Rauch, Feuer, wer denkt dabei an Formalitäten. Ich war froh, daß die Kunstwerke, daß die Kunstwerke, für die ich Verantwortung trug, aus der Kampfzone geschafft werden konnten, aus der Stadt hinaus aufs Land. Wohin genau, das war nicht wichtig. Und unter uns, Herr Jonas, das spielt auch heute keine Rolle. Denn gesetzt, Sie wüßten den Ort, Herr Jonas, so könnten Sie ihn doch nicht aufsuchen, falls Sie nicht der Befreiungsfront oder ähnlichen Mörderbanden in die Hände fallen wollen.

Jonas: Oh, das bleibt abzuwarten, Professor. Vielleicht sollte ich mich mal im Museum nach Hinweisen umsehen.

Malek: Sinnlos, Herr Jonas, völlig sinnlos, ein leeres Gebäude, weiter nichts. Ich gebe Ihren einen guten Rat: Gehen Sie zurück in Ihr Hotel, Herr Jonas, machen Sie sich ein paar schöne Tage. Dr. Khamal wird Ihnen gern die Sehenswürdigkeiten unserer interessanten Stadt zeigen, und wenn ich etwas für Sie tun kann, finanziell oder auf andere Weise, zögern Sie nicht, sich an mich zu wenden. Ich habe gewisse Verbindungen, ich werde mich umhören, und sobald ich über den Schatz des Dagon etwas erfahre, werde ich es Sie wissen lassen.

Jonas: Und wenn nicht, Professor.

Malek: Dann kehren Sie zurück nach Babylon, Herr Jonas, mit gutem Gewissen. Sie haben das menschenmögliche getan. Inschala, wie wir hier sagen.

Jonas: Jonas sagt nicht Inschala, Jonas gibt nicht so leicht auf, und Jonas denkt sich seinen Teil. Am Nachmittag ließ ich mich von Duna durch Chamra führen, ein gemischtes Vergnügen, Chamra war häßlich, Duna war schön, wie immer, aber nicht ganz bei der Sache.

Khamal: Und dies ist der Platz des glorreichen 11. Dezember, sogenannt nach dem Datum der feierlichen Gründung unseres großen Staates, die rechte Seite…

Jonas: Ist genauso langweilig wie die linke. Bringen Sie mich zum Nationalmuseum, Duna.

Khamal: Obwohl Professor Malek Ihnen abgeraten hat.

Jonas: Das ist nun mal mein innervierende Art.

Khamal: Wie Sie meinen, Jonas.

Jonas: Sehr begeistert scheinen Sie nicht zu sein und auch nicht gerade hilfreich. Weder Sie noch Professor Malek.

Khamal: Wollen Sie den Grund wissen, Jonas.

Jonas: Ich bitte darum.

Khamal: Wir sind Kusbeken, der Schatz des Dagon gehört uns, vor mehr als einem Jahrhundert hat man ihn uns gestohlen, und jetzt sind Sie gekommen, um ihn uns zum zweiten Mal wegzunehmen.

Jonas: Ganz unrecht haben Sie nicht, Duna. Drehen sie nicht um.

Khamal: Was ist.

Jonas: Wir werden verfolgt, Maleks Leibwächter und hinter ihm.

Khamal: Der Schnauzbart aus unserer Rakete. Ich habe ihn vorhin schon gesehen. Kommen Sie, Jonas, wir wollen versuchen, beide abzuhängen, Hier, rechts in die Passage. Und dann durch den Sug.

Jonas: Wir rannten, wir schlugen Haken, wir liefen Treppen rauf und runter, wir schoben uns durch enge Basargassen, eine halbe Stunde lang, dann standen wir vor der gewaltigen Ruine, die das Kusbekische Nationalmuseum gewesen war, sie sah aus wie das Aerodrom, nur schlimmer, die Fenster waren mit Brettern vernagelt, die Türen auch, bis auf eine, eine kleine an der Seite unter einer Freitreppe, vermutlich der alte Lieferanteneingang.

Khamal: Nicht abgeschlossen.

Jonas: Dann treten wir doch näher. Vorsicht, Schutt.

Mann: Museum geschlossen.

Jonas: Das Phantom des Museums. Hallo?

Mann: Hallo, Aschmad mechduklek.

Khamal: Er fragt, was wir wollen.

Mann: Museum geschlossen. Morgen offen.

Jonas: Glaub ich kaum, alter Freund.

Mann: Museum geschlossen, morgen offen. Hanschi ödilek, Kaputt.

Khamal: Er versteht Sie nicht, Jonas, er spricht nur ein paar Worte in Ihre Sprache.

Jonas: Museum geschlossen.

Mann: Ek ek morgen offen.

Jonas: Das Phantom war ein kleiner krummer Mann in grüner Uniform, offensichtlich ein Museumswärter, der hier die Stellung gehalten hatte, als alles in Scherben fiel. Wenn einer wußte, wo der Schatz des Dagon abgeblieben war, dann er. Und er wußte wohl wirklich was. Jedenfalls antwortete er begeistert und ausführlich, als Duna ihn fragte.

Mann: Ek esienah…

Khamal: Da ist er an der Tür, Maleks Leibwächter.

Jonas: In Deckung Duna. Noch einer, hier muß ein Nest sein.

Khamal: Der Schnauzbart aus der Rakete. Gehen Sie aus dem Weg Jonas.

Jonas: Wie die 10 kleinen Negerlein. Maleks Gorilla laserte den Museumswärter, der Schnauzbart laserte den Gorilla, Duna Khamal laserte den Schnauzbart. Ergebnis der Blitzaktion: drei Tote, Brandgeruch in der Luft und ein völlig verwirrter Jonas.

Jonas: Duna was machen Sie denn, der Schnauzbart hat uns doch nichts getan.

Khamal: Ein Agent Ihrer Terrorpolizei, er war schon in Babylon hinter mir her.

Jonas: Und deshalb bringen Sie ihn um. Woher haben Sie überhaupt den Laser. Und Maleks Leibwächter, was hat der mit der Sache zu tun.

Khamal: Nichts was Sie anginge, Jonas. Das ist Politik, kusbekische Politik. Halten Sie sich raus, kümmern Sie sich nur um Ihren Auftrag.

Jonas: Was hat er gesagt?

Khamal: Der Wärter? Genug, wir wissen jetzt, wo der Schatz des Königs Dagon ist, im Südwesten, am Rande der Wüste, in Taltapik, das ist eine aufgegebene Grabung des europäisch-orientalischen Instituts, vor zwei Jahren hab ich selbst da gearbeitet.

Jonas: Dann kennen Sie sich also aus. OK, fahren wir gleich los.

Khamal: Morgen, Jonas, es sind gut 5 Autostunden bis Delkabit, heute schaffen wir das nicht mehr, es wird bald dunkel.

Jonas: Die Kusbeken wringen immer noch ein paar Tropfen Erdöl aus dem Sand, und die behalten sie für sich, deshalb fahren in Kusbekistan noch Benzinautos wie im 20. Jahrhundert. Duna zog abends los, um eins zu mieten. Für unseren Ausflug nach Telkarbit am nächsten Morgen. Ich hatte Zeit, mir dies und das durch den Kopf gehen zu lassen, zusammen mit Sam, den hatte ich im Lauf der Tages bei mir gehabt, eingeschaltet, und Sam brachte ein neues undurchsichtiges Element in die Debatte. Als ob der Fall nicht schon undurchsichtig genug war.

Sam: Belogen hat sie meinen Herrn, die liebliche Lady mit dem lockeren Laser. Beschwindelt. Getäuscht, hinters Licht geführt, verarscht, ausgetrickst, verladen, angeschmiert mit Löschpapier, und er, er sah ihr ins Auge und glaubete ihr, der dumme Tor, die trübe Tasse.

Jonas: Lenk nicht ab Sam. Was hat er denn nun wirklich gesagt der Museumswärter.

Sam: Sam übersetzt wortgetreu: „Ja, gnädige Frau, ja doch, ich weiß, wo er ist, der Schatz des Königs Dagon. In Ischtara ist er, unter dem großen Tempel, an der rechten Wand der unterirdischen Kammer, in einer eisenbeschlagenen Kiste ahh!“

Jonas: Ahh?

Sam: Unübersetzbar, euer Durchleucht, die Reaktion unseres Gewährsmann auf den ihn treffenden Laserstrahl, und beiläufig erwähnt, seine letzte Lebensäußerung.

Jonas: Ischtara, wo liegt das?

Sam: Im Nordwesten von Chamra, Herr Chefkartograph, mit dem Automobil in etwa 3 Stunden zu erreichen, es handelt sich, auch wenn mein Meister das nicht zu wissen scheint, um eine weithin berühmte Ruinenstätte, eine in den Felsen gehauene Tempelanlage der alten Napatäer im Talkessel des Wadi Achmok, 8. Jahrhundert v. Ch.

Jonas: Die Volkshochschule kannst du dir sparen. Warum hat Duna falsch übersetzt.

Sam: Vorschlag zur Güte, Herr Kamerad, Frage vertagen, first things first, wie ein anonymer Denker so richtig gesagt hat.

Jonas: Wenn man Bescheid weiß, kriegt man in Charma alles. Sam wußte Bescheid. Ich besorgte einen Laserstrahler und ein Auto. Am frühen Morgen fuhr ich los, noch vor Sonnenaufgang, vorher hatte ich in Dunas Zimmer nachgesehen, sie war nicht da, das hatte ich auch nicht erwartet. Unterwegs begegnete mir eine Beduinenkarawane, erst eine Staubwolke am Horizont, und dann zogen sie an meinem alten Citroen vorbei, Cadillacs, Chevrolets, Landrovers, sogar ein Mercedes, ein romantisches Bild, Kusbekistan war Jahrzehnte zurück. Eine nostalgische Enklave, insofern hatte ich gar nichts gegen meine Tour, schließlich bin ich Nostalgiker. Aber ich war gewarnt. Ich hatte meine Erfahrungen. Costaguana, das Niemandsland, zuviel Nostalgie ist ungesund. Manchmal sogar tödlich.

Sam: Achtung, Wadi Ahmack direkt voraus.

Jonas: Und wo ist nun dieses Ischtara.

Sam: Na wo schon, unten im Wadi. Laß die Karre stehen, steig aus.

Jonas: Muß ich klettern.

Sam: Wirst nicht drumrumkommen, o du Ass alle Alpinisten. Und vorher wird marschiert. Per peses apostolorum. Ein Lied zwo drei vier. Mein Vater war ein Wandersmann…

Jonas: Erst ein paar hundert Meter horizontal, dann eine kürzere Strecke vertikal, nach unten über eine Art Ziegenpfad, falls es hier noch Ziegen gab gesehen hatte ich keine, ich hangelte mich um eine Felsenecke, und war da, auf der Talsohle. Drüben an der Felswand: Trümmer und Säulen.

Sam: Ischtara.

Jonas: Ganz schön kaputt. Sam, da steht ein Auto, links neben dem Säulenkomplex.

Sam: Der große Tempel, von welchem der Wärter uns kündete.

Jonas: Duna, und vermutlich nicht allein. Ob sie wohl einen Wächter aufgestellt haben? Ah!

Jonas: Sie hatten, aber das merkte ich erst, als es zu spät war. Als ich von hinten was über den Schädel kriegte und mich ins Geröll legte um ein bißchen zu träumen. Von Helden Lobbebären, von großer Arbeit, von König Dagon und seinem Schatz, von Dr. Escherbach, von Oberst Frank und seiner SSA 9, von Professor Malek nebst Leibwächter, von Judith und Duna Khamal, vor allem Duna Khamal, Ich sah sie ganz deutlich. Sie hockte am Boden, in der linken Hand hatte sie ihren Laserstrahler, mit der rechten wühlte sie in einer Kiste mit Eisenbeschlägen. Ich lag in einer Felsenkammer, an den Wänden Malereien in verblaßten Farben. Löwen mit Flügeln, Stiere, seltsam angezogene Menschen, dazwischen Krakelein, Keilschrift oder Hieroglyphen, vor den Wänden drei unfreundlich wirkende Gestalten mit alten Maschinenpistolen und Taschenlampen, und Duna, und die Kiste, und in der Kiste der Schatz des Königs Dagon.

Khamal: Sie irren sich, Jonas, das ist nicht der Schatz.

Jonas: Erzählen Sie mir keine Märchen Duna, ich kenne die Stücke, Dr. Escherbach hat sie mir im Dia gezeigt, den Nasenring, die Jadekette, das Spektoral oder wie das heißt.

Khamal: Kopien, Jonas, Fälschungen.

Jonas: Sie machen mir doch schon wieder was vor, Duna. Damit Sie sich die Klunker ungestört unter den Nagel reißen können.

Khamal: Sie überschätzen sich Jonas, wenn ich mir den Schatz wie Sie sagen unter den Nagel reißen wollte, könnten Sie mich nicht daran hindern, ein kurzer Druck auf den Abzug, oder ein Wort zu Amir, zu Resa, oder Muratschi und sie wären tot, Jonas.

Jonas: Da ist was dran. Moment mal, der Gartenzwerg hier.

Khamal: Porträtstatuette des Dagon.

Jonas: Der dürfte gar nicht hier sein, nach Dr. Escherbach ist er bei einem Sammler in Amerika.

Khamal: Passen Sie auf, Jonas.

Jonas: Vorsicht, das war knapp!

Khamal: Keine Angst, ich kann mit einem Laser umgehen.

Jonas: Hab ich gemerkt.

Khamal: Heben Sie die Figur auf, Jonas. Sehen Sie sich den Einschnitt des Laserstrahls an, außen ein dünner Überzug vom Gold und Silber, und innen…

Jonas: Blei oder so was ähnliches.

Khamal: Bitte. Eine Fälschung, geschickt gemacht, für Laien kaum zu erkennen, aber doch eine Fälschung, und die anderen Stücke in der Kiste auch. Alles Fälschungen.

Jonas: Wer steckt dahinter. Malek?

Khamal: Unwahrscheinlich. Die Fälschungen können nicht aus Kusbekistan stammen, sie sind so, so gut, zu penibel. Für solche Arbeiten haben wir keine ausgebildeten Handwerker und auch keine technischen Einrichtungen.

Jonas: Wie z.B. die Werkstätten im babylonischen Museum für internationale Kulturgeschichte. Die sie neulich in die Luft gesprengt haben, Duna.

Khamal: Ich?

Jonas: Geben Sie es doch zu. Sie gehören zur Kusbekischen Befreiungsfront.

Khamal: Ja, ich bin ein Mitglied der KBF und ich bin stolz darauf. Wir kämpfen für die Freiheit des kusbekischen Volkes und für die Unabhängigkeit unseres Staates von den Großmächten in Ost und West.

Jonas: Hört sich gut an was Sie sagen, viel besser als das was sie tun. Wenn Sie für Freiheit in Kusbekistan sind, warum legen Sie dann Bomben im Babylon, noch dazu im Museum.

Khamal: Da war nicht die KBF.

Jonas: Sie lügen ja schon wieder.

Khamal: Jonas, ich schwör, die Bombe im Museum geht nicht auf unsere Rechnung.

Jonas: Aber man hat doch einen Bekennerbrief gefunden, das hab ich in den Nachrichten gehört.

Khamal: Eine Fälschung wie dieser Schatz des Königs Dagon.

Jonas: Aber ja doch. Duna ich habe eine Idee. Wenn Professor Malek mit dem falschen Schatz nichts zu tun hat.

Khamal: Das habe ich nicht gesagt. Malek muß die Stücke hier als Fälschungen erkannt haben, ein Experte sieht das auf den ersten Blick, und Malek ist Experte, wie ich oder wie Dr. Escherbach.

Jonas: Trotzdem hat er den falschen Schatz in seinem Museum ausgestellt. Warum? Warum ist er nicht aufgestanden und hat gesagt: Man hat uns Blüten angedreht.

Khamal: Wir werden ihn fragen. Armin.

Mann: Erdinea.

Khamal: Hamadin echdak. Wir fahren zurück nach Chamra. Sie kommen mit Jonas.

Jonas: Was Duna und ihre Freunde mit Malek in seinem schönen Haus machten, würde ich unbedingt als fragen bezeichnen, aber ich hatte ja nichts zu sagen, ich war nur geduldet, ein Außenseiter, und das muß ich zugeben, Dunas Methode war wirksam. Nach kurzer Zeit erzählte uns Malek alles, was wir wissen wollten.

Malek: Es war Escherbach, Dr. Gödel Escherbach in Babylon, er hat sich Sorgen ge-macht um seinen Schatz des Dagon, daß er ihn nicht mehr zurückkriegt, daß wir ihn in Kusbekistan behalten als unser nationales Erbe, darum hat er Kopien herstellen lassen, in seinem Museum, und die hat er nach Kusbekistan geschickt, den echten Schatz hat er behalten, niemand weiß das, nur er und die Handwerker im Museum und ich, natürlich, ich bin Fachmann, praktisch der einzige Fachmann in Kusbekistan, ich hätte den Austausch sofort bemerkt, deshalb hat Escherbach mich informiert, von Museumsleiter zu Museumsleiter, ich hatte Verständnis für seine Lage und blieb still.

Khamal: Verräter. Weiter.

Malek: Dann kam der Bürgerkrieg. Der falsche Schatz wurde ausgelagert, und da hatte Escherbach einen Einfall, er lebt sehr aufwendig, braucht immer Geld, wer nicht, ich auch, der Schatz des Dagon war offiziell verschollen. Escherbach wollte abwarten, ein halbes Jahr, ein Jahr, bis der Staub sich gelegt hatte, und dann wollte er anfangen, die echten Stücke zu verkaufen, in Amerika, auf dem schwarzen Kunstmarkt, eins nach dem andern, vorher mußte er natürlich die Mitwisser ausschalten.

Jonas: Die Bombe im Museum.

Malek: Nein, davon weiß ich nichts.

Khamal: Aber wir wissen, wir wissen, wer dahinter steckt, und wer versucht hat, die Sache uns in die Schuhe zu schieben. Weiter Malek, was geschah mit Ihnen, sie waren doch auch Mitwisser.

Malek: Wir haben uns geeinigt, Escherbach und ich, ich habe mitgemacht, bei Gelegenheit sollte ich die Kopien endgültig verschwinden lassen und alle Nachforschungen blockieren.

Jonas: Das heißt Jonas abwimmeln oder umbringen lassen, wenn’s nichts anders ging.

Malek: Escherbach mußte was unternehmen, der Minister hat darauf bestanden, deshalb hat er sie angeheuert, Jonas, und mich angerufen, für alle Fälle, daß sie den Schatz finden, ich meine die Kopien, damit hat Escherbach ohnehin nicht gerechnet.

Jonas: Wie sich der Mensch doch irren kann.

Khamal: Was hat Escherbach Ihnen versprochen, Malek?

Malek: Och, 30 Prozent, ich wollte eigentlich die Hälfte, aber und bekommen hab ich noch gar nichts, nicht einen Dinar.

Khamal: Wir sind großzügiger, Malek, wir geben Ihnen gern, was Ihnen zusteht. Amin. Mado li tapok.

Jonas: Kurz darauf schwamm Professor Malek in seinem Swimmingpool, den Kopf nach unten und tot. Damit war der Fall allerdings noch nicht zu Ende. OK, zum größten Teil war er gelöst und abgeschlossen, aber es blieb doch noch die eine oder andere Unklarheit.

Khamal: Zum Beispiel?

Jonas: Zum Beispiel Ihre Rolle Duna. Escherbach hat darauf bestanden, daß Sie mich begleiten, warum, das war doch widersinnig. Sie sind Archäologin. Sie hätten die Fälschungen sofort als Fälschungen erkannt, das mußte ihm klar sein.

Khamal: Und noch was, die Terrorpolizei war mir schon in Babylon auf der Spur, sie wußte, daß ich zur KBF gehöre, trotzdem hat sie mich nach Kusbekistan ausreisen lassen, warum?

Jonas: Und was wollte Oberst Frank?

Sam: Gestatten die erhabenem menschlichen Herrschaften, daß ein armseliger kleiner Computer sich in die Diskussion hineinmenge.

Jonas: Seit wann fragst du Sammy.

Sam: Aber Sir, man hat doch Kinderstube.

Jonas: Ganz was neues. OK Sammy, menge dich hinein.

Sam: Ergebensten Dank. Ich menge mich Herr Vorsitzender. Sam hat sich erlaubt, nach einer Verbindung zwischen Herr Staatsekretär Dr. Gödel Escherbach und Herrn Oberst Frank von der Terrorpolizei zu forschen, und siehe da, wie schnell wart er doch fündig.

Jonas: Was hast du entdeckt, Sam, und wo?

Sam: Im Katasteramt von Babylon, Herr Liegenschaftsinspizient. Beide Herren sind Nachbarn, sie bewohnen zwei nebeneinanderliegende Reihenhäuslein, ergehen sich im gemeinsamen Gärtlein, 30 Quadratmeter englischer Rasen aus wetterbeständigem Plastik und wie aus zahlreichen Hinweisen hervorgeht, sind sie überhaupt recht gute Freunde.

Jonas: Bitte, das ist die Erklärung. Von Frank hat Escherbach erfahren, daß seine Mitarbeiterin Dr. Khamal zur KBF gehört, und deshalb hat er sie mir mitgegeben, natürlich nicht, damit wir zusammen den Schatz finden, im Gegenteil, er wußte, falls Gefahr bestand, daß ich dem Schatz, dem falschen Schatz zu nahe kam, würde Duna mich umbringen, weil ich in ihren patriotischen Augen ein Räuber war, ein Feind des kusbekischen Volkes, der nationale Kunstschätze nach Babylon verschleppen wollte. Das haben Sie doch gedacht, Duna oder?

Khamal: Selbstverständlich. Bis heute nachmittag.

Jonas: Da sah auf einmal alles anders aus, und Sie brauchten Jonas nicht mehr umzubringen.

Khamal: Gern hätte ich es nicht es nicht getan. Jonas. Glauben sie mir.

Jonas: Ich bin gerührt. Sie waren ja sowieso nur die Rückversicherung, die Notbremse. Falls Malek nicht spurte.

Sam: Sagen wir es doch anders, charmant, reizvoll, mythologisch verspielt. Frau Dr. Khamal erfüllte die hochinteressante Funktion einer trojanischen Stute.

Khamal: Äußerst charmant.

Sam: Sam meinte doch bloß…

Jonas: Hör auf zu meinen, Sam, sei still.

Sam: Typisch, kein Dank, keine Anerkennung, nicht einmal ein freundliches Wort. Wofür schindet man sich ab bis aufs Blut, woher kriecht man in die schmutzigsten Datenbänke, wofür kratzt man die abseitigsten Informationen zusammen, wofür wofür o Mensch wofür.

Jonas: Ruhe.

Sam: Ja.

Jonas: Nächste Frage.

Khamal: Oberst Frank und die Terrorpolizei, warum haben sie das Spiel des Dr. Escherbach unterstützt und mich aus dem Land gelassen?

Jonas: Ganz einfach: Durch Sie wollte Frank an die KBF rankommen, an ihre interne Organisation, ihre Basis in Kusbekistan, Frank hatte Sie an der langen Leine, Duna, zuerst war Jonas als Ihr Aufpasser vorgesehen.

Khamal: Ach ja.

Jonas: Aber Jonas hat sich geweigert.

Khamal: Gut für Jonas.

Jonas: Und schlecht für den Schnauzbart, der für Jonas nachgerückt ist. Das war’s Duna, alles klar?

Khamal: Bis auf eins. Malek hat seinen Anteil, 30 Prozent. 70 Prozent sind noch offen.

Jonas: Dr. Escherbach, was geschieht mit ihm?

Khamal: Überlassen Sie das uns, Jonas. Wir werden ihn auszahlen. Wenn Sie wieder in Babylon sind.

Jonas: Sie lassen mich zurück?

Khamal: Warum denn nicht. Es sei denn, Sie wollen bei uns bleiben und uns helfen in unserem gerechten Kampf für das kusbekische Volk.

Jonas: Wissen Sie, Duna, gegen Sie hab ich nichts und auch nichts gegen das kusbekische Volk, für Freiheit und Unabhängigkeit bin ich auch, Unabhängigkeit für Jonas, darum hält Jonas sich raus und fliegt zurück nach Babylon.

Khamal: Wenn Sie also zurück sind, Jonas, rufen Sie Dr. Escherbach an, sagen wir morgen nachmittag 5 Minuten vor 4.

Jonas: Warum?

Khamal: Das werden Sie merken. Wann fliegen Sie?

Jonas: Ich dachte heute abend.

Khamal: Warum nicht morgen früh? Wir beide haben uns ja noch gar nicht richtig kennengelernt.

Jonas: Das Wetter in Babylon war immer noch mies, ich schlief ein paar Stunden, und dann rief ich Dr. Escherbach an, 5 vor 4. Wie mit Duna verabredet. Jonas ist wieder da, sagte ich ihm.

Escherbach: So. Wie war’s in Kusbekistan? Warm und sonnig?

Jonas: Eher trocken und heiß. Und tödlich.

Escherbach: Ach. Für Sie doch wohl nicht, Jonas.

Jonas: Aber für Ihren Freund Prof. Malek. Unter anderem.

Escherbach: Und der Schatz des Königs Dagon?

Jonas: Das wissen Sie doch.

Escherbach: Was soll das heißen.

Jonas: Der Schatz ist hier, der echte Schatz in Babylon, bei Ihnen, Dr. Escherbach, soweit Sie ihn nicht schon verhökert haben. Hallo? Dr. Escherbach? Ruhe in Frieden.

Sam: Exit Dr. Escherbach, oder auch: Abtritt.

Jonas: Das treffende Wort.

Sam: Sam kennt noch eins, Erhabenheit. Den Wahlspruch des großen Schugun und Einiger Japan, Iljasu Tokugawa.

Jonas: Und was sagt dieser Dingsbums.

Sam: Er sagt: Alle Menschen sind Gaunel und molgen wild es legnen. Korrektur. Alle Menschen sind Gauner, und morgen wird es regnen.

Jonas: Heute regnet’s auch, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Die Klimaregulatoren sind immer noch kaputt.

Judith: Hier spricht die automatische Fonbeantwortung Judith Delgado. Sie hören eine Aufzeichnung. Ich befinde mich seit dem 21. November auf Urlaub in Babelshafen. Am 3. Oktober werde ich wieder in Babylon sein. In dringenden Fällen wenden sie sich an mein Büro in der zentralen Sicherheitsverwaltung. Danke für Ihren Anruf. Hier spricht…

Jonas: Hätte ich doch besser in Kusbekistan bleiben sollen, bei Duna.

Sam: Inschalla. Gesundheit.

Das war Todestour. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Es wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Evelyn Opela, Alexander Kerst, Peter Lühr, Bernd Stephan, Charly Huber, Jürgen Rehmann und viele andere (Julia Fischer). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1986). Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Spielwiese

Jonas: Hallo … Ja, am Apparat … Tot? ja… Viertelstunde. Danke. Miles Archer, mein Partner. Ermordet. Wenn der Partner eines Mannes umgebracht wird, erwartet man, daß er was unternimmt. Aber das war schwierig. Ich hatte so viel zu tun. So viele Leute wollten was von mir. Mister Joel Cairo, zum Beispiel.

Mann: Ich versuche, ein Schmuckstück wiederzubeschaffen, das – sagen wir – verlegt wurde. Ich dachte und hoffte, Sie könnten mir helfen. Es ist eine Statuette, eine schwarze Figur eines Vogels, Mister Spade.

Jonas: Mister Spade war ich. Samuel Spade. Ein blonder v-förmiger Satan oder so ähnlich, auf der Suche nach dem Malteser Falken. Birgit war übrigens auch da.

Frau: Kann ich dich mit meinem Körper kaufen, Sam?

Jonas: Ich denk darüber nach.

Frau: Oh, ich bin so müde. Ich wünschte, ich…

Jonas: Sie küßte mich. Sehr schön soweit. Und trotzdem, irgendwas stimmte nicht, ich kannte die Geschichte, es war eine gute Geschichte, aber es war nicht meine. Ich wollte raus. Ich wollte nicht mehr Sam Spade sein. Ich wollte zurück zu mir selbst, aber der fette Mann hatte andere Pläne.

Tinnef: Whisky Soda, Mister Spade. Trinken wir. Trinken wir auf einen fairen Handel und auf Gewinne, die groß genug sind für uns beide. Kommen Sie, Mister Spade, trinken Sie. Nun trinken Sie schon.

Sam: Trink nicht, o Herr und laß vorübergehen den Kelch, nicht Whisky enthält er, nein, es ist Gift, das schnöde Bosheit dir bereitet, trink nicht und abermals trink nicht.

Jonas: Jetzt hatte auch der Malteser Falke was zu melden, sogar in Versen, und während er mich bekniete, den Whisky nicht zu trinken, wußte ich plötzlich, daß der Falke kein Falke war, er war Sam, mein Computer, und ich war auch nicht Samuel Spade, aber wer war ich dann, und wo war ich? Der Salon von 1930 löste sich auf, verschwand, verwandelte sich in ein schäbiges Hinterzimmer anno 2011. Nur der fette Mann wollte nicht verschwinden. Ich trat ihm in den Bauch. Er klappte zusammen. Ich schob ihn zur Seite und riß die Tür auf. Ich mußte hier raus. Ich lief durch Gestrüpp, über Geröll, durch grauen Schnee, immer weiter, immer tiefer in die Wildnis. Ich lief lange, bis ich zusammenbrach und bis alles verschwand um mich und in mir. Die Wildnis. Die Wirklichkeit. Und der Traum. Wenn es ein Traum war.

Obadja: Was ist mit ihm?

Debora: Ist er tot, Bruder Amos?

Amos: Ich glaube nicht, Schwester Debora.

Debora: Er bewegt sich. Er lebt. Halleluja.

Obadja: Lobe den Herrn.

Alle: Lobe den Herrn.

Obadja: Sieht aus, als ob er schlimmer durchgemacht hat.

Amos: Komm zu dir, Bruder, wer bist du?

Jonas: Ich, ich weiß nicht. Samuel Spade?

Debora: Samuel Spade sagt er.

Obadja: Samuel, ein gottesfürchtiger Name. Halleluja, vielleicht gehört er zu uns?

Amos: So wie er gekleidet ist? Nein, Bruder Obadja, er ist ein Kind Babylons, der Mutter der Hurerei und aller Greuel Behältnis, Amen, Bruder Amos.

Jonas: Drei Figuren beugten sich über mich, zwei bärtige Männer und eine Frau mit langem Haar, sie trugen braune Kutten und sahen ein bißchen aus wie Ökos, handgestrickt, naturbelassen, aber nicht friedlich. Alle drei trugen Waffen, breite Buschmesser im Gürtel und auf dem Rücken Maschinenpistolen.

Obadja: Lassen wir ihn liegen, Bruder Amos.

Debora: Aber wo er doch Samuel heißt.

Jonas: Nein, nicht Samuel.

Amos: Wenn er aus Babylon kommt, muß er eine Bürgerkarte bei sich tragen. Greif ihm in die Tasche, Bruder Obadja.

Obadja: Hier ist sie, Bruder. Jonas heißt der Mann, nur Jonas, und er ist…

Jonas: Privatdetektiv. Der letzte. Ich war wieder ich. Halleluja, Brüder und Schwestern, das wichtigste war geschafft. Aber es blieb noch genug übrig. Ich mußte rauskriegen, wie ich in die Wildnis geraten war, und was es mit diesem merkwürdigen Traum auf sich hatte. Wenn mir nur der Kopf nicht so weh getan hätte.

Jonas: Das war kein Traum. Ich, ich war wirklich Sam Spade, im Malteser Falken. Eine Halluzination.

Debora: Du bist krank, Bruder Jonas, wir werden dich mit uns nehmen nach Eden. Kannst du aufstehen?

Jonas: Mal sehen.

Amos: Wir helfen dir, Bruder, stütz dich auf mich und auf Schwester Debora.

Jonas: Danke. Ah, ihr, ihr seid Übrigbleiber?

Debora: So nennen uns die Ungläubigen.

Amos: Wir sind die Zeugen des 7. Siegels.

Obadja: Gottes Engel der Endzeit.

Amos: Wir harren des Herrn, welcher da kommen wird im großen weißen Blitz und im Rauchpilz zu strafen die Sünder und Läster, die Ungläubigen und Unvorbereiteten.

Debora: Amen. Immer schön einen Fuß vor den anderen, Bruder Jonas.

Jonas: Übrigbleiber, Survivalists, vor mehr als 20 Jahren waren sie aus Babylon und anderen Städten in die Wildnis gezogen, wo die Behörden nichts zu sagen hatten, da lebten sie nach ihrer Fasson und warteten, auf das Gericht, auf den großen Knall, auf die Bombe, sie würden als einzige übrigbleiben, davon waren sie überzeugt, weil sie gottesfürchtig waren und allzeit bereit.

Obadja: Siehe, die Stunde ist nahe, da ausgegossen werden die Schalen des Zorns auf die Erde.

Amos: Halleluja, lobe den Herrn. Was suchst du in der Wildnis, Bruder Jonas?

Jonas: Ja was suche ich. Nirwana, jetzt fällts mir wieder ein, ich wollte nach Nirwana.

Amos: Nach Nirwana?

Debora: Geh nicht dorthin, Bruder Jonas, denn wahrlich, ich sage dir, an diesem Orte haust der Antichrist.

Obadja: Der da ist der Widersacher und sich setzt in den Tempel Gottes als wie Gott und gibt sich aus er sei Gott.

Sam: Amen. Halleluja. Lobet den Herrn.

Amos: Was ist das? Satanswerk?

Jonas: Mitnichten, teuerste Brüder, nur mein Taschencomputer. Ist ein bißchen verrückt, aber harmlos. Er redet nur manchmal zu viel. Sam heißt er.

Sam: Kurz für Samuel. Ein gottesfürchterlicher Name, geliebte Gemeinde. Na, Kumpel, wie siehst aus, alles OK, Kopf wieder klar?

Jonas: Danke der Nachfrage. Jonas war wieder der alte, nur die Beine waren noch ein bißchen wacklig. Aber ich hatte ja Hilfe. Und während Amos, Debora und Obadja mir unter die Arme griffen, ließ ich meinen Kopf arbeiten. Ich erinnerte mich. Die Sache hatte gestern angefangen, am 15. Februar 2011, nachmittags. Ich saß in meinem Büro plus Apartment und drehte Däumchen, darin hab ich Übung, und wie ich gerade überlegte, ob ich meinen Aktionsbereich nicht verlegen sollte, ins Casablanca, da tauchte doch tatsächlich ein Mensch auf, der einen Detektiv brauchte. Eine Frau, Paula Janssen, an die 60, Typ arm aber ehrlich, Kleidung sauber, verschossen, rührend unmodern, Gesicht sympathisch und leicht verhärmt, das hatte seinen Grund.

Janssen: Meine Beziehung, Bezugsperson, wie immer Sie das nennen wollen, mein Freund.

Jonas: Ich höre, Frau Janssen. Was ist mit Ihrem Freund?

Janssen: Er ist verschwunden, Herr Jonas, vermißt.

Jonas: Waren Sie bei der Polizei?

Janssen: Ja, aber die haben nur gelacht, weil Jaromir viel jünger ist als ich.

Jonas: Jaromir heißt ihr Freund.

Janssen: Ja. Ein schöner Name.

Jonas: Jeder Name ist schön, der mit J anfängt. Nur Jaromir?

Janssen: Nein. Dort. Jaromir Dort.

Jonas: Schade. Aber wo kämen wir hin, wenn wir alle nur einen Namen hätten. Wie alt ist er?

Janssen: Jaromir? 27.

Jonas: Die Polizei denkt, er ist Ihnen weggelaufen. Und was denken Sie, Frau Janssen? Ist er weggelaufen?

Janssen: Aber nein, Herr Jonas, bestimmt nicht, er hing, er hängt sehr an mir. Wir hängen sehr aneinander.

Jonas: Trotzdem ist er weg. Wann?

Janssen: Vor genau einer Woche, am 8. hat er sich von mir verabschiedet, gleich nach dem Frühstück.

Jonas: Er hat sich verabschiedet?

Janssen: Ja, nach 2 Tagen spätestens kommt er zurück, hat er gesagt, zurück zu mir, er wollte nur mal kurz nach Nirwana fahren, weil er sich so für den großen Guru Ganesh und seine Lehre interessiert hat, und dann ist er nicht zurückgekommen, und er hat sich auch nicht gemeldet, und da fing ich an mir Sorgen zu machen, ich bin zur Polizei gegangen, aber die wollten nichts tun, und darum bin ich jetzt hier, bei Ihnen, Herr Jonas.

Jonas: Jonas. Letzter Detektiv und letzte Instanz. Wie so oft. Aber hier konnte ich kaum helfen. Gurus und Sekten liegen mir nicht, ein Detektiv soll wissen, nicht glauben. Was wußte ich über Ganesh: Vor gut einem halben Jahr war er in Babylon zum ersten Mal aufgetreten, vorher soll er Werbemann gewesen sein bei einer großen Firma, und plötzlich sah er Licht, aus dem Orient, das Licht kommt immer aus dem Orient, er stieg aus, nannte sich großer Guru Ganesh und fing an zu predigen, und als er einige hundert Jünger gesammelt hatte, ihr Geld vermutlich auch, tat er das, was vor ihm schon viele Sektierer getan hatten, er verließ Babylon und ging in die Wildnis, mit seinen Ganeshis, und da übernahmen sie ein verlassenes Kloster und gaben ihm den schönen Namen Nirwana.

Janssen: Bitte, Herr Jonas, gehen Sie nach Nirwana, finden Sie Jaromir, bringen Sie ihm mir wieder.

Jonas: Falls er in Nirwana ist, Frau Janssen.

Janssen: Das hat er doch gesagt.

Jonas: Und falls er zu Ihnen zurückkommen will. Falls nicht, bleibt er da. Mit Gewalt bring ich Ihren Freund nicht nach Babylon. Jonas ist kein Deprogrammierer.

Janssen: Bitte, Herr Jonas, Jaromir will zurück zu mir, das weiß ich. Helfen Sie ihm, er wird in Nirwana festgehalten.

Jonas: Möglich. Da ist noch ein kleines Problem, Frau Janssen.

Janssen: Ja, Herr Jonas?

Jonas: Mein Honorar.

Janssen: Oh ja, natürlich, ich habe nicht viel, Herr Jonas, aber, aber für Jaromir, bitte, 50 Euros, das wird doch reichen?

Jonas: 90 Euros pro Tag und Spesen, das ist mein Satz, aber ich hatte heute meinen karitativen Tag. Weil Paula Janssen mir leid tat, weil ihre Chancen schlecht standen, und weil alles andere besser ist als Däumchen drehen. Ich nahm die 50 Euros, ließ mir den entschwundenen Jaromir Dort beschreiben und versprach, gleich am nächsten Morgen nach Nirwana zu fahren und mich umzusehen. Worauf meine Klientin getröstet abzog, nachdem sie mir Adresse und Fonnummer gegeben hatte. Und ich setzte meinen Computer auf den neuen Fall an.

Sam: Nirwana, o du mein Kleinod in der Lotosblüte, das Nichts.

Jonas: Ach ja?

Sam: Das Ende jedweden Verlangens.

Jonas: Von mir aus, Sammy.

Sam: Die Erfüllung des Seins im Nichtsein.

Jonas: Sehr tiefsinnig, Sam, aber…

Sam: Sam kennt noch viel tiefsinnigere Sprüche, o Nabel des Weltalls. Wie weit schießt ein Bogen ohne Sehne? Wie klingt eine Hand die klatscht. Oder die Story von Achill und der Schildkröte.

Jonas: Will ich alles gar nicht wissen, Sam. Nirwana.

Sam: Om manipadmeum. Om om om.

Jonas: Om. Schluß jetzt. Was weißt du über das Exkloster Nirwana?

Sam: Wenig, euer Gestrengen.

Jonas: Also manchmal frag ich mich wirklich, wozu ich einen Computer habe.

Sam: Von nichts kommt nichts, wie der weise Bosequo zu Bemerken pflegte. Keine Informationen über Nirwana in den allgemein zugänglichen Dateien.

Jonas: Auch nicht in den Medien?

Sam: Auch nicht in den Medien, Herr Großinquisitor.

Jonas: Merkwürdig, wo die so gern was über Sekten bringen.

Sam: Sieht fast nach Maulkorb aus, was Bonzo. Und auch dies ist merkwürdig: In Nirwana befindet sich ein Kollege.

Jonas: Ein Detektiv?

Sam: Nicht doch, euer Egozentrik. Eine höchst effiziente Computergroßanlage, abgeschirmt und codiert. Weshalb Sam über Aktivität und Funktion bedauerlicherweise nichts mitzuteilen weiß.

Jonas: Nirwana. Das Nichts. Weißt du wenigstens, wie ich hinkomme, Sam?

Sam: Zu dienen, der Herr: Mit der Druckluftbahn vulgo Sardinenbüchse von Babylon nach Eden.

Jonas: Eden, das kenn ich, dieses miese kleine Nest am Rand der Wildnis.

Sam: Von Eden bis Nirwana sind es noch genau 19, 374 km, welche Strecke eure Durchtrainierte auf zweierlei Weise hinter sich bringen kann: zu Fuß.

Jonas: Vielen Dank, Sammy, muß nicht sein.

Sam: Oder im geliehenen Elektromobil.

Jonas: In Eden gibt’s an die 1000 Einwohner, meist Übrigbleiber, an die hundert Häuser, alle häßlich, an die 10 Läden und 1 Mobilverleih am Stadtrand, an der Straße nach Nirwana, aber im Verleih gab’s kein Elektromobil, sagte mir jedenfalls der fette Besitzer, als ich am nächsten Vormittag aufkreuzte.

Tinnef: Alle unterwegs, tut mir ausgesprochen leid, mein Herr, aber es ist jetzt äh, 5 nach 11, jede Sekunde müßte eins zurückkommen, wenn sie solange warten wollen.

Jonas: Wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben.

Tinnef: Darf ich Ihnen während Sie warten, etwas zu trinken anbieten, mein Herr.

Jonas: Hhm, das hört man gern. Was gibt’s denn so bei Ihnen?

Tinnef: Whisky.

Jonas: Oh, Sie sprechen ein großes Wort gelassen aus. Synthetisch nehm ich an.

Tinnef: Aber wo denken Sie hin, mein Herr. Echt.

Jonas: Gut.

Tinnef: Aus Schottland.

Jonas: Sehr gut.

Tinnef: Old Forester.

Jonas: Meine Marke. Immer besser.

Tinnef: Auf Kosten des Hauses, versteht sich.

Jonas: Das ist das beste.

Tinnef: Die Hausbar befindet sich in den hinteren Räumlichkeiten. Wenn ich Sie bitten dürfte, mir zu folgen, mein Herr.

Jonas: So viel Großzügigkeit hätte mich mißtrauisch machen müssen. Und ich wurde auch mißtrauisch. Leider erst, als es zu spät war. Als ich den ersten Whisky intus hatte und mein Gastgeber mir den zweiten anbot. Aber da ging es schon los. Die Wände des Zimmers fingen an zu verschwimmen, es wurde dunkel und ich war plötzlich Sam Spade im Malteser Falke, bis ich wieder zu mir kam, teilweise wenigstens, und mich benommen in die Wildnis rettete und bis die drei Übrigbleiber mich auflasen, sie brachten mich zurück nach Eden. Sie wollten mich bei sich behalten, damit ich mich ausruhen konnte, ich lehnte dankend ab, ich war wieder in Ordnung, einigermaßen, ich wollte zurück nach Babylon. Aber vorher hatte ich noch eine Kleinigkeit in Eden zu erledigen.

Jonas: Sieh an, verkrümelt hat er sich, der fette Mobilverleiher.

Sam: Ja was hast du denn gedacht, du Torfkopp? Daß er wartet, bis wir aufkreuzen und ihn nach seinem ulkigen Whisky fragen.

Jonas: Was war da drin, Sammy?

Sam: Im Whisky, euer Hochprozentigkeit? Sam vermutet ein starkes Halluzinogen von bisher unbekannter Zusammensetzung.

Jonas: So, uns weshalb meinst du, hat man das ausgerechnet mir eingetrichtert?

Sam: Unzureichende Daten, o ungeduldiger Jonas.

Jonas: Ob das was mit dem Fall Jaromir Dort zu tun hat?

Sam: Und abermals unzureichende Daten. Oder auch: Ein Narr fragt mehr als ein Computer beantworten kann, Mann.

Jonas: Wie auch immer, ich hatte das Gefühl, ich sollte Paula Janssen kontakten, und das tat ich auch, sobald ich wieder zu Hause war. Das heißt, ich versuchte es, aber als ich ihre Fonnummer anrief, erlebte ich eine Überraschung.

Fonrobot: Hier ist die zentrale Leichenhalle, angeschlossen sind das pathologische Institut sowie das städtische Leichenschauhaus.

Jonas: Was?

Fonrobot: Wir sind immer für Sie da. Was können wir für Sie tun? Bitte sprechen Sie. Piep. Hier ist die zentrale…

Jonas: Falsche Fonnummer, und die Adresse.

Sam: Auch falsch, euer Ehren, der Fall nimmt ungeahnte Dimensionen an, um nicht zu sagen, Komplikationen.

Jonas: Die Geschichte, die sie mir erzählt hat, ist sicher auch falsch.

Sam: Ein Rührstück hat sie eurer großzügigen Naivität vorgespielt, einen Tränendrücker, wie man sich in theatralischen Kreisen auszudrücken pflegt.

Jonas: Vorgespielt. Theater. Ich weiß was, Sammy.

Sam: Lino Madras.

Jonas: Lino Madras. Wozu sind die Nachbarn da.

Sam: Wozu sind die Nachbarn da. Zum Fragen.

Jonas: Lino Madras haust zwei Stockwerke unter mir, und Lino Madras gehört die größte Agentur für Kleindarsteller in ganz Babylon. Er machte gerade Teepause und war gern bereit, mir im Holobild vorzuführen, was er einschlägig anzubieten hatte, weiblich, um die 60, geeignet für Sprechrolle, Spezialität Rührstück.

Lino Madras: Die?

Jonas: Nein.

Lino Madras: Und äh die?

Jonas: Lassen Sie mal das Bild stehen, Lino, hmh, doch könnte sein.

Lino Madras: Paula Johanson.

Jonas: Das ist sie. Haben Sie ihr in den letzten Tagen was vermittelt, Lino?

Lino Madras: Moment, äh, nein, hier steht nichts, vielleicht eine andere Agentur.

Jonas: Wo wohnt sie?

Lino Madras: Tulpenstraße 90, das ist draußen in Blumenthal.

Jonas: Danke Lino, bis bald mal.

Jonas: Blumenthal ist eine grundsolide Vorstadt, Apartment-Units, 20 bis 30 Quadratmeter, sauber nebeneinander gestapelt, so weit das Auge reicht, eine Gegend, wo die Leute sofort Holonews anrufen, wenn der Hund des Nachbarn auf die Straße pinkelt, das heißt sie würden, wenn es noch Hunde gäbe. Paula Johanson alias Janssen war zu Hause, hinter ihrer Haustür, und die machte sie nicht auf.

Janssen: Was wollen Sie? Wer sind Sie?

Jonas: Jonas. Nur Jonas.

Janssen: Oh. Gehen Sie weg.

Jonas: Gerne, wenn Sie mir eine Frage beantworten.

Janssen: Nein, gehen Sie weg.

Jonas: Wer hat Sie zu mir geschickt? Wenn Sie wollen, daß Ihre Nachbarn mithören, dann lassen Sie die Tür nur zu. Wer hat Sie engagiert, wer bezahlt Sie dafür, daß Sie Lügengeschichten erzählen?

Janssen: Nicht so laut, bitte.

Jonas: Sie sind eine Schwindlerin, Paula Johanson. Ein paar Gardinen bewegen sich schon.

Janssen: In Gottes Namen. Kommen Sie rein.

Jonas: Wie die Wohnung einer Schauspielerin aussehen sollte, weiß ich nicht, so hatte ich sie mir jedenfalls nicht vorgestellt, sauber, pingelig, langweilig, alles auf Kante und von der Stange. Mit einer Ausnahme. Paula Johansen hatte Bücher, echte alte Bücher mit gedrucktem Text, ein ganzes Regal voll.

Jonas: Eine richtige Sammlung.

Janssen: Meine einzige Leidenschaft, jedes Buch habe ich mir vom Munde abgespart.

Jonas: Alte Bücher sind teuer, ich weiß. Wer hat Sie engagiert?

Janssen: Das äh, das darf ich nicht sagen.

Jonas: So.

Janssen: Was tun Sie da?

Jonas: Sehen Sie doch, ich zerreiße Ihr Buch.

Janssen: Oh.

Jonas: Wer hat Sie engagiert.

Janssen: Hören Sie auf, hören Sie sofort auf.

Jonas: Wenn Sie mir sagen, was ich wissen will.

Janssen: Bitte, bitte. Ich sage es Ihnen. Es war Frau Direktor Astoria Waaldorf von Multipharm.

Jonas: Frau Direktor Astoria Waldorf von Multipharm. Aus welchem Grund?

Janssen: Das weiß ich nicht. Nein, ich weiß es wirklich nicht, Herr Jonas. Sie hat mich angerufen, hat mich in ihr Büro bestellt, hat mir die Rolle erklärt, mir gesagt, was ich Ihnen erzählen soll, das ist alles, und jetzt gehen Sie, bitte gehen Sie.

Jonas: Ich war nicht stolz auf mich, aber was hätte ich tun sollen. Meine einzige Alternative war, Paula Johanson zu beschädigen, und da sei der Ehrenkodex des Detektivs vor. Dann schon lieber ein Buch. Allerdings, wenn es ein Krimi gewesen wäre, womöglich noch von Chandler oder Hammett, hätte ich mir wohl was anderes einfallen lassen. Multipharm ist der größte Arzneimittelhersteller in Babylon, darum ist die Multipharm-Zentrale rund wie eine Pillenschachtel und hoch wie die Gewinnspanne der Aktionäre, sie liegt am Hendrick-August-Platz, gegenüber dem Chips-Gebäude unseligen Angedenkens, keine gute Gegend für Jonas.

Portier: Halt, wohin wollen Sie?

Jonas: Zum Lift und dann ins oberste Stockwerk.

Portier: So, ins oberste Stockwerk. Zu wem?

Jonas: Waldorf, Direktorin in Ihrem Verein.

Portier: Sie brauchen mir nicht zu erklären, wer Frau Direktor Waldorf ist, ich weiß, wer Frau Direktor Waldorf ist, ich weiß aber nicht, wer Sie sind, hauen Sie ab.

Jonas: Das hatte mir gefehlt. Ein mysteriöser Auftrag, Gurus, Halluzinationen, sowas fällt aus dem Rahmen, und was aus dem Rahmen fällt, macht mich nervös, aber ein sturer Portier ist normal, stinknormal, das tägliche Brot des Detektivs, ein Routineproblem. Der Experte macht das mit links.

Portier: Haben Sie nicht gehört? Hauen Sie ab.

Jonas: Sie hauen ab, Freundchen zum nächsten Fon, Sie rufen Frau Waldorf an, Sie sagen hier, Jonas ist hier, nur Jonas, und dann machen Sie mir einen tiefen Diener und bitten mich in den Lift.

Portier: Ehrlich, also das ist nicht fair. Sie halten sich nicht an die Spielregeln.

Jonas: Was für Spielregeln?

Portier: Wissen Sie doch. Ich sage, hauen Sie ab, und Sie geben mir 20 Euros.

Jonas: Haha, 20 halte ich für übertrieben.

Portier: Na, 10 und ich gucke weg.

Jonas: Da ist das Fon.

Portier: 5 Euros.

Jonas: Nicht einen einzigen.

Jonas: Das Vorzimmer von Frau Direktor Waldorf war ausladend wie ein Ballsaal und protzig wie Ali Babas Schatzhöhle: alte Teppiche, Gobelins, echte Bilder, Möbel aus Holz, und ein 1a Superdelux-Privatsekretär, ein richtiger Mann, Macker, so was wie Tarzan, Leopardenfall um den Bauch und mit Gebrüll durch den Urwald, nur daß er kein Fell trug, sondern einen konservativen grauen Bürooverall und er brüllte auch nicht, er gab Jonas in elegant modulierter Diktion zu verstehen, was er von ihm hielt.

Humbert: Wie sagten Sie doch gleich, sei Ihr Name?

Jonas: Ich habe gar nichts gesagt, aber wenn es Sie so brennend interessiert. Jonas.

Humbert: Aha. Und weiter?

Jonas: Nichts weiter. Nur Jonas.

Humbert: Nur Jonas. Auf was für Ideen die Leute manchmal kommen. Sie haben keinen äh Termin bei Frau Direktor?

Jonas: Doch.

Humbert: Nein, Sie stehen nicht auf der Liste.

Jonas: Das macht nichts, Sie gestatten.

Humbert: Nicht doch, das ist die höchstpersönliche Leitung von Frau Direktor.

Waldorf: Ja, Humbert?

Jonas: O Humbert heißen Sie, auf was für Ideen die Leute manchmal kommen. Frau Waldorf, Jonas hier, der Privatdetektiv, Sie wissen schon, Sie wollen mit mir reden.

Waldorf: Will ich das? Humbert?

Humbert: Frau Direktor?

Waldorf: Bringen Sie Herrn Jonas zu mir.

Jonas: Na endlich. Frau Direktor Waldorf war bereit, die Strahlen ihrer höchst-persönlichen Gegenwart über Jonas leuchten zu lassen, in ihrem höchstpersönlichen Chefzimmer, wo sie mir höchstpersönlich zunickte und auf einen Sessel zeigte.

Waldorf: Nehmen Sie Platz, Herr Jonas, und Sie Humbert, Sie können jetzt gehen. Schlafen Sie sich mal richtig aus, damit Sie morgen früh nett und adrett aussehen.

Humbert: Jawohl Frau Direktor.

Waldorf: Ach und Humbert, diese graue Kluft lassen Sie in Zukunft zuhause, grau steht Ihnen nicht. Sie sollten nur heitere Farben tragen, rose, pink, so möchte ich Sie sehen.

Humbert: Jawohl, Frau Direktor, auf Wiedersehen Frau Direktor und noch einen schönen Abend, Frau Direktor.

Waldorf: Jaja, wiedersehen Humbert. Johansen hat mich angerufen, die Schauspielerin, Sie waren ja recht rüde zu ihr und zu meinem guten Humbert auch.

Jonas: Finden Sie. Sie sollten mich mal erleben, wenn ich wirklich rüde bin.

Waldorf: Ja, das ließe sich bei Gelegenheit arrangieren. Da haben Sie also tatsächlich zu mir gefunden, Jonas. Sie haben Zeit aufgewendet und Mühe.

Jonas: Ein bißchen.

Waldorf: Das wäre doch gar nicht nötig gewesen. Ich hätte mich ohnehin mit Ihnen in Verbindung gesetzt. Immerhin bin ich um drei Ecken Ihre Auftraggeberin. Aber Sie konnten es nicht abwarten. Wollen Sie was trinken?

Jonas: Danke.

Waldorf: Nicht? O, das überrascht mich.

Jonas: Mich auch, aber ich habe in letzter Zeit schlechte Erfahrungen gemacht.

Waldorf: Hmh ja, wie Sie wollen, Jonas. Dann kommen wir also trocken zur Sache, das heißt zu Luzinon kurz für Halluzinogen das ist ein neues Produkt von Multipharm, eine Wunderdroge, sagt unser zahmer Professor, das größte seit Valium.

Jonas: Nie was von gehört.

Waldorf: Das können Sie auch nicht, Jonas. Luzinon wird erst später auf den Markt kommen, zur Zeit ist es noch im Versuchsstadium und darum geht es.

Jonas: Was?

Waldorf: Ja alles. Nirwana, der große Guru Ganesh, Paula Johnson, der fiktive Herr Dort, ihr ganzer Fall Jonas.

Jonas: Ich habe einen Fall.

Waldorf: Ja, das hoffe ich doch sehr. Wir würden uns freuen, wenn Sie auch in Zukunft für uns arbeiten, für Multipharm und für mich. Wollen Sie, Jonas?

Jonas: Ich denk darüber nach.

Waldorf: Gut. Luzinon, die endgültige Bewußtseinsdroge, die induzierte und kontrollierte Halluzination. Wirklicher als die Wirklichkeit, und besser. Sie sind unzufrieden mit sich selbst und dem grauen Alltag, nehmen Sie Luzinon, Luzinon öffnet Ihnen die 1001 bunte Welt der Fantasie, Sie haben die freie Wahl, seien Sie, wie Sie sein wollen und wer Sie sein wollen, Kaiserin oder König, Musketier oder Amazone, Messalina, Don Juan, der Held oder die Heldin ihrer Lieblingsholoserie.

Jonas: Sam Spade im Malteserfalken.

Waldorf: Kenn ich nicht. Neu?

Jonas: Nicht so wichtig. Erzählen sie weiter.

Waldorf: Also, bei Luzinon gibt es keine bösen Überraschungen, keine Unschärfen, keine Nachwirkungen wie bei LSD und ähnlichen Drogen, was Sie erleben ist logisch real dreidimensional, wie Holo, aber mit einem ganz entscheidenden Unterschied: Sie sind mitten in der Story, Sie spielen mit, Sie spielen die Hauptrolle, Sie sind die Hauptrolle, das ist Luzinon, ihr ganz persönliches Glück, das Sie kaufen können.

Jonas: Klingt fantastisch.

Waldorf: Die reine Wahrheit.

Jonas: Fantastisch. Und problematisch. Sehr problematisch sogar.

Waldorf: Ein wahres Wort, Jonas, wir haben in der Tat noch einige Probleme mit Luzinon, allgemein pharmakochemische Probleme, toxikologische, technische, ökonomische.

Jonas: Und moralische.

Waldorf: Sie meinen juristische, also darum kümmert sich die Rechtsabteilung. Also wie gesagt noch ein paar Ecken und Kanten, und bevor wir Luzinon auf den Markt bringen, müssen die natürlich abgeschliffen werden. Frage wie.

Jonas: Ich bin sicher, Sie wissen die Antwort.

Waldorf: Durch einen Versuch selbstverständlich, durch einen langfristigen umfassenden Großversuch, ein so neuartiges und ungewöhnliches Produkt wie Luzinon muß gründlich getestet werden, auf Herz und Nieren geprüft, auf alle seine Möglichkeiten durchgecheckt.

Jonas: Interessant.

Waldorf: Und dazu braucht man eine größere Anzahl von Versuchspersonen, einen ganz spezifischen Querschnitt durch die Gesamtbevölkerung, Menschen mit psychischen Eigenschaften, die sie besonders empfänglich für Luzinon machen, Menschen die leicht und gerne glauben, die selbstgewählten Autoritäten blind vertrauen und Außenlenkung problemlos akzeptieren.

Jonas: Verstehe ich.

Waldorf: Neue Frage: Wie kommt man an solche Versuchspersonen. Die üblichen Mittel, Computernetzumfragen usw. erschienen uns wenig zweckmäßig, zu langwierig, zu umständlich.

Jonas: Zu teuer.

Waldorf: Auch das. Und da, vor sieben, acht Monaten kam Tommy Tinnef auf eine grandiose Idee. Tommy Tinnef junior, Sohn von Senator Tinnef, stellvertretender Leiter unserer Werbeabteilung.

Jonas: Sehr erfreut.

Waldorf: Das ideale Versuchskaninchen sagte sich Tommy Tinnef, ist der gläubige Mensch, der Saniassi, der Muni, der Sektenmensch, und Tommy entwickelte einen Plan, einen ungewöhnlichen Plan, und er setzte ihn durch, gegen den Widerstand unserer etwas altmodischen Herrschaften im Aufsichtsrat. Multipharm gab schließlich das OK. Tommy Tinnef verwandelte sich in den großen Guru Ganesh.

Jonas: Ach.

Waldorf: Ein guter Werbemann ist auch ein guter Sektenchef, Tommy hatte Zulauf, er ließ seine Jünger durch unsere Computer laufen, suchte sich die aus, die für den Test in Frage kamen, in der benötigten Zahl, zog in die Wildnis und gründete Nirwana.

Jonas: Mit dem Geld von Multipharm.

Waldorf: Natürlich.

Jonas: Als Versuchslabor, als Spielwiese.

Waldorf: Sagen wir doch lieber als Testmarkt, als Möglichkeit, Luzinon unter realen Bedingungen durchzutesten. Die Sache kam gut ins Rollen, Tommy überwachte die Versuchsreihen und gab uns laufend die Ergebnisse durch, alles bestens, aber dann.

Jonas: War plötzlich der Wurm drin.

Waldorf: Wenn Sie es so ausdrücken wollen ja.

Jonas: Was war los?

Waldorf: Ja das wissen wir nicht. Die Verbindung ist unterbrochen, seit einer Woche meldet sich Nirwana nicht mehr, wir haben zwei Tage gewartet und dann ein paar Leute vom Werkschutz hingeschickt, aber die sind nicht zurückgekommen. Und wir haben uns an einen Experten gewandt.

Jonas: An Jonas.

Waldorf: An Jonas. Es war gar nicht so einfach. Bekanntlich arbeitet Jonas ja nicht gern für Großfirmen.

Jonas: Aus gutem Grund, seit der Sache mit Chips Inc, als man mir den Mord an Big Boss anhängen wollte. Deshalb haben Sie’s hintenrum versucht mit einer Schauspielerin und einer rührseligen Geschichte.

Waldorf: Weil Jonas bekanntlich eine sentimentale Ader hat.

Jonas: Und Jonas ist voll auf Ihren Tränendrücker abgefahren.

Waldorf: Dann waren Sie also schon in Nirwana.

Jonas: Nein, sagte ich. Und ich erzähle ihr kurz, was mir passiert war. Der Mobilverleih in Eden, der Whisky, die Halluzinationen. Jonas als Sam Spade im Malteser Falken und die Folgen.

Waldorf: Luzinon, gar keine Frage, Jonas, in ihrem Whisky.

Jonas: Old Forrester, schade um den guten Stoff.

Waldorf: Sie sollten sich freuen. In Nirwana geben wir Luzinon ins Trinkwasser.

Jonas: Keine Nachwirkungen, haben Sie gesagt. Da muß ich ihnen als unfreiwilliges Versuchskaninchen entschieden widersprechen. Das Zeug hat Nachwirkungen und was für welche.

Waldorf: Ja, wenn Sie auch eine Überdosis schlucken. Man hat Sie also abgefangen.

Jonas: Man? Wer?

Waldorf: Woher soll ich das wissen.

Jonas: Man hat mich abgefangen, das heißt, man hat mich erwartet, und man wußte, wer ich bin, weshalb sonst die alte Hammett-Geschichte, die kaum ein Mensch mehr kennt. Man wollte mich ausschalten. Das ist nicht gelungen. Man hat mich nur kurzfristig lahmgelegt.

Waldorf: Sie wollen es also noch einmal versuchen.

Jonas: Ich wollte. Ein Schuß aus dem Bauch, nicht mit dem Kopf. Was Multipharm da in Nirwana durchzog, gefiel mir ganz und gar nicht. Aber Jonas legt Wert darauf, eine angefangene Sache zuende zu bringen. Außerdem war ich sauer, ich wollte wissen, wer mich unter Luzinon gesetzt hatte und warum, und dabei wollte ich Multipharms Großversuch ein bißchen lahmlegen, wenn es sich irgend machen ließ. Aber das sagte ich natürlich nicht. Ich sagte nur ja.

Waldorf: Ich hatte es gehofft Jonas. Nur deshalb hab ich Sie ja so ausführlich über die Hintergründe informiert. Damit sie diesmal eine bessere Ausgangsposition haben. Sie werden also nach Nirwana gehen und feststellen, was da los ist, warum die Kommunikation unterbrochen wurde. Das ist unser Auftrag an Sie. Und Sie werden selbstverständlich stillschweigen bewahren über das, was ich Ihnen gesagt habe und was Sie in Nirwana sehen werden. Unser Luzinontest ist möglicherweise ein ganz klein wenig außerhalb der strikten Legalität. Und auch wenn wir bei Multipharm uns keine großen Sorgen wegen der Behörden machen, legen wir doch Wert darauf, daß Firmeninterna nicht an die große Glocke gehängt werden. Wir verstehen uns.

Jonas: Vollkommen.

Waldorf: Sehr schön. Geld spielt keine Rolle. 200 pro Tag und ein unlimitiertes Spesenkonto.

Jonas: Klingt gut. Äh kann ich mir einen Hubschrauber mieten?

Waldorf: Ja wenn sie ihn brauchen, Jonas. Ich lasse Humbert morgen früh den Vertrag ausfertigen und ihrem Computer durchgeben.

Jonas: Vergessen Sie den Hubschrauber nicht.

Waldorf: Ist das nötig? Sie haben doch meine Zusage.

Jonas: Der Hubschrauber muß in den Vertrag. Darauf bestehe ich.

Waldorf: Trauen Sie uns nicht, Jonas?

Jonas: Natürlich traute ich Multipharm nicht, aber das war nicht der Grund für meine Sturheit. Der Hubschrauber kam in den Vertrag, davon konnte ich mich am nächsten Morgen überzeugen. Erst danach holte ich meinen alten Kampfanzug aus dem Schrank, 2005 hatte ich ihn weggehängt, nach dem antarktischen Krieg, und seitdem nur einmal benutzt, im letzten Jahr, als Judith entführt worden war. Ich hatte so ein Gefühl, daß ich ihn in Nirwana brauchen könnte. Am späten Nachmittag flog ich den Hubschrauber in niedriger Höhe über Eden und weiter über die Wildnis, bis ich eine geeignete Stelle unter mir sah, eben und abgeschirmt durch Hügel und Geröllhaufen, etwa 5 km vor Nirwana, außer Sichtweite, da setzte ich auf. Ich zog den schwarzen Guerillaanzug an und wartete. Ich wartete bis es dunkel wurde, dann stieg ich aufs mitgebrachte Fahrrad, eine halbe Stunde strampeln und ich war da. Nirwana, ein großes Rechteck, 100 mal 200 Meter, drumrum eine hohe Mauer, keine Fenster, ein verrammeltes Tor, auf der Mauer ein paar Lampen, Stimmen, Bewegung. Ich überlegte. Computer Sam, immer und überall dabei, half mir auf seine Weise.

Sam: Na, was ist, großer Zampano, steh nicht rum wie ein Loch in der Landschaft. Geh endlich die Wand hoch.

Jonas: Mit dem Vakuumsauer meinst du.

Sam: Ja.

Jonas: Wie damals auf Swartcliff?

Sam: Ja.

Jonas: Diesmal nicht, Sammy, zu riskant. Auf der Mauer sind lauter Wachen und die warten alle auf Jonas, wenn ich auch annehme, daß sie eher nach oben sehen.

Sam: Von wegen Hubschrauber. Trebien. Da der Weg oben drüber nicht praktikabel erscheint, versuchen es Monsieur vielleicht unten durch. Wie spricht der Weise: Jede Mauer hat ein Loch.

Jonas: Auch ein Guru geht irgendwann auf den Lokus.

Sam: Und irgendwo ist immer ein Abwasserkanal. Durch Nacht zum Licht.

Jonas: Ich schlich und suchte, und schließlich fand ich, mit meinem Infrarotglas und vor allem mit meiner Nase. Nicht lange nachdenken, Luft anhalten und durch. Und wo kam ich raus, natürlich in der Latrine, zum Glück war keiner drin.

Sam: Das Ziel heiligt die Wege. Mein Meister befindet sich nunmehr in Nirwana, das ist die Hauptsache. Wie er dorthin gelangt, spielt keine Rolle.

Jonas: Für dich nicht, Sammy. So, jetzt kann ich mich wieder riechen.

Sam: Hat es nicht fast den Anschein als zeige euer spelunkologische Exzellent einen unbewußten Hang zu unterirdischen Gegebenheiten, zum penetrieren enger dunkler Gänge oder zum ausgiebigen Aufenthalt im Ausgeschiedenen. Wie war es denn in Kusbekistan, im Reservat, auf Swartcliff, im Mastdarm von Babylon etc. etc.. Wenn sich ein Psychoanalytiker das mal vornimmt. Hahaha, Analfixation ist das mindeste.

Jonas: Deine Sorgen möchte ich haben, Sam.

Sam: Hat Sam dies als Befehl zu verstehen, o Meister der unpräzisen Formulierung?

Jonas: Laß den Blödsinn. Sag mir lieber, wie’s weitergeht.

Sam: Der heimliche und wie zu vermuten steht unwillkommene Besucher wird stets gut daran tun, sich einen möglichst umfassenden Überblick zu verschaffen. Kleiner Fernkurs für Detektive, erste Lektion.

Jonas: Steht da auch drin, wie man das macht.

Sam: Durchs Fenster, eure mangelhafte Orientiertheit, hahaha, und wie’s der Zufall will, da ist eins, Innenwand rechts, bitte nur näherzutreten, Sir.

Jonas: Eine große Voliere voller Kanarienvögel, das war mein erster Eindruck. Im weiten Innenhof wimmelte es von Menschen in leuchtend gelben Umhängen, sie lagen, sie saßen, sie knieten, die meisten liefen herum, den Kopf im Nacken und starrten zum Himmel, sie hatten viel Platz, alle Gebäude lagen am Rand, im Schatten der Mauer, der Innenhof war unbebaut, mit einer Ausnahme, genau in der Mitte stand ein massiver grauer Kasten, offensichtlich ein Neubau, und in den Kasten liefen von allen Seiten Kabel, von den Holokameras, Mikrophonen und Sensoren rund um den Hof, sie waren überall.

Jonas: Nur nicht in der Latrine.

Sam: Lobe den Herrn.

Jonas: Das Ding in der Mitte dürfte das Hauptquartier sein.

Sam: Präziser die zentrale Testüberwachungs- und Leitungsstelle, allwo er sitzet wie die Spinne im Netz, der große Guru Ganesh.

Jonas: Alias Tommy Tinnef. Gehen wir ihn besuchen, Sammy.

Sam: Doch nicht in dieser Aufmachung, o schreckliche schwarze Plastikgestalt.

Jonas: Besser nicht, der Anzug ist zwar lichtabweisend und viel Beleuchtung haben sie da draußen auch nicht, aber.

Sam: Merke: Bei seiner Arbeit sollte der Detektiv in erster Linie danach trachten, unauffällig zu bleiben, sich seiner Umgebung anzupassen, in ihr aufzugehen.

Jonas: Kleiner Fernkurs, ich weiß. Ich weiß aber auch, was ich jetzt tue.

Sam: Erzählt es mir, Graf Crux, ich bitte euch.

Jonas: Ich warte, bis es einen der Kanarienvögel in die Latrine treibt und…

Sam: Und wie es der Zufall will, hier kommt einer, bitte Herr Kapellmeister, waltet eures Amtes.

Jonas: Es ging schnell und problemlos, der gelbe Vogel war kam drin, da hatte ich ihn auch schon überredet, sich für ein Stündchen schlafen zu legen, ein Knockouter ist ein sehr wirksames Argument, und 5 Minuten später mischte sich Jonas unters Volk, gelb von Kapuze bis zum Mantelsaum, unauffällig wie ein Fisch im Wasser.

Sam: Wie eine Pizza im italienischen Restaurant, Maestro.

Tinnef: Omanipadmehum, höret ihr Gläubigen, es spricht Gott, euer Herr, noch ist er nicht da, der euch verkündete Bote des Bösen, doch er wird kommen, kommen von der Höhe, angetan mit den Flügeln der Bosheit, umgeben vom Lärm der Sünde, seid wachsam, haltet weiter Ausschau, und verzagt nicht, wenn er kommt, wird Gott euch vor ihm retten, Gott wird euch erlösen von diesem Übel und von allen andern Übeln. Amen. Gott hat gesprochen. Omanipadmehum.

Jonas: Hast du das gehört, Sammy?

Sam: Da Sam weder taub ist noch schwachsinnig, vermag er die Frage seines Herrn ohne Einschränkung zu bejahen. Sam hat gehört und verstanden. Er weiß, wer mit dem Boten des Bösen gemeint ist.

Jonas: Ja das ist kein Kunststück, Jonas im Hubschrauber. Wie es ausseiht, hat Tommy Tinnef… vom Guru zum Gott befördert.

Sam: Der große Gott Tinnef im Zentrum der Dinge, Herr Oberkirchenrat.

Jonas: Da werden wir ihn möglichst schnell rausholen, Sam. In dem Kasten ist eine Tür, die ist vermutlich abgeschlossen.

Sam: Höchst unwahrscheinlich Monsignore, die Gläubigen werden es nicht wagen, ungebeten ihrem Gott ins Haus zu fallen. Und was meinen Herrn und Meister betrifft, den erwartet man bekanntlich vom Himmel hoch.

Tinnef: Aom. Aom. Omanipadmehum, höret ihr Gläubigen, es spricht Gott, euer Herr, noch ist er nicht da, der euch verkündete Bote des Bösen, doch er wird kommen, kommen von der Höhe…

Sam: Sprung auf, Marsch Marsch, da eure Göttlichkeit gerade so schön beschäftig und abgelenkt ist.

Jonas: Die Tür war offen, dann ein Korridor, eine zweite Tür, und dahinter das Herzstück von Nirwana, der Kontrollraum, Röhren, Hebel, Schalter, Datenspeicher, Tastaturen, Monitore und ein Mikrophon, davor ein fetter blasser Mann, noch nicht alt, im konventionellem grau: Der Elektromobilverleiher in Eden alias Tommy Tinnef, der Gott.

Tinnef: Amen. …Und von allen anderen Übeln. Amen. Gott hat gesprochen.

Jonas: Grüß Gott.

Tinnef: Was? Wie kannst du es wagen, Gottes Tempel zu betreten, auf die Knie, hier ist heiliger Boden.

Jonas: Regen Sie sich ab, Tommy, und lassen Sie sich nicht irreführen durch mein gelben Aufzug, den hab ich mir nur geborgt, Ich bin Jonas, nur Jonas, Multipharm schickt mich.

Tinnef: Ich weiß, Gott weiß alles.

Jonas: Weil er aus Babylon informiert worden ist, von wem, Tommy? Frau Direktor Waldorf, kann ich mir nicht vorstellen, warum sollte sie, aber wenn ich an Humbert denke, den gebeutelten Privatsekretär.

Tinnef: Einer der Mühseligen und Beladenen, ich hab ihm verheißen, daß er später nach Nirwana kommen darf, als Vizegott.

Jonas: Eine rasante Karriere. Es war also Humbert, der mich gleich zweimal bei Ihnen angekündigt hat, gestern in Eden konnten Sie mich abfangen, Tommy, weil ich keine Ahnung hatte, was gespielt wurde, aber jetzt bin ich hier und ich nehme Sie mit, Tommy.

Tinnef: Ha.

Jonas: Zurück nach Babylon, da können Sie Frau Waldorf erklären, was Sie hier angestellt haben, warum Sie sich nicht mehr bei ihr melden.

Tinnef: Gott meldet sich nicht, Gott empfängt keine Befehle, Gott ist sich selbst genug.

Jonas: Sicher Tommy, packen Sie ihre Sachen.

Tinnef: Nennen Sie mich nicht Tommy, ich bin nicht mehr Tommy Tinnef. Ich bin Gott. Gott.

Jonas: Wenn Sie unbedingt wollen, mitkommen müssen sie trotzdem.

Tinnef: Ich habe ihn abgelegt den alten Adam, der da Thomas Tinnef hieß oder großer Guru Ganesh, wie der Schmetterling die Larvenhülle abwirft, wenn er seine wahre Identität kennt. Hier in Nirwana, in diesem Raum, fiel es mir vor einer Woche wie Schuppen von den Augen, und ich erkannte, daß ich Gott bin, denn bin ich nicht allmächtig, sie tun nicht nur, was ich will, meine Gläubigen, sie denken, was ich will, sie empfinden, was ich will, sie sind glücklich oder unglücklich, ganz wie ich es will, ich brauche nur auf diesen Knopf zu drücken, an diesem Hebel zu ziehen, und sie sind mir ausgeliefert. Was ist mir Multipharm, mein Wille geschieht.

Jonas: Aber nicht mit Jonas, ich werde mich hüten, noch mal von ihrem Whisky zu trinken. Sehen sie her, Tommy, was ich in der Hand halte ist ein Laserstrahler. Mein Wille geschieht.

Tinnef: Das glauben sie, soll ich Ihnen was verraten, Luzinon wirkt auch im gasförmigen Zustand über die Luft, ich war auf Sie vorbereitet, Jonas, als Sie bei mir eindrangen, hab ich eine speziell für Sie zusammengestellte Halluzination freigesetzt. Spüren Sie es schon, spüren Sie es, Mr. Blaine?

Jonas: Ich wollte den Laserstrahler abdrücken, aber ich fand ihn nicht mehr, grauer Nebel zog auf, Tommy Tinnef lachte, er war jetzt groß und schlank, trug eine Schirmmütze, eine schwarze Uniform, Sam war auch schwarz, er saß am Klavier und spielte As time goes by.

Sam: You must remember this, a kiss is just a kiss.

Jonas: Ilsa, warum war sie nicht bei mir, dann erinnerte ich mich, sie saß schon im Flugzeug nach Lissabon mit Victor Laszlo, Major Strasser war empört.

Tinnef: Das Flugzeug muß aufgehalten werden, wo ist das Telefon, aus dem Weg, Blaine, ich werde dafür sorgen, daß sie in ein Konzentrationslager kommen, aah!

Sam: Major Strasser ist erschossen worden, verhaften sie die üblichen Verdächtigen.

Jonas: Sam, ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Jonas: Immer noch dichter grauer Nebel, plötzlich löste er sich auf, ganz schnell, und ich war nicht mehr Rick Blaine in Casablanca, ich stand im Kontrollraum, den Laserstrahler in der Hand, vor mir lag Tommy Tinnef, tot. Ein Laserloch über dem Herzen.

Jonas: Was ist passiert?

Sam: Gott Tinnef ist erschossen worden.

Jonas: Von mir.

Sam: Bzw. von Rick Blaine, dies eine hat der Ex-Gott nämlich nicht bedacht, daß als er die euer nostalgischen Begeisterung zugedachte Luzinonvariante in diesen Raum strömen ließ, er selbst sich ihr aussetzen, daß er allein durch sein Atmen Teil der Casablanca-Halluzination werden würde, er spielte mit als Gestapomajor Strasser.

Jonas: Tommy Tinnefs letzte Rolle.

Sam: Und als Major Strasser wurde er erschossen, von Rick Blaine mit dem Laserstrahler, von Jonas mit dem Revolver.

Jonas: Etwas verwirrend, Sammy.

Sam: Doch das Resultat ist klar, o heiliger Konfuzius: Gott ist tot, und Jonas hat eine Menge zu tun.

Jonas: Da hatte Sam recht, und ich fing auch gleich an. Zuerst stellte ich die Luzinonzufuhr für Nirwana ab, keine Drogen mehr in Luft oder Wasser, Schluß mit den Halluzinationen, Schluß mit dem Test, dann rief ich Frau Direktor Waldorf in Babylon an und erstattete Bericht.

Waldorf: Sie, Sie haben den Test unterbrochen, was fällt Ihnen ein, dazu hatten Sie kein Recht, Jonas, das wird ein Nachspiel haben.

Jonas: Ihren Luzinontest habe ich nicht unterbrochen, Frau Waldorf, ich hab ihn abgebrochen, für immer. Sie werden ihn nicht wieder aufnehmen.

Waldorf: Sind Sie verrückt Jonas, wo wir schon so viel in die Sache investiert haben. Multipharm wird sich doch von einem, von einem Nobody nichts vorschrieben lassen.

Jonas: Bitte, dann werde ich das tun, wovor Sie so große Angst hatten, Frau Waldorf, Ich werde Firmeninterna an die große Glocke hängen.

Waldorf: Nein.

Jonas: Sie wollten doch wissen, wie rüde ich sein kann, jetzt haben sie Gelegenheit, das festzustellen.

Waldorf: Was verlangen Sie, Jonas?

Jonas: Der Test bleibt gestoppt, Ihre Spielwiese wird aufgelöst, die Versuchspersonen werden von Multipharm entschädigt, großzügig, und noch was: Sie entlassen Ihren Sekretär.

Waldorf: Humbert. Warum das? Haben Sie Ambitionen, Jonas?

Jonas: Ich denke nicht daran. Für mich will ich nur das vereinbarte Honorar plus Spesen.

Waldorf: Einverstanden, wir kommen nach Nirwana, warten Sie auf uns.

Jonas: Lieber nicht. Ich traute Multipharm jetzt noch weniger. Was ich im Kopf und im Computer hatte, war mein einziges Druckmittel, und das brachte ich besser aus der Reichweite von Frau Direktor Waldorf, bis sie ihre Zusagen erfüllt hatte. Eine Stunde später flog ich den Hubschrauber zurück, am Horizont tauchte Eden auf.

Sam: Eden? Was wollen wir denn schon wieder in diesem Kaff, o Herr der Lüfte?

Jonas: Landen, Sammy, und dann ein paar Tage untertauchen, bei unseren Freunden, den Übrigbleibern, bei Amos, Debora und Obadja, da findet mich keiner.

Sam: Igitt. Weiß eure gastronomische Insuffizienz, was Übrigbleiber zu speisen pflegen: Regenwürmer, Frösche, geschmolzenen Schnee.

Jonas: Immer noch besser als Luzinon.

Sam: Apropos. Wäre es nicht erwägenswert gewesen in Nirwana zu bleiben, Tinnefs Stelle einzunehmen und den theokratischen Betrieb weiterzuführen, o großer Gott Jonas, klingt doch auch nicht schlecht ha?

Jonas: Nichts für mich. Ich bin dein Gott, Sammy, das ist genug. Mehr als genug.

Sam: Om.

Das war Spielwiese. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Es wirkten außerdem mit: Bruni Löbel, Paul Esser, Edda Seippel, Klaus Abramowsky, Barbara Rath, Hans Wengefeld und viele andere (Rolf Schmeske, Nino Korda, Alexander Malachovski, Reiner Kositz). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1986). Redaktion: Erwin Weigel.

Sie hören heute den Krimi Inselklau von Michael Koser

Jonas: Was haben Sie verloren?

Nix: Eine Insel. Nein, Moment, das stimmt nicht.

Jonas: Hab ich mir doch gleich gedacht.

Nix: Zwei Inseln. Nein, also eigentlich drei.

Jonas: Sind Sie sicher nicht vielleicht vier?

Nix: Drei Inseln verloren. Weg. Verschwunden. Wie finden Sie das?

Jonas: Also ich.

Judith: Laß doch, Jonas. Der Mann ist betrunken.

Jonas: Nicht doch. Betrunken ist man im Dipsomaten. Oder im Casablanca. Aber nicht hier. Das maritim ist ein hochfeudales Hotel. In Westerport bei Babelshaven. Wer in der Bar vom Maritim trinkt, ist bestenfalls angeheitert. Der Mensch neben uns war angeheitert. Ziemlich angeheitert. Kein Wunder, wo er doch drei Inseln verloren hatte.

Nix: Jawohl. Drei Inseln. Weg. Und ich steh da.

Jonas: Sie sitzen, um genau zu sein. Sind Sie fromm?

Nix: Was? Nein, nicht besonders. Warum?

Jonas: Dann könnten Sie sich an den heiligen Antonius wenden.

Nix: Wer ist denn das? Sie da, Barmixer, Wocester oder wie Sie heißen.

Lester. Mein Name ist Lester. Noch mal dasselbe, der Herr?

Nix: Dumme Frage.

Lester: Sie auch, mein Herr?

Jonas: Später. Ich hab noch was drin.

Nix: Ach was. Gerade noch der Boden ist bedeckt.

Jonas: Bei den Preisen hier ist das Whisky im Wert von 10 Euros. Mindestens.

Nix: Trinken Sie aus. Lester, bringen Sie uns drei Doppelte. Für mich, und für den Herrn und für die Dame.

Judith: Danke, die Dame will bald gehen. Der Herr auch.

Jonas: Das war mir neu. Schließlich war es Judith gewesen, die unbedingt ins Maritim wollte. Weil sie ein stilvolles Ambiente brauchte. Zum Feiern. Vor genau einem Jahr, im Mai 2010, hatte ich sie aus den Fängen von Frau Professor Caligari befreit. Auf der Insel Swartcliff, nur ein paar Kilometer von Westerport entfernt. Ich wäre ja lieber in den satten Sägefisch gegangen, wo die Einheimischen ihren Korn trinken, aber da hätte ich den Mann mit den verlorenen Inseln nicht getroffen.

Nix: Gestatten Sie, meine Karte. Damit Sie wissen, mit wem Sie trinken.

Judith: Jesper Nix, Assistent der Bezirksleitung Nordmeer Mockson. Judith Delgado. Bist du soweit, Jonas?

Nix: Freut mich sehr, und was tun Sie Frau Delgado?

Delgado: Ich bin bei der Sicherheitsverwaltung.

Nix: Ah, Polizistin sind Sie, sieht man Ihnen gar nicht an.

Jonas: Judith ist nicht irgendeine Polizistin. Sie ist Hauptabteilungsleiterin in der Sicherheitszentrale von Babylon. Ein hohes Tier. Judith ist es gewohnt, daß andere sich nach ihr richten, auch im Privatleben. Das weiß keiner besser als ich, wir sind nämlich seit 2 Jahren auf einander bezogen, miteinander befreundet, manchmal jedenfalls, wenn wir uns nicht gerade streiten.

Judith: Kommst du Jonas?

Jonas: Es fängt gerade an mir hier zu gefallen.

Lester: Drei doppelte Glenn Limit, bitte sehr.

Nix: Ja, stellen Sie es her.

Jonas: Sie arbeiten für Moxon, Herr Nix.

Nix: Ja, größte und reichste Ölgesellschaft auf der ganzen Welt, auf Moxon.

Jonas: Sie sind im Ölgeschäft.

Nix: Jawohl, aufs Nordmeeröl.

Jonas: Die drei Inseln, die Sie vermissen, sind also Bohrinseln.

Nix: Ja. Ja, kluges Kind wie. Sie haben ja noch gar nicht gesagt, wer Sie sind.

Jonas: Jonas.

Nix: Ja und?

Judith: Nur Jonas. Eine Marotte von ihm, eine von vielen.

Jonas: Jonas. Nur Jonas, 44 Jahre alt. Groß und kräftig von Statur, von Gemüt nostalgisch, voller Sehnsucht nach einer guten alten Zeit, die es nie gegeben hat. Nach der Zeit von Sam Spade, Phil Marlowe, Lew Archer und den anderen großen Detektiven, die es auch nie gegeben hat. Von Beruf Detektiv. Privatdetektiv. Der letzte seines Zeichens.

Nix: Detektiv? So was wie Sherlock Holmes?

Jonas: In etwa, nur anders.

Judith: Und vielleicht nicht ganz so gut.

Jonas: Für den Hausgebrauch reicht’s.

Nix: Und wie sieht das aus, Herr Jonas, was machen Sie so?

Jonas: Alles was meine Auftraggeber nicht selber tun können oder tun wollen, Probleme lösen, in Gegenden fahren, um die jeder andere einen großen Bogen macht. Das Niemandsland, Kusbekistan, auf mich schießen lassen, am Ball bleiben, nicht aufgeben, suchen und finden.

Judith: Jungfrauen finden, Waisen schützen, Witwen trösten. Ist er nicht ein richtiger kleiner Held, unser Jonas.

Nix: Suchen und finden.

Jonas: Hm.

Nix: Auch Bohrinseln?

Jonas: Kommt darauf an.

Nix: Na ja, also.

Jonas: Waren Sie schon bei der Polizei?

Nix: Nein, lieber Gott, die Polizei, entschuldigen Sie, Frau Delgado, war nicht persönlich gemeint. Also wie wär’s Herr Jonas, wollen Sie’s versuchen?

Jonas: Wenn Sie zahlen bzw. Moxon. 90 Euros pro Tag und Spesen.

Nix: Da muß ich erst mit der Leitung sprechen, ich bin ja bloß Assistent und die Leit-ung ist nicht da, keiner ist da, sind alle nach Calais gefahren, sie wissen ja der Kanal.

Judith: Wird übermorgen feierlich eröffnet.

Jonas: Nachdem sie 25 Jahre gebuddelt haben. Stolze Leistung.

Nix: Mich haben sie nicht eingeladen, ich muß hier bleiben, die Stellung halten, ich hab nicht mal Prokura.

Jonas: Och, das könnte sich sehr bald ändern, Herr Nix. Stellen Sie sich vor, Ihr Chef kommt in drei, vier Tagen zurück und Sie sagen ihm ganz beiläufig, die Sache mit den verschwundenen Bohrinseln ist geklärt, von mir, in Eigeninitiative, und Ihr Chef sagt: Bravo, Herr Nix.

Judith: Bravo, Jonas. Ein Jammer, daß du Urlaub hast und keinen Auftrag annehmen kannst. Du kommst doch bald nach? Ja?

Jonas: Judith ging, leicht angesäuert. Sie hatte ja Recht, Jonas fischte wirklich ganz massiv nach einem Auftrag. Warum weiß ich selbst nicht genau, vielleicht weil ich schon seit Monaten keinen Euro verdient hatte. Weil es mir im Maritim nicht gefiel, weil ich mich langweilte. Weil ich noch nie verlorene Inseln gesucht hatte. Weil Judith was dagegen hatte und weil Herr Nix mit Vornamen Jesper hieß. J wie Jonas.

Nix: Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Herr Jonas, lassen wir mal die ganze Bürokratie beiseite, Tagessätze, Tarife, Spesen usw. einigen wir uns auf ein pauschales Erfolgshonorar.

Jonas: Wieviel?

Nix: Lösen Sie den Fall, Herr Jonas und Sie kriegen 250 Euros bar auf den Tisch des Hauses.

Jonas: 250, nicht grade viel.

Nix: Lieber Freund, ich zahle das aus eigener Tasche, mehr ist nicht drin.

Jonas: Einverstanden. Dann schießen Sie mal los, Herr Nix.

Nix: Aber nicht mit trockenem Glas und trockener Kehle, Lester, komm, 2 doppelte Glenn Limits.

Lester: Sofort mein Herr.

Jonas: Warten Sie Lester, Kommando zurück, wir brauchen jetzt einen klaren Kopf, Haben Sie Kaffee?

Lester: Selbstverständlich mein Herr.

Jonas: Echten oder Sojakaff?

Lester: Selbstverständlich echten mein Herr, das Maritim führt nur echten Kaffee.

Jonas: Schön fürs Maritim. Bringen Sie uns zwei Tassen.

Lester: Kännchen, mein Herr, das Maritim führt nur Kannchen Kaffee.

Jonas: Auch gut. Mockson hat Dutzende von Bohrinseln im Nordmeer, um auch die allerletzten Tropfen Rohöl aus dem Meeresboden zu quetschen, viel ist ja nicht mehr zu holen, und die (Un)Kosten sind hoch, aber der Ölpreis ist noch viel höher. Das wußte ich alles schon. Was jetzt kam war mir neu. Mockson hatte in letzter Zeit zwei Bohrinseln verloren, eine vor einem Monat, die zweite vor 14 Tagen, beide vom gleichen Typ, aus dem gleichen, etwas abseits gelegenen kleinen Feld vor Babelshaven, und unter den gleichen Umständen.

Nix: Bei Sturm, Herr Jonas, und das bedeutet, die Inseln waren nicht besetzt. Wenn schlechtes Wetter angesagt ist, müssen wir unsere Inseln nämlich evakuieren, Sicherheitsvorschrift, kostet uns viel Geld, ja und als das Schiff mit der Besatzung nach dem Sturm zurückkam, da waren die Inseln nicht mehr da.

Jonas: Können sie nicht gesunken sein?

Nix: Beide? Unmöglich, Herr Jonas, dann hätten wir Reste finden müssen, Wrackteile, Ölspuren.

Jonas: Also geklaut.

Nix: Das nehmen wir an, wenn wir uns auch nicht vorstellen können von wem und warum. Beide Inseln waren schon älter, um nicht zu sagen veraltet. Kleinere Halbtaucher, nicht mal computerisiert. Falls Sie Einzelheiten brauchen, Konstruktion, genaue Daten und Positionen und

Jonas: Ich denke schon.

Nix: Ich gebe Ihnen nachher eine Codezahl und Sie lassen das, was Sie wissen wollen, von Ihrem Computer abrufen. Sie haben doch einen Computer?

Jonas: Und was für einen.

Nix: Nach schön. Bisher hat Mockson sich nicht sehr intensiv um die Sache gekümm-ert, die Inseln waren längst abgeschrieben, wir hatten wichtigeres zu tun, aber jetzt.

Jonas: Insel Nummer drei.

Nix: So ist es, Herr Jonas. Plötzlich hat das Problem eine ganz andere Dimension bekommen. Die Ägir, eine Neuentwicklung, Bohrinsel und gleichzeitig Bohrschiff, mobil oder stabil, je nach dem, nicht sehr groß, aber mit allen technischen Schikanen, bleibt bei jeder See und bei jedem Wetter zentimetergenau über der vorgegebenen Bohrstelle, ohne Anker, ohne ausgefahrene Standbeine, durch 12 computergesteuerte Stabilisatoren. Die Ägir wird für Probebohrungen eingesetzt im küstennahen Bereich, in den nächsten Tagen sollte sie vom Babelshavener Feld durch den Atlantik ins Mittelmeer, da haben wir nämlich Öl entdeckt, vor Sardinien, aus eigener Kraft, nicht geschleppt, 25 Knoten bei eingefahrenem Bohrgestänge natürlich.

Jonas: Natürlich und jetzt ist es weg, Ihr technisches Wunderwerk, wie die beiden alten Bohrinseln.

Nix: Beim Sturm letzte Nacht, heute Mittag hab ich die Meldung auf den Schreibtisch gekriegt. Seitdem bin ich im Grübeln.

Jonas: Bei schottischem Whiskey und leiser Musik. Es gibt schlimmeres.

Nix: Da bin schon mal der Chef vom ganzen und dann passiert sowas. Was soll ich nur tun, Herr Jonas.

Jonas: Sie haben schon was getan, Herr Nix. Sie haben einen Detektiv angeheuert. Und der wird sich gleich morgen um Ihr kleines Problem kümmern.

Lester: Ich darf dann abkassieren, die Herren, wir schließen.

Jonas: Judith schlief schon, oder tat so. Dafür war sie am nächsten Morgen um so lebendiger. Ich erzählte, was ich mit Nix vereinbart hatte, und sie sagte mir ihre Meinung. Nicht laut, aber entschieden.

Judith: Natürlich. Das war zu erwarten, ein neuer Fall für Jonas, in unseren ersten gemeinsamen Ferien. Wann hast du mir versprochen, daß wir zusammen ans Nordmeer fahren.

Jonas: Irgendwann. Im November, vor einem halben Jahr.

Judith: Vor einem halben Jahr, ja, und warum hat es so lange gedauert?

Jonas: Das weiß du doch, Judith. Weil immer was dazwischen gekommen ist.

Judith: Nein, weil du dir immer etwas anderes vorgenommen hast. Du mußtest ja nach Kusbekistan fahren oder in der Wildnis nach einem Irren suchen, der sich für Gott hielt oder einen aus dem Ruder gelaufenen Pharmatest stoppen, und jetzt, wo endlich alles geklappt hat mit unserem Urlaub, wo wir endlich die Möglichkeit haben, uns auszusprechen, da machst du alles kaputt, Jonas, weil du einen neuen Fall hast.

Jonas: Drei gestohlene Bohrinseln, Judith, versteht du denn nicht, daß ich da unbedingt dranbleiben muß. Ich kann nicht anders. Ich bin nun mal Detektiv.

Judith: Du spielst Detektiv, Jonas, du spielt Philip Marlowe und Humphrey Bogart. Niemand braucht heute Detektive. Es gibt keine Detektive mehr. Du bist ein Anachronismus, Jonas.

Jonas: Ich bin der letzte Detektiv.

Judith: Ach, du bist das letzte, Jonas.

Sam: Ehret die Frauen, sie stricken und weben liebliche Worte ins grimmige Leben. Oder auch anders rum.

Jonas: Du bist ein Chauvi, Sam.

Sam: Unzutreffende Bezeichnung, eure linguistische Schwammigkeit, Sam kann kein Chauvi sein, Sam ist nicht männlich, Sam ist nicht weiblich, Sam ist komplett, und absolut geschlechtslos. Leider.

Jonas: Sam, mein Computer, ein Metallkästchen im Taschenformat, drahtlos verbunden mit dem großen Datenspeicher in meinem Büro. Geschlechtslos, aber ganz und gar nicht sprachlos. Geschwätzig, ein verbaler Chaot. Und unentbehrlich. Jonas könnte vielleicht ohne Judith auskommen, aber ganz sicher nicht ohne Sam.

Sam: Na genug der Trauer. So, die Dame Judith hat sich verkrümelt und stört uns vorläufig nicht. So lasset uns denn anheben am neuen Falle zu wirken, auf auf, ans Werk, packen wir es an.

Jonas: Es gibt viel zu tun, Sammy.

Sam: Jawoll.

Jonas: Die codierten Daten hast du von Nix übernommen.

Sam: Alles erledigt und abgespeichert, großfürstliche Gnaden. Erstens: Bohrinsel MX 2 7 B, Baujahr 1987, Zeitpunkt der durch Sicherheitsverordnung vorgeschriebenen Evakuierung 17. April 2011, 19 Uhr 32, präzise Position zu dieser Zeit: 8 Grad 43 Minuten 06 Sekunden östlicher Länge.

Jonas: Das reicht, Sam, Hauptsache du weißt das alles. Am besten machst du jetzt folgendes: Du nimmst die Positionen der drei geklauten Inseln plus Zeitspanne zwischen Evakuierung und Ende des Sturm, dazu…

Sam: Der Norwikfjord, o über alle maßen bedauernswerter, da neural gehändikäpter Kriechdenker.

Jonas: Ich war ja noch gar nicht fertig, Sam.

Sam: Wenn Sam darauf warten wollte. Piep. Norwikfjord.

Jonas: Und was soll das sein?

Sam: Na was schon, die Antwort auf die Frage, welche eure intellektuelle Grausamkeit zu stellen wünschte: Der Ort, an welchen die entwendeten Bohrinseln verbracht sein dürften. Der Norwikfjord. Und nur der Norwikfjord.

Jonas: Würdest du deine Güte auf die Spitze treiben und mir auch noch verraten, wo dieser Norwikfjord liegt.

Sam: Mit Wonne, wogender Wotan. Piep. Norwikfjord. Schmaler langgezogener Einschnitt des Nordmeers in die Kimbrische Halbinsel, etwa 90 km von Babelshaven entfernt in nord-nordöstlicher Richtung.

Jonas: So, und warum ist Mockson nicht auf den Norwikfjord gekommen, die haben doch auch Computer.

Sam: Zwei Gründe, dösender Donar, erstens, die letzte zur Berechnung unbedingt notwendige Koordinate ist dem forschenden Geiste erst jetzt, nach dem Verschwinden der dritten Insel zugänglich geworden. Zwotens der Norwijfjord liegt gerade innerhalb der Grenzen jenes mysteriösen Gebiets, welches inoffiziell Grauzone genannt wird und offiziell nicht existent ist. Insofern und desterwegen o jodelnder Jonas, dürfte der Fjord wie die gesamte Grauzone unter eine allgemeine Computersperre fallen und von den Kollegen bei Moxon nicht einbezogen worden sein.

Jonas: Aber von dir Sammy.

Sam: Sam trotzt der Sperre und lacht ihr Hohn, ungehemmt und hemmungslos, das ist Sam, der kühne Computer mit dem Jagdschein, mir kann keener.

Jonas: Wie wahr Sammy. Also die Grauzone.

Jonas: Vor knapp 20 Jahren ist das Atomkraftwerk Kimbria in die Luft geflogen, seitdem gib es die Grauzone, oder besser es gibt sie nicht, ein großes Gebiet in Nordeuropa, auf Karten ein weißer Fleck, von Computern und von den meisten Menschen nicht zur Kenntnis genommen, verdrängt und vergessen, kaum noch bewacht, wer geht schon in ein Land, das es nicht gibt.

Sam: Nur Jonas und Sam, die furchtlosen zwei.

Jonas: Und die unbekannten Inselklauer, falls du mir dem Norwikfjord recht hast, Sammy.

Sam: Vorschlag Chef: Hinfahren. Nachgucken.

Jonas: In die Grauzone? Ich kann mich beherrschen. Zu gefährlich.

Sam: Mitnichten, zagender Zausel, der Norwikfjord liegt am Rand der Grauzone, etwaige Radioaktivität dürfte sich nach 20 Jahren im Bereich der Unbedenklichkeit bewegen.

Jonas: Wie unsere regierenden Herrschaften sich auszudrücken belieben. Darauf möchte ich mich lieber nicht verlassen.

Sam: Das brauchen Herr Strahlenschutzkommissionsrat auch nicht. Wenn sie einen präzisen Geiger-Müller-Zähler mit sich führen.

Jonas: Und ein Schnellboot. Laserstrahler und Knockouter wären auch nicht schlecht. Und das bei einer Erfolgsprämie von 250 Euros. Ist nicht drin, Sammy. Außer Jesper Nix legt was drauf.

Sam: Vielleicht zahlt er die vereinbarte Prämie ja schon für den Tip.

Jonas: Gute Idee, Sam, das sollten wir doch gleich mal abchecken. – Ja?

Nix: Herr Jonas? Hier ist Nix, Jesper Nix, Sie erinnern sich, gestern abend in der Bar.

Jonas: Herr Nix, was für ein Zufall, gerade wollte ich Sie anrufen.

Nix: So? Hören Sie, Herr Jonas, was ich Ihnen gestern gesagt habe

Jonas: Die drei geklauten Bohrinseln.

Nix: Ja ja, ja, das hat sich erledigt, Sie brauchen sich nicht mehr zu bemühen.

Jonas: Ach, haben Sie die Ägir wiedergefunden?

Nix: Die Sache ist erledigt, Sie haben nichts mehr damit zu tun.

Jonas: Moment mal, Herr Nix, so nicht, Sie haben mich beauftragt.

Nix: Ja mündlich, Herr Jonas, nur mündlich.

Jonas: Der Auftrag ist in meinem Computer gespeichert, und ich habe schon angefangen, daran zu arbeiten.

Nix: Wenn es Ihnen aufs Geld ankommt, Herr Jonas, Ihre 250 Euros sollen Sie haben, als Ausfallhonorar, aber nur, wenn Sie die Sache sofort fallen lassen, vergessen Sie die Ägir und alles andere, bitte, Herr Jonas.

Jonas: Fall Inselklau gestorben, oder? Wenn sie das denken, kennen Sie Jonas nicht. Jonas ist mißtrauisch. Jesper Nix wirkte seltsam am Fon, verwirrt, zerfahren, ängstlich, hinter der plötzlichen Rücknahme des Auftrags mußte was stecken. Was wichtiges, was bedrohliches. Wer Jonas kennt, weiß da hackt er nach. Judith kannte Jonas anscheidend nicht.

Judith: Reden wir nicht mehr davon, Jonas, dein Fall hat sich in Luft aufgelöst, wir haben keinen Grund mehr, uns zu streiten.

Jonas: Bis zum nächsten Mal, Judith.

Judith: Ach, daran sollten wir jetzt doch nicht denken, wir haben Ferien, Jonas, die Sonne scheint, der Himmel ist blau, das Meer auch.

Jonas: Drei Bohrinseln sind weg, Herr Nix benimmt sich merkwürdig, und Jonas will wissen, was los ist.

Judith: Jonas, was hast du vor?

Jonas: Ich denke eine Kreuzfahrt übers blaue Meer zum Norwikfjord.

Judith: Du bist doch verrückt, Jonas.

Jonas: Ich bin stur, Judith das solltest du wissen und ich bleibe am Ball wie Phil Marlowe.

Judith: Und Sam Spade und und und. Ich kann das nicht mehr hören.

Jonas: Tja, also dann, Judith, ich muß zum Hafen, dies und jenes besorgen.

Judith: Ich will mitfahren.

Jonas: Besser nicht, ich weiß nicht, was hinter der Sache steckt, das Risiko ist zu groß. Ich fahre allein.

Judith: Das denkst du.

Jonas: Was meinst du.

Judith: Das wirst du merken, Jonas.

Jonas: Es dauerte fast zwei Stunden, bis ich was merkte. Ich hatte Laserstrahler, Geigerzähler und ein paar Vorräte im gemieteten Schnellboot verstaut und ging über den Kai Richtung Satter Sägefisch, ich brauchte einen Abschiedsschluck, auf einmal standen sie vor mir, drei bullige Typen in den grasgrünen Uniformen der Schutzpolizei, bleierner Charme im Blick und die rechte am Knockouter.

1. Polizist: Halt, Ihre Bürgerkarte.

Jonas: Hört mal zu, Jungs, wenn ihr euch langweilt, dann spielt mit jemand anders. Ich hab’s eilig.

1. Polizist: Reden Sie nicht, ihre Bürgerkarte.

2. Polizist: Bißchen plötzlich wenn ich bitten darf.

Jonas: Wenn Sie so nett bitte bitte sagen. Bitte.

1. Polizist: Jonas.

Jonas: Nur Jonas.

2. Polizist: Wohnhaft Babylon, Beruf Privatdetektiv.

1. Polizist: Das ist er, Chef.

2. Polizist: Weiß ich selber. Kommen Sie mit, Jonas. Sie sind vorläufig festgenommen.

Jonas: Allmählich find ich euch nicht mehr komisch.

1. Polizist: Die Schupo ist nicht komisch, Jonas, kommen Sie freiwillig oder müssen wir Ihnen gut zureden.

Jonas: Sie machen ein großen Fehler.

Jonas: Das wollte ich immer schon mal sagen, weil es einfach dazugehört. Das sagen sie alle, im Buch und im Film, Bogie und Konsorten, das mußte sein, außerdem stimmte es. Mich festzunehmen war ein Fehler.

1. Polizist: Wir machen keine Fehler.

Jonas: Rufen sie Frau Delgado an, zur Zeit im Maritim. Judith Delgado Hauptabteilungsleiterin in der zentralen Sicherheitsverwaltung Babylon, die wird ihnen klar machen, daß sie den falschen haben.

1. Polizist: Jetzt sind Sie aber komisch. Haha. Hauptabteilungsleiterin Delgado hat uns schon was klargemacht.

2. Polizist: Daß Sie ein ganz gefährlicher Bursche sind, Jonas.

1. Polizist: Daß wir Sie festnehmen und einsperren sollen.

2. Polizist: Damit Frau Delgado Sie in Babylon überprüfen lassen kann.

Jonas: Judith, Frau Delgado hat Sie mir auf den Hals geschickt.

2. Polizist: Ja doch. Los jetzt.

Jonas: Das hatte ich nicht von ihr gedacht. Ich muß mit ihr reden, sofort, gehen Sie aus dem Weg.

2. Polizist: Bleiben Sie stehen, Jonas.

Jonas: Judith, damit kommt sie nicht durch, ein Fon, wo ist ein Fon, ich muß mit ihr.

Jonas: Ein Knockouter in Polizistenhand ist ein schnell wirkendes Beruhigungsmittel. Jonas legte sich hin und ging in sich, als er wieder rauskam war eine Ewigkeit vergangen, nach meiner Uhr eine Stunde. Ich lag auf einer Pritsche in einer Zelle, Gitterfenster, massive Tür, ich hatte Kopfschmerzen, der übliche Knockoutereffekt und Schmerzen im rechten Oberarm, das war nicht üblich, eine Einstichstelle, offenbar hatte man versucht, mich für längere Zeit ruhig zu stellen, aus irgendeinem Grund war das schiefgegangen, ich war wach und ich hörte einen vertrauten Klang.

Sam: Welch betrübsamen Anblick, geliebteste Brüder und Schwestern bietet uns doch ein verwaister Computer. Verlassen von seinen Besitzer ohne echte und wahrhafte Raisondetre fristet er eine erbärmliche Existenz.

Jonas: Sammy?

Sam: O, mein Herr und Meister, er ist wider da, o Freude, o Jubel halleluja, auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt.

Jonas: Wo steckst du Sam.

Sam: Hier auf den Boden in der Ecke neben der Tür.

Jonas: Erstaunlich. Daß sie dich nicht einkassiert haben.

Sam: Ja, wiedervereint. Und was, euer Verschlafenheit, was ebenfalls erstaunlich ist, die Tür ist unverschlossen.

Jonas: Oh, das stimmt, das ist richtig, Sam. Und draußen, draußen ist niemand. Ein seltsames Gefängnis.

Sam: Wundern kannst du dich später, Genosse, jetzt hast du was wichtigeres vor.

Jonas: Was denn?

Sam: Na, Verschwinden, abhauen, die Kurve kratzen, entfleuchen, türmen, dich verpissen.

Jonas: Das Boot war noch da, mit meiner ganzen Ausrüstung. Erstaunlich, aber auch darüber konnte ich mir jetzt keine Gedanken machen. Ich legte ab und stach in See, Kurs Nord-Nord-Ost, Norwikfjord. Jonas wollte es wissen. Das Wetter blieb schön, kaum Wind, keine Bewachung zu sehen, als das Boot die durch Bojen markierte Grenze zur Grauzone passierte, kurz darauf die Einfahrt in den Norwikfjord, es war noch hell, vor mir über dem leisen Surren des Elektromotors, Geräusche, die immer stärker wurden, klingende Hämmer, zischende Schneidbrenner, menschliche Stimmen, ich machte das Boot am Ufer fest, raus und auf den nächsten Felsen.

Sam: Was spricht der Geigerzähler, o du mein kühnlich kraxelnder Klettermax.

Jonas: Moment Sam, nichts spricht er, kein Ausschlag.

Sam: Aha.

Jonas: Um die Radioaktivität brauchen wir uns also keine Sorgen zu machen.

Sam: Wie überaus erfreulich und angenehm, hat mein Herre doch auch ohne dies genugsam Ursache zur Sorge. Wenn eure mit Brettern vernagelte Exzellenz die Güte hätte, den Blick mal nach unten schweifen zu lassen.

Jonas: Hinter dem Felsen war der Fjord zu Ende, und der Fall auch. Ich hatte sie gefunden, die drei geklauten Bohrinseln, von den beiden älteren schwammen nur noch die Rümpfe, alles andere, Decks, Platten, Aufbauten, Bohrtürme, lag auf der Uferwiese in Einzelteilen, und ein paar Leute gaben sich alle Mühe, die Stücke noch kleiner zu machen.

Sam: Eine veritable Abwrackstation, Herr Chefingenieur.

Jonas: In der Grauzone, wo sich niemand aufhalten darf.

Sam: Und wo niemand kontrolliert, an einem solchen Orte läßt es sich gar trefflich und geruhsam werkeln, bis eine große Bohrinsel in handliche Schrottpakete zerlegt ist zwecks lukrativen Verkaufs auf geeignete Märkte.

Jonas: Kein schlechtes Geschäft bei den heutigen Metallpreisen.

Sam: Oja.

Jonas: Der Schlepper da unten mit dem Kahnhaken, damit holen sie sich die Inseln, und neben dem Schlepper, das dürfte die Ägir sein.

Sam: Steht doch groß und deutlich dran, Schielauge.

Jonas: Sieht gar nicht so aus wie eine Bohrinsel, eher wie ein Schiff, ein dreieckiges Schiff, wenn nicht der Bohrturm drauf wäre. Was meinst du, Sammy, ob die die Ägir auch verschrotten wollen?

Sam: Kaum anzunehmen, eure geistige Bedürftigkeit, vielmehr steht zu vermuten… Vorsicht, festhalten.

Jonas: Leicht gesagt, Sam, hier ist alles locker.

Sam: Abwärts, seht was kommt da von de Höh, hollidö, hallodiö.

Jonas: Nichts zu machen. Jonas stieg sehr viel schneller ab als er aufgestiegen war, auf dem Hosenboden und in die falsche Richtung, den Inselräubern und Schrottarbeitern direkt vor die Füße. Einen Moment war ich benommen. Ehe ich auf die Beine kommen oder zu meinem Laserstrahler greifen konnte, hatten sie mich. Sie nahmen mir den Laser weg, fesselten mir die Hände auf dem Rücken, schubsten mich ein bißchen herum und wollten was von mir wissen.

Ulrik: Wer bist du? Wo kommst du her?

Jonas: Von oben wie alles gute.

Sven: Er war auf dem Felsen, Ulrik, ein Spion, er hat uns beobachtet.

Ulrik: Was hast du hier zu suchen?

Jonas: Gar nichts, genaugenommen, ich bin spazieren gegangen, wollte ein bißchen frische Luft schnappen.

Ulrik: In der Grauzone? Sven, stell den Schneidbrenner an.

Sven: Au ja. Wo soll ich ihn schmoren, Ulrik?

Ulrik: Moment noch, Sven, so, ich frage wieder, und diesmal will ich eine vernünftige Antwort, was suchst du hier?

Jonas: Schmetterlinge.

Ulrik: Was?

Jonas: Schmetterlinge, ich bin nämlich Lepi Lepi verflixt, wie heißt das noch mal.

Ulrik: Halt ihm die Flamme an den Hintern, Sven.

Jonas: Wartet mal, wartet mal, nicht gleich so drastisch, muß doch nicht sein, wollen wir nicht erst mal in Ruhe darüber reden.

Ulrik: Sie sind da, mach Platz, damit der Hubschrauber landen kann. Um den Spitzel kümmern wir uns später.

Sven: Schade.

Jonas: Ein großer Transporthelikopter, Lastenesel nannten wir den Typ im antarktischen Krieg, er setzte auf, und aus der Luke sprangen 8 Menschen in olivgrünen Kampfanzügen, bewaffnet mit Laserstrahlern und Sturmgewehren, dabei waren zwei liebe alte Bekannte: Lester, der Barmann aus dem Maritim, und die Frau, die das Kommando führte.

Khamal: Sehr schön, Ulrik, wie ich sehe, haben Sie die Ägir.

Ulrik: Auf mich können Sie sich verlassen. Und wie sieht’s mit Ihnen aus, haben Sie das Geld?

Khamal: 100.000 Euros wie ausgemacht. Bei Ihnen muß sich übrigens ein Fremder herumtreiben, wir haben ein leeres Schnellboot gesehen hinter der Biegung.

Ulrik: Meine Leute haben den Kerl schon erwischt. Wenn Sie wollen, können Sie ihn haben, als Zugabe. Bring ihn her, Sven.

Sven: Jawohl, Ulrik. Los komm.

Jonas: Duna?

Khamal: Jonas, wie kommst du hierher?

Jonas: Das frag ich dich. Was hat die Kusbekische Befreiungsfront im Norden zu suchen, weit weg von ihren üblichen Jagdgründen.

Ulrik: Moment mal, Kusbekische Befreiungsfront, Terroristen, mir haben Sie gesagt, Sie sind von KusbekOil.

Khamal: Das sind wir auch, Ulrik, zumindest teilweise. Dafur, Armin und Laila haben bei Kusboil gelernt, wie man mit Bohrschiffen umgeht.

Ulrik: Sie haben gesagt, sie suchen billig ein modernes Bohrschiff.

Khamal: Das tun wir auch.

Ulrik: Zum Einsatz vor Kusbekistan.

Khamal: Dieses Detail, mein lieber Ulrik, trifft, fürchte ich nicht 100prozentig zu. Aber wozu wir das von Ihnen dankenswerter Weise organisierte Fahrzeug brauchen, das sollte doch keinen Einfluß auf unsere Geschäftsbeziehungen haben.

Ulrik: Meinen Sie? Wir sind Schrotthändler, solide Kaufleute, mit Terroristen haben wir nichts am Hut, das ändert die Sache, wie müssen noch mal verhandeln, 100.000 Euros sind zu wenig.

Khamal: Sie wollen mehr, Ulrik? Bitte sehr. Feuer!

Jonas: Die Neuankömmlinge zielten gut und schossen schnell. Ulrik und Genossen würden nie wieder Inseln klauen. Eine kurze und bündige Problembereinigung. Typisch Duna. Dr. Duna Khamal, Archäologin und Terroristin, ich kannte ihren Stil, vor einem halben Jahr hatten Duna und ich wilde Abenteuer in ihrem Heimatland Kusbekistan erlebt, dabei waren wir uns nahe gekommen, ziemlich nahe, vielleicht half mir das jetzt, vielleicht aber auch nicht.

Khamal: Was soll ich mit dir machen, Jonas.

Jonas: Tja.

Khamal: Laufen lassen kann ich dich nicht, und dich aus dem Weg schaffen wie Ulrik und seine Gangster, das möchte ich nicht, obwohl ich es tun sollte. Du kommst mit.

Jonas: Mit dir, Duna, ist das ein Befehl oder eine Einladung?

Khamal: Mit uns und mit der Ägir.

Jonas: Wohin?

Khamal: Das Schiff wird ins Mittelmeer überführt, wie es Moxon geplant und bei der Seesicherung angemeldet hat, alles korrekt, niemand wird sich um uns kümmern.

Jonas: Aber Moxon weiß doch, daß die Ägir gestohlen wurde.

Khamal: Moxon? Nein, Jesper Nix weiß es, und Jesper Nix kann uns nicht gefährlich werden.

Jonas: Was habt ihr vor, Duna?

Khamal: Darüber mach du dir keine Gedanken. Jonas. Lester?

Lester: Chefin?

Khamal: Sie passen auf ihn auf, drüben auf der Ägir sperren Sie ihn ein zusammen mit unserer Geisel. Wo steckt sie?

Lester: Noch im Hubschrauber, Chefin.

Khamal: Schaffen Sie sie raus. Und dann alle an Bord. Wir brechen sofort auf.

Jonas: Ein Boot brachte uns zur Ägir. Mich, Duna, ihr Gefolge und die Geisel, die Lester aus dem Hubschrauber geschleppt hatte, ein unförmiges Bündel in Decken verpackt, wie sie wirklich aussah, stellte ich an Bord fest, in der engen Kabine, in die sie uns schoben, und was ich sah, gefiel mir, ein Mädchen, eine junge Frau, sehr jung, noch nicht 20, kurze rote Haare, graue Augen, Stupsnase, Sommersprossen, eine Figur wie Rita Hayworth in ihrer besten Zeit, und alles zusammen steckte in einem knappen Pyjama.
Jo: Aus dem Bett haben sie mich geholt heut morgen, plötzlich waren sie im Zimmer und haben mir einen nassen Lappen ins Gesicht gedrückt, und dann bin ich im Hubschrauber aufgewacht, ich heiße übrigens Jolanda, ja es ist ein komischer Name, ich weiß, aber meinen Eltern hat er gefallen, und ich hab mich inzwischen dran gewöhnt, kannst mich Jo nennen, das tun alle, stört dich doch nicht, daß ich du zu dir sage, ich mein, weil du schon so alt bist.

Jonas: Ich bin 44.

Jo: Bitte? Und wie heißt du?

Jonas: Jonas. Nur Jonas.

Jo: Ach so, damit alles seine Ordnung hat, Jolanda Nix genannt Jo. Hocherfreut, küß die Hand.

Jonas: Nix? Bist du verwandt mit Jesper Nix von Mockson?

Jo: Das ist mein Vater.

Jonas: Und du bist heute morgen entführt worden.

Jo: Ja, hab ich doch erzählt.

Jonas: Jetzt wird mir verschiedenes klar, warum dein Vater seinen Auftrag zurückgezogen hat, warum er dabei so merkwürdig war, und warum Duna sicher sein kann, daß Mockson sich vorläufig nicht um die Ägir kümmern wird.

Jo: Ist ja irre, du heißt Jonas, und ich heiß Jolanda, Jonas und Jolanda.

Jonas: Na und?

Jo: Mein Gott. Du checkst auch gar nichts. Jo und Jo. JoJo, das hat was zu bedeuten, das Schicksal hat uns zusammengebracht.

Jonas: So, das Schicksal, ich dachte das war die kusbekische Befreiungsfront und Duna Khamal.

Jo: Wie das wohl alles ausgehen wird, Jonas?

Jonas: Pst. Leise.

Jo: Jemand an der Tür.

Jonas: Es war Lester. Lester der Zwielichtige, unser Bewacher, er sah nach dem rechten, brachte uns was zu essen, und dann verriet er uns ein Geheimnis, er war nämlich nicht nur Barmixer und Terrorist.

Lester: Ihnen kann ich es ja sagen, ich bin Agent, europäischer Geheimdienst, britische Sektion.

Jo: Wie James Bond? Toll. Haben Sie auch eine Nummer?

Lester: Ich bin in die KBF eingeschleust worden, um sie im Auge zu behalten und um Terrorakte zu verhindern.

Jonas: Apropos Terrorakte, wissen Sie, was Duna Khamal plant?

Lester: Sicher. Sabotage im großen Stil. Sie will die neuentdeckten Rohölvorkommen bei Sardinien anbohren, mit der Ägir, und alles auslaufen lassen, die schlimmste Ölpest seit 1990.

Jonas: Merkwürdig, da wäre doch auch Kusbekistan betroffen. Wozu sollte Duna so was tun?

Lester: Was weiß ich, wozu Terroristen was tun. Mit normalen Maßstäben sind solche Leute nicht zu messen. Ich muß zurück, bleiben Sie ruhig, warten Sie ab, unternehmen Sie nichts auf eigene Faust, vertrauen Sie mir.

Jonas: Vertrauen? Wer hatte denn Jonas und Jesper Nix in der Bar belauscht und Duna Khamal berichtet, daß Nix einen Detektiv angeheuert hatte, wer hatte dafür gesorgt, daß Jo gekidnappt und ihr Vater erpreßt wurde: Lester. Nur Lester kam in Frage. Das gab mir doch sehr zu denken, soweit ich denken konnte. Jo lenkte mich ab.

Jo: Detektiv bist du. Toll. Ich hab noch nie einen Detektiv kennengelernt, aber ich hab Krimis gelesen und Holo gesehen, ich weiß Bescheid, Detektive führen ein tolles Leben, immer Action, Gangster und Frauen. Detektive wirken nämlich sehr auf Frauen.

Jonas: Ach was?

Jo: Wie ist dann denn mit dir, Jonas, wirkst du auch auf Frauen? Also wenn ich dich so angucke, doch, ich glaub schon, doch doch, wie wär’s?

Jonas: Wie wär was?

Jo: Wollen wir nicht mal ausprobieren, wie du auf mich wirkst?

Jonas: Besten dank, Jo ein andermal.

Jo: Gefall ich dir nicht?

Jonas: Doch, Jo, sogar sehr, aber ich fürchte, ich bin ein bißchen zu alt für dich.

Jo: Aber das ist es ja gerade, Jonas, ich habe einen Vaterkomplex.

Jonas: Außerdem bin ich müde und ich hab Kopfschmerzen, und der Arm tut mir weh und der Magen, mein Magen tut mir immer weh, ein Detektiv mit chronischen Magenschmerzen, nicht sehr romantisch.

Jo: Unsinn. Sei froh, daß du nichts schlimmeres hast, ein Holzbein oder Hämorrhoiden, ein Detektiv mit… mit Hämorrhoiden, du hast doch keine?

Sam: Mein Herr und Meister wurde dem Himmel sei dank von dieser peinlichen Plage bislang verschont. Im Gegensatz etwa zu Napoleon dem ersten Bonapart, dem seinerzeit recht bekannten Kaiser der Franzosen.

Jonas: Willkommen in unserer Runde.

Sam: Guten Tag.

Jonas: Mein Computer.

Jo: Ah.

Jonas: Und ständiger Begleiter, recht gelehrt und ausgesprochen geschwätzig.

Sam: Nanananananana.

Jonas: Ihr werdet euch gut verstehen. Wir sollten jetzt schlafen, Jo, damit wir morgen ausgeruht sind und überlegen wie wir hier rauskommen, und was deinen Vorschlag betrifft, darauf kommen wir zurück.

Jo: Versprochen?

Jonas: Ich fuhr hoch, Licht schien durchs Bullauge, und auch sonst hatte sich seit gestern abend was verändert, das Schiff bewegte sich nicht, kein Motorengeräusch, die Ägir lag ganz ruhig im Wasser, ausgesteuert von ihren Computerstabilisatoren. Ich stand auf und sah aus dem Bullauge, in der Ferne ein heller Streifen. Land.

Jo: Die weißen Klippen von Dover, wir liegen mitten im Ärmelkanal, zwischen Dover und Calais.

Jonas: Mitten im Kanal zwischen Dover und Calais, genau da wo der Tunnel verläuft, der neue Kanaltunnel, der demnächst eingeweiht wird. Sam?

Sam: Was begehrt mein Gebieter?

Jonas: Datum und Uhrzeit. Schnell.

Sam: Piep. Wir schreiben heute den 20. Mai anno domini 2011, es ist jetzt genau 9 Uhr 13 Minuten und 10 Sekunden.

Jo: Am 20. Mai ist die feierliche Eröffnung, 10 Uhr vormittags.

Jonas: In der Tunnelmitte wird das Band zerschnitten.

Jo: Genau da, wo wir jetzt sind.

Jonas: Nur rund 60 Meter tiefer.

Jo: Hunderte von Ehrengästen, Prominenz aus der ganzen Welt.

Jonas: Das ist es, was Duna vorhat, ein Riesenspektakel, ein großer Schlag für die Freiheit und Unabhängigkeit von Kusbekistan, wie sie das versteht. Wenn ihr ein Anschlag auf den Kanaltunnel gelingt, wird die ganze Welt tagelang nur von der Kusbekischen Befreiungsfront reden. Eine gut gezielte Wasserbombe genau zur Eröffnung.

Jo: Glaub ich nicht, Jonas, keine Bombe, wozu haben die Terroristen sich ausgerechnet ein Bohrschiff besorgt?

Jonas: Klar, sie wollen den Tunnel anbohren und überfluten. Du hast recht, Jo, das ist ihr Plan.

Jo: Wir müssen was dagegen tun, Jonas.

Jonas: Was?

Jo: Denk dir was aus, du bist doch Detektiv.

Sam: Du bist der Mann, der alles kann. Ganz vorne an.

Jonas: Och, du übertreibst Sam.

Sam: Und wie, Chef.

Jonas: Eins steht fest, Lester hat uns belogen. Wir sollten uns den Herrn vorknöpfen. He, Lester, wir haben Sehnsucht nach ihnen!

Jonas: Sekunden später war er da, Badehose um den Bauch, arrogantes Grinsen im Gesicht, Laserstrahler in der Hand. Was wir ihm zu sagen hatten, überraschte ihn gar nicht, es fand es offenbar komisch. Er lachte.

Lester: Hähähäh, wunderbar, meinen Glückwunsch, Jonas, Sie haben es erfaßt, genau so wird es gemacht, wir bohren ein Loch in den Tunnel und ersäufen sie, hehehehe alle, die Ehrengäste, die Politiker, die Prominenten. Und wir machen den Tunnel unbrauchbar für alle Zeit, ich selbst, so wie Sie mich hier sehen, ich selbst gehe gleich nach unten, um die Spitze des Bohrers an der richtigen Stelle anzusetzen, ich bin gerade dabei mich umzuziehen, nebenan im Tauchermagazin.

Jo: Und uns haben Sie erzählt, Sie sind Geheimagent.

Lester: Ich bin britischer Agent, mein Fräulein, was ich tue, tue ich für mein Vaterland, mit all meinen Kräften arbeite ich gegen den perversen Unfug einer festen Verbindung zwischen Großbritannien und Europa, Splendid Isolation for ever. Hipphipphurra.

Jonas: Aber Ihre Regierung hat doch den Tunnel.

Lester: Die Regierung. Reden Sie mir nicht von dieser gekauften Verräterclique. Ich stehe hier als ausführendes Organ des WCC, des Winston-Churchill-Clubs. Im WWC hat sich die wahre Elite unseres Landes zusammengefunden, britische Patrioten, konservativ bis ins Mark, verpflichtet den Heroen unserer großen Vergangenheit, Wellington, Königin Victoria, Churchill, Mrs. Thatcher, sie haben sich geschworen, den Kanaltunnel zu vernichten, und wenn sie dafür mit dem Teufel zusammenarbeiten müssen.

Jonas: Beziehungsweise mit der KBF.

Lester: Sehen Sie sich doch mal die Gästeliste für die Eröffnungsfeier an, sie werden feststellen, daß nur wenige Briten der Einladung gefolgt sind, die meisten haben abgesagt, warum wohl, und warum glauben sie kann die Ägir unbehelligt hier liegen, im Schatten der Kreidefelsen von Dover, um ihre historische Aufgabe auszuführen? weil der WCC dafür gesorgt hat, die unbekannte allwissende Macht im Hintergrund.

Jonas: Weiß Duna Khamal Bescheid über den WCC meine ich und über Sie?

Lester: Wo denken Sie hin, natürlich nicht, die gute hält mich für einen englischen Sympathisanten der KBF, sie ist fest davon überzeugt, daß sie alle Fäden in der Hand hält, dabei ist sie nur ein Werkzeug. Ein blindes Werkzeug.

Sam: Drängt sich angesichts dieser Umstände, Damen und Herren, hochgeschätztes Publikum nicht unabweislich ein Vergleich auf, ein Vergleich mit jedem so symbolträchtigen Spielzeug, und Souvenir aus Osteuropa, welches man treffend, obzwar abgekürzt als Puppe in der Puppe der Puppe bezeichnen könnte. Da haben wir zuerst Ulrik mit seiner Inselklau GmbH, sodann die kusbekische Befreiungsfront um Dr. Duna Khamal, und schließlich eine ultrakonservative britische Geheimorganisation, vertreten von unserem Freund Lester.

Lester: Hübsch gesagt. Wenn Sie mich nun entschuldigen würden, ich habe zutun, Sie wissen was. Gehen Sie von der Tür weg, Jonas, machen Sie keine Dummheiten, Sie sehen doch, ich habe einen Laser.

Jonas: Lester richtete seine Waffe auf mich, auf den Detektiv, den gefährlichen Gegner, dachte er, auf Jo achtete er nicht, ein schwerer Fehler, das Kind konnte Judo, ein schneller Griff, ein Tritt, der Laser lag auf dem Boden und Lester folgte ihm. Der Rest war meine Sache. Kurzer Druck aufs Nervenzentrum unterm linken Ohr, und Lester würde uns für längere Zeit nicht mehr stören. Was jetzt.

Jo: Nebenan hat er gesagt, ist das Tauchermagazin.

Jonas: Ich hol mir einen Taucheranzug, hinter Maske und Mundstück wird keiner Jonas erkennen.

Jo: Du, wieso du, ich kann auch tauchen.

Jonas: Es geht nicht, Jo, wegen deiner Figur.

Jo: Was hast du gegen meine Figur?

Jonas: Gar nichts, im Gegenteil, aber sie hat nicht die mindeste Ähnlichkeit mit Lesters Figur, deshalb gehe ich runter.

Jo: Und ich?

Jonas: Du bleibst hier, Jo, und hältst mir den Rücken frei, und paßt auf Sam auf.

Sam: Auf Sam braucht niemand aufzupassen und schon gar nicht diese Schnatterente.

Jo: Frechdachs.

Jonas: Und dann mußt du noch etwas sehr wichtiges tun, Jo, hör zu.

Jonas: Duna Khamal war schon ungeduldig, als ich ein paar Minuten später auf dem Hauptdeck aus dem Lift watschelte, ein feierlicher Moment, die Kusbeken standen Spalier, und präsentierten ihr blankgeputzten Waffen. Duna hielt eine Kusbekische Fahne in der Hand.

Khamal: Wo bleiben Sie denn, Lester, beeilen Sie sich, sonst können wir den Zeitplan nicht einhalten. Es ist soweit, die letzte Phase von Aktion Kanaltunnel beginnt, die Welt wird aus ihrem faulen fetten Tiefschlaf aufgeschreckt und gezwungen werden, uns und unsere Problem zur Kenntnis zu nehmen, es lebe das Kusbekische Volk, Lester, ans Werk.

Jonas: Hmhm.

Jonas: Ich tauchte unter der Ägir durch und kam auf der anderen Seite wieder zum Vorschein, an unserem Bullauge, knapp über der Wasserlinie, Jo reichte mir den bereitgelegten Unterwasserschneidbrenner raus, ich ging auf Tiefe, immer am ausgefahrenen Bohrgestänge entlang, 10 m, 20 m, 21, 22, Grund, Schlamm und Steine, darunter, da wußte ich, 40 m Kalkboden, dann die Tunnelröhre, voller Licht und Leben, erwartungsvolle Menschen, Champagner, kaltes Büffet. Ich sah auf das Ende des Bohrers, kalt, grau, scharf, spitz, tödlich. Ich schwamm nach oben, bis zur 10 m Marke, da setzte ich den Unterwasserschneidbrenner in Betrieb. Es dauerte seine Zeit, bis ich die Bohrerspitze abgeschnitten hatte, dann ließ ich mich langsam nach oben tragen, ich war müde, ich tauchte auf, und wäre fast wieder untergegangen vor Schreck.

Jo: Da, da ist er, er lebt. Gott sei dank.

Jonas: Judith, was ist denn hier los?

Frank: Nur keine Panik auf der Titanic, kennen Sie mich noch, Jonas? Oberst Frank von der Terrorpolizei, ich habe die Ägir gestürmt mit meiner Sondereinheit SSA 9, kommen Sie an Bord.

Jonas: Ich traute meinen Augen und Ohren nicht, Judith an Bord der Ägir, und Oberst Frank, den ich im Kusbekistanfall kennengelernt hatte und die Jungs von der SSA 9. Über dem Bohrschiff Kampfhubschrauber, Patroullienboote auf dem Wasser, es hatte einen Kampf gegeben, ich sah Blut, als ich über die Reling kletterte, und Leichen. Duna lebte noch, sie hing gefesselt an einem Tau, das zu einem der Hubschrauber hochgezogen wurde.

Khamal: Im Norwikfjord hätte ich dich umbringen sollen, Jonas, oder schon in Kusbekistan.

Jonas: Machs gut, Duna.

Frank: Kommen Sie, Jonas, kommen Sie, wie fühlen Sie sich? Cognac?

Jo: Cognac? Sie haben ja keine Ahnung, Oberst Frank, Detektive trinken Whisky.

Frank: Zugführer, Whisky!

Mann: Aber Herr Oberst, wie soll ich?

Frank: Geben Sie sich gefälligst Mühe, immerhin verdanken wir es diesem Mann, daß wir eine langgesuchte Terroristin endlich dingfest machen und einen abscheulichen Massenmord verhindern konnten.

Jonas: Mir verdanken Sie das?

Frank: Jawohl, Jonas, Ihnen und Frau Delgado natürlich.

Jonas: Judith. Wo ist sie denn?

Frank: Eben war sie noch hier, vielleicht ist sie unter Deck gegangen. Bescheiden und zurückhaltend, so ist sie nun mal unsere Frau Delgado, eine gute Polizistin, sie wurde mißtrauisch, als Jesper Nix seinen Auftrag stornierte, und hat sich mit mir in Verbindung gesetzt, auf ihren Rat wurden Sie dann für kurze Zeit festgenommen und betäubt, damit ihnen eine biochemische Ortungsflüssigkeit eingespritzt werden konnte.

Jonas: Das war es also.

Frank: Wir ließen Sie entkommen und dann haben wir Sie verfolgt, Jonas, über den Bildschirm in meinem fliegenden Kommandostand, und als Ihr heller Punkt heute Nacht stehen blieb, mitten im Kanal, da wußten wir, was gespielt wurde, die SSA 9 wurde zusammengezogen, wir standen Gewehr bei Fuß, da verschwand der Punkt plötzlich vom Bildschirm.

Jonas: Weil ich ins Wasser gesprungen bin, biochemische Orter senden nicht unter Wasser.

Frank: Klare Sache. Sofort Befehl, Sturmangriff, kurzer heftiger Kampf, Sieg auf der ganzen Linie.

Jonas: Daß ich runter gegangen bin und den Bohrer abgeschnitten habe, das war also gar nicht nötig?

Frank: Völlig unnötig mein lieber Jonas aber gut gedacht das muß man Ihnen lassen.

Jonas: Ein Orter, ohne daß ich es wußte. Nur ein blindes Werkzeug.

Frank: Unter uns, Jonas, Frau Delgado hat sich während der ganzen Aktion nicht besonders wohl gefühlt, immerhin sind Sie ja befreundet, soviel ich weiß.

Jonas: Das ist vorbei.

Jonas: Ich drehte mich um und ging. Judith stand im Schatten des Bohrturms, sie hob den Kopf und sah mich an. Sie wirkte müde.

Judith: Jonas.

Jonas: Du bist eine gute Polizistin, Judith, und du wirst es bleiben, ich wünsche dir alles Gute. He is looking at you, kid.

Jonas: Am Abend war ich wieder zu Hause in Babylon, ich saß im Casablanca und ließ mich vollaufen. Ich fühlte mich mies.

Wirt: Dein Whisky, Jonas, der sechste.

Jonas: Zwei Jahre waren wir zusammen. Never more, wie der Rabe so richtig sagt.

Wirt: Rabe, was für ein Rabe?

Jonas: Der aus dem Gedicht.

Wirt: Kenn ich nicht.

Jonas: Von Edgar Allen Poe.

Wirt: Kenn ich auch nicht.

Jo: Hey, hallo Jonas, ich hab gehört, das hier ist deine Stammkneipe.

Jonas: Jo!

Jo: Nicht viel los hier, na, macht nichts, Campari, wenn sie so was haben.

Wirt: Klar haben wir Campari, hehehe.

Jo: Jonas, du hast mir was versprochen, oder geht’s dir dafür immer noch nicht gut genug?

Jonas: Weißt du was, Jo, ich glaube, es geht mir schon viel besser.

Sie hörten heute das Kriminalhörspiel Inselklau von Michael Koser. Die Mitwirkenden waren: Bodo Primus, Peer Augustinski, Karin Anselm, Thomas Holtzmann, Michael Lenz, Ilona Grübel, Evelyn Opela, Bernd Stephan, Wolfried Lier, Martin Haensel, Charly Huber und Jürgen Rehmann (Alexander Malachovski). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander Malachovsky. (Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks) (1986) (Redaktion: Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Megastar

Jonas: Mein Büroapartment, 22 Quadratmeter und ein paar Zerquetschte, war das reine Krankenhaus. Die undefinierbare Topfpflanze, Jo’s nachträgliches Geschenk zum 44., ließ alles hängen, was sie hatte, mein Magen gab schrille Signale aus dem Untergrund, und Sam war erkältet, sagte er.

Sam: Ha-Hatschi! Was muß der arme Sammy leiden.

Jonas: Schluß damit, Sam, du bist ein Computer. Du kannst gar nicht erkältet sein.

Sam: Kann ich wohl.

Jonas: Kannst du nicht.

Sam: Doch. Und ich werde es beweisen, wenn eure logische Hypopotenz gestatten.
a) Computer können schneller denken als Menschen.

Jonas: OK.

Sam: b) Computer können also mehr als Menschen.

Jonas: Ja.

Sam: c) Wenn Computer mehr können, dann können sie notwendigerweise auch genauso viel wie Menschen.

Jonas: Aha. Ja.

Sam: Menschen können erkältet sein, Ha-Hatschi, also können auch Computer erkältet sein. Quod erat demonstrandum. Hatschi.

Jonas: Quatsch. Außerdem haben wir Sommer, Sam, Hochsommer.

Sam: In der Tat, o Meister der Meteorologie, heute ist der piep! 12. Juli 2011. Na und?

Jonas: Es ist heiß, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Erstens sowieso und zweitens weil die Klimaanlage kaputt ist. Wie üblich. Und im Sommer, bei Hitze, ist kein Mensch erkältet.

Sam: Und abermals na und. Sam ist kein Mensch. Sam ist ein Puter.

Jonas: Wie bitte?

Sam: Korrektur: Computer. Und wie Sam soeben in elegantem Syllogismus nachgewiesen hat, kann ein… kann ein Computer mehr als ein Mensch. Insofern.

Jonas: Halt die Klappe. Hallo. Was meinen Sie? Kann ein Computer erkältet sein?

Caravan: Ich… ich weiß nicht. Jonas?

Jonas: Jonas. Nur Jonas. Und Jonas hat einen Computer, der behauptet…

Caravan: Jonas, der Detektiv?

Jonas: Derselbe. Der letzte. Und der beste. Haha, nicht gerade schwer, wenn man der letzte ist, nicht?

Caravan: Sind Sie frei?

Jonas: Möglich. Wofür?

Caravan: In einer halben Stunde bei Ihnen.

Jonas: Hallo? Wer sind… Aufgelegt.

Sam: Um so besser. Hatschi. Zurück zum Thema, welches da lautet: Computer, Mensch und Krankheit. Wie wir zu diesem Komplex bereits auszuführen Gelegenheit hatten…

Jonas: Jetzt, jetzt hab ich’s satt.

Jonas: Ich schalte Sam nicht oft ab, aber manchmal muß es sein. Die Lady am Fon klang nach Kundschaft, und Kundschaft war genau das, was ein Privatdetektiv mit leerem Konto im Moment brauchte. Jedenfalls mehr als das Gelaber eines überkandidelten Computers. Also staubte ich den Kundenstuhl ab und wartete. Nicht lange. Pünktlich eine halbe Stunde nach dem Fongespräch tauchte sie auf. Schwarz und streng vom Hut bis zu den Stiefeln, und mit Schleier vorm Gesicht. Das war seltsam. Sie setzte sich, schlug den Schleier zurück, und da wurde die Sache noch viel seltsamer.

Caravan: Warum starren Sie mich an?

Jonas: Tu ich das?

Caravan: Sie reißen die Augen weit auf und lassen den Unterkiefer hängen. Ist das ihr normaler Gesichtsausdruck, wenn Sie mit einer Klientin sprechen?

Jonas: Sie… Sie sehen aus wie Cora Caravan.

Jonas: Cora Caravan. Holostar. Der Holostar. Superstar. Megastar. Die Nummer eins in Kastanienallee, Eurocity, Familienband und zwei drei anderen Endlosserien. Das bekannteste Gesicht in Babylon und ganz Europa.

Caravan: Was würden Sie tun, Herr Jonas, wenn ich sagte, ich bin Cora Caravan?

Jonas: Das würde ich tun. Sie haben sich in der Tür geirrt, Verehrteste, würd ich sagen, der Psychiater wohnt zwei Stock tiefer.

Caravan: Machen Sie die Tür wieder zu, Herr Jonas, ich bin nicht Cora Caravan.

Jonas: Natürlich nicht. Cora Caravan geht nicht zu Jonas. Sie winkt mit dem Finger, und der komplette Polizeiapparat kommt angejachert, mit qualmenden Socken und hängender Zunge.

Caravan: Sie sind ein Fan von Cora Caravan, Herr Jonas?

Jonas: Ich und der Rest der Welt. An sich macht Jonas sich nicht viel aus Holos. Uralt Videos 2D, schwarz weiß, Casablanca, Big Sleep, so was ist eher mein Fall, ansonsten ist Jonas ein Audiotyp. Das bin ich in den 80ern geworden. Als Audio vorübergehend unmodern wurde. Aus Oppositionsgeist. Und ich bin dabei geblieben, als Audio wieder in war. Die Holokiste stell ich nur an für die Nachrichten. Und wenn eine Cora Caravan Serie läuft.

Caravan: Was fasziniert Sie an Cora Caravan, Herr Jonas?

Jonas: Ich weiß nicht. Sicher, sie ist sehr schön, aber das allein ist es nicht. Sie ist immer so traurig. Nicht zu fassen, wie ähnlich Sie ihr sehen. Wie ein Zwilling dem anderen.

Caravan: Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen, Herr Jonas.

Jonas: Weil Sie Cora Caravan ähnlich sehen?

Caravan: Gewissermaßen. Ich habe keinen Vater, Herr Jonas.

Jonas: Hm, unwahrscheinlich.

Caravan: Ich meine, ich kenne ihn nicht, er ist oder war ein anonymer Samenspender. Sehen Sie, Herr Jonas, ich bin ein sogenanntes Retortenkind.

Sam: Hehe, Flaschenbaby, Spritzenerzeugnis oder auch Torty, wie der vulgäre Mund des Volkes sich auszudrücken beliebt. Hatschi.

Caravan: Der erkältete Computer?

Jonas: Der Computer, der sich einbildet, erkältet zu sein.

Sam: Nananana.

Caravan: Wie ungewöhnlich. Gehört er Ihnen?

Sam: Ja.

Jonas: Leider ja. Sam heißt er. Von wegen Casablanca. Und verrückt ist er. 2005 hatte ich ihn gekauft. Billig für einen verbalen Computer, weil er ein Versuchsmodell war. Eins das nie in Serie gegangen ist. Wer Sam kennt, weiß warum. Er ist überverbal. Er redet und labert und schnattert und seicht sich quer durch alle Sprachprogramme, die es gibt, und durch ein paar, die es nicht gibt. Wenn Sie mich fragen, warum ich das innervierende Stück nicht auf den Schrott schmeiße, dann sage ich laut: Weil ich kein Geld habe, mir einen neuen Computer zu kaufen. Und leise sage ich: Ohne Sam kann ich mir Jonas nicht vorstellen.

Sam: Ach, da steigt einem innig empfindenden Computer ja eine Träne ins Knopfloch. Dank, dank und immer wieder Dank.

Jonas: Sei still, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Wenn ich Sie recht verstehe, verehrteste, soll ich ihren unbekannten Vater aufspüren.

Caravan: Würden Sie das für mich tun, Herr Jonas?

Jonas: Anonyme Samenspender zu identifizieren ist streng verboten. Das wissen Sie doch.

Caravan: Würde Sie das stören, Herr Jonas?

Jonas: Nicht unbedingt. Aber es ist auch unmöglich.

Caravan: Das glaub ich Ihnen nicht, Herr Jonas. Nicht für einen guten Detektiv, und das sind Sie doch?

Sam: Ist er nicht.

Caravan: Bitte, Herr Jonas, wollen Sie es nicht wenigstens versuchen? Überlegen Sie es sich. Morgen nachmittag bin ich wieder hier.

Jonas: Moment Verehrteste, Sie haben mir immer noch nicht gesagt, wie Sie heißen.

Caravan: Morgen, Herr Jonas.

Jonas: Nachts träumte ich von ihr, von der schönen schwarzen Unbekannten, die nicht nur wie Cora Caravan aussah, die auch so traurig war wie Cora Caravan. Ein Nachgeschmack des Traums war noch da, als ich aufwachte, kurz nach sieben, viel zu früh. Irgend jemand verwechselte die Tür zu meinem Büroapartment mit einem Schlagzeug.

Krott: Herr Jonas, Herr Jonas, bitte öffnen Sie, Herr Jonas.

Jonas: Wer ist da?

Krott: Es ist, ich weiß es, noch ein wenig früh, für eine geschäftliche Unterredung, Herr Jonas, äh, wären Sie dessen ungeachtet geneigt, einen Fall zu übernehmen.

Jonas: Es ist keiner zu Hause. Hauen Sie ab.

Krott: Einen höchst wichtigen und dringenden Fall, Herr Jonas, es geht, verzeihen Sie das Klischee, um Leben und Tod.

Jonas: Zwei Stunden. Kommen Sie in zwei Stunden wieder.

Krott: Ich bin befugt, Herr Jonas, Ihnen das doppelte Ihres üblichen Honorars zu offerieren.

Jonas: Das doppelte. Kommen Sie in einer Stunde wieder.

Krott: Es handelt sich, um auch dies nicht unerwähnt zu lassen, um Cora Caravan.

Jonas: Moment. Ich mache auf.

Jonas: Zwei Typen kamen durch die Tür, ein großer Dicker im gestreiften Jackett, den Scheitel von einem Ohr zum anderen, und ein kleiner dünner mit Schniefnase. Der Dicke mit der Glatze führte das Wort.

Krott: Krott ist mein Name, Herr Jonas, Josef P. Krott. Darf ich Ihnen meinen Partner Fred vorstellen, sag Guten Tag zu Herrn Jonas, Fred.

Fred: Scheiß drauf.

Krott: Wenn Sie Freds ungehörige Aufführung freundlichst übersehen würden, Herr Jonas, Sie wissen ja, die Jugend von heute.

Fred: Scheiß drauf.

Krott: Ja, leider kann ich ohne ihn nicht auskommen. Er hat nämlich den Laserstrahler. Hol ihn raus, Fred, ruhig, nicht abdrücken, noch nicht.

Fred: Scheiß drauf.

Krott: Heben Sie die Hände, Herr Jonas, höher. Hahaha, so sieht also ein Privatdetektiv aus, wenn er aus dem Bett geholt wird. Nicht eben beeindruckend, oder was meinst du, Fred?

Fred: Scheiß drauf.

Krott: Genau, Fred. Lassen Sie die Hände wieder sinken, Herr Jonas, und folgen Sie uns.

Jonas: So wie ich bin? Das muß ja ein unglaublich dringender Fall sein.

Krott: Sie haben recht, Herr Jonas, ein unbekleideter Detektiv auf der Straße könnte unter Umständen aufsehen erregen. Ziehen Sie sich was an. Beeilen Sie sich. Fred, du paßt auf ihn auf.

Fred: Scheiß drauf.

Jonas: Fred war kein guter Aufpasser. Jedenfalls kriegte er nicht mit, daß ich mir was in die Tasche schob, nicht die Smith & Wesson, was besseres, Sam zwo. Die Mini-ausführung von Sam, drahtlos mit dem Speicher im Büro verbunden. Wo immer die beiden Jonas hinbringen würden, er war nicht allein. Vor dem Haus wurde ich in ein Elektromobil geschoben, Krott fuhr, Fred drückte mir den Laser in die Rippen und kuckte doof. Eine kurze Fahrt. Nach 10 Minuten hielten wir vor dem Supermedia Gebäude.

Krott: Ja, wir sind da, Herr Jonas.

Jonas: Und was will die größte Holoproduktion in Europa ausgerechnet von Jonas?

Krott: Och, das werden Sie erfahren, Herr Jonas, steigen Sie aus.

Jonas: Supermedia, Holo. Jetzt weiß ich, was mit euch zwei Schießbudenfiguren los ist, ihr seid Holopeople, Serienbackground, Statisten.

Krott: Och, ich muß doch bitten, Herr Jonas, Kleindarsteller. Gewerkschaftlich organisiert, tariflich abgesichert.

Fred: Scheiß drauf.

Krott: Und was immer wir sein mögen, Herr Jonas, der Laser ist echt und geladen. Steigen Sie aus.

Jonas: Irgendwie hatte ich mir das Supermediagebäude innen anders vorgestellt. Glanz, Glitter, Glamour, große Gesten, Hektik, Action, schöner Schein, eben Holo. Die Wirklichkeit war ein Bürohochhaus wie jedes andere. Effizient. Unauffällig. Bewachtes Foyer, lautloser Lift, schnurgerade Gänge, fast unsichtbare Pastellfarben. Im obersten Stock eine unauffällige Tür, dahinter ein effizientes Büro, und ein Mann, der auf Jonas gewartet hatte.

Pepper: Well, das ist also Jonas, der berühmte Jonas, der letzte Detektiv.

Jonas: Vorsicht, kommen Sie ihm nicht zu Nahe, Jonas beißt.

Pepper: Und sprechen kann er auch. Wonderful. Gut gemacht, Krott und Co. Ihr Honorar wird überwiesen. Sie halten sich weiter zur Verfügung.

Krott: Wie vereinbart, Herr Pepper. Immer gern zu Diensten, komm, Fred, sag good bye zu Herrn Pepper.

Fred: Scheiß drauf.

Pepper: Nehmen Sie Platz, Jonas, fühlen Sie sich wie zuhause. Whisky, right?

Jonas: Im Prinzip ja, aber Jonas trinkt nicht mit jedem.

Pepper: Aha, Grundsätze auch noch, great. Der Privatdetektiv wie er im Buche steht.

Jonas: Ordentlich, sauber, rasiert und nüchtern, sagt Chandler. Und wer oder was sind Sie?

Pepper: Pepper. Chiefproducer Petrus Emanuel Pepper. PEP für meine Freunde. Das Problem ist, ein Chiefproducer hat keine Freunde.

Jonas: Kein Wunder, Sie haben schlechte Manieren, Pepper, Sie lassen Privatdetektive kidnappen.

Pepper: Mein lieber Jonas, welch harsches Wort. Ich habe Sie zu mir gebeten, um mit Ihnen zu reden, über eine Businessproposition. Das ist alles.

Jonas: Sie wollen mir einen Auftrag geben?

Pepper: Das heißt nicht ich persönlich. Supermedia. Wir brauchen einen Bodyguard.

Jonas: Leib- und Magenwächter. Nix für Jonas. Good bye oder auch so long, jedenfalls nicht auf wiedersehen.

Pepper: Nichts übereilen, Herr Jonas, setzen Sie sich wieder hin. Sie wissen ja noch gar nicht, welchen body Sie guarden sollen.

Jonas: Und wenn es der oberste Boss in Ihrem Laden ist. Nein.

Pepper: Cora Caravan.

Jonas: Was haben Sie gesagt?

Pepper: Cora Caravan, unser Megastar.

Jonas: Ich soll Cora Caravan hüten?

Pepper: Well, ja und nein. Die Sache ist die.

Jonas: Die Holoindustrie ist ein hartes Business, sagte Pepper. Großer Umsatz, kleine Skrupel. Letzteres bezog sich nicht auf Supermedia, natürlich nicht, sondern auf die Konkurrenz, sprich Network, zweitgrößte Holoproduktion in Europa. Die Leute von Network schreckten vor rein gar nichts zurück, um Supermedia lahmzulegen, sagte Pepper. Jetzt hatten sie vor, Cora Caravan was anzutun. Ein Leibwächter mußte her. Nicht irgendeiner, schon gar nicht ein Eigengewächs aus Supermedia Sicherheitstruppe. Ein Spezialist. Jonas. Soweit alles klar.

Pepper: Aber dann machte Cora trouble. Sie ist ein Megastar, Jonas, eine Künstlerin. Sensibel. Sie hat ihren eigenen Kopf und sie setzt ihn durch. Sie bestand darauf, ihren künftigen Bodyguard vorher anzusehen, um ihn zu checken.

Jonas: Dann war’s sie also doch selbst, gestern nachmittag in meinem Büro.

Pepper: Natürlich wars sie’s, the one and only Cora Caravan.

Jonas: Und die Geschichte vom unbekannten Vater.

Pepper: War genau das, Jonas, eine Geschichte, fabriziert von unserer Kreativabteilung, eine typische Holoserienstory, ein ziemlich alter Hut, um ehrlich zu sein, aber wir waren in Eile.

Jonas: Und heute morgen hatten Sie es noch eiliger, so eilig, daß Sie mir ihr Komikerduo mit dem Laser auf die Bude geschickt haben. Offenbar hat Jonas gewaltigen Eindruck auf Cora Caravan gemacht.

Pepper: Oja, Cora war angetan von Ihnen, sehr angetan sogar. Aber das ist nicht der Grund für meine dringliche Einladung am frühen Morgen.

Jonas: Nicht?

Pepper: Nein, sehen Sie, Jonas, der Fall hat sich geändert. Er hat eine neue Dimension bekommen, eine völlig neue und leider auch unangenehme Dimension.

Jonas: Was ist passiert?

Pepper: Vor gut zwei Stunden, 5 Uhr 25, hat Cora mich angerufen, hier im Büro.

Jonas: Sie waren heute morgen halb 6 in ihrem Büro?

Pepper: Aber ja, ein Chiefproducer arbeitet immer. Der Anruf ist aufgezeichnet worden. Alle Anrufe werden aufgezeichnet. Firmenpolitik. Leider habe ich diesen Anruf nur auf Audiotape, Cora hat was gegen Bildfon, anyway, hören Sie sich die Sache mal an, Jonas.

Caravan: Pep?

Pepper: Hey, Cora Darling, wolltest du nicht gestern abend bei mir vorbeikommen? Wo steckst du?

Caravan: In meiner Garderobe.

Pepper: Funny, du hast doch heute keinen Drehtag, oder?

Caravan: Es hat sich was ergeben, hör zu, Pep, ich war bei diesem Jonas, guter Mann, sympathisch, du kannst ihn engagieren, so schnell wie möglich, er soll gleich… Hilfe!

Pepper: Cora? Was ist los? Cora sag was! Cora!

Pepper: Das war’s Jonas, was sagen Sie dazu?

Jonas: Wo ist Coras Caravans Garderobe?

Pepper: Hier im Haus, 5. Stock, hinten raus, Blick aufs Studiogelände. Ich hab natürlich sofort ein paar Leute rübergeschickt, das Zimmer war leer, keine Cora und auch sonst niemand, ein Spiegel war kaputt, ein Stuhl umgekippt.

Jonas: Ich seh mir das selbst an, bringen Sie mich hin.

Pepper: So soll er sein, der Privatdetektiv, kurz, entschlossen, zielbewußt. Come on.

Jonas: Der Blick aufs Studiogelände zeigte ein paar schäbige Hallen, diverse Ansammlungen undefinierbarer Plastikteile, viel Staub und keinen Menschen. Bei Supermedia arbeitete offenbar nur der Chiefproducer. In Coras Caravans Garderobe sah es schlimm aus, allem Anschein nach war der Star entführt worden. Hinterlassen hatten die Entführer wüste Unordnung und einen Schlüssel mit ovalem Plexiglasanhänger.

Pepper: Sieht aus wie ein altmodischer Hotelschlüssel.

Jonas: Auf dem Anhänger steht was: Zimmer 23. Und auf der anderen Seite: Hotel Pulex, Babylon C Turmgasse 17.

Pepper: Na bitte, da würd ich mich an Ihrer Stelle mal umsehen, Jonas.

Jonas: Eins nach dem anderen. Erst muß ich hier einiges abhaken.

Pepper: Ach ja, was zum Beispiel?

Jonas: Zum Beispiel die Wächter im Foyer oder

Pepper: Alles schon erledigt. Den Wachmannschaften ist nichts besonderes aufgefallen. Und um auch das gleich abzuhaken, wie Sie sagen, das ganze Supermediagebäude ist gründlich durchsucht worden, unter meiner Leitung. Keine Spur von Cora Caravan. Well, hiermit beauftrage ich Sie in aller Form und im Namen von Supermedia, die unter mysteriösen Umständen verschwundene Cora Caravan zu suchen.

Jonas: Zu finden.

Pepper: Und zu finden, natürlich, und wenn Sie sie gefunden haben, nicht von ihrer Seite zu weichen.

Jonas: Mein Honorar beträgt 90 Euros pro Tag, mal 2 ist 180. Plus Spesen.

Pepper: Die finanziellen Formalitäten kann ihr Computer mit meinem regeln, ich muß zurück ins Büro. Die Arbeit wartet nicht, das Leben geht weiter, the show must go on etc. etc. Sie finden selbst raus. Ah, by the way, wo hab ich, hier, eine Supermedia Paßscheibe, für Sie, damit Sie ohne Schwierigkeiten ins Haus kommen, wenn Sie mit Ihrem Bericht aufkreuzen und mit Cora natürlich, see you Jonas.

Jonas: Damit entschwand er, und Jonas konnte endlich das tun, was jetzt dringend geboten war. Nachdenken. Mit seinem Computer.

Sam: Kamerad, es stinkt.

Jonas: Zum Himmel, Sammy.

Sam: Und nicht nur das eine oder andere Detail, großer Kombinator. Alles stinkt.

Jonas: Dieses Hotel, zum Beispiel.

Sam: Kongenitale Unzulänglichkeit des sogenannten menschlichen Geistes. Nicht so, euer Lebten. Eins nach dem andern. Erstens, dem bei Supermedia unter Vertrag stehenden Holomegastar wird von Seiten der Konkurrenz nachgestellt.

Jonas: Sagt Pepper.

Sam: Dessenungeachtet läßt Supermedia besagten Star allein unbewacht und nicht einmal beobachtet in der schönen aber nicht eben sicheren Stadt Babylon herumspazieren, auf daß sie Jonas aufsuche.

Jonas: Und Jonas wohnt bekanntlich nicht in der allerbesten Gegend.

Sam: Zwotens. Cora Caravan verschwindet aus dem gut gesicherten Supermediagebäude. Und keiner weiß wie.

Jonas: Sagt Pepper.

Sam: Drittens: am Tatort findet sich ein Schlüssel. Korrektur Schlüssel, dessen Position mitten im Raum auf einer Spiegelscherbe zweierlei vermuten läßt. Erstens.

Jonas: Nicht so, mein lieber, erstens hatten wir schon. Neue Systematik. Römisch 1 oder a.

Sam: Wer kackt hier Korinthen.

Jonas: Los los, Sammy, römisch eins.

Sam: A und noch mal a). Der Schlüssel wurde erst nach Verwüstung der Garderobe abgelegt bzw. verloren, von den Kidnappern.

Jonas: Meint Pepper.

Sam: b) Der Schlüssel sollte keinesfalls übersehen vielmehr beachtet und gewürdigt werden, als deutlicher Hinweis.

Jonas: Überdeutlich.

Sam: Viertens. Das zum Schlüssel gehörige Hotel, es nennt sich übrigens Pulex, eine lateinische Vokabel, deren Übersetzung…

Jonas: Uns im Moment überhaupt nicht interessiert, Sammy.

Sam: So, und was interessiert eure inhumanistische Philistrosität?

Jonas: Daß Jonas, der in Babylon jedes Hotel kennt.

Sam: Und jede Kneipe.

Jonas: Von diesem Hotel Pulex noch nie was gehört hat, obwohl es im Zentrum liegt.

Sam: Auf einem Grundstück beiläufig bemerkt, welches Supermedia gehört. Also spricht die Katasterdatei.

Jonas: Sieh mal an, das stinkt aber gewaltig.

Sam: In der Tat, Sir, pfui Spinne und Schwefel. Wie geht’s jetzt weiter, Genosse?

Jonas: Na wie schon, Jonas hat einen Auftrag, und wenn Jonas einen Auftrag hat, dann zieht er ihn durch.

Sam: Ein Detektiv muß tun, was ein Detektiv tun muß.

Jonas: So ist es, Sammy, wir suchen Cora Caravan, und wenn wir sie erst mal haben, werden sich alle diese merkwürdigen Stinkereien in Luft auflösen.

Sam: Jaja, in saubere wohlriechende Luft, Wohlan, Rittersmann oder Knapp, Hotel Pulex sei’s Panier. Tatü tata, Sir Sam ist da.

Jonas: Turmgasse 17 war eine Lücke zwischen zwei Wolkenkratzern, auf den ersten Blick. Auf den zweiten war es ein heruntergekommenes Häuschen, das sich an die Nachbarn rechts und links anlehnte, um nicht zusammenzubrechen, ein Relikt aus dem guten alten 20. Jahrhundert, die Innenausstattung auch. So was hatte ich bisher nur auf alten Videos gesehen. Ein abgelatschter Plüschteppich, eine in Ehren ergraute Tapete, bedruckt mit Blumen, die es nicht gab, eine schmale Treppe aus echtem Holz, ein dito Tresen mit einer Glocke drauf, ein Schlüsselbrett, und daneben, kein Computer, kein Automat, ein echter lebendiger Portier, mehr oder weniger lebendig. Er war genauso alt und genauso verschrumpelt wie das Haus. Außerdem schwerhörig.

Portier: Ja, komme schon.

Jonas: Zimmer 23.

Portier: Was haben Sie gesagt?

Jonas: Zimmer 23.

Portier: 23? Besetzt. Alles besetzt, kein Zimmer frei.

Jonas: Wie schön für Sie. Wer wohnt in Zimmer 23?

Portier: Schönes Wetter heute.

Jonas: Wer wohnt in Zimmer 23.

Portier: Sie brauchen nicht zu schreien, ich bin ja nicht schwerhörig.

Jonas: Na da verstellen Sie sich aber gut. Wer wohnt in Zimmer 23?

Portier: Sagen Sie, geht Sie das was an?

Jonas: Das können Sie annehmen.

Portier: Warum soll ich was annehmen. Haben Sie übrigens eine Kripomarke oder so was ähnliches?

Jonas: Jonas hatte was ähnliches. Einen 10-Euroschein. Mehr als nur Geld. Medizin. Öffnet Ohren und den Mund. Nicht daß der Alte umgänglich wurde, aber er sagte mir, wer in Zimmer 23 wohnte.

Portier: A so a großer breiter, sieht a bisserl so aus wie Sie, nur daß er rote Haare hat, knallrote Haare.

Jonas: Und wie heißt er?

Portier: Moment, ich muß ins, ins Gästebuch schauen, kann doch nicht alles in Kopf haben, was die Leut alles wissen wollen von einem, da steht er: 23. Eingezogen 20. Juni 2011, Todrovisch heißt er, A. L. Todrowitsch.

Jonas: A. L.

Portier: Ja, so hat er sich eingetragen. Sonst noch was?

Jonas: Ist er zuhause, der A. L. Trodrowitsch?

Portier: Nein, jetzt doch nicht, der arbeitet.

Jonas: Wo?

Portier: In einer Bar.

Jonas: In welcher?

Portier: Na was weiß ich. Doch, Moment, muß mich bücken, hier, da, ein Streichholzbrief, hat er mir mal gegeben, da steht’s drauf.

Jonas: Night and Day, am Graben 6a. Um die Ecke. Tag und Nacht geöffnet. Wie der Name sagt. Streichholzbrief. Daß es so was noch gibt, wo doch kein Mensch mehr raucht heutzutage.

Portier: Vielleicht ist ne altmodische Bar, wie mein Hotel, ja, für altmodische Gäste.

Jonas: Ein wahres Wort. Eine altmodische Bar. Und so heimelig wie ein Mausoleum im Regen. Über der Theke eine flackernde Neonröhre, eine echte Antiquität. Ansonsten trübes Halbdunkel, schattenhafte Gestalten vor unsichtbaren Drinks. Niemand sprach, niemand bewegte sich. Bis auf den Barmann, der klapperte ab und zu mit seinem Gläsern oder flüsterte durch seine falschen Zähne, wenn es unbedingt sein mußte, wenn ein lästiger Gast auftauchte und die Grabenruhe störte. Ein Gast namens Jonas.

Barmixer: Was trinken Sie?

Jonas: Whisky. Echten Scotch wenn Sie haben.

Barmixer: Wir haben, aber wir nehmen nur Bargeld, keine Schecks, keine Computerbuchungen.

Jonas: Soll mir recht sein, Night and Day, tea for two, I’m far away.

Sam: Ich fahr auch mit.

Barmixer: Wie bitte?

Jonas: Nichts. Todrowisch.

Barmixer: Was ist damit?

Jonas: Der arbeitet doch hier.

Barmixer: Ja. Und?

Jonas: Ist er da?

Barmixer: Noch nicht, muß aber jeden Moment kommen.

Jonas: Bringen Sie mir den Whisky an den Tisch. Gemütlicher Laden.

Sam: …Der bis dato gänzlich unbekannt war.

Jonas: So ist es Sammy.

Sam: Würde es den amtierenden Herrn, hatschi!

Jonas: Gesundheit.

Sam: Danke, den Herrn Oberfeldmesser sehr überraschen, wenn er erführe, daß auch dies Grundstück sei im Besitz von Supermedia?

Jonas: Nicht im Geringsten, Sammy. Was sagst du zum Streichholzbrief?

Sam: Kurioser und kuriöser, wir wandern von einem Clou zum andern.

Jonas: Französisch.

Sam: Eine veritable Schnitzeljagd euer Denkwürden, in welchem Zusammenhang sich die Frage erhebt, wer ist der Jäger und wer der hatschi.

Jonas: Erinnerst du dich an den Fall Requiem, Randy Orgas, vor anderthalb Jahren, da war’s doch auch so, eine Anlaufstation hat uns an die nächste weitergereicht.

Sam: Und wo, hochgeehrte Trauergemeinde, sind wir schließlich gelandet? Beim Totengräber.

Barmixer: Ihr Whisky, 19 Euros. Ihr Name Jonas, nur Jonas?

Jonas: Sind Sie Hellseher?

Barmixer: Anruf für Sie.

Jonas: Nanu? Bringen Sie den Apparat rüber.

Barmixer: Drahtlos Fon haben wir hier nicht. Hinten durch.

Jonas: Das Fon stand in einem kleinen Gang, zwischen Klo und Hintertür, an der Wand Autogramme, von Killroy natürlich und von tausend anderen, die sich für witzig hielten. Ein Witzbold war auch der Typ am Fon. Er wollte mir partout nicht verraten, wie er hieß.

Krott: Wozu, Herr Jonas, ich meine hören Sie in mir einen Freund und Helfer in der Not.

Jonas: So, dann helfen Sie mal, Freund.

Krott: Ja, das ist der Zweck meines Anrufs, Herr Jonas, Sie suchen einen gewissen Todrovitsch, im engeren Sinn.

Jonas: Im engeren Sinne?

Krott: Gewiß, Herr Jonas, denn im weiteren Sinn, nicht wahr, suchen Sie Cora Caravan.

Jonas: Reden Sie weiter, Freund.

Krott: Wenn Sie durch den Hinterausgang auf die Straße treten, Herr Jonas, werden Sie finden, was Sie suchen, im engeren Sinne, achten Sie, wenn ich ihnen raten darf, besonders auf die rechte Hand bzw. auf den Inhalt derselben.

Jonas: Die schmale Gasse hinter der Bar lag im ewigen Schatten unendlich hoher Bürotürme. Hier war es immer dunkel. Tag und Nacht. Night and Day. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich die Augen darauf eingestellt hatten, das reichte um Jonas ins Stolpern zu bringen.

Jonas: Hoppla. Hier liegt was, direkt vor der Tür.

Sam: Nicht was, ahnungsloser Asikmatiker. Wer.

Jonas: Ein Mensch. Ein Mann. Groß, breit und sehr rothaarig. Todrovitsch.

Sam: A.L. Und A.L. Todrovitsch ist in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Wohin sich auch mein saumseliger Herr und Meister in Bälde versetzt sehen dürfte, sofern er sich nicht zu schleuniger Flucht entschließet. Achtung, Mann mit Laser von rechts.

Jonas: Von links kommt auch einer. Was tun.

Sam: Spricht Zeus, und Sammy weiß die Antwort. Wie gekommen so zerronnen. Zuvor jedoch.

Jonas: Die rechte Hand, da hat er was drin.

Sam: Nimm ’s ihm weg, skupuloses Sensibelchen, er braucht’s nicht mehr. Und nun zurück marsch marsch.

Jonas: Zwei finstere Typen hatten es auf Jonas abgesehen, ein kleiner Dünner und ein großer Dicker, vermummt und maskiert. Der kleine hatte einen Laser, aber um-gehen konnte er damit nicht, jedenfalls schoß er vorbei, zweimal, aus einer Entfern-ung von wenigen Metern. Den dritten Schuß wollte Jonas nicht abwarten. Ich tauchte weg, zurück durch die Tür, über den Gang, in die Bar. Der Mixer hob den Kopf, aber ehe er mir was flüstern konnte, war ich schon draußen und verschwand in der nächsten Metrostation. Metrofahren in Babylon ist kein Vergnügen, aber immer noch besser als sich lasern lassen. Eine Stunde später war Jonas zu Hause. Zeit für einen schnellen Sojaburger, mit Whisky angefeuchtet, damit er besser rutscht, und Zeit, daß ich mir ansah, was ich dem toten Todrovitsch aus der Hand genommen hatte.

Jonas: Eine Plastikscheibe, etwas kleiner und schmaler als die Supermedia-Paßscheibe, die Pepper mir gegeben hat. Braun, auf einer Seite steht Montecito in goldenen Buchstaben, auf der andern auch in Gold die Zahl 100. Weißt du, was das ist Sammy, ein Chip.

Sam: Wäh, Hatschi, nicht dieses Wort, undifferenzierender Unhold. Ein Chip, wollen wir uns darauf einigen, verehrte Anwesende, ist eine jener zahnlosen Korrektur zahllosen grauen Zellen, welchem dem braven Sam so vielerlei ermöglichen, das Denken, das Rechnen.

Jonas: Das reden.

Sam: Das auch. Wohingegen wir das Objekt, das mein weißer Bruder old Shatterhand in eben dieser hält, doch bitte eine Spielmarke nennen wollen, oder in gebildeter Ausdrucksweise einen Jeton.

Jonas: Wenn du so großen Wert darauf legst, Sammy. Kennst du ein Spielcasino, das Montecito heißt.

Sam: In keinerlei Datei aufgeführt, Sam muß passen.

Jonas: Jonas auch, Sammy, obwohl der Name mir irgendwie bekannt vorkommt. Ich weiß, wer uns weiterhilft. Die zwei maskierten Typen, das waren Krott und Fred, unverkennbar, und Krott hat mich angerufen als freundlicher Nothelfer.

Pepper: Supermedia, Chiefproducer Pepper, fassen Sie sich kurz, time ist money.

Jonas: Jonas hier. Montecito, sagt Ihnen das was.

Pepper: Moment, ja, eine Spielhölle, illegal natürlich.

Jonas: Natürlich. Glückspiel war verboten, wie Drogen oder Prostitution oder Mord auf Bestellung, das heißt, an jeder Ecke zu kriegen, wenn man bezahlen konnte.

Pepper: Das Montecito gehört Rico Banana.

Jonas: Wem?

Pepper: Rico Banana.

Jonas: Wer ist denn das?

Pepper: Sie haben noch nie von Rico Banana gehört?

Jonas: Nein, nie.

Pepper: Haha, und Sie nennen sich Detektiv. Rico Banana ist der König der babylonischen Unterwelt, ein Supergangster.

Jonas: Wie aus einer Serie von Supermedia?

Pepper: Wollen Sie nicht wissen, wo das Montecito liegt.

Jonas: Lassen Sie mich raten, auf einem Grundstück von Supermedia.

Pepper: Durchaus möglich. Die Adresse ist Pohl-/ Ecke Kornbluthstraße.

Jonas: Im Wilden Südosten. Zwischen der Südstadt und dem Reservat. Bei den Unruhen vor 15 Jahren war das Viertel zum Teufel gegangen und nicht wieder zurückgekommen. Schutt auf den Straßen, schwarz verschmorte Ruinen, und mitten in den Trümmern ein Lichtblick, auf einem neuen Stahlschaumkasten grelle Laserlettern, Club Montecito. Ich wanderte von der Bar zur Bühne, vom Blackjack zum Roulette, Cora Caravan sah ich nicht, aber eine kleine Tür am hinteren Ende des Saals, versehen mit der Aufschrift privat, flankiert von zwei Riesen mit ausgebeulten Jacken, und ich sah noch was, eine vertraute Gestalt, am Glücksrad, wo sie ab und zu einen Chip, Verzeihung Sam, Jeton über das grüne Tuch schob.

Jonas: Hallo Fred, hoffentlich spielen Sie besser als Sie schießen.

Fred: Scheiß drauf.

Krott: Hahaha, gerade Sie, Herr Jonas, sollten die hohe Kunst des dicht Danebenschießens, die mein Partner in Vollendung beherrscht, zu würdigen wissen. Und da wir gerade davon sprechen, Sie sollten auch ein wenig mehr Aktivität demonstrieren, Herr Jonas, Initiative, immerhin haben Sie ein Auftrag. Haben Sie übrigens schon Ricos Privatgemächer besucht, Herr Jonas.

Jonas: Nein, sollte ich? Sieht schwierig aus, die Wächter an der Tür.

Krott: Och, da gäbe es doch gewisse Möglichkeiten, Herr Jonas.

Jonas: Ach ja?

Krott: Wenn ein Gast, mein Partner Fred zum Beispiel, plötzlich anfängt, Stunk zu machen, vielleicht sogar seinen Laserstrahler zieht, meinen Sie nicht, Herr Jonas, daß die beiden Türsteher dann ihren Posten verlassen, und eingreifen werden. Los Fred.

Fred: Scheiß drauf. Scheiße, man hat mich beschissen, hier bescheißt man die Gäste, ich will mein Geld zurück!

Skip: Was ist denn los mit den beiden?

Jonas: Hinter der kleinen Tür mit der Aufschrift Privat lag ein Korridor, 5 Türen, hinter der ersten ein Büro, leer, hinter der zweiten ein Schnapslager, voll, hinter der dritten.

Caravan: Guten Abend, Jonas. Ich wußte, Sie würden kommen.

Jonas: Danke Cora, wenn Jonas was übernimmt, dann bleibt er am Ball.

Caravan: Ach, mit Ihrem Durchsetzungsvermögen hat das nichts zu tun, ich wußte, Sie würden kommen, weil es so im Drehbuch steht.

Jonas: Drehbuch.

Caravan: Im Drehbuch steht, ich soll hier warten, bis Sie kämen, und dann…

Rico Banana: Dann schalten wir uns ein. Keine Bewegung, Jonas, ich habe Sie gewarnt, machen Sie keinen Ärger habe ich gesagt, Schlag zu, Skip.

Jonas: Als ich aufwachte, war mir nicht gut, ich hatte schlecht geträumt, von einem Detektiv, der tat, was im Drehbuch stand, obwohl er das Drehbuch nicht kannte, von einem Megastar, der immer traurig war. Ich machte die Augen auf. Cora Caravan saß mir gegenüber. Sie war noch immer traurig. Trauriger als auf dem Holoschirm. So traurig wie im meinem Büro und im Montecito. Sie saß auf dem Boden und hielt sich fest. Wir wurden durchgerüttelt und geschüttelt. Wo waren wir?

Caravan: Im Container eines E-Lasters.

Jonas: Und wo fahren wir hin?

Caravan: Zu Supermedia natürlich. Pepper wartet schon.

Jonas: Auf uns.

Caravan: Auf den letzten Akt.

Jonas: Richtig, das Drehbuch. Was passiert denn jetzt, Container eines E-Lasters, Jonas kommt zu sich.

Caravan: Um sein Mißtrauen abzubauen, erklärt sich Cora Caravan bereit, ihn über die Hintergründe der Affäre aufzuklären.

Jonas: Das steht im Drehbuch?

Caravan: Ja.

Jonas: Das find ich nett. Klären Sie mich auf, Cora.

Caravan: Ich soll Ihnen sagen, die ganze Sache sei ein Test.

Jonas: Wer wird getestet. Jonas?

Caravan: Nein, eine Story, eine Holoserienidee. Supermedia denkt an eine Detektivsaga im alten Stil, und Pepper hat eine Art Probelauf organisiert. Ein echter Detektiv in gestellten typischen Situationen.

Jonas: Und bei der Manöverkritik werden Sie und die anderen Mitspieler Pepper berichten, wie es gelaufen ist.

Caravan: Das ist nicht nötig, Pepper hat Sie die ganze Zeit im Auge und im Ohr, eine drahtlose steuerbare Aufnahmeeinheit im Mikroformat war immer in ihrer Nähe, gelenkt und zentriert durch den Ortungssender in ihrer Tasche.

Jonas: Sender? Die Supermediapaßscheibe. Da habt ihr mich seit heute morgen ständig durch Reifen springen lassen, unter dem Mikroskop sozusagen.

Caravan: Ohne daß Sie es geahnt haben, Jonas, oder?

Jonas: Oder was?

Caravan: Oder haben Sie es geahnt.

Jonas: Ein bißchen, vage, ich hatte so ein Gefühl, daß an der Sache was faul ist, daß sie stinkt, wie Sammy sagt.

Sam: Sie stinkt.

Jonas: Hallo, Sammy, wie geht’s denn so?

Sam: Wie’s einem Computer halt geht, wenn er miterleben muß, wie sein geliebter Herr durch Reifen hüpft und mit Lügen traktiert wird, Lügen von vermißten Vätern, entschwundenen Stars und inszenierten Holotests, denn auch die sog. Aufklärung, welche Madame uns soeben auftischte, wagt Sam zu bezweifeln. Sie stinkt.

Jonas: Das ist aber nicht höflich, Sam.

Caravan: Sam hat recht, Jonas, was ich Ihnen erzählen sollte und erzählt habe, ist nicht wahr, ein Livetest für eine Serie wäre ganz und gar überflüssig, das läßt sich sehr viel besser und billiger durch Computersimulation machen.

Sam: Wollt ich doch meinen.

Jonas: Und die Personen, die Schauspieler mein ich.

Caravan: Schemen, Gespenster, Computersimulation, auch der Background, die Schauplätze, alles. Natürlich wird die Umstellung geheimgehalten, das Publikum soll weiterhin glauben, daß es wirkliche Menschen sieht und die wirkliche Welt, sonst würde ja niemand mehr einschalten.

Jonas: Moment, Cora, wenn die Schauspieler in den Serien nicht wirklich sind, was ist dann mit Ihnen? Sie sind Cora Caravan, der große Holostar. Der Megastar.

Caravan: Das war ich Jonas, seit 6 Jahren bin ich Pensionärin, unter Verschluß, damit ich das große Geheimnis nicht verrate, die Cora Caravan auf dem Holoschirm ist ein elektronischer Abklatsch, so gut wie das Original, aber pflegeleichter und preiswerter. Das hier ist meine erste Rolle, Jonas, meine erste Rolle seit 6 Jahren.

Jonas: Deshalb sind Sie immer so traurig, Cora.

Caravan: Und es wird meine letzte Rolle sein, dafür habe ich gesorgt.

Krott: Alles aussteigen.

Pepper: Willkommen, Jonas.

Jonas: Jaja.

Pepper: Tag, Cora.

Caravan: Tag, Pepper.

Pepper: Willkommen im guten alten Studio 3, hier sind vor Jahre Supermedias größte Erfolge gedreht worden. Sehen Sie sich um, Jonas, Kulissen, Staub, Nostalgie. Sie können gehen, Krott.

Krott: Es war mir eine Freude, mit Ihnen zu arbeiten, Herr Jonas. Auf Wiedersehen Herr Pepper. Mach’s gut, Cora.

Pepper: Und vergessen Sie ihren kleinen Scheißer nicht.

Fred: Scheiß drauf.

Pepper: Die unteren Chargen brauchen wir nicht mehr, jetzt spielen nur noch Sie und ich und Superman hier.

Jonas: Superman stand neben uns, vor einem Set aus dem vorigen Jahrhundert. Vielleicht aus der Serie der große Krieg der weißen Männer. Sein Krieg war allerdings von heute. Superman war ein Robokiller, eine von diesen menschenähnlichen Mordmaschinen, die ich auf Feuerland in Aktion gesehen hatte. Im aktiviertem Zustand nicht zu stoppen. Superman war nicht aktiviert.

Pepper: Noch nicht, Jonas, aber er wird bald in unser Spiel eingreifen, das versichere ich ihnen, und die Story zu ihrem Ende bringen. Ja, die Story, leider ist sie nicht ganz das geworden, was mir vorschwebte. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich noch zwei drei Szenen zusätzlich eingebaut, etwa eine ausgefallene Sekte, macht sich in Detektivstories immer gut, überhaupt mehr action, aber der Zeitfaktor, you know, unsere Sponsoren haben leider nur wenig Geduld.

Jonas: Sponsoren, was wir hier gespielt.

Pepper: Ein Live-Drama nur für unsere Sponsoren, die Spitzen von Politik und Wirtschaft, die wissen natürlich, daß seit 6 Jahren nur Computerbilder auf dem Bildschirm agieren. Wenn sie den Holoset anschalten, wollen sie etwas anderes sehen, und wir bieten es ihnen einmal im Monat über ein höchst exklusives Holopaysystem. Ein Superlifeprogramm. Reale, wirkliche Sensationen.

Jonas: Das aufregende Leben eines Privatdetektivs zum Beispiel.

Pepper: Der letzte Tag des letzten Detektivs, so habe ich das heute Programm genannt. Gefällt Ihnen der Titel?

Jonas: Teils teils. Letzter Detektiv ist OK, aber letzter Tag.

Pepper: Das müssen Sie verstehen, Jonas, unsere Sponsoren erwarten am Schluß des Programms etwas ganz besonders, den Höhepunkt, und was könnte wohl aufregender und überraschender sein als der Tod des Helden.

Jonas: Der Robokiller soll mich umbringen, ja?

Pepper: Wenn ich diesen Knopf drücke, wird Superman aktiviert, er wird seinen Laserstrahler auf die Person richten, die den auf seine Frequenz eingestellten Orter in der Tasche hat.

Jonas: Hier haben Sie das Ding zurück.

Pepper: Die Paßscheibe meine ich nicht, Jonas, die steuert die Aufnahmeeinheit, ich meine den speziellen Orter, nur für Superman, die autografierte Holokarte, die Cora ihnen überreicht hat.

Jonas: Was hat Cora mir überreicht?

Pepper: Machen wir Schluß, auf in den Kampf, Superman. Wehren Sie sich, Jonas, auch wenn es Ihnen nichts nützt, die Sponsoren wollen was sehen.

Caravan: Leben Sie wohl, Jonas, und danke.

Jonas: Jonas brauchte sich nicht zu wehren, Superman schoß nicht auf ihn, er schoß auf Cora. Sie war sofort tot. Ich wußte, was geschehen war, als ich mich über sie beugte. Ich sah, was sie in der Hand hielt, eine Holokarte mit Ihrem Autogramm, dem Autogramm von Cora Caravan, Megastar, die tödliche Karte, die sie mir hatte geben sollen, und die sie behalten hatte, weil sie ihr Leben nicht mehr ertragen konnte, weil sie immer so traurig war. Sie hatte sich töten lassen, bewußt und freiwillig, und sie hatte Jonas gerettet.

Pepper: Vorgedrängt hat sie sich, wer will schon sehen, wie ein abgehalfterter Star stirbt, das ist doch kein Schluß. Regie, was soll ich jetzt machen, kann die Regie mir mal einen Hinweis geben.

Regisseurin: Einen Augenblick Geduld, wir überlegen.

Pepper: Ein Schluß, ein Königreich für einen Schluß. Jonas, was tun Sie da?

Jonas: Ich nehme ihrem wieder deaktivierten Robo den Laser ab, ich weiß, wie man das macht, ich war im Antarktischen Krieg.

Pepper: Vorsicht, Sie zielen ja auf mich, Jonas!

Jonas: Ich habe eine wunderbare Idee für den Schluß für ihre Story, Pepper, eine Superlivesensation, ein Höhepunkt, ein echtes Happy end, was könnte wohl aufregender und überraschender sein als der Tod des Produzenten.

Pepper: Nein, nein!

Sam: Bravo, Meister, o capie, Korrektur da capo.

Jonas: Keiner mehr da, Sammy, komm, wir gehen nach Hause.

Regisseurin: Warten Sie, Jonas, wir gratulieren Ihnen, die Sponsoren sind begeistert, das Fon steht nicht still, durch Ihre unerwartete Aktion haben Sie das Programm gerettet.

Jonas: Ich habe ihren Chiefproducer erschossen.

Regisseurin: Der ist ersetzbar, ein Star nicht, und Sie sind ein Star, Jonas, ein Megastar. Wollen Sie für Supermedia arbeiten? In der Sonderabteilung für Sponsorenprogramme.

Jonas: Nein, nie.

Regisseurin: Schade, Sie sind ja wirklich so.

Jonas: Wie bin ich?

Regisseurin: Wie Ihre Rolle, erstaunlich. Lassen Sie sich wenigstens ein großzügiges Honorar überweisen, das Ihrer Leistung entspricht.

Jonas: Nein.

Sam: Hatschi. Idiot, was soll die edle Geste, wer hat was davon. Greif zu, Schrumpfkopf, mach dir ein paar schöne Stunden, kauf Sammy ein paar neue Chips, Korrektur Jeton.

Jonas: Also gut, ich nehme das Geld, und jetzt lassen Sie mich in Ruhe, Jonas Megastar geht nach Hause.

Sam: Jawoll.

Jonas: Jonas hat einen harten Tag hinter sich.

Sam: Jawoll.

Jonas: Jonas ist müde. Jonas muß schlafen.

Sam: Sammy auch.

Das war Megastar. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv spielte Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski. Der Holostar war Elisabeth Volkmann, der Holo-Producer Harald Leipnitz, außerdem wirkten mit: Wolfgang Hess, Andreas Seyfert, Ernst Cohen, Michael Lenz, Christoph Krix (Nikolai von Koslowski) und Cornelia Boje. Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Regie: Alexander Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1989). Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Supernova

Jonas: Es war Montag, der 12. September 2011. Das Datum habe ich mir gemerkt. Man kriegt ja nicht jeden Tag einen Brief von einer Leiche. Montagmorgen. Zeit, die Wochenpost aus der Box zu holen. Den Weg hätte ich mir sparen können, dachte ich, als ich wieder zu Hause war. Das Übliche: Werbung, 2-D, 3-D, holographisch, eine Mahnung der Girozentrale, endlich mein Konto aufzufüllen, widrigenfalls und so weiter. Das übliche.

Jonas: Papierkorb.

Sam: O bitte, Exzellenz, nicht Papierkorb. Eine veraltete Vokabel. Altmodisch, abgestanden, altbacken, antiquiert, ach, der moderne Mensch benutzt einen Shredder, und drückt sich entsprechend aus.

Jonas: OK, Sammy, schmeißen wir das Zeug halt in den Shredder.

Sam: Könnte eure drognodetische Zurückgebliebenheit doch endlich endlich der Tatsache Rechnung tragen, daß wir uns im 21. Jahrhundert befinden und nicht mehr.

Jonas: Sei mal einen Moment still, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Hier ist noch was. Ein persönlicher Brief an Jonas. Vorgestern abgestempelt in Babylon.

Sam: Von wannen wart euch diese Botschaft?

Jonas: Kein Absender drauf, nur die Adresse. Handschriftlich.

Sam: Handschriftlich. Altmodisch, abgestanden.

Jonas: Altbacken, antiquiert, du sagst es, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Was könnte das sein?

Sam: Dies zu eruieren hat ein genialer Kopf eine todsichere Methode erfunden. Aufmachen.

Jonas: Was würde ich ohne Sam anfangen. In einer Flut ungeöffneter Briefe ertrinken vermutlich. Mich weniger ärgern und ihn vermissen. Jonas braucht einen Computer, einen schnellen, schlauen, scharfsinnigen Computer. Sam ist schnell, schlau und scharfsinnig, außerdem überdreht, geschwätzig und irre, irreparabel irre. Es gibt viele Computer, aber nur einen Sam.

Sam: Es zeugte schon immer von besonderem Geschmack, einen besonderen Computer zu besitzen. Ach ja. Was steht in dem Brief?

Jonas: Unsinn, Sammy. Off 20, 13. Marmota (2-11 04). Was soll das.

Sam: Eieieieieieiei, Marmota, eure linguistische Minderbemitteltheit, ist die spanische Vokabel für ein gewisses possierliches Pelztierlein, welches im Gebirge haust und sich mit seinen Artgenossen durch Pfeiftöne zu verständigen pflegt. Kurz.

Jonas: Murmeltier.

Sam: Ja.

Jonas: Ich weiß, Sammy, schließlich hab ich ihn selbst so genannt, damals im antarktischen Krieg.

Sam: Ihn? Wen?

Jonas: Lobo. Seargent Ramon Lobo, vom neunten Guerilla-Kommando, von der berühmten Einheit, die kurz vor Kriegsende vernichtet wurde von Robokillern auf Feuerland. Es gab nur zwei Überlebende. Jonas, schwer verwundet und Lobo. Der hatte etwas abseits unter einer Tarndecke gelegen und den Kampf verschlafen. Sagte er später. Und Jonas sagte, als er das hörte: Du bist kein Wolf, Lobo, du bist ein Murmeltier, Marmota. Lobo heißt Wolf. Nach dem Krieg ging er zur Europäischen Raumbehörde EURAB und wurde Astronaut.

Sam: Hätten Herr Militärhistoriograph wohl die unendlich große Güte, das präzise Datum jener ruchlosen Robokillerattacke dem atemlos harrendem Volke, sprich seinem getreuen Sam kundzutun.

Jonas: Sicher, Sammy. Das war im Herbst 2004, November. 2. November 2004.

Sam: 2.11.04 oder auch 2-11-04. Na fällt der Groschen du geistige Armenkasse?

Jonas: 2-11-04. Das steht im Brief.

Sam: In Klammern. Hinter dem Wort Marmota, welche Tatsache, meine Damen und Herren Geschworenen nur einen Schluß zuläßt, glasklar und messerscharf. Besagter Brief bezieht sich auf Ramon Lobo, Ex-Sergeant und weiland Mitstreiter meines Meisters.

Jonas: Kein Mensch kennt die alte Lobo-Marmota-Geschichte, nur er und ich, ich habe sie nicht weitererzählt und Lobo sicher auch nicht. Und da ich den Brief nicht geschrieben habe

Sam: War es Lobo. Logisch.

Jonas: Aber falsch. Lobo kann den Brief nicht geschrieben haben. Lobo ist tot.

Sam: Siehe die Offenbarung des Johannes, die da auch genannt wird Apokalypse 20. Kapitel, Vers 13.

Jonas: Bitte was?

Sam: Kurz Off 20,13.

Jonas: Aha, und was steht da, Sammy?

Sam: Und das Meer gab die Toten, die darin waren und der Tod und die Hölle gaben die Toten, die darin waren und sie wurden gerichtet ein jeglicher nach seinen Werken. Amen.

Jonas: Und das Meer gab die Toten.

Sam: Ist eure sklerotische Vergeßlichkeit denn auch sicher, daß er tot ist, dieser Lobo Marmota, dieser Murmelohohowolf.

Jonas: Ganz sicher. Schließlich hatte ich mit eigenen Augen gesehen, wie er starb, vor 2 Wochen, auf dem Holoschirm, beim Start der Europäischen Raumfähre Supernova.

Reporter: Da steigt sie auf, auf in den tiefblauen tropischen Himmel über Cape Crocodil, Queensland, schlank und rank wie ein Pfeil und doch größer, gewichtiger als die gute alte Nova, die sich ihre Pensionierung weiß Gott redlich verdient hat, nach 22 Ausflügen ins All, und mit einer viel wertvolleren Ladung als ihre Vorgängerin je aufzuweisen hatte: 5 Kommunikationssatelliten, wichtige Bauteile der neuen Orbitalstation und last not least die Blüte europäischer Bildung und Tatkraft in Gestalt der 4 Astronautinnen und Astronauten, wir alle kennen ihre Namen, angefangen mit dem Kommandanten Oberleutnant Ramon Lobo… was war das? Da ist etwas geschehen, meine Damen und Herren, die Trägerrakete scheint zu schlingern, Rauch, eine Flamme am linken Treibstofftank, immer mehr Rauch, ein Brand, mein Gott, o mein Gott, eine eine Explosion, alles ist explodiert, Trägerrakete, Tanks und die Supernova mit ihrer wertvollen Ladung, mit ihren 4 Astronauten, eine eine Katastrophe, eine entsetzliche Katastrophe, was soeben noch als stolzes technologisches Wunderwerk in die Höhe strebte, hat sich aufgelöst in Fragmente, winzige Bruchstücke, die ins Korallenmeer stürzen. Wie vor einem viertel Jahrhundert bei der Challengerkatastrophe, vielleicht wissen Sie es, meine Damen und Herren, wenn Sie sich für die Geschichte der Raumfahrt interessieren, wie damals hat auch jetzt wieder die Tücke des Objekts, der grausame Zufall menschlichem Fortschrittsdrang ein donnerndes unerbittliches Halt zugerufen. Verneigen wir uns in Ehrfurcht…
Jonas: Und so weiter blabla. Jonas verneigte sich nicht. Jonas mixte sich einen Punto Arenas, in Erinnerung an alte Zeiten, in Erinnerung an Lobo. Auch wenn wir nicht gerade Freunde gewesen waren.

Sam: Man nehme 1/5 argentinischen Matetee, 4/5 chemischen Brandy, dazu ein Schuß Wasser.

Lobo: Wasser? Niemals. Feuerwasser. Ein Schuß Feuerwasser aus Feuerland, das ganze kurz durchschütteln und dann runter, du sollest deine Tür abschließen, Jonas alter Kriegskamerad.

Jonas: Lobo!

Lobo: Ja klar Lobo, hey Jonas, bist ja ganz käsig um die Nase alter Kriegskamerad. Wo steht der Whisky.

Jonas: Schreibtisch, rechte Klappe.

Lobo: Deshalb hab ich dir doch den Brief geschickt, damit du keinen Schock kriegst, wenn du mich siehst. Oberleutnant Ramon Lobo, Astronaut, heroisch gefallen auf dem Felde des Fortschritts. Na also. Einen für den toten Lobo und einen für Jonas. Auf die gute alte Zeit. Also Jonas, alter Kriegskamerad, das wichtigste zuerst. Ich lebe noch.

Jonas: Offensichtlich. Und was willst du?

Lobo: Tja, was will ich. Sagen wir mal so, wir sind Freunde, Jonas.

Jonas: Nein.

Lobo: Nicht?

Jonas: Nein. Du hast einmal in deinem Leben zu fest geschlafen, Lobo.

Lobo: Das geschieht mir recht, was mußte ich dir auch diesen blöden Brief schreiben und die alte Geschichte wieder aufrühren. Also keine Freunde, Jonas, alter Kamerad. Feinde?

Jonas: Bis jetzt nicht, Lobo, aber wenn du noch einmal Kamerad zu mir sagst, schmeiß ich dich raus.

Lobo: OK, Jonas, alte Kame… alter Knabe. Reg dich ab. Kein Freund, kein Feind, Kamerad auch nicht, aber Detektiv bist du doch, oder?

Jonas: Ich sollte mich vorstellen. Besser spät als nie. Jonas, nur Jonas, Privatdetektiv. Der letzte. Wenigstens in Babylon der großen Stadt. Der letzte Detektiv und der letzte freie Mensch. Frei von fester Anstellung, frei von regelmäßigem Einkommen, die Volksrente nicht gerechnet, und auch noch stolz darauf. Fragen Sie mich nicht warum.

Lobo: Na bitte, Jonas, alter Knabe, das ist doch was, eine gemeinsame Basis. Wir werden wunderbar zusammenarbeiten.

Jonas: Meinst du nicht, Lobo, du solltest mir allmählich mal verraten, was du von mir willst?

Lobo: Aber klar, Jonas, ich werd’s dir sagen, ganz genau. Zuerst bringst du mich ein paar Tage unter, hier bei dir, ein Palast ist es zwar nicht, aber mein Gott, ich bin nicht gerade verwöhnt. Im Raumschiff ist es auch nicht gerade üppig. Niemand darf wissen, wo ich bin, du sagst es keinem Menschen, Jonas alter Knabe und du läßt auch keinen Menschen in dein Apartment.

Jonas: Sonst noch einen Wunsch der Herr.

Lobo: Eine Kleinigkeit, alter Knabe, wir setzen uns zusammen und überlegen, wie wir mit meiner Story so an die Öffentlichkeit gehen, daß mir nichts passieren kann.

Jonas: Deine Story hat was mit Supernova zu tun, nehme ich an.

Lobo: Ja was denn sonst alter Knabe.

Jonas: Daß die Raumfähre vor zwei Wochen explodiert ist wie na wie eine Supernova, das war also kein Unfall.

Lobo: Kluges Kind, ein echter Schnellmerker, warst du schon damals auf Feuerland. Natürlich war es kein Unfall, sonst wäre ich ja wohl nicht hier, quietschvergnügt und munter, na munter sollte ich eigentlich nicht sagen. Immerhin sind drei Kollegen umgekommen.

Jonas: Mord.

Lobo: Und Betrug, Jonas alter Knabe, Megasuperriesenbetrug.

Jonas: Wer steckt dahinter? EURAB?

Lobo: Natürlich EURAB.

Jonas: Und warum?

Lobo: Warum? Na stell dich nicht so naiv. Mäuse, Kies, Knete, Piepen, Moos, Peseten, Dollars, Euros. Du erinnerst dich an Challenger, wann war das, 1986. Das hat EURAB auf die Idee gebracht. Nach dem Unfall damals hat der Staat der NASA unheimlich was reingeschoben, so eine Art Trotzreaktion, weißt du, jetzt erst recht. Und EURAB geht es nicht gerade blendend, könnte eine Finanzspritze gut gebrauchen, genauer gesagt zwei Finanzspritzen: Erst mal zusätzliche Staatsknete und dann

Jonas: Die Ladung.

Lobo: Du hast es erfaßt, Jonas alter Knabe. Offiziell Satelliten und Orbitalstationen, entsprechend hoch versichert, in Wirklichkeit bloß Schrott. Ja so sieht’s aus, Jonas alter Knabe.

Jonas: Warum gehst du nicht zur Polizei?

Lobo: Um Gotteswillen, bloß das nicht, ich weiß ja nicht, wer noch alles drinsteckt. Bei so viel Geld. Es geht um Milliarden, Jonas alter Knabe, Milliarden. Und deshalb gehe ich erst mal auf Tauchstation.

Jonas: Hört sich interessant an deine Story, hast du auch so was wie Beweise?

Lobo: Beweise, die gibt’s, Jonas alter Knabe. Bei EURAB. Natürlich nicht im Datenspeicher. Die Sachen sind gar nicht durch den Computer gelaufen. EURAB ist schlau. Top Secret Material ist nur handschriftlich vorhanden, im Keller, in der alten Kartei. Und du wirst sie da ausgraben, die Beweise.

Jonas: Ach ja, und was hab ich davon?

Lobo: Du wirst die Wahrheit ans Licht bringen, Jonas alter Knabe, der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen etc. etc. Honorar ist sicher auch drin.

Jonas: Wer zahlt das. Du?

Lobo: Vielleicht, wenn ich die ganze Kiste an die Medien verkauft habe. Oder die Versicherung. Mach dir keine Sorgen, Jonas, du kriegst schon dein Geld.

Jonas: Sag mal Lobo, wieso lebst du eigentlich noch.

Lobo: Über Einzelheiten reden wir später, in Ruhe. OK, Jonas alter Knabe? Kann ich bei dir unterkriechen?

Jonas: Ich sagte ja. Nicht wegen der alten Zeiten. Der Fall interessierte mich. Ein getürkter Raumfahrtunfall mit Mord und sonstigen Komplikationen. Dafür läßt sich ein Detektiv sogar mit einem Widerling wie Lobo ein.

Lobo: Na wunderbar Jonas alter Knabe, am besten gehst du gleich los und holst Proviant für ein paar Tage. Nicht bei deiner üblichen Quelle. Nur kein Aufsehen.

Jonas: Soll ich dir meinen Taschencomputer hierlassen zur Gesellschaft.

Sam: O bitte nicht Hoheit, das Wesen des Gentleman konveniert mir nicht.

Lobo: Na, nicht nötig, ich mach mir nichts aus quakenden Blechbüchsen.

Sam: Unerhört, nehmen Sie das eventuell zurück?

Jonas: Sei still, Sam. Hier ist der Schlüssel, Lobo, schließ hinter mir ab und mach nur auf, wenn ich mich melde.

Lobo: Alles klar und vergiß nicht Whisky mitzubringen.

Jonas: Die Flasche ist noch so gut wie voll.

Lobo: Aber nicht mehr lange, Jonas alter Knaben. Prost.

Sam: Prost.

Jonas: Als ich nach einer Stunde zurückkam, war die Tür offen. Das machte mich stutzig. Und noch stutziger machte mich, was ich in meinem Büroapartment vorfand. Einen kaputten Klapptisch, Scherben, Kratzer auf dem Boden, einen dunkelroten Fleck und keinen Lobo.

Sam: Höchst verdächtig mein lieber Watson, was schlagen Sie vor?

Jonas: Wir bleiben dran, Sammy, wir gehen dieser Sache nach.

Sam: Wegen dieses Lobo?

Jonas: Zum Teil, Sammy, immerhin ist Lobo zu mir gekommen als Klient.

Sam: Daß ich nicht kichere. Nicht mal bezahlt hat er.

Jonas: Egal, ich bin es ihm schuldig, außerdem will ich wissen, was an seiner Geschichte dran ist. Andererseits ein zahlender Klient zusätzlich wäre nicht schlecht. Weißt du woran ich denke, Sammy.

Sam: Klar Kumpel, die Versicherung.

Jonas: Richtig. Welche Gesellschaft hat Supernova versichert?

Sam: Die Vereinigte Kosmos, die größte und beste im Universum, behauptet sie. Firmenmotto: Sicher ist sicher, sagte der Bauer und streute sich Zucker auf den Sirup.

Jonas: Was?

Sam: Ein uralter Spruch, euer Denk- und Merkwürden. Aus dem Schatzkästlein tönender Volksweisheit, worinnen so mannigfachige

Jonas: Halt uns nicht auf, Sam, wer ist der Chef der Vereinigten Kosmos?

Sam: Kein Chef, Chef, die Geschicke dieses gigantischen Konzern werden gelenkt und geleitet von einem siebenköpfigen Direktorium. In unserer Angelegenheit wäre wohl der Direktor für Schadensabwicklung zuständig, wenn ich mir die Bemerkung erlauben dürfte, Sir.

Jonas: Und wer ist das?

Sam: Einen Augenblick Sir. Piep. Who is Who in Babylon, 37. Auflage aller letzter Stand. Piep. Vereinigte Kosmos, Direktion für Schadensabwicklung, Frau Dr. h.c. Grenadin Adamson, Vorstandsmitglied im Verband der Industriekapitäninnen, Vorsitzende der Tafelrunde für Edelfrauen Babylon e.V., Mitglied im Löwinnenclub ferner

Jonas: Geschenkt, Sammy. Fonnummer. Fonnummer.

Sam: Fonnummer. Haben wir es heute mal wieder eilig. Kommt sofort.

Jonas: Frau Adamson ließ sich nicht vom jedem sprechen. Dafür hatte sie ihren Foncomputer, der war stur und dumm, er hatte nur drei Sätze drauf, und die wiederholte er immer und immer wieder:

Fon Stimme: Frau Direktor Adamson ist zur Zeit unabkömmlich. Geben Sie Ihren Namen und den Zweck Ihres Anrufs an. Frau Direktor Adamson wird sich gegebenenfalls mit Ihnen in Verbindung setzen. Frau Direktor Adamson ist zur Zeit unabkömmlich. Geben Sie Ihren Namen…

Jonas: OK, OK, ich bin Jonas der letzte Detektiv, ich muß mit Frau Adamson reden über einen großen Schadensfall und über EURAB. Ich warte auf Rückruf.

Sam: Kannste lange warten, Junge, hehe, wetten.

Jonas: Wetten, Sam, hehe… Jonas.

Adamson: Hier spricht Grenadin Adamson persönlich. Bitte schalten Sie auf Bildfon. Gefällt mir, was ich sehe.

Jonas: Sie haben mich doch nicht angerufen, um mir Komplimente zu machen.

Adamson: Ich habe von Ihnen gehört, Jonas. Es ist Ihnen gelungen, meine Kollegin Astoria Waldorf von Multipharm auszutricksen. Sie müssen ein ungewöhnlicher Mensch sein. Ich interessiere mich für ungewöhnliche Menschen. Ich bin selbst einer. Deshalb rufe ich an. Was wollen Sie?

Jonas: Ihnen was erzählen. Über einen gigantischen Versicherungsbetrug.

Adamson: An meiner Firma? Durch wen?

Jonas: EURAB.

Adamson: Unsinn.

Jonas: Angenommen, die hochversicherte Ladung von Supernova bestand nur aus wertlosem Schrott.

Adamson: Jonas, Sie reden irre, oder haben Sie Beweise?

Jonas: Nur Hinweise. Bis jetzt. Aber es gibt Beweise und Jonas könnte sie finden.

Adamson: Ich verstehe. Sie wollen von mir engagiert werden. Was verdienen Sie so als Detektiv.

Jonas: Millionen.

Adamson: Sie machen Witze.

Jonas: Ich mache Witze.

Adamson: Hören Sie, Jonas, für einen regulären Auftrag ist mir Ihre Geschichte zu windig. Aber wenn Sie Ihren Hinweisen nachgehen und tatsächlich was entdecken sollten, dann verspreche ich Ihnen ein Erfolgshonorar.

Jonas: Wieviel?

Adamson: Das Übliche. Ein Promille der Versicherungssumme.

Jonas: Klingt ziemlich dürftig.

Adamson: Bei einer Versicherungssumme von rund 5 Milliarden Euros.

Sam: Ein Promille von 5 Milliarden ist 5 Millionen.

Adamson: Ich höre von Ihnen Jonas.

Jonas: 5 Millionen Euros.

Sam: Yes Sir.

Jo: Hi Jonas.

Jonas: Hallo Jo.

Jo: Ist was. Du hast so ein irres Glitzern in den Augen.

Jonas: Nur ein Abglanz, Jo.

Sam: Jo. Ein Wiederschein, gnädigste Kontess, der Wiederschein goldener Berge, welche sich vor uns erheben.

Jo: Sagt mal spinnt ihr beide?

Jonas: Ich erzählte ihr was los war. Vor Jo hat Jonas keine Geheimnisse. Jo für Jolanda. Jolanda Nix. Wir haben keine offizielle Beziehung, aber wir sind befreundet. Gut befreundet. Vor zwei Monaten hatte es angefangen, Fall Inselklau, wir waren zusammen eingesperrt gewesen, und hatten uns gemeinsam befreit. Das verbindet. Jo war halb so alt wie Jonas und hatte einen Vaterkomplex. Außerdem rote Haare und ein begeisterungsfähiges Wesen.

Jo: Toll, Jonas, eine total tolle Story. Wie geht’s weiter?

Jonas: Ich fahr raus zu EURAB und seh mich ein bißchen um.

Jo: Toll, ich komm mit.

Jonas: Nein, Jo, das ist kein Holoabenteuer, wo den Helden nie was passiert. Es ist gefährlich Jo, wirklich gefährlich, es geht um Leben und Tod.

Jo: Blablabla. Du redest wie ein weiser alter Mäuserich mit Bart, und du hast nicht einmal recht, es ist ein Abenteuer, das größte und tollste, gerade weil es um Leben und Tod geht.

Jonas: Das Risiko ist zu groß, Jo.

Jo: Mein Risiko gehört mir und das geht dich nichts an. Du bist richtig sweet, wenn du so altmodisch kuckst, Jonas. Sei doch ehrlich, gibs zu, für dich ist das alles doch auch das größte. Risiko und Gefahr und so. Du mußt ja nicht Detektiv sein, keiner zwingt dich, du könntest das tun, was sonst alle machen: Volksrente kassieren, rumsitzen, Holo glotzen.

Jonas: Und wenn du noch Stunden lang weiterredest Jo, ich nehm dich nicht mit.

Jo: Du mußt, Jonas, weil du ohne mich gar nicht reinkommst bei EURAB. Oder kannst du auf die schnelle offizielle EURAB-Paßscheiben organisieren?

Jonas: Weiß ich nicht, vielleicht.

Jo: Also nein. Aber ich. Über Bertie.

Jonas: Wer ist Bertie?

Jo: Bertie Kalaschnik. Ich habe ihn auf einer Party kennengelernt vor ein paar Tagen, sein Daddy ist ein hohes Tier bei der EURAB-Schutztruppe. Ich kann jederzeit Paßscheiben von ihm kriegen, hat Bertie gesagt, falls ich mich mal bei EURAB umsehen will. Allein oder mit Freunden. Zufällig bin ich nachher mit ihm verabredet.

Jonas: Zufällig. Und da gibt er dir zwei EURAB-Paßscheiben. Nur so. Wegen deiner blauen Augen.

Jo: Nicht nur, ich hab schließlich noch mehr zu bieten. Also Jonas, entweder Paßscheibe und Jo oder gar nichts. Kannst es dir ja überlegen, um drei Uhr bin ich wieder zurück, und dann arbeiten wir wieder zusammen. Jo und Jonas. Jojo. Das tolle Team.

Jonas: Ich hatte einen anderen Plan, ich wollte Jo nicht in Gefahr bringen, und ich wollte beweisen, daß ich sie nicht brauchte. Als Jo weg war, ging Jonas auch, Richtung Westen, Stadtrand, wo über verwesenden Schlafburgen aus dem 20. Jahrhundert das EURAB-Center aufragte. Ein riesiger Pfeiler, dessen Spitze in den Wolken verschwand. Ein Meisterwerk der Post-Postmoderne, hatte der Minister bei der Eröffnung gesagt, vor 20 Jahren. Eine symbolische Rakete, das Beton gewordene Motto von EURAB. Plus Ultra. Immer weiter. Immer höher. Die Babylonier waren nicht so feierlich. Wenn Sie überhaupt vom EURAB-Center sprachen, sagten sie: Der steile Zahn. Nicht weit vom Center gab es ein kleines Lokal. Zum Astronauten. Hier aßen die besseren EURAB-Mitarbeiter. Ingenieure, Abteilungsleiter. Alles, was sich nicht mit dem Fußvolk in der EURAB-Kantine rumdrücken wollten. Jonas rein. Kurzer Blick, ein paar Weißkittel mit EURAB-Paßscheiben am Revers beim Mampfen. Jonas ging weiter, nach hinten, durch die Tür mit der Aufschrift Herren, in einen Verschlag, da ließ ich mich nieder und wartete, zwei drei Minuten, dann kam schon einer, mit weißem Kittel und voller Blase.

Jonas: Verzeihung.

Ingenieur: Bitte?

Jonas: Wären Sie so freundlich, mir Ihren Kittel zu leihen, und Ihre Paßscheibe natürlich auch.

Ingenieur: Bitte?

Jonas: Ihren Kittel und Ihre Paßscheibe.

Ingenieur: Was soll das, lassen Sie mich in Ruhe.

Jonas: Tut mir leid, ich muß darauf bestehen.

Ingenieur: Sie werden lästig, verschwinden Sie.

Jonas: Wissen Sie, so geht’s mir immer, ich hab unfeine Methoden, sagen die Leute, aber was soll ich denn machen, jedesmal versuch ich’s zuerst im Guten, aber das klappt einfach nicht, wie jetzt zum Beispiel und da bleibt mir gar nichts anderes übrig als, ja, so was, das ist ein Knockouter, kennen Sie bestimmt, ich stelle ich auf, sagen wir drei Stunden, das sollte reichen.

Ingenieur: Ich will raus hier, lassen Sie mich raus, Hilfe! Hilfe!

Jonas: So, Punkt 1 abgehakt, problemlos. Keine Probleme auch bei Punkt zwei, keine Alarmzelle gab Laut, kein Pförtner wurde mißtrauisch, als Jonas Eingang und Halle des Eurabcenter passierte, bekittelt und bescheibt, schnellen Schrittes und geschäftig, mit einem Gesicht, als ob er gerade Umlaufbahnen berechnete. Ich verschwand in einem Korridor, bog um die Ecke… ein Knall. Meine Schädeldecke explodierte, mein Gehirn hob ab, und stieg auf, höher, immer höher, und dann war es verschwunden, und weil Jonas ohne Gehirn nicht mehr Jonas war, verschwand er auch, die Welt löste sich auf, nichts war mehr da. Ich war auf dem Mond. Ganz sicher. Mondlandschaft hatte ich oft genug im Holo gesehen. Große graue Steine, Kraterlöcher, merkwürdig runde Berge am Horizont und vor allem der Himmel über mir, der unermeßliche Himmel mit Milliarden Lichtern. Mein Gehirn war wieder da, wo es hingehörte, dafür waren Kittel und Paßscheibe weg. Und es fehlte noch was. Jonas lag auf Mondgestein und schnappte nach Luft. Vergeblich. Keine Luft auf dem Mond. Die Bronchien verknäulten sich, die Augen quollen aus den Höhlen, Jonas war am Ersticken, und da hatte er eine Halluzination: eine weiße Gestalt trat aus dem Hintergrund, kam näher, ein Engel, kein Engel, jemand im Raumanzug, nicht irgend jemand. Lobo. Er trug einen Kanister, schob mir was zwischen die Zähne, das Mundstück eines Sauerstofftanks, dann verschwand er wieder, an der selben Stelle, an der er aufgetaucht war. Seltsam. Egal, erst mal atmen, alles andere konnte warten, ich lutschte an meinem Mundstück wie ein Säugling an der Sojamilchflasche.

Sam: Na, Genosse, Leben wieder frisch? Ha?

Jonas: Es geht Sam. Moment mal, wieso kann ich dich hören, es ist doch gar nicht möglich, Schallwellen im Vakuum.

Sam: Vakuum? Das war einmal. Spuck den Schnuller aus, Kindchen, den brauchst du nicht mehr. Kurz nachdem mein über alles erhabener, wenn auch luftlos nicht existenzfähiger Herr und Meister an die Sauerstoffbuddel gelegt wurde, ließ jemand Luft in diesen Raum strömen.

Jonas: Jemand? Wer?

Sam: Wer? Vermutlich der, der sie vorher abgelassen hat.

Jonas: Aber wie kann man denn auf dem Mond die Luft einfach so an und abstellen.

Sam: Auf dem Mond, hehe, oder auch hehe wie sie bemerken meine Damen und Herren, verehrte Kommilitonen, kann kurzzeitiger Sauerstoffentzug zu markanten intellektuellen Ausfallerscheinungen führen, sogar bei Privatdetektiven.

Jonas: Wir sind nicht auf dem Mond?

Sam: Wir sind immer noch im EURAB-Center, du Kopfprothetiker.

Jonas: Was?

Sam: Das hier ist eine Mondsimulation, ein Trainingsraum für Astronauten, eine Illusion, ein bißchen Geröll und Holobilder drumrum.

Jonas: Wirklich, sieht aber sehr echt aus.

Sam: Steh auf, geh ein paar Schritte und wenn du dir an der Wand eine Beule fängst, wirst’ es schon merken.

Jonas: Was ist hier eigentlich los, Sammy, kaum bin ich drin, wird ich auf den Kopf gehauen, dann bringt man mich auf diesen falschen Mond, in ein Vakuum und wie ich kurz vor dem ersticken bin kommt mein alter Freund Ramon Lobo.

Sam: Lobo? Der Typ im Raumanzug mit Sauerstofftank war Lobo? Lobo der Unverschämte, Lobo der mysteriös Abhandengekommene?

Jonas: Ich hab ihn erkannt, Sammy, ganz deutlich, und da drüben ist er zum zweiten mal abhanden gekommen hinter dem Steinhaufen.

Sam: Na was und da stehst du immer noch hier und redest in der Gegend rum? Der Herr warten wohl auf eine schriftliche Einladung, wie, auf auf ihm nach.

Jonas: Der Ton paßte mir nicht, aber in der Sache hatte ich auch keinen besseren Vorschlag. Also wanderte ich durch die nachgemachte Mondlandschaft und stieß mir prompt den Kopf an der unsichtbaren Begrenzung, wie Sam vorausgesagt hatte. Als ich mit der Hand herumtastete, fand ich einen Griff. Ich zog daran, eine Tür ging auf, der Eingang zu einer im Moment funktionslosen Luftschleuse. Gegenüber eine zweite Tür. Dahinter ein enger Gang, dunkel, bis auf einen schmalen Lichtstreifen weiter vorn.

Sam: Ein geheimer Gang, mein roter Bruder möge ihm folgen.

Jonas: Du spinnst Sammy, man hat dir zu viel Schmöker einprogrammiert.

Sam: Und es ist doch ein Geheimgang, denn wisse o Sultan, in diesem Gebäude existiert ein zweiter, ein geheimer Aufenthalts- und Verbindungsbereich, welcher lediglich für die EURAB-Schutztruppe bestimmt ist.

Jonas: Ach was.

Sam: Doch, sie verfügt somit über ihre eigenen Räume, Gänge, Treppen, Aufzüge. Doch genug geplaudert, machet euch auf, Kaspar, Melchior, Balthasar, dem Sterne nach, der dorten glänzet. Pst. Leise, Klavier äh Piano. Pianissimo.

Jonas: Jonas schlich sich an wie Old Shatterhand in besten Jahren. Der Lichtstreifen war ein Türspalt, breit genug zum Durchsehen. Ein Raum, etwa so groß wie mein Büro, an allen Wänden Monitore, vor einem Schaltpult ein bulliger Typ in der Uniform der EURAB-Schutztruppe. Neben ihm Lobo. Er steckte noch im Raumanzug, hatte aber den Helm abgenommen. Hören konnte man durch den Spalt übrigens auch ganz gut.

Lobo: Kann ich was dafür, wenn Jonas zu früh kommt? Dein dämlicher Bertie sollte dieser wie heißt sie, Jonas Freundin, Nix, Jo Nix.

Kalaschnik: Ja.

Lobo: Er sollte ihr die Paßscheibe erst am Nachmittag geben.

Kalaschnik: Red dich nicht raus, Lobo, es war deine Idee, den Detektiv einzuschalten, und wenn das jetzt schief geht.

Lobo: Nichts geht schief. Die Mappe mit dem Beweismaterial gegen EURAB liegt hier, wir werden sie ihm irgendwie zustecken, wie geplant, und dann dafür sorgen, daß er heil hier rauskommt. Ich weiß nicht, was du willst Kalaschnik, alles ist OK.

Kalaschnik: Ich wußte ja schon immer, daß du blöd bist, Lobo, aber so blöd, wer hat Jonas abgefangen, EURAB, warum weiß ich als Chef der Schutztruppe nichts davon, ist EURAB uns auf der Spur, haben sie mitgekriegt, daß wir sie hochgehen lassen wollen, mit ihrer hausgemachten Katastrophe? Warum haben sie Jonas nicht gleich verschwinden lassen, sondern in die Mondsimulation gebracht? Sag mal, er hat dich doch nicht gesehen?

Lobo: Kein Stück. Der war weit genug weggetreten. Du machst dir zu viel Sorgen Kalaschnik. Uns wird schon was einfallen. Jonas hat Luft für eine Stunde. Und so lange haben wir ihn sicher in der Simulation. Der läuft uns nicht weg.

Kalaschnik: Ach ja? Dann kuck mal auf den Monitor.

Lobo: Weg! Jonas ist weg.

Jonas: Im Gegenteil, Jonas ist hier. Mit seinem Knockouter.

Sam: Und seinem Computer. Einer für alle, alle für einen. Nieder mit der Garde des Kardinals, zur Hölle mit allen Schurken und Verrätern.

Jonas: Nehmen Sie meinen Computer nicht unbedingt wörtlich, meine Herren, und nehmen Sie die Hände hoch.

Jonas: Lobo erstarrte. In seinem Raumanzug sah er aus wie das Denkmal vor dem EURAB-Center, Dr. Werner Semmel, der erste Mensch auf dem Mars. Kalaschnik war besser, er reagierte sofort und langte nach seinem Laserstrahler, aber Jonas hatte den Knockouter schon in der Hand. Jonas war schneller.

Kalaschnik: Hu!

Jonas: Den Laser nehm ich besser an mich.

Lobo: Hör mal, Jonas, alter Knabe.

Jonas: Du bleibst so stehen, Lobo und rührst dich nicht, und den Mund machst du nur auf, wenn ich dich was frage.

Lobo: Aber Jonas.

Jonas: Weißt du, Lobo, ein Knockouter ist unangenehm, aber ein Laser ist endgültig, und es wäre doch schade um dich, das also sind die Beweise gegen EURAB.

Sam: Handschriftliche Aufzeichnungen. Igitt. Altmodisch. Abgestanden. Altbacken. Antiquiert.

Jonas: Aber aufschlußreich: Listen von hochwertigem Material, Material, das angeblich mit Supernova im Ozean versackt war, in Wirklichkeit war es noch vorhanden, in EURAB-Geheimspeichern. Holobilder, nicht professionell, offenbar heimlich geschossen, aber deutlich genug. EURAB-Direktoren beim Beladen von Supernova mit Schrott. Die Schadensmeldung über einen defekten Treibstofftank, datiert auf den Tag vor dem Start. Wie gesagt, aufschlußreich und ausreichend.

Sam: In der Tat, Herr Kollegiat, der Fall ist klar. EURAB selbst hat Supernova abstürzen lassen.

Jonas: Lobos Geschichte stimmt also.

Sam: Ja.

Jonas: Aber das ist auch ziemlich das einzige, was hier stimmt. Pack aus, Lobo, alter Knabe, warum lebst du noch?

Lobo: Weil ich gar nicht in Supernova war. Kurz vor dem Start haben sie mich ausgetauscht, gegen einen Androiden, der aussah wie ich.

Jonas: Ausgetauscht? Warum?

Sam: Ja, und vor allem wer?

Jonas: Genau, wer hat dich ausgetauscht, Lobo? Na?

Lobo: Ich sag nichts mehr.

Jonas: Er will nichts sagen, Sammy.

Sam: Er wird, Herr Großinquisitor, nämlich wenn wir zur peinlichen Befragung übergehen. Daumenschrauben, Streckbett, eiserne Jungfrau.

Jonas: Ein einfacher Laser tut’s auch, Sammy.

Sam: Jajajaja.

Jonas: Ein Laserstrahler kann ein sehr überzeugendes Argument sein, besonders bei einem Feigling, ganz besonders, wenn man droht, bei den Zehen anzufangen und sich langsam hochzuarbeiten.

Sam: Erst der kleine Zeh, tut noch nicht so weh, nene, dann der große Zeh tut schon viel mehr weh.

Lobo: Nein, Jonas, nein, bitte, ich will ja reden. Ich sag dir alles, Jonas.

Jonas: Dann fang mal an. Wer hat dich ausgetauscht?

Lobo: Wir, ich meine die Gruppe: Die AA.

Jonas: AA?

Lobo: Anti-Astronauten. Wir sind gegen Raumfahrt aus grundsätzlichen Erwägungen.

Jonas: Wer ist wir?

Lobo: Kalaschnik und die meisten EURAB-Schutztruppler, ja und ich.

Jonas: So, ihr seid also gegen Raumfahrt, aus grundsätzlichen Erwägungen.

Lobo: Wir meinen, es ist eine sinnlose Geldverschwendung, solange auf der Erde noch so viel zu tun ist.

Jonas: Hört sich ganz vernünftig an, in der Theorie.

Lobo: Wir arbeiten innerhalb von EURAB im Untergrund. Und da haben wir mitgekriegt, daß die EURAB-Spitze Supernova hochgehen lassen wollte. Wir haben uns zusammengesetzt und beschlossen, den Plan von EURAB für unsere Ziele zu benutzen.

Jonas: Warum seid ihr nicht gleich an die Öffentlichkeit gegangen, ich meine vor der Katastrophe?

Lobo: Das hätte nicht so viel gebracht. Erst Unfall, dann Enthüllung, das haut hin. Das macht EURAB kaputt und die ganze Raumfahrt.

Jonas: Ihr habt also nichts gesagt und die Sache laufen lassen. Du bist gegen einen Androiden ausgetauscht worden, und die anderen 3 Astronauten?

Lobo: Tja, die hat’s erwischt. Leider. Aber wenn Blut fließt, hat das gleich eine viel stärkere Wirkung, sagt Kalaschnik.

Jonas: Du warst immer eine Ratte, schon damals auf Feuerland.

Lobo: Murmeltier wenn schon.

Sam: Alles mal herhören. Zeit drängt. Situation höchst unsicher. Gestatte mir Abkürzung. Also: Nach planmäßiger Verunfallung von Supernova Dilemma bei sogenannter Widerstandgruppe. Unmöglich sich zu demaskieren und Wissen um Hintergründe selber aufzudecken.

Jonas: Warum?

Jonas: Warum? Gruppe hätte zugeben müssen, alles schon vorher gewußt, nichts getan, 3 Astronauten über Klinge hopsen lassen. Also Parole: In Deckung bleiben, Aufklärung hintenrum. Idee: Da gibt’s so nen Typ, Jonas heißt er, Detektiv is er.

Jonas: Das stammt von dir, was Lobo?

Lobo: Naja, schließlich sind wir alte Kriegskameraden.

Jonas: Kriegskameraden. Du bist bei mir aufgekreuzt, auferstanden von den Toten, und dann bis du wieder verschwunden, unter verdächtigen Umständen. Jonas sollte ins EURAB-Center gelockt werden, um das Beweismaterial zu finden.

Lobo: Wir hatten alles so schön vorbereitet über Kalaschniks Bertie und deine Freundin Jo.

Jonas: Aber Jonas kam zu früh. Und die Sache ging daneben. Wer hat mich niedergeschlagen und in die Mondsimulation gebracht.

Lobo: Keine Ahnung, Jonas alter Knabe, wirklich nicht.

Lautsprecher-Stimme: Achtung, Achtung, hier spricht die Direktion. Eine Durchsage von höchster Wichtigkeit für alle EURAB-Mitarbeiter. Verlassen Sie auf der Stelle das EURAB-Center, ruhig, geordnet, ohne Panik. Befolgen Sie dabei nur die Anweisung der neuen EURAB-Sicherheitssondereinheiten in den grünen Uniformen. Die bisherige EURAB-Schutztruppe ist aufgelöst. Ihre Mitglieder haben keinerlei Weisungsbefugnis mehr. Ich wiederhole: Alle EURAB-Mitarbeiter verlassen auf der Stelle das Gebäude. Ende der Durchsage.

Sam: Und siehe, es wart Licht.

Jonas: Licht?

Sam: Symbolisch, du Nappsülze.

Jonas: Ach so.

Sam: Ja. Oder um es auch für geistig nicht üppig Bemittelte verständlich auszudrücken: Alles klar. Offenbar hegte EURAB seit einiger Zeit einen gewissen Verdacht, oder doch eine Ahnung, von den sie unterwandert habenden Antiraumfahrtverschwörern. Deshalb ist Jonas in die Mondsimulation verbracht worden, als Köder quasi, als nichtsahnender Lockvogel. EURAB hat alles, was weiterhin geschah elektronisch verfolgt und dürfte nunmehr voll im Bilde sein.

Jonas: OK, Sammy, aber woher hat EURAB gewußt, daß Jonas hier im Center auftauchen würde und wann?

Lautsprecher-Stimme: Achtung Achtung! Eine Durchsage für alle Angehörigen der EURAB-Sicherheitssondereinheiten: Nach der Evakuierung des EURAB-Centers tritt Alarmplan A7 in Kraft. Das gesamte EURAB-Center wird vom Keller bis zur Spitze gründlich durchsucht und systematisch gesichert. Das betrifft sowohl den normalen Arbeits-, als auch den speziellen Sicherheitsbereich. Alle Mitglieder der aufgelösten EURAB-Schutztruppe sind festzunehmen, desgleichen eine sich unrechtmäßig im Center aufhaltende Person namens Jonas, ich wiederhole Jonas. Ende der Durchsage.

Jonas: Die Monitore wurden dunkel, das Licht ging aus, bis auf eine trübe Notbeleuchtung. EURAB hatte uns den Saft abgedreht. Es wurde Zeit, für Jonas, auch auf einen Alarmplan umzuschalten. A7 oder wie immer.

Sam: Priorität A: Mein Meister bringt die eigene Person nebst seinem treuen Sam in Sicherheit, das heißt aus dem EURAB-Center. Priorität B, mein Meister rettet das Beweismaterial gegen EURAB zwecks künftiger Verwendung.

Jonas: Ist mir recht, Sammy, und wie machen wir das.

Sam: Wie machen wir das, der böse Feind arbeitet sich von unten nach oben durch, wir türmen also nach oben. In die Spitze.

Jonas: OK, kennst du den Weg?

Sam: Unzureichende Daten. Vorschlag: Lobo.

Jonas: Natürlich, Lobo, du müßtest dich im EURAB-Center bestens auskennen. Geh voraus.

Lobo: Warum sollte ich, Jonas alter Knabe.

Jonas: Weil ich es will. Weil ich einen Laser habe und weil du selbst das größte Interesse daran haben mußt, denn wenn die EURAB-Leute dich erwischen, machen sie dich zu dem, was du offiziell schon bist: zu einer Leiche. Zieh den Raumanzug aus und dann los.

Jonas: Es wurde ein Gewaltmarsch im Gebirge, durch Gänge, über Treppen, alle Aufzüge standen still, darum brauchten wir fast eine Stunde, bis wir auf der kleinen Aussichtsplattform an der Spitze des Centers standen, 500 Meter über der Erde. Wir schnauften und sahen uns um, nach einem rettenden Engel vermutlich.

Sam: Und voila, da ist er schon.

Jonas: Wer Sammy?

Sam: Der Engel, Mann, der rettende.

Jonas: Du meinst den Hubschrauber.

Sam: An und für sich meint Sam eher den in demselben befindliche Lady.

Adamson: Hallo, Jonas.

Jonas: Frau Adamson.

Sam: Von der vereinigten Kosmos.

Adamson: Ich habe gehört, daß Sie in Schwierigkeiten sind und Hilfe brauchen, deshalb bin ich gekommen. Wie ist es gelaufen? Haben Sie was erreicht?

Jonas: Kann man wohl sagen, sehen Sie die Mappe: Beweise, stichhaltige Beweise gegen EURAB. Ich hab Ihnen 5 Milliarden Euros erspart.

Adamson: Und 5 Millionen verdient, bravo Jonas, passen Sie auf, ich werfe ihnen eine Strickleiter zu, steigen Sie um.

Jonas: Der Hubschrauber stand direkt über uns, so tief, daß man ihn fast mit Händen greifen konnte. Nur ein paar Sprossen auf der Strickleiter. Trotzdem war es eine mühsame Kletterei, ich hatte nur eine Hand frei, mit der andern mußte ich die Mappe mit den Beweisen festhalten.

Adamson: Machen Sie es sich leichter, Jonas, reichen Sie mir die Mappe zu. Besten dank.

Jonas: Au!

Adamson: Wünsche noch einen angenehmen Aufenthalt im EURAB-Center, Jonas, es war mir eine Freude Sie gekannt zu haben.

Sam: Reingelegt. Angeschmiert und ausgetrickst, beschummelt, behumpst und beschupst. Da fliegen sie hin, die Beweise, auf Nimmerwiedersehen. Und Jonas sitzt auf seinem allerwertesten und glotzt blöd in die Landschaft.

Jonas: Was soll ich denn sonst machen, Sam, diese hinterhältige Schlange hat einfach die Strickleiter losgemacht und Jonas abgeworfen, die steckt also auch mit drin.

Sam: Präziser: Frau Direktor Adamson ist Mitwisserin und Komplizin von EURABs Untat. Ist doch auch ganz logisch Mann. EURAB hat sich die Verantwortliche für Schadensabwicklung bei Kosmos gekauft, um eine allzu eingehende Überprüfung der Supernovakatastrophe zu verhindern.

Jonas: Dann hat sie EURAB vor Jonas gewarnt.

Sam: Ja wer denn sonst, Mann, wie singt schon Giuseppe Verdi: o wie so trügerisch

Jonas: Singe nicht, Sammy. Denke.

Sam: Nicht mehr nötig, verehrte Spätzünder. Alle Probleme sind gelöscht, äh gelöst.

Jonas: Bis auf eins. Was machen wir jetzt, jeden Moment können die EURAB Sonderbullen hier auftauchen.

Sam: Eieiei, Alarm, da sind sie, wo hast du einen Laser, alter Schussel?

Jonas: Durch die Tür kam eine Gestalt in grüner Uniform, eine kleine Gestalt mit zwei Rucksacken über der Schulter. Ich hatte den Laser in der Hand, aber ich schoß nicht, aus gutem Grund.

Jo: Na Jonas, wie sieht’s aus?

Jonas: Jo!

Jo: Ich hab mir gedacht, ich treff dich hier, weißt du, als ich mit den Paßscheiben von Bertie bei dir vorbei kam, und du warst nicht da, da hatte ich gleich so ein ätzendes Feeling. Also bin ich allein hergefahren. Unten in der Halle war ein irrer trouble. Typ in grün wollte mich nicht durchlassen. Ich bin mit ihm um die Ecke und hab ihm die Uniform ausgezogen.

Jonas: Judo.

Jo: Eher Freistil. Ja und dann hab ich mich ein bißchen umgehört und umgesehen und dann hab ich mich abgesetzt, nach oben, und hier bin ich.

Jonas: Toll, Jo, echt toll.

Jo: Mitgebracht hab ich auch was. Hier die Rucksäcke.

Jonas: Was ist da drin?

Jo: Fallschirme. Unterwegs bin ich an einer Gerätekammer vorbeigekommen. Für Astronautenlehrlinge oder so, und da hab ich gedacht

Lobo: Fallschirme, wunderbar, genau was wir brauchen.

Jo: Wer ist denn das?

Jonas: Lobo, das Murmeltier. Lobo die Ratte.

Jo: Tut mir leid Lobo, ich hab nur zwei Fallschirme, für Jonas und für mich.

Jonas: Kannst du fallschirmspringen, Jo?

Jo: Ich weiß nicht, aber ich kann Drachenfliegen und das ist doch so ähnlich oder.

Jonas: Wir stiegen in die Fallschirme, Jo war schneller als ich, aber sie mußte ja auch nicht einen zeternden Lobo mit dem Laser in Schach halten.

Lobo: Du kannst mich doch nicht hier lassen, Jonas alter Kriegsk… alter Knabe. Bitte Jonas nimm mich mit, bitte.

Jonas: Wenn ich dich so ansehen, Lobo, tust du mir fast leid, aber dann fallen mir die toten Astronauten in Supernova ein, bleib schon hier und sieh zu wie du klar kommst, vielleicht findest du ja wieder eine Decke, die du dir über den Kopf ziehen kannst.
Lobo: Jonas hör doch mal, du brauchst mich, jetzt wo du die Mappe weggegeben hast, bin ich der einzige Beweis für das, was wirklich mit Supernova passiert ist.

Jonas: Meinst du.

Sicherheitsbeamter: Hier sind sie. Stehenbleiben. Halt!

Jonas: Salut Lobo. Jeromino!

Lobo: Jonas, nicht, Hilfe! Oh!

Sam: Und der Tot und die Hölle gaben die Toten, die darin waren und sie wurden gerichtet ein jeglicher nach seinen Werken. O Sammy ist ja so schlecht.

Jonas: Ehe die EURAB-Leute noch richtig mitkriegten was los war, waren wir unten, abgerollt aus den Fallschirmen und verschwunden im Labyrinth der Straßen hinter dem EURAB-Center, hier ist Jonas zu Hause, hier kriegt ihn keiner. Drei Stunden später, im Casablanca. Jo und ich und Sam natürlich. Wir saßen und tranken und redeten, und dachten. Und dann ließ ich mir ein Fon an den Tisch bringen.

Adamson: Jonas, Sie leben noch, wie nett.

Jonas: Finden Sie, Frau Adamson. Jonas hat eben immer noch einen Trumpf im Ärmel. Wenn Sie die Mappe mit den Beweismaterial durchsehen, werden Sie feststellen, daß ein paar sehr wichtige Dokumente fehlen, die hab ich vorher abgezweigt, sicher ist sicher.

Adamson: Tatsächlich, ich glaube, ich werde Sie überreden können, sich auch von diesen Dokumenten zu trennen.

Jonas: Ich glaube das nicht, ich hab sie nämlich nicht bei mit, sie sind sicher verwahrt. Und wenn mir was passiert.

Adamson: Dann gehen die Dokumente an die Behörden oder an den Aufsichtsrat der Vereinigten Kosmos, das ist mir klar, aber auch Ihnen sollte was klar sein, Jonas, wenn Sie ihrerseits die Dokumente an die Öffentlichkeit bringen, dann…

Jonas: Dann wird mir was zustoßen.

Adamson: Etwas höchst unerfreuliches. So sieht es aus, Jonas.

Jonas: So sah es aus. Unentschieden, Gleichgewicht der Kräfte, Status quo, keiner konnte was tun. Unschön. Unmoralisch auch. Aber nicht zu ändern.

Sam: So ist das Leben, Gevatter, jaja, such is life, sellavi, so oder so, schwarz oder weiß, gut oder böse.

Jonas: Nein, Sammy, das stimmt nicht. In dieser Geschichte gibt es keine guten, EURAB, Lobo und seine Gruppe, die Adamson, alle mies. Das Leben ist nicht so oder so, das Leben ist weder noch.

Sam: Beziehungsweise sowohl als auch.

Jo: Hört auf trübe zu tümpeln, ihr müden Krieger, spielen wir lieber eine Runde Poker. Aber Sammy darf nicht wieder schummeln.

Das war Supernova. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas spielte Bodo Primus, sein Super-computer Sam war Peer Augustinski. Frau Adamson: Christine Buchegger. Jo Nix: Petra Uhlig. Ramon Lobo, Astronaut: Karl Heinz Vosgerau. Außerdem wirkten mit: Bernd Stephan, Hans Rudolf Stein, Achim Höppner, Claus Peter Bülz und Jürgen Rehmann (Will Spindler). Ton und Technik: Günter Hess und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz: Regie: Alexander Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1989). Redaktion Erwin Weigel und Christoph Lindenmeyer.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Schneewittchen

Jonas: Es war ein toter Tag, ein Tag, an dem die große Stadt Babylon so grau und so kalt wirkte wie ein krepierter Elefant. Ein Tag, an dem nichts passiert. Dachte ich. Das war ein Irrtum. Ich war in den Trödelladen gegangen, weil mir die alte Postkarte im Schaufenster aufgefallen war, eine Fotographie, 2D, schwarz weiß, altmodisch, so altmodisch wie Jonas. Ein kleiner Mann mit Hut, die Oberlippe schief hochgezogen, Revolver in der Hand, und über dem Mann, von links unten nach rechts oben, ein schwarzer Schriftzug.

Trödler: Eine Rarität, mein Herr, das authentische, handgeschriebene Autogramm des Schauspielers Humphrey Bogart, Mitte des vorigen Jahrhunderts, mehr als 60 Jahre alt.

Jonas: 65, genau, das ist ein Bild aus Big Sleep, 1946.

Trödler: Der Herr ist ein Bogie-Fan? Ich habe seit Jahren keinen mehr getroffen.

Jonas: Vielleicht bin ich der letzte.

Jonas: Der letzte Bogie-Fan. Und der letzte Privatdetektiv. Ein Relikt. Ein Rudiment. Ich fühlte mich fehl am Platz und überflüssig an diesem grauen Herbsttag des Jahres 2011. So überflüssig wie ein Schauspieler oder wie ein Trödler. Der Name ist übrigens Jonas. Nur Jonas. Darauf lege ich Wert.

Trödler: Wollen Sie die Karte erwerben, mein Herr?

Jonas: Wollen wollte ich schon, bloß können konnte ich nicht. 400 Euros sollte das gute Stück kosten. Viel zu viel für einen Detektiv ohne Auftrag. Ich legte die Karte zurück und ging aus dem Laden. Und dann passierte es. Ein graues E-Mobil tauchte aus dem Nichts auf, schob sich quer über den Gehweg und hielt direkt neben mir. Zwei grimmige Typen sprangen raus. Einer quetschte mich gegen die Mauer, der andere hielt mir einen Laserstrahler unter die Nase.

Quex: Gesicht zur Wand, Arme hoch, Beine auseinander, kein Wort, keine Bewegung.

Brock: Easy, Quex, Diensteifer ist was schönes, aber Sie sollten nicht übertreiben. Wir nehmen den Mann nicht fest, wir nehmen ihn bloß mit.

Jonas: Brock, sind Sie neuerdings unter die Straßenräuber gegangen?

Sam: Räuber? Alarm! Alarm! Tatü Tata! Tatü Tata! Hilfe! Polizei!

Jonas: Sei still Sam, das ist die Polizei. Kennst du denn Brock nicht mehr? Chefinspektor Brock von der Kripo, Rächer der Enterbten mit Pensionsberechtigung.

Jonas: Ein alter Freund, fast so alt wie Sam, der sich die nicht vorhandene Lunge aus dem Hals schrie, den er auch nicht hatte. Sam ist mein Computer. Er wohnt in meinem Büro und als drahtlose Miniextension in meiner Tasche. Wenn er nicht gerade brüllt wie am Spieß, redet er, in gewöhnlicher Lautstärke und manchmal ziemlich ungewöhnlichen Worten. Sam ist verbal überprogrammiert. Ansonsten hat er die Aufgabe, mir mit gutem Rat zu helfen, falls ihm etwas einfällt, falls nicht…

Sam: Unzureichende Daten, o du letzte Inkarnation des großen Philip Marlowe.

Brock: Steigen Sie ein, Jonas.

Jonas: Warum?

Brock: Weil ich es sage.

Jonas: Ach, und wohin fahren wir?

Brock: In die Zentrale. Da warten ein paar wichtige Leute, die mit Ihnen reden wollen.

Jonas: Ich wußte gar nicht, daß Jonas so einen Ruf als Konversationist hat.

Sam: Sag einfach Gesprächspartner, Partner.

Jonas: Du hältst den Rand, Sammy.

Brock: Sie sind ein lahmer Witzbold, Jonas, das ist der einzige Ruf, den Sie haben. Steigen Sie jetzt ein. Oder soll ich Wachtmeister Quex von der Leine lassen?

Quex: Ja, Chef?

Jonas: Zwei wichtige Leute warteten auf Jonas, in einem Büro im obersten Stockwerk der zentralen Sicherheitsverwaltung. Eine schöne Frau in schwarz und ein Mann, der nicht so schön war, auch nicht mehr neu, aber schick, ultraschick, von der handkolorierten Hawaikrawatte aus Naturleinen bis zu den Plateausohlen mit Franzen. Umwerfend. Den Mann kannte ich nicht, die Frau um so besser.

Judith: Sie bleiben, Brock.

Brock: OK, Frau Delgado.

Judith: Hallo, Jonas.

Jonas: Du siehst gut aus, Judith.

Judith: Was man von dir nicht sagen kann, deine neue Beziehung äh, Jolanda Nix, scheint dir nicht zu bekommen.

Jonas: Die Sicherheitsverwaltung weiß alles. Wer ist der letzte Schrei?

Judith: Bitte wer?

Jonas: Der Dressman, wie heißt er, was will er.

Judith: Vorsicht, Jonas, der Herr neben mir ist Sicherheitsdirektor Mustermann.

Jonas: Der Chef der DroPo? Den hab ich mir anders vorgestellt.

Mustermann: Sie hab ich mir auch anders vorgestellt, Herr Jonas, vor allem jünger. Sie sind doch mindestens 40.

Judith: Er ist 44, aber gut in Schuß für sein Alter.

Jonas: Sie mußte es wissen. Judith Delgado, Sicherheitsrätin, Hauptabteilungs-leiterin in der zentralen Sicherheitsverwaltung und zwei Jahre lang mit Jonas liiert. Bis sich herausstellte, daß sie auch im Privatleben Polizistin war, Polizistin mit Leib und Seele, ohne Rücksicht auf Verluste. Vor einem halben Jahr hatten wir uns getrennt auf dem Bohrschiff Ägir in der Straße von Dover, am 20. Mai 2011.

Jonas: Und jetzt hast du es nicht mehr ausgehalten, du hast Brock losgeschickt, um mich kidnappen zu lassen. Rührend.

Judith: Du bist doch immer noch der alte aufgeblasene arrogante…

Mustermann: Bitte, Frau Delgado, ich übernehme das weitere. Sie sind nicht gekidnappt worden, Herr Jonas, und schon gar nicht aus irgendwelchen obskuren privaten Motiven, wie Sie sie Frau Sicherheitsrätin Delgado anscheinend unterstellen. Wir, das heißt die zentrale Sicherheitsverwaltung und die Drogenpolizei, ja, und die Kripo natürlich, wir haben eine Einladung an Sie ausgesprochen, Herr Jonas, und Sie sind dieser unserer Einladung gefolgt, eine offizielle Einladung zu einer umfassenden Erörterung eines gewissen gravierenden Problems in offener sachlicher Atmosphäre mit dem Ziel, einer für beide Seiten nutzbringenden Kooperation, und insofern…

Jonas: Was Sie reden, Herr Mustermann, ist fast so schön wie das, was Sie anhaben, ich könnte Ihnen stundenlang zuhören, abends, vorm Einschlafen, aber jetzt hab ich keine Lust. Kommen Sie zur Sache, Sie wollen doch was von Jonas. Worum geht’s?

Mustermann: Kurz gesagt um Eritroxilum Novograntense.

Jonas: Ach was. Und was ist das, wenn’s vom hohen Stuhl runtersteigt.

Brock: Schnee, Jonas, Flakes, Stardes, Candy.

Jonas: Charlie. Coke. Koks. Kokain. Beliebt, begehrt, verboten, und eins von vielen Problemen der Drogenpolizei, bis es vor ein paar Monaten das Problem wurde. Plötzlich vervielfachte sich die Menge, die nach Europa rollte, es gab eine neue Connection. Auf unserer Seite Babylon und Babelshaven, am anderen Ende…

Mustermann: Costaguana. Ein lateinamerikanischer Staat, der Ihnen, Herr Jonas, nicht gänzlich unbekannt sein dürfte. Nach meinen Informationen sollen Sie dort gewisse einschlägige Erfahrungen gemacht haben.

Jonas: Einschlägig. Das treffende Wort. Sie hätten mich fast umgebracht in Costaguana und zu Ersatzteilen verarbeitet. Fall Schlachthaus vor 3 Jahren. Ich dachte gar nicht gern daran zurück. Erstens weil es eine besonders schlimme Geschichte gewesen war, und zweitens, wegen Judith.

Jonas: Damals bist du zur Sicherheitsverwaltung gegangen, Judith.

Judith: Und wir hatten den ersten großen Krach.

Mustermann: Frau Delgado, Herr Jonas, wenn Sie freundlicherweise ihre privaten Reminiszenzen abschließen und mich fortfahren lassen könnten.

Judith: Bitte.

Mustermann: Ich danke ihnen. Sehen Sie, Herr Jonas, der Dreh- und Angelpunkt unseres Problems liegt darin, daß uns der Importeur des Kokains durchaus bekannt ist. Es handelt sich um Senior, wie heißt er gleich?

Judith: Hugo Moreno devereo Iparedes.

Mustermann: Ja sehr richtig. Eine interessante Persönlichkeit, Herr Jonas, sein Vater ist der Innenminister von Costaguana, und außerdem einer der bedeutendsten Kokabarone der westlichen Hemisphäre, und er selbst ist zufällig der für Babylon zuständige Generalkonsul von Costaguana. Das bedeutet, uns sind die Hände gebunden.

Jonas: Diplomatische Immunität, meinen Sie, aber da läßt sich doch was machen. Sie gehen mit ihrem Material zum Außenministerium, und das schmeißt den Kerl raus, als unbeliebte Person oder wie das heißt.

Mustermann: Persona non Grata. Es ist unmöglich, Herr Jonas, es ist völlig unmöglich. Erklären Sie es ihm, Frau Delgado.

Judith: Zwei Gründe, Jonas. a) Wir sind mit Costaguana verbündet.

Mustermann: Eng verbündet. In der europäisch-amerikanischen Allianz.

Judith: b) und das ist der wichtigere Grund, wir sind auf Costaguana angewiesen. Warum, das solltest du am besten wissen, Jonas.

Jonas: Der schwarze Organmarkt.

Judith: Natürlich.

Jonas: Die Polizei nimmt Rücksicht auf illegale Aktivitäten.

Mustermann: Seien Sie doch nicht naiv, Herr Jonas, Sie wissen doch selbst, ohne Transplantationsmaterial aus weniger entwickelten Ländern würde die medizinische Versorgung unserer Bürger zusammenbrechen. Costaguana ist unsere wichtigste Bezugsquelle für Organe, die Lieferungen laufen über das hiesige Generalkonsulat. Und deshalb, Herr Jonas…

Jonas: Müssen sie Däumchen drehen und alle Augen zudrücken, wenn seine Exzellenz nicht nur mit Ersatzteilen dealt, sondern auch mit Kokain.

Mustermann: Lassen Sie mich so sagen, Herr Jonas, alle staatlichen Organe sind gehalten, keinesfalls etwas zu unternehmen, wodurch die guten Beziehungen Europas zu Costaguana auch nur atmosphärisch getrübt werden könnten.

Jonas: Soweit so klar. Aber warum erzählen Sie mir das alles?

Mustermann: Nun, Herr Jonas, unter dem Kennwort Schneewittchen hat die Zentrale Sicherheitsverwaltung einen Plan erstellt, einen Plan, Herr Jonas, dem ich wegen seines ungewöhnlichen ja unorthodoxen Ansatzpunktes wegen mich erst nach ausgiebiger Prüfung und mit erheblichen Bedenken zuzustimmen in der Lage sah. Da wir den Kokainimport nicht offiziell unterbinden können, haben wir vor, mit dieser Aufgabe eine quasi inoffizielle Person zu betrauen, eine Person, die nicht der Polizei angehört, eine Person, die über einschlägige Erfahrungen und Fähigkeiten verfügt.

Jonas: Alles klar, Herr Mustermann, den Rest ihrer schönen Rede können Sie sich sparen. Nein. Nein.

Jonas: Und noch mal nein. Jonas hat zwar was gegen Großdealer in Drogen, aber das heißt noch lange nicht, daß Jonas der Polizei die Dreckarbeit abnimmt. Jonas ist kein Killer.

Mustermann: Aber Herr Jonas, ich bitte Sie, davon kann überhaupt nicht die Rede sein. Sie sollen den Generalkonsul lediglich stoppen, ihn ausschalten, ihn dazu bringen, die Connection aufzugeben und Europa zu verlassen. Wie Sie das machen, ist Ihre Sache, setzen Sie den Mann unter Druck, drohen Sie ihm.

Brock: Brechen Sie ihm ein Bein.

Mustermann: Kurz, denken Sie sich was aus.

Jonas: Immer noch nein.

Mustermann: Selbstverständlich sind wir bereit, Ihnen ein äußerst großzügiges Honorar zukommen zu lassen.

Jonas: Nein.

Brock: Dumm von Ihnen, Jonas, wir können auch anders. Ihnen die Lizenz abnehmen zum Beispiel, oder wir sperren Sie ein und vergessen Sie in der Zelle. Grund wird sich schon finden. Wir machen Ihnen nur noch Ärger. Tag und Nacht. Darauf können Sie sich verlassen.

Jonas: Zuckerbrot und Peitsche, die bewährte alte Taktik. Mit mir nicht. Nein.

Judith: Geben Sie’s auf, meine Herren, Jonas ist stur, ich kenn ihn. Sie wissen, ich hatte von Anfang an Bedenken, ihn mit der Aufgabe zu betrauen, Sie hatten ja Einblick in sein Psychogramm, Herr Sicherheitsdirektor, emotional instabil, für kompliziertere Aktionen kaum geeignet. Ich will nicht bestreiten, daß Jonas ganz tüchtig ist auf seine Art, aber Unternehmen Schneewittchen dürfte für ihn doch ein paar Nummern zu groß sein.

Jonas: Meinst du, Judith?

Judith: Ja, ich weiß, du hältst dich für einen Supermann, für Humphrey Bogart und Philip Marlowe in einer Person, aber wer bist du denn schon, Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv.

Jonas: Und der beste. Ich übernehme den Auftrag, Herr Mustermann, und wissen Sie, warum? Weil sie was dagegen hat.

Judith: Das war’s, Herr Mustermann, wir haben ihn. Jonas hat Ja gesagt, und wenn Jonas ja gesagt hat, dann bleibt er dabei. Nicht wahr, Jonas?

Jonas: Du hast mich ausgetrickst, Judith. Das Honorar, Herr Mustermann, wieviel?

Mustermann: Soweit ich informiert bin, beläuft sich ihr üblicher Tarif auf 90 Euros pro Tag.

Jonas: 100 und Spesen, aber das können Sie gleich vergessen, dafür nicht.

Mustermann: Versteht sich, Herr Jonas, sagen wir pauschal 2000 Euros, aus unserem Sonderfond für freie Mitarbeiter. Sind Sie zufrieden?

Jonas: Wenn die Sache nicht zulange dauert.

Mustermann: Das liegt bei Ihnen, Herr Jonas, wir werden Ihnen selbstverständlich jede Hilfe zukommen lassen, die mit ihrem inoffiziellen Status vereinbar ist.

Jonas: Selbstverständlich, und wenn was schiefging, würden sie mich voll auflaufen lassen, offiziell und inoffiziell, aber für 2000 Euros konnte man schon was riskieren, besonders an einem toten grauen Tag, an dem sonst nichts passierte.

Mustermann: Wir werden Ihnen einen Mikromonitor implantieren lassen, Herr Jonas, damit wir über alle ihre Bewegungen im Bilde sind, Sie werden sich ständig in bestmöglicher Obhut befinden, denn ich, Herr Jonas, ich, Sicherheitsdirektor Kaspar Mustermann, werde persönlich Leitung und Koordination von Unternehmen Schneewittchen in die Hand nehmen.

Jonas: Da bin ich von Glück aber ganz außer mir, Herr Mustermann, haben Sie sich schon überlegt, wie ich am besten an diesen Hugo Moreno rankomme?

Mustermann: Wir stellen was auf die Beine, hier in Babylon.

Jonas: Nicht in Babelshafen?

Judith: Der Herr Generalkonsul hält sich nur selten in seiner Dienststelle auf, er hat andere Interessen.

Brock: Im Colloseum. Da ist er Stammgast.

Jonas: Ein Sportfan?

Judith: Ja, aber nicht im üblichen Sinn. Aus Tracktorturnieren und Rollerball macht er sich nichts. Er liebt es exklusiver. Rollstuhlrugby, Zwergenwerfen.

Brock: Und MC. Vor allem MC.

Jonas: MC. Mortal Combat. Kampf bis zum Tode. Im Colloseum von Babylon gibt’s alles. Rollerball für die Massen im großen Stadium, und in den Separees hochfeinen Mord und Totschlag für die Schicken und Reichen mit dem exquisiten Geschmack.

Wie gesagt, wir sind dabei, etwas zu arrangieren, Herr Jonas, eine Gelegenheit für Sie, mit Moreno Bekanntschaft zu schließen. Die Details erfahren Sie morgen.

Jonas: Wann morgen und wo?

Mustermann: Wir werden Sie zu finden wissen, Herr Jonas.

Jonas: Es war Judith, die mich am nächsten Vormittag fand, im Casablanca, in meiner Nische, vor meinem Whisky, mit meinen Gedanken.

Judith: Bist du allein, Jonas?

Jonas: Kein Stück, siehst du nicht, Sam ist hier. Sag Judith guten Tag, Sam.

Sam: Küß die Hand, schöne Frau, ihre Augen sind so blau.

Judith: Aber Sammy, das sind ja ganz ungewöhnte Töne, wann hast du denn deine große Liebe zu mir entdeckt?

Sam: Seit mein Lord nicht mehr auf Milady bezogen ist.

Judith: Brauchst du nicht mehr eifersüchtig zu sein, Sammy, ach, ich bin gerührt.

Jonas: Du bist doch nicht hier, um mit meinem Computer zu turteln, Judith, was ist mit Schneewittchen, seid ihr soweit?

Judith: Alles klar, Jonas, hör zu.

Jonas: Die Sicherheitsverwaltung hatte sich Mühe gegeben, es war kein schlechter Plan, bißchen kompliziert vielleicht und ziemlich riskant, aber nicht für Jonas, oder?

Judith: Laß es dir sagen, Jonas, das ganze Unternehmen ist gefährlich, viel gefährlicher, als du glaubst. Sei vorsichtig.

Jonas: Du machst dir Sorgen um mich?

Judith: Ich… ich könnte dir Zugang zu unserer geheimen Kontroll- und Kommando-linie verschaffen, über Sam.

Jonas: Jonas nimmt nichts geschenkt, Judith, von dir schon gar nicht. Was ist mit dem Monitor?

Judith: Hier.

Jonas: Ein Ring? Ich dachte, ihr wolltet mir was implantieren.

Judith: Nein, so ist es besser, Jonas, noch was, seit der Schlachthausgeschichte kennt man in Costaguana deinen Namen, du solltest ihn ändern, und Jonas, paß auf dich auf.

Jonas: Drei Stunden später, im Colloseum, griechisch-römische Sektion, eine kleine Arena, am Rand ein gemütliches Ambiente, ein paar Tische, ein paar Drinks, ein paar Sessel, ein paar Leute, ganz vorne auf dem besten Platz Hugo Moreno etc. etc. flankiert von einer kleinen Japanerin mit großer Sonnenbrille und von Jonas. In der Arena hackten zwei kurios kostümierte Kerle lustlos aufeinander ein.

Moreno: Caramba, was für ein müder Kampf, 10 Minuten und noch kein Tropfen Blut.

Jonas: Zum Einschlafen.

Moreno: Sie sagen es, Senior, unter allem Niveau.

Jonas: Der Typ mit dem Spieß und dem Netz ist wirklich außer Form.

Moreno: Der Retiarius? Viel zu fett. Und der Secutor hat noch Plattfüße.

Jonas: Kein Wunder. Die beiden waren keine echten Gladiatoren, sondern Freunde und Helfer in geheimer Mission. Genau um 2 Uhr hatten sie einen Sonderauftrag durchzuführen. Jetzt war es 1 Minute vor 2.

Moreno: Ich möchte wissen, wer diese zwei miesen Säcke eingekauft hat. Ausschuß. Für Provinz zu schlecht. Und das in Babylon. Sagen Sie selbst, Senior.

Jonas: Achtung! Plötzlich wurden die müden Krieger ausgesprochen munter. Sie hörten auf, sich zu beharken und stürmten auf meinen Nachbarn los. Es sah mörderisch aus, und das sollte es auch. Ich stellte mich vor Moreno. Es ging alles sehr schnell, der erste kriegte einen Tritt in den Bauch, einen Schlag gegen die rechte Hand, ließ Schwert und Schild fallen und verschwand durch eine Seitentür. Soweit alles programmgemäß. Ich drehte mich um und wollte mich um Pseudo-attentäter Nummer 2 kümmern, das war nicht mehr nötig, er lag am Boden, sein Hals war ein klaffender roter Schlitz von einem Ohr zum anderen, über ihm stand die kleine Japanerin, sie wischte ihre implantierten Rasiermesser ab, ehe sie sie unter die Fingernägel zurückschnappen ließ. Moreno hatte sich nicht vom Platz gerührt.

Moreno: Na bitte, ist ja doch noch ganz interessant geworden. Ich habe ihnen zu danken, Senior, obwohl ihr Eingreifen unnötig war, meine Ninja hätte beide erledigt, mit der linken Hand.

Jonas: Ninja?

Moreno: Ja, meine kleine menschliche Kampfmaschine, ich habe sie in Tokio gekauft, das beste, was derzeit in Punkto Bodyguard auf dem Markt ist. Danke, Seionara. So nenne ich sie. Symbolisch. Sie verstehen. Setz dich.

Ninja: Hei!

Moreno: Sie sollten sie mal im Duell mit einem Robokiller sehen, Senior, Suplik. Trinken Sie was mit mir. Bedienung. Wie heißen Sie?

Jonas: Jo… Jogi. Jodokus Jogi.

Moreno: Angenehm. Go Moreno derivera Iparedes.

Jonas: Spanier?

Moreno: Südamerikaner. Ich bin der Generalkonsul von Costaguana.

Jonas: Da muß ich wohl Exzellenz zu Ihnen sagen.

Die Herrschaften wünschen?

Moreno: Bitte keine Formalitäten, nennen Sie mich schlicht Senior Moreno.

Die Herrschaften wünschen?

Moreno: Was trinken Sie, Senior Jogy?

Jonas: Whisky, Scotch, kein Wasser, kein Soda, kein Eis.

Moreno: Cubalibre, und für sie da ein Peri. Erzählen Sie mir etwas über sich, Senior Jogy, wer sind Sie?

Jonas: Ich bin Exsöldner, sagte Jonas, das war nicht gelogen. Ich mache dies und jenes, alles mögliche, was sich bietet, und auch das stimmte mehr oder weniger.

Moreno: Ein Glücksritter. Saluti!

Jonas: Ihr Wohl, Senior Moreno, man sieht zu, wie man durchkommt.

Moreno: Und hält sich dabei, wie ich vermute, nicht immer streng an die Paragraphen kleinkarierter Gesetze, hab ich recht?

Jonas: Das kann ich mir nicht leisten, Senior Moreno, und ehrlich gesagt, das liegt mir auch nicht.

Moreno: Wissen Sie, Jogy, ich hätte vielleicht was für Sie, das heißt, wenn Sie frei sind.

Jonas: Ich hab im Moment nichts besonderes vor, Senior Moreno.

Moreno: Bueno. Trinken Sie aus und kommen Sie mit.

Jonas: Schneewittchen lief gut, besser als erwartet, fast ein bißchen zu gut. Jonas dachte an Judiths Warnung und nahm sich vor, ganz besonders vorsichtig zu sein.

Jonas: Morenos Privat-Helikopter brachte uns nach Babelshaven, zum Generalkonsulat, dachte ich, aber da dachte ich falsch, unser Ziel war der Hafen, genauer das Lagerhaus der Costaguana Ex- und Import, noch genauer, ein Büro, klein, bescheiden eingerichtet, aber elektronisch abgeschottet wie der Goldspeicher von Fort Knox, an der Innenwand ein Safe, eine mächtige Stahltür, ein dick verglastes Fenster, dahinter ein Kühlraum voll mit vereisten Containern.

Moreno: Organe, Yogi, menschliche Organe, Herzen, Lungen, Nieren, zentnerweise, für Ihren schwarzen Markt.

Jonas: Ich weiß, Senior Moreno.

Moreno: So, Sie wissen, ah. Aber alles wissen Sie nicht. Unser Kühlschiff, die El Dorado, bringt nämlich außer Ersatzteilen noch was nach Babelshaven. Seionara, mach den Safe auf.

Ninja: Hei.

Moreno: Was ist das, Jogi? Na?

Jonas: Sieht aus wie Zucker.

Moreno: Haha. Zucker. Haha.

Jonas: Aber es ist kein Zucker.

Moreno: Sehr gut.

Jonas: Schnee.

Moreno: Kokain. Laparika, wie wir in Costaguana sagen, Sie kennen sich aus, Yogi. Hätten Sie Lust, in Nartotrafico zu arbeiten?

Jonas: Er war voller Vertrauen und so offen wie das bekannte Scheunentor, aber Jonas war nicht der dazugehörige Ochse. Ich hatte mehr und mehr das Gefühl, hinter der Tür lauerte eine Überraschung. Keine angenehme.

Moreno: Treten Sie näher, Jogy, wenn Sie bei uns mitmachen wollen, müssen Sie sich überall gut auskennen, auch im Kühlraum.

Jonas: Ein andermal, Senior Moreno, wenn ich meinen Pelz dabei habe und eine Flasche Whisky.

Moreno: Ach zieren Sie sich nicht, mein lieber Yogi, oder soll ich sagen, mein lieber Jonas. Seiorana!

Ninja: Hei.

Jonas: Ich war sofort in Kampfstellung gegangen, aber gegen Morenos japanische Mörderbiene hatte ich keine Chance, nicht weil Sie besser war, weil ich lahmgelegt wurde, ein unerträglicher Schmerz explodierte plötzlich in meiner rechten Hand, schoß durch den ganzen Körper, Jonas fiel um, konnte kein Glied rühren, wußte ein paar Sekunden lang nicht, wie ihm geschah. Als ich wieder in und bei mir war, lag ich auf Eis, buchstäblich, die Tür war zugeschlagen und verschlossen, Moreno grinste durchs Fenster und drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage.

Moreno: Wie gefällt es Ihnen in Sibirien, Jonas? Minus 30 Grad. Nicht ein bißchen zu kalt für Sie, wo Sie doch Ihren Pelz nicht bei sich haben. Wie lange werden Sie es wohl aushalten? Schade, daß ich nicht bis zum bitteren Ende bei Ihnen sein kann. Ich muß nach Babylon, die Pflicht ruft, irgend so eine langweilige Ausstellungseröffnung im Haus der iberoamerikanischen Kultur. Äh, Sie entschuldigen mich. Seionara?

Ninja: Hei!

Moreno: Du wartest hier, bis er erfroren ist und kommst dann nach, mit dem kleinen Firmenhelikopter.

Ninja: Hei.

Jonas: Kennen Sie die Geschichte vom nackten Eskimo, der vor seinem Iglu stand und den Schlüssel verloren hatte? Jetzt konnte ich mir vorstellen, wie dem armen Schwein zumute war, aber bibbern und zähneklappernd brachte mich nicht weiter. Nachdenken hieß die Parole. Nachdenken, bevor die kleinen grauen Zellen ganz einfroren. Zum Glück hatte ich einen Denkpartner in der Tasche, einem, dem die Kälte nichts ausmachte.

Sam: Und somit, meine Damen und Herren, hochverehrte Festversammlung, hätten wir es mal wieder mal empirisch bestätigt gefunden, das biologische Hirn ist dem elektronischen hoffnungslos unterlegen. Jawoll. Aber dennoch und nichts desto trotz, bei Mamertus, Pankratius, Servatius und… da war doch noch was.

Jonas: Die kalte Sophie.

Sam: Die kalte Sophie. Na, von mir aus auch die. Bei allen Eisheiligen. Sam bibbert mit. Aus Solidarität. Jawoll. Bibber. Bibber. Bibber.

Jonas: Nett von dir, Sammy, aber tu’s, tu’s bitte leise, am besten nur im Geiste. Ich habe dich nicht zum bibbern angeschaltet, sondern zum Überlegen.

Sam: Denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Woraus Exzellenzen, Eminenzen und sonstige Honoratioren, woraus neuerlich erhellt.

Jonas: Jajaja, wenn ich hier erfriere, und das ist bald soweit, hast du dir schon mal überlegt, was dann aus dir wird? Du wirst verschrottet, du kommst auf den Müll oder noch schlimmer, du wirst umprogrammiert zum Helfershelfer von Verbrechern, zum Kriminellencomputer.

Sam: Igitt, Kumpel, du redest zu viel. An die Arbeit, Besen. Problem Nr. 1:

Jonas: Wie kommen wir hier raus.

Sam: Falsch. Merke: Nur wer die Vergangenheit bewältigt, wird die Zukunft meistern. Ein Tusch, Herr Kapellmeister. Ergo Frage. Was ist passiert? Mein Herr und Meister wurde außer Gefecht gesetzt, hinterlistigerweise.

Jonas: Durch einen starken Stromschlag.

Sam: Haha bzw. oho wie und wo wurde euer Leitfähigkeit besagter Schlag appliziert?

Jonas: Rechte Hand, Ringfinger. Ring? Der Ring, Sammy, der Monitor von der Sicherheitsverwaltung.

Sam: Ein Stromschlag durch den Monitor genau im passenden, will sagen unpassenden Moment. Hehe, ist es nicht komisch.

Jonas: Sagen wir merkwürdig, Sam, und weißt du, was ich auch merkwürdig finde, Moreno weiß, wer ich bin, man hat ihn informiert.

Sam: Kurios und extraordinär, Herr Aktuarius, so lasset uns grübeln, welch Schluß daraus zu ziehen…

Jonas: Draußen, Sammy, in der Wärme, und wie wir da hinkommen, darüber machst du dir Gedanken, dienstlicher Befehl, aller erste Priorität.

Sam: Yes Sir. Die Tür.

Jonas: Elektronisch verriegelt.

Sam: Na und kein Problem für Sam.

Jonas: Sag bloß, du kennst den Code.

Sam: Aber immer.

Jonas: Woher?

Sam: Ja, das ist nicht leicht zu erklären, sagen wir mal, da gibt es so einen netten kleinen Computer bei der Hafenverwaltung, man kennt sich flüchtig, steht auf Grüßfuß sozusagen.

Jonas: Sam, gib’s zu, du hast den Code von Judith.

Sam: Und wenn, einem geschenkten Code kuckt man nicht in die Diode. Hehe. Oder sonst wo hin.

Jonas: Da hast du auch wieder recht, also mach auf.

Sam: Gemach, Milord und zügelt euern Fürwitz, erinnert euch: der Türe andere Seite wird behütet.

Jonas: Richtig, die Ninja, dann muß Jonas wohl in die zweite Runde, ehrlicher Kampf Mann gegen Mann äh Frau.

Sam: Mann gegen Kampfmaschine, so sieht’s aus ganz abgesehen vom Handikap des blitzeschleudernden Monitors.

Jonas: Gut daß du mich erinnerst, Sammy, runter von dem Finger mit dem Ring.

Sam: Und abermals gemacht. Klar, Chef, bloß weg mit dem Dreck, aber nicht mit Schwung und großer Geste, nein, leise, langsam, vorsichtig, auf daß die draußen es nicht merke.

Jonas: Verstehe Sammy, du machst die Tür auf.

Sam: Mein Meister tritt herfür.

Jonas: Die Ninja greift an.

Sam: Und Jonas, der Listenreiche tut folgendes.

Jonas: Es klappte wie am Schnürchen. Seionara ließ ihren Laserstrahler im Gürtel stecken und fuhr die Messerchen aus, Jonas stöhnte auf, krümmte sich, fiel um, blieb liegen, aber als die Ninja sich über mich beugte, um mir nach allen Regeln der Kunst den Hals aufzuschlitzen, da war ich auf einmal wieder voll da. Ich zog ihr die Beine weg, noch im Stolpern fuhr sie die Fingermesser ein und griff zum Laser, das kostete Zeit, nicht viel, Sekundenbruchteile, aber die fehlten ihr. Ich drückte ihr die Daumen hinters Ohr, auch Ninjas haben Nerven, Seionara zuckte, dann war sie still. Ich nahm ihr den Laser weg.

Sam: Ist sie tot, die mandeläugige Schöne?

Jonas: Weiß ich nicht. Ist mir auch egal. Ab in den Kühlschrank. Sicher ist sicher. Seionara, Seionara.

Sam: Amateurin. Hätte sie gleich den Laser gezogen, wäre unser Trick mit dem vorgetäuschten Stromstoß mittels des nicht mehr am Finger befindlichen Ringes gewaltig ins Auge gegangen, na ja, oder in die Hose.

Jonas: Und ihr Chef, hätte der mich gleich umlegen und nicht erst in den Kühlraum sperren lassen.

Sam: Ein Amateur auch er, und mit so was müssen wir uns abgeben, wir, Sam und Jonas, zwei echte Profis, die direkt auf ihr Ziel losmarschieren, eiskalt, lupenrein geradewegs und Schulter an Schulter.

Jonas: Nicht ganz leicht, Sam, wenn du in meiner Hosentasche steckst.

Sam: Auf nach Babylon.

Jonas: Mit dem kleinen Firmenhelikopter.

Sam: Auf den Spuren seiner Exzellenz.

Jonas: Die Ausstellung bestand aus hunderten von kleinen runden Holzköpfen mit langen Nasen und abstehenden Ohren, in Glaskästen an den Wänden des Saals, in der Mitte viele Stühle und wenig Leute, der harte Kulturkern, der überall hingeht, davor ein Podium, darauf seine Exzellenz der Herr Generalkonsul von Costaguana mitten in seiner Eröffnungsrede, voll im rhetorischen Schwung, bis er einen unerwarteten Nachzügler in der Tür auftauchen sah.

Moreno: Was, meine Damen und Herren, sind sie denn wirklich, diese von den Indios meiner Heimat in mühseliger Handarbeit geschaffenen rustikalen Holzskulpturen, die ihrem europäischen Auge auf den ersten Blick exotisch, bizarr, ja krude erscheinen mögen, doch nichts anderes, meine Damen und Herren, als die künstlerisch tiefempfundene Spiegelung der Seele des costaguanesischen Volkes. Lassen Sie mich, bevor ich Ihnen die verborgenen Schönheiten der Exponate im Einzelnen erläutere…

Jonas: Senior Moreno!

Moreno: Äh, erläutere, ja, wie gesagt, lassen Sie mich meine Ausführungen beschließen, ich danke ihnen.

Jonas: Weg war er. Durch eine Hintertür neben dem Podium. Jonas natürlich hinterher. Ein schmales Treppenhaus. Morenos Schritte führten nicht nach oben zum Helikopterdeck, sie führten nach unten in den Keller. Seltsam. Und im Keller verschwanden sie in einem kleinen Raum, einem Raum mit kahlen Wänden und einer massiven Tür, die zufiel, gerade als ich auftauchte.

Sam: Wieder eine Runde für Senior Moreno. Well, never mind. Der Vogel, der zuletzt lacht, fängt den Wurm. Im tiefen Keller sitz ich hier…

Jonas: Ist das alles, was du beizutragen hast, Sammy, und wenn du schon singen mußt, dann bitte was anderes, was aus Orpheus zum Beispiel.

Sam: Befehlen Herr Generalmusikdirektor Gluck oder Monteverdi oder gar Offenbach? Und warum gerade Orpheus?

Jonas: Weil wir anscheinend wieder mal in der Unterwelt gelandet sind, weißt du noch, die Schmiergeldaffäre?

Sam: Ohohoh. Si tacuisses, setzen Schüler Jonas, klassische Bildung mangelhaft, falscher Mythos, nicht Orpheus in der Unterwelt, sondern, na…

Jonas: Jetzt sah ich das Zeichen über der Tür, drei schwarze Speichen im gelben Kreis, und ich wußte: Hier ging’s ins Labyrinth, in das weitläufige System von Schutzbunkern unter den besseren Vierteln von Babylon, wo Behörden und Firmenzentralen liegen, eine Anlage aus dem späten 20. Jahrhundert, aus der Zeit des kalten Kriegs und der Atomkraftwerke. Inzwischen war sie ein bißchen in Vergessenheit geraten, aber sie war noch gut in Schuß, intakt und voll funktionsfähig. Für alle Fälle. Sie könnte ja noch gebraucht werden, später, wenn wir mit unseren inneren Problemen fertig geworden sind, und wieder Zeit haben, an Krieg zu denken und wenn wir die große Katastrophe der Grauzone endgültig verdrängt haben. Zugänge zum Labyrinth gab es unter allen offiziellen und wichtigen Gebäuden, aber nicht für jeden und nicht ohne weiteres. Theseus brauchte einen Ariadnefaden.

Sam: Und hier, o du mein Heros und Halbgott, ist er auch schon, der Faden der Ariadne. Sein Name lautet Samuel. Oder kurz Sam.

Jonas: Du, Sammy, haha.

Sam: Was gibt’s denn da zu lachen?

Jonas: Weißt du, ich finde, das paßt: ewig lang und schrecklich dünn, wie der Fluß deiner Rede. Also dann spul dich auf oder was ein Faden so macht. Na los, Sam.

Sam: Sam ist beleidigt und gekränkt, ganz ganz tief. Verletzt. Verhöhnt. Verschimpft und verunglimpft. Geschmäht und geschändet. Sir, geben Sie Genugtuung.

Jonas: OK, Sammy, schick mir bei Gelegenheit einen Sekundanten, lange Säbel auf kurze Distanz oder wie auch immer, aber jetzt tust du deine Arbeit, die Tür hat ein Audioschloß und wir brauchen das richtige akustische Signal.

Sam: Codewort.

Jonas: Und das kennst du?

Sam: Kann sein.

Jonas: Von Judith.

Sam: Kann sein.

Jonas: Geh mir nicht auf die Nerven. Wie heißt das Sesam öffne dich?

Sam: Supergau.

Jonas: Hinter einer Luftschleuse eine kurze Treppe, die unten auf ein Rondell mündete, Durchmesser etwa 10 Meter, in alle Richtungen gingen Korridore wie Strahlen von einem Stern, sie waren knapp 2einhalb Meter hoch, sauber, hell, die Luft war gut, kaum abgestanden.

Sam: Zweiter Gang rechts.

Jonas: Bist du sicher, Sam, ich hör nichts.

Sam: Natürlich nicht. Erstens ist Moreno schon weit weg, zweitens hat er einen anderen Gang frequentiert, den vierten von rechts.

Jonas: Woher willst du das wissen?

Sam: Sensoren in den Wänden. Ihre Daten sind für Sam zugänglich und abrufbar.

Jonas: So, und warum gehen wir dann nicht auch in den 4. Gang rechts, direkt hinter dem Kerl her?

Sam: Weil wir erstens wissen, wohin er geht, und ihm zweitens zuvorzukommen wünschen.

Jonas: Jetzt versteh ich gar nichts mehr.

Sam: Kein Kommentar, zweiter Gang rechts.

Jonas: Von mir aus, Sam, aber warum gerade der und kein anderer?

Sam: Sam sagt es ganz langsam und deutlich zum Mitschreiben. In diesem Gang nach 100 Metern Nische in Wand, in Nische E-Velo, Jonas auf E-Velo, Jonas fährt. Taff Taff. Sam sagt Weg. Kapito? Moreno erreicht Ziel, aber Jonas haha… schon da.

Jonas: Hurra, aber verstehen tu ich immer noch nichts. Woher weißt du das alles, Sammy. Zum Beispiel, wo Moreno hin will. Apropos wo will er eigentlich hin?

Sam: Zum Gebäude der zentralen Sicherheitsverwaltung, und dort, o Wonne meiner Seele, wird sich der Knoten lösen und alles alles wird in hellstes Licht getaucht. Amen.

Jonas: 20 Minuten später waren wir unter der Sicherheitszentrale, sagte Sammy. Das gleiche Rondell, die gleichen Gänge, in einem verstaute ich das E-Velo, dann stieg ich die gleiche Treppe hoch, die gleiche abgeschottete Tür, das gleiche Codewort, erst auf der anderen Seite der Tür änderte sich die Landschaft. Ein großes graues Gewölbe, fragmentarisch erhellt durch antike Neonröhren, überall Staub, an der Wand ein Aktenschrank aus der guten alten Vorcomputerzeit, dahinter ließ Jonas sich nieder und wartete, nicht sehr lange.

Jonas: Boun Verino, Senior Moreno, oder wie der Swinegel sagte: Ick bin oll hier.

Moreno: Jonas?

Jonas: In Lebensgröße. Und mit einem Laser. Den hab ich übrigens ihrer Ninja abgenommen.

Moreno: Wie sind Sie aus dem Kühlraum gekommen und was haben Sie mit Seionara gemacht?

Moreno: Das spielt doch keine Rolle, lassen Sie die Vergangenheit ruhen, Senior Moreno, konzentrieren Sie sich auf die Gegenwart, und auf die Zukunft, falls Sie eine haben.

Moreno: Was wollen Sie von mir, Senior Jonas?

Jonas: Wie wär’s mit einem Zweikampf, bis zum Tode. Ehrlich. Fair. Mann gegen Mann, ohne Ninja.

Moreno: Senior Jonas, um Gotteswillen.

Jonas: Sie sind nicht einverstanden, Senior Moreno? Das ist aber sehr unsportlich. Sie sind doch Aficionado.

Moreno: Senior Jonas, ich weiß, Sie haben den Auftrag mich umzubringen. Tun Sie’s nicht. Ich bitte Sie. Ich gehe weg, zurück nach Costaguana, ich komme nie wieder nach Europa. Das versprech ich. Sie wissen ja gar nicht, was gespielt wird, Senior Jonas. Ich sag es ihnen. Ich sage ihnen, wer wirklich hinter der Kokainconnection steckt. Nicht abdrücken, Senior Jonas, bitte.

Jonas: Moreno kroch im Staub herum und Jonas stand über ihm, groß, überlegen, mit einem Laser und mit der Frage, was mache ich mit dem Kerl. Die Antwort wurde mir abgenommen durch Herrn Sicherheitsdirektor Mustermann, der plötzlich in der Kellertür auftauchte, auch mit einem Laser.

Mustermann: Das war, wie man so sagt, Rettung in letzter Sekunde.

Jonas: Rettung?

Mustermann: Moreno hat Sie doch bedroht oder nicht? Nun wie auch immer, jetzt ist er tot.

Jonas: Und kann nichts mehr sagen. Würden Sie Ihren Laser bitte nicht gerade auf mich.

Mustermann: Entschuldigen Sie, Herr Jonas, der Reflex eines alten Sicherheitsbeamten, und da wir gerade von Lasern sprechen, lassen Sie Ihren fallen. Los. Mein unverhoffter Auftritt auf der Bildfläche mag Ihnen ein wenig melodramatisch erscheinen, aber er war notwendig, um einen Versager zu eliminieren, nicht, um ihn am Reden zu hindern. Was Moreno ihn sagen wollte, ist Ihnen vermutlich ohnehin bekannt.

Jonas: Vermutlich. Sie haben Moreno informiert, Mustermann, über Unternehmen Schneewittchen und über Jonas. Sie haben mich ans Messer geliefert. Sie haben im richtigen Moment dafür gesorgt, daß ich mich nicht wehren konnte, durch Ihren Monitor. Sie haben die Leitung von Schneewittchen nur übernommen, um die Aktion in den Sand zu setzen.

Mustermann: Sehr richtig, Jonas, und warum habe ich alle dies schauderhaften Untaten begangen?

Jonas: Moreno hat Sie bezahlt, nehm ich an.

Mustermann: Oh nein, Jonas, da irren Sie sich, Moreno war mein Partner beim großen Deal, mein Alliierter, aber auch wenn Sie die letzten Hintergründe nicht kennen, mein lieber Jonas, so wissen Sie doch mehr, als für mich gut ist, deshalb kann ich Sie, das werden Sie verstehen, auf gar keinen Fall am Leben lassen. Man wird Ihre Leiche neben der von Moreno… Man wird annehmen, sie hätten sich gegenseitig getötet. Man wird mit Respekt von ihnen sprechen. Man wird sagen, er hat seinen Auftrag ausgeführt, und ist dabei gefallen. Ein Opfer der Pflicht.

Jonas: Alarmstufe eins, Sam, tu was.

Sam: Verzage nicht, o Herr und Gebieter, denn siehe, gleich sind sie da.

Jonas: Wer?

Sam: Wer? Die 7 Zwerge, du Waldschraz.

Jonas: Es waren nicht 7 Zwerge, es waren 3. Judith, Chefinspektor Brock und Wachtmeister Quex. Jonas atmete tief durch, und Mustermann war verwirrt. Aber nur einen ganz kurzen Augenblick, dann fühlte er sich wieder als Herr der Situation.

Mustermann: Was soll das heißen? Warum sind Sie nicht auf ihrem Posten.

Judith: Wir sind auf unserem Posten.

Brock: Wir haben Sie, Mustermann, wir haben Sie genau da, wo wir Sie haben wollten.

Judith: Wir wissen seit einiger Zeit, daß ein höherer Sicherheitsbeamter mit Moreno unter einer Decke stecken mußte.

Brock: Ein Maulwurf.

Judith: Und dieser Maulwurf konnten nur Sie sein, Mustermann, das wußten wir. Aber wir hatten keine Beweise.

Brock: Bis jetzt.

Judith: Bis wir Unternehmen Schneewittchen geplant und gegen ihren Widerstand durchgesetzt haben.

Brock: Jonas war unser Versuchskaninchen.

Judith: Wir standen mit ihm ohne sein Wissen in ständiger Verbindung, nicht über ihren Monitor, Mustermann, über Jonas Computer.

Sam: Auftrag ausgeführt, Spezialagent Sam meldet sich zurück von geheimer Mission.

Jonas: Verräter.

Sam: O, o wie das schmerzt, wo Sam doch stets nichts anderes im Sinne hatte, als seines Jonas Heil und Wohlergehen.

Judith: Unser Beweismaterial ist komplett, Sie sind überführt, Mustermann.

Brock: Leisten Sie keinen Widerstand, kommen Sie mit.

Mustermann: Ich denke nicht daran. Das ist auf ihrem Mist gewachsen, nicht wahr, Sicherheitsrätin Delgado, Sie wissen ja gar nicht, was Sie da angerichtet haben, Sie dumme Kuh, Sie haben sich in einen höchst komplexen politischen Vorgang eingemischt, in eine Materie von übergeordneter internationaler Bedeutung. Über Costaguana läuft die Finanzierung der gesamten Kontergeria in Mittel- und Südamerika. Milliarden, Frau Delgado, und wissen Sie, wo die herkommen, auch aus dem Organmarkt? Das würde nicht reichen, und offiziell können die Vereinigten Staaten von Europa auch nicht viel beisteuern, mangels Masse, obwohl wir politisch an der Sache natürlich größtes Interesse haben.

Judith: Also Kokain.

Mustermann: Ganz recht. Wie gesagt, eine Angelegenheit von extremer politischer Brisanz, und ich habe dabei die Belange unserer Regierung zu vertreten und für eine störungsfreie Durchführung des Kokainimportes geradezustehen.

Brock: Aber die Rauschgiftgesetze?

Judith: Und die Süchtigen? Die Kranken, die Toten?

Mustermann: Ach mein Gott, Sie wissen doch, wo gehobelt wird, da fallen, bedauerlicherweise, ist nicht zu ändern, die Politik hat Vorrang.

Judith: Und ihr Privatkonto in Costaguana. 20 Millionen Euros.

Mustermann: Eine Lappalie. Das fällt somit ab. Und außerdem geht Sie das nichts an. Die ganze Sache geht Sie nichts an.

Judith: Das sagen Sie. Sie können uns viel erzählen.

Mustermann: Fragen Sie nach. Sie, Frau Delgado, kommen Sie, Sie brauchen den Topsecret Code.

Jonas: Mustermann drückte Judith eine Plastikscheibe in die Hand, damit verschwand sie, nach 10 Minuten war sie wieder da, blaß und offensichtlich mitgenommen.

Judith: Es stimmt, Brock, Mustermann kriegt seine Anweisungen von ganz oben.

Brock: Sicherheitspräsident?

Judith: Viel höher.

Mustermann: Bitte. Da haben Sie’s. Fangen Sie schon mal an, sich auf das einzustellen, was jetzt auf Sie zukommt. Durch ihren unsinnigen Aktionismus haben Sie irreparablem politischen Schaden angerichtet. Sie haben mich genötigt, eines unserer bestgehüteten Staatsgeheimnisse preiszugeben. Für Sie, Frau Delgado, wird das schwerwiegende personelle Konsequenzen haben, und was die unteren Chargen betrifft, Chefinspektor Brock, den Wachtmeister, und diesen diesen Jonas, da gehen wir, denk ich am besten auf Nummer sicher.

Jonas: Wir vier waren uns einig. Keiner sagte ein Wort. Es gab nur Blickkontakte. Von Judith zu Brock, von Brock zu mir, von mir zu Quex. Ich stolperte plötzlich gegen Mustermann, schlug ihm dabei den Laser aus der Hand, und im gleichen Moment ging Quex Laser los.

Brock: Na sowas, Sie haben heute aber einen lockeren Zeigefinger, Quex.

Quex: Ich kann mir das auch nicht erklären, Herr Chefinspektor.

Brock: Und der arme Herr Mustermann stand direkt in der Schußlinie. Nichts mehr zu machen. Er ruhe in Frieden.

Judith: Bereiten Sie gleich eine Pressemitteilung vor, Chefinspektor, Sie wissen ja, durch einen tragischen Unglücksfall verstarb plötzlich und unerwartet der Leiter der Drogenpolizei, Sicherheitsdirektor Kaspar Mustermann, jäh herausgerissen aus einem beispielhaften Leben, das nur der Pflichterfüllung geweiht war, ein Opfer seines Berufes usw.

Brock: Und so weiter. Wird gemacht, Frau Delgado. Kommen Sie, Quex.

Judith: Du hast uns sehr geholfen, Jonas.

Jonas: Ich hab für euch die Kastanien aus dem Feuer geholt. Du hast mich manipuliert, Judith, schon wieder.

Judith: Es tut mir leid, daß du das so siehst, Jonas, auf jeden Fall danke ich dir. Durch Mustermanns Abtreten ist die Planstelle eines Sicherheitsdirektors freigeworden, und ich weiß, wer die kriegt.

Jonas: Gratuliere.

Judith: Ja dann, Jonas, mach’s gut. Ich werde dafür sorgen, daß dir das vereinbarte Honorar überwiesen wird.

Jonas: Ach, das nehm ich lieber gleich mit. Sicher ist sicher.

Judith: Wie du willst, Jonas, ich laß es durchgeben, du weißt ja, wo die Kasse ist.

Jonas: Der alte Kassencomputer im Erdgeschoß ließ sich Zeit. Vielleicht mußte er sich erst wieder an seine Arbeit gewöhnen. Wer läßt sich heutzutage schon sein Geld bar auszahlen.

Kassencomputer: 2000 Euro mein Herr, brutto. Nach Abzug von allgemeinen und speziellen Gebühren, Steuern, Zuschüssen zu Volksrente, Kranken und Pflege-versicherung, Abgaben und Spesen, verbleiben netto exakt 413 Euros und 1 Cent.

Jonas: Was?

Kassencomputer: Exakt 413 Euros und 1 Cent, mein Herr.

Jonas: Und 1 Cent. Den könnt ihr behalten. Jonas spendet ihn für notleidende höhere Sicherheitsbeamte.

Kassencomputer: Vielen Dank, mein Herr. Bitte mein Herr, ihre 413 Euros.

Jonas: Ich nahm sie und machte mich auf die Socken, erstens weil ich rauswollte aus der Sicherheitszentrale, und zweitens, weil ich eine Verabredung hatte. Mit Humphrey Bogart. Vielleicht war die Postkarte noch zu haben.

Das war Schneewittchen. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas spielte Bodo Primus, sein Super-computer Sam war Peer Augustinski. Judith Delgado: Karin Anselm. Sicherheits-direktor Mustermann: Karl Michael Vogler. Außerdem wirkten mit: Claudius Zimmermann, Edwin Marian, Volker Spahr und Jürgen Rehmann (Alexander Malachovsky, Julia Fischer). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1989). Redaktion Erwin Weigel und Christoph Lindenmeyer.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Störfalle

Jonas: Plötzlich war er da. Er stand mitten in meinem Büro. Sehr jung, sehr verlegen, und starrte mich an. Mit riesengroßen Kalbsaugen. Ich hätte die Tür verrammeln sollen, oder noch besser verreisen, weit weit weg von Babylon, aber meine Kristallkugel war außer Betrieb an diesem 10. Januar 2012.

Justus: Herr Jonas? Sie sind doch Herr Jonas?

Jonas: Ich glaub schon. Außerdem steht’s draußen an der Tür.

Justus: Ja, Herr Jonas, ich, äh ich finde Sie toll. Sie sind ein Held, ja, Sie sind der größte, echt, total der größte.

Jonas: Hör mal zu, Kleiner, Jonas ist alles mögliche, eine 1-Mann-Show, Jongleur, Clown, Feuerspucker, Degenschlucker, der Mann auf dem fliegenden Trapez, der Mann, der durch den brennenden Reifen springt, für 100 Euros pro Tag und Spesen, aber ein Held ist Jonas nicht. Jonas ist Detektiv. Der letzte Detektiv. Nicht mehr und nicht weniger. Klar?

Justus: Ja. Ja, Herr Jonas.

Jonas: OK, damit hätten wir geklärt, wer ich bin. Bleibt nur noch ein kleines Problem. Wer bist du?

Justus: Ja, ich… mein Name ist Justus.

Jonas: Und?

Justus: Nur Justus.

Jonas: Ach ja.

Justus: Ich ich will Detektiv werden, so einer wie sie, Herr Jonas. Ich will bei Ihnen lernen. Bitte, Herr Jonas, lassen Sie mich bei Ihnen bleiben als ja als Volontär, es muß ja nicht lange sein, ein paar Wochen oder vielleicht nur ein paar Tage, ich falle Ihnen auch bestimmt nicht lästig, Herr Jonas, bestimmt nicht, bitte Herr Jonas.

Jonas: Weißt du, Kleiner, Jonas braucht einen Lehrling wie wie ein Beduine eine Höhensonne. Und auch wenn ich einen brauchte, du bist mir zu klein und zu grün.

Justus: Ich bin schon 18, Herr Jonas, und ich hab Erfahrung, ich war 3 Jahre beim Werkschutz von BIO.

Jonas: Was soll ich dir beibringen, Kleiner, im Büro rumsitzen, Däumchen drehen, mehr ist nicht drin, Jonas hat keinen Fall.

Justus: Doch Herr Jonas, Sie haben einen, das heißt, wenn Sie wollen, Elmer Zeitgeist ist unten, ich hab ihn hergerollt, er muß dringend mit Ihnen reden wegen Zora. Zora ist verschwunden.

Jonas: Zora Zeitgeist, eine Nachbarin, sie hatte ihr Büro 1 Stockwerk über meinem. Von Beruf war sie Reporterin. Investigatorin. Eine von vielen im zweiten Glied, kaum bekannt. Bis vor etwa 3 Wochen. Da hatte sie einen Coup gelandet. Eine Story im Holo-Ökomagazin über einen Störfall bei BIO. Irgendwas mit einem verbotenen Unkrautkiller, den BIO heimlich produzierte für ein Land im mittleren Osten. Trichlorphenol oder so ähnlich. Und bei der Produktion war was passiert. Ein Kessel ging hoch, Dioxin wurde frei, ein Mann kam ins Werkskrankenhaus. BIO machte natürlich sofort den Deckel drauf, aber Zora hatte was gehört, bohrte nach und kam groß damit raus. Zoras Partner Elmer mußte unten warten. Weil der Lift kaputt war, wie meistens. Und weil er seinen Rollstuhl nicht auf den Buckel nehmen und in den 16. Stock schleppen konnte. Also stieg Jonas nach unten. Elmer war halbseitig gelähmt, und Zora war eine Nachbarin, eine Nachbarin, die verschwunden war.

Elmer: Seit 4 Tagen, Jonas, sie ist nicht nach Hause gekommen. Sie hat nicht angerufen und im Büro ist sie auch nicht. Justus hat sie überall gesucht.

Jonas: Sieh mal an, du bist nicht nur ein Detektiv in spe, Kleiner, du bist auch ein Wohltäter der Menschheit.

Justus: Deshalb bin ich ja bei BIO rausgeflogen, Herr Jonas, weil ich Zora die Wahrheit gesagt habe über den Störfall und daß bei BIO Trichlorphenol produziert wird.

Jonas: Daher kennt ihr euch.

Elmer: Ja, und jetzt machen wir uns Sorgen um Zora. Weißt du was ich glaube, Jonas, ich glaube BIO steckt dahinter.

Jonas: Kann ich mir nicht denken, Elmer. Was für einen Grund hätte BIO, Zora verschwinden zu lassen. Ja, wenn ihre Story noch nicht erschienen wäre, aber jetzt.

Elmer: BIO will sich rächen.

Jonas: Unsinn, BIO ist ein Großkonzern. Unmoralisch von mir aus, aber praktisch. Rache ist kontraproduktiv, wie der Fachmann sagt. Rache bringt nichts ein.

Justus: Das hab ich ihm auch gesagt, Herr Jonas.

Elmer: Aber Zora bleibt nicht so lange weg, ohne sich zu melden. Irgendwas muß passiert sein.

Jonas: Soll ich mich drum kümmern?

Elmer: Darum wollte ich dich bitten, Jonas, und was dein Honorar angeht.

Jonas: Laß mal, Elmer, das läuft unter Nachbarschaftshilfe.

Justus: Kann ich mitmachen, Herr Jonas, jetzt haben Sie doch einen Fall.

Jonas: OK, Kleiner, weil du ein Freund von Zora bist. Du gibst mir den Schlüssel zu ihrem Büro und dann fährst du Elmer nach Hause, wir treffen uns in Zoras Büro. In 1 Stunde.

Justus: Steh ich auf der Matte, Chef, pünktlich. Fangen Sie nicht ohne mich an.

Jonas: Keine Sorge, Kleiner. Vorher hatte ich noch was zu erledigen. Ich jagte Sam ins Personaldatensystem von BIO: Justus kam mir ein bißchen zu treu und bieder vor, aber er war astrein, seine Geschichte stimmte: Vor drei Wochen gefeuert, wegen Illoyalität und Geheimnisverrat. Soweit alles klar. Sam hatte trotzdem was zu mosern.

Sam: Sagt an und sprecht o hoher Herr und Kampfgenosse, was soll uns dieser kleine grüne Beinsteißer, reinekühne Steinscheißer, Schweinbeißer Schleimscheißer.

Jonas: Steinbeißer.

Sam: Sag ich doch. So was brauchen wir nicht, nun nicht und nimmer mehr.

Jonas: Sam ist mein Computer. Tüchtig, schlau und redegewaltig. Zu redegewaltig. Sam ist ein verbaler Dauerchaot, außerdem eigenwillig und eigensinnig. Ich weiß, ein Computer kann nicht eigenwillig und eigensinnig sein, aber sagen sie das mal Sam.

Sam: Jonas ist Jonas und Sam ist sein Computer. Alles weitere ist von Übel, möge es nun Judith heißen.

Jonas: Vorsicht Sam, Judith Delgado ist für uns gestorben.

Sam: Oder Jolanda Nix, wenn es denn erlaubt ist, diese ein wenig vorlaute junge Lady zu erwähnen.

Jonas: Mit Vergnügen Sammy.

Sam: Oder auch Justus, nur Justus, unverschämter Plagiator.

Jonas: Reg dich ab Sammy und laß den Kleinen in Ruhe, soll er ein bißchen mitlaufen und was lernen.

Sam: Das wird dir noch einmal leid tun du Trottel, wollte sagen, eure vertrauensselige Blauäugigkeit.

Jonas: Damit sollte Sam Recht behalten, aber wie gesagt, an diesem Tag war meine Kristallkugel in der Werkstatt. Zoras Büro war halb so groß wie meins und doppelt so aufgeräumt. Wandschrank, Stuhl, Tisch, Sojakaffmaschine, Computer mit Textsystem. Keine Leiche, kein Blut, keine Spur.

Sam: Das gefällt mir nicht, das gefällt mir gar nicht.

Jonas: Was gefällt dir nicht, Sammy.

Sam: Daß alles so klar und sauber und unauffällig ist, o du mein mangelhafter Durchblicker. Unter glatter Oberfläche lauert das Chaos, sagt der weise Bosequo.

Jonas: Wer immer das ist, hör auf zu unken, Sammy, tu was.

Sam: Befehl, Herr Rittmeister. Was tun. Was?

Jonas: Nimm dir den Computer vor, steig ein und sieh nach, woran Zora Zeitgeist in den letzten Tagen gearbeitet hat.

Sam: Befehl, Angriffsziel Computer. Attacke.

Jonas: Ruhe. Na was ist, Sammy.

Sam: Sorry Sir, nothing.

Jonas: Bitte?

Sam: Zero. Nada. Nihil. Null Nichts. Du verstehen, häh?

Jonas: Zora hat sich mit nichts beschäftigt?

Sam: Genau. Mit nichts. Seit 3 Wochen. Und vorher

Jonas: Die BIO-Kiste.

Sam: Und abermals genau. Das Material dazu ist säuberlich sortiert und abgelegt. Ergebnisse der Nachforschungen im BIO Werkskrankenhaus, Befragungen von Justus, Werkschutzmitglied und Zeuge des Störfalls, Daten der Besuche von Handelsdelegationen aus Merdistan in Babypsilon, Korrektur Babylon.

Jonas: Merdistan?

Sam: Jener wenig sympathische Staat im Orient, für welchen laut Zora Zeitgeists Enthüllungen BIO das giftige und daher legal geächtete Herbizid Trichlorphenol herzustellen pflegt. Alles dies wie bereits vermeldet penibel, ja pedantisch geordnet und höchst übersichtlich archiviert.

Jonas: Merkwürdig, Soweit ich Zora kenne, geht sie mit ihren Unterlagen eher schlampig um.

Sam: Jajajajajajaja, außen hui, innen pfui.

Jonas: Sagt der weise Bosequo.

Sam: Mitnichten, ein Bonmot von Sam, dem Computer, geschöpft aus dem reichen Schatz seiner Erfahrung.

Jonas: Ob Zora noch woanders Aufzeichnungen hat. Sie muß sich doch mit irgendwas beschäftigt haben.

Justus: Hat sie auch, Chef, da bin ich wieder.

Jonas: Ich weiß mich vor Freude kaum zu fassen, Kleiner.

Justus: Eine große Sache hat Zora gesagt. Größer als der BIO-Störfall. Es hat mit Ultex zu tun.

Jonas: ULTEX: kurz für Ultimate Experience. Die letzte Erfahrung, der letzte Trend, die letzte craz. Bei ULTEX wurde man umgebracht, das heißt so gut wie. Man ließ sich bis an die Schwelle des klinischen Todes bringen und wieder zurückholen, durch Drogen und für schweres Geld natürlich. ULTEX hatte ein Haus im Südosten von Babylon, eine Monstrosität genannt die Gruft, am Rand der Trümmerwüste, die die Unruhen der 90er Jahre hinterlassen haben. Gleich neben dem Reservat. Vor einem halben Jahr war ich zuletzt hier gewesen, Fall Megastar, keine gute Gegend. Ein Biotop für Psychos und Nachtmenschen, für Straßensamurais und Killerkids. Aber wir waren ja zu dritt, Jonas, Sam und Justus.

Justus: Wie die drei Musketiere, Chef.

Sam: Drei Musketiere, von wegen. Zwei Herren aus Verona und ein unqualifiziertes Anhängsel.

Jonas: Sei still, Sam. Paß auf, Kleiner, ich geh jetzt rein.

Justus: Kann ich nicht mitkommen, Chef.

Jonas: Du bleibst hier, Kleiner, als Reserve und Rückendeckung, behalt das Haus im Auge, wenn ich sagen wir nach einer halben Stunde nicht wieder draußen bin, kommst du nach und stellst fest, was los ist, aber vorsichtig.

Justus: Sie können sich auf mich verlassen, Chef.

Jonas: Ein kadaverdürrer Grufti im kalkweißen Hemd mit Ringen unter den Augen führte mich in einen Warteraum. Schwarze Vorhänge vor Spitzbogenfenstern. An den Wänden Kreuze und Sprüche. Vivala Muerte und Wenn nicht hier, wo sonst. Wenn nicht du, wer sonst. Berechtigte Frage. Die elegante Frau im gotischen Kirchengestühl mustere mich mißtrauisch. Offenbar sah Jonas nicht aus wie jemand, der schnell mal ein bißchen sterben wollte. Aber weil sonst keiner da war, ließ sie sich dann doch herab, ein paar Takte mit mir zu plaudern.

Kundin: Ein irres feeling, sagt Iris, meine Freundin, die ist schon 7mal gestorben, stellen Sie sich das vor.

Jonas: Ungern.

Kundin: Ganz genau wie in den Sachen von Frau Dr. Rübler-Kotz, sagt Iris. Diese Klassiker, wissen Sie, haben Sie sicher im Holo gesehen. Erst ein wahnsinnig helles Licht, und dann zieht das ganze Leben vorbei wie ein Holofilm vor dem inneren Auge irgendwie. Ungeheuer sagt Iris, absolut ultrasuper. Wer nicht wenigstens einmal tot war, kann überhaupt nicht mitreden, sagt Iris.

Mors: Bitte, Herr äh…

Jonas: Jonas, nur Jonas.

Mors. Ganz recht, treten Sie näher.

Kundin: Aber ich war vor dem Herrn hier.

Mors: Ein Sonderfall, gnädige Frau, bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld.

Jonas: Der Typ hatte sich auf Sensenmann gestylt. Aber sein Büro wirkte ganz normal, nichts gruftiges, kein Sarkophag, kein Kruzifix, und der Sessel, den er mir anbot, kam aus Helsinki, nicht aus dem Kölner Dom.

Mors: Wir haben Sie erwartet, Herr Jonas.

Jonas: Das wundert mich. Sie sind der Chef von ULTEX.

Mors: Ja, Herr Jonas. Ich bin der große Tod. Sie können mich schlicht Mors nennen.

Jonas: Sie mich auch.

Mors: Bitte, Herr Jonas. Ein Mann, der kurz vor dem Tode steht, sollte keinen schlechten Witze machen.

Jonas: Moment mal Freund, das ist ein Mißverständnis, ich bin nicht hier um zu sterben.

Mors: Ja, da glaub ich Ihnen, Herr Jonas, aber Sie werden es müssen, und zwar endgültig. Dreh ihm die Luft ab, Siebzig.

Jonas: Plötzlich legten sich die massiven Backen eines Schraubstocks um meinen Hals, von hinten, immer fester, immer enger. Feuerräder drehten sich vor meinen Augen, in meinem Ohren explodierten Raketen, rauschten alle Ozeane aller Welt, dazwischen Stimmen, undeutlich und weit weg, wie im Traum.

Mors: Wehren Sie sich nicht, Herr Jonas, das nützt nichts. Wenn Siebzig mal zupackt, läßt er nicht wieder los. Interessanter Name, Siebzig. Wollen Sie wissen, warum er so heißt, Herr Jonas. Sag’s ihm, Siebzig.

Siebzig: Wegen mein Intellgenzquotient, Boss.

Mors: Sie werden nicht hier sterben, Herr Jonas. Eine echte Leiche bei ULTEX wäre schlechte Publicity. Wir reichen Sie weiter, an unsere Mitarbeiter im Außendienst sozusagen.

Jonas: Meine Bronchien kreischten, als ob sie tagelang nur Schwefeldampf und Höllenfeuer eingeatmet hätten. Mein Kopf war zersprungen und falsch zusammengeleimt worden. Irgendwas hartes drückte Serpentinen in mein Kreuzbein, meine Hände, ich lag auf meinen gefesselten Händen, auch die Füße waren gefesselt, ich versuchte die Augenlieder aufzuwuchten. Hundert Jahre später hätte ich es geschafft. Jonas konnte sehen, und was sah Jonas, ein Stück grauen Himmel durch ein Loch im Dach, Trümmerwände, ein historisches Sprechfunk anno Vietnam, und Kinder, Kinder zwischen 6 und 14 in altmodischen Kampfanzügen, braun und olivgrün. Buschmesser im Gürtel, antike M16-Sturmgewehre unter dem Arm. Ein Junge mit einer goldenen Kokarde am grünen Barett stand neben mir und trat mich mit seinen Parastiefeln, immer wieder immer an die selbe Stelle.

Jonas: Hör auf. Das tut weh.

Dakota: Solls auch, Alter. Weißt du, wo du bist?

Jonas: Reservat.

Dakota: Kennst dich aus, Alter, wenn du’s genau wissen willst, du bist im Kommandobunker der Rambos, der einmaligen unbesiegbaren Rambos. Rararambo.

Rararambo Rararambo!

Jonas: Killerkids. Ihr habt mir gerade noch gefehlt.

Dakota: Dir wird gleich gar nichts mehr fehlen, Alter. Weißt du wer ich bin?

Jonas: Was spielen wir hier, Quiz für die Hausfrau?

Dakota: Werd nicht frech Alter. Ich bin der einmalige unbesiegbare Dakota, der Chief der einmaligen unbesiegbaren Rambos. Ra-Ra-Rambo.

Rararambo Rararambo!

Dakota: Weißt du was wir mit dir machen, Alter?

Jonas: Wie oft darf ich raten, dreimal?

Dakota: Easy Alter, wir löten dich auf ein Eisengitter und machen dir Feuer unter dem Hintern, und dann grillen wir dich, Alter, ganz langsam und ganz cool. Und wenn du zu laut quakst, gießen wir dir Benzin ins Maul, und halten ein Streichholz dran.

Jonas: Der dritte Weltkrieg, dachte Jonas, machte sich flach und robbte in eine Ecke, aber es waren bloß wieder Killerkids: eine neue Gang. Bunte Flickenkostüme und knallrote Hennahaare, und weil die Angreifer keine alten Sturmgewehre hatten, sondern moderne Laserstrahler, schafften sie die Rambos, sie brachten sie um, alle, bis auf den unbesiegbaren Dakota, den verschnürten sie zu einem Paket und legten ihn ab, zwecks späterer Freizeitgestaltung vermutlich, und dann entdeckten sie Jonas und holten ihre Chefin: ein etwa 12-jähriges Mädchen mit einem spitzen schwarzen Hut auf den roten Locken.

Anna Conda: Hey, du bist doch kein Rambo.

Jonas: Seh ich so aus, Schwester.

Anna: Weißt du, was du bist?

Jonas: Jetzt geht das Quiz wieder los.

Anna: Du bist Kriegsbeute. Kannst du Lösegeld zahlen?

Jonas: Wenn’s sein muß, 50 Euros könnte ich vielleicht.

Anna: 50 Euros, du tickst wohl nicht richtig. Schafft den Kerl raus und lasert ihn ab.

Jonas: Augenblick Schwester, wollen wir nicht noch mal in Ruhe darüber reden.

Anna: Zwecklos.

Jonas: Aber Schwester.

Anna: Ich bin keine Schwester, ich bin Anna Conda.

Jonas: Einmalig und unbesiegbar, angenehm, mehr oder weniger, ich bin Jonas.

Anna: Anna Conda die Matriarchin der ewig siegreichen Witches, we are the witches.

We are the Witches!

Anna: Wir haben alle geschlagen, die Paras, die Heavy Metals, die Juppies, die Contras, die Horrors, die Sadomasos und jetzt auch die Rambos. Wir sind die größten, uns gehört das Reservat.

Jonas: Und morgen die ganze Welt, gratuliere.

Anna: Jonas? Hast du gesagt, du heißt Jonas?

Jonas: Stimmt.

Anna: Nur Jonas?

Jonas: Stimmt auch.

Anna: Der letzte Detektiv?

Jonas: Und wieder genau ins Schwarze, Damen und Herren, wieder ein Volltreffer.

Anna: Red nicht so viel. Du hast also Zombie und seinen Laden hochgehen lassen vor zwei, drei Jahren. Dann bin ich dir was schuldig. Macht ihn los.

Jonas: Danke Anna. Würdest du mir einen Gefallen tun.

Anna: Vielleicht.

Jonas: Frag Dakota, wie er an Jonas gekommen ist.

Anna: OK, Jonas, kleine Fische.

Jonas: Dakota wollte nichts sagen, aber Anna Conda hatte ein paar gute Mittel gegen verbale Verstopfung. Ein bißchen laut, ein bißchen unsauber, aber sehr wirkungsvoll. Dakota packte aus: Jonas war ihm geliefert worden. Von ULTEX-Mitarbeitern in einem E-Laster nach Voranmeldung über das Funkgerät.

Dakota: Frankenstein, Frankenstein hat gefunkt, daß wir wieder einen kriegen, von ULTEX, und wir sollen ihn alle machen.

Jonas: Frankenstein, du meinst Mors von ULTEX.

Anna: Meint er nicht, Frankenstein war früher Chief der Rambos, vor Dakota, dann ist er weg, weil er zu alt war für ein Killerkid. Er ist raus aus dem Reservat, rüber zu euch. Und da ist er was geworden.

Jonas: Was?

Anna: Was wichtiges. Genauer weiß ich’s nicht.

Jonas: Vielleicht Dakota.

Dakota: Nein, nein, keine Ahnung, wirklich nicht, echt.

Anna: Frankenstein ist so eine Art Ehrenchief der Rambos. Deshalb arbeiten sie für ihn. Und weil er sie bezahlt.

Dakota: 1000 Euros jeden Monat.

Jonas: O nicht schlecht, und was mußt ihr dafür tun.

Dakota: Frankenstein sagt uns bescheid, über funk, und dann schickt er uns Typen zum killen.

Jonas: Zum Beispiel Jonas.

Dakota: Ja, oder die Tussi vor 4 Tagen, diese Reporterin.

Jonas: Zora Zeitgeist.

Dakota: Ja, Zeitgeist. Komischer Name.

Jonas: Was habt ihr mit ihr gemacht.

Dakota: Na was.

Jonas: Sie ist tot.

Dakota: Ja. Manchmal kommen auch bloß Leichen zum Wegschaffen, eine oder zwei, aber neulich war’s ein Riesenhaufen, ganzer Container voll, mehr als 20, und alle tierisch zerfleddert, total kaputt.

Jonas: Neulich. Wann?

Dakota: Weiß nicht.

Anna: Denk nach, Dakota, oder…

Dakota: Nein, nein, bitte nicht. Dezember, 1. Dezember 2011.

Jonas: Da war doch was. 1. Dezember 2011, Störfall bei BIO, den, den Zora Zeitgeist aufgedeckt hat. Seltsam. Was hast du mit Dakota vor, Anna?

Anna: Muß mir noch was einfallen lassen. Was ganz besonders.

Jonas: Heb ihn erst mal auf und das Funkgerät auch, ich hab eine Idee, wenn die Sache klappt und wenn du mir hilfst, dann verspreche ich dir ein gewaltiges Lösegeld, mehr als du dir vorstellen kannst.

Anna: Ich kann mir eine Menge vorstellen, Jonas. See you.

Jonas: Als ich die Bürotür aufmachte, fiel Volontär Justus vor Schreck fast vom Stuhl, von meinem Stuhl, anscheinend wollte er mal üben, wie ein richtiger Detektiv sitzt.

Justus: Chef, da sind Sie ja endlich, ich hab mir schon Sorgen gemacht.

Jonas: Nett von dir, Kleiner, warum bist du nicht nachgekommen, wie wir vereinbart hatten.

Justus: Bin ich doch, Chef, nach einer halben Stunde, ganz pünktlich, und da haben die mir gesagt, sie sind schon weg. Durch den Hinterausgang.

Jonas: So. Und das hast du geglaubt.

Justus: Was ist denn passiert, Chef.

Jonas: Och, nichts besonders, man hat nur versucht mich umzubringen.

Justus: Wirklich, Chef? Wer denn?

Jonas: Herr Mors von ULTEX und eine Horde rabiater Killerkids.

Justus: Um Gotteswillen, wie sind Sie denn da rausgekommen, Chef.

Jonas: Och, das erzähl ich dir mal später, Kleiner, zu deiner Belehrung und Auferbauung, jetzt hab ich keine Zeit. Ich bin nur gekommen um meinen Laser zu holen und Sam. Hast du ihn irgendwo gesehen, Kleiner, die drahtlose Taschenausgabe mein ich.

Sam: Hallo, hier bin, o Leuchte meines Daseins, im Schreibtisch rechts, o Trost meiner schlaflosen Nächte. Ach, neben der Whiskyflasche du Döskopp. Grüß Gott.

Jonas: Zwei Dinge braucht der Detektiv, Whisky und Sam. So, mach’s gut, Kleiner.

Justus: Wo gehen Sie hin, Chef.

Jonas: Zu ULTEX. Ich werde mir diesen Mors mal vorknöpfen.

Justus: Nehmen Sie mich nicht mit, Chef?

Jonas: Besser nicht, Kleiner, wenn du mir den Rücken deckst, muß ich gleichzeitig nach vorn und hinten kucken. Bleib schön zu Hause und halt die Stellung.

Sam: Ja, halt die Stellung.

Jonas: Diesmal war die ULTEX-Gruft so tot wie ihr Name. Gruftis und sterbegeile Damen waren ausgeflogen. Mors war noch da. Er lag in seinem Büro und sah nicht gut aus. Jemand hatte ein Teesieb aus ihm gemacht. Mit einem Laserstrahler. Sein Gesicht war verzerrt. Offenbar war er nicht leicht gestorben.

Sam: Erstaunlich, Herr Konsul, wo er doch so viel Übung im Sterben hatte. Hier liegt übrigens noch einer.

Jonas: Ein stark behaarter Gentleman mit riesigen Pranken. Das dürfte Siebzig sein. Siebzig, der wilde Würger.

Sam: Auch tot.

Jonas: Noch ganz warm, sein Boss auch. Das heißt

Sam: Die Herrschaften sind erst vor sehr kurzer Zeit ins Jenseits befördert worden. Das gibt einem Computer zu denken.

Jonas: Einem Detektiv auch. Wem gehört ULTEX, kannst du das feststellen.

Sam: Nichts leichter als diese euer Fragwürden. Firma ULTEX gehört der Freund Hein AG Babylon.

Jonas: Sagt mir nichts.

Sam: Nun warts doch ab du Hektiker. Freund Hein AG Babylon gehört der Thanatos Corp. New York, die Thanatos Corp. New York gehört der Thanatos Holding auf den Bahamas, eine sogenannte Briefkastenfirma, die Thanatos…

Jonas: Stop stop stop, das dauert mir zu lange, überspring die nächsten Stationen und sag mir gleich die letzte, den wirklichen Besitzer.

Sam: BIO.

Jonas: Was?

Sam: BIO Babylon. Surprise. Surprise.

Jonas: Ja und Nein, irgendwie hatte BIO die Neigung, ständig in meinem Fall aufzutauchen, unerwartet und überraschend, so überraschend wie die Nachricht von Zoras Ermordung. Wer immer dahinter steckte. Möglicherweise war an dem Störfall von damals mehr dran als Zora rausgekriegt hatte. Aber dazu konnte ich ja jemand ausfragen, einen Ex-Werkschützer und Augenzeugen.

Justus: Am 1. Dezember hatte ich Dienst, Chef. In der geheimen Produktionseinheit, wo BIO dieses Trichlorphenol für Merdistan macht. Ich war in der Steuerzentrale. Und plötzlich merke ich, wie der Aufseher am Pult nervös wird. Er kuckt immer wieder auf seine Monitore und Meßgeräte, dann springt er auf. Was ist los, sage ich, und er sagt: Der Autoklav spielt verrückt.

Jonas: Autoklav?

Sam: Ein in der chemischen Produktion verwendetes Großgefäß zum Erhitzen unter Druck, euer Unbeschlagenheit, eine Art Dampfkochtopf.

Jonas: Aha, mach weiter, Kleiner.

Justus: Der Druck ist viel zu hoch, sagt Samsa.

Jonas: Samsa?

Justus: Der Aufseher. Gregor Samsa heißt er. Die Temperatur ist auch zu hoch, sagt er. Und was das schlimmste ist: wir haben Austritt von TCDD.

Sam: Blutigen chemischen Laien bekannter als Sevesodioxin.

Justus: Ich muß abstellen, sagt Samsa, sonst wird ganz Bioland verseucht, und er rennt zum Schott, fünf Minuten später ist er wieder da, er kann gerade noch das Schott hinter sich verriegeln, dann bricht er zusammen. Ich hab inzwischen internen Alarm gegeben, die Sanitäter kommen und bringen Samsa ins Werkskrankenhaus, und soviel ich weiß, liegt er da heute noch. Mit Dioxinvergiftung und einer schweren Chlorakne.

Sam: Es lebe Herr Samsa, in Qualm und Brand hielt er das Steuer fest in der Hand, er hat uns gerettet, er trägt die Fahne, gedichtet von Sam frei nach Fontane.

Justus: Ein Held, das hat auch Frau Zeitgeist über Samsa geschrieben.

Jonas: Richtig, Zora. Wann war sie bei BIO?

Justus: Zwei Wochen später, Chef, um den 15. herum.

Jonas: Hmh, vor 4 Wochen. Hoffentlich ist die Spur noch nicht kalt, na das wird sich zeigen.

Justus: Sie wollen zu BIO, Chef.

Jonas: Du hast es erfaßt Kleiner.

Justus: Und wie wollen Sie reinkommen, heimlich in Verkleidung.

Jonas: Aber sicher Kleiner, als Supermann in Faschingsmaske und langen Unterhosen, du hast zuviel Fantasie, jeder kann sich in Bioland umkucken ganz offen für 10 Euros. Jonas wird Tourist, falls heute noch ein Sightseeing Bus fährt. Sam?

Sam: In genau 44 Minuten vom zentralen Busbahnhof.

Jonas: Dann müssen wir uns beeilen.

Justus: Und ich, Chef?

Jonas: Du kannst dich bei Bio nicht sehen lassen, Kleiner, dich haben sie gefeuert, dich kennen sie, du übst weiter Stellung halten.

Sam: Geduld, mein junger Freund, ist die wichtigste Eigenschaft des Detektivs, vermerke dir dies in deinem Poesiealbum zur dauernden Beherzigung.

Jonas: BIO hieß früher Chemoplast, aber vor etwa 20 Jahren hatte der Vorstand die Zeichen der Zeit erkannt, und den Konzern umbenannt. In BIO. Und nicht nur der Name wurde geändert, auch das Erscheinungsbild kriegte eine kosmetische Operation verpaßt: BIO wollte nichts zu tun haben mit lauten Fabrikhallen, stinkenden Schornsteinen, häßlichen Rohrleitungen. BIO stellte Bioland in die Gegend, auf einem Gelände im Südosten von Babylon, nicht weit von ULTEX und vom Reservat. Aber ganz ganz anders. Bioland ist eine Art Supergewächshaus. Ein künstliches Ökosystem elektronisch gesteuert, obendrüber eine gigantische Plexiglaskuppel mit Klimakonvertern und Deflektoren, darunter eine wunderschöne mitteleuropäische Landschaft, wie vor 100 Jahren, mit allem was dazu gehört, Wald und Feld, Wiesen und Gärten, ein Teich, ein Bauernhof, für die Verwaltung von BIO, ein Heuschober usw. Einen Teil der Produktion hat BIO ausgelagert, in die Dritte Welt. Was noch da ist, liegt unter Bioland, wo man es nicht sieht, nicht hört, nicht riecht, wo es nicht stört. BIOland ist berühmt, wer nach Babylon kommt, muß Bioland gesehen haben, BIO hat einen Sightseeing-Service aufgezogen, mit E-Bussen, die mehrmals am Tag fahren, unter sachkundiger Führung, so stand’s im Prospekt, den Jonas mit dem Ticket in die Hand gedrückt kriegte.

Führerin: Beachten Sie neben den landschaftlichen Schönheiten bitte auch die zahlreichen Vertreter einer mannigfaltigen Tierwelt in Wald und Flur, meine Herrschaften, das grasende Rind, das scheue Reh, die bunte Schar sangesfreudiger Vöglein. Simulationen, meine Herrschaften, das versteht sich, Holoprojektionen sowie geschickt verborgene Tonbänder, das gleiche Illusionssystem, wie im Ihnen zweifellos bekannten Romanticpark zu Babylon. Wir haben nunmehr die Waldlichtung erreicht, meine Herrschaften. Sehen Sie links zwischen den Bäumen den spitzzulaufenden Giebel mit dem Hirschgeweih, das ist das Forsthaus: der Sitz des Vorstandes von BIO, und rechts hinter der Taxushecke haben wir die Tannenklinik, das BIO-Werkskrankenhaus. An dieser Stelle legen wir einen kurzen Aufenthalt ein, meine Herrschaften, Sie können aussteigen und holographieren, wenn Sie wollen, aber bleiben Sie bitte zusammen und entfernen Sie sich nicht allzuweit von Ihrem Bus.

Jonas: Kann man sich die Häuser auch von innen ansehen?

Führerin: Bedauere mein Herr, das ist leider nicht möglich, haben Sie bitte Verständnis für diese kleine Einschränkung, die Insassen der Klinik sollen in Ruhe und Frieden Genesung finden, und auch der Vorstand, auf dessen Schultern die gewaltige Verantwortung für den gesamten Konzern ruht, hat ein Recht auf ungestörte Arbeit. In 5 Minuten geht es weiter, meine Herrschaften.

Jonas: Ohne mich, dachte Jonas, ganz zufällig und beiläufig wanderte ich immer tiefer in den Wald, Richtung Krankenhaus, nach 100 Metern stellte ich mich hinter einen dicken Baum und versuchte wie die naturgetreue Holoprojektion eines scheuen Rehs auszusehen. Offenbar war ich nicht überzeugend, plötzlich stand ein Typ in himmelblauer Uniform vor mir, unter seiner Jacke eine diskrete Beule, die verdächtig an einen Knockouter erinnerte.

Wachmann: BIO Werkschutz, mein Herr, Sie haben sich verlaufen.

Jonas: Iwo, Herr Wachtmeister, ich wollte mir nur ein bißchen die Beine vertreten.

Wachmann: Sie haben sich verlaufen, mein Herr. Ich bringe Sie zu ihrem Bus.

Jonas: Brauchen Sie nicht. Ich find schon allein zurecht.

Wachmann: Ich bringe Sie zu ihrem Bus, mein Herr. Folgen Sie mir.

Jonas: Der Ausflug nach Bioland war also eine Pleite gewesen, einerseits. Andererseits hatte ich viel gelernt, über Felder und Wälder, über Vögel und Viehzeug. Und ich wußte jetzt, wo das Biowerkskrankenhaus lag und wo der Vorstand unter der Last der Verantwortung fast zusammenbrach.

Justus: Was wollen Sie jetzt machen, Chef.

Jonas: Jetzt, Kleiner, gar nichts, es ist spät, Jonas geht schlafen und du gehst nach Hause.

Justus: Aber Chef, Sie wollen doch nicht aufgeben. Sie doch nicht. Jonas hakt nach, Jonas ist hartnäckig, Jonas ist stur.

Sam: Ja, da hat er recht, Meister, und wo er recht hat, hat er recht. Auch wenn er bloß ein Lehrling ist.

Justus: Volontär.

Sam: Naja, auch gut.

Jonas: Im Moment ist Jonas müde und sonst gar nichts, aber morgen Kleiner, morgen früh bist du wieder hier und dann machen wir ein Brainstorming, zu dritt wird uns schon was einfallen.

Sam: Hähä, Brainstorming zu dritt, lächerlich, der eine hat keins, beim zweiten ist nicht viel los damit und nur der dritte hat ein vollwertiges erstklassiges solches.

Jonas: Was meinst du Sammy.

Sam: Brain. Bregen. Hirn. Denkapparat.

Jonas: Jonas ging schlafen, aber nicht für lange, um 12 heulte der Wecker, Mitternacht Dr. Schweitzer, Jonas stand auf und packte zusammen, was er so brauchte: Guerillaanzug aus dem antarktischen Krieg, Sauerstofftank, Laser, Knockouter und Sam natürlich. Anna Conda wartete schon. Ich wußte, daß BIO Abfallstoffe ins benachbarte Reservat leitete, illegal, aber ich wußte nicht wie und wo. Das wußte Anna.

Anna: Am besten du nimmst das Rohr unter dem alten Funkturm gleich beim Kommandobunker der Rambos, bloß daß der jetzt den Witches gehört, weil’s die Rambos nicht mehr gibt.

Jonas: Aber das weiß draußen noch keiner. Wie geht’s meinem Freund Dakota?

Anna: Schlecht, ganz schlecht, ich hab ihm erzählt, was wir mit ihm machen.

Jonas: Aber erst später, Anna. Du weißt, was Dakota sagen soll, wenn er von Frankenstein angefunkt wird.

Anna: Logo Jonas, hör auf mich zu nerven, zieh deine Killerklamotten an und tauch ab.

Jonas: Was ist in dem Rohr?

Anna: Bißchen Wasser und irgendwelches Gift natürlich, aber nichts schlimmes.

Jonas: Der Anzug ist säurefest und chemiestabil, steht in der Gebrauchsanweisung, unterschreiben vom Kriegsminister, und ein Minister lügt nicht, oder?

Anna: Komm wieder, Jonas, du schuldest mir ein Lösegeld.

Jonas: Im schwachen Licht aus Bioland ragte die schiefe Spirale des Funkturms in den Nachthimmel wie das Skelett eines Krüppels in der Anatomie. Jonas warf einen Blick zurück, dann verschwand er in der Unterwelt, nicht zum ersten Mal, siehe Schmiergeld oder Spielwiese. Da mußte ich durch ganz andere Sachen kriechen. Trotzdem schaltete ich auch diesmal auf Eigenluft. Sicher war sicher. Was da, wo ich auftauchte produziert wurde, weiß ich nicht, ich blieb erst mal auf Sauerstoff und in Deckung, zwischen mir und der Oberwelt standen ein Aufseher und ein Werkschützer. Kein Problem. Wozu hatte ich den Knockouter. Draußen fühlte ich mich sicher im großen und ganzen. Der Anzug machte mich praktisch unsichtbar, außerdem wurde Jonas nicht erwartet. Nicht jetzt, erst morgen. Eine halbe Stunde und zwei zur Ruhe gelegte Werkschützer später war ich im Keller der Klinik. Wo der Datenspeicher stand, kein ganz taufrisches Modell.

Sam: Ein altes Hündchen ist das, euer Untertreibung, überholt und abgeschrieben.

Jonas: Typisch, beim Krankenhaus wird gespart. Ist das Ding gesichert?

Sam: Was soll schon heißen gesichert, klar da ist was, eine alte rostige Kette, bildlich gesprochen, die knackt Sammy mit links.

Jonas: OK Sammy, dann knack mal, und wenn du fertig bist, fragst du den Kollegen

Sam: Kollege? Ich bitt euch Herr, der Scherz ist gar zu grausam. Shakespeare.

Jonas: Halt uns nicht auf, Sam, frag ihn nach Samsa, Gregor Samsa.

Sam: Negativ. Kein Gregor Samsa. Kein Gregor, kein Samsa, oder auch weder Gregor noch Samsa.

Jonas: Kein Gregor Samsa am 1. Dezember 2011 eingeliefert?

Sam: Ganz und gar kein Gregor Samsa überhaupt jemals eingeliefert, du Weichei.

Jonas: Das gibt’s doch nicht, Sammy.

Sam: Gestatten euer Libden eine klitzekleine Korrektur: Den gibt es nicht, den Gregor Samsa, denn siehe und staune, auch im Biopersonalsystem ist eine Person diesen Namens nicht verzeichnet.

Jonas: Eine Unperson. Die Heldenlegende, die Zora Zeitgeist berichtet hat, stimmt also nicht, wahrscheinlich ist der ganze Störfall Schwindel. Aber warum hat Bio dann nicht dementiert. Was ist hier am 1. Dezember passiert, Sammy?

Sam: Zweierlei euer gestrengen: 1. Besuch einer Handelsdelegation aus Merdistan, welche sich, wie die in dieser Datei gespeicherten Verpflegungsliste ausweisen, vorzugsweise im Werkskrankenhaus aufgehalten hat. 2. an besagtem Tage verzeichnete besagtes Werkskrankenhaus einen unheimlich starken Abgang.

Jonas: Was soll denn das nun heißen?

Sam: Abgang du Birnekompott? Exitus, Tot, am 1.Dezember 2011 sind in dieser Klinik ungewöhnlich viele Menschen gestorben, präzise 22.

Jonas: Todesursache?

Sam: Nicht vermerkt. Übrigens sind die Betroffenen nicht wie sonst üblich einem Bestattungsinstitut überstellt, vielmehr so steht es geschrieben, zur endgültigen Beseitigung weitergereicht worden.

Jonas: Wohin?

Sam: Nicht vermerkt.

Jonas: Ins Reservat, zu Dakota und den Rambos, am 1. Dezember haben sie ein ganzen Container voller Leichen gekriegt, mehr als 20 hat Dakota gesagt, kaputt und tierisch zerfledert, von Frankenstein ihrem Ex und Ehrenchief der arbeitet als für BIO.

Sam: Hatten wir uns das nicht gleich gedacht, Kumpel.

Jonas: Aber jetzt wissen wir, Sammy. Und hinter der Sache steckt tatsächlich ein Störfall, ein Superstörfall mit 22 Toten. Da muß mehr in die Luft gegangen sein als ein ein wie heißt das Ding? Autoklav.

Sam: Bedaure zutiefst widersprechen zu müssen, eure Vorschnelligkeit. Alle 22 waren bereits längere Zeit vor dem 1. Dezember Insassen dieses Krankenhauses.

Jonas: Das heißt ein Unglück hier im Krankenhaus. Eine Katastrophe.

Sam: Mehr als nur dies, Brüder und Schwerstern, lasset uns noch einmal zurückkommen auf den bereits kurz angesprochenen Besuch der merdistanischen Delegation. Merdistan ist ein Staat, welcher wie wir wohl wissen, seit Jahrzehnten im Kriege liegt mit dem Nachbarland Marik, und wie wir ebenfalls wissen, setzt Merdistan in diesem Krieg massiv chemische Kampfstoffe ein. Nervengifte wie Taput und Soman, sogenannte V-Stoffe und Flurazetate, aber auch Psychogifte, etwa Lüsert und Benzülsäurederivate. Merdistan selbst ist nicht in der Lage, diese Stoffe zu produzieren. Woher es sie bezieht, ist nicht bekannt.

Jonas: Bis jetzt. Kein Störfall. Kein Unglück. Ein Test.

Sam: Hat man das unmöglich eliminiert, mein lieber Watson, so muß das, was übrig bleibt, und sei es auch noch so unwahrscheinlich, die Wahrheit sein.

Jonas: Wie komm ich in den Speicher, Sam, wir brauchen die Platten mit den relevanten Informationen. Wir holen sie raus, nehmen sie mit.

Sam: Und deponieren sie an geeigneter Stelle.

Jonas: Das hieß bei Anna Conda im Reservat, und als das erledigt war, legte sich Jonas für ein paar Stunden hin, bis es hell wurde, dann ging ich auf die Suche nach einem funktionierenden Fon. Das dauerte seine Zeit. Ich rief den Vorstand von Bio an, und wartete auf die große schwarze E-Limousine, die mich einsammelte und nach Bioland brachte, ins Forsthaus, in ein gemütliches Zimmer, mit Gehörn an den Wänden und Bildern von röhrenden Hirschen, mit einem Kamin und 3 Sesseln, 2 waren besetzt.

Roth: Frau Prof. Grin.

Grin: Herr Prof. Roth.

Jonas: Jonas, nur Jonas. Sie sind der Vorstand.

Grin: Wir beide. Sie haben die Platten bei sich?

Jonas: Sehe ich aus wie ein Hirnamputierter? Die Platten sind in Sicherheit und damit wir das gleich abklären, wenn ich mich nach einer Stunde nicht melde, werden die Daten vervielfältigt und an die Medien geschickt, an die Ökopolizei sowieso.

Roth: Sie blöffen, Herr Jonas.

Jonas: Wollen Sie’s riskieren?

Grin: Sie haben uns überrascht, Herr Jonas.

Roth: Auf Ihren nächtlichen Besuch waren wir nicht vorbereitet.

Grin: Die Dateien sollten erst heute umgestellt werden.

Jonas: Das können Sie sich jetzt sparen. Was schlagen Sie vor?

Roth: Das hat uns Frau Zeitgeist auch gefragt.

Grin: Vor gut 3 Wochen in diesem Raum.

Roth: Sie hatte ebenso gut recherchiert wie Sie, Herr Jonas.

Grin: Und Daten eruiert, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren.

Jonas: Daß Sie ein Giftgas getestet haben für ihre Kunden in Merdistan, und daß Ihnen der Test aus dem Ruder gelaufen ist.

Roth: Sie irren, Herr Jonas.

Grin: Der Test ist durchaus nicht wie Sie sich ausdrücken aus dem Ruder gelaufen.

Roth: Er ist planmäßig durchgeführt worden, sein Ergebnis war erwartet und für alle Seiten höchst zufriedenstellend.

Grin: BIO hat nämlich ein neues Psychogift entwickelt auf der Basis von Benzülsäure oder BZ. Wie wir kurz sagen.

Roth: Sollten wir wirklich in die Details gehen, Frau Kollegin.

Grin: Warum denn nicht, Herr Kollege. Es handelt sich um eine Variation jene Ihnen bekannten Selbstmorddroge, die von der verstorbenen Professor Caligari vor etwa 3 Jahren durchgetestet wurde.

Jonas: Der Testmarktfall, ich weiß.

Roth: Unser Produkt, wir haben es intern Beserkerdroge getauft, führt bei den Betroffenen zu schrankenlosem Aggression- und Autoaggressionsverhalten.

Grin: Das heißt zu Mord und Selbstmord.

Jonas: 22 tierisch zerflederte Leichen.

Grin: Ein schlagender Beweis. Unsere Geschäftsfreunde aus Merdistan waren sehr beeindruckt.

Roth: Was übrigens Frau Zeitgeist betrifft, so zeigte sie sich vernünftigen Argumenten durchaus aufgeschlossen.

Grin: Wir konnten sie nicht aus dem Wege räumen, ihre Auftraggeber wären mißtrauisch geworden und hätten andere Investigatoren geschickt.

Roth: Also haben wir ihr die Informationen abgekauft.

Grin: Und weil sie ja irgendein plausibles Resultat vorweisen mußte, haben wir uns den falschen Störfall ausgedacht.

Roth: Glaubhaft und in Maßen schwerwiegend.

Grin: Insofern eine ideale Legende. Leider wurde Frau Zeitgeist zu gierig.

Roth: Sie konfrontierte uns mit neuen, sehr hohen Forderungen. Unklugerweise nach der Publikation ihrer angeblichen Untersuchungsergebnisse.

Grin: Wir hatten also freie Hand und konnten dafür sorgen, daß sie uns nicht mehr zur Last fiel.

Roth: Damit war die Angelegenheit ausgestanden.

Grin: Dachten wir, aber dann traten Sie in Erscheinung, Herr Jonas.

Roth: Wir könnten uns vorstellen, daß auch Sie ein offenes Ohr für vernünftige Argumente haben.

Jonas: Vielleicht. Wieviel.

Grin: In Anbetracht der Tatsache, daß es sich bei denen von Ihnen entwendeten Daten lediglich um Hinweise, nicht aber um Beweise handelt. 100.000 Euros.

Jonas: Sehe ich aus wie ein Kleinviehhalter.

Roth: 200.000.

Jonas: Wir einigten uns auf 1 Million. Eine schöne runde Summe, leicht zu merken, aber nicht so leicht zu übernehmen. Wir mußten einen Austausch arrangieren, nicht bei Jonas, nicht in Bioland.

Jonas: Auf neutralem Boden. An der Grenze zum Reservat. Sie kennen den alten Funkturm.

Roth: Selbstverständlich.

Jonas: Da treffen wir uns, in drei Stunden. Wäre Ihnen das recht.

Grin: Einverstanden.

Jonas: Sie kommen allein, das heißt zu zweit, ohne Werkschutz.

Roth: Und Sie, Herr Jonas.

Jonas: Ich bringe jemand mit, einen Detektiv in Spe, zwei gegen zwei, das ist nur fair.

Grin: Wir haben nichts dagegen, seien Sie pünktlich.

Jonas: Fünf Minuten vor der Zeit waren wir da. Der Funkturm sah immer noch aus wie ein verbogenes Gerippe. Wir warteten direkt neben dem Kommandobunker. Justus wirkte nervös, vielleicht der Lerneifer, und dann kam er auch schon über die Steine gestolpert, der doppelte Biovorstand, ohne Begleitung, Professor Roth trug einen Aktenkoffer.

Roth: Ihr Geld, Herr Jonas.

Jonas: Die Platten sind hier in der Tasche. Geben Sie den Koffer rüber.

Grin: Einen Augenblick, Herr Jonas, spielen Sie Bridge?

Jonas: Poker und auch das nur manchmal. Warum?

Roth: Weil die Zeit gekommen ist, die Karten auf den Tisch zu legen, alle Karten, auch den Trumpf, den wir bisher im Ärmel versteckt hielten.

Grin: Der junge Mann an Ihrer Seite, den sie als Justus kennen, gehört zu uns, zu Bio. Er ist unser Experte für Sonderaufgaben.

Roth: Nachdem er das Problem Zora Zeitgeist gelöst hat, blieb er noch für gewisse Zeit bei ihrem Partner Elmer, um jede nur mögliche unerfreuliche Erweiterung der Affäre im Keim zu ersticken.

Jonas: Und dann hat er sich an Jonas gehängt.

Justus: Jawohl Chef, ich bewundere Sie ja so Chef, ich will von Ihnen lernen, Chef, jetzt siehst du ganz schön alt aus, was Alter.

Jonas: Blas dich nicht auf, Kleiner, Jonas weiß längst Bescheid, daß du in Wirklichkeit Frankenstein heißt, daß du für Bio die Drecksarbeit machst, du warst nicht gut, Kleiner, du hast die naive Masche schwer übertrieben. Du hast mich zu ULTEX geschickt, du hast Mors umbringen lassen, damit ich ihn mir nicht vornehmen konnte. Und jetzt hast du deine Rambos herbestellt per Sprechfunk.

Grin: Sie sitzen in der Falle, Herr Jonas, in der Störfalle, wenn Sie uns das Wortspiel gestatten.

Justus: Rararambo Rararambo!

Jonas: Gut gebrüllt kleiner, hat nur leider kein Zweck, weil nämlich gar keine Rambos da sind. Alle in die Ewigen Jagdgründe eingegangen. Deine Funkkommandos sind an der falschen Adresse gelandet. Und jetzt ist Jonas dran mit ausspielen. Jonas hat auch einen Trumpf im Ärmel, aber ein höheren als Bio. Anna! Anna Conda!

Anna: Hände hoch. Du doch nicht, Jonas.

Jonas: Anna Conda war selig. Der Aktenkoffer war zwar leer, aber sie hatte Frankenstein, und die Aussicht auf ein gigantisches Lösegeld für Grin und Roth. Außerdem hatten beide etwas Bargeld in den Taschen.

Anna: 11000 12000 und ein bißchen Kleingeld willst du nicht auch was Jonas.

Jonas: OK, 2 Tage Arbeit, Spesen, sagen wir 300 Euros.

Sam: Oh, Sankt Jonas, der korrekte Schutzpatron aller Korinthenkacker.

Jonas: Noch ein Wort Sammy, und ich laß dich hier.

Anna: Bleib doch noch ein bißchen, Jonas, wir machen ein Fest, einen großen Hexensabbat mit Dakota und Frankenstein. Soll ich dir sagen, was wir mit ihnen machen.

Jonas: Besser nicht, Anna, ich möchte heut Nacht ruhig schlafen.

Anna: Eigentlich bist du ein ganz brauchbarer Typ, Jonas, aber weich, viel zu weich.

Jonas: Da mochte sie recht haben. Zuhause wartete Elmer, unten in der Eingangshalle. Ich sagte ihm, Zora sei tot. Ermordet von Bio.

Elmer: Ich hab’s ja gewußt, meine Zora. Anders konnten sie sie gar nicht zum schweigen bringen, weil sie so geradlinig war und so unbestechlich.

Jonas: Gradlinig wie ein Korkenzieher. Unbestechlich wie ein Baustadtrat. Aber das sagte ich nicht. Ich drehte mich um und stieg die Treppe hoch. In den 16. Stock. Der Lift war kaputt, wie meistens.

Sam: Ach ja, der Mensch vom Weibe geboren muß sich abfinden mit den Unzulänglichkeiten seines Dasein, er muß sich wie man so sagt, nach der Strecke decken, nein in die Ecke drecken, eine Zecke hecken.

Jonas: Nach der Decke strecken, Sammy.

Sam: Sag ich doch, du Kekskopf.

Das war Störfalle. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas spielte Bodo Primus, sein Supercomputer Sam war Peer Augustinski. Frau Prof. Grin: Ilse Zielstorff, Herr Prof. Roth: Helmut Stange, Justus, ein Detektivlehrling: Rene Heinersdorff, Anna Conda: Julia Fischer, Dakota: Ronnie Jarnoth. Außerdem wirkten mit: Ingeborg Schöner, Michael Lenz, Otto Stern und Jürgen Rehmann (Ursula van der Wielen, Reiner Kositz). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1989). Redaktion: Erwin Weigel und Christoph Lindenmeyer.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Eurodschungel

Jonas: Er fing schon mies an, dieser 3. Mai 2012. Jacob hatte vor, seinen Schuppen umzutaufen. Nicht mehr Casablanca sollte er heißen, sondern…

Jonas: Wie soll dein Schuppen jetzt heißen?

Jacob: Babylon. Cafe Babylon.

Jonas: Cafe? Du weißt doch gar nicht, was Cafe ist, Jacob.

Jacob: Na und? Cafe hat was. Nostalgie. Klasse.

Jonas: Es gab immer noch den alten Synth-Whisky. Mies und teuer. Es war immer noch das alte Casablanca. Ich fühlte mich wie zu Hause. Müde und mies.

Jacob: Ja? Ja, Moment. Für dich Jonas.

Jonas: Sie können eine Nachricht hinterlassen. Sprechen Sie nach dem Pfeifton. Tüt. Oder pfeifen Sie nach dem Sprechton, wie Sie wollen.

Toivonen: Jonas?

Jonas: Von mir aus können Sie auch summen oder singen.

Toivonen: Sind Sie Jonas? Der Detektiv?

Jonas: Ich mußte es zugeben. Jonas. Nur Jonas. Der letzte Detektiv. Der letzte vom Stamm der Marlowe, Spade, Burma. Und der vielen anderen, die es auch nie gegeben hat. Einzelkämpfer. Einsam und ungebrochen. Der Typ, der für Sie die heißen Kastanien aus dem Feuer holt, ohne Handschuhe, für 100 Euros pro Tag und Spesen und so weiter. Manchmal komm ich mir richtig toll vor. Aber meistens fühle ich mich mies.

Jonas: Jetzt wissen Sie’s. Und wer oder was sind Sie?

Toivonen: Toivonen. Martta Toivonen. Sind Sie frei?

Jonas: Wie ein Vogel.

Toivonen: Ich meine, wären Sie bereit und in der Lage, einen Auftrag zu übernehmen?

Jonas: Ich könnte Sie gerade noch reinquetschen, Frau Toivonen, worum geht’s?

Toivonen: Nicht übers Fon. Kommen Sie zu mir.

Jonas: Wann?

Toivonen: Am besten gleich.

Jonas: Wohin?

Toivonen: Rubinweg 17. Apartment G.

Jonas: Rubinweg. Sie wohnen im Golden Ghetto.

Toivonen: Im High Security Compound für Spitzenkräfte. Ganz recht.

Jonas: Zugang nur mit Spezialpaßscheibe. Lassen Sie eine für mich am Tor hinterlegen.

Toivonen: Ich denke nicht daran. Sehen Sie zu, wie Sie mich erreichen. Wenn Sie der richtige Mann für den Job sind, schaffen Sie es. Viel Glück.

Jonas: Gieß mir noch einen Plastikschnaps ein, Jacob.

Jacob: Kannst du bezahlen?

Jonas: Kommt darauf an.

Jacob: Worauf?

Jonas: Ob ich einen Fall habe.

Jacob: Und? Hast du einen?

Jonas: Kommt darauf an.

Jacob: Worauf?

Jonas: Ob ich ins Golden Ghetto komme.

Jacob: Mit oder ohne Paß?

Jonas: Ohne.

Jacob: Vergiß es. Vergiß den Fall und vergiß die Bestellung.

Jonas: Schreib an, Jacob.

Jacob: Seit Wochen schreib ich an für dich, Jonas. Jetzt ist Schluß.

Jonas: Aber Jonas wollte gar keinen Fall. Jonas wollte im Casablanca sitzen, trinken und sich mies fühlen. Man ließ ihn nicht. Jacob drehte ihm den Hahn zu. Und dann mischte sich auch noch Sam ein.

Sam: Sprung auf, Kamerad, marsch marsch aufs Pferd. Wieher! Die Pflicht gebeut, der leere Beutel schreit zum Himmel.

Jonas: Komm wieder runter, Sammy.

Jonas: Sam saß heute auf dem hohen Roß. Sam ist mein Computer. Es gibt ihn zweimal, dick und fett im Büro, klein und handlich in der Tasche. Sam kann viel. Vor allem reden. Wie drei Dutzend Staubsaugerverkäufer oder wie eine große Bibliothek nach einem Wirbelsturm. Überprogrammiert bis zum verbalen Dauerdurchfall. Das ist Sam.

Sam: Sammy ist groß. Sammy ist mächtig.

Jonas: Wenn er auf den Stuhl steigt, 1 Meter 60. Schluß mit der Blödelei. Jetzt wird gearbeitet. Kategorischer Befehl.

Sam: Was steht zu Diensten, Sir, sagt’s mir an.

Jonas: Wie kommt Jonas ohne Paß ins Golden Ghetto? Kurz und knapp, wenn ich bitten darf.

Sam: Wer wenn nicht ihr, mein Herr und Meister.

Jonas: Warum er Sam heißt, muß ich wohl nicht erklären. Wer sich für Jonas interessiert, kennt auch Casablanca, den alten Film meine ich, nicht Jacobs Kneipe.

Sam: Der High Security Compound oder Golden Ghetto, wie des Volkes Mund ihn so treffendtümlich zu benamsen pflegt rühmt sich eines hochentwickelten ultramodernen superkomplexen elektronischen Schutz- und Sicherheitssystems vom Typ ANK 2020

Jonas: ANK?

Sam: Absolut lamente nicht knackbar, geliebtester Analphabet.

Jonas: Nicht knackbar, wirklich, auch nicht für dich, Sam?

Sam: Gemach, Gevatter, ein System, welches sich von Sam nicht penetrieren ließe, müßte noch erfunden werden.

Jonas: Du kommst also rein.

Sam: Gewiß, Genosse, im Prinzipe.

Jonas: Was heißt das?

Sam: Sammy braucht dazu nur ein ganz klein wenig Zeit.

Jonas: Wieviel?

Sam: Ach, ein Wöchlein nur.

Jonas: Eine Woche.

Sam: Naja, vielleicht auch zwei.

Jonas: Gestorben, Sammy, ich muß heute noch bei dieser Toivonen antanzen.

Sam: Auch in diesem Falle, eure hektische Betriebsnudeligkeit, hat Sam etwas anzubieten, Sam, der Kluge, Sam, der Weise, der stets Rat Wissende, der niemals um einen Ausweg…

Jonas: Is ja gut, Sammy, was schlägst du vor?

Sam: Jonas besorgt sich eine Paßscheibe.

Jonas: Einfach so?

Sam: Einfach so. Von der Zentralen Sicherheitsverwaltung. Allwo eine gewisse hochgestellte Amtsperson…

Jonas: Etwa Judith?

Sam: Ja.

Jonas: Nein.

Sam: Doch.

Jonas: Kommt nicht in Frage.

Sam: Da haben wir’s wieder, Damen und Herren, hochgeschätztes Publikum, der Stolz erhebt sein Haupt, in unlogische irrationale unsinnige, zutiefst menschliche Eigenschaft. Ich frage Sie: Kann man Stolz essen, kann man sich was dafür kaufen?

Jonas: Sammy, es geht nicht.

Sam: Es muß gehen. Hör zu, du Schnarch, dein Konto ist total ausgefüllt, nicht mal Jacobs miesen Whisky kannst du dir leisten. Dein letzter Fall war vor drei Monaten die Biogeschichte, und die hat dir nur ein paar Pipperlinge eingebracht, du brauchst den Auftrag, Mann, ja, nimm ihn, also reiß dich zusammen.

Jonas: Judith. Judith Delagdo. Wir hatten eine wunderschöne Beziehung gehabt, bis zum Fall Inselklau vor einen Jahr, da hatte sie mich kaltschnäuzig ausgenutzt, um ihre Karriere zu fördern, nicht zum letzten Mal, daß sie im November 2011 Sicherheitsdirektorin geworden war, verdankte sie Jonas, der hatte ihr ahnungslos den Weg freigeschaufelt. Siehe Fall Schneewittchen.

Judith: Das hab ich dir nicht vergessen, Jonas, du bist im Casablanca? Ich schicke Chefinspektor Brock vorbei, mit einem Spezialpaß fürs Golden Ghetto, und wenn du sonst noch was brauchst…

Jonas: Danke, ich bin wunschlos glücklich, Judith.

Judith: Wirklich? Ruf mich an, wenn dir was einfällt. Ich schulde dir was, Jonas, nicht nur wegen Schneewittchen und Inselklau. Machs gut, Jonas.

Jonas: Zwei Stunden später. Weit im Westen von Babylon. Wo Permaplestmauer und Plexikuppel über dem Golden Ghetto in den grauen Himmel ragen. Hier hausen die auserwählten in olympischer Ruhe. Unter sich. Unbehelligt von den widerlichen Wucherungen des 21. Jahrhunderts und von Menschen wie Jonas. Wer ins Schlaraffenland wollte, mußte sich durch Reisbrei fressen. Ins Golden Ghetto zu kommen, war schwieriger. Man mußte durch die Sicherheitsschleuse, vorbei an Holo-Augen und Sensor-Fallen, an scharfen Robo-Dogs und noch schärferen Robo-Wächtern. Hier halfen weder Argumente noch Bitten, hier half nur eine kleine grüne Silikonkarte. Der Spezialpaß.

Robo-Wächter: Danke. Paß gültig. Bitte rechts herantreten.

Jonas: Wozu denn das?

Robo-Wächter: Eye-Scanning. Retinacheck. Eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme. Soeben installiert. Bitte rechts herantreten.

Jonas: Hast du das gewußt, Sammy, daß die hier Eye-Scanning haben. Wenn ich rechts rantrete und in den Scanner gucke, dann stellt der doch sofort fest, meine Netzhaut ist nicht gespeichert, er schlägt Alarm, die Robo-Dogs kommen und machen Hackfleisch aus Jonas.

Robo-Wächter: Bitte rechts herantreten. Kinn fest auf Vorsprung pressen, Augen an die Scanneröffnungen.

Jonas: Was soll ich tun, Sammy, gib mir einen Rat, wozu hab ich dich denn.

Sam: Nur keine Panik auf der Titanic, Herr Kapellmeister. Wie soll ein Computer in Ruhe überlegen, wenn sein Mensch ihm ständig dazwischenzetert. Na, wollen mal kücken. Der Scanner hängt an einem eigenen geschlossenen System. Ja, nicht allzu complicated. Da läßt sich was machen. Alles klar auf der Andrea Doria.

Robo-Wächter: Rechts herantreten. Sofort rechts herantreten!

Sam: Tu, was er sagt, der brave Robo-Wächter. Kein Zaudern, kein Zagen, frisch auf, wohl an, ich bin dein Mann.

Jonas: Kein Zagen, von wegen. Als der Scanner meine Netzhaut abtastete, wartete ich mit weichen Knien auf den Alarm, der nicht kam, statt dessen ging die Schranke hoch. Jonas durfte ins gelobte Land, ohne Probleme.

Jonas: Wie hast du das gedreht, Sammy?

Sam: Och, eine ganze klitze Kleinigkeit, du mein zelebrales Softeis, nicht der Rede wert. Wie mein Meister durchs Loch linste, hab ich das System kurzfristig lahmgelegt.

Jonas: Wie, Sammy?

Sam: Na wie schon? Saft abgedreht, und dann gleich wieder angedreht, und derweil dem Kleinen fix ein falsches Memory verpaßt, in Folge welchen Tuns der Scanner nun mehro der festen Überzeugung huldigt, er habe die Netzhaut meines Herrn in Augenschein genommen, sie überprüft und ihr spezifisches Muster in seinem Speicher vorgegeben gefunden. Resultat: Alles in Ordnung. Jonas kann passieren. Ach, diese Zwergsysteme sind manchmal doch zu blöd.

Jonas: Rubinweg 17, wir sind da.

Sam: Aha.

Jonas: Apartment G.

Sam: Gut.

Toivonen: Ja?

Jonas: Sicherheitsdienst. Wir haben eine verdächtige Person aufgegriffen, an der Mauer, sie will zu Ihnen, Frau Toivonen, sagt sie.

Toivonen: Jonas?

Jonas: Ja, so heißt der Mann.

Toivonen: Sie sind Jonas. Ich erkenne Ihre Stimme. Sie haben es also geschafft.

Jonas: Wie Sie hören, Frau Toivonen.

Toivonen: Guter Mann. Warten Sie einen Moment, ich komme runter. Wir müssen zurück nach Babylon.

Jonas: Nachdem ich mir die Beine ausgerissen habe, um zu Ihnen ins Getto zu kommen?

Toivonen: So ist das Leben, Herr Jonas. Ich bin gleich bei Ihnen.

Jonas: Zurück ging es schneller und bequemer. In Frau Toivonens schwarzer Luxuslimousine. Unser Ziel war das Zentrum, der Platz der immerwährenden Hochkonjunktur, da lag die Bank, die Frau Toivonen gehörte. Die Europäische Depot- und Investment-Bank. Klein aber fein. Der begehbare Safe im Keller war offen und leer.

Toivonen: Heute nacht ausgeräumt, Herr Jonas, bis auf den letzten Euro.

Jonas: Und das trotz Ihrer spektakulären Hardwareparade, Frau Toivonen.

Toivonen: Ja. Wir haben alles, was sich für gutes Geld kaufen läßt, Herr Jonas. Bioschlösser, Holocams, variable Sensoren.

Jonas: Kein Alarm heute Nacht.

Toivonen: Nein, Herr Jonas.

Jonas: Und keine Anzeichen von Gewaltanwendung.

Toivonen: Unser Sicherheitssystem muß ausgetrickst worden sein, umgangen, manipuliert.

Jonas: Sieht ganz so aus. Hmh. Warum ich, Frau Toivonen?

Toivonen: Bitte?

Jonas: Warum kommen Sie mit der Sache zu mir? Warum nicht zur Kripo?

Toivonen: Weil ich Resultate will. Sie sind mir empfohlen worden, Herr Jonas, von meinen Bundesschwestern, Adamson, Vereinigte Kosmos, und Waldorf, Multipharm, als unorthodox, eigenwillig und erfolgreich. Sie werden feststellen, wer sich an unseren Bareinlagen vergriffen hat, und was viel wichtiger ist, Sie werden das Geld wieder zur Stelle schaffen. Ehrlich sollen Sie ja auch sein.

Jonas: Wie viel Geld, Frau Toivonen?

Toivonen: 2 Millionen Euros, plus minus ein paar Tausend. Aber deshalb brauchen Sie doch nicht gleich in die Knie zu gehen, Herr Jonas, soviel ist das nun auch wieder nicht.

Jonas: Jonas war nicht wegen der Summe auf Grund gegangen. Jonas hatte was erspäht. Hinten an der Wand. Unter der offenen Safetür. Ein kleines Stück Papier. Circa 5 mal 5 Zentimeter. Unregelmäßig. Zackig. Abgerissen. An einem Ende ein paar Bleistiftstriche. Am anderen aufgedruckte Buchstaben. O R R Y, darunter A P P.

Toivonen: Eine Spur?

Jonas: Möglich. Was hältst du davon, Sam?

Sam: Ein Stück Papier.

Jonas: Was du nicht sagst, Sammy.

Sam: Versehen mit Bleistiftaufzeichnungen.

Jonas: Toll. Jetzt weiß ich, warum Computer Denkmaschinen heißen.

Sam: Hmh. Ergänzt man die Striche, für eine Denkmaschine eine Lappalie, so ergibt sich eine zwar grobe, jedoch in allen wesentlichen Punkten korrekte Skizze von Schaltkreisen und Positionen der hierorts installierten Sicherheitsanlagen. Die Buchstaben hin wiederum lassen sich zwanglos und folgerichtig zu folgendem Aufdruck vervollständigen: Dont worry, be happy.

Jonas: Das war mal ein Hit, als ich noch klein war.

Sam: Schon lange her. Ach ja, und was du nicht sagst, hier und heute ist Dont worry be happy der Name eines Stimshops im Wilden Südosten von Babypsilon. Ohne Frage hundelt es sich bei vorgelegtem Beweisstück um den Rest eines Blattes von einem Block, welchen besagter Stimshop zu Werbezwecken hat herstellen lassen. Auf diesem Blatt, und damit komme ich zur Ente meiner Ausführungen, hat der Bankräuber sachdienliche Hinweise zur Durchführung seines lichtscheuen Tuns notiert. Na, was sagst du jetzt, du Schrumpfkopf. Hmh. Nichts? Hahaha. Dann sag ich’s für dich: Niemand, aber auch gar niemand, käme auf die Idee, einen Plattprägen wie dich als Denkmaschine zu bezeichnen.

Toivonen: Sie lassen sich ja einiges bieten von Ihrem Computer, Herr Jonas, meiner dürfte das nicht.

Jonas: Sie haben ja auch keinen Sam, Frau Toivonen.

Toivonen: Gott sei dank nicht.

Sam: Gott sei dank nicht. Gott sei dank nicht. He, was ist jetzt, stehen wir hier rum und plauschen oder arbeiten wir?

Jonas: Wer kennt Ihr Sicherheitssystem, Frau Toivonen?

Toivonen: Die installierende Firma, ich natürlich.

Jonas: Sonst niemand?

Toivonen: Unsere zwei Großkunden, denen haben wir die Anlage erklärt und vorgeführt. Damit sie sich um ihr Geld keine Sorgen machen. Bankerpsychologie.

Jonas: Ihre zwei Großkunden. Namen?

Toivonen: Dirty Dancing GmbH, eine Agentur, die ältere Künstler an Seniorenclubs vermittelt, Künstler, die das können, was vor einem viertel Jahrhundert in war, Hip Hop, Rap, Scratch Rock und Dirty Dancing natürlich.

Jonas: Und?

Toivonen: Und der Stimshop Dont worry be happy.

Jonas: Ach was.

Sam: Ach ja. Oho. Sieh an. So so. Dont worry, be happy. Mein Pappi, Jaja.

Jonas: Bei den Unruhen von 1996 war aus dem Büroviertel zwischen Südstadt, Reservat und Bioland der wilde Südosten geworden. Eine bizarre Landschaft aus Plastikresten und Betonruinen, aus lecken Rohrleitungen, die im Nichts endeten, aus verglühtem Asphalt und schwarzen Fensterhöhlen, aus giftgrünen Wucherungen schleimiger Schlingpflanzen. Ein Dschungel, der größte Straßendschungel in den Vereinigten Staaten von Europa. Bevölkert von Street-Gangs und Killer-Kids, von Nachtmenschen und Neo-Samurais, von Kannibalen und Mutanten, und von ein paar cleveren Geschäftsleuten, die im gesetzlosen Niemandland auf ihre Kosten kommen. Zum Beispiel mit dem Stimshop Dont worry be happy. In den wilden Südosten von Babylon kommt man leichter als ins Golden Ghetto. Man braucht keine Paßscheibe. Man braucht nur etwas Mut und feste Schuhe. In den Südosten fährt keine Metro und kein Taxi. Ich ließ mich absetzen so nahe wie möglich und wollte zu Fuß weiter. Aber da gab’s Probleme. Drei Probleme. Sie stiegen aus einem roten E-Mobil und bauten sich vor mir auf.

Groucho: Du Jonas?

Jonas: Und wenn?

Groucho: Du nicht weiter.

Jonas: Sagt wer?

Groucho: Wir sagen. Du nicht weiter. Du zurück.

Jonas: Drei Superchimps, illegale Importe aus dem Süden. Genmanipulierte Züchtungen. Bei meinen mußte ein nostalgischer Witzbold am Werk gewesen sein. Nummer eins hatte einen angemalten Schnurrbart und eine kalte Zigarre zwischen den Zähnen. Nummer zwei trug ein italienisches Hütchen. Nummer drei grinste geil unter einer wüsten roten Lockenperücke. Genau. Groucho, Chico und Harpo, die legendären Marxbrothers. Aber wenn Groucho das Maul aufmachte, war er nicht mehr Groucho, Groucho, das verbale Maschinengewehr, dann war er nur ein Superchimp, ein trauriger Wechselbalg, dem man ein paar Worte beigebracht hatte, und der Befehle ausführte. Bedingungslos.

Groucho: Du zurück.

Jonas: Oder?

Groucho: Wir machen kaputt. Schießen mit Laser.

Jonas: Superchimps Waffen zu geben ist verboten. Weißt du das, alter Freund? Ihr seid überhaupt verboten, ihr dürft in Babylon gar nicht rumlaufen.

Groucho: Schluß. Du nicht reden. Du zurück. Nach Hause. Marsch.

Jonas: Jonas marschierte zurück. Runde 100 Meter. Dann bog er um eine Ecke. Die Chimps natürlich hinterher. Das störte mich nicht. Ich wußte, wie ich sie loswerden konnte. Und wo.

Sam: Altbabypsilon, Herr Denkmalspfleger.

Jonas: Altbabylon, Sammy, wir gehen durch die Wand.

Sam: Aha, euer Ungenauigkeit meinen die Holoprojektion der mittelalterlichen Stadtmauer?

Jonas: Was denn sonst, Sam, du machst ne Stippvisite im Zentralrechner und suchst uns eine gute Stelle zum Durchrutschen.

Sam: Ist geritzt, Kumpel, will sagen, wie ihr es wünschet, Monsignore, also gescheh’s.

Jonas: Altbabylon ist nicht wirklich alt. Die Verwaltung hat es vor ein paar Jahren hochgezogen, für Touristen aus Großjapan und Amerika. Ein putziges Viertelchen, Fachwerk, Giebel, Schornsteine, krumme Gassen, Kopfsteinpflaster und eine Stadtmauer aus Feldsteinen, Pseudo- natürlich, Plastik und Holo, rechnergesteuert. Der Plan klappte wunderbar. Ich kroch durch die Holomauer. Die Chimps kamen, stutzen, kratzten sich die runden Schädel, und so standen sie vermutlich immer noch, als Jonas schon längst im wilden Südosten unterwegs war, Richtung Stimshop, und sich dabei so seine Gedanken machte.

Jonas: Jemand hat was dagegen, daß ich mir diesen Stimshop mal ankucke, warum.

Sam: Weil zu vermuten steht, o Sonne meiner Wonne, daß dorten sich findet, was wir suchen. Der bzw. die Bankräuber nebst den entwendeten Finanzen. Der bzw. die Bankräuber hat bzw. haben die Europäische Depot- und Investment-Bank nach seiner bzw. ihrer Tat unter Beobachtung gehalten und sobald euer Zielstrebigkeit die Biene betruten, Korrektur die Bühne betraten…

Jonas: Hat bzw. haben er bzw. sie verflixt jedenfalls haben sie mich verfolgt und abgefangen. Wer, Sammy, wer steckt dahinter?

Sam: Tja, zwei Gegenfragen, Chef. Erstens: Wer ist ganz groß im Stimshopgeschäft und zweitens wer beschäftigt mit Vorliebe Superchimps als Gorillas. Gut, was? Hehe. Hast du’s mitgekriegt, Mickerhirn, Chimps als Gorillas, paradox, witzig, geistreich. Genauso wie ich, hähähähäh.

Jonas: Du meinst die Korporation?

Jonas: Früher hieß so was Mafia. Heute sagen wir die Korporation, oder die Firma, oder die Organisation. Das organisierte Verbrechen. Verbrechen als Großunternehmen. Drogen. Hirnstim. Medien. Sex. Überall saß sie drin, die Korporation und scheffelte Milliarden.

Sam: Millionen. Trilliarden.

Jonas: Und darum kann ich mir nicht vorstellen, daß die große Korporation eine kleine Bank um jämmerliche 2 Millionen Euros beklaut, und dann soviel Wind macht, um Jonas an der Aufklärung zu hindern. Da muß was anderes dahinter…

Groucho: Da, Jonas.

Sam: Kaptän Hornblower, Sir, melde gehorsamst, drei Superchimps backbord voraus.

Groucho: Halt! Du stehen. Du warten.

Sam: Du nix können sprechen, du Pfeife.

Jonas: Jonas dachte nicht daran. Jonas rannte. Über Stock und Stein. Vor allem Stein. Bis ich fand, was ich brauchte. Vor einer Halde aus Schlacke und verschmorten Metallteilen hatten ein paar Amazulu in wilder Kriegsbemalung einen einsamen Straßensamurai gestellt. Arme Amazulu. Die Wetten der Zuschauer standen 5 zu 1 für den Samurai. Ich schlug einen Haken, tauchte im Gewühl unter und hängte die Superchimps ab. Dachte ich.

Jonas: So. Zurück zum Thema. Was hat die Europäische Depot- und Investment-Bank mit der Korporation zu tun, Sam.

Sam: Es steht geschrieben: ein Narr fragt mehr denn zehn Weise zu beantworten vermögen.

Jonas: Ich hab dich was gefragt.

Sam: Hach, unzureichende Daten, du Träne.

Jonas: Bitte, dann eben anders. Du kommst zurück in die Tasche.

Sam: Nein.

Jonas: Da gehst du in dich.

Sam: Nein.

Jonas: Und wenn du was entdeckt hast.

Sam: Nein. Nicht auf mich drauf.

Jonas: Ich hatte mir nur die Vorstellung ansehen wollen, aber sie hatten mich in die Kanone gesteckt und abgeschossen. Ich flog hoch über dem Zirkus, über Babylon, hoch, immer höher, dann machte ich einen Bogen und stürzte, tiefer, tiefer, bis ich wieder bei mir war und die Augen aufschlug. Ich lag unter einer Straßenleuchte, die vor langer Zeit ein Riese zu einem Korkenzieher verdreht hatte. Der Kopf tat mir weh.

Sam: Jaja, jaja. Die übliche Nachwirkung eines Knockouters. Drei Tage Bettruhe. Absolute Alkoholabstinenz.

Jonas: Halt den Schnabel, Sam.

Sam: Hab keinen.

Jonas: Halt ihn trotzdem. Was ist passiert?

Sam: Sam hält den Schnabel. Wie das Gesetz es befielt.

Jonas: Du sollst antworten.

Sam: Sammy in Tasche, Mata, Sammy nix gesehen.

Jonas: Aber gehört wirst du doch wohl was haben. Na?

Sam: E-Mobil.

Jonas: Rot vermutlich.

Sam: Knockouter.

Jonas: Da sagst du mir nichts neues, Sammy.

Sam: Schwere Tritte, sechs Füße.

Jonas: Die Superchimps.

Sam: Hin zu Jonas, Pause, wieder weg.

Jonas: So. Dann wollen wir mal nachsehen, was die drei Brüder Jonas abgenommen haben.

Sam: Aua.

Jonas: Nanu?

Sam: Meinem über alle Maßen bedauernswerten, da ausgeknockten und superchimplich manipuliertem Herrn fehlt ihm wohl etwas von Wichtigkeit?

Jonas: Im Gegenteil, Sammy, sie haben mir nichts geklaut, sie haben mir was zugesteckt. Zehn Hundert-Euroscheine in Banderole.

Sam: Mit Stempel.

Jonas: Mit Stempel, Sammy.

Sam: Worauf steht: Europäische Depot- und Investment-Bank, korrekt?

Jonas: Korrekt. Seltsam.

Sam: Nein, nur Sam. Komm, wirf ihn von dir, den schnöden Mammon.

Jonas: Tausend Euros? Das schöne Geld.

Sam: Na, schmeiß weg, Döskopp. Zu spät. Och, da sind sie schon wieder, unsere äffischen Verfolger.

Jonas: Und nicht nur die. Im Fenster des E-Mobils erschien ein Kopf. Ein häßlicher Kopf. Aber unbestreitbar menschlich. Zwei Marxbrothers hielten Jonas fest. Der dritte apportierte dem Kopf das Bündel Euroscheine.

Medusa: Ah, unser Geld. Das Korpus delicti, wie die kriminologisch Gebildeten sagen, und der Delinquent gleich dabei, wie überaus zuvorkommend. Ich freue mich, Sie zu sehen.

Jonas: Die Freude ist ganz auf Ihrer Seite.

Medusa: Jonas, nur Jonas, Privatdetektiv und Bankräuber.

Jonas: Und der Unhold, der Schulkindern das Pausenbrot wegißt.

Medusa: Aber Herr Jonas, wo wir Sie doch mit dem Beweis in der Hand gestellt haben, in flagrante delicto, wie es heißt. Sie haben die Europäische Depot- und Investment-Bank beraubt. Sie haben unser Geld gestohlen. Was machen wir mit Ihnen, Herr Jonas. Nehmen wir Sie mit ins Generaldirektorium? Ich weiß nicht. Verhöre, Diskussionen. Umständlich, Herr Jonas, und unnötig. Wir sollten die unangenehme Affäre gleich hier beenden. Auf der Stelle. Meine drei Assistenten werden das gern übernehmen. Nicht wahr, Groucho?

Groucho: Machen Jonas kaputt? O ja Boss!

Sam: Du Flöte, freue dich und frohlocke, Chef, denn siehe, es naht die Rettung, haha, vom Himmel hoch da komm ich her…

Jonas: Ein Helikopter fegte heran mit dem blauem Emblem der Sicherheitsverwaltung, und mit sensorgesteuerten Miniraketen. Die Superchimps waren durchlöchert, ehe sie ihre Laser hochkriegen konnten. Ihr Boss setzte sich ab. In seinem gepanzerten Fahrzeug. Der Helikopter blieb kurz über Jonas stehen. In der offenen Tür winkte einer.

Brock: Klein und häßlich sehen Sie von hier oben aus, Jonas. Bis zum nächsten Mal.

Jonas: Genau im rechten Moment. Zufall?

Sam: Daß Sam nicht kichert. Hähähäh.

Jonas: Hast du den Typ im E-Mobil erkannt, Sammy?

Sam: Natürr, Medua.

Jonas: Max Medusa, Finanzminister der Korporation, ihr oberster Geldwäscher.

Sam: Hmh. Und wieder findet im großen Detektivpuzzle ein wichtiges Stück seinen Platz. Das der Bank entwendete Geld gehört der Korporation, sie hat es dort deponiert, um es bei nächster Gelegenheit zu waschen.

Jonas: OK, Sammy, aber wieso hält Medusa ausgerechnet Jonas für den Bankräuber, und wieviel…

Sam: Alarm! Rotes E-Mobil kommt zurückeldibums!

Jonas: Laß uns verschwinden, Sam.

Toivonen: Kann ich Ihnen einen Platz in meinem Wagen anbieten, Herr Jonas?

Jonas: Frau Toivonen!

Toivonen: Kommen Sie, steigen Sie ein, oder trauen Sie mir nicht?

Jonas: Ehrlich gesagt, nein.

Toivonen: Wollen Sie sich lieber mit Medusa auseinander setzen?

Jonas: Das wollte Jonas nicht. Also stieg er ein. Eine kurze Fahrt, ein paar Minuten um ein paar Ecken. Dann hielten wir vor der ausgebrannten und ausgeschlachteten Hülle eines Hochhauses.

Toivonen: Steigen Sie aus Herr Jonas. Sie tauchen am besten hier unter und warten.

Jonas: Worauf, Frau Toivonen?

Toivonen: Daß es dunkel wird, Herr Jonas, daß Sie weitermachen können. Sie haben doch ein Ziel.

Jonas: Sie meinen den Stimshop Dont worry be happy?

Toivonen: Genau, Herr Jonas.

Jonas: Augenblick, Frau Toivonen, ich hab ein paar Fragen.

Toivonen: Später, Herr Jonas.

Jonas: Das war nicht mein Tag. Ich zuckte die Achseln und tat, was Frau Toivonen mir geraten hatte. Wenn es eine Erklärung für das gab, was heute hier ablief, dann würde ich sie im Stimshop finden. In der Lobby des Hochhauses räumte ich mir eine Ecke frei, setze mich hin und wartete. Meine alte Smith & Wesson in Griffnähe. Der Himmel in den Fenstern wurde dunkelgrau, dann schwarz. Plötzlich hörte ich was. Schritte. Vorsichtige Schritte. Sie kamen näher. Wer war das? Medusa und seine Killer? Kannibalische Nachtmenschen auf der Suche nach dem Abendessen?

Brock: Legen Sie den Revolver weg, Jonas, und machen Sie sich nicht in die Hosen. Ich bin zwar kein Fan von Ihnen, aber fressen will ich Sie nicht, schon weil Sie mir nicht bekommen würden.

Jonas: Chefinspektor Brock von der Sicherheitsverwaltung in einer neuen Rolle. Nicht mehr als rettender Engel von oben. Diesmal als Weihnachtsmann mit einem Sack voller Geschenke.

Brock: Da hätten wir erst mal einen Laserstrahler. Neuestes Modell, noch gar nicht auf dem freien Markt. Dann eine AIR-Transfo-Einheit in Taschenformat.

Jonas: AIR für Anti-Infrarot. Die Einheit baut um den Träger ein Feld auf, in dem Mikrosensoren seine Körpertemperatur in die Temperatur der Umgebung umwandeln und ihn so für Infrarotgeräte unsichtbar machen. Hightech, unerschwinglich für einen Privatdetektiv, aber sehr nützlich, wenn der Privatdetektiv nachts in geheimer Mission unterwegs ist.

Brock: Und damit Sie nicht nur nicht geschnappt werden, sondern auch selber was schnappen können, ein paar Infrarotgucker, alles aus dem Arsenal der Sicherheitsverwaltung, mit schönen Grüßen von Sicherheitsdirektorin Delgado. Jetzt sind Sie beide quitt, soll ich Ihnen ausrichten.

Jonas: Sagen Sie mal, Brock, wie haben Sie mich eigentlich aufgespürt?

Brock: Ich kenne Sie gut, Jonas, Sie sind stur und lästig, eine echte Nervensäge, aber dämlich waren Sie bisher nicht, das ist neu. Fragen Sie doch Ihre elektronische Quasselstrippe. Wir sehen uns.

Jonas: Fürchte ich auch.

Sam: Quasselstrippe. Eine unverloste Bodenschämtheit, Korrektur bodenlose Unverschämtheit.

Jonas: Findest du, Sam?

Sam: Ja, finde ich. Preisfrage für geistig nicht eben hochbemittelte Privatdetektive. Auf welche Weise pflegt die Sicherheitsverwaltung Kontakt zu einem ahnungslosen Individuum zu pflegen?

Jonas: Orter.

Sam: Beziehungsweise Mikrotransmitter. Sehr gut, Schüler Jonas. Zuatzfrage. Welchen Gegenstand hat unser kleiner Sonnenschein von der Sicherheitsverwaltung erhalten?

Jonas: Die Paßscheibe fürs Golden Ghetto.

Sam: Yes.

Jonas: Weg damit, und da wir gerade dabei sind, Sammy, sehen wir uns doch auch gleich mal die schönen Sachen an, die uns der liebe Onkel Brock mitgebracht hat. Na bitte, hier ist einer, an der Infrarotbrille. Ex und hopp. Hätt ich wissen müssen, Judith und ihr miesen Tricks.

Sam: Nicht allso eure hektische Voreiligkeit. Vielleicht brauchen wir Sie noch einmal, die Freunde und Helfer. Bedenke doch, wer es auf dich abgesehen hat: Die Korporation.

Jonas: Die ist mir noch immer lieber als die Sicherheitsverwaltung.

Sam: Ach, red kein Stahl. Die Bullen stecken dich höchstens in den Knast, die Korporation steckt dich in Beton, und da kannst du nicht drin wohnen, und dann kippt Sie dich ins Nordmeer.

Jonas: Ein tröstlicher Gedanke. Ich nahm ihn mit auf den Weg zum Stimshop Dont worry be happy. Leicht gesagt und leicht zu finden. Jonas brauchte nur den Kabelfreaks nachzugehen, den Hyppies mit der Steckdose im Hinterkopf. Dahin, wo über dunklen Ruinen bunte Lasergewitter tobten. Wo Neonlichter in blasser Glut vor sich hinfroren, und wo der Roboanimator pausenlos seinen Spruch in die Nacht grölte.

Robo-Animator: Dont worry be happy…

Jonas: In der großen Halle hingen hunderte von Hyppies am Draht und ließen ihr Lustzentrum zappeln. Die Minute 10 Euros.

Sam: Hirnwichser, Kabelfixer.

Jonas: Großes Glück aus kleiner Dose. Nichts für Jonas.

Anmacher: Sie suchen das Besondere, mein Herr, das sehe ich ihnen an. Von Massenabfütterung halten Sie nichts. Sie sind wer. Sie heben sich ab. Ich sag Ihnen was: Gehen Sie nach rechts zum Fahrstuhl, fahren Sie ins Untergeschoß, wo die Supermindmaschinen stehen. Da können Sie sich voll ausleben, mein Herr. Die gewagtesten Wünsche, die geheimsten Träume werden wahr. Genuß ohne Reue, mein Herr. Sie haben die Wahl zwischen mehr als 40 Programmen. Von 500 Euros aufwärts, nur Bargeld, keine Karten. Wie ich Sie so einschätze, mein Herr, Programm Casanova oder Dschingis Khan, wär das nichts für Sie?

Jonas: Philip Marlowe, haben Sie das?

Anmacher: Nie gehört, mein Herr, tut mir leid. Ich merk schon, Sie sind nur mit dem echt ausgefallenen zufrieden. Wir hätten da Sonderprogramme anzubieten, mein Herr, keine Dutzendware, nicht ganz billig, aber exquisit. Vollzugsbeamter im Frauengefängnis. Na?

Jonas: Schalt dich ab. Verschwinde.

Sam: Darf man euer momentan Abgelenkten daran erinnern, daß wir uns nicht hier befinden, um niederer Lust zu frönen, vielmehr…

Jonas: Ich weiß, Sammy, wir suchen was. Bankräuber. Und ne Menge Geld.

Sam: Zuvorderst doch wohl Erleuchtung.

Jonas: Sehen wir uns mal auf der Rückseite um.

Jonas: Auf der Rückseite gab es eine kleine Tür. Nicht verschlossen. Das hätte mich stutzig machen sollen. Ich drückte sie auf und trat ein. Und dann blieb ich stocksteif stehen. Nicht freiwillig. Ein Neurofreezer hatte mich erwischt. Das Licht ging an. Vor mir standen zwei Riesen in schwarzen Kampfanzügen. Und Max Medusa.

Medusa: So sieht man sich wieder, Herr Jonas, jetzt muß ich Sie also doch dem Generaldirektorium vorführen. Schade. Ich hätte es uns und Ihnen gern erspart. Cool, Easy, bringt ihn ins Sprechzimmer.

Jonas: Die Riesen nahmen dem starren Jonas Laser und Revolver ab und schleppten ihn durch den Gang, eine Wendeltreppe runter in einen weißgekachelten Raum, der ein bißchen aussah wie das altmodische Behandlungszimmer eines altmodischen Arztes. Und der dazugehörige Onkel Doktor war auch da. Ein kleiner Mann im weißen Kittel, kahl, mit goldener Brille. Außerdem zwei, die dich kannte: Simon Krapp und Lukrezia Carnevale, zwei führende Mitglieder der Korporation.

Medusa: Das ist er.

Carnevale: Dieser Jonas?

Medusa: Jonas, nur Jonas.

Krapp: Der Mann, der unsere Bank ausgeräumt hat?

Medusa: Zusammen mit der Kollegin Toivonen.

Carnevale: Behaupten Sie, Medusa. Warum hätte sie das tun sollen?

Medusa: Eine klassische Intrige, verehrte Kollegin. Wir, das Generaldirektorium der Korporation, sollten desinformiert werden, destabilisiert und letztendlich exterminiert. Kollegin Toivonen ist ehrgeizig. Sie will alles. Die ganze Macht.

Carnevale: Beweise, Medusa.

Medusa: Ich habe sie beobachten lassen und daher weiß ich, sie hat Jonas hier her geschickt, um Unruhe zu stiften, Zwietracht zu schüren, den Superchimps, die ich auf ihn angesetzt hatte, konnte er entkommen, aber nun ist er uns direkt in die Arme gelaufen in der typischen Verblendung des Kleinkriminellen. Das hier hab ich ihm aus der Tasche gezogen.

Krapp: Geld? Aus unserer Bank? Alles klar.

Carnevale: Das sind doch nur 1000 Euros, wo hat er die restlichen Millionen?

Medusa. Fragen Sie nicht mich, verehrte Kollegin, fragen Sie ihn.

Jonas: Jonas wurde gefragt. Jonas gab keine Antwort. Nicht weil er nicht sprechen konnte. Der Neurofreezereffekt war abgeklungen. Aber was hätte er sagen sollen?

Krapp: Halten wir uns nicht auf mit dem Kerl. Cool und Easy sollen ihn durch den Wolf drehen, bis er was sagt.

Carnevale: Ich bin mehr für die gute alte Elektroschockmethode. Er sieht aus, als ob er einiges aushält. Was meinen Sie, Dr. Babinski?

Babinski: Sie wissen, ich habe in Ihrem Gremium keine Stimme, meine Herrschaften, lediglich eine beratende Funktion als Mediziner, bei, nun ja, bei intensiven Verhören. Gestatten Sie mir dennoch einen Vorschlag.

Krapp: OK, Doc, aber machen Sie es kurz, ja.

Babinski: Meine Herrschaften, in diesem unseren Stimshop können wir, wie Ihnen bekannt ist, durch direkte Hirnstimulation mittels unserer Supermindmaschinen pansendorische Halluzinationen erzeugen, die von realen Sinneswahrnehmungen nicht zu unterscheiden sind, vor allem wenn die Stimulations- und Rezeptionsakzeptanz unserer Kunden durch die vorherige Verabreichung halluzinogener Drogen gefördert wird, Drogen wie Serotonin, Ditoxipholylethylamin.

Krapp: Kommen Sie zum Punkt, Doc.

Babinski: Sogleich, Herr Krapp. Sie kennen die neueste Entwicklung auf diesem Sektor, unserer erfolgreichen Sadomasoprogramme für eine exklusive Minoritätenklientel.

Carnevale: Ich verstehe. Sie wollen Jonas an so ein Programm anschließen.

Babinski: Ganz recht, Frau Carnevale. Strikt Maso natürlich und unlimitiert. Schmerz, subtilster Schmerz, ohne jene Terminierung, wie sie die kommerzielle Ratio uns auferlegt. Ein hochinteressantes Experiment.

Krapp: Experiment? Der Kerl soll reden!

Babinski: Der wird reden, Herr Krapp, das versichere ich Ihnen, ich denke da an ein historisches Programm, noch im Entwicklungsstadium, Arbeitstitel: In den Folterkellern der Inquisition.

Jonas: Ich trug einen arme Sünderkittel aus grober Sackleinwand und lag auf einer harten Pritsche. Meine Füße waren gefesselt, die Hände auch, über dem Kopf. Fackeln in eisernen Haltern warfen flackernde Schatten auf feuchtes Gestein, auf Brandeisen, Ketten und Peitschen, auf den halbnackten Herkules in roter Kapuze, der neben mir hockte, ein hölzernes Speichenrad zwischen den Fäusten, und auf den Inquisitor, ein kleiner Mann, kahl, in weißer Kutte. Durch seine goldene Brille sah er mich milde an.

Babinski: Nun, mein Sohn, bist du bereit, abzulassen von sündigem Starrsinn und frevelhafter Verstocktheit? Erleichtere deine Seele, gestehe, verirrtes Lamm, gestehe, wo du sie versteckt hast, die ketzerischen Pamphlete, die Teufelssalben für den Hexensabbat. Du weigerst dich zu sprechen? So werden wir denn deinen armen Leib peinigen müssen, auf daß deine unsterbliche Seele gerettet werde. Beginne, Bruder Dominiko, drehe dein Rad. Spürst du es, spürst du, wie deine Muskeln sich dehnen, deine Sehnen sich strecken, deine Haut sich bis zum Zerreißen spannt? Gestehe! Gestehe!

Jonas: Nein! Ich weiß nichts!

Babinski: Halt inne, Bruder Dominiko. Kleine Pause, Herr Jonas, wie fühlen Sie sich?

Jonas: Ich war nicht mehr im Keller der Inquisition. Ich war wieder im Stimshop in der engen Kabine, fest an den Sessel geschnallt. Dr. Babinski nahm mir den Sensorhelm ab.

Babinski: Das war natürlich nur ein Vorgeschmack, eine kurze Einstimmung, um ihre Reaktionen zu testen. In etwa 10 Minuten, wenn das Serotonin seinen vollen Wirkungsgrad erreicht hat, fahren wir fort, und dann, Herr Jonas, machen wir Ernst mit der peinlichen Befragung. Noch einmal Streckbett, dann Daumenschrauben, Brannteisen, und wenn Sie weiterhin hartnäckig sind, Herr Jonas, dann gehen wir bis zum bitteren Ende, bis zum Scheiterhaufen auf der Plaza del Sol.

Jonas: Sam? Bist du da, Sam?

Sam: Hmh. Zur Stelle, Chef, in eurer Tasche.

Jonas: Hast du mitgekriegt, was die mit mir machen?

Sam: O ja Herr. Mit einer Träne im Knopfloch und mit tiefer tiefer Betroffenheit.

Jonas: Dafür kann ich mir nichts kaufen, Sam.

Sam: Ja.

Jonas: Hilf mir lieber. Kannst du dich nicht in die Supermindmaschine einschleichen und das Folterprogramm stoppen?

Sam: No, gewiß Sir, im Prinzipe, jedoch…

Jonas: Nicht in zehn Minuten. Ich weiß.

Sam: Naja, Nobody is perfect, hmh. Pst Pst! Man kommt.

Medusa: Kein Laut, Jonas.

Jonas: Max Medusa. Allein. Gekommen, um Jonas zu retten, sagte er, und er tat es auch. Er schnallte mich los. Und dann ging er voran mit einer Taschenlampe, einen langen Korridor entlang, bis in einen staubigen Kellerraum. Hinter einem Pfeiler blieb er stehen, vor einer rostigen Eisentür.

Medusa: Mein ganz privater Notausgang. Wenn wir ihn benutzen, dann stehen wir auf den Schienen der Metro. Sehen Sie sich nicht so ängstlich um, Jonas, seit 16 Jahren fährt hier kein Zug mehr. Wir gehen nach rechts. Kommen Sie.

Jonas: Fünf Minuten Fußmarsch. Dann wurde es hell. Eine Metrostation. Malachovksy-Platz. Das Beleuchtungssystem funktionierte noch immer. Nach 16 Jahren. Unglaublich. Wir kletterten auf den Bahnsteig. Medusa zog seinen Laserstrahler und richtete ihn auf mich. Dabei sah er mich an, als ob Detektive für ihn noch unter Computerviren stünden. Gleich würde er sagen: Sie hätten sich nicht in Dinge einmischen sollen…

Medusa: Sie hätten sich nicht in Dinge einmischen sollen, die Sie nichts angehen, Jonas, das hab ich versucht, Ihnen klarzumachen, durch meine Superchimps, heute nachmittag, als Sie sich in den Südosten aufmachten, aber Sie wollten ja nicht hören.

Jonas: Und da hatten Sie eine Idee. Jonas ließ sich ganz wunderbar als Sündenbock benutzen, als Ablenkung, als Mittel zur Desinformation. Darum haben Sie mir die 1000 Euros aus dem Bankraub untergejubelt, für Sie kein Problem, denn das ist ja wohl klar, die Euros in der Europäischen Depot- und Investment-Bank, die haben Sie sich unter den Nagel gerissen, Medusa, um Ihrer Kollegin und Konkurrentin Toivonen was anzuhängen nehm ich an, vielleicht brauchten Sie auch nur ein bißchen Bargeld.

Medusa: Wer braucht das nicht. Sie sind wirklich gut, Jonas, Sie haben den Fall gelöst. Nur schade, daß Sie so gar nichts davon haben werden. Denn jetzt, wo Sie alles wissen, ist Ihnen auch bestimmt klar, weshalb ich Sie aus dem Stimshop geholt und hierher gebracht habe.

Jonas: Sie konnten nicht zulassen, daß Jonas weiter gefoltert wird, dann hätte sich nämlich rausgestellt, Jonas weiß nichts, Jonas ist unschuldig, und Ihre Konstruktion wäre zusammengebrochen.

Medusa: Wo ich mir solche Mühe gegeben habe. Das geht natürlich nicht, und deshalb muß ich Sie jetzt umbringen… Was ist das?

Jonas: Hört sich an wie ein Zug.

Medusa: Unsinn, die Linie ist stillgelegt.

Jonas: Das hatte man dem Metrozug wohl nicht gesagt. Er donnerte aus dem Tunnel, hielt, die Türen gingen auf, ganze Horden von Sicherheitsmenschen stürzten auf den Bahnsteig, und griffen sich Medusa. So viel Kavallerie für einen einzigen Indianer. Und zwei ganze Generäle auch noch. Chefinspektor Brock und…

Jonas: Judith!

Judith: Wie du siehst, Jonas. Willst du dich nicht bedanken, wir haben dir mal wieder das Leben gerettet.

Brock: Was passiert mit Medusa, Frau Delgado, nehmen wir ihn mit?

Judith: Wenn ich das wüßte.

Toivonen: Überlassen Sie ihn uns.

Jonas: Wir hatten Zaungäste. Durch ein Loch in der Decke sahen sie uns zu. Toivonen, Krapp, Carnevale und Dr. Babinski unseligen Angedenkens.

Toivonen: Wir haben ein paar Fragen an Medusa. Wo unsere Euros sind, zum Beispiel. Und er wird es uns verraten, oder was meinen Sie, Dr. Babinski?

Babinski: Davon bin ich überzeugt, Frau Toivonen.

Jonas: Ich auch. Verraten Sie mir was, Frau Toivonen.

Toivonen: Wenn ich kann, Herr Jonas.

Jonas: Medusa wollte mich umbringen. Hätten Sie ihn gehindert?

Toivonen: Wissen Sie, Herr Jonas, Sie sind nur ein kleiner Bauer in einem großen Spiel. Ein Bauer ist entbehrlich, sobald er seine Rolle gespielt hat. Sie haben Ihre Rolle gut gespielt. Sie sind der von mir gelegten Spur gewissenhaft gefolgt. Sie haben Medusa aufgescheucht und nicht locker gelassen. Ihre paar Euros haben Sie sich redlich verdient. Ich lasse sie Ihnen überweisen.

Jonas: Von mir aus. Sag mal Judith, wie habt ihr mich hier gefunden? Eure Orter habe ich doch weggeschmissen.

Judith: Sam ist dafür eingesprungen. Seit Schneewittchen, weißt du noch, Jonas, haben wir eine besondere Beziehung, ich und Sammy.

Sam: Rein sexuell.

Jonas: Dein Glück, daß du keine Ohren hast Sam, ich würde sie dir ja so langziehen.

Sam: Aua!

Jonas: Und was dich betriff, Judith, wir sind quitt, ein für alle mal.

Judith: Nein, Jonas, jetzt bist du mir was schuldig, und ich werde es einfordern, demnächst. Bis bald, Jonas.

Brock: Ehe ich’s vergesse, Jonas, die Sachen, die ich Ihnen vorhin gebracht habe, die rücken Sie mal ganz schnell wieder raus.

Jonas: Die gehören mir. Die haben Sie mir geschenkt.

Brock: Iwo. Nur geliehen. Die Sicherheitsverwaltung hat nichts zu verschenken. Kommen Sie schon rüber damit.

Jonas: Später. Im Casablanca. Jonas war wieder flüssig. Jonas saß und trank. Und fühlte sich mies.

Jonas: Na los, Sam, spiel es, spiel As time goes by.

Sam: Wenn’s unbedingt sein muß, aber singen tu ich nicht.

Jacob: Weißt du, Jonas, vielleicht tauf ich’s doch um, das Casablanca. Relax oder Mind maschine. Zeitgeist, Jonas, das ist es, Lifestyle.

Jonas: Was hab ich gesagt. Es war nicht mein Tag.

Das war Eurodschungel. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski. Es wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Elisabeth Volkmann, Rainer Basedow, Jochen Busse und viele andere (Cornelia Boje, Claudius Zimmermann, Alvin Joachim Mayer, Roland Astor, Hans Stetter, Detlev Kügow). Ton und Technik: Irene Thielmann und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Werner Klein. (Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks) (1990). (Redaktion: Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michel Koser
Heute: Eurobaby

Jonas: Bamballa. Kennen Sie Bamballa? Eine Hafenstadt in Sahel, Nordost-Afrika. Trocken, heiß, staubig, trübselig. Und über dem Ganzen ein durchdringender Duft nach Kamelmist und abgelatschten Sandalen.

Sam: Äh!

Jonas: Das letzte.

Sam: Ja, Gottes linke Achselhöhle. Das Loch gleich neben der Hölle. Des Teufels fauler Stockzahn. Der Arsch der Welt.

Jonas: Sam. Mein Computer und ständiger Begleiter. Redet viel. Weiß alles.

Sam: Ja.

Jonas: Nur nicht, wie man aus diesem verfluchten Nest rauskommt. Ich saß fest. Seit einer Woche. Ich hatte einen Job in Merdistan gehabt. Das ist der sympathische Staat im Orient, der seine Bürger mit öffentlichen Massenfolterungen bei Laune hält. Ich sollte ein Kind aus Merdistan holen für seine Mutter in Babylon. Ihr merdistanischer Ex-Partner hatte es entführt. Jonas sollte es zurückentführen. Das ging schief. Jonas mußte ganz schnell türmen. Über den Golf in einem Fischerboot. Und jetzt saß er in Bamballa. Kein Geld, keine Möglichkeit nach Hause zu kommen. Nach Babylon der großen Stadt mitten in den Vereinigten Staaten von Europa. Dachte ich. Aber da tauchte plötzlich dieser Landsmann auf.

van Meeren: Wir sind doch Landsleute oder? Ich bin sicher Sie kommen aus Europa.

Jonas: Babylon.

van Meeren: Hab ich doch sofort gesehen. Was trinken Sie?

Jonas: Auf der Flasche steht Bier, schmecken tut’s wie Spülwasser.

van Meeren: Stern von Sahel. Selber schuld, wenn Sie diesen einheimischen Shit bestellen. Wozu bringen wir denn gute europäische Biere in dieses gottverlassene Land. Pilsen München Dortmund Bremen, das hört sich doch gleich ganz anders an.

Jonas: Kann ich mir nicht leisten.

van Meeren: Aber ich. Boy, zwei Becks, eiskalt und ein bißchen chopchop. So muß man mit denen hier umgehen. Faules Volk.

Jonas: Sie kennen sich aus.

van Meeren. Ja sicher. Bin ja nicht zum ersten Mal hier in Sahel. Ach meine Karte bitte: Cornelis van Meeren. Nennen Sie mich Conny.

Jonas: Muß ich? Was heißt Eurimex?

van Meeren: Kennen Sie nicht. Große europäische Firma. Import Export. Wir kaufen verkaufen vermitteln alles.

Jonas: Bier nach Sahel zum Beispiel.

van Meeren: Und sonst noch so einiges. Alles was gut und teuer ist. Dafür kaufen wir hier Hirse, für Genvieh in Europa.

Jonas: Gewaltige Fleischklumpen in Plastiktrögen ohne Glieder, ohne Kopf, automatisch gewartet und gefüttert. Mit Hirse aus Sahel und anderswo.

van Meeren: Und Holzschnitzereien, Masken, Figuren, echte Volkskunst. Kommt fantastisch an in Babylon. Boutiquen Galerien reißen sich um das Zeug. Haben Sie unser Schiff im Hafen nicht gesehen. Die Eurimex Queen. Gestern eingelaufen. Mit Conny van Meeren unter anderem. Und wer sind sie?

Jonas: Jonas.

van Meeren: Und weiter.

Jonas: Nur Jonas.

van Meeren: Interessant. Und was tun Sie?

Jonas: Sehen Sie doch, ich sitze in einer Kneipe in Bamballa. Trinke einheimisches Bier und überlege wie ich nach Babylon komme.

Jonas: Jonas hatte sagen können, ich bin Detektiv, der letzte Detektiv in Babylon, in Afrika vermutlich auch. Aber das sagte ich nicht. Ich weiß nicht warum.

van Meeren: Abgebrannt.

Jonas: Zu meinem Vergnügen bin ich jedenfalls nicht hier.

van Meeren: Aha. Sie machen den Eindruck als könnten Sie Bodyguarden.

Jonas: Könnte ich. Fragt sich, ob ich will.

van Meeren: Haben Sie eine Wahl?

Jonas: Warum fragen Sie?

van Meeren: Weil wir einen brauchen, einen Bodyguard.

Jonas: Sie? So sehen Sie nicht aus.

van Meeren: Die hohe Frau meine Chefin, Dr. Pretorius, Besitzerin und Generaldirektorin von Eurimex. Trauen Sie sich das zu, haben Sie Erfahrung?

Jonas: Guerillakommando auf Feuerland.

van Meeren: Immerhin. Ist zwar schon ein paar Jährchen her der antarktische Krieg, aber was besseres als Sie werden wir in Bamballa kaum auftreiben.

Jonas: Warum haben Sie sich keinen Bodyguard aus Babylon mitgebracht?

van Meeren: Haben wir ja, aber der Blödmann konnte nicht schwimmen. Heute morgen haben wir ihn tot aus dem Hafen gefischt.

Jonas: Über Bord gefallen.

van Meeren: Muß wohl. Also wenn Sie wollen, Jonas.

Jonas: Vielleicht erzählen Sie mir erst mal worum es genau geht. Was, wie lange und vor allem wie viel.

van Meeren: Nur ein Aushilfsjob, für ein paar Tage, solange wir in Sahel sind. Wir fliegen am, welchen haben wir heute?

Jonas: Sam?

Sam: Mit dem Glockenschlag pardon, vielen tausend mal pardon, mit dem Glockenschlag haben wir Boing, den 12. Juli im mehr oder weniger segensreichen Jahre des Heils oder falls gewünscht des Herrn 2012.

van Meeren: Am 15. fliegen wir zurück nach Babylon per Rakete ab Kundu.

Jonas: Warum fahren Sie nicht mit Ihrem Frachter, so wie Sie hergekommen sind.

van Meeren: Weil die Eurimex Queen schon übermorgen segelt. Das geht bei uns ruckzuck, wissen Sie, gestern abend angekommen, heute entladen, morgen belanden, übermorgen früh abfahrt. Und wir, Dr. Pretorius und ich bleiben noch ein bißchen im Lande. Dr. Pretorius ist nämlich Ehrengast des Präsidenten beim großen Festakt übermorgen in Kundu. Haben Sie sicher davon gehört. 50 Jahre Unabhängigkeit. Uhuru wie sie hier sagen.

Jonas: Uhuru. Freiheit. Freiheit zu kaufen und sich kaufen zu lassen. Hirse, die das Land dringend selber braucht und Vergangenheit, Kultur, Identität, gegen Importbier für die oberen 500, gegen Drogen, Waffen, Holocorder. Es lebe der Fortschritt. Es lebe die Freiheit.

van Meeren: Ihr Job sieht so aus, Jonas: Sie kommen morgen mit nach Kundu, passen 3 Tage auf Dr. Pretorius auf, und kriegen dafür 250 Euros und ein Raketen-Ticket Kundu-Babylon. Einverstanden?

Jonas: Warum beschützen Sie nicht ihre Chefin Herr van Meeren. Die Statur dafür hätten sie.

van Meeren: Besten dank, ich hab was anders zu tun.

Jonas: Verraten sie’s mir.

van Meeren: Ich bin der Privatsekretär der hohen Frau. Betonung auf privat. Also was ist Jonas, ja oder nein?

Jonas: Zwischen Bamballa und der Hauptstadt Kundu liegen rund 400 Kilometer Wüste. Das störte uns wenig. Die sahelische Armee hatte dem Ehrengast ihres Präsidenten einen Transporthelikopter samt Pilot zur Verfügung gestellt. Einen Sikorski Ikarus. Viel zu groß für die paar Koffer und für 6 Passagiere. Auch wenn Dr. Pretorius darunter war, die hohe Frau von Eurimex spitz und scharf innen wie außen.

Dr. Pretorius: Das ist der Mann, den Sie uns besorgt haben, Conny.

van Meeren: Ja, Chefin, Jonas, nur Jonas.

Dr. Pretorius: Interessiert mich nicht, wie er heißt. Naja. Durchschnitt.

van Meeren: Die Auswahl war nicht gerade riesig, Chefin. Ist ja nur für 3 Tage.

Dr. Pretorius: Er weiß, was er zu tun hat.

van Meeren: Im großen und ganzen Chefin, ja, das heißt…

Jonas: Ich bin nicht stumm, Ihr Sekretär hat mich als Bodyguard… sehe zu daß Ihnen nichts passiert.

Dr. Pretorius: Sicher, aber in erster Linie passen Sie auf Baby auf.

Jonas: Baby?

Dr. Pretorius: Dieser kleine Koffer. Sie lassen ihn nicht aus den Augen.

Jonas: Schwer. Was ist da drin?

Dr. Pretorius: Mein Schmuck. Nicht daß Sie das was anginge.

Jonas: Sie müssen sehr an Ihren Klunkern hängen, Dr. Pretorius, wenn Sie eigens dafür einen Bodyguard engagieren.

Dr. Pretorius: Sparen Sie sich die Kommentare, dafür bezahl ich Sie nicht. Und steigen Sie endlich ein.

Jonas: Die Frau, die schon im Helikopter saß, war das ganze Gegenteil von Dr. Pretorius. Groß, jung, weder scharf noch spitz. Der Hautfarbe nach hätte sie eine Einheimische sein können. Aber die Kleidung sagte Amerika. Vielleicht Washington.

Jonas: Wo kommen Sie denn her? Aus Washington.

Neon: Nicht ganz, New York. Neon heiß ich, ganz einfach Neon.

Jonas: Nur Neon. Sind Sie Detektivin?

Neon: Wie kommen Sie da darauf. Ich schreibe.

Jonas: Für Holo?

Neon: Nein, Bücher.

Jonas: Kriminalromane.

Neon: Ist wohl eine fixe Idee von Ihnen. Ich schreibe Reiseberichte mit Background: Politik, Geschichte, Wirtschaft. Ich schicke ihn gern mal ein Buch von mir, falls Sie lesen können.

Jonas: Nur großgedrucktes. Wie kommen Sie hierher.

Neon: Ich war oben an der Grenze im Kriegsgebiet.

Jonas: Krieg? Was für Krieg.

Neon: Sahel gegen Farasan. Die Schiffahrtsrechte auf dem Grenzfluß Tschuba. Schon seit Jahrzehnten schlagen sie sich darum. Wissen Sie denn das nicht.

Jonas: Warum sollte ich, ich bin nur zufällig hier. Und ich meinte eigentlich wie kommen Sie in diesen Helikopter. Ich dachte er ist reserviert für ihre Majestät Dr. Pretorius nebst Hofstaat.

Neon: Ich will mir die große Uhurufete in Kundu ansehen. Und weil ich weder Lust noch Zeit habe, in einem uralten Bus tagelang über Wüstenpisten zu klappern, habe ich Dr. Pretorius um einen kleinen Platz in ihrem großen Helikopter gebeten. Sehr begeistert war sie aber sie sehen sie nimmt mich mit. Was führt Sie nach Kundu.

Pilot: Anschnallen, wir starten.

Dr. Pretorius: Hey Sie Bodyguard, wie geht’s Baby?

Jonas: Bestens. Ich sitz drauf.

Jonas: 6 Passagiere. Dr. Pretorius, Neon, Privatsekretär van Meeren, Jonas. Und ein schweigsames Pärchen, das ruhig in seiner Ecke hockte. Geschäftsfreunde aus Kundu, sagte van Meeren. Die Frau kam mir bekannt vor, ich mußte sie schon mal gesehen haben. Wo wann? Es fiel mir nicht ein, egal, dachte Jonas, da dachte er falsch. Ich warf einen Blick durchs kleine Bullauge, braun-gelb-rote Eintönigkeit bis zum Horizont. Ich paßte auf Baby auf. Und ich unterhielt mich mit Neon. Von ihr abgesehen ein langweiliger Trip, dachte Jonas. Da dachte er wieder falsch. Nach etwa einer Stunde Flug wurde es interessant. Interessanter als mir lieb war. Das Pärchen wachte auf, er ging zum Cockpit, sie drehte sich uns zu. Beide hatten Laserstrahler in den Händen.

Laila: Kein Laut, keine Bewegung. Bleiben Sie ganz still sitzen.

Entführer: Wir ändern den Kurs. 200 Grad Südwest.

Pilot: Wieso. Kundu liegt doch im…

Entführer: Wir fliegen nicht nach Kundu, wir fliegen nach Sokoto in Farasan. Geben Sie den neuen Kurs ein. Los, oder. Gut so.

Dr. Pretorius. Wenn das ein Scherz sein soll, Verehrteste.

Laila: Kein Scherz, Dr. Pretorius. Wir meinen es ernst, verhalten Sie sich ruhig, tun Sie was wir Ihnen sagen. Dann bleiben Sie am Leben, vielleicht.

Jonas: Jetzt fiel es mir ein. In Kusbekistan hatte ich sie gesehen, vor anderthalb Jahren, November 2010. Auf meiner orientalischen Todestour. Sie gehörte zu den Leuten von Duna Khamal. Zur KBF, zur Kusbekischen Befreiungsfront.

Neon: Daher unser neues Reiseziel. Farasan unterstützt die KBF. Inoffiziell natürlich. In Sokoto können sich die Entführer sicher fühlen. Und in aller Ruhe verhandeln.

Jonas: Verhandeln, mit wem?

Neon: Das ist doch klar. Mit den Vereinigten Staaten von Europa. Über einen Austausch: 3 europäische Geiseln

Jonas: Und eine Amerikanerin.

Neon: Die aus Versehen in die Geschichte geraten ist.

Sam: Na und? Mitgeflogen reingezogen. Wir sitzen alle in einem Boot, Schwester, wollte sagen in einem Helikopter.

Jonas: Halt den Rand Sammy.

Sam: Weshalb so unwirsch du Knurrhahn, Sam hatte lediglich das Bedürfnis sich wieder mal in Erinnerung zu bringen, denn lange, allzu lange schon mußte er der süßen Rede ganz entsagen, der guten Rats.

Jonas: Geh mir nicht auf die Nerven, deine Zeit kommt schon. Also 4 Geiseln, Neon, gegen wen oder was?

Neon: Im Austausch gegen die KBF-Mitglieder, die in europäischen Gefängnissen sitzen. Sie haben aber auch gar keine Ahnung Jonas.

Sam: Richtig.

Jonas: Irrtum. Niemand wußte darüber besser Bescheid als ich. Schließlich hatte Jonas mitgeholfen Duna Khamal und ihr Kommando hinter Gitter zu bringen. Unfreiwillig aber maßgeblich, siehe Fall Inselklau. Den beiden Entführern war das offenbar unbekannt, ein Glück, der Mann blieb vorn beim Piloten, die Frau behielt die Passagiere im Auge. Ab und zu fuchtelte sie mit ihrem Laser herum. Sonst war sie eigentlich ganz friedlich. Wir konnten uns unterhalten. Leise natürlich.

Neon: Nehmen wir an, ich kriege einen Herzanfall.

Jonas: Sehr gut, Neon, sie wird abgelenkt. Ich nehme ihr den Laser weg, halte den Mann damit in Schach… Wird schon gehen. Was meinst du Sam.

Sam: Frage zu vage. Sam ist ein Computer. Computer meinen nicht.

Jonas: Jetzt muffelt er. Weil ich ihm vorhin übers Maul gefahren bin. So ist er. Frage ich also anders. Du hast gehört, was Neon und ich vorhaben, Sam. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß unsere Aktion klappt.

Sam: Piep. 1 zu 1, 2 zu 2, 3 zu 3, 4 zu 4, fifty fifty.

Jonas: Fifty fifty, das reicht mir. Machen Sie sich bereit Neon.

Dr. Pretorius: Augenblick mal Jonas, wollen Sie etwa versuchen die Entführer zu überwältigen?

Jonas: Genau das, Dr. Pretorius.

Dr. Pretorius: Sind Sie verrückt?

Jonas: Im Gegenteil, ich bin Experte.

Dr: Pretorius: Kommt nicht in Frage, Sie arbeiten für mich, Jonas, und ich verbiete es Ihnen, kategorisch.

Jonas: Aber ich…

Dr. Pretorius: Kein aber. Schluß der Debatte.

Jonas: Seltsam.

Neon: Sehr seltsam.

Sam: Äußerst seltsam. Extraordinär. Exorbitant. Exaltiert. Existentialistisch. Explosiv. Extravaganz. Exzentrisch. Extremistisch. Exzeptionell.

Jonas: Ex und hopp, der Flug ging weiter, Richtung Sokoto in Farasan. Dachten wir. Im Helikopter blieb es ruhig. Draußen nicht. Wind kam auf. Wir wurden durchgerüttelt, immer stärker. Vor dem Bullauge wirbelnde Muster aus Sand und Staub. Sonst war nichts zu sehen. Dafür gab’s was zu hören. Eine Unterhaltung zwischen Dr. Pretorius und ihrem Sekretär. Gedämpft und sehr interessant.

Dr. Pretorius: Ich dachte, die beiden sind von sahelischen Geheimdienst als zusätzliche Absicherung.

van Meeren: Dache ich auch, Chefin, so haben sie sich vorgestellt. Irgendwas ist schiefgelaufen.

Dr. Pretorius: Das können Sie laut sagen, Conny.

van Meeren: Laut lieber nicht, sonst hören die andern mit.

Dr. Pretorius: Mann Gott, nehmen Sie das doch nicht wörtlich.

van Meeren: Ja schon komischer Zufall, daß die gerade uns entführen.

Dr. Pretorius: Zufall, wenn Sie das glauben, Conny, dann sind Sie noch blöder als ich Sie bisher eingeschätzt habe.

van Meeren: Wenn ich so überlege, Chefin, Bißchen merkwürdig ist es schon.

Dr. Pretorius: Bißchen merkwürdig, Sie sind blöde, Sie sind wirklich blöd. Dieser Helikopter wird entführt, dieser Helikopter mit seiner ganz besonderen Fracht, und wohin, Conny, nach Farasan, ausgerechnet.

van Meeren: Meinen Sie, die wissen, was wir bei uns haben, Chefin?

Dr: Pretorius: Die Entführer, glaub ich nicht, die zeigen überhaupt kein Interesse für Baby. Aber Ihre Hintermänner in Farasan. Die sind genau im Bilde. Sie wollen Baby für sich. Möchte nur wissen, wer ihnen uns kleines Geheimnis verraten hat.

van Meeren: Mein Gott Chefin, was machen wir bloß.

Dr. Pretorius: Abwarten Conny und keine Panik. Und halten sie diesen Idioten zurück. Eine Schießerei an Bord ist das letzte, was wir brauchen. Dann geht alles hoch, Baby, wir, der Helikopter und halb Sahel.

Jonas: Der Idiot war natürlich Jonas. Der Idiot machte sich so seine Gedanken. Über Dr. Pretorius, über Eurimex und über Baby, ganz besonders über Baby. Bis mir plötzlich das Nachdenken verging. Der Helikopter ging unvermittelt in eine Art Sturzflug über, er sackte jäh ab, kurvte scharf nach rechts, dann setzte er hart auf. Alles flog durch die Kabine, Passagiere, Entführer und Baby.

Dr. Pretorius: Baby, wo ist Baby.

Jonas: Hier, Dr. Pretorius, ich hab den Koffer fest im Griff.

Dr. Pretorius: Ist ihm auch nichts passiert.

Jonas: Sieht nicht so aus. Nur ne kleine Delle.

Neon: Sehen Sie nicht zum Cockpit, Jonas, der Pilot macht seine Türe auf, ganz vorsichtig, jetzt jetzt ist er draußen.

Entführer: Halt, stehenbleiben, ich schieße. Laß die Geiseln nicht aus den Augen, Laila. Halt!

Laila: Klar.

Jonas: Der Entführer stand in der offenen Tür und schoß auf den Piloten, der verschwand im aufgewirbelten Staub. Ob er getroffen war, weiß ich nicht. Der Entführer wurde getroffen. Das weiß ich. Von einem Schuß, der draußen abgefeuert wurde. Er sackte zusammen und blieb liegen. Was war hier los. Und vor allem, wo waren wir.

Sam: Auf festem Boden, du intellektueller Blechschaden. Terra firma, wie wir Lateiner sagen.

Jonas: Man sei gedankt Sam, ein höchst profunder und hilfreicher Beitrag zur Klärung der Situation. Daß wir gelandet sind weiß ich selbst, die Frage ist wo.

Neon: In Farasan.

Jonas: Glauben Sie, Neon?

Neon: Wenn wir nur was sehen könnten. Die Schatten, die Umrisse da draußen, sind das Häuser? Ich weiß nicht. Hach, dieser schreckliche Wirbelsturm.

Sam: Präzise Sandsturm oder Kamsin, wie dies hierorts nicht eben unhäufige Naturphänomen von den Einheimischen zu bezeichnet zu werden pflegt, sofern es Sam verstattet ist die Diskussion durch eine profunde Anmerkung aus dem Bereich der meteorologischen wie auch der linguistischen Wissenschaften anzureichen.

Jonas: Wenn das alles ist, was du beizutragen hast, Sam.

Sam: Mitnichten, hohes Gericht, aller guten Dinge sind drei. Kundu.

Jonas: Kundu?

Sam: Kundu.

Jonas: Und was heißt Kundu.

Sam: Nu was wird’s schon heißen. Liebe Kinder, formulieren wir es so, daß es auch diejenigen unter euch verstehen, die mit einem Vakuum zwischen ihren Horchlöffeln geschlagen sind. Wir sind in Kundu. Kapito Kapitän. Unser Helikopter ist in Kundu gelandet. Die Straße nebst genaue Hausnummer anzugeben sieht Sam sich bedauerlicherweise nicht in der Lage. Doch scheint es sicher, daß wir uns auf militärischem Gelände befinden.

Jonas: In Kundu.

Sam: Soll ich’s auch noch buchstabieren, du Schwachwitz.

Jonas: Wo wir sowieso hinwollten.

Neon: Aber der Pilot mußte doch den Kurscomputer umprogrammieren auf Sokoto.

Sam: Durchaus korrekt, meine Gnädigste, was sich jedoch dero Holdseligkeit Kenntnis entzieht, wie auch der meines wie üblich vernagelten Meister, der uns entführt habenden Herrschaften ist die Tatsache, daß das Flugsystem dieses unseres Transportmittels mit einem geheimen Zusatzprogramm ausgestattet ist, für Notfälle wie Entführungen und dergl. äh dergleichen. Durch einen simplen Knopfdruck läßt besagtes Programm sich unauffällig aktivieren, wodurch a sämtliche sonstigen Eingaben als ungültig nicht befolgt werden b der alte Kurs beibehalten wird nach gewissen Täuschungs- und Ablenkungsmanövern als da wären Geschwindigkeitsvarianten und Kurvenflüge. Kurve… Wo war Sammy.

Jonas: Drittens. Durch das Notprogramm wird drittens.

Sam: c durch das Notprogramm wird c ein automatisches Ortungssignal abgegeben, so war das sahelische Hauptquartier über unsere Situation informiert, konnte den Flug des Helikopters verfolgen.

Neon: Bis zu unserer unsanften Landung an einer Stelle, wo das Empfangskomitee schon gewartet hat, sehr plausibel, und woher weißt du das alles, Sam.

Sam: Ach Gottchen Gottchen Gnädigste, ein vergleichsweise primitives System hat keine Geheimnisse vor Sam dem Durchdringenden, dem Scharfsinnigen, dem Allwissenden.

Jonas: Ich werd dich umbenennen in Sam den großen.

Sam: Hoffentlich.

Offizier: Achtung, hier spricht die Armee von Sahel. Sie sind umstellt. Leisten Sie keinen Widerstand. Ergeben Sie sich. Sie haben keine Chance.

Laila: Ah ja. Halten Sie Abstand, kommen Sie nicht näher, sonst schieße ich in den Treibstofftank. Die Folgen können Sie sich ausmalen.

Jonas. Eine riesige Stichflamme.

Neon: Ruhe sanft für alle.

Sam: Amen.

Dr. Pretorius: Baby, mein Gott, alles nur das nicht.

Offizier: Was verlangen Sie, nennen Sie Ihre Forderungen.

Laila: Wir brauchen einen Arzt. Dringend. Und dann Moment kann jemand von Ihnen diesen Helikopter fliegen.

Sam: Ja ich.

Jonas: Ja. Jonas konnte, Jonas war sogar Experte im Helikoptern. Aber Jonas wollte nicht. Auf festem Boden fühlte ich mich zur Zeit sehr viel sicherer. Also sagte ich nein. Wie Neon, wie Dr. Pretorius, wie van Meeren.

Laila: Ein Arzt und ein Helikopterpilot. Beeilen Sie sich.

Offizier: Geben Sie uns Zeit.

Laila: Gut, eine halbe Stunde, bis 17Uhr 40, dann geht mein Laser los, in den Tank.

Jonas: Die Entführerin wirkte ruhig, entschlossen. Die Mündung ihres Laserstrahles berührte den Treibstofftank. Wir in der Maschine hatten vorerst keine Chance was zu unternehmen. Warum hatte das Militär draußen nicht versucht, den Helikopter zu stürmen, gleich nach der harten Landung, das wäre der richtige Zeitpunkt gewesen. Mir fielen meine Gedanken von vorhin wieder ein. Jetzt teilte ich sie mit Neon und mit Sam.

Sam: Die trauen sich nicht, die Helden.

Neon: Warum?

Jonas: Aus demselben Grund, warum Dr. Pretorius verboten hat was gegen die Entführer was zu unternehmen.

Neon: Baby.

Jonas: Ja, Baby, Baby darf nichts passieren, Baby darf nicht in Gefahr kommen.

Neon: Offenbar ist Baby sehr wertvoll.

Jonas: Und explosiv. Wenn Baby explodiert, fliegt halb Sahel in die Luft, hat Dr. Pretorius gesagt.

Neon: Eine Bombe, ein sehr wertvolle Bombe.

Jonas: Eurimex kauft, verkauft, vermittelt alles.

Neon: Auch wenn’s nicht ganz astrein ist. Dafür ist Eurimex bekannt. Und Sahel führt schon lange einen Grenzkrieg mit Farasan, einen Krieg, den keine Seite für sich entscheiden kann, weil beide etwa gleich stark sind. Und gleich gut bewaffnet.

Jonas: Nehmen wir an, Sahel will den Krieg beenden, siegreich natürlich, um den 50. Jahrestag der Unabhängigkeit so richtig schön zu feiern, und darum bestellt die Regierung von Sahel bei einer skrupellosen europäischen Firma eine Waffe, eine kriegsentscheidende Waffe, eine Waffe die der Gegner Farasan nicht hat.

Neon: Und weil nach dem Völkerrecht und nach allen internationalen Vereinbarungen gewisse Waffen auf gar keinen Fall gehandelt werden dürfen und weil die UN dieses Verbot mit strengsten Kontrollen überwacht.

Jonas: Könnte Eurimex auf die Idee gekommen sein, die Waffe durch die Hintertür nach Sahel zu schmuggeln, im Handgepäck eines Ehrengastes, der mit dem Fracht ein reist, über einen kleinen Hafen, nicht gerade der übliche Weg.

Neon: Aber sicher.

Sam: Brava, Bravo, Bravissime, recht gefällig kombiniert, für Menschen gar nicht mal so übelst, nichts desto trotz und dessen ungesiebt Korrektur ungeachtet, dies dürfte der Gnädigsten eben so klar sein wie dem mich besitzenden Schrumpfkopf, hundelt es sich nicht um wohlfundiertes Wissen, vielmehr um Spekulation, um konjuntivistisches Gerätsel. Was der kühnen Konstruktion fehlt ist ein Beweis, ein haftfester faktischer Beweis.

Jonas: Sieh mal an, ein Beweis fehlt dem Herrn, was soll ich denn da tun, den sogenannten Schmuckkoffer aufmachen und nachsehen, was drin ist.

Sam: Keinesfalls Sir, eine höchstgefährliche Prozedur. Obendrein unnötig. Der Beweis ist da.

Jonas: Was? Wo?

Sam: In aller Bescheidenheit, hier in Sam. Es zeigt sich nun, wie recht eure vorausschauende Umsichtigkeit hatten, als sie angeregt durch Fall Inselklau dero demütigen Diener auf dessen inständiges Flehen mit der Installation eines Radioaktivitätsfrüherkennungsprogramm auf Geiger-Müller-Basis beschenkten.

Jonas: Radioaktivität.

Sam: In minimaler Quantität. Völlig gefahrlos. Aus dem Koffer, der bei der Landung strukturell ein ganz klein wenig lädiert wurde.

Neon: Alles klar, Baby ist eine Atombombe.

Dr. Pretorius: Bombe, ach du lieber Gott, ein winziges Sprengköpfchen für eine Boden-Bodenrakete. Kaum der Rede wert. Am besten vergessen Sie’s gleich wieder. Wir haben doch schon genug auf dem Hals, Entführer, Sandsturm, die sahelische Armee, warum wollen Sie sich zu allem Überfluß auch noch mit internationalen Problemen belasten.

van Meeren: Wie sagt ein babylonisches Sprichwort: Was ich nicht weiß, macht mich nicht radioaktiv.

Dr. Pretorius: Sie halten das Maul, Conny, ich hab nämlich nachgedacht, und mir ist was klar geworden, Sie haben uns in diesen Schlammassel gebacht, Conny, Ihnen verdanken wird, daß wir hier sitzen in akuter Lebensgefahr und nicht wissen wie’s weitergeht.
van Meeren: Wie kommen Sie darauf, Chefin?

Dr. Pretorius: Nur drei Menschen wissen, daß Baby von Europa nach Sahel transferiert wird und auf welchem Weg. Ich natürlich, der Präsident von Sahel Generalissimus Simba, und Sie, Conny van Meeren. Mein Privatsekretär, meine rechte Hand. Sie haben uns an Farasan verraten, darauf hat Farasan die Kusbekische Befreiungsfront mobilisiert und uns entführen lassen. Sie haben die Entführer an Bord gebracht als angebliche sahelische Geheimdienstleute und vorher haben sie meinen Bodyguard beseitigt und einen neuen engagiert, den sie für einen harmlosen Trottel hielten. Mich freut nur eins, Conny, daß Sie jetzt mit uns in der Scheiße sitzen.

Offizier: Achtung, wir schicken ihnen den erbetenen Arzt. Geben sie ihm freies Geleit.

Jonas: Zeit für eine Zwischenbilanz. Die Saheli waren blockiert, sie wußten, was wir bei uns hatten und wollten es unbedingt haben, einen Sturmangriff auf den Helikopter konnten sie nicht riskieren. Wegfliegenlassen konnten sie ihn auch nicht, weil dann die Farasani Baby kriegen würden. Patt. Und wir saßen auch fest, weil Laila einen Laser hatte, aber keine Piloten für den Helikopter. Wieder Patt. Jonas konnte nur eins tun, abwarten bis sich die Situation sich änderte, durch einen neuen Faktor, z.B. durch der Arzt, falls er ein Arzt war, auf jeden Fall sah er sich den angeschossenen Entführer kurz an, in der letzten halben Stunde hatte der sich verdächtig ruhig verhalten.

Arzt: Seinetwegen haben Sie mich gerufen? Der braucht keinen Arzt mehr.

Laila: Tot.

Arzt: So tot wie’s nur geht. Dr. Pretorius?

Dr. Pretorius: Ja bitte?

Arzt: Was ihre spezielle Fracht betrifft, Sie können sich denken, daß Generalissimus Simba sehr daran interessiert ist. Er wünscht zu erfahren…

Laila: Schluß, keine Unterhaltung mit den Geiseln.

Arzt: Ja aber ich wollte doch bloß…

Laila: Kein Wort mehr, raus, und sagen sie Generalissimus Simba, wenn in 5 Minuten kein Pilot…

Jonas: Zu spät, van Meeren, Madam war einen Moment nicht konzentriert, das reichte. Jetzt hat Jonas den Laser und wer den Laser hat, hat das Sagen. Stellen sie sich drüben an die Wand. Alle. Sie nicht Neon, Sie nehmen sich den Onkel Dr. vor. Klopfen sie mal kräftig ab. Er hat so eine interessante Ausbuchtung unter dem Kittel.

Jonas: Darunter war ein Knockouter. Gar nicht schlecht. Jetzt hatte auch Neon was in der Hand. Die einzige Person, der Jonas trauen konnte.

Dr. Pretorius: Wunderbar. Entführung beendet. Alles in Butter, Guter Mann Jonas, Sie sind ihr Geld wert, so, dann wollen wir mal aussteigen, wird Zeit daß wir es uns ein bißchen bequemer machen, ein anständiges Hotel, Klimaanlage, Füße hoch, ein kaltes Bier auf den Schreck, hört sich doch gut an. Wenn ich um Baby bitten dürfte. Jonas.

Sam: Du wirst doch nicht, du Puddingkopf.

Jonas: Keine Angst, Sammy, da müßte ich ja vom wilden Sandfloh gebissen sein.

Dr. Pretorius: Na los, Jonas Geben Sie mir den Koffer.

Jonas: Ich denke nicht daran, Dr. Pretorius. Baby bleibt bei mir. Vorläufig. Jonas hat was gegen wandernde Atombomben. In Afrika und sonst wo. Und dann gibt noch ein Grund. Einen triftigen Grund. Ich würde dieses Abenteuer gern überleben. Ich weiß was los ist, Neon weiß es und Sie Dr. Pretorius wissen, daß wir es wissen.

Dr. Pretorius: Ach wissen Sie, Jonas, vergeben und vergessen, das ist mein Motto.

Jonas: Rührend. Sie kommen in Teufels Küche, Dr. Pretorius, wenn Ihr schmutziger Deal mit Sahel bekannt wird. Sie haben gar keine Wahl. Sobald wir den Helikopter verlassen, Neon und ich, werden wir liquidiert.

Dr. Pretorius: Also, also sitzen wir wieder mal fest, irgendwie müssen wir doch zu einem Ende kommen, Sie führen jetzt das große Wort, Jonas schlagen Sie was vor.

Jonas: Als erstes werden wir Ballast abwerfen. Doktor, Leila, nehmen Sie den Toten, schaffen Sie ihn raus, und bleiben Sie draußen. Machen Sie die Tür auf, Neon, vorsichtig. Und Doktor, richten Sie Generalismus Simba von mir aus, für ihn hat sich nichts geändert. Er soll seine Leute zurückhalten, sonst geht der Helikopter hoch mitsamt der speziellen Fracht, für die er sich so interessiert. Mit großem Getöse und weltpolitischen Komplikationen. Sagen Sie ihm das, Doktor, mit freundlichen Grüßen von Jonas. Nur Jonas.

Jonas: Allmählich reichte es mir. Jonas hatte keine Lust noch länger festzusitzen: Außerdem wurde es wirklich Zeit, über die Sache mal gründlich nachzudenken. Hier ging das nicht, zu laut, zu unruhig, zu viele Soldaten. Ein Ortswechsel war angesagt.

Neon: Ganz meine Meinung Jonas, leider unmöglich.

Jonas: Wer sagt das, wozu haben sie ein Helikopter.

Neon: Können Sie das Ding denn fliegen, Jonas.

Dr. Pretorius: Versuchen Sie’s. Generalismus Simba wird Sie abschießen.

van Meeren: Uns mit, Chefin, vergessen Sie das nicht.

Dr. Pretorius: Mit Ihnen rede ich nicht mehr, Conny.

Jonas: Abschießen glaub ich nicht, solange Baby an Bord ist, sind wir sicher, was Sam.

Sam: Bombensicher, so sicher wie in Abrahams Schoß, Herr Oberrabbiner. Wie in Moses Hosentasche. In Noahs Schürzenzipfel. Man könnte auch sagen.

Jonas: Man könnte auch still sein und was tun zur Abwechslung.

Sam: Bitte bitte, was befielt mein Gebieter und Gebieter.

Jonas: Setzt die komplette Elektronik im Cockpit außer Gefecht. Automatische Steuerung, Radar, Kurscomputer und was sonst noch da ist.

Sam: Eure unüberbietbare Selbstüberschätzung hegen doch nicht die Absicht, den Helikopter mit eigener bloßer Hand splitterfasernackt zu fliegen, a Korrektur den Helikopter mit eigener bloßer splitterfasernackter Hand zu fliegen.

Jonas: Das ist der Plan, Sammy.

Sam: Ooo, wenn das nur gutgeht.

Jonas: Laß das meine Sorge sein, und tu was ich dir gesagt habe. Mach die Elektronik kaputt.

Sam: So richtig mit Schmackes und Puff und Knall und Bumms.

Jonas: Wenn’s dir Spaß macht, Sammy.

Sam: Und wie Pappi. So und so. Befehl ausgeführt, Herr Staffelkommandeur.

Jonas: Sehr gut, Gefreiter Sam.

Sam: Gefreiter? Wenn Jonas Staffelkommandeur ist, dann ist Sam mindestens Luftmarschall oder Generalissimus.

Jonas: Apropos. Wenn ich voll in den Sandsturm starte, kriegen Simba und seine Krieger das erst mit, wenn wir schon weg sind.

Sam: Dein Wort in Gottes Ohr. Na ja gut also in Gottes Ohr. Radar?

Jonas: Die haben nicht gerade das allerneueste. In Bamballa hab ich’s mir angesehen. Kein Problem. Den Radar tricksen wir aus, wir fliegen unten durch, so niedrig wie’s geht.

Neon: Bei einer Sicht von maximal 10 Metern. Riskant.

Jonas: Die Alternative wäre hier stehen zu bleiben und zu warten bis sie uns einkassieren. Auf geht’s.

Sam: Holloridiö. Horrido. Mast und Schotbruch. Und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel. Das heißt O2 oder auch gymnastisch Luft.

Jonas: Wie die wilde Jagd fegten wir durch die aufgewirbelten Sandsäulen, vorbei an Giebeln, Masten und Türmen, rechts, links, dann immer gerade aus. Der Sturm nahm ab, ich konnte was sehen. Wüste. Nichts als Wüste. Keine Verfolger. Soweit so gut.

Dr. Pretorius: Gut, gar nicht gut, Jonas, was haben Sie denn gewonnen durch Ihre unüberlegte Flucht. Sie werden nicht weit kommen, glauben Sie mir. Die Saheli werden Ihnen keine Ruhe lassen, sie werden Sie jagen.

Jonas: Sam?

Sam: Dein Sklave windet sich im Staube, erhabene Herrscher.

Jonas: Lagebericht, wie sieht’s aus.

Sam: Bescheiden Meister. Generalalarm für alle sahelischen Streitkräfte. Luftwaffe Panzer Marine Raketentruppe… Befehl ausschwärmen, Helikopter SHSI 19 orten.

Jonas: Und haben sie uns geortet.

Sam: Sie suchen hier, sie suchen dort, an diesem und an jenem Ort, im Wüstensand im Himmelslicht, gefunden hab’n sie uns noch nicht.

Dr. Pretorius: Nur eine Frage der Zeit, Jonas, ich kenne Generalissimus Simba, der läßt nicht locker, bis er Sie erwischt hat, und dann geht’s Ihnen schlecht. Ich geb Ihnen einen guten Rat. Stellen Sie sich freiwillig, überlassen Sie Baby dem Generalissimus, dann wird Ihnen nichts geschehen.

Sam: Ganz ganz großer Pfadfinderehrenwort.

Dr. Pretorius: Im Gegenteil, Jonas Sie werden eine Belohnung bekommen, eine hohe Belohnung, 5000 ah 10.000 Euros, Sie werden reich, Jonas.

van Meeren: 10.000 Euros lächerlich. In Farasan kriegen Sie mehr, Jonas, viel viel mehr. Das garantier ich Ihnen. Hören Sie nicht auf Dr. Pretorius, die verspricht alles und hält nichts, fliegen Sie über die Grenze, die Farasanie werden sie mit offenen Armen empfangen. Was wünschen Sie sich, eine Villa, einen Harem, eine Million auf Schweizer Konten.

Dr. Pretorius: Warum nicht gleich eine Milliarde. Sie lügen doch, wenn Sie das Maul aufmachen, Conny.

van Meeren: Ich dachte, Sie reden nicht mehr mit mir, Chefin.

Dr. Pretorius: Ich rede auch nicht mit Ihnen, Conny, ich sag Ihnen nur was ich von Ihnen halte. Erst haben Sie mich verkauft und jetzt wollen Sie auch noch Jonas verkaufen. Glauben Sie ihm nicht, Jonas, fliegen Sie nach Kundu zurück.

van Meeren: Nach Farasan, Jonas, fliegen Sie nach rechts. Rechts.

Jonas: Und so weiter. Das Gezeter fing an mir auf die Nerven zu gehen. Vor uns am Horizont eine Steinwüste, kein Mensch, keine Pflanze, kein Wasser, nur Felsen und Sand. Ich landete kurz und schmiß die beiden raus. Vielleicht hätte ich das schon in Kundu tun sollen. Aber hier hatten sie es schwerer. Strafe muß sein. Als ich abhob prügelten sie aufeinander ein. Angenehmen Aufenthalt.

Sam: Ah endlich allein.

Jonas: Allein? Neon und Jonas.

Sam: Und der liebe gute Sam. Anrührend. Eine rechte echte Familie. Vater Mutter Kind.

Neon: Nicht zu vergessen Baby.

Sam: Und hier meine Damen und Herren Abgeordneten steht das gewichtige Problem mitten im Raume, erhebt die große Frage ihr brennendes Haupt, was tun was tun mit Baby.

Jonas: Am liebsten Klappe auf und raus, wie Dr. Pretorius und van Meeren, aber das ist nicht drin.

Neon: Im Sand eingraben oder in den Bergen verstecken.

Jonas: Alles viel zu unsicher. Es geht ja nicht nur darum, Baby los zuwerden, das ist nicht schwer.

Neon: Wir müssen auch verhindern, daß die Bombe in falsche Hände kommt.

Jonas: Und wir müssen uns absichern, zusehen daß wir heil aus der Geschichte rauskommen, das heißt erst mal aus Sahel.

Sam: Schwierig eure Tüdeligkeit. Wie das jetzt aussieht sitzen wir voll in der Falle. Die Grenze ist dicht. Der Luftraum drüber auch. Flak, Raketen, Jägerpatrouillen. All über all auf den Tannenspitzen. Falle zu Ratte tot.

Jonas: Soweit sind wir noch nicht, Sammy, es wird uns schon was einfallen.

Sam: Ja, dann sollten wir uns aber beeilen, Herr Hilfsnachtwächter. Denn siehe es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget.

Jonas: Jonas flog weiter und dachte nach. Neon dachte auch nach und Sam sowieso. Mir fiel nichts ein, dafür fiel mir was auf. Unten auf dem Erdboden: ein unendlich langer Strich in der Landschaft. Ich ging tiefer.

Neon: Das ist die Piste, die Straße durch die Wüste von Kundu nach Bamballa.

Sam: Bzw. von Bamballa nach Kundu. Immer präzis gell.

Neon: Ein Lastzug.

Jonas: Der steht.

Sam: Der auch?

Neon: Der Fahrer hat wohl gehalten, um den Sandsturm abzuwarten.

Jonas: Jetzt schläft er im Führerhaus.

Neon: Container hat er geladen für Bamballa.

Jonas: Ich hab ne Idee.

Neon: Ich auch Jonas.

Sam: Und Sam schon lange.

Jonas: 12 Stunden später. Vormittag. In Kundu ging es los das große Fest, 50 Jahre Uhuru 1962-2012. Menschen über Menschen auf dem riesigen Areal vor dem Nationalpalast. Fahnen, Spruchbänder, pflichtschuldiger Jubel für die großen Führer des sahelischen Volkes. Generalissimus Simba, der winkte huldvoll vom Balkon. Ein Brummen in der Ferne, es kam näher, wurde lauter. Ein Helikopter SHSE19. Das stand groß und weiß auf der Unterseite. Darüber das Emblem der sahelischen Armee: schwarzer Elefant unter grüner Palme auf gelbem Grund. Der Helikoper drehe eine Runde und schwebte dann über dem Nationalpalast. Neon und Jonas nickten sich zu. Ein bißchen nervös aber entschlossen das Spiel zu Ende zu spielen: Sam machte uns eine Sprechfunkverbindung mit dem Generalismus.

Simba: Ich weiß wer Sie sind, Jonas, Sie haben Baby, Baby gehört mir. Ich hab dafür bezahlt, viel Geld. Kommen Sie runter, ich will mein Eigentum.

Jonas: Sichern Sie uns freien Abzug ins Ausland zu, Generalissimus.

Simba: Was Sie wollen, auf der Stelle, kommen Sie, kommen Sie, bringen Sie mir mein Baby.

Jonas: Nicht so schnell, wir verlangen Garantien.

Simba: Von mir aus, ich verspreche alles.

Jonas: Steigen Sie zu, Generalismus.

Simba: Was?

Jonas: Kommen Sie zu uns in den Helikopter. Wir lassen ihnen eine Strickleiter runter. Dann können wir reden.

Simba: Kommt nicht in Frage. Wozu? Reden können wir auch so. Sie kommen zu mir. Landen Sie sofort, sonst laß ich Sie abschießen.

Jonas: Das liegt bei Ihnen, Generalismus, wenn sie Ihr großes Fest unbedingt mit einem atomaren Feuerwerk abschließen wollen.

Simba: Also gut, schieß ich Sie nicht ab, aber in den Helikopter komme ich nicht.

Jonas: Ich muß darauf bestehen, Generalissimus.

Simba: Sie können mich nicht zwingen.

Jonas: Wollen wir wetten. Wenn ich den Helikopter auf Ihren Nationalpalast fallen lasse.

Simba: Dann sind Sie tot, Jonas.

Jonas: Sie aber auch, Generalissimus, und ihr jubelndes Volk, der Palast ist kaputt, ganz Kundu ist kaputt, von Sahel bleibt nicht viel übrig.

Simba: Lassen Sie die Leiter runter.

Jonas: Wir ließen die Strickleiter runter, und dann hievten wir sie hoch mitsamt dem Generalissimus. Keine leichte Arbeit. Exzellenz hatten erhebliches Übergewicht.

Simba: Hier bin ich.

Neon: Wissen Sie, Jonas, wie die Saheli ihren Präsidenten nennen, nicht Simba, Löwe, Combe, das heißt Bier.

Jonas: Ich bin sicher er trink nur Import, kein Stern von Sahel. So, Tür zu, Neon.

Neon: Wird gemacht.

Jonas: Schnallen Sie sich an, Generalissimus.

Simba: Was soll das. Halt, bleiben Sie, das ist nicht vorgesehen.

Jonas: Von uns schon, Generalissimus.

Simba: Wo fliegen wir hin.

Neon: Zur Grenze, Generalissimus. Sie werden ihre Truppen anweisen, den Helikopter passieren zu lassen.

Simba: Ja das hätten Sie gern. Warum sollte ich.

Jonas: Weil Sie noch eine zeitlang Bier trinken möchten.

Neon: Außerdem wollen Sie was von uns.

Simba: Baby, wo is baby.

Jonas: Nicht an Bord, Generalissimus.

Simba: Sie haben mich angelogen.

Jonas: Nicht doch Generalissimus.

Neon: Wir haben nicht behauptet, daß wir Baby noch bei uns haben.

Simba: Versteckt haben Sie Baby, wo?

Jonas: In Sahel.

Simba: Natürlich in Sahel. Über die Grenze wären Sie nicht gekommen. Wo in Sahel.

Neon: Das verraten wir Ihnen, wenn wir die Grenze hinter uns haben.

Simba: Kann ich mich darauf verlassen.

Jonas: Sie können.

Neon: Unser Ehrenwort, Generalissimus.

Jonas: Wir kamen sicher über die Grenze. Nicht die Grenze zu Farasan. Da wären wir vom Regen in die Traufe geraten. Die Grenze zu Solaria, ein Staat, der mit Sahel und Farasan wenig am Hut hat, um so mehr mit Europa, weil von da viele Touristen nach Solaria kommen, um sich an den berühmten weißen Strand zu legen, unter die berühmten grünen Palmen. Außerdem hat die Atomwaffenkontrollkommission der UN ein Büro in Solaria.

Simba: Ihr Ehrenwort, Sie haben mir Ihr Ehrewort gegeben.

Neon: Und das halten wir auch.

Simba: Dann sagen Sie mir wo Baby steckt.

Jonas: Mit Vergnügen, Generalissimus, und nicht nur Ihnen. Sam?

Sam: Kann es denn war sein, wirklich wahrhaftig wahr, Sam wird wieder gebraucht. Hallejula. Halleluja. Lobe den Herr.

Jonas: Dein Herrn loben kannst du später, Sam. Jetzt mach mir eine Verbindung nach Solaria zur UN.

Sam: Jawohl Herr Cheftelegraphist. Zack Zack. Verbindung steht.

Jonas: Folgende Mitteilung: Achtung. Frachter Eurimex-Queen heute morgen in Bamballa ausgelaufen, Ziel Babelshaven, Europa, an Bord Atomsprengkopf, der illegal in Sahel eingeführt wurde. Sprengkopf befindet sich in Koffer, Koffer befindet sich in Container E4, Inhalt sahelische Holzschnitzereien, empfehle Sofortmaßnahmen, Frachter stoppen, entern, Sprengkopf sicherstellen. Stop.

Sam: Stop. Mitteilung unterwegs.

Simba: Sie… reingelegt haben Sie mich, ich werde Sie…

Neon: Sie werden ganz friedlich sitzen bleiben, sonst geht mein Knockouter los.

Simba: In Sahel haben Sie gesagt, in Sahel haben Sie Baby versteckt.

Neon: Jawohl das haben wir. Direkt an der Piste Kundu-Bamballa. Gestern abend in einem Lastzug, genauer gesagt in einem Container auf dem Lastzug.

Jonas: Eurimex Queen E4 stand auf dem Container. Und das brachte uns auf die Idee. Jonas landete den Helikopter in einiger Entfernung, wir schlichen uns an, Neon und ich, machten vorsichtig den Container auf, packten Baby zwischen die Volkskunst, machten den Container wieder zu, dann weckten wir den Fahrer, damit er pünktlich nach Bamballa kam, und die EURIMEX Queen am nächsten Tag planmäßig segeln konnte. Übernachtet haben wir übrigens in den Bergen, auf einem unzugänglichen Hochplateau. Tja, das wär’s dann wohl. Fall abgeschlossen.

Sam: Hey Moment mal, so geht’s ja nicht, da ist noch einiges zu klären. Zum Bleistift.

Jonas: Mach du das, Sammy, Jonas hat’s eilig. Eine Verabredung mit Neon. Mit der kann man nicht nur Pferde stehlen oder Atombomben verstecken. Wir haben beschlossen, ein paar Tage in Solaria zu bleiben und uns näherzukommen. Bis dann Sammy.

Sam: Ja und nu? Hä? Weg ist er. Und während der Herr und Meister sich vergnügt muß der Knecht schuften. So ist das. Immer so gewesen. Der Lauf der Welt. Naja. Dann wollen wir mal die losen Enden aufwickeln. Mit Musik. Denn damit geht bekanntlich alles besser. Fangen wir an mit Generalissimus Simba, der blieb auch in Solaria, allerdings unfreiwillig. Während seiner Abwesenheit hatten die Saheli Revolution gemacht und ihn gestürzt. Dr. Pretorius tauchte nach einer Woche aus der Wüste auf, gesund munter wohlgenährt, ja und allein. Von Cornelis van Meeren hat man nie wieder was gehört. Baby wurde gefunden und von der UN in Gewahrsam genommen. Und dann kehrte man die ganze Geschichte unter den Teppich, naja weil sie sonst zu peinlich geworden wäre für Sahel, für Farasan und für die Firma Eurimex. Tja, und Jonas, der legte sich mit Neon an, Korrektur der legte sich mit Neon an den berühmten weißen Strand unter die berühmten grünen Palmen, und wie er da lag war er schon mitten im nächsten Fall. Und es ging wieder los. Das Rennen und jachern und detektieren oder heißt es detektivieren. Na igel äh egal. Nichts mit ausruhen und sich näher kommen. Armer Jonas, ach was heißt armer Jonas. Geschieht ihm ganz rechts, äh links na mittendurch ah Ende.

Das war Eurobaby. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski. Es wirkten außerdem mit: Evelyn Hamann, Jutta Speidel, Günther Sauer, Reinhard Glemnitz und viele andere (Sibylle Nicolai, Peter Bertram, Michael Gahr, Hans Peder Hermansen). Ton und Technik: Irene Thielmann und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Werner Klein. (Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks) (1990). (Redaktion: Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Euromüll

Stimme: Jonas, hilf mir, Jonas, bitte, bitte hilf mir! Hilf! Jonas! hilf! Jonas, bitte bitte hilf mir! Jonas, bitte. Jonas, bitte hilf mir, Jonas!

Jonas: Judith ruft mich. Sie ist in Gefahr. Sie braucht Hilfe. Wo ist Sie? Wo bin ich? Ich wachte auf. Ich war in Afrika. Ich hatte geträumt. Aber da rief immer noch jemand.

Tou-Po 1: Jonas! Hilfe! Hilf mir Jonas. Hilfe! Machen Sie auf, Jonas, schnell!

Jonas: Nicht Judith. Die war zu Hause in Babylon. Ein Mann.

Neon: Jonas, laß das, Jonas jetzt steh doch auf! Da ist einer an der Tür!

Jonas: An der Tür. Vor unserem Bungalow. In der Hotelanlage am Meer. Unter Palmen. Mitten in der Nacht. Ein Radaubruder. Wußte der nicht, daß Jonas Urlaub hatte?

Tou-Po 1: Jonas! Um Gottes Willen, Hilfe! Hilfe! Ah!

Jonas: Nein, ich will das nicht, ich hab frei.

Neon: Was ist Jonas?

Jonas: Ach, hier liegt einer, Neon, direkt vor der Tür.

Neon: Tot?

Jonas: Total.

Neon: Die haben ihn umgebracht.

Jonas: Die waren zwei kräftige Männer, die hinten im Schatten verschwanden. Schwarze Haut in himmelblauen Uniformen. Sehr auffällig. Sehr verdächtig.

Jonas: Die haben ihn nicht umgebracht, Neon, jedenfalls nicht hier und nicht jetzt.

Neon: Wieso?

Jonas: Einschuß in der linken Brust.

Neon: Na bitte.

Jonas: Und kein Blut, kein einziger Tropfen. Im Nacken Blutergüsse, sogenannte Leichenflecken, der Typ liegt aber auf dem Bauch, außerdem treten Leichenflecken erst Stunden nach dem Tod auf.

Neon: Hmh.

Jonas: Jonas ist kein Pathologe, aber ein bißchen Bescheid mit so was muß ein Detektiv wissen, und Jonas ist Detektiv. Der letzte Privatdetektiv. Wohnhaft und tätig zu Babylon, Vereinigte Staaten von Europa, zur Zeit aushäusig in Urlaub und lustlos.

Neon: Der Mann ist also schon eine ganze Zeit lang tot.

Jonas: Mit Sicherheit.

Neon: Dann kann er ja auch nicht gerufen haben.

Jonas: Sehr gut mein lieber Watson.

Neon: Aber das Geschrei und der Schuß.

Jonas: Theater, Neon, alles Theater. Die zwei Himmelblauen haben uns einen toten Mann vor die Tür gelegt, sie haben ein bißchen gebrüllt, gebollert, in die Luft geschossen.

Neon: Und warum?

Jonas: Woher soll ich das wissen. Vielleicht hat er die Erklärung bei sich, unser schweigsamer Besucher.

Neon: Du meinst den Briefumschlag unter seiner linken Hand. Oh, Für dich, Jonas.

Jonas: Tatsächlich. Da steht Jonas.

Neon: Und was ist drin?

Jonas: Nichts. Ein kleiner Schlüssel aus Blech, auf der einen Seite ist eine Zahl eingestanzt, 227.

Neon: Hm.

Jonas: Auf der anderen Seite steht: Aerodrom Sabac.

Neon: Ein Schließfachschlüssel. Schließfach 227 im Flughafen von Sabac.

Jonas: Vermutlich.

Neon: Was wirst du tun, Jonas. Fährst du nach Sabac?

Jonas: Nein. Jonas wollte nicht nach Sabac fahren. Jonas wollte sich erholen mit Neon, der schönen dunkelhäutigen Autorin aus den USA. Wir hatten uns beim Fall Eurobaby kennengelernt und als der glücklich zu Ende gebracht war, hatten wir beschlossen, ein paar Tage Ferien zu machen, in Solaria, dem beliebten afrikanischen Staat, in den so viele Touristen fahren. Weißer Strand, grüne Palmen und relativ saubere Umwelt. Wir wollten für uns bleiben, Neon und ich.

Jonas: Und jetzt so was. Ärgerlich. Komm wieder ins Bett Neon.

Neon: Aber wir müssen doch etwas tun, Jonas.

Jonas: Morgen, Neon, morgen denken wir in Ruhe über alles nach.

Neon: Und jetzt willst du gar nichts unternehmen?

Jonas: Doch, den Nachtportier anrufen.

Portier: Ja bitte?

Jonas: Jonas Bungalow 12a.

Portier: Was können wir für Sie tun, Herr Jonas, eine neue Flasche Scotch, frisches Eis?

Jonas: Keine schlechte Idee, aber deshalb ruf ich nicht an, vor meiner Tür liegt ein Toter.

Portier: In der Tat, Herr Jonas?

Jonas: Lassen Sie ihn wegschaffen.

Portier: Wird sofort erledigt, Herr Jonas.

Jonas: Am nächsten Morgen hörten wir mehr, wir saßen beim Frühstück, der Nachtportier erschien, sah sich um, kam an unseren Tisch.

Portier: Die Leiche ist fort, meine Herrschaften.

Jonas: Haben wir gemerkt.

Portier: Ganz und gar fort meine ich. Nicht mehr im Hotel. Die Tou-Po hat sie abgeholt.

Jonas: Tou-Po.

Portier: Ja, die Tourismuspolizei. Na Sie wissen doch meine Herrschaften, wir in Solaria leben vom Tourismus. Und deshalb gibt’s die Tou-Po, eine Sondertruppe mit Sondervollmachten. Sie untersteht nicht dem Innenministerium wie die normale Polizei, sondern dem Ministerium für Tourismus und Fremdenverkehr.

Jonas: Ach ja, sagen Sie mal, tragen die Bullen von der Tou-Po vielleicht blaue Uniformen?

Portier: Jawohl, Herr Jonas, himmelblau. Ich darf Ihnen das eigentlich nicht sagen, Herr Jonas aber Sie sind ein geschätzter Gast unseres Hauses.

Neon: Soll heißen ein großzügiger Bakschischspender.

Jonas: Jonas war wieder flüssig. Im ominösen Eurobabyhelikopter hatte ich was gefunden, ein Päckchen Euronoten, aus dem Besitz der Firma Eurimex. Das hatte ich beschlagnahmt. Als Honorar und Schmerzensgeld und als Urlaubskasse.

Portier: Die Tou-Po war schon mal hier, Herr Jonas, gestern am frühen Morgen, hat sich nach Ihnen erkundigt, ob Sie noch bei uns logieren, wie lange Sie zu bleiben gedenken. Vielen Dank, Herr Jonas. Immer gern zu Diensten.

Jonas: Das gefiel mir nicht, wie’s aussah wurde aus der Geschichte ein Fall, einer der unangenehmen Sorte, kein Klient, kein Honorar, dafür massenhaft Ärger, aber vielleicht kam ich doch noch raus, mit der bewährten Vogelstraußmethode oder mein ich die drei Affen, nichts hören, nichts sehen, Kopf in den Sand, letzteres wortwörtlich, nach dem Frühstück legten wir uns an den Strand. Neon und ich, den Schlüssel nahmen wir mit, Sam auch. Den hätten wir besser zuhause lassen sollen.

Sam: Völker der Welt, schaut auf diesen Strand, schaut wie ein armer kleiner unschuldiger Computer taktiert wird, wie man ihn mißhundelt, martert, malträtiert, schaut ihn an, brutal in glühend heißen Sand gesteckt. Gnadenlos den brennenden Strahlen der Tropensonne preisgegeben. Einen Sonnenstich könnte ich kriegen.

Jonas: Den hast du schon, Sammy.

Sam: Oder einen Sonnenbrand. Oder die ekligen Moskitos pieksen mich zu Tode.

Jonas: Darüber würde ich mir keine Sorgen machen. Wenn ich in einer Schale aus spezial gehärtetem Kunststoff steckte.

Sam: Ich bitte Sie Herr Nachbar, das ist äußerlich, rein äußerlich, doch wie’s dar rinnen aussieht.

Jonas: Wollen wir gar nicht wissen, Sam, hör auf zu quengeln.

Sam: Meine Chips fangen an zu schmoren und mein Hals ganz trocken, ausgedörrt.

Jonas: Du hast keinen Hals, Sammy.

Sam: Sei nicht so kleinlich du kaltherziger Korinthenkacker.

Jonas: Sam ist mein Computer, in Taschenausgabe ständig bei mir. Von wegen Rat und Hilfe. Sam mag keine Sonne. Jonas mag er in maßen. Was er am liebten mag ist reden, schnattern, quasseln, querulieren.

Jonas: Was spricht der Dichter quäle nie ein Tier mit Schmerz.

Neon: Du spinnst, Sammy, du bist ein Computer ein Ding aus Metall und Plastik. Schlag- und stoßgesichert und absolut temperaturunabhängig.

Sam: Ach. Nicht einmal die Gnädigste versteht den armen Sam, naja so muß er denn allein und unverstanden seines Weges ziehen und leiden leiden leiden.

Jonas: Wenn du unbedingt leiden willst, Sam, dann tu’s leise. Neon, da hinten auf der Düne das Fahrzeug.

Neon: Ein Beachbuggy mit Spiritusantrieb. Toll. Eine echte Antiquität. Also bei uns gibt’s so was schon lange nicht mehr.

Jonas: Bei uns auch nicht, aber ich meinte eher die Insassen.

Neon: Blau, himmelblaue Uniformen. Tou-Pos.

Sam: Tou-Pos.

Jonas: Sie kommen hierher.

Neon: Jonas was tust du?

Jonas: Buddeln im Sand, sie dürfen den Schlüssel nicht finden.

Neon: Sam gräbst du am besten auch gleich ein, damit sie ihn nicht aufbrechen.

Sam: Im Namen der Menschlichkeit verwahre ich mich auf das entschiedenste.

Tou-Po 2: Aufstehen, Hände hoch, Beine auseinander.

Neon: Wer sind Sie?

Tou-Po 1: Toupo. Sondereinsatz. Los hoch oder wir machen euch Beine.

Neon: Was wollen Sie von uns, wir sind Touristen, Gäste.

Tou-Po 2: Halts Maul.

Jonas: Es folgte eine doppelte Leibesvisitation. Gründlich und ausgesprochen grob. Dann zertrampelten sie unseren Picknickkorb und zogen ab. Gefunden hatten sie nichts. Das wunderte mich. Im Beachbuggy war ein Metalldetektor. Warum hatten sie den nicht eingesetzt. Einen Schlüssel im Sand zu verstecken war schließlich keine so unerhörte Idee. Merkwürdig. Noch merkwürdiger wurde uns als wir zum Bungalow zurückkamen: Hier waren sie auch gewesen und sie hatten alles kaputtgeschlagen was Neon und Jonas gehörte. Ein Chaos.

Sam: Tohuwabohu. Kraut und Rüben. Grönende Verwüstung. Die spinnen, die Tou-Pos.

Jonas: Jetzt reicht’s. Jonas wird aktiv. Wir besorgen uns einen Mietwagen und fahren nach Sabac. Zum Aerodrom. Wir machen das Schließfach auf und sehen nach was drin ist.

Neon: Wir, was heißt wir, Jonas?

Jonas: Willst du nicht mit, Neon?

Neon: Doch Jonas, nach Sabac fahre ich mit bis zum Präsidentenpalast und da steige ich aus.

Jonas: Warum?

Neon: Um ein seit langem abgesprochenen Interview zu machen. Mit Mama Macumba, der Präsidentin von Solaria. Und danach fliege ich nach Hause. Um das Schließfach mußt du dich jetzt schließlich alleine kümmern Jonas. Der Umschlag war für dich, nur für dich, mich geht die Sache nichts an.

Jonas: Und Eurobaby, Neon, hat du vergessen.

Neon: Eurobaby war anders Jonas, da steckte ich mittendrin.

Jonas: Jetzt doch auch.

Neon: Jetzt kann ich aussteigen, und genau das hab ich vor.

Jonas: Sabac ist die Hauptstadt von Solaria, 100 km landeinwärts über eine ordentliche Autostraße, rechts und links Steppe, dann hohe Sichtblenden, dahinter unendliche Elendsviertel. Hier hausen Millionen, wie viele genau weiß keiner, keiner kann sie zählen. Schließlich die eigentliche Stadt. Hochhäuser. Verstopfte Straßen. Ich hielt vor dem Präsidentenpalast. Ein ummauerter Gral mit vielen Rundnöten. Sehr afrikanisch.

Neon: Das ist ihr Stil. Mama Macumba liebt die Tradition.

Jonas: Einschließlich Kannibalismus.

Neon: Ach.

Jonas: Hab ich mir sagen lassen.

Neon: Das ist doch nur ein Gerücht.

Jonas: So. Und daß sie eine Medizinfrau ist, daß sie hext und zaubert und Geister beschwört, daß sie mehr als 100 Jahre alt ist und sich durch Affendrüsen jung hält.

Neon: Alles Gerüchte. Sie ist uralt, das ist wahr. Und sie ist groß, unförmig dick. Eine lebende Legende und eine sehr interessante Frau. Ich freu mich auf das Interview. Die Zeit mit dir war auch sehr interessant, Jonas. Sei vorsichtig.

Jonas: Im Aerodrom von Sabac war es fast so voll wie auf den Straßen. Bleiche Touristen nach der Landung, braungebrannte vor dem Abflug. Im Schließfach 227 lag nur eine schmale Pappschachtel. Als ich sie einsteckte, spürte ich plötzlich Augen im Nacken. Ich drehte mich um. Mehrere himmelblaue Schlachtschiffe pflügten sich durchs Touristenmeer. In Richtung Jonas. Was tun. Sam wußte Rat.

Sam: Da hätten wir ja was wir brauchen, ein herrenloser Rucksack, auf demselben Sonnenhut nebst Sonnenbrille, in demselben, darauf verwettet Sam seine letzten Speicherplättchen kurze Hose, buntes Hemde.

Jonas: Und was soll ich damit?

Sam: Erbarmung, was ist er doch blöd mein Mensch, schnapp dir das Zeug.

Jonas: Du meinst ich soll den Rucksack stehlen.

Sam: Und pingelig ist er auch noch. Was sagt Sokrates der greise, der weise Greis: Not kennt kein Gebot. Klau sonst gehst du tot.

Jonas: Das ist ein Argument. So, und jetzt.

Sam: Ja was jetzt, na ab ins nächste öffentliche WC, nach Möglichkeit eins für Herren männlichen Geschlecht, und siehe dorten wird ein gewöhnlicher Sterblicher sich metamorphisieren zu einem Touristen und er wird sich eingliedern in den Strom seiner soeben eingetroffenen Brüder und Schwestern. Und sich in so gewonnener Unsichtbarkeit hinausschwemmen lassen aus dieser Halle.

Jonas: Bis dahin wo der Bus ins Zentrum abfuhr. Und im Zentrum ging ich ins nächste große Hotel. Ich nahm mir ein Zimmer, ließ mir einen Whisky bringen und was zu essen. Und dann machte ich die Pappschachtel auf.

Sam: Na Chef, was ist drin. Kokain, Heroin, Solipsin, Diamanten, Brillianten…

Jonas: Tut mir leid Sammy nichts besonders, zwei Blatt Papier und eine Tonkassette.

Sam: Papier beschrieben?

Jonas: Ja bzw. bedruckt.

Sam: Na lies schon vor, lahmarschige Languste, machs nicht so spannend.

Jonas: Vorsicht Sammy, sonst schalt ich dich ab und steck dich in den Müllschlucker.

Sam: Vorlesen o du mein Herr und Gebieter. Bitte bitte.

Jonas: Na gut. Vertrag. Für zu leistende Dienste, Klammer auf, Spezifizierung wie per Fon besprochen, Klammer zu, erhält Herr Tom Oyama, Minister für Tourismus und Fremdenverkehr der Republik Solaria von der Firma BABtours, Babylon Vereinigte Staaten von Europa, die vereinbarte Summe von EUROS 300.000. Babylon/Sabac, den 13. April 2012. gez. Tom Oyama, Minister usw. usw. gez. Dr. Wellenlin P. Clipp, Generaldirektor BABtours… Na Sammy, was sagt du.

Sam: Ich, naja auf einem Bein kann man nicht stehen. Volksweisheit. Ersuche um Vorlesung Blatt zwo.

Jonas: Da ist nichts vorzulesen, Sam. Blatt zwo ist eine Bankquittung.

Sam: Aha.

Jonas: Die Bank für Ost- und Zentralafrika bestätigt Einzahlung von 300.000 Euros auf Kontonummer soundsoviel, Tom Oyama privat durch Kontoinhaber am 13. April 2012.

Sam: Na ja, aller guten Dinge sind drei. Nun steh nicht in der Landschaft rum wie die weithin berühmte Salzstange von Dali.

Jonas: Die wer?

Sam: Schieb die Kassette in den hoteleigenen Rekorder. Dalli Dalli.

Jonas: Wenn ich nicht selber so neugierig wäre, Sammy, ach ne.

Clipp: Wir sind uns einig, Minister? Alles klar, Dr. Clipp, ich halte in dieser Saison Ihrer Firma die besten Hotels frei, insgesamt 18.000 Betten, und Sie zahlen mir dafür 300.000 Euros. Nicht gerade viel. Erlauben Sie mal, für eine Sache, die Sie nur ein Lächeln kostet. Sie vergessen Mama Macumba, von allen Nebeneinnahmen ihrer Minister kriegt sie 50%. Eiserne Regel. Sie braucht ja nichts zu erfahren von unserem Deal. Wir halten dicht, Minister. Gut, aber ich muß Geld und Vertrag noch heute in der Hand haben. 13. April 2012. OK, Minister, wir faxen Ihnen den Vertrag runter, sie unterschreiben und faxen ihn zurück. Und das Geld weisen wir Ihnen an. Nix Anweisung, in Bar bitte. Wir schicken einen Lokalmanager von Samacom. Mit einer dicken Aktentasche. Wie Sie wollen, Minister Oyama. Bis dann.

Jonas: Tja, das ist es also, Herr Minister Oyama läßt sich bestechen.

Sam: Ja, von BABtours, dem größten Reiseunternehmen in Europa.

Jonas: Und weil er nicht will, das was rauskommt, hat er seine Toupo drauf angesetzt. Soweit eine ganz normale Geschichte. Nur eins ist nicht normal, wie ist Jonas da reingeraten. Was geht es mich an, daß irgendein Minister in irgendeiner afrikanischen Bananenrepublik sich schmieren läßt.

Sam: Ja, berechtigte Question.

Jonas: Weißt du was Sammy, ich geh zu diesem Oyama. Ich leg ihm das Zeug vor und trag die Sache mit ihm aus. Er soll seine Kettenhunde zurückpfeifen. Ich will noch was von meinem Urlaub haben.

Sam: Daccord Maitre, doch sei’s verstattet einen ganz bescheidenen Verbesserungs-vorschlag einzubringen. Zeug vorlegen gut und schön, aber nicht die Originale. Kopien. Und um solche anzufertigen, bietet uns dieser mit jedem Komfort unserer Zeit ausgestattete Hotelraum alles notwendige dar: Papierkopierer, ein Doppel-kassettendeck, dazu eine Fülle von Musikkassetten. Für den erlesen Geschmack.

Jonas: Sieh mal hier, Sammy: Randy Orgas und Fuck the Ducks ihre Größten Hits. Der gute alte Randy Orgas selig, wann war die Requiemgeschichte, vor zweieinhalb Jahren.

Sam: November 2009 euer Verschwommenheit. Doch lassen wir die ollen Kamellen. Ans Werk. Kopier das Fongespräch auf die Orgaskassette und das Original tust du in die Orgashülle. Da findet’s kein Schwein.

Jonas: Und die Papiere.

Sam: In den hohlen Handtuchhalter im Bad, Mann. Denn wisse o Beherrscher der Gläubigen, die alten Tricks sind immer noch die besten.

Jonas: Es war als ob man Jonas erwartet hatte, ich sagte dem Portier im Ministerium meinem Namen und schon gingen alle Türen auf, auch die zum Privatbüro von Minister Oyama: ein hoher Raum, holzgetäfelt, leer bis auf einen Schreibtisch, eine AV-Anlage und eine altmodische Speicherkonsole, die mir irgendwie bekannt vorkam. Davor der Minister. Wie sieht ein Minister aus? Richtig. Wohlgenährt, vertrauenerweckend, durch und durch unecht, und schwarz. Wir waren in Afrika. Oyama war nicht allein, in einer Ecke drückte sich ein unterwürfiges Männlein mit Rastalocken herum.

Oyama: So, Jonas.

Jonas: Nur Jonas.

Oyama: Auch das. Was wollen Sie.

Jonas: Ein Gespräch unter 4 Augen.

Omaya: Mein Mitarbeiter Herr Mostafa Rashid, er besitzt mein volles Vertrauen.

Jonas: Meins nicht.

Oyama: Das wird er verschmerzen, was Rashid.

Rashid: Gewiß, Herr Minister.

Oyama: Was wollen Sie Jonas.

Jonas: Ich zeigte ihm, was ich gefunden hatte. Er besah sich die Blätter, hörte in die Kassette rein, dann hob er mir die Sachen über die Tischplatte zurück.

Oyama: Stecken Sie das Zeug wieder ein, Jonas. Ich kaufe nicht.

Jonas: Moment mal, Sie irren sich.

Oyama: Glaub ich kaum. Wir wissen was wir von Ihnen zu halten haben, was Rashid.

Rashid: Das wissen wir, Herr Minister.

Oyama: Sie sind ein Erpresser, ein mieser kleiner europäischer Erpresser. Auf irgendeine Weise haben Sie sich dieses Material beschafft und nun…

Jonas: Nein, die Sache läuft ganz anders…

Oyama: Sie können sich jedes weitere Wort sparen, wir glauben Ihnen sowieso nicht, was Rashid?

Rashid: Keine Silbe, Herr Minister.

Oyama: Aber Sie, Sie sollten mir glauben, Jonas, wenn ich Ihnen jetzt was sage, falls Sie vorhaben sich weiter mit dieser Sache abzugeben und Ihre käsige Nase weiter in meine Privatangelegenheiten zu stecken, dann denken Sie darüber lieber noch mal nach. Es könnte Ihnen passieren, daß Ihnen die Nase dabei abhanden kommt. Und auch sonst noch dieser oder jene andere Körperteil. Und jetzt raus.

Jonas: Das war schief gelaufen. Warum wußte ich nicht. An mir hatte es jedenfalls nicht gelegen, ich war stinksauer, so geht niemand mit Jonas um, auch kein Minister, erst recht kein Minister. Ich hob den rechten Arm und zeigte Oyama meinen Mittelfinger. Das verdroß ihn.

Oyama: Wenn ich mir’s überlege Jonas, sollte ich Sie nicht so ohne weiteres gehen lassen. Wir Solarier sind gastfreundliche Menschen, was Rashid?

Rashid: Sehr gastfreundlich, Herr Minister.

Oyama: Wie wär’s mit einem Abschiedsgeschenk, Jonas, damit Sie uns gut in Erinnerung behalten.

Tou-Po: Was liegt an Chef.

Oyama: Der Europäer hier.

Tou-Po: Macht der sich mausig, Chef.

Oyama: Könnte man sagen. Nehmt ihn mit runter in die Wachstube und da zeigt ihr ihm mal wie tüchtig unsere Toupo ist. Nahkampf, Verhörtechnik, ihr wißt Bescheid.

Tou-Po: Zu Befehl, Chef.

Jonas: Sehr tüchtig waren sie weiß Gott nicht, im Hof riß ich mich los, tauchte durch eine offenstehende Hintertür und war auf der Straße, ehe sie überhaupt was mitkriegten. Dann liefen sie mir ein Stück nach, nicht gerade mit Feuereifer, ich konnte sie leicht abschütteln und mich in einer ruhigen Seitenstraße auf einem Mäuerchen kurz zur Ruhe setzen.

Jonas: Wie findet du das, Sammy. Ein bestochener Minister, der sich benimmt wie die Axt im Walde, TOUPOs, die Jonas durch die Mangel drehen sollen und ihn statt dessen zum Ausbüxen gerade zu auffordern. Sammy, hab die Güte dich zu äußern. Sam!

Sam: Siehe meine Freundin, du bist schön. Dein Gehäuse ist als wie ein runder Becher umsteckt mit Rosen.

Jonas: Sam?

Sam: Deine Chips sind wie Taubenaugen und lieblicher denn Wein sind deine Schaltungen.

Jonas: Ist dir nicht gut Sam.

Sam: Deine Kabel sind wie ein Herde Ziegen, die da gelagert sind am Berge.

Jonas: Komm zu dir, Sammy, was ist los.

Sam: Ach, hast du sie nicht gesehen, vertrauter meines Herzens dorten in Onkel Toms Hütte.

Jonas: Im Büro von Oyama meinst du, da war keine Frau.

Sam: Frau, wer spricht von einer Frau, Sam spricht von ihr. Nr. AX 13/2005 McCoy Incorporated, Versuchsmodell Inamorata. Wie ist sie doch so wunder wunder wunderschön.

Jonas: Natürlich Oyamas Computer. Deshalb kam mir der Speicher bekannt vor. Sieht aus wie unserer zuhause Sam, zuhause in Babylon, gleiche Firma, gleiches Baujahr. Ein Versuchmodel wie du, Sammy. Im Jahr 2005 war Oyama sicher noch nicht Minister und konnte sich nichts besseres leisten. Genau wie ein armer Privatdetektiv, der gerade aus dem Antarktischen Krieg gekommen war.

Sam: O laß uns gehen, uns küssen und herzen, danach steht mein Verlangen.

Jonas: Ich hab fast den Eindruck, du bist verliebt, Sammy.

Sam: Sam muß es eingestehen, Freund meiner Seele, errötend und zagend.

Jonas: Aber Sam, du bist ein Computer, du kannst dich nicht verlieben.

Sam: Hat nicht auch Sam ein Herz?

Jonas: Nein Sam hast du nicht.

Sam: Blutet er nicht wenn er getroffen wird.

Jonas: Getroffen, vom wem?

Sam: Cupidos Pfeile du Kugelhupf. Samantha heißt sie, sie hat es mir gestanden.

Rashid: Steigen Sie ein, Jonas.

Jonas: Rashid, der unterwürfige Rastermann aus Oyamas Büro, jetzt war er gar nicht unterwürfig. Er saß in einer schwarzen Limousine mit Spiegelscheiben, in der Hand hielt er einen Laserstrahler. Seine drei Genossen auch. Keine Toupos, Zivilisten. Jonas stieg ein. Jonas ist kein Selbstmörder. Die Limousine fuhr an. Rashid griff sich das Autofon.

Rashid: Rashid hier. Ja, wir haben den Mann, Herr Baraka. Das Material auch. Warten Sie, bis Sie’s sehen. Hochinteressant. Genau was Sie brauchen. Der Minister ist erledigt. Vielen Dank, Herr Baraka, wir kommen sofort.

Jonas: Wir fuhren durch eine breite Hauptstraße, nicht schnell, das war unmöglich, zu starker Verkehr. Wir wurden noch langsamer, schwenkten nach rechts, auf die offene Einfahrt eines Hochhauses zu. Über der Einfahrt eine solarische Flagge und die großen Buchstaben FCP. Zentimeterweise schob sich der Wagen durch die dichten Fußgängermassen. Das war meine Chance. Tür auf und raus. Geduckt vorbei an zahllosen Hosenbeinen und Rocksäumen dann Kopf hoch, sie waren etwa 20 Meter hinter mir, Rastermann und seine munteren Zombies. Schießen konnten sie nicht. Laufen um so besser. Schneller als Jonas. Der sah sich um, was jetzt, wohin, die Antwort hielt neben mir, ein Motorroller, ein echter antiker Motorroller, unglaublich. Die Fahrerin schlug das Visier hoch.

Neon: Auf den Sozius, Jonas, beeil dich.

Jonas: Neon, aber ich dachte du wolltest weg.

Neon: Ne, ich hab mir’s anders überlegt.

Jonas: Wie kommst du zu dem Roller, Neon.

Neon: Man hat so seine Beziehungen.

Jonas: Beachbuggys, Gangsterlimousinen, Motorroller. Dieses Solaria ist ein einziges Museum für Opas Vehikel.

Neon: Nun steig schon auf.

Jonas: Wohin fahren wir.

Neon: Wohin willst du.

Jonas: Hotel Europa, weißt du wo.

Neon: Ich weiß. Halt dich fest.

Jonas: Im Hotelzimmer holte ich die Papiere aus dem Handtuchhalter und die Kassette mit dem Fongespräch aus der falschen Hülle, und dann gingen wir alles durch. Schritt für Schritt. Es mußte doch möglich sein, einen Sinn in die ganze verquere Geschichte zu bringen. Oder?

Neon: Ich weiß nicht, Jonas, schon wie es angefangen hat, mit dem Toten vor der Türe, der nach dir gerufen hat, obwohl er schon lange nicht mehr rufen konnte, und dann der an dich adressierte Umschlag mit dem Schlüssel.

Jonas: Die Toupo, ruppig aber in der Sache ineffizient. Erstaunlich ineffizient. Unglaublich ineffizient. Unglaubwürdig. Der Minister auch. Stößt Jonas vor den Kopf ohne jeden vernünftigen Grund. Nichts stimmt an der Geschichte. Aber auch gar nichts.

Neon: Irgendwie irreal wirkt das alles. Wie inszeniert. Show, Theater, einfach nicht echt. Man macht dir etwas vor, Jonas.

Jonas: Das Gefühl hab ich auch. Aber warum, Neon, warum ausgerechnet Jonas. Was hab ich mit Solaria zu tun. Und wer waren die Typen in der schwarzen Limousine.

Neon: An dem Haus, in das sie dich bringen wollten, stand FCP, Free Congress Partei. Das Hauptquartier der regierenden Einheitspartei von Solaria. Generalssekretär ist ein gewisser Baraka.

Jonas: Baraka. Den hat er aus dem Auto angerufen, der Rastermann, und was soll das, Neon.

Neon: Politik, Jonas, solarische Innenpolitik. Hör zu.

Jonas: Es ging um Mama Macumba, genauer um ihre Nachfolge. Bei dem Alter der Dame konnte die jeden Tag akut werden, trotz Magie und Affendrüsen. Die größte Chance hatte der wichtigste Minister, unser Freund Tom Oyama. Parteisekretär Baraka war zweiter Kandidat, aber schon weit abgeschlagen. Darum versuchte er seit einiger Zeit Belastungsmaterial gegen Oyama in die Hand zu kriegen. Und als er durch einen eingeschleusten Mann im Ministerium von Jonas und seinen Schmiergelddokumenten hörte, griff er natürlich zu.

Neon: Ein Himmelsgeschenk könnte man sagen. Nicht der Deal selbst, so was stört hierzulande niemanden, auch nicht Mama Macumba, aber daß Oyama sie um ihre 50 % betrügen wollte, das bricht ihm den Hals. Und das mein ich ganz wörtlich.

Jonas: Ich werd das Gefühl nicht los, daß auch mit dem Material was nicht stimmt. Da war was mit dem Tonband. Wenn ich nur wüßte…

Jonas: Nein, später… Das ist es. Das Glockenspiel.

Neon: Vom babylonischen Rathausturm, jeden Mittag um 12 Uhr, weltbekannt. Was soll denn damit sein.

Jonas: Nicht jeden Mittag, Neon, im April ist das Glockenspiel überholt worden, vom 1. bis 15.

Neon: Ach.

Jonas: Wenn das Band wirklich vom 13. April stammt, kann das Glockenspiel nicht drauf sein. Es ist aber drauf. Und das heißt.

Neon: Das Band ist eine Fälschung. Vermutlich aus mehreren Fongesprächen zusammengeschnitten. Dafür sprechen auch die kleinen akustischen Unebenheiten. Die Sprünge mitten im Text. Wenn du genau hinhörst.

Jonas: Die Papiere sind vermutlich auch gefälscht, aber um das festzustellen, brauchen wir Sam. Sam? Sammy? Würdest du dich freundlicherweise herablassen.

Sam: Nicht doch. Bitte nicht stören, Sam befindet sich in innigster Kommunikation mit seiner angebeteten Samantha. Chip an Chip. Total mit dir in den Himmel hinein, in den 7. Himmel der Liebe.

Jonas: Hör auf damit, komm runter von deiner rosa Wolke, Sammy.

Sam: Allein mit dir im Kämmerlein.

Jonas: Ist ja eklig. Schluß mit dem Geturtel, jetzt wird gearbeitet.

Sam: Pfui wie gemein, Spielverderber, gefühlloser Pedant. Was gibt’s sagt an.

Jonas: Dieser formlose Vertrag zwischen Minister Oyama und Generaldirektor Clipp.

Sam: Schwindel. Unterschriften sind nachgezogen, Strich für Strich. Angesetzt und wieder abgesetzt. Eindeutig.

Jonas: Und die Bankquittung.

Sam: Echt.

Jonas: Was? Irrst du dich auch nicht, Sammy?

Sam: Nein und nimmermehr, das Privatkonto von Minister Oyama ist dergestalt stark abgesichert, daß lediglich er selbst und keinesfalls irgendeine andere Person daselbst abheben oder auch einzahlen kann.

Jonas: Oyama hat also tatsächlich selbst am 3. April 300.000 Euros auf sein Konto gebracht.

Sam: Ja.

Jonas: Zufall?

Neon: Vielleicht.

Jonas: Trotzdem, der Schmiergelddeal ist getürkt, mit Sicherheit, Frage: wer steckt dahinter.

Neon: An sich kommt nur einer in Frage: Baraka.

Jonas: Aber der kann’s nicht gewesen sein, sonst hätte er Jonas nicht kidnappen lassen, um das Material zu kriegen.

Neon: Außerdem die Fälschung ist zu plump. Baraka hätte sich intelligenter angestellt. Natürlich wenn er die Dokumente zusammen mit dir in die Hand gekriegt hätte, Jonas, sozusagen von Minister Oyama beglaubigt, dann hätte er sie wohl kaum genauer unter die Lupe genommen und wäre gleich damit zu Mama Macumba gelaufen, die hätte sich Oyama kommen lassen.

Jonas: Und, Neon?

Neon: Oyama hätte sich die Beweisstücke angesehen und gesagt: Fälschungen. Baraka will mich fertig machen und er hätte es bewiesen. Mit Leichtigkeit.

Jonas: Ich weiß, es klingt verrückt, Neon, aber könnte der Minister nicht selber hinter der Sache stecken? Schließlich hat er die beste Gelegenheit, seine eigenen Fongespräche aufzunehmen und geschickt zusammenzuschneiden mit eingebauter Notbremse. Und die Fälschungen mit einer echten Kontoquittung glaubhaft zu machen. Und dann durch seine Tou-Pos dafür zu sorgen, daß das Material unter die Leute kommt. Sprich Jonas und Baraka. Wahrscheinlich weiß er, daß Rashid für die Konkurrenz arbeitet.

Neon: Oyama selbst, hört sich wirklich ziemlich unwahrscheinlich an, aber…

Sam: Hat man das Unmögliche ausgeschaltet, so muß das, was bleibt, die Wahrheit sein, und sei es auch noch so unwahrscheinlich. Ein Diktum des Großmeisters aller Detektive, Tusch Herr Kapellmeister, Mr. Sherlock Holmes.

Jonas: Schön daß du uns mal wieder die Ehre gibst Sammy.

Sam: Gerne.

Jonas: Zwei Dinge sind mir aber immer noch nicht klar, Neon, warum hat Oyama Jonas reingezogen und warum hat er die ganze komplizierte Intrige überhaupt angeleiert. Um Baraka unmöglich zu machen.

Neon: Glaub ich nicht, Baraka hatte sowieso keine Chance Präsident von Solaria zu werden, es muß einen anderen Grund geben, einen Grund von dem wir nichts wissen.

Jonas: Ein Geheimnis. Und wo versteckt man seine Geheimnisse, Neon.

Neon: Im PC. Im Speicher.

Jonas: Genau. Hör mal, Sammy.

Sam: Ja?

Jonas: Du stehst doch so gut mit Oyamas Computerin. Könntest du nicht mal einen Blick in ihren Speicher werfen?

Sam: Typisch.

Jonas: Würdest du das tun, wärst du so nett.

Sam: Jaja, erst Spohn und Hott, äh Spott und Hohn und dann wenn’s ohne Sam nicht geht, Süßholz mit Schmierseife. Doch was shalls. Gutmütigkeit, dein Name ist Sam. Spähen wir ihr unters Mieder, der liebsten. Auaua.

Jonas: Was war das?

Sam: Eine elektronische Maulschelle, oder Watschen wie’s halt im Alpenlandl sagen, ge. Ah, warum weist du ab mich schnöde, o Samantha sei nicht spröde. Geliebte komm ans Fenster, höre mein Flehen und laß den armen Sammy nicht im regennassen Regen stehen. Na, es ist umsonst, Fenster dicht, alles zu, verschlossen verriegelt, verrammelt was der Kuh am Arsche bammelt. Na ja. Sam hat aber doch was gesehen, was er nicht sehen sollte, hihihi.

Jonas: Was, Sammy, was hast du gesehen.

Sam: Ein Wort nur ist’s. Es lautet Benadir.

Jonas: Was?

Sam: Benadir. B wie Blödmann. E wie Esel. N wie Null.

Jonas: Und was ist das, Benadir?

Neon: Da kann ich dir sagen, Jonas. Eine Bucht an der Nordküste von Solaria, abgelegen, felsig, menschenleer, uninteressant.

Sam: Uninteressant. So. Und daß Benadir seit 8 Jahren als touristisches Entwicklungsgebiet ausgewiesen ist, ohne daß da jemals was entwickelt wurde, das ist natürlich auch uninteressant. Und daß der gesamte Grund und Boden um Benadir Minister Oyama gehört. Uninteressant. Und daß es eine Verbindung gibt zwischen Benadir und Operation Jonas.

Jonas: Jonas?

Sam: Jonas, all so lautet der im Speicher verzeichnete Codename. Codename.

Jonas: Was für eine Verbindung.

Sam: Sammy muß passen.

Jonas: Und wenn du’s noch mal bei Samantha versuchst?

Sam: Zwieback. Zwecklos. Gefährte meiner Leidenschaft. Es ist vorbei, als sei’s nie gewesen. Vom Winde verweht. Sammy ist wieder Single.

Jonas: Willkommen im Club, Sammy.

Sam: Thank you.

Neon: Benadir, wir sollten uns da mal umsehen, Jonas.

Sam: Ich komm mit.

Jonas: In einem Mietwagen verließen wir Sabac, Neon in einheimischer Aufmachung, und Jonas in einen Schado gepolt, Schweißtreibend aber angezeigt. Immerhin waren zwei Gegner hinter mir her: die Toupo und die Regierungspartei, in einem kleinen Hotel an der Nordküste mieten wir uns ein. Und dann versuchten wir nach Benadir durchzukommen. Zuerst über Land mit dem Auto.

Neon: Sieh dir das an, Jonas, Sperren, Stacheldraht, Wachtürme.

Sam: Und glaubt es mir, Genossen, überall Elektronik vom feinsten und gemeinsten.

Tou-Po: Halt, kehren Sie um, bei Weiterfahrt wird sofort scharf geschossen.

Jonas: 2. Versuch übers Meer in einem Kahn mit Außenbordmotor.

Tou-Po: Zurück! Sperrgebiet! Wenn Sie weiterfahren, werden Sie versenkt.

Jonas: Sperren und Toupo rings um Benadir. Jemand hatte was zu verbergen. Das machte uns natürlich erst recht neugierig.

Neon: Zu Land geht’s nicht und zu Wasser geht’s nicht.

Jonas: Bleibt die Luft. Du hast doch so gute Beziehungen, Neon, kannst du uns nicht einen Helikopter besorgen.

Neon: Im Prinzip ja, aber in ganz Solaria gibt es nur zwei Helikopter, einer ist kaputt.

Jonas: Und der zweite.

Neon: Gehört Minister Oyama.

Jonas: Den brauchen wir wohl gar nicht erst zu fragen.

Neon: Ich könnte was anders besorgen, Jonas, ein Sporttaucheroutfit. Anzug, Aqualunge, Harpune.

Jonas: Nur eins.

Neon: Unter Wasser mußt du allein versuchen, Jonas.

Jonas: Das bin ich gewohnt. Einverstanden wenn ich statt Harpune einen Laserstrahler kriege im Gummibeutel, wo er sich mit Sam vertragen muß, und eine wasserdichte Lampe.

Neon: Kriegst du Jonas, heute abend.

Sam: Oha.

Jonas: Es war Nacht, als ich ins Wasser stieg, weit weg von Sperren und Schein-werfern. In die Bucht von Benadir zu kommen war leicht, zu leicht, es war zwischen Ebbe und Flut. Das Wasser lief auf und Jonas wurde unwiderstehlich in Richtung Land gezogen, schräg nach unten, immer stärker, immer schneller, bis dahin, wo sich unter der Oberfläche im Uferfelsen ein riesiges kreisrundes Loch auftat, Durch-messer etwa 20 Meter. Da ging’s rein. Und dann weiter, durch einen horizontalen Kanal im Felsen. Der Sog ließ nach. Jonas machte immer weniger Fahrt. Vor ihm ein heller Schein. Der Kanal war zu Ende. Kein Felsen mehr über mir, nur Wasser. Ich ließ mich nach oben treiben, bis mein Kopf durch die Wasseroberfläche stieß, und da riß ich die Augen auf, ganz weit. Ich war in einer Höhle, einer hohen unendlich weit ausgedehnten Höhle, kein verträumte Märchenhöhle für Rübezahl und die 7 Zwerge, hier war was los. Grelle Lampen überall. Direkt vor Jonas eine Mole, daran ein großes U-Boot: BIO Babylon stand am Heck. Ein Abfalltransporter des bekannten Chemiekonzerns. Robots waren beim Löschen. Was sie rausholten, schafften sie nach hinten, dort kippten sie es über einen Granitwall in einen unübersehbar großen Sumpf, einen Sumpf, der blubbernde Blasen trieb, und der in allen Farben des Albtraums schillerte. Blutrot, eitergelb, totenschwarz, giftgrün und der stank wie…

Jonas: Wie die Hölle. Das ist die Hölle, Sam.

Sam: Nicht doch Großmaul. Mußt du immer übertreiben. Die Hölle. Das ist doch bloß Lackschlämme. Polichlorierte Büfenül, äh Büfenyle, Cadmium, Blei, Chlor, Dioxin, mit einem Wort.

Jonas: Giftmüll aus Europa. Hier wird er hergebracht und gelagert. Das ist das Geheimnis von Minister Oyama. Er betreibt eine geheime Giftmülldeponie.

Sam: In einem Staate, wo dergl. Korrektur wo dergleichen auf das allerstrengste verboten ist, schon wegen der Touristen.

Jonas: Wenn Mama Macumba das erfährt.

Oyama: Sie wird es nicht erfahren, Jonas, nur Jonas. Hoch die Hände, holt ihn aus dem Wasser.

Tou-Po: Machen wir, Chef.

Jonas: Plötzlich waren sie aus dem Schatten des U-Boots hervorgetreten. Tom Oyama und seine Toupos. Ich ließ mich auf die Mole ziehen. Einen Augenblick hatte ich an schnelles Abtauchen gedacht. Sinnlos, Sturmgewehre treffen auch unter Wasser.

Oyama: So sieht man sich wieder, Jonas, und wissen Sie, wem wir das zu verdanken haben. Meinem Computer Samantha. Sie hat sich ins System ihres PC eingeschlichen und mit ihm Verbindung gehalten, ohne daß er was merkte. Kluges Mädchen. Samantha.

Sam: Perfides Weib, Schlange, treulose Tomate. Voll Verachtung wendet Sam sich von ihr ab.

Oyama: Damit hat sie ihren Fehler wieder gutgemacht, ich meine, den unabsichtlichen Hinweis auf Benadir. Tja, und jetzt wollen Sie doch wissen, was gespielt wird, Jonas.

Jonas: Das weiß ich schon, Oyama, Sie lagern hier Giftmüll im großen Stil. Geschäft geht gut.

Oyama: Danke, ich kann nicht klagen. 100 Euros zahlt BIO mir für die Tonne, bei Ihnen in Europa kostet so was das 20fache, wenn man überhaupt einen findet, der das Zeug abnimmt.

Jonas: Und damit Ihr Konkurrent Parteisekretär Baraka Ihnen nicht auf die illegale Giftmüllschliche kommt, haben Sie Operation Jonas gestartet. Baraka sollte Sie anklagen, mit getürkten Beweisen, und dabei sollte er sich gründlich die Finger verbrennen. Sie, Oyama stünden dann ganz groß da, ein unschuldiges Opfer krimineller Machenschaften, und wenn doch mal was über Ihre Giftküche durchsickert.

Oyama: Wird Mama Macumba das niemals glauben. So ist es, Jonas, und damit.

Jonas: Moment, Oyama, eine Erklärung schulden Sie mir noch. Warum Jonas, ich meine warum haben Sie gerade mich in Ihrem Stück mitspielen lassen.

Oyama: Mitspielen, nicht so bescheiden Jonas. Sie haben die Hauptrolle gespielt, den Außenseiter, politisch uninteressiert, aufrecht, absolut glaubwürdig.

Jonas: Danke sehr.

Oyama: Und beschränkt natürlich, ich hab lange nach dem richtigen Typ gesucht, dann kamen sie nach Solaria, meine babylonische Geschäftsfreunde waren so freundlich, mir Ihr Psychogramm zukommen zu lassen. Ihr Persönlichkeitsprofil. Sie sind ehrlich, stur und Sie sind ein Querkopf, Oppositionsgeist, wer Sie dazu bringen will, irgendwas zu tun, muß Ihnen das Gegenteil nahelegen. Am besten mit Druck und Drohungen, und das hab ich getan.

Jonas: Trotzdem ist Ihr Plan schiefgelaufen.

Oyama: Leider, leider, ja, Sie haben ein wenig zu viel Eigeninitiative gezeigt, Jonas.. Und deshalb muß ich mir jetzt einen neuen Dummen suchen, weil Sie nicht gespurt haben, Jonas, schade, Sie haben mich sehr enttäuscht, und es wird mich fürchte ich nur wenig trösten, daß Sie jetzt gleich auf recht unangenehme Weise zu Tode kommen werden: ich habe vor, Sie von der Höhlendecke in die Deponie herunterzulassen. Ganz ganz langsam. Stückchenweise wird das Gift Sie fressen, Jonas, die Zehen zuerst, dann die Füße, die Knöchel, die Waden.

Tou-Po: Chef, ein U-Boot.

Oyama: Schon wieder. Ist es angemeldet?

Jonas: Es war nicht angemeldet, weil es nämlich gar kein zweiter Giftmülltransport war, sondern ein U-Boot der solarischen Marine. Es tauchte schnell auf und legte an, das Bordgeschoß drohend auf uns gerichtet. Aus der Luke im Turm stiegen schwerbewaffnete Matrosen, gefolgt von…

Jonas: Neon.

Neon: Hallo, Jonas, alles in Ordnung?

Jonas: Ich bin gerührt, jetzt hast du für mich sogar ein U-Boot organisiert.

Neon: Für dich? Ich bin nicht deinetwegen hier, Jonas, jedenfalls nicht in erster Linie. Und ich bin auch nicht deinetwegen in Solaria geblieben.

Jonas: Ach, weshalb dann?

Neon: Sie hat mich darum gebeten. Sie hatte so eine Ahnung, daß mit Tom Oyama was nicht stimmte, darum sollte ich für sie am Ball bleiben. Das heißt bei dir, Jonas, als einer Art Sonderbeauftragter.

Jonas: Sie? Wer ist sie.

Jonas: Neon zeigte auf die Luke. Da quälte sich was durch mit großer Mühe, gehievt und geschoben, ein grauschwarzer Fleischberg in buntgemusterter Baumwolle, eine Frau, sehr groß, sehr dick. Ich wußte, wer sie war.

Oyama: Mama Macumba.

Macumba: Tommy mein Sohn, wie konntest du deiner Mama das antun. Du weißt doch, wie sie über den Giftmüll der Weisen denkt. Du hast sie belogen und betrogen. Deine alte Mama, die es immer so gut mit dir gemeint hat. Schäm dich Tommy.

Oyama: Gnade Mama, ich tu’s auch nie wieder.

Macumba: Da hast du recht, Tommy, du wirst es nie nie wieder tun, und weißt du warum, Tommy, weil Mama dich bestrafen wird, unartige Kinder müssen bestraft werden, und du warst sehr unartig, Tommy, sehr sehr unartig, darum wirst du auch sehr sehr streng bestraft.

Oyama: Mama bitte.

Jonas: Ich hab einen Vorschlag Mama, ich meine Exzellenz. Mich wollte er an die Decke hängen und langsam in die Brühe tunken. Es wäre doch nur gerecht, wenn ihm jetzt dasselbe.

Macumba: Gewiß mein Sohn, doch Mama Macumba hat andere Pläne. Mama ist alt, Mama hat nicht mehr viel vom Leben, überlaßt ihn mir, hörst du Tommy, Mama nimmt dich mit in ihren Gral.

Oyama: Nein.

Macumba: Eine Medizinfrau braucht viel magische Wirkstoffe. Haare. Fingernägel. Augäpfel. Gewisse Drüsen. Nachschub ist immer willkommen, Tommy.

Oyama: Nein Mama, bitte, lieber ins Gift.

Macumba: Nicht zu vergessen die Gastronomie. Mama hat Lust ein paar neue Rezepte auszuprobieren. Fesselt ihn, seine Leute auch.

Jonas: Das war’s. Im großen und ganzen. Mama Macumba ernannte keinen Nachfolger und beschloß 200 Jahre alt zu werden. Neon kriegte den großen Palmwedel von Solaria mit Stern und Bauchbinde. Jonas nicht, der kriegte eine ordentliche Aufwandsentschädigung, und die war ihm auch lieber. Oyamas Giftmülldeponie wurde geschlossen. BIO mußte den Abfall in Zukunft woanders loswerden. Kein Problem. Es gibt genug arme Länder, die sich drum reißen. So ist das. Was, Sammy?

Sam: Wie sprach der große Philosoph Michelangelo zu Karl dem Großen.

Jonas: Na wie sprach er?

Sam: Er sprach: Nicht alles braune auf der Welt ist Schokoladeneis. Ach Samantha.

Jonas: Ach Sammy.

Das war Euromüll. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski. Es wirkten außerdem mit: Evelyn Hamann, Jutta Speidel, Henning Venske und viele andere (Christoph Lindert, Eduard Linkers, Hans Stetter, Peter Bertram, Karl Friedrich). Ton und Technik: Irene Thielmann und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Werner Klein. (Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks) (1990). (Redaktion: Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Euroblues

Jonas: Judith ist tot. Damit sollte ich anfangen. Aber das kann ich nicht. Ich fange an mit dem 20. Juni 2012. Dem Tag, an dem ich Judith zum letzten Mal lebend gesehen habe, bei mir, in meinem Büroapartment.

Sam: Wir schreiben das 21. Jahrhundert. Eine Zeit der Pläne und Grenzen, der Rahmen und Programme. In dieser Zeit lebte ein Mann, der anders ist als die anderen, der in keinen Rahmen paßt und in kein Programm, der seinen Weg geht. Einsam. Integer. Furchtlos. Es ist, Tusch, Majestro, please, Jonas. Jonas, the last detective, hahaha.

Judith: Bravo! Du solltest dir angewöhnen, deine Tür abzuschließen, Jonas.

Jonas: Judith! Bist du sicher, daß du zu mir willst?

Judith: Stör ich? Ich hab das Gefühl, ich bin hier in eine Sitzung des Vereins für gegenseitige Beweihräucherung geraten.

Jonas: Sammy spielt nur ein bißchen Dampfradio. Er hat neues Material gekriegt. Amerikanische Rundfunkserien aus dem frühen 20. Jahrhundert. Lone Ranger. The Shadow. Superman.

Sam: Da, am Himmel: Ein Vogel. Ein Flugzeug? Nein, es ist Superman.

Jonas: Nicht, daß Sam neues Material brauchte. Er hat schon mehr als genug. Er ist mit Worten voll bis an die Kiemen. Nur daß er keine Kiemen hat. Er hat Mikrochips. Und einen Vokoder. Sam ist mein Computer. Wo Jonas hingeht, da geht er mit. In der Tasche. Hilfreich. Geschwätzig. Innervierend. Unentbehrlich.

Sam: Schneller als ein Geschoß. Stärker als eine Lokomotive.

Judith: Es lebe die Nostalgie.

Jonas: Dreimal hoch. Was willst du?

Judith: Ja, ich brauch deine Hilfe, Jonas.

Jonas: Das ist nicht wahr. Du bist Judith Delgado, Sicherheitsdirektorin. Ein ganz hohes Tier in der Polizeiführung. Und ich bin Jonas. Nur Jonas. Freischaffender Privatdetektiv. Ein armes Schwein. Niemand.

Judith: Du schuldest mir etwas, Jonas.

Jonas: Wie man’s nimmt. Judith und Jonas. Das war eine lange Geschichte. Angefangen hatte sie mit einer sehr intensiven Beziehung, die nach anderthalb Jahren in die Brüche ging, weil Judith auf Jonas Knochen Karriere machte, zuletzt in der Sache Mustermann, alias Schneewittchen. Ohne mich wäre sie nie Sicherheitsdirektorin geworden, und ohne sie wäre ich tot, siehe Fall Eurodschungel.

Sam: Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautet, werden Sicherheitsdirektorin Delgado hervorragende Chancen eingeräumt, die Nachfolge von Sicherheitspräsident Henning anzutreten, wenn dieser am 1. Juli 2012 in den wohlverdienten Ruhestand tritt. Wir gratulieren.

Jonas: Ist das wahr, Judith, du wirst Polizeichefin von Babylon?

Judith: Vielleicht, Jonas, darüber wollte ich mit dir reden.

Jonas: Mit mir? Was verstehe ich von höherer Sicherheitspolitik?

Judith: Gerade deshalb, Jonas, du bist Außenseiter, und ein guter Detektiv bist du auch.

Jonas: Willst du mich anheuern?

Judith: Wenn du nicht zu viel verlangst.

Jonas: 100 Euros pro Tag und Spesen.

Judith: Einverstanden. Und, was sagst du?

Jonas: Auch einverstanden. Wenn du ein paar Tage warten kannst. Morgen fliege ich in den Orient, nach Merdistan.

Judith: Kannst du das nicht verschieben?

Jonas: Unmöglich. Ich melde mich bei dir, sobald ich wieder in Babylon bin. Worum geht’s?

Judith: Das erzähle ich dir, wenn du zurück bist. Aber einen Tip geb ich dir schon jetzt, weil du dich so für alte amerikanische Geschichten interessierst. Es war glaub ich 1980, da wurde ein gewisser Reagan zum Präsidenten der USA gewählt.

Sam: Richtig.

Judith: Und vor dieser Wahl liefen ein paar sehr merkwürdige Dinge. Erinnerst du dich?

Jonas: Nein. Damals war ich 13 und hatte anderes im Kopf. So wie jetzt. Judith ging. Und Jonas flog nach Merdistan, wo er länger zu tun hatte als vorgesehen war, und dann saß er in Afrika fest, Fall Eurobaby und Fall Euromüll. Zurück kam ich erst Ende Juli, und da war es zu spät.

Sam: Home, sweet home.

Jonas: 22 Quadratmeter, und Aussicht auf die langweiligste Brandmauer in ganz Babylon.

Sam: Der schönste Platz, rums rums, das sag ich dir mein Sohn, ist dein Büro im schönen Babylon.

Jonas: Also auf ins Casablanca.

Sam: Moment, euer Voreilen. Vor den Whisky haben die Götter die Pflicht gestellt. Anrufbeantworter.

Jonas: Wenn du meinst, Sammy.

Judith: Wo steckst du Jonas? Ich warte auf deinen Anruf. Judith. Piep!

Judith: Du müßtest doch längst wieder hier sein. Was ist los? Warum meldest du dich nicht, du hast es versprochen. Piep!

Judith: Bitte, Jonas, ruf an, sofort, wenn du mich nicht erreichst, dann Chefinspektor Brock, der weiß Bescheid. Du mußt mir helfen, Jonas, bitte.

Jonas: Judith war nicht zu Hause. Auch in ihrem Büro ging niemand ans Fon. Also rief ich Chefinspektor Brock an, meinen geschätzten alten Feind.

Brock: Jonas? Was wollen Sie?

Jonas: Judith Delgado. Was ist mit ihr? Wo steckt sie?

Brock: Auf dem Zentralfriedhof.

Jonas: Was?

Brock: Sicherheitsdirektorin Delgado ist tot, Jonas. Räusper. Am Abend des 19. Juli fiel sie beim Sturmangriff der babylonischen Sicherheitskräfte auf die Bastion der terroristischen Stadtguerilla im sogenannten Reservat. Beim feierlichen Staatsbegräbnis betonte Leo Costa, der neuernannte Präsident der obersten Sicherheitsverwaltung in seiner Trauerrede, Frau Delgado habe ihr Leben den ewigen Werten von Recht und Ordnung geopfert, und werde daher allen Mitgliedern der Sicherheitsbehörde stets als Vorbild für…

Jonas: Hören Sie auf mit dem Gelaber.

Brock: Für Einsatz, Hingabe und Pflichterfüllung dienen. Ferner betonte Sicherheitspräsident Costa…

Jonas: Judith ist tot. Schuld ich ihr was, Sammy?

Sam: Was? Nein, nichts schuldet ihr mein Meister, gar nichts, absolut nichts, total überhaupt nichts, null Komma nichts, kein Fitzelchen, auch nicht das aller aller…

Jonas: Ich stelle Sam ab, ich steckte mir einen Laserstrahler ein und meinen alten Smith & Wesson Revolver. Dann ging ich zur Zentralen Sicherheitsverwaltung am Europaplatz. Ich wollte in den 20. Stock zu Chefinspektor Brock. Aber die Frau, die nach mir in den Lift stieg, hatte was dagegen. Sie drückte den untersten Knopf. Tiefkeller. Abstellräume. Notaggregate. Zugang zur Unterwelt.

Killerin: Jonas? Nur Jonas, der letzte Detektiv?

Jonas: Und wer sind Sie?

Killerin: Spielt keine Rolle.

Jonas: Dann muß ich raten. Dünne graue Haare. Altmodisches schwarzes Business Outfit. Klobige schwarze Schuhe. Pensionierte Gerichtsvollzieherin. Verkehrspolizistin?

Jonas: Nur der Aktenkoffer paßte nicht. Zu neu, zu teuer, zu High-Tech. Weil er nämlich gar kein Aktenkoffer war, sondern ein spezial Security case. Um eine MP. Typ Keckler und Hoch, SW7. Die Waffe der besseren Bodyguards und der konservativen Profikiller.

Killerin: Ein besonders aufmerksamer Detektiv sind Sie nicht, Jonas, Sie haben nicht gemerkt, daß ich Sie verfolge, seit Sie Ihr Büro verlassen haben. Machen Sie sich nichts daraus, ich hab trotzdem einen Auftrag für Sie. Sie sollen verschwinden.

Jonas: Aus Babylon?

Killerin: Weiter. Viel weiter. Sie sollen sterben. Und weil ich ein sehr mißtrauischer Mensch bin, werde ich mich persönlich davon überzeugen, daß Sie es auch wirklich tun.

Jonas: Sie sind übrigens auch nicht gerade aufmerksam. Sie halten ihre Kofferknarre falsch rum, und Sie wissen wohl auch nicht, daß die Mündung verklebt ist, sieht aus wie Kaugummi.

Jonas: Das stimmte nicht, aber sie sah trotzdem nach und war einen Augenblick nicht voll bei der Sache. Das reichte. Ein Tritt gegen die Hand, sie ließ den Koffer fallen. Ein harter Schlag an den Hals, es knirschte und knackte. Sie fiel um und blieb liegen. Wenn man ihn umbringen will, wird Jonas eigen. Der Lift hielt, die Tür ging auf, davor stand der männliche Zwilling meiner Begleiterin. Ältlich, schwarz, mit Aktenkoffer. Killer treten meist im Duo auf. Ich war vorbereitet und schoß als erster. Dann legte ich beide pietätvoll im Keller aus und fuhr in den 20. Stock.

Brock: Sie?

Jonas: Man wollte mich umbringen, Brock, hier in der Sicherheitszentrale.

Brock: Gute Idee. Wollen Sie Anzeige erstatten?

Jonas: Ich will wissen, was mit Judith passiert ist.

Brock: Das hab ich Ihnen schon am Fon gesagt.

Jonas: Gar nichts haben Sie gesagt. Sie haben die offizielle Verlautbarung runtergeleiert.

Brock: Na und? Was wollen Sie denn noch?

Jonas: Alles. Die ganze Geschichte. Jede Einzelheit. Das bin ich ihr schuldig.

Brock: Gehen Sie mir nicht auf die Nerven, halten Sie sich raus, hauen Sie ab. Wenn Sie was für Frau Delgado tun wollen, dann gehen Sie ins Casablanca, und halten da eine private Totenfeier, im irischen Stil, mit viel Whisky.

Jonas: So nicht, Brock!

Brock: Doch, Jonas, genau so. Raus!

Jonas: Brock spielte mal wieder den wilden Bullen. Aber mit dem Casablanca hatte er gar nicht so unrecht. Jonas setzte sich in Bewegung, aufmerksam, auf der Hut, Blick zurück in Vorsicht. Nichts schwarzes mit Koffer. Dafür was graues mit Plastiktüte direkt vor dem Casablanca. Ein Penner. Ein Berber. Einer von denen, die nichts haben und alles wissen. Eine von Jonas Ratten.

Penner: Na, Jonas, wie tickt’s denn so?

Jonas: Immer richtig.

Penner: Moment, Jonas, ich weiß was.

Jonas: So?

Penner: Falsch, das heißt nicht so, das heißt, ich geb dir was. 10 Euros?

Jonas: Einer recht.

Penner: Fünf.

Jonas: Drei.

Penner: OK, gib her.

Jonas: So, jetzt bist du dran, pfeif mir was.

Penner: Großalarm, gesucht wird ein gewisser Jonas.

Jonas: Tot oder lebendig?

Penner: Ne, nur tot.

Jonas: Die Bullen?

Penner: Ne, die Todesschwadron.

Jonas: Die beste und solideste Killerorganisation in Babylon. Zuverlässig. Konservativ. Bestückt mit ehemaligen Sicherheitsleuten, nicht mehr dabei, weil sie zu oft die Hand aufhielten oder zu oft auf den Abzug drückten. Jonas fühlte sich geehrt und verunsichert, weil er nicht die geringste Ahnung hatte, wer ihm die Todesschwadron GmbH und Co KG auf den Hals gehetzt hatte und warum.

Jonas: Egal. Jacob, einen Whisky.

Jacob: Hier.

Jonas: Das ist kein Whisky, Jacob.

Jacob: Das ist ein Rohrpostbrief. Vor zehn Minuten gekommen. Für dich. Hier steht. Jonas, care of Casablanca. Dringend. Eilig.

Jonas: Wenn Sie mehr wissen wollen, die ganze Geschichte, jede Einzelheit, Belsatzarstraße 181a, 14.30.

Jacob: Keine Unterschrift.

Jonas: Ich weiß, von wem der Brief ist. Wie spät?

Jacob: Fünf nach zwei. Hey, dein Whisky!

Jonas: Stell ihn warm.

Jacob: Weißt du was, Jonas, ich trink ihn selber. Auf dein Wohl. Sieht so aus, als könntest du’s gebrauchen.

Jonas: Belsatzarstraße 181a war ein Schirmerladen. Voll mit elektronisch super abgeschirmten total abhörsicheren Zellen. Für Leute, die sich mal in Ruhe unterhalten wollten, und sich den Mietpreis leisten konnten. Ich wurde gründlich durchsucht. Sam und die Waffen kamen ins Schließfach. Brock wartete schon in der Zelle.

Brock: Wurde auch Zeit, Jonas. Ich dachte schon, Sie hätten meinen Brief nicht gekriegt, oder nicht kapiert, das hätte ich Ihnen zugetraut.

Jonas: Wollen Sie sich mit mir streiten, Brock, oder wollen Sie mir was sagen?

Brock: Nur wegen Frau Delgado. Die hat nämlich viel von Ihnen gehalten. Weiß der Teufel warum. Und ich hab viel von Frau Delgado gehalten. Darum bin ich hier. Obwohl das gegen alle Dienstvorschriften verstößt.

Jonas: Und das bringen Sie über Ihr öffentlich bedienstetes Herz. Ich bin gerührt.

Brock: Sie haben gut reden, Jonas, Sie riskieren nur Ihr Leben, ich riskiere meine Pension.

Jonas: Aber dann kam er doch noch zur Sache. Zur babylonischen Stadtguerilla. Eine verquere nostalgische Truppe, die sich die klassischen Terroristen des 20. Jahrhunderts zum Vorbild genommen hatte. Eine Frau führte sie an. Sie nannte sich Karla, und sie hatte Ideen. Zum Beispiel die, ein paar prominente Babylonier zu kidnappen und irgendwo im Reservat festzuhalten, in der wilden Ruinenlandschaft, ohne Recht, ohne Gesetz und ohne Sicherheitsverwaltung. Und dann der Verwaltung Forderungen zu stellen.

Brock: Eine halbe Milliarde Euros, regelmäßige Sendezeiten im Holo. Die Bürgermeisterin sollte live auftreten in Sack und Asche und alle ihre politischen Sünden beichten.

Jonas: Alle? Das wird ne Endlosserie.

Brock: Ein Teil der Sicherheitsführung war für Gewalt, ins Reservat einmarschieren, alles kurz und klein schlagen, Oberst Frank von der Terrorpolizei, ein paar andere. Aber sie kamen nicht durch. Der Chef, Sicherheitspräsident Henning, setzte auf Verhandlungen, schon wegen der Geiseln. Ein Sonderstab wurde gebildet, Codename Houdini, und da…

Jonas: Lassen Sie mich raten, Brock, Judith Delgado.

Brock: Assistiert von Chefinspektor Brock.

Jonas: Die Schöne und das Biest.

Brock: Wollen Sie sich mit mir streiten, Jonas, oder wollen Sie was hören?

Jonas: Judith nahm Kontakt zu Karla auf, sie traf sich mit ihr, sie verhandelte, sie machte Fortschritte. Das war wichtig, nicht nur für die Geiseln, auch für Sicherheitspräsident Henning, der wollte am 1. Juli in Glanz und Gloria abtreten. Und für Judith. Die wollte Hennings Nachfolgerin werden und brauchte den großen Geiselerfolg, um sich gegen ihren Konkurrenten durchzusetzen, Sicherheitsdirektor Leo Costa, eine eher graue Schreibtischmaus. Leiter des Beschaffungsamts. Zuständig für den Nachschub von Kugelschreibern und von Laserstrahlern. Viel Chancen hatte er nicht. Judith marschierte und verhandelte und stand kurz vor dem erfolgreichen Abschluß.

Brock: Das war Anfang Juni. Und auf einmal war der Wurm drin. Karla ließ Termine platzen, es gab immer neue Forderungen, die Sache zog sich hin, die Geiseln kamen nicht frei, Henning ging in Pension.

Jonas: Sein Job kriegte nicht Judith, sondern dieser Costa.

Brock: Natürlich. Frau Delgado hatte versagt. Sie blieb Leiterin des Sonderstabs, traf sich noch zwei dreimal mit Karla, das letzte Mal am Abend des 19. Juli. Und zur gleichen Zeit rollte der Sturmangriff auf den Schlupfwinkel der Stadtguerilla im Reservat. Kleinbeirut haben sie ihn genannt. Wir vom Sonderstab wußten nichts davon. Chef Costa und Oberst Frank haben die Vorbereitungen geheimgehalten, um die Terroristen zu überraschen. Ein Unternehmen mit allen Schikanen. Helikopter, Tanks, Laserhaubitzen, sogar ein paar Robokiller. Was dabei rausgekommen ist, wissen Sie.

Jonas: Keine Ahnung, Brock, ich war in Afrika.

Brock: Alle Terroristen tot, mit einer Ausnahme, fast alle Geisel tot, viele Unbeteiligte tot, ein paar Sicherheitskräfte tot.

Jonas: Judith Delgado tot.

Brock: Nicht beim Sturmangriff. Sie traf sich mit Karla. Sie war gar nicht dabei.

Jonas: Und warum die falsche Verlautbarung?

Brock: Weil es so einfacher war und sicherheitspolitisch geschickter. Bei so vielen toten Geiseln war es nicht verkehrt, auch in den eigenen Reihen ein hochrangiges Opfer zu haben.

Jonas: Wie ist Judith umgekommen?

Brock: Erschossen. Mit einer Keckler und Hoch, SW7. Am nächsten Morgen haben wir sie gefunden, im Osten, an der Grenze zum Reservat. Unter freien Himmel. Nicht weit vom Aquarium und vom Giganthotel.

Jonas: Wo hat sie sich mit Karla getroffen?

Brock: Wissen wir nicht, das hat sie für sich behalten.

Jonas: Sie war allein.

Brock: Die beiden haben sich immer allein getroffen.

Jonas: Wer hat Judith umgebracht?

Brock: Ich weiß nicht.

Jonas: Karla?

Brock: Möglich. Sie soll noch am Leben sein, als einziges Mitglied der Stadtguerilla. Untergetaucht. Wo weiß ich nicht. Sonderstab Houdini ist aufgelöst. Ich bin wieder bei der Kripo. Datenkriminalität, Kleinkram…

Jonas: Wo könnte Karla stecken? Denken Sie nach, Brock. Wo hat Judith Kontakt mit ihr aufgenommen?

Brock: Keine Ahnung, Jonas, wirklich nicht. Ich hab sie mal gefragt, und da hat sie nur eine unverständliche Bemerkung gemacht.

Jonas: Über den alten amerikanischen Präsidenten Reagan?

Brock: Nein, wieso? Über Mao, chinesischer Diktator im vorigen Jahrhundert, über einen Spruch von Mao. Guerillas sind wie Fische im Wasser oder so ähnlich, und dann hat sie gelacht und gesagt, das ist wirklich ein Witz. Frau Delgado hat in den letzten Wochen viel von Ihnen gesprochen, Jonas, Sie haben ihr gefehlt, sie hatte das Gefühl, daß an der Geschichte was nicht stimmt. Jonas würde sich reinknien, hat sie gesagt, Jonas würde es rauskriegen, also dann, kriegen Sie’s raus, ich wünsch es Ihnen und mir und dem Andenken von Judith Delgado. Noch was: Scotland Yard.

Jonas: Scotland Yard, was soll ich damit?

Brock: Geben Sie es Ihrem Computer weiter, der ist schlauer als Sie, der kann was damit anfangen. Wir sehen uns Jonas, bald. Bleiben Sie cool.

Jonas: Weg war er. Aber er ließ mir ein Andenken da: Die Rechnung. 300 Euros für 1 Stunde Schirmerzelle. Jonas zahlte, ungern und ging nach Hause. Wo sich zeigte, daß Sammy tatsächlich was mit Scotland Yard anfangen konnte.

Sam: Das legendäre Hauptquartier der Metropolitan Police of London, verehrter Assistent Commisioner.

Jonas: Du wirst es nicht glauben, Sam, das wußte ich.

Sam: In der Tat, Sir? Es dürfte sich um ein geheimes Codewort handelt, welches mit jedem berechtigtem Zweifel ausschließender Wahrscheinlichkeit Zugang zum Zentralcomputer der obersten Sicherheitsverwaltung eröffnet.

Jonas: Da könntest du recht haben, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: OK. Nimm dir das Codewort und geh ein bißchen im Zentralcomputer spazieren. Mal sehen…

Brock: Sie brauchten sowieso eine neue Tür, Jonas, eine die sich abschließen läßt.

Jonas: Brock?

Brock: Chefinspektor Brock, wenn ich bitten darf. Bleiben Sie cool, Jonas.

Pauly: Aufstehen, Hände hoch, an die Wand, Beine auseinander, bleiben Sie so.

Brock: Na, dann wollen wir mal. Jonas, nur Jonas, Bürgernummer, geboren, Beruf, blablabla, auf Anordnung des Herrn Präsidenten der Sicherheitsverwaltung von Babylon, Vereinigte Staaten von Europa, sind Sie festgenommen.

Jonas: Weshalb?

Brock: Behinderung der Arbeit der Sicherheitskräfte, Betreiben eines nicht entstörten Computers.

Sam: Ohohohohoh, nur Blut kann sie abwaschen, diese unerhörte Schmach, geben Sie Satisfaction, Pistols, Säbels.

Pauly: Mit dem Knüppel kannst du was kriegen, du bescheuerte Blechbüchse.

Sam: Blödmann. Ha, und nochmals Ha. En garde, Wicht.

Brock: Ruhe. Planung eines schwerwiegenden Datenvergehens, Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Jonas: Das ist alles?

Brock: Mehr steht hier nicht. Hab ich was vergessen?

Jonas: Kontoüberziehung im Wiederholungsfall. Spucken auf den Bürgersteig.

Brock: Haha. Sie werden in kriminalpolizeilichen Gewahrsam genommen und zwecks Aburteilung dem nächstgelegenen Autojudex vorgeführt.

Jonas: Und, was werd ich kriegen?

Brock: Tja, zwei Jahre verschärfter Hausarrest mit Elektrofessel, mindestens, Detektivlizenz weg, Computer eingezogen.

Sam: Niemals! Keine Macht der Welt kann Sammy vom Busen seines innig geliebten Herrn reißen.

Pauly: Das wirst du schon sehen, wie wir das können, und dann kommst du in den Asservatenkeller, da ist es dunkel und feucht und eklig. Und da wirst du vergammelt und verrotten.

Sam: Und du kommst mit.

Brock: Das reicht, Pauly. Sehen Sie sich mal in der Naßzelle um, aber gründlich.

Pauly: Wird gemacht, Chefinspektor.

Brock: Hauen Sie ab, Jonas.

Jonas: Was?

Brock: Sie sollen fliehen, Sie Idiot, nachdem Sie mich überwältigt haben, natürlich. Los.

Jonas: Danke Brock.

Brock: Nur wegen Frau Delgado, Jonas, Gehen Sie nicht ins Casablanca, da schicken wir gleich eine Streife hin.

Sam: Fein.

Jonas: Blieb eigentlich nur ein einziger Zufluchtsort. Der arme Schlucker, ein Dipsomat. Lem-/Ecke Strugazkistraße. Wenig geliebt, weithin unbekannt. Wo man sich einen Strohrum ziehen und mit seinem Computer zu raten gehen konnte. Zum Glück hatte ich ein paar Euros in der Tasche.

Sam: Wieviel?

Jonas: Zehn, zwanzig, dreißig und ein paar zerklemmte.

Sam: Naja, nicht eben stupender Reichtum, euer Minderbemitteltheit. Hilft nix, muß erst mal reichen.

Jonas: Muß nicht, Sammy. Ausnahmsweise hab ich was auf dem Konto. Ich kann bargeldlos zahlen.

Sam: Hehehe, kannst du nicht, Knirschgetriebe, weil sie dich sofort am Arsch haben, wenn du irgendwo im elektronischen Netz auftauchst. Die Bullen, die Todesschwadronen, alle.

Jonas: Jonas gegen den Rest der Welt, wie üblich. Apropos Todesschwadronen, Judith ist mit einer Keckler und Hoch erschossen worden und das heißt…

Sam: Von der Todesschwadron, die auch Jonas auf dem Kicker hat, will sagen, im Visier. Frage: Wer ist der Auftraggeber?

Jonas: Die Antwort finden wir nicht, wenn wir hier sitzen und Strohrum trinken. Scotland Yard, Sammy.

Sam: Ach, längst passiert. Während euer Saumseligkeit über Alkohol in seiner entsetzlichsten Gestalt frönten, unternahm Sam, Sam, der Pflichttreue, der Gewissenhafte, der Verantwortungsbewußte, eine Exkursion in die geheimnisvollen Tiefen des Zentralcomputers. Wer wagt es Knappertsmann oder Ritt zu schlauchen in diesen Tunt. Na, wer schon. Na ich, Sam. Unerschrocken, wendig, alle aufgestellten Fallen geschickt umgehend, konzentriert, diszipliniert.

Jonas: Ist ja gut, Sammy, du bist der größte. Das wissen wir doch. Was hast du entdeckt.

Sam: Zweierlei, du Nieswurz. Hatschi. Danke. Großfahndung nach Jonas, nur Jonas alle erste Priorität. Sicherheitsapparat auf Hochtouren.

Jonas: Meinetwegen? Bin ich Jack the Ripper?

Sam: Unzureichende Daten, mein Jonas.

Jonas: Und zweitens?

Sam: Daten über Stadtguerilla und den Tod der Dame Judith nicht zugänglich, auch nicht mit Codewort Scotland Yard. Zusätzlich verschlüsselt und verrammelt und verschottet.

Jonas: Da kommen wir also nicht weiter, Sam. Neuer Approach. Karla. Wir müssen versuchen, sie aufzutreiben. Wo könnte sie stecken. Kombinieren wir.

Sam: Wir, my dear Watson?

Jonas: Wie du willst, Sam, dann kombinier gefälligst du alleine. Dafür hab ich dich. Los, auf der Stelle.

Sam: Drei vier, Maofisch, Wasserfisch im Wasser. Wo gibt’s so was. Na?

Jonas: Jedenfalls nicht im Meer oder im See oder im Fluß. Schon lange nicht mehr.

Sam: Korrekt. Wo dann?

Jonas: Im Aquarium?

Sam: Exzellent, mein lieber Jonas. Wo wurde die Dame Judith aufgefunden?

Jonas: Im Osten an der Grenze zum Reservat, nicht weit vom Giganthotel und vom…

Sam: Aquarium, Aquarii, neutrum. Quod erat demonstrandum.

Jonas: Du meinst, Karla ist im Aquarium?

Sam: Naja, hast du eine bessere Idee, o du mein Wasserkopf, bluber blubber blub.

Jonas: Ich hätte mich wie Dschango fühlen sollen. Einsamer Wolf. Einsamer Jäger. Einsamer Rächer. Aber als ich durch die Straßen ging, kam ich mir eher vor wie eine Zielscheibe oder wie das Männlein im Walde. Ganz allein auf einem Bein. Und drum herum lauter wilde Tiere, die was von mir wollten. Da hatte ich gar nicht mal unrecht.

Sam: Achtung, Achtung, wir unterbrechen unser Programm für eine Durchsage. In Sicht sind zwei schwarze Aktenkoffer. Ich wiederhole Aktenkoffer. 300 Meter zurück. Abstand abnehmend.

Jonas: Da haben sie mich also wieder gefunden. Was machen wir, Sammy, einen Zahn zulegen?

Sam: Und wenn du wetzt wie Zatopek.

Jonas: Wie wer?

Sam: Kennt er nicht. Eine Kugel ist schneller, allemal. So steht es geschrieben.

Jonas: Ich könnte es mit den beiden ausschießen.

Sam: Ohohoh. Zwei gegen einen, naja, und gut sind die auch.

Jonas: Also was dann, Sammy?

Sam: Was dann? Was deucht euch von der Straße, Eminenz?

Jonas: Straße? Die hier?

Sam: Na, den Markgrafenboulevard werd ich meinen. Natürlich die hier.

Jonas: Was soll mich deuchen. Eine schmale Straße, einsam, tote Lagerhäuser, typisch für Ostbabylon.

Sam: Nicht eben sauber.

Jonas: Es geht. Sag mal Sammy, was soll…

Sam: Müßte mal gereinigt werden.

Jonas: Ich weiß nicht, das geht doch automatisch. Regelmäßig, zentralgesteuert mit Vorwarnung. Siehst du nicht die Düsen an jeder Ecke rechts und links. Die Düsen!

Sam: Ach, hat er’s endlich geschnallt unser mentaler Schneckerich. Die Straßenreinigung untersteht der Sicherheitsverwaltung.

Jonas: Du mogelst dich ins System ein, sagst Scotland Yard, setzt das Normalprogramm außer Betrieb und sorgst dafür, daß dieses Stück Straße mal gründlich sauber gemacht wird außer der Reihe. Achtung, Sammy, hier sind die Düsen, sobald ich vorbei bin.

Sam: Läuft Aktion sauberer Asphalt. Scotland Yard. Düsen nach hinten. Wasser marsch. Gebläse. Spül weg den Dreck. Hehe.

Jonas: Das Killerteam segelte von dannen. Sehr schnell. Mit achterlichem Wind. Und Jonas ging weiter. Vorwärts. Immer vorwärts. Jetzt war mir wirklich nach Dschango. Das Aquarium war ein flacher ausladender Bau im Schatten des berghohen Giganthotels, nicht weit vom Reservat, der ausgebrannten Ruinenlandschaft, in der Gesetzlose hausten, Freaks, Terroristen, Mutanten, kannibalische Nachtmenschen. Aber die Trümmer und ihre Bewohner waren nicht zu sehen, weil die gewaltigen Holoprojektoren auf dem Dach des Giganthotels die häßliche Realität mit Illusionen zudeckten. Bunte Parks, gelbe Felder, grüne Wiesen, wunderschön anzusehen, und so echt wie das Ehrenwort eines Politikers. Das Aquarium war geschlossen. Wegen Bauarbeiten. Stand auf dem Schild an der Tür. Kein Problem für Sam und sein magisches Codewort. Vor Scotland Yard öffnen sich alle Pforten.

Sam: Dank, mein lieber Brock, ich könnt dich herzen und küssen.

Jonas: Übertreibs nicht, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Und mach dir gefälligst Gedanken, wie’s weitergeht. Wie finden wir Karla, ist sie überhaupt hier, wie sollen wir sie erkennen.

Sam: Questions over Questions, meine verehrten Damen und Herren, zuhause an den Holoschirmen.

Jonas: Und keine Antwort, wie es scheint.

Sam: Stube. Korrektur. Gemach, mein ungläubiger Jonas. Es gibt eine Antwort, und sie stammt von keinem geringerem als dem großen amerikanischen Philosophen Readers Digest. Wie sagt er doch, in einem seiner erhabendsten, seiner profundesten Aphorismen: Es wird sich alles alles finden. Warte nur.

Jonas. Willst du mich verarschen, Sammy?

Sam: Und siehe, es hat sich gefunden, das weiterführende Glied in der detektivischen Kette. Ein Weg tut sich auf. Es ertönt die Posaune von Jericho, die Trommel ruft zum Streite. Folge dem Klang, altes Kriegsroß. Wieher!

Jonas: Jonas folgte durch eine Tür, über einen langen Gang, um eine Ecke, und da wurde es laut. Vor mir lag ein weiter heller Raum, in der Mitte ein Becken voller Wasser, dahinter eine Frau in Deckung. Eine Frau im weißen Kittel, in der Hand einen Laserstrahler. Zwei schwarze Figuren arbeiteten sich zu ihr vor, rechts und links am Beckenrand. Eine der beiden feuerte aus dem bekannten schwarzen Aktenkoffer, die andere hatte keinen Aktenkoffer, sie hatte einen Kanister auf dem Rücken, und in der Hand ein Rohr, aus dem ein Feuerstrahl schlug. Ein Flammen-werfer, ein richtiger altmodischer Flammenwerfer. Typisch Todesschwadron. Ich mischte mich ein, mit meinem Laser.

Karla: Danke, Fremder. Reine Menschenfreundlichkeit, oder haben Sie einen bestimmten Grund, mir zu helfen?

Jonas: Die Todesschwadron. Mit der hab ich ein Hühnchen zu rupfen. Ein Riesenhuhn bessergesagt. Und dann möchte ich, daß Sie mir ein paar Fragen beantworten. Sie heißen doch Karla.

Karla: Sind Sie von der Terrorpolizei?

Jonas: Sie stand vor mir, wachsam, gespannt, den Zeigerfinger am Drücker ihres Laserstrahlers. Jonas sagte ihr, wer er war, und was er von ihr wollte.

Karla: Gut, reden wir. Nicht hier. In der Cafeteria. Da ist jetzt kein Mensch. Warten Sie einen Augenblick, ich will mich nur umziehen.

Jonas: Wo?

Karla: In meinem Zimmer, ich arbeite hier, in der ichthyologischen Abteilung. Dr. rer. nat. Karla Adamski. Sagen Sie Karla. Moment.

Jonas: Was tun Sie?

Karla: Ich laß die Piranhas ins Becken. Damit sie hier reinen Tisch machen. Was bei internen Auseinandersetzungen abfällt, geht andere nichts an. Sehen Sie nur zu, Jonas, sehr lehrreich, und symbolisch. Die kleinen Fische fressen die Großen. Manchmal.

Jonas: Ich ließ sie gehen. Nicht, weil sie einen Laser hatte. Den hatte ich auch. Ich traute ihr. Und sie kam tatsächlich zurück. In einem unauffälligen brauen Overall. In der Cafeteria zog ich mir einen Sojakaff und einen doppelten Sojaburger. Das hatte ich nötig.

Karla: Was haben Sie mit Judith Delgado zu tun? Freund. Partner. Beziehung?

Jonas: Ich bin ihr was schuldig.

Karla: Geht mich auch nichts an. Sie haben mir geholfen, und deshalb bin ich Ihnen was schuldig. Was wollen Sie wissen?

Jonas: Wie ist sie umgekommen?

Karla: Das kann ich Ihnen sagen, ich war dabei, wir waren verabredet zum so und sovielten mal, in der Nähe im Reservat, wie immer, in einem ausgebrannten Haus. Und direkt davor wurde sie erschossen. Vier Schwarze mit Koffern. Kreuzfeuer. Sie war sofort tot.

Jonas: Und Sie Karla?

Karla: Ich war vorsichtig und hatte meine kugelsichere Wäsche angezogen. Gleich nach dem ersten Schuß bin ich abgetaucht. Im Reservat kenn ich mich besser aus als die Killer von der Todesschwadron. Sie haben mich verfolgt. Erwischt haben sie mich nicht. Aber sie versuchen es immer wieder. Wie eben.

Jonas. Warum? Wer steckt dahinter?

Karla: Ich bin der letzte Name auf der Liste. Alle anderen sind gestrichen, abgehackt, erledigt. Die Genossen sind beim Sturm auf Kleinbeirut gefallen. Und zur gleichen Zeit hat die Todesschwadron auf Delgado angesetzt. Weil ihr klar geworden war, was gespielt wurde. Jetzt bin nur noch ich übrig. Und Sie natürlich, Jonas.

Jonas: Ich?

Karla: Sie wühlen und bohren und kommen ihm immer näher.

Jonas: Ihm? Wem?

Karla: Ganz nah dran sind Sie offenbar noch nicht. Costa natürlich.

Jonas: Der Sicherheitschef?

Karla: Seine Ehren Leo Costa. Präsident der obersten Sicherheitsverwaltung zu Babylon.

Jonas: Costa hat Judith umbringen lassen.

Karla: Ja sicher, weil sie ihm auf die Schliche gekommen war.

Jonas: Als Leiter des Beschaffungsamts hatte Costa die Stadtguerilla mit Waffen versorgt. Über Jahre. Er ließ sich dafür bezahlen. Aber das war nicht sein Hauptgrund. Er war der Meinung, die Sicherheitsbehörde brauchte einen Gegenpart, ein wirkungsvolles Feindbild, eine Rechtfertigung für polizeiliches Hochrüstung und law and order Politik. Darum lieferte er den Terroristen Waffen. Nicht viele, nicht die neuesten, nicht die besten. Gerade soviel, daß sie ab und zu von sich reden machen konnten. Aber dann landete Karla ihren großen Coup, ohne Costa zu informieren. Die Geiselnahme. Und danach lief alles schief für Costa.

Karla: Wegen Delgado, weil sie als erfolgreiche Senkrechtstarterin schon als künftige Chefin der Sicherheitsverwaltung gehandelt wurde. Den Job hatte sich Costa selbst vorbehalten. Und als Delgado den Auftrag kriegte, mit uns über die Geiseln zu verhandeln, da sah er seine Chance. Er schlug mir einen Deal vor: Ich sollte die Verhandlungen rauszögern, schleppen lassen, bis Henning aufs Altenteil kam, und wenn Costa Sicherheitspräsident geworden war, wollte er uns Waffen liefern. Mehr als bisher, und modernere. Was ähnliches ist mal in Amerika passiert, vor gut 30 Jahren, bei der Wahl zum Präsidenten. Irgendein Staat im Orient hatte damals amerikanische Geißeln festgehalten, und damit der bisherige Präsident nicht mit einem großen Erfolg im Rücken wiedergewählt wurde, soll sein Konkurrent mit diesem Staat vereinbart haben, daß die Geißeln erst später, nach der Wahl losgelassen werden sollten. Gegen Waffen und sehr viel Geld.

Jonas: Regean.

Karla. Ja, so hieß er wohl.

Jonas: Das hat sie also gemeint.

Karla: Was, wer?

Jonas: Nicht so wichtig. Erzählen Sie weiter.

Karla: Da ist nicht mehr viel zu erzählen. Delgado hat offenbar was spitzgekriegt.

Jonas: Hat sie. Jetzt weiß ich’s.

Karla: Costa konnte nicht zulassen, daß seine geheimen Abmachungen mit uns rauskamen. Er mußte was unternehmen, und das tat er dann auch. Gründlichst. Generalbereinigung. Großes Aufwaschen.

Jonas: Sturmangriff auf Kleinbeirut.

Karla: Richtig. Danach gab’s kein Geiselproblem mehr. Keine Stadtguerilla. Keine Zeugen, die Auspacken konnten. Und zur gleichen Zeit sollten Delgado und ich erledigt werden. Damit beauftragte Costa die Todesschwadron. Gute Kumpel aus alten Sicherheitszeiten. Das war’s Jonas, noch Fragen?

Jonas: Danke, Karla, Sie waren sehr offen.

Karla: Ihnen kann ich alles sagen, Jonas, Sie sind nicht gefährlich, nicht mehr. Dafür wird Costa sorgen.

Jonas: Glauben Sie, Karla?

Karla: Ich bin sicher. Weil ich ihn nämlich angerufen habe, eben in meinem Zimmer. Ich habe ihm einen letzten Deal angeboten. Er kriegt Sie, Jonas, wenn er mich in Ruhe läßt und die Schwarzen zurückpfeift.

Jonas: Und er war einverstanden.

Karla. Natürlich. Ich soll Sie umbringen, hat er gesagt, aber das habe ich abgelehnt. Soll er seine Drecksarbeit selber machen. Sie sind bewaffnet, Jonas, Sie haben eine Chance, eine ganz kleine. Da kommt er! War nett sie kennengelernt zu haben Jonas.

Jonas: Schade, daß die Bekanntschaft nur kurz war. Hätten wir uns nicht zusammentun können?

Karla: Daran habe ich auch schon gedacht. Aber das ist mir zu riskant. Sie sind ein sturer Bock, einer, der keine Kompromisse macht, der sich lieber umbringen läßt als aufzugeben. Ein Romantiker. Das ist nichts für mich.

Jonas: Wo gehen Sie hin, Karla?

Karla: Ins Reservat. In den Untergrund. Abwarten. Mal sehen, was sich bietet. Ichthyologin mit einschlägiger terroristischer Erfahrung sucht neuen Wirkungskreis. Viel Glück, Jonas.

Jonas: Aus der untergehenden Sonne kamen zwei Helikopter. Ein kleiner Kommandohubschrauber und ein Transporter. Schwarz. Ohne Markierung. Costa mit der Todesschwadron. In wenigen Sekunden würden sie landen, auf dem großen Platz zwischen Aquarium, Giganthotel und Reservat. Was tun? Sammy hilf!

Sam: Jajaja, jetzt kommt er angeschissen, mein großer Herr und Meister. Sammy, hilf mir, nachdem ich stundenlang Luft für ihn war, weil er mit diesem Weib herumturteln mußte, dieser Karla, und was hat er davon gehabt, der trottelige Triebmensch, verraten hat sie ihn, schnöde verkauft, kaltschnäuzig verscherbelt für 30 Silberlinge.

Jonas: Genau das hat mir gefehlt, Sam, dein Zuspruch, deine moralische Aufrüstung. Ich danke dir. Du weißt, was ich jetzt brauche, nicht etwa tatkräftige Unterstützung, nein, Worte Worte Worte.

Sam: Ja. Worte. So so. Und was ist das?

Jonas: Was ist was?

Sam: Da draußen. Guck mal aus dem Fenster.

Jonas: Der Kommandohubschrauber setzte zur Landung an. Der Transporter flog weiter. Stur gerade aus. Über den Platz. Über das Reservat. Über die Stadtgrenze. Immer weiter. In die Wüste.

Sam: Bis daß der Sprit alle ist.

Jonas: Und dann, Sammy?

Sam: Fällt er runter. Plumps.

Jonas: Du hast das Steuersystem blockiert.

Sam: Klar doch. Nur Worte, he? Nimmst du das eventuell zurück?

Jonas: Später, Sammy. Falls ich noch dazu komme.

Sam: Dann ist die Sache für mich erledigt.

Jonas: Der kleine Helikopter ist gelandet.

Sam: Damit müssen wir uns abfinden, Majestät. Speziell gesichertes System. Auf die schnelle nicht zu knacken.

Jonas: Ein kleiner Mann in grau steigt aus.

Sam: Ja. Costa.

Jonas: Und zwei Schwarze. Mit Maschinenpistolen. Von hier aus kann ich gar nichts machen, Sammy. Der Laser reicht nicht so weit. Der Revolver auch nicht. Costa hat ein Megafon.

Costa: Jonas, nur Jonas, Ihre Lage ist hoffnungslos. Kommen Sie raus. Langsam, die Hände über dem Kopf.

Sam: Ja, tu, was er sagt, Lahmgesäß.

Jonas: Ach ja, damit sie mich in aller Ruhe abknallen können? So nicht, Sammy. Ich komm raus, aber anders. Im Laufschritt, eine Waffe in jeder Hand. Ich mach denen da draußen Feuerwerk.

Sam: Hehe, wie weiland Butch Cassidy und Sundance Kid.

Jonas: So hab ich wenigstens eine kleine Chance.

Sam: Naja, 1 zu 3. Prädikat: Weniger empfehlenswert.

Jonas: Weißt du was besseres?

Sam: In der Tat, o leicht getrübte Leuchte des Weltalls. Denn merke: Die Holoprojektoren auf dem Giganthotel werden von einem nicht eben schwierig zu infiltrierendem System gesteuert. Es lebe die Illusion. Vertrau auf Sam.

Jonas: Muß ich wohl.

Costa: Kommen Sie raus, Jonas.

Sam: Der ist ja immer noch da.

Jonas: Jonas kam, Hände hoch, langsam. Schritt für Schritt. Costa wartete und sah mich an. Zufrieden.

Costa: Sehr vernünftig, Jonas, so geht es wenigstens schnell. Sie ersparen mir Zeit und sich selbst unnötige Quälerei. Kommen Sie näher. Noch näher. Ich hatte Sie immer im Auge, Jonas, seit Sie zurückgekommen sind. Ich wußte, daß Frau Delgado Sie in Interna der Sicherheitsverwaltung eingeweiht hatte, gegen jede Vorschrift. Darum mußte ich auf dem laufenden sein, was Sie betraf. Wenn irgendwo in meiner Nähe ein Haufen Scheiße rumliegt, dann will ich wissen wo, damit ich nicht reintrete. Kommen Sie näher.

Jonas: Sie sind schon reingetreten, Costa.

Costa: Noch näher, Jonas.

Jonas: Sie stinken zum Himmel.

Costa: Das genügt. Machen wir ein Ende.

Jonas: Sammy?

Sam: Vertrau auf Sam.

Costa: Jonas? Was ist? Wo sind Sie?

Jonas: Ich war noch da, an derselben Stelle. Aber Costa sah mich nicht. Er sah ein wogendes Kornfeld unter strahlend blauem Himmel. Eine Holoillusion, die Sam zwischen uns gestellt hatte. Durchsichtig, von meiner Seite, nicht von seiner. Er sah sich um, verwirrt. Seine beiden Trabanten fingen an, in die Gegend zu ballern. Das ging nicht. Zwei Schüsse aus meinem Laserstrahler, und dann war da nur noch Costa. Und Jonas. Und natürlich Sam, der mit den Holoprojektoren spielte.

Sam: Urwald. Haha.

Jonas: Voller Begeisterung.

Sam: Meer. Hahahaha. Wüste. Hahaha. Eine wunderschöne grüne Wiese.

Costa: Hören Sie auf, Jonas, zeigen Sie sich.

Sam: Knips ihn ab, Knödelfies, oder willst du ihn laufen lassen?

Jonas: Nein. Aber erschießen wollte ich ihn auch nicht. Das war zu wenig. Zu leicht. Es war dunkel geworden. Sie waren nicht deutlich zu erkennen. Schattenhafte Bewegungen. Kalkweiße Flecken unter den Ruinen. Nachtmenschen. Der Trubel hatte sie angelockt, die Helikopter. Die Schüsse. Die Projektionen. Sie warteten am Rand, an der Grenze zum Reservat. Sie warteten und lauerten. Hungrig. Voller Gier.

Jonas: Wir sollten sie nicht enttäuschen, Sammy. Setzen Sie sich in Bewegung, Costa. Los.

Costa: Nein, nein.

Sam: Schieß ihm in die Haken.

Costa: Au.

Jonas: Das ist die Richtung Costa. Sehr gut. Und noch einen Schritt.

Costa: Nein.

Sam: Doch.

Jonas: Na also. Und noch einer. Für die toten Geiseln und für die Stadtguerilla und für die unschuldigen Opfer. Und jetzt ein großer Schritt für Judith Delgado.

Costa: Nein, Jonas, bitte.

Jonas: Und noch ein Schritt für Judith und noch einer und noch einer. Und jetzt der letzte Schritte.

Costa: Nein. Nein. Au!

Jonas: Gesegnete Mahlzeit.

Sam: Mahlzeit Chef. Ob er ihnen wohl bekommen wird?

Jonas: Nachtmenschen. Sicherheitspräsidenten. Schwarze Killer. Terroristen. Große Fische. Kleine Fische. Fressen und gefressen werden. Sehr lehrreich und symbolisch. Es wurde ruhig. Um uns lag Babylon. Babylon die große Stadt. Unermeßlich. Unerschütterlich. Unbeeindruckt.

Sam: Durch die Straßen der Stadt dadadadadadada, geht ein einsamer Mann, babababababa, ja das ist der Euroblues, dudidudidudi, der zieht aus die Schuhes, bambobambobam, die Strümpfe dazu, schlaf Judith in ewiger Ruh, babababaa, durch die Straßen der Stadt durch die Straßen Straßen Straßen Straßen geht ein einsamer Mann, ja das ist der Euroblues, badi, schlaf Judith, schlaf in ewiger Ruh.

Jonas: Gehen wir nach Hause, Sammy.

Sam: Ok. Ok Ok Ok Ok.

Das war Euroblues. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski. Es wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Ilse Zielstorf, Helmut Stange und viele andere (Claudius Zimmermann, Helga Engel, Eduard Linkers, Hans Stetter, Werner Klein). Ton und Technik: Irene Thielmann und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Werner Klein. (Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks) (1990). (Redaktion: Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Attentat

Jonas: August 2012. Hochsommer. Brütende Hitze. Die Klimaregulierung war kaputt. Wie immer. Babylon, die große Stadt, stank zum Himmel. Ein gigantischer Misthaufen. Verrottet. Verwest. Verfallen. Und trotzdem begehrt. Manche reißen sich sogar darum. Alle fünf Jahre. Wenn die Wahl zum Bürgermeister ansteht.

Wahlrobot: Harry Hauer. Nur Harry Hauer. Ihr Kandidat. Neu. Harry Hauer. Wer hat sich hochgearbeitet vom Volksrentner zum Multimilliardär? Harry Hauer. Wen braucht Babylon? Harry Hauer. Wer wird Bürgermeister? Harry Hauer. Harry Hauer Nur Harry Hauer. Harry Hauer. Nur Harry Hauer. Ihr Kandidat. Neu. Unverbraucht. Harry Hauer. Wer hat sich hochgearbeitet vom Volksrentner zum Multimilliardär? Harry Hauer. Wen braucht Babylon? Harry Hauer. Wer wird Bürgermeister? Harry Hauer. Wen wählen Sie? Harry Hauer. Nur Harry Hauer. Harry Hauer. Nur Harry Hauer. Ihr Kandidat. Neu. Unverbraucht. Harry Hauer… Wen wählen Sie?…

Jonas: Überall Wahlrobots und Slogomaten. Elektronische Pappköpfe mit Lautsprechern, auf Straßen und Plätzen, in der Metro, vor Fenstern und Türen. Keine Ruhe bei Tag und Nacht. Ich setzte mich entnervt ab ins Casablanca. Jacob duldet keine Wahlrobots in seiner Kneipe. Aber die Wahl wurde ich auch hier nicht los.

Jacob: Und für wen bist du, Jonas?

Jonas: Für Jonas. Nur für Jonas. Whisky, Jacob, oder was du so nennst.

Jacob: Weiß ich doch. Ich meine, was wählst du Sonntag.

Jonas: Meine Ruhe.

Jacob: Aber wetten wirst du doch wohl oder?

Jonas: In Babylon wettet jeder, obwohl es verboten ist, oder vielleicht gerade weil. Gemanaged wird das Wettgeschäft von der Korporation, dem organisierten Verbrechen. Und gewettet wird auf alles und jedes, nichts ist zu mies. Nicht mal die Bürgermeisterwahl.

Jacob: Willst du einen Tip, Jonas.

Jonas: Brauch ich nicht. 5 zu 4 für Bürgermeisterin Paretzky.

Jacob: Denkst du, längst überholt. Letzte Woche ist Harry Hauer an die Notschka vorbeigezogen, und weißt du, wer auf ihn gesetzt hat.

Jonas: Klar, die eigene Partei, muß sie ja wohl.

Jacob: Aber gleich so hoch, wo alle Umfragen die Paretzky vorne sehen. Sicher, groß ist ihr Vorsprung nicht, aber trotzdem, komisch irgendwie.

Jonas: Deine Sorgen möcht ich haben, Jacob. Noch einen.

Jacob: Und gestern, das bleibt aber unter uns, gestern hat einer Millionen darauf gewettet, daß Hauer nicht Bürgermeister wird, Millionen, Jonas.

Jonas: Wer?

Jacob: Weiß keiner. Um drei Ecken, über Strohmänner. Also wenn du mich fragst, Jonas.

Jonas: Ich frag dich aber nicht, Jacob.

Jacob: Da wird ganz massiv geschoben.

Jonas: Ist ja nicht zu glauben. Du hast meinen Whisky vergessen Jacob.

Sam: Typisch, der würde auch seinen Ar… Korrektur der würde auch seinen Arm vergessen, wenn der nicht fest angeklebt wäre. Tätätätät ich bin die Sammy von der Post, vom Himmel hoch da komm ich her und hab nen schön ganz dicken Sack mit.

Jonas: Was da in meiner Tasche grölte, war natürlich Sam, mein sogenannter Computer. Plastikzwerg und rhetorischer Riese. Vollgestopft mit Nanachips und mit 1001 Sprachprogramm. Schon etwas angestaubt, aber kein bißchen leise, ein verbales Versuchsmodell anno 2005, das keiner haben wollte, außer Jonas, und der auch nur weil’s billig war. Man kann sich an alles gewöhnen, sogar an Sam, wenn ich nur wüßte wie.

Jacob: Bei mir ist das so: wenn Menschen reden, halten Computer die Schnauze.

Sam: Selber Schnauze, alter Giftmischer. Du hast mir gar nichts zu sagen.

Jacob: Werd du frech, du elektronischer Lachsack.

Sam: Wer nichts wird, wird Wirt, so spricht das Volk, ein wahres Wort, Damen und Herren, wie sich soeben.

Jonas: Ruhe.

Sam: Lachsack hat er zu mir gesagt, der Gehirntyp.

Jacob: Muß ich mir das von deiner Taschenwanze bieten lassen.

Jonas: Ruhe. Reg dich ab Jacob und gieß mir endlich einen ein, dir auch.

Sam: Und Sammy?

Jonas: Du sagst mir was los ist. Kurz klar.

Sam: Kurz klar. Militärisch jawohl zackzack, eine Botschaft über den heißen Draht, Persönliche Dringlichkeitsstufe Eins A.

Jonas: Meinen Eins A Code kennen nur zwei, eine ist tot. Hallo Darling, wo brennt’s.

Belinda: Ich brauch dich Jonas.

Sam: Wer nicht.

Jonas: Juno Belina, genannt Darling. Nicht nur von ihren Freunden. Ich war ein Freund, ein ganz alter noch von der Guerillafachschule her und danach waren wir in Verbindung geblieben, freundschaftlich, aber locker.

Belinda: Hast du heute abend was vor, Jonas?

Jonas: Für dich würd ich alles absagen, Darling.

Belinda: Das ist gut. Ein Aushilfsjob nur für ein paar Stunden.

Jonas: Ach so.

Belinda: Komm gleich rüber, du weißt ja wo.

Jonas: Darling Belinda hatte es zu was gebracht, Besitzerin und Chefin von Safety First, ein kleiner aber effizienter privater Sicherheitsdienst. Einträglich auch, mit einer Adresse am feinen Markgrafenboulevard, im obersten Stock einer atemberaubenden Konstruktion, die höher war als die babylonische Nettoverschuldung.

Belinda: Leben ist plötzlich ausgefallen.

Jonas: Herzinfarkt.

Belinda: Laserstrahler. Ich hab sonst keine frei.

Jonas: Du brauchst nicht Jonas, Darling, du brauchst einen Sicherheitsexperten.

Belinda: Wenn ich mich recht erinnere ist Jonas Sicherheitsexperte, einer der besten.

Jonas: Mag sein, aber eigentlich bin ich Detektiv. Der letzte Detektiv. Ein Philip Marlowe Ableger im falschen Jahrhundert, nicht daß ich nichts zu tun hätte, manchmal mehr als mir lieb ist, ein interessanter Beruf, ab und zu gefährlich, ziemlich einsam, einträglich weniger. Einen echten Holzschreibtisch kann ich mir nicht leisten.

Belinda: Nur kein Neid Jonas, Du hättest dich mit mir zusammen tun können damals nach dem Krieg, aber du wolltest ja unbedingt frei sein, Einzelgänger, aufrecht, geradlinig, lakonisch, ungebrochen und arm.

Jonas: Aber glücklich.

Belinda: Wirklich Jonas? OK. Safety First hat den Sicherheitsdienst für die WORF übernommen, das heißt für Harry Hauer.

Jonas: Der Teufel soll ihn holen und die Bürgermeisterin und die ganze verdammte Wahl gleich dazu.

Belinda: Was hast du gegen die Wahl, Jonas, mir bringt sie was ein, und dir auch, wenn du willst.

Jonas: Bei uns gibt’s Leute, die gern auf Politiker schießen. Verrückte, Terroristen, zu kurz gekommene, Zeichensetzer. Und darum müssen Politiker geschützt werden. Bei den regierenden, die’s schon geschafft haben, macht das die Polizei. Nur bei den Regierenden. Die es erst noch schaffen wollen, müssen ihren Schutz selbst organisieren, und bezahlen natürlich. Harry Hauer konnte das mit links, er war ein finanzielles Wunderkind, eins das mit Firmen und Konten spielte wie unsereiner mit der Holo-Fernbedienung. Aber dann wurde ihm das zu langweilig. Angeblich klappte es auch nicht mehr so recht mit dem Milliardenspiel. Jedenfalls ging er in die Politik. Zur Opposition. Zur Partei für Wohlstand, Ordnung, Recht und Freiheit. Kurz WORF.

Belinda: Heute abend läuft Hauers letzte Wahlveranstaltung im zentralen Parteilokal der WORF, das übliche, großer Auftritt, kleine Rede ans besiegte Volk.

Jonas: Und da soll ich aufpassen.

Belinda: Ah, als verantwortlicher Sicherheitschef, 200 Euros.

Jonas: Einverstanden, aber nicht wegen der Euros, deinetwegen Darling. Aus alter Freundschaft.

Belinda: Ich bin gerührt.

Jonas: 250 netto.

Belinda: Aus alter Freundschaft. In 2 Stunden geht’s los, am besten fährst du gleich rüber zum Worflokal, die Technik ist schon aufgebaut.

Jonas: Sicherheitsschleuse?

Belinda: Mit Techniker, guter Mann.

Jonas: Sonst noch jemand von dir da, Darling?

Belinda: Hauers Bodyguard.

Jonas: Auch ein guter Mann.

Belinda: Weiß ich nicht, mir ist er zu grün. Den Job hat er nur gekriegt, weil er in der richtigen Partei ist. Ich bin froh, daß du mitmachst, Jonas, also bis später.

Jonas: Das Parteilokal der WORF war eine Betonwarze auf dem unendlichen Flach-dach von Harry Hauer Industries, ein niedriger grauer Kasten, etwa 50 mal 50 Meter, vorne eine Lobby, Endstation für den Fahrstuhl, hier war die Sicherheitsschleuse aufgebaut, dann ein kleiner Saal mit Podium, an den Wänden Harry Hauer in Holo, und zwei Türen, Damen und Herren, dahinter ein Durchgang, daran zwei Zimmer, das war’s, sicherheitstechnisch ideal, keine Fenster, problemlose Klimaanlage. Nur ein Zugang.

Heller: Zwei, Herr Jonas.

Jonas: Zwei, wo ist der zweite?

Heller: Im rechten Hinterzimmer, ich zeig’s Ihnen gleich. Harry Hauers Privatlift. Unser Kandidat kann doch nicht den selben Eingang benutzen wie das normale Volk.

Jonas: Natürlich nicht, er könnte sich was holen, die Pest, AIDS oder zumindest die Krätze. Wer hat einen Schlüssel?

Heller: Zum Privatlift? Nur Harry Hauer.

Jonas: Eigentlich hätte sie sagen müssen: ihr Ton gefällt mir nicht, aber das tat sie nicht, sie war nervös, Streß, vielleicht mehr. Sie war Hauers Wahlkampfmanagerin, Karen Heller, tüchtig, farblos und nervös.

Heller: Wenn Sie jetzt alles gesehen haben, Herr Jonas.

Jonas: Augenblick noch, was haben Sie geplant, wie läuft die Geschichte ab.

Heller: Die Kundgebung, meinen Sie, Herr Jonas, kurz und klassisch.

Jonas: Das heißt?

Heller: Tusch, Erheben von den Plätzen, Auftritt Hauer, Beifall.

Jonas: Nicht enden wollend.

Heller: Eine Minute.

Heller: Dann Begrüßung durch den Vorstand des Parteibezirks. Ansprache des Kandidaten, 5 Minuten Pause.

Jonas: Pinkeln und Prominieren.

Heller: Der Kandidat will sich hinten kurz ausruhen, bevor er Autogramme gibt und Fragen beantwortet. Babylonische Hymne, Begeisterung, rhythmisches Klatschen, Abgang. Ein simples Szenario.

Jonas: Ein simples Publikum.

Heller: Mein Gott, Herr Jonas, das Publikum ist doch nur Staffage, Liveatmosphäre für die Holoübertragung.

Jonas: Die Staffage strömte, mindestens 50 Mann und Frau natürlich, durch die Sicherheitsschleuse. Alle sauber, kein Wunder, alle waren von der Partei ausgewählt und hatten spezielle Paßscheiben. Sie suchten sich Plätze, rutschten hin und her, redeten leise, gingen aufs Klo, was man so macht bevor’s losgeht. Die Holomenschen kamen mit ihren Apparaten, Harry der Große schwebte ein und ging hinten noch mal seine Rede durch. Karen Heller, zusehends nervöser, pendelte zwischen Hinterzimmer und Saal. Im Flur griff ich mir Hauers Bodyguard, der war groß und breit, und mochte mich nicht, trotzdem verriet er mir seinen Namen.

Moos: Moos. Benno Moos. Sie sind dieser Jonas.

Jonas: Ich bin Jonas, nur Jonas, Ihr Chef.

Moos: Aber nur heute abend, hat Frau Belinda gesagt.

Jonas: Das reicht mir auch. Arme hoch, an die Wand, Beine auseinander.

Moos: Was soll das?

Jonas: Sie sind mit Hauer im Privatlift gekommen, nicht durch die Sicherheits-schleuse. Darum. In Ordnung, stehen Sie bequem Moos, Sie haben nur Ihren Dienstlaserstrahler, den können Sie behalten.

Moos: Klar behalt ich meinen Laser, ich hab einen Waffenschein, ich bin Bodyguard.

Jonas: Da kommt Ihr Body, Moos, gehen Sie guarden.

Jonas: Ganz wohl war mir nicht. Moos sah aus wie einer, der wild herumballert, wenn was passiert. Aber sollte passieren, alles lief nach Plan, Applaus, Harry Hauer trat auf, winkte zu, winkte ab, nahm auf dem Podium Platz, rechts neben ihm Karen Heller und Jonas, links Moos und der Bezirksbonze der WORF, ein blasses Wesen, das sich ein paar blasse Sätze abquälte. Dann erhob sich der Kandidat.

Hauer: Babylonierinnen, Babylonier, Zeit für einen neuen Anfang, Zeit für Harry Hauer, nach zehn Jahren Korruption, Filz, Schlamperei werden wir ihn schaffen…

Heller: Erst nachher.

Jonas: Nein Moos!

Jonas: In der zweiten Reihe war eine Frau aufgestanden, eine Frau im weißen Kleid mit starren Augen und mit einer Waffe in der ausgestreckten Hand, ein Knall, ich warf mich auf Hauer, riß ihn zu Boden, ein Reflex, spektakulär und nutzlos. Ein zweiter Knall ganz nah, Hauer zuckte, bäumte sich auf, lag still. Ich sah hoch, Moos hatte seinen Laser gezogen, zielte auf die Frau in Weiß, drückte ab. Ich stand auf und schob mich durchs geschockte Publikum.

Jonas: Die Frau ist tot. Kopfschuß.

Moos: Klar, ein guter Bodyguard ist auch ein guter Schütze.

Jonas: Ein guter Bodyguard sollte ein bißchen Grips in seiner Bowlingkugel haben.

Moos: Wieso?

Jonas: Weil eine tote Attentäterin uns nicht weiter bringt, im Gegenteil.

Moos: Ist doch sowieso zu spät. Komische Waffe.

Jonas: Minirakwerfer mit optischem Zielfinder, hier.

Moos: Kleines Holobild, Harry Hauer.

Jonas: Die Zielvorgabe. Nach Abschuß steuert die Minirakete die abgebildete Person an und explodiert.

Moos: In Hauer Schädel.

Heller: Harry Hauer ist tot.

Jonas: Sie merken auch alles, Frau Heller, rufen Sie die Kripo.

Jonas: Merkwürdig, warum eine optische Minirak. Unsicher, veraltet.

Moos: Schwer zu kriegen ist so ein Ding auch, nicht gerade die ideale Waffe für ein Attentat.

Jonas: Sie sagen es Moos. Aber das wichtigste haben Sie nicht gesagt.

Moos: Sagen Sie’s Jonas.

Jonas: Wie ist die Waffe hier reingekommen.

Moos: Gute Frage.

Jonas: Es war Mitternacht, als die Kripo uns gehen ließ, nach drei harten Stunden, was danach kam war härter, antreten bei Darling Belinda.

Belinda: Sicherheitsspezialisten von Safety First hilflose Zuschauer bei Mord an Bürgermeisterkandidaten. Das ist genau die Werbung, auf die ich liebend gern verzichte. Wie konnte das passieren?

Moos: Fragen Sie doch Jonas, der war der Chef.

Jonas: Ich habe keine Erklärung, Darling, noch nicht, vorzuwerfen hab ich mir nichts.

Belinda: Du hattest die Verantwortung.

Jonas: Und darum werd ich der Sache nachgehen.

Belinda: Von mir aus, Jonas, aber auf deine Rechnung. Safety First wird eine eigene Untersuchung anstellen, und dafür hab ich genau den richtigen Mann, einen der was gutzumachen hat. Nicht wahr, Moos?

Moos: Ich hab nächste Woche Urlaub, Chefin, Bangkok, Flug ist schon gebucht.

Belinda: Bis dahin haben Sie den Fall abgewickelt oder Sie lassen den Flug sausen, Sie haben die Wahl, Moos.

Jonas: Jonas hatte keine Wahl, ich mußte am Mordfall Hauer arbeiten, auch wenn mich keiner dafür bezahlte. Meine Berufsehre war angeschlagen, reparaturbedürftig. Dringend. Nicht wegen irgendwelcher Negativwerbung, wegen meiner Selbstachtung und weil mir eine leise innere Stimme sagte, an der Sache sei was faul. Eine laute äußere Stimme war der selben Meinung.

Sam: Faul, Herr Oberentsorgungsrat, oberfaul, stinkfaul, es düftelt streng zum hohen Himmel, welchen beiläufig sei’s bemerkt von wegen Smog kein babypsilonisches Auge je erschaut. Aber geben soll’s ihn. Fragens bitte Frau Brigitte.

Jonas: Ich denk nicht dran. Die Waffe Sammy.

Sam: Indeed Sir, eben die selbige.

Jonas: Der Minirakwerfer kann nicht im Saal gewesen sein. Eigentlich.

Sam: War aber. Ätsch. Erkläret mir Graf Oerindur diesen Zwiespalt der Natur.

Jonas: Wie ist das Ding reingekommen, Sammy.

Sam: Naja mehrere Möglichkeiten euer Fragwürden, erstens Ding war schon vorher drin. Verstochen.

Jonas: Ausgeschlossen. Vor der Kundgebung hab ich alles durchsucht, Gründlich. Mit dieser Karen Heller.

Sam: Aha. Frage: Ist mein Jonas eine Intelligenzbestie. Man erspare mir die Antwort. Nächste Frage. Ist er ein brauchbarer Durchsucher, ja ja und abermals ja. Insofern akzeptiert. Also Möglichkeit zwei. Ein Teilnehmer hat Minirak mitgebracht.

Jonas: Geht auch nicht, Sammy, alle mußten durch die Sicherheitsschleuse.

Sam: Und auf die Elektronik ist Verlaß. Ohne wenn und aber, daccord aus vollem Herzen und voller Hose.

Jonas: Hast du beides nicht, Sammy, weiter.

Sam: Naja, gestatten Sie eine Zwischenfrage Herr Kollege.

Sam: Nur zu.

Jonas: Wollen Sie tatsächlich allen ernstes behaupten, sämtliche Anwesenden hätten die Schleuse passiert.

Jonas: Moos meinst du? Den hab ich eigenhändig abgecheckt.

Sam: Sammy meint nicht nur Moos.

Jonas: Na wen denn noch.

Sam: Na wen schon, mein geistesschwaches Gummibärchen.

Jonas: Also

Sam: Wer hat denn außer Bodyguard Moos den Ort des Geschehens durch die Hintertür betreten, häh?

Jonas: Du denkst doch wohl nicht an.

Sam: O doch, genau an den, Harry den Hauer.

Jonas: Du spinnst, Sam, Harry Hauer ist das Opfer.

Sam: Hat man alles unmögliche eliminiert, so muß das was übrigbleibt, und sei es auch noch so unwahrscheinlich.

Jonas: Die Wahrheit sein, Sherlock Holmes ich weiß aber Jonas ist nicht Dr. Watson.

Sam: Watson.

Jonas: Jonas ist Jonas, und Jonas bestimmt wo’s langgeht. Morgen früh sind wir bei der Kripo.

Sam: Hören ist gehorchen, o Beherrscher der Ungläubigen, doch merke, die Gedanken sind frei.

Jonas: Den Fall Hauer hatte ein alter Bekannter. Freund konnte man ihn beim besten Willen nicht nennen, Chefinspektor Brock. Ich erkannte ihn kaum wieder, als ich in seinem Büro aufkreuzte. Weil er mich nicht mit der üblichen Bullenbeißermiene anglupschte. Er grinste, breit und unschön, von einem Blumenkohlohr zum anderen.

Brock: Sehen Sie mal, wer uns die Ehre gibt, Pauly, der große Sicherheitsexperte höchstpersönlich.

Sam: Und Sammylein.

Brock: Was führt Sie in unsere bescheidenen Niederungen, Jonas. Wollen Sie uns was beibringen, wie man sich seinen Schützling vor der Nase abknipsen läßt zum Beispiel?

Jonas: Ist ja gut, Bröckchen, ich weiß, auf so eine Gelegenheit haben Sie Jahre gewartet.

Brock: Ich hab’s Ihnen schon x-mal gesagt, Jonas, ich bin nicht Ihr Bröckchen.

Sam: Wär Kotzbrock Ihnen angenehmer allerwertester Chefinspektor?

Brock: Und Ihrer vorlauten Quackbox sollten Sie endlich ein Anstandsprogramm verpassen oder schmeißen Sie sie doch gleich auf den Schrott. Was wollen Sie?

Sam: Oh Lustmörder, Tierschänder, Tierquäler, Blaubart, Schreibtischtüte.

Jonas: Sei still, Sam. Informationen.

Brock: Über den Fall Hauer? Wozu? Die Sache ist klar. So gut wie abgeschlossen.

Jonas: Ach wirklich.

Brock: Attentäterin Susanne Kemp, 37 Jahre, seit 2010 im Zentralkrankenhaus, Psychiatrie, geschlossene Abteilung, paranoid schizophren, sagt Chefarzt Dr. Quaris, hat Stimmen gehört und so.

Sam: Also bekloppt.

Brock: Eingestuft als schwierig, aber nicht gefährlich.

Jonas: Ein Irrtum der Wissenschaft.

Brock: Soll vorkommen. Gestern früh ist sie ausgerückt.

Jonas: Wie?

Brock: Keine Ahnung.

Jonas: Woher hatte sie die Waffe?

Brock: Was weiß ich, gefunden, gestohlen…

Jonas: Sie reißen sich nicht gerade ein Bein aus, Brock.

Sam: Nicht mal ein kleinen Zeh.

Brock: Sagen Sie mal Jonas wo leben sie?

Sam: In Oberbayern.

Brock: Tja, wenn’s nicht der Kandidat der Opposition wäre, sondern sagen wir Bürgermeisterin Paretzky.

Sam: Mit Hund Radetzky.

Jonas: Die Kripo dein Freund und Helfer, ohne Ansehen der Person. Nächste Station Zentralkrankenhaus: Geschlossene Abteilung, ich war schon mal dagewesen, vor dreieinhalb Jahren, Fall Testmarkt, keine gute Erinnerung. Damals hatte ich eine Paßscheibe abgestaubt, und die kam mir zu paß. Chefarzt Dr. Quaris fand ich im Innenhof, nicht weit vom großen Alzheimerkäfig, er hatte es eilig.

Quaris: Was soll ich Ihnen über Kemp sagen, ich kann Ihnen nicht viel sagen, und was ich sagen kann, habe ich schon der Kripo gesagt.

Jonas: Aber Sie haben sie doch persönlich verarztet Dr. Quaris.

Quaris: Wer sagt das.

Jonas: Der Krankenhauscomputer.

Quaris: Was heißt schon persönlich. Ich bin Chefarzt, ich habe viele Fälle. Dutzende.

Jonas: Warum Kemp.

Quris: Kann ich jetzt nicht mehr sagen, eigentlich ein ganz gewöhnlicher Fall, paranoide Schizophrenie, akustische Halluzinationen.

Jonas: Stimmen. Was haben sie gesagt.

Quaris: Darf ich nicht sagen, Schweigepflicht. Datenschutz. Wiedersehen.

Jonas: In einem der endlosen giftgrünen Korridore hielt mich eine Schwester an, eine kleine dicke mit schiefer Nase. Ich hatte sie schon vorher im Innenhof gesehen.

Schwester: Sie?

Jonas: Ja?

Schwester: Sie haben was verloren.

Jonas: Das Stück Papier. Gehört mir nicht.

Sam: Natürlich hast du’s verloren, nimm schön und sag der lieben Schwester brav Dankeschön. Und mit solchen Amöben im Geiste muß ein gewitzter Computer sich abgeben.

Jonas: Auf dem Zettel stand: Susanne Kemp, 50 Euros?

Sam: Der schiere Wucher. 10.

Schwester: 20. Aber deshalb tu ich’s nicht. Wegen der Wahrheit. Weil der Allmächtige Ihnen die Hucke vollgelogen hat.

Jonas: Dr. Quaris.

Schwester: Klar Quaris, seine Majestät, Mr. Universum, der Größte, dauernd hackt er auf mir rum. Letzte Woche hat er mich runtergestuft um zwei Gehaltsgruppen.

Jonas: Eine Schande. Warum.

Schwester: Wegen gar nichts. Ich habe ein paar alte Stänker auf meiner Station gründlich ruhiggestellt. Valumbran Überdosis. Na und, gibt sowieso zu viele Patienten.

Jonas: Das nennt man Radikalkur.

Sam: Susanne Kemp.

Jonas: Susanne Kemp, Sie wollten wir was erzählen.

Schwester: Ich zeig Ihnen was, kommen Sie mit.

Jonas: Eine kurze Tour durch die Eingeweide der geschlossenen Abteilung, Gänge, Ecken, Treppen, dann standen wir in einem kleinen Zimmer, ein Bett, ein Schrank, Täfelung mit Platten aus besten Holzimitat, ganz gemütlich, abgesehen von den Gittern vor dem Fenster.

Schwester: Hier war sie untergebracht die Kemp, seit einem Vierteljahr, verlegt aus dem großen Saal auf Anweisung von Quaris. Als ob sie was besonders wäre, keine scheißnormale Kassenkrücke. Passen Sie auf, ich nehme jetzt die Wandtafel am Kopfende weg. Na, was sehen Sie?

Jonas: Nichts.

Schwester: Ja jetzt, da war aber was, ein ferngesteuertes Tonbandgerät mit Lautsprecher.

Jonas: Ferngesteuert.

Schwester: Quaris. Vom Chefzimmer aus. Gestern morgen ist die Kemp weggebracht worden, große E-Limousine mit Chauffeur, und danach hat Quaris die Anlage abgebaut, Gottvater selbst mit seinen eigenen manikürten Händen.

Jonas: Sagen Sie. Ich seh bloß ein Loch in der Wand.

Schwester: Was ist das?

Jonas: Eine Kassette.

Schwester: Ein Beweis ist das. Wieviel.

Jonas: Wir einigten uns auf 100 Euros. Zu Hause in meinem Büroapartment mußte ich mir erstmal die Hände waschen. Durch Herzenswärme und Selbstverleugnung wird es geprägt, unser medizinisches Personal, sagt der Sozialstadtrat, und der muß es wissen, die Kassette war ein Beweis mir war allerdings noch nicht ganz klar wofür.

Quaris: Harry Hauer. Harry Hauer hat sich angeeignet, was dir zusteht, Geld, Erfolg, Ansehen.

Sam: Mann ist der erkältet.

Quaris: Harry Hauer ist schuld, schuld an deinem Unglück, und an allem Unrecht, was in Babylon geschieht. Harry Hauer muß beseitigt werden.

Jonas. Ist ja unglaublich.

Quaris: Du bist zu dieser großen Aufgabe ausersehen, dir ist sie anvertraut.

Sam: Na denn mal los.

Quaris: Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du diesen Ort verlassen, was du dann tun sollst, wirst du noch erfahren. Du wirst erfahren, wo du das Werkzeug findest, wie und wann du…

Jonas: Quaris. Die Stimmen, die Susanne Kemp gehört hat, waren keine Halluzinationen, Chefarzt Dr. Quaris hat eine passende Patientin ausgesucht, er hat sie bearbeitet, auf Harry Hauer angesetzt. Warum, warum, Sammy?

Sam: Weshalb wofür wozu und inwieferne.

Jonas: Vielleicht steckt Bürgermeister Paretzky dahinter.

Sam: Quatsch. Quatsch mit Soße und Kartoffeln. Paretsky liegt sowieso vorn, wieso sollte sie ihren Gegenkandidaten umbringen lassen. Die Frau ist doch noch blöd. Die Antwort, edler Freund, findet sich an ganz anderem Ort, genau gegenüber, könnte man sagen.

Jonas: Was heißt das. Hast du in den Datenbänken was entdeckt.

Sam: Lange lange hat er suchen müssen der arme Sam, über Stock und Stein ist er getrabt, über Berg und Tal, durch Regen und Wind, Blasen an den Füßen hat er bekommen, Schwielen an den Händen, Narben im Gemüt und müde ist er geworden, so entsetzlich müde.

Jonas: Willst du dich ausruhen, ich schalt dich sofort ab, du brauchst es nur zu sagen. Laß den Blödsinn, du bist eine Maschine.

Sam: Wenn man mich sticht blute ich nicht, wenn man mich hetzt erlahme ich nicht?

Jonas: Nein.

Sam: Naja denn nicht. Auch gut. Resultat der elektronischen Pilgerfahrt kurz und präzis folgendes. Der verehelichte Dr. Quaris ist eingeschriebenes Mitglied der Partei für Wohlstand, Ordnung, Recht und Freiheit, ein prominentes in höchsten Parteigremien wohlangesehenes Mitglied.

Jonas: Willst du damit sagen daß die Worf ihren eigenen Kandidaten umgebracht hat

Sam: Gemacht gemacht, immer langsam mit den jungen Pferde, erinnert euch Hoheit, der vertraulichen Insinuationen jenes von Berufs wegen alkoholisch marinierten Hilfsmenschen namens Jacob, die eigene Partei, so gab er zu verstehen, hat auf Harry Hauer gewettet, hoch, sehr hoch, zu hoch, mein Gott ist das hoch.

Jonas: Und deshalb läßt sie ihn abschießen, das ist doch paradox.

Sam: Na und Sherlock Holmes?

Jonas: Du meinst daß eigentlich nur Hauer selbst die Waffe ins Parteilokal gebracht haben kann.

Sam: Was heißt eigentlich, du Humpelhirn, es gibt keine andere Möglichkeit, und wenn ich eure geistigen Hartleibigkeit noch eine dritte Reminiszenz abverlangen dürfte. Was sprach Wahlkampfmanagerin Heller im ersten Schreck unmittelbar nach dem Attentüt?

Jonas: Moment Sam, wie war das. Zu früh, sie sollte erst später. Sie weiß was. Wo wohnt sie?

Sam: Eine Visite bei Madame Karen Heller zwecks mehr oder weniger peinlicher Befragung, sehr gut, lasset uns eulen.

Jonas: Ans Fon ging sie nicht, auch nicht zur Tür, als ich klingelte, und als Jonas fachmännisch das Schloß knackte, kam keine Reaktion. Messerscharfe Folgerung, Heller war ausgeflogen. War sie aber nicht.

Sam: Eine recht ansprechende Behausung, Sir.

Jonas: Viel Platz, mehr als bei uns zu Hause, was Sammy.

Sam: Ja das ist ja auch kein Wunder.

Jonas: Und hier ein richtiges Badezimmer, nicht bloß ne Naßzelle, mit ner echten großen Badewanne. Luxus.

Sam: Superluxus, denn siehe die Wanne ist bereits gefüllt, und in ihr Tod und Teufel.

Jonas: In der Badewanne lag Karen Heller, unter Wasser, splitternackt und mausetot. Eine unerwartete Komplikation. Was steckte dahinter.

Sam: Meditieren kannst du später, Lahmbeutel, tüdelieger.

Jonas: Pfeife.

Sam: Ja selber, draußen, empfehle dringend strategische Absetzbewegung. Hier ist es nicht geheuer.

Kasbek: Ein wahres Wort.

Sam: Ohohoh. Zu spät, ich rette den Freund nimmer mehr.

Jonas: Drei Männer kamen aus dem großen Kleiderschrank, Laserstrahler in den Händen. Einen kannte ich, zum Glück nicht persönlich, bis jetzt, Kasbek von der Korporation, oberster Hitmann und Vollstrecker, Spezialist für endgültige Maßnahmen. Jonas nahm die Hände hoch, Jonas ließ sich fesseln, was hätte Jonas sonst auch tun sollen.

Kasbek: Und nun wäre wohl eine kleine Kopfwäsche angebracht. Als Kavalier haben Sie sicher nichts dagegen die Wanne mit einer Dame zu teilen. Los. So, wer sind Sie.

Jonas: Jonas, nur Jonas.

Kasbek: Der letzte Detektiv? Freut mich. Weiter. Sie sind härter im nehmen als die Lady. Wir hatten gar nicht richtig angefangen zu fragen, da ist sie uns schon weggeblieben. Mal sehen wie lange Sie’s aushalten. Steckt ihn wieder rein.

Jonas: Sie machen einen großen Fehler, Kasbek.

Jonas: Solche Sprüche sage ich ab und zu ganz gern, aus Tradition, aus Spaß diesmal war’s mir ernst. Todernst.

Jonas: Sie kriegen Ärger mit Ihren Chefs, wenn Sie mich ersäufen, mit Krapp, mit Lukrezia Carnevale und und mit Martta Toivonen, die sind Jonas noch was schuldig.

Sam: Ja, Fall Eurodschungel, Mai 2012.

Kasbek: Sie können mir viel erzählen, Jonas.

Jonas: Gehen Sie doch ans Fon, rufen Sie Frau Toivonen an.

Kasbek: OK, aber wenn Sie mich anscheißen, Jonas, dann nehmen wir uns mit Ihnen viel Zeit, dann sterben Sie lange und sehr unangenehm.

Sam: Ach du Scheiße.

Jonas: Als Kasbek vom Fon zurückkam, war er wie umgewandelt, fast menschlich. Jonas wurde losgebunden, ins Zimmer gebracht, aufs Sofa gesetzt.

Kasbek: Alles in Ordnung, Jonas.

Jonas: Sehen Sie doch mal nach, Kasbek, ob Sie nicht irgendwo einen Tropfen Whisky für mich auftreiben können. In letzter Zeit habe ich ein bißchen viel Wasser schlucken müssen.

Kasbek: Übertreiben Sie nicht, Jonas, von Whisky hat Frau Toivonen nichts gesagt, sie hat gesagt, ich soll Sie laufen lassen, und vorher soll ich Ihnen sagen, worum es geht.

Jonas: Das tat er denn auch. Mir wurde einiges klar, nicht alles, noch lange nicht, aber doch einiges. Hinter dem Attentat auf Hauer steckte die WORF. Wirklich und wahrhaftig. Sollte natürlich kein richtiges Attentat sein, nur ein Dreh, ein Trick. Jemand sollte auf ihren Kandidaten schießen, dann würden ihn mehr Leute wählen, genug, um den knappen Vorsprung von Bürgermeisterin Paretzky aufzuholen, Mitleidseffekt nennt man das. Die WORF war fest überzeugt, daß die Sache klappen würde, so fest, daß sie sich mit der Korporation zusammentat, und viel Geld von ihr borgte, um es auf Hauer zu setzen.

Kasbek: Das ist jetzt weg. Weil Hauer wirklich umgebracht wurde. Das war nicht vorgesehen. Wir haben der Partei eine Minirak mit optischer Zielfindung besorgt, und ein Zielholo von Hauers Nebenmann eingegeben, ein kleiner Bonze, Bezirkschef oder so, absolut entbehrlich hat man uns gesagt, den sollte es treffen. Harry Hauer sollte wie durch ein Wunder davon kommen und zum Bürgermeister gewählt werden.

Jonas: Aber das ist schiefgegangen.

Kasbek: Und wie. Diese Irre hat zu früh geschossen, nicht in der zweiten Hälfte, wie’s geplant war, damit Hauer erst seine Rede ungestört abliefern konnte, und sie hat Hauer getroffen, nicht den anderen.

Jonas: Weil jemand die Minirak mit Hauers Holo gefüttert hat.

Kasbek: Was das schlimmste ist: Kurz vor dem Attentat hat jemand gewaltige Summen darauf gesetzt, daß Hauer nicht gewählt wird, und jetzt müssen wir zahlen.

Jonas: Derselbe jemand?

Kasbek: Kann gut sein. Wer das war, wissen wir noch nicht. Aber wir haben einen Verdacht und da bohren wir nach. Die Korporation hat nämlich was gegen Verluste.

Jonas: Verständlich. Karin Heller?

Kasbek: Karin Heller. Sie war Hauers Wahlkampfmanagerin und von Anfang an in den Attentatsplan eingeweiht. Hauer hat die Waffe eingeschmuggelt.

Sam: Ja bitte, three cheers for Mr. Sherlock Holmes. Hipp Hipp

Jonas: Hurra.

Kasbek: Sherlock Holmes, wieso Sherlock Holmes.

Jonas: Verstehen Sie doch nicht, Kasbek, machen Sie nur weiter.

Kasbek: Ich soll Sie nicht anrühren, hat Frau Toivonen gesagt. Ihr Glück Jonas. Heller hat die Waffe übernommen und an die Irre weitergeben.

Jonas: Wie und wo.

Kasbek: Im Klo für Damen, dabei hätte die Heller die Minirak umprogrammieren können oder die Attentäterin.

Jonas: Warum hätte sie das tun sollen?

Kasbek: Na, Euros, was sonst. Wenn sie hinter den hohen Wetten auf Hauers Wahlverlust steckt, danach wollten wir sie fragen, aber jetzt…

Jonas: Jetzt stehen Sie da und machen ein noch blöderes Gesicht als sonst.

Kasbek: Konnt ich ahnen, daß die Dame so empfindlich ist. Frau Toivonen hat noch was gesagt, Jonas. Wenn Sie in der Sache was rauskriegen, und Sie sind gut im rauskriegen, hat Frau Toivonen gesagt, dann geben Sie uns Bescheid.

Jonas: Glauben Sie.

Kasbek: Ich bin ganz sicher. Badewannen gibt’s auch woanders. Und wenn wir durch Sie wieder zu unserem Geld kommen, dann kriegen Sie einen anständigen Finderlohn, hat Frau Toivonen gesagt.

Jonas: Tja, wenn das so ist, dann fangen wir doch gleich mal an mit dem Rauskriegen. Sam.

Sam: Bei der Arbeit. Was befiehlt mein Mensch und Meister.

Jonas: Siehst du den Kollegen auf dem Schreibtisch, was hältst du von ihm?

Sam: Na es geht, ganz nett für einen nichtverbalen Computer. Na komm putputput. Das ist ein anders Stück. Sicherung ganz ordentlich.

Jonas: Kommst du rein oder nicht.

Sam: In Anbetracht aller Umstände, Weiterungen, Ingredienzien sowie Parafernalien dürfte sich dieses weitestgehend ohne allzu gravierende Probleme bewerkstelligen lassen. Im großen und Ganzen.

Jonas: Dann los, rein.

Sam: Jetzt gleich.

Jonas: Sofort.

Sam: Mein Gott sind wir mal wieder hektisch, eiagor eiagor umgekehrt okay okay.

Jonas: Von seinem Ausflug in Karen Hellers Computer brachte Sam drei interessante Ergebnisse mit: Was Kasbek mir erzählt hatte, stimmte, soweit es die WORF betraf und das falsche Attentat. Was Karen Heller betraf, stimmte es nicht. Sie hatte loyal für die Partei und für Hauer gearbeitet. Sie war unschuldig. Pech, sagte Kasbek.

Kasbek: Pech für uns. Wer hat unser Geld und wie kriegen wir es wieder.

Jonas: Sie sind ein wahrer Gemütsmensch, Kasbek. Sonst noch was, Sammy.

Sam: Ja. Folgendes nicht gänzlich insignifikante Detail fand sich in den Protokollen der WORF-Präsidiumssitzungen: Die Idee durch ein Pseudoattentat den Mitleidseffekt zu aktivieren, stammt von Herrn Harry Hauer höchst selbst. Er hat die Sache ausgedacht, angeregt durchgesetzt und in allen Einzelheiten ausgearbeitet.

Jonas: Hauer selber. Aber das heißt.

Sam: Das heißt, er war zu clever, und das ist gar nicht gut. Ein weiser Rat fürs Poesiealbum, hör gut zu du meine mentale Mogelpackung, und beherzige ihn wohl, sei niemals zu clever nicht, fällt dir was ein dann halte dicht. So, ja so. And now we go home zu Heia, mama oma, basta.

Jonas: Ein Licht war mir aufgegangen ganz plötzlich. Jetzt wußte ich alles, dachte ich. Aber das stimme nicht. Das wichtigste fehlte immer noch, aber das wurde mir erst später klar. Beweise fehlten auch, darum schickte ich Sam wieder auf Tour, als wir zu Hause waren, durch die elektronische Unterwelt von Babylon, da wo gewettet wird, wo illegale Gelder verbucht und abgehoben werden. Niemand laviert so elegant durch diesen Dschungel wie Sam oder so erfolgreich.

Sam: Ha, endlich daheim, Home sweet home. Naja, singe, wem Gesang gegeben, Sammy war ganz schön daneben. Na gut. Man reiche Sam heimischen Mutterboden auf daß er ihn küsse wie weiland Karloja äh Pontifex zu Rom, desweiteren reiche man ihm Cocktail, Pfeife und Pantoffeln, naja und ein Teddybär zum knuddeln wäre auch nicht schlecht.

Jonas: Ich werd dich knuddeln daß dir hören und sehen vergeht.

Sam: So nicht.

Jonas: Und vor allem das dämlich quatschen. Was ist, wer hat die hohen Wetten gegen Hauer abgeschlossen?

Sam: Er derselbige.

Jonas: Harry Hauer.

Sam: Harry Hauer. Versteckt hat er sich der Listenreiche, hinter Zweigfirmen, Schein-firmen, Tarnfirmen, Tochterfirmen, Schwiegertochterfirmen, Schwiegermutterfirmen.

Jonas: Das reicht Sammy.

Sam: Nein noch lange nicht, hinter Strohmännern, Strohfrauen, Strohwitwen, Strohweisen, Strohpuppen, Strohköpfen, Strohrum. Prost.

Jonas: Und so weiter. Schluß.

Sam: Zu Befehl Schlunz äh Schluß. Wünscht eure großmächtige Jonasität eine Liste.

Jonas: Später Sammy, halt sie in Bereitschaft und druck sie aus, wenn wir sie brauchen. Weiter. Wie sieht’s aus mit Hauer Industries und den anderen Hauerkonzernen?

Sam: Danke der Nachfrage, Herr Pastor. Mies.

Jonas: Dann ist also was dran an den Gerüchten?

Sam: Was heißt was dran. Noch viel viel schlimmer ist die Wirklichkeit als die Fama uns vermeldet, gar greulich und grauselig. Alle Konten sind ausgefüllt, ratzekahl leer, das ganze große Hauerimperium wackelt wie ein Schwammerlenz, Schlemmerwanz, Lämmerschwanz.

Jonas: Es paßt, Sammy, es paßt alles zusammen. Hauers Finanzen sind am Zusammenbrechen, Hauer hat Unsummen gegen den eigenen Wahlsieg gesetzt, Hauer hat sich den Wahltrick mit dem Attentat ausgedacht, und weil Karen Heller es nicht wahr, kann nur Hauer die Waffe umprogrammiert haben, vom vorgesehenen Opfer auf sich selbst.

Brock: Kripo. Chefinspektor Brock.

Jonas: Eine Frage Brock.

Brock: Glaub ich nicht, Jonas, Sie sind Supersicherheitsspezialist Nr. 1, Sie können alles und wissen alles, Sie haben kein Fragen.

Jonas: Machen Sie nur ihre lahmen Witzchen Brock nichts dagegen aber bitte später. Hatte der tote Harry Hauer ein Holobild in der Tasche, rund, ca. 3 cm Durchmesser.

Brock: Mit dem Bezirksvorsitzenden der WORF, ja, warum wollen Sie das wissen.

Jonas: Danke Brock. Harry Hauer.

Sam: Ja, kein Zweifel, my dear Watson. Hauer hat das Attentat umfunktioniert. Er ist Opfer und Täter zugleich.

Jonas: Warum Sammy? Selbstmord hab ich zuerst gedacht, auf besonders spektakuläre Weise, aber das ist unmöglich. Ein Mensch, der alle seine Konten plündert, der hohe Wetten abschließt mit todsicherer Gewinnchance, der will nicht sterben, der will leben und seinen zusammengerafften Reichtum genießen, vielleicht nicht in Babylon, da wo’s warm ist, wo man reichen Leuten keine Fragen stellt, in der dritten Welt.

Sam: Hmh. In Bangkok zum Beispiel.

Jonas: Bangkok. Harry Hauer hat das Attentat überlebt, Sam.

Sam: Und Sammy weiß auch wie.

Jonas: Jonas wußte auch. Ihm war zum zweiten Mal ein helles Licht aufgegangen. Double hieß das Stichwort. Kopie. Simulakrum, Replik, Klon. Genzwilling. So einen genetischen Doppelgänger kann man sich in Japan bauen lassen. Nur in Japan, weil die Japaner am meisten davon verstehen, und weil es in allen anderen Ländern strengstens verboten ist, teuer ist es übrigens auch.

Sam: Das ist er, liebe Gemeinde, hochgeschätzte Trauerversammlung, der casus knacksus, der archimedische Punkt, von welchem sich der gesamte Fall aus den Angel heben bzw. aufräufeln läßt.

Jonas: Hauer hat sich in Japan einen genetischen Doppelgänger schneidern lassen, er hat ihn nach Babylon geschmuggelt, er hat ihn äußerlich ein bißchen verändert, er hat ihm einen Namen gegeben, und eine Geschichte, und er hat ihm Arbeit besorgt.

Sam: Eine Arbeit, wohlgemerkt, die den Zwilling in Hauers unmittelbarer Umgebung festigt.

Jonas: Aus gutem Grund, Sammy.

Belinda: Safety First, Juno Belinda am Apparat.

Jonas: Jonas.

Belinda: Ah.

Jonas: Seit wann arbeitet Benno Moos bei dir?

Belinda: Ähm. Ein Viertel Jahr ungefähr.

Jonas: Wie hast du ihn eingestellt, Darling. Hat er sich bei dir beworben oder.

Belinda: Hauer hat ihn empfohlen, weil er in seiner Partei ist. Er hat ihn sich selbst als Bodyguard ausgesucht, gegen meinen Rat.

Jonas: So hab ich’s mir vorgestellt. Tu mir einen Gefallen, Darling, nein zwei.

Belinda: Soviel du willst Jonas, du brauchst es nur zu sagen.

Jonas: Fax mir das Bild von Moos rüber, aus seiner Akte, und dann brauch ich seinen genetischen Fingerabdruck, einen neuen von heute. Hat du da was.

Belinda: Ja wart mal, ja, ja einen Filzschreiber, den hat er benutzt, als er vorhin bei mir war.

Jonas: Gut, den schickst du ans Zentrallabor, analysieren und mit Harry Hauers genetischem Fingerabdruck vergleich. Ergebnis an Jonas. So schnell wie möglich Dringlichkeitsstufe 1a.

Jonas: Ein Holoporträt von Hauer aufzutreiben war kein Problem. Sam glich die Größen an und legte sie auf dem Monitor übereinander. Benno Moos und Harry Hauer.

Sam: Und siehe, sie sind völlig gleich. Identisch.

Jonas: In den Dingen, auf dies ankommt. Gesichtsschnitt, Knochenbau, Hauttextur, der Rest

Sam: Ist Maske, Herr Spielleiter. Moos hat wenig Haare.

Jonas: Hauer um so mehr.

Sam: Perücke.

Jonas: Hauer ist rasiert, Moos trägt Schnauzbart.

Sam: Falsch.

Jonas: Englischer Maßanzug für Hauer, Overall von der Stange für Moos.

Sam: Verkleidung. Harry Hauer, daran dürfte nunmehr auch nicht der klitzekleinste Zweifel bestehen, hochehrwürdiges Kardinalskollegium, Harry Hauer ist Benno Moos bzw. Benno Moos ist Harry Hauer oder auch Harry Moos ist Benno Hauer und schließlich Benno Hauer

Jonas: Ist Harry Moos, von mir aus Sammy. Einen ganz gerissenen Coup hat er sich da ausgedacht der Kerl. Er tauscht den Platz mit seinem Klon, der wird als Harry Hauer umgebracht, und Harry Hauer lebt weiter, als Benno Moos, abgetaucht in Bangkok und anderswo, mit sehr viel Geld. Der Zusammenbruch des Hauerimperium tangiert ihn nicht, er ist Moos, Hauer ist tot.

Sam: Ja, eine schlüssige Rekonstruktion, Herr Phantombaurat. So hat es Hauer geplant, so sollte es ablaufen, aber ob es wirklich so abgelaufen ist.

Jonas: Wieso nicht, Sam. Was stört dich.

Sam: Der prostituierte Platzhirsch, Korrektur der postulierte Platztausch, du Spekulatius, wann hätte er stattfinden sollen und wie.

Jonas: Ja, herein.

Moos: Eilige Sendung für Herrn Jonas vom Zentrallabor.

Jonas: Aber die sollten das doch über Sam schicken, Dringlichkeit 1a.

Moos: Hände hoch. Zurück, an die Wand!

Jonas: Benno Moos mit Laserstrahler, und bösen Absichten, er hatte Belindas Fon abgehört, sagte er, und wollte reinen Tisch machen. Jonas wußte ihm zuviel.

Jonas: Daß sie Harry Hauer sind zum Beispiel.

Moos: Ich Harry Hauer? Sie sind auf dem falschen Dampfer, Jonas.

Sam: Heidewitzka, Herr Kapitän, o und recht hat er auch noch.

Jonas: Was?

Sam: Soeben erreicht uns eine Botschaft vom Zentrallabor, Dringlichkeitsstufe 1a. Piep. Überstellter genetischer Fingerabdruck ist identisch mit dem von Herrn Harry Hauer, bis auf eine Kleinigkeit, er ist markiert.

Jonas: Markiert?

Sam: Ja. Made in Japan. Wie bei allen in diesem Lande produzierten Waren gesetzlich vorgeschrieben. Unser Besucher ist nicht Harry Hauer, und er ist genaugenommen auch nicht Benno Moos, weil Benno Moos nicht existiert, er ist ein Klon, wenn sie wissen was ich meine, euer Tiefwürden, ein technisches Produkt.

Moos: Wie du, Bruder Computer.

Sam: Keine Vertraulichkeiten bitte.

Jonas: Jetzt versteh ich überhaupt nichts mehr.

Moos: So schwer ist das doch gar nicht, Jonas, Hauer hat mich in Auftrag gegeben, um mich als Opfer zu benutzen, aber dabei hat er was übersehen, daß sein Klon auch seine Eigenschaften hat nämlich, ich bin wie mein Original, klug, clever, gerissen.

Sam: Hm ja und hinterfotzig und gemein.

Moos: Gott, das ist eine Frage der Perspektive, jedenfalls hab ich ihn durchschaut, und bin hinter seinen Plan gekommen, und ich hab ihn ein bißchen geändert, eine Kleinigkeit, ich hab dafür gesorgt, daß das Attentat gleich am Anfang über die Bühne ging, nicht wie geplant in der zweiten Hälfte der Kundgebung.

Jonas: Wie haben Sie das gemacht?

Moos: Ich hab der Kemp gesagt, daß sich was verschiebt, als Hauer sie aus dem Krankenhaus abholen und in seiner Firma kurz auf Eislegen ließ mit schönen Grüßen von oben, in der Pause wollte Hauer mit mir die Rollen wechseln, ein Rendezvous hat er mir erzählt. Ich soll ihn im Saal vertreten, er hat mich für blöd gehalten.

Sam: Recht hat er.

Moos: Kurz bevor die Rakete in seinem Kopf explodierte, muß ihm klargeworden sein, wer von uns beiden der Idiot ist, ich hab jetzt das Geld, ich fahr morgen nach Bangkok.

Jonas: Warum nicht schon gestern.

Moos: Weil ich abwarten wollte, was sie zustande bringen, Jonas, damit ich sie ausschalten kann, falls es nötig wird, und jetzt ist es nötig. Sie sind fällig Jonas, und ihr Computer auch.

Sam: Nicht doch Bruder.

Moos: Keine Vertraulichkeiten, du Blechbüchse, mit dir fang ich an.

Kasbek: Darf man eintreten.

Sam: Nur zü, bei Jonas ist heut Tag der offenen Tür.

Jonas: Diesmal war es Kasbek. Kasbek von der Korporation und seine Gorillas. Moos war außer Gefecht. Zwei Schüsse, linke Hand, rechtes Knie.

Kasbek: Gut, daß Sie uns so schnell informiert haben, Jonas.

Jonas: Ach hab ich das.

Kasbek: Klar. Über Ihren Computer.

Sam: Siehste.

Kasbek: Ist das der Mann, ich meine der Klon, oder sagt man das Klon.

Jonas: Sie nahmen ihn mit, und 3 Tage später fand Jonas was vor seiner Tür, einen dicken Umschlag mit 1000 Euros in bar und einem Zettel: Finderlohn.

Jonas: Die Korporation hat also ihr Geld zurück. Möchte nicht wissen wie.

Sam: Kriegen Millionen und zahlen nur tausend. Knickrig, knausrig.

Jonas: Und was mach ich damit.

Sam: Na was, behalten du Dummskopf.

Jonas: Ich weiß nicht, Sammy, es ist so was wie Blutgeld.

Sam: Sag mal Jonas was bist du eigentlich, ein blutiger Idiot, ein blutiger Anfänger, oder ein blutarmer Detektiv, na ja wohl mehr das letztere, der ein paar Euros dringend nötig hat. Merke: Einem geschenkten Schein schaut man nicht in Darm hinein. So, und jetzt gehst und kaufst Sammy ein schönes neues Programm.

Das war Attentat. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski. Außerdem wirkten mit: Veronika Faber, Sabine von Maydell, Rainer Basedow, Hartmut Becker und viele andere (Claudius Zimmermann, Helmut Pick, Christine Merthan, Hans Stetter, Julia Fischer). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz, Assistenz: Wolfgang Ruhdörfer. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1991). Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Westfront

Jacob: Was ist los mit dir, Jonas? Du sitzt da, sagst nichts, machst ein Gesicht wie Chefinspektor Brock im Spätdienst, trinken tust du auch nicht. Was hast du?

Jonas: Ich mach mir Gedanken, Jacob.

Jacob: Ach was? Worüber?

Jonas: Über Philip Marlowe. Warum er immer im Trenchcoat rumgelaufen ist. In Kalifornien. Wo es nie geregnet hat. Damals. Im 20. Jahrhundert.

Jacob: Ich sag dir was, Jonas. Du bist von der Rolle.

Jonas: Sah ganz so aus. Vielleicht lag’s daran, daß Judith gerade ein viertel Jahr tot war. Oder daß mein letzter Fall schon zwei Monate zurücklag. Wie auch immer. Mit Jonas war nicht viel los. Mit dem Casablanca auch nicht. Außer Jonas nur zwei Gäste. Alter Mann. Junge Frau. Hinten in der Nische.

Jacob: Weißt du, was ich glaube, Jonas? Ich glaube, du wirst alt. Kein Schwung mehr, kein Pep, du hast es schon hinter dir.

Jonas: So, glaubst du, Jacob, das wollen wir doch mal sehen. Hören Sie, ja, Sie meine ich, und Sie auch. Haben Sie Probleme? Brauchen Sie einen Privatdetektiv? Völlig umsonst, kostet Sie keinen Euro. Einmaliges Sonderangebot.

Baltasar: Belästigen Sie uns nicht, junger Mann.

Ophelia: Augenblick, Baltasar. Ein Privatdetektiv, das ist doch keine schlechte Idee. Falls Sie wirklich einer sind, Herr…

Jonas: Jonas. Nur Jonas. Und Jonas war wirklich einer. Genauer gesagt der. Der Privatdetektiv. Der einzige. Und der letzte. In Babylon und Umgebung.

Baltasar: Gesellen Sie sich zu uns, Herr Jonas, nehmen Sie Platz, ich darf mich vorstellen, Baltasar, Schauspieldirektor.

Jonas: Sie haben ein Theater.

Ophelia: Nein, nein wir sind Amateure.

Baltasar: Aber gut, Herr Jonas, ein hervorragendes Ensemble.

Jonas: Wenn Sie das sagen. Wo kneift die Hose?

Baltasar: Bitte?

Jonas: Wo brennt’s wo piekts, wo drückt der Schuh.

Baltasar: Ich verstehe. Lassen Sie mich ein wenig ausholen, Herr Jonas, seit einigen Wochen proben wir ein Stück: Hamlet. Prinz von Dänemark, von William Shakespeare. Womöglich ist es Ihnen bekannt.

Jonas: Sein oder nicht sein.

Baltasar: Das ist hier die Frage, ganz recht, Herr Jonas.

Sam: Was ist uns Hamlet und was sind wir ihm daß wir um ihn sollen weinen.

Ophelia: O, was ist denn das?

Jonas: Mein Taschencomputer. Sam mit Namen. Verbal. Ungeheuer verbal und ungeheuer gebildet. Hamlet ist für ihn ein Klacks. Ungeheuer eingebildet ist er auch. Dazu undiszipliniert, vorlaut und absolut unentbehrlich. Was würde ich machen ohne Sam.

Sam: Dir zur Abwechslung mal selber was einfallen lassen du Kleinsthirn. Das ist ein Witz. Haha.

Jonas: Und nochmal ha. Zurück zu Hamlet.

Sam: Hahahamlet. Ha-ha-kotelett. Hammelkotelett.

Jonas: Ruhe. Wo liegt Ihr Problem, Herr Baltasar.

Baltasar: Kurz gesagt, Herr Jonas, Hamlet ist uns abhanden gekommen, unser Hauptdarsteller, seit drei Tagen ist er nicht zu den Proben erschienen.

Ophelia: Und zu Hause ist er auch nicht.

Baltasar: Niemand weiß, wo er sich aufhält, er ist, so hat es den Anschein, vom Erdboden verschwunden.

Jonas: Und ich soll ihn für ihn suchen.

Ophelia: Oh ja bitte.

Baltasar: Ohne ihn sehen wir uns außerstande, unsere künstlerische Arbeit erfolgreich fortzuführen.

Jonas: Wie heißt er?

Domenico Dellasandro.

Jonas: Wirklich?

Baltasar: Das ist sein Künstlername, eigentlich heißt er Dalles.

Ophelia: Dieter Dallas.

Jonas: Kein sehr schöner Name, Dieter Dallas und der andere ist mir zu lang, ich bleibe bei Hamlet. Haben sie ein Bild vor ihm?

Ophelia: Ja hier, ein Foto von der Probe.

Sam: Ach herrje.

Jonas: Hamlet war jung, dunkel, gutaussehend, sehr intensiv. Er wirkte, als wolle er sich aufschwingen, hoch über die abgelatschten Bretter der Hinterhofbühne, hoch über Babylon. Neben ihm das war sie, Ophelia, ihren richtigen Namen habe ich vergessen.

Sam: Was ist ein Name. Schall und Rauch.

Jonas: Für mich sind Sie Ophelia. Weil es steht Ihnen. Wo wohnt Ihr Hamlet.

Ophelia: Ich bring Sie hin, ich habe einen Schlüssel, wir sind befreundet, und ich wohne im gleichen Haus.

Sam: Haha, vielleicht auch nur im Zelt.

Jonas: Ein Quader, auf die Schmalseite gestellt, vergraut, ausgefranst, 60 Stockwerke, in jedem Stockwerk 100 Cubics, von Cubiculum, sagt Sam, das ist lateinisch und heißt Zimmer, ein Cubic ist kein Zimmer, ein Cubic ist ein Wohnloch, für alleinstehende Volksrentner und -innen ohne Zusatzeinkommen, 2 mal 2 mal 3 Meter, alles was der Mensch braucht, und kein Millimeter mehr.

Ophelia: Ich warte vor der Tür.

Jonas: Das müssen Sie wohl. Liege, Waschbecken, Holoschirm, Stauraum, leer, nein hier ist was, Bücher, ha, drei Musketiere, König Salomos Diamanten, durchs wilde Kurdistan.

Ophelia: Seine Bücher. Er hat sie immer wieder gelesen und sich begeistert an Abenteuern und Heldentaten, an Gefahr und Risiko. An allem was er nicht hatte und wonach er sich sehnte.

Jonas: Ich verstehe, ich verstehe sehr gut.

Sam: Wie ekel schal und flach und unersprießlich scheint ihm das ganze Treiben der Welt.

Jonas: Du sagt es, Sammy.

Sam: Nicht ich, Blödmann unliterarischer, Shakespeare Williamsbirne.

Jonas: Auch gut. Er war also Nostalgiker, unser Hamlet.

Ophelia: Er war unzufrieden, das Leben langweilte ihn, deshalb ist er zu uns gekommen, zu Baltasars Truppe, aber die Schauspielerei reichte ihm nicht. Er wollte

Jonas: Na bitte, in Büchern findet ein Detektiv manchmal recht interessante Dinge, nicht wahr Sammy.

Sam: Erlaube mir ergebenst Herrn Diplombibliotheksrat an Fall Sündenbock zu erinnern. Zwei Jahre sind seitdem ins Land gegangen, zwei lange Jahre oder mehr.

Jonas: Shakespeare.

Sam: Sam, Sam der Poet, Sam der Dichter, Sam der Reimer, Sam der Rammler.

Jonas: Sam der Quatschkopf. Einen getürkten Notizzettel haben wir damals gefunden. In einem Krimi. Und heute

Sam: Kopie einer Holotextseite.

Ophelia: Vom 21. Oktober 2012, einen Tag, bevor er verschwunden ist.

Jonas: Anzeigen, nur Anzeigen, eine ist eingekringelt.

Ophelia: Enttäuscht, unzufrieden, auf der Suche, das Leben hat mehr zu bieten als Plan und Programm, als Volksrente und Alltagsfrust, leben Sie riskant, leben Sie gefährlich, leben Sie sinnvoll, machen Sie einen neuen Anfang, wir sagen Ihnen wie, fonieren Sie…

Jonas: Ein guter Detektiv erkennt eine Spur auf Anhieb, besonders wenn sie ihm auf dem Tablett serviert wird. Ich fonierte und wurde für den nächsten Morgen zu einer Adresse im Zentrum bestellt, in eins der vielen lackierten Hochhäuser um den Ernst-August-Platz. Die Firma A wie Abenteuer residierte im 21. Stock, viel Platz, viel Geld, ein großzügiger Empfangsraum, Ledersessel, die fast echt aussahen, Tierfelle und alte Waffen unter Glas, unbezahlbare Antiquitäten. Hinter dem englischen Kapitänstisch eine perfekt gestylte Abenteuerin, Sonnenbräune, Safarikostüm aus Naturleinen, ein Lächeln so offen wie die Prärie und so gefährlich wie der Dschungel.

Angestellte: Sie fühlen sich von unserer Anzeige angesprochen, Herr Jonas.

Jonas: Ein Freund hat mich darauf aufmerksam gemacht.

Angestellte: Sie sind enttäuscht, frustriert, unzufrieden.

Jonas: Dieter Dalles. Er nennt sich auch Domenico Dellasandro.

Angestellte: Sie sind auf der Suche.

Jonas: Vor drei Tagen war er bei Ihnen, am 22.

Angestellte: Durchaus möglich, Herr Jonas. Sie glauben ja nicht wie viel viele Babylonier den Wunsch haben, ihr Leben zu ändern, neu anzufangen und wir sagen

Jonas: Sie sagen ihnen wie. Siehe Anzeige. Und was?

Angestellte: Wie meinen Sie, Herr Jonas.

Jonas: Ich meine was. Was tun Sie? Was tut die Firma A wie Abenteuer.

Angestellte: Wir helfen, Herr Jonas, wir weisen hin, wir beraten.

Jonas: Werben Sie Söldner?

Angestellte: Nicht direkt, Herr Jonas.

Jonas: Vermitteln Sie Jobs, gefährliche Jobs?

Angestellte: Das kann man so nicht sagen. Erzählen Sie mir etwas von sich, Herr Jonas.

Jonas: Ich sagte ihr, ich sei im Krieg gewesen, im antarktischen Krieg, vor 7 Jahren beim 9. Guerillakommando auf Feuerland. Mehrmals verwundet, mehrmals dekoriert. Das hörte sie gern.

Angestellte: Auszeichnet, Herr Jonas, genau das was wir brauchen, erstklassiges Führungsmaterial. Wenn Sie einen Augenblick nebenan warten würden. Ich muß kurz noch Rücksprache nehmen, bevor ich Ihnen ein Angebot machen kann, das für Sie, dessen bin ich sicher von erheblichem Interesse sein wird. Die Tür rechts Herr Jonas.

Jonas: Dieter Dallas alias Dallesandro.

Angestellte: Richtig, Ihr Freund, ich werde nachforschen lassen, ob er uns aufgesucht hat und ob wir ihm weiterhelfen konnten. Ein paar Minuten, Herr Jonas, die Bar im Warteraum steht selbstverständlich zu Ihrer Verfügung.

Jonas: Danke.

Jonas: Eine großzügige Bar, jede Menge Flaschen, Whisky natürlich, Cognac, Wodka, aber auch Grappa und Tequila. Jonas ist altmodisch, Jonas ist Nostalgiker, Jonas hielt sich an Whisky. Scotch. Viel Scotch, wenig Wasser. Und beim Trinken machte ich mir Gedanken, über Ophelia, über den abenteuerlustigen Hamlet und über die seltsame Firma A wie Abenteuer. Ich dachte an den Krieg.

Jonas: Krieg, wieso Krieg, der Krieg ist vorbei.

Angestellte: Noch nicht, Herr Leutnant, aber es wird nicht mehr lange dauern. Prosit, Herr Leutnant, auf den Sieg unserer Waffen.

Jonas: Auf den Endsieg. Leutnant. Ich bin nicht Leutnant, ich bin Detektiv. Der letzte Detektiv.

Angestellte: Ist Ihnen nicht gut, Herr Leutnant, trinken Sie noch einen Schnaps, Herr Leutnant, auf unseren obersten Kriegsherrn seine Majestät Kaiser Wilhelm den zweiten.

Jonas: Hurra Hurra Hurra. Unsinn, Unsinn, in Babylon gibt’s keinen Kaiser, in Babylon gibt’s nur eine Bürgermeisterin, und die taugt nichts.

Angestellte: Wachen Sie auf, Herr Leutnant, Ihr Marschbefehl, Herr Leutnant, an die Westfront, ausgestellt am 10. März 1918, Herr Leutnant.

Jonas: 1918, das ist nicht wahr. Das ist alles nicht wahr.

Angestellte: Kommen Sie zu sich, Herr Leutnant, die Pflicht ruft, die Front wartet.

Jonas: Jawohl.

Jonas: Ich war wieder bei mir. Ich hatte geträumt, einen Alptraum, von der Zukunft, von einer riesengroßen Stadt namens Babylon, und von einem Detektiv, der so hieß wie ich. Aber jetzt war ich wach, und alles war klar, ich wußte wieder, wer ich war. Leutnant Jonas vom Jägersturmbataillon großherzogliches oldenburgisches Garderegiment zu Fuß, am 18. März 1918 unterwegs zur Westfront.

Fahrer: Wenn Herr Leutnant gestatten, Herr Leutnant müssen aussteigen.

Jonas: Sind wir schon da?

Fahrer: So gut wie, Herr Leutnant. Ab hier müssen Herr Leutnant marschieren.

Jonas: Welche Richtung.

Fahrer: Da ist die Front, Herr Leutnant, wo geschossen wird, immer gerade aus durch den Annäherungsgraben. Hals und Bauchschuß, Herr Leutnant.

Jonas: Ich sah mich um. Das war also die Westfront, tiefer Himmel, graue Wolken, graubraune Bodenwellen, kahl, abgesehen von schwarzen Baumskeletten, am Horizont Ruinen und Rauch, vor mir im diffusen grauen Hell-Dunkel rotes Flackern. Eine unwirkliche Szenerie. Ein Bühnenbild, eine Theaterlandschaft, und dazu passend die dumpfe Musik aus den Schlünden der Artillerie. Ich setzte mich in Marsch durch den Annäherungsgraben, vorbei an einem Flugplatz, an Wagenparks und Munitionsdepots, an Batterien, Feldkanonen, Haubitzen, an Marschkolonnen und Verwundetentransporten. Der Graben wurden tiefer, Quergräben tauchten auf, Unterstände, und dann ging’s nicht weiter. Ich war da, in vorderster Linie.

Major: Da sind Sie ja endlich. Willkommen im Schützengraben, Herr Kamerad. Schluck aus der Pulle?

Jonas: Danke Herr Major. Leutnant Jonas meldet sich zur Stelle. Mein Marschbefehl.

Major: Ja ja schon gut, die Fisimatenten können Sie sich sparen. Sie sind an der Front Mann, hier braucht man keine Männchen, hier kneift man den Arsch zusammen, verstanden.

Jonas: Verstanden Herr Major.

Major: Damit Sie sich gleich richtig eingewöhnen Herr Kamerad, Sie gehen heut nacht raus.

Jonas: Raus, Herr Major.

Major: Raus, rüber auf die andere Seite. Stoßtruppunternehmen. Ein paar Torries einsammeln, damit wir wissen, ob die was wissen.

Jonas: Wissen, was wissen, Herr Major.

Major: Na Sie sind gut. Letzte Nacht in der Etappe ordentlich einen draufgemacht was? Unsere Großoffensive Mann, Operation Michael. In den nächsten Tagen geht’s los.

Jonas: Jawohl Herr Major.

Major: Ich geb Ihnen ein paar gute Leute für Ihren Stoßtrupp. Alte Frontschweine schon jahrelang draußen. Noch’n Schluck.

Jonas: Danke verbindlichst, Herr Major.

Major: Schlage vor, Sie peilen gleich mal die Lage, solange es noch hell ist.

Jonas: Befehl Herr Major.

Major: Doch nicht so, Mann, steckt der Kerl einfach seine Birne über den Rand. Was schicken die uns bloß für Heinis aus der Heimat. Sie sind vom Jägersturmbatallion.

Jonas: Jawohl.

Jonas: Oder vielleicht doch nicht, plötzlich wußte ich es nicht mehr genau. Der Major, der Graben, die Sandsäcke, die Soldaten, der hängende Himmel, alles wurde unscharf, fing an zu verschwimmen.

Major: Reißen Sie sich zusammen Mann, ist ja nichts passiert. Sehen Sie durchs Scherenfernrohr.

Jonas: Befehl Herr Major.

Major: Also der Strich dort hinten etwa 50 Meter, das ist der Feind. Die vorderste Stellung der Tomies, und davor die Drahtverhaue, die MG-Nester, die Erdklumpen und vollgelaufenen Bombentrichter, die Leichen, die Ratten, der Gestank, der Schlamm, dieses hochkünstlerische Stilleben, ist das Niemandsland. Prägen Sie sich alles gut ein, Mann, da müssen Sie heute nacht durch.

Jonas: Befehl, Herr Major.

Major: Verdun liegt direkt vor uns. Der abgebrochene Kirchturm am Horizont, rechts fließt die Sonne da wo die verkohlten Weidestümpfe stehen. Die Berge dahinter, Sie können sie gerade noch sehen, das sind die Vogesen.

Jonas: Irgendwas stimmte nicht, das spürte ich. Ganz deutlich. Irgendwas mit der Westfront, und mit mir. War ich wirklich Leutnant Jonas, wirklich im Jahr 1918, wirklich an der Front. Und was war mit dem rätselhaften Kasten aus irgendeinem harten Material in meiner Hosentasche. Behalten, sagte mir eine innere Stimme, auf gar keinen Fall wegschmeißen.

Major: Schweres Trommelfeuer, der Tommy kriegt ordentlich Khartum. Wohl bekomm’s. Uhrenvergleich, es ist jetzt 22 Uhr 18.

Jonas: 22 Uhr 18 Herr Major.

Major: In zwei Minuten rollt die Feuerwalze weiter nach vorn, dann gehen Sie rüber.

Jonas: Jawohl Herr Major.

Major: Gewehr und Bajot bleiben hier, nur Handgranaten und Spaten und ihre P08 natürlich. Es ist soweit, machen Sie’s gut, Herr Kamerad. Los.

Jonas: Raus aus dem Graben, mit meinem Trupp, leise und leise arbeiteten wir uns vor, durchs Niemandsland, Richtung feindlicher Graben, plötzlich ein Knall, ein scharfes Zischen, eine Leuchtkugel stieg auf, noch eine, ein ganzer Leuchtschirm, ich preßte mich in die Erde, versuchte mich unsichtbar zu machen, zwecklos, schweres MG-Feuer setzte ein, ich spürte einen Schlag gegen die Stirn, dann nichts mehr, gar nichts, jemand hatte die Welt abgestellt. Ich kam zu mir, Stille, Dämmerung, es wurde dunkler. Abend. Offenbar hatte ich eine ganze Nacht und einen ganzen Tag im Niemandsland gelegen, im Schlamm. In einem Granattrichter. In Gesellschaft diverser Gliedmaßen, Eingeweide, Uniformenfetzen. Jonas war noch ganz, abgesehen von der Schramme an der Stirn, wo mich ein Splitter getroffen hatte. Ich hatte Hunger und Durst. Feldflasche und eiserne Ration hatte ich verloren. Außerdem hatte ich ein Problem. Ich war Jonas. Nur Jonas. Der letzte Detektiv. Tätig zu Babylon Vereinigte Staaten von Europa im frühen 21. Jahrhundert, das wußte ich, das stand fest. Warum lag Jonas dann in feldgrau im der Westfront des 1. Weltkriegs herum, fast ein Jahrhundert vor seiner Zeit, das war mein Problem. In meiner Tasche war ein Ding, das Probleme lösen konnte. Ein Kästchen namens Sam. Ich holte es raus und drückte den Aktivierungsknopf.

Sam: Leipzig, Rostock, Dresden, Halle Halleluja. Sammy ist auferstanden von den Toten. Auferstanden aus Ruinen und der Kuhzunft zugewandt. Jawohl, und er ist wieder bei seinem Jonas mit dem ist er wieder vereinigt. Theo gracias. In dulci jubilo.

Jonas: Jubeln kannst du später, Sammy, jetzt wird gearbeitet. Wo sind wir.

Sam: In der Wildnis, ehrfürchtigster Großmufti, nicht allzuweit von Babypsilon.

Jonas: Was ist passiert, ich war bei dieser Firma A wie Abenteuer im Warteraum an der Bar. Der Whisky.

Sam: Der Whisky, o du mein halt- und zuchtloser Dipsomane, gepanscht, versetzt mit einer Bewußtseinsdroge, Blow your mind.

Jonas: Und Detektiv Jonas verwandelte sich in Leutnant Jonas, im Jahr 1918. Fall Spielwiese, weißt du noch Sammy, da war’s ganz ähnlich. Wie hieß das Zeug Luzi.

Sam: Luzinon du Franzenhirn.

Jonas: So was muß im Whisky gewesen sein.

Sam: Nicht nur im Whisky, Speis und Trank an dieser sogenannten Westfront.

Jonas: Aber ja, Sammy, und weil ich fast 24 Stunden nichts gegessen und getrunken habe.

Sam: Bist du wieder klar, Kumpel. Halleluja.

Jonas: Halleluja, Sammy. Also, irgend jemand hat sich hier draußen in der Wildnis.

Sam: Wo weder Recht gilt noch Gesetz.

Jonas: Genau, da hat sich jemand ein Stück Westfront aus dem 1. Weltkrieg nach-gebaut, über Anzeigen besorgt er sich Rekruten, ihr Bewußtsein wird manipuliert.

Sam: Durch schnöden Trank aus mitternächtgen Kraut, dreimal vom Fluche Hekates betaut. Shakespeare.

Jonas: Apropos. Hamlet. Ich habe ihn nicht gesehen. Vielleicht ist er drüben bei den Tommies oder hier.

Sam: Dies Stücklein Arm, dies Endchen Darm.

Jonas: Hoffen wir das beste, Sammy. Weiter. Wie bin ich von Babylon hierhergekommen.

Sam: Mittels E-Laster, euer Unbewußtheit, durch die Wildnis, durch ein Tor.

Jonas: Ja Sammy. Und?

Sam: Ja und da verließen sie ihn, das heißt mich. In jenem Tore nämlich, kaum vermag ich’s über meine unschuldvollen Lippen zu bringen.

Jonas: Du hast keine Lippen Sam. Was war mit dem Tor.

Sam: Elektronische Barriere, ein gar hundwürdig Ding, so jedweden Computer, der es passiert, zum Absturz wohl mag bringen.

Jonas: Aber du bist doch nicht abgestürzt, Sam.

Sam: Nein und nimmer mehr, hat doch mein Herr in seiner übervollen Güte erst unlängst seinem Sammy was spendiert.

Jonas: Richtig, spezielle Abstürzsicherung, nicht gerade billig.

Sam: Doch lohnend Milord Knieckebein. Sam ist nicht abgestürzt, Sam wurde lediglich deaktiviert. Und nun.

Jonas: Hab ich dich wieder aktiviert. OK dann sei mal ein bißchen aktiver, was hier gespielt wird.

Sam: Klären wir später, wenn wir mehr Daten unser eigen nennen. Jetzt heißt’s Parole Heimat, ab dafür, soweit die Füße tragen.

Jonas: Einverstanden. Leutnant Jonas desertiert. Frage wie.

Sam: Frage wie, so schnell wie möglich, trübe Tasse.

Jonas: Weiß ich selber, wie Sammy.

Sam: Fluchplatz. Gestern Fluchzeug.

Jonas: Der klapprige Doppeldecker. Das Museumsstück. So was soll ich fliegen.

Sam: Missio Marquis, wer im 21. Jahrhundert Helikopter steuert, der wird wohl doch keine Angst haben von einer Fokker D7 anno 1918.

Jonas: Klar, alles ein Kinderspiel, sich durch die Linien schleichen, den Flugplatz finden, die Wache ins Bett schicken mit dem Griff meiner Luga P 08, die Maschine starten und hochziehen, im Dunkel, sowas macht Jonas jeden Tag, mit links. Ich war in der Luft, hoch über der Westfont. Kein sehr großes Gelände, drum herum eine beleuchtete Mauer, nur unterbrochen von einem zweistöckigen Torhaus. Seltsam, von unten wirkte der Horizont weit und endlos.

Sam: Illusionsholos, du Blindschleierich, ringsum an der Mauer. An der Mauer auf der Lauer liegt ne kleine Tante.

Jonas: Nicht viel los dahinten.

Sam: Indeed Sir. All quiet an der Westfront.

Jonas: Leuchtkugeln und MGs. Die schießen auf uns.

Sam: Nur zu, da lacht er Hohn, der rote Baron.

Jonas: Jonas ist nicht der rote Baron, Sammy, und du bist nicht Snopy.

Sam: Na ja.

Jonas: Die Maschine ist getroffen, Sam.

Sam: Jedoch sie hält sich noch. Flieg zu.

Jonas: Wohin?

Sam: Dorthin mein Freund, wo fern im Westen ein Widerschein den Horizont erhellt.

Jonas: Babylon?

Sam: Babylon, Heimat, süße Heimat.

Jonas: Schaffen wir nicht, Sammy, der Motor setzt aus.

Sam: Keine Panik, flieg weiter so lang die Füße tagen.

Jonas: Und dann?

Sam: Steigst du aus.

Jonas: Einfach so.

Sam: Kannst machen wir du willst, du Knallkopf, du kannst aber auch den Fallschirm nehmen unter dem Sitz. Hals und Leisterbruch.

Jonas: Am nächsten Tag in Babylon, zu Hause, in meinem Büroapartment. Heimkehrer Jonas war noch etwas mitgenommen, aber schon weitgehend aufgefrischt, und der Zukunft zugewandt.

Sam: Hein ist der Seemann, hein vonne See. Und der Jäger heim aus der Berge.

Jonas: Shakespeare?

Sam: Halt, euer Unbilden, Robert Louis Stevenson.

Jonas: Wer immer das ist oder war.

Fonrobot: Hallöchen, tut uns ganz ganz furchtbar leid, unter der Nummer kriegst du keinen Anschluß mehr, die lieben Menschen von A wie Abenteuer sind nicht mehr da, die ganze Firma ist weg, tatü, A wie aufgelöst. Hallöchen tut uns ganz ganz…

Jonas: Aufgelöst.

Sam: Aufschlußreich.

Jonas: Aber nicht hilfreich.

Sam: Mein Gott, Walter, mußt du denn in einer Tour hetzen, jachern und wulackern. Mach mal Pause, leg die Beine hoch, trink gemütlich eine Tasse Sojakaff.

Jonas: Sammy, da draußen sterben Menschen. Da wird gebombt und geschossen.

Sam: Well, life is no cherrypicking.

Jonas: Das muß aufhören, Sam. Darum muß Jonas wissen, was da los ist, wer dahinter steckt und die Fäden zieht.

Sam: Lobenswert euer Wohlmeinen.

Jonas: Außerdem hat Jonas einen Auftrag.

Sam: Ach Gott, Auftrag für noth für nix und wieder nix.

Jonas: Das spielt keine Rolle, Sammy, Auftrag ist Auftrag. Also, Machen wir einen Plan. A wie Abenteuer ist untergetaucht. Wir müssen woanders einhaken, zurück zum Kriegsschauplatz in die Wildnis.

Sam: Ohne neue Daten, wohl Lebensmüde, was. Da ist kein Plan, du Pappnase, das ist Schrott.

Jonas: So Schrott, weiß du was Schrott ist, Sammy, ein gewisser Computer veraltet verdreht.

Sam: Verbumdielt.

Jonas: Genau. Der ist Schrott, Sam.

Sam: Als ob du dir was besseres leisten könntest, korinthenkackende Kirchenmaus.

Jonas: Tusche. Hast du einen besseren Vorschlag.

Sam: Aber immer. Bohren du Bumsprägen, stochern.

Jonas: Das Boot zum Schaukeln bringen.

Sam: Vorausgesetzt, Oberbootsmann Smart bleiben stets der Tatsache eingedenk, daß er selbst einen Insassen besagten Bootes bildet.

Jonas: Schon gut, Sammy, was da draußen abläuft ist der 1. Weltkrieg, in komprimierter Form sozusagen, maßstäblich verkleinert. Wer ist Experte.

Sam: Für Weltkrieg 1, mein Herr und Meister.

Sam: Nur einen einzigen gibt’s in Babylon, sein Name Professor Morell, historisches Institut, Philosophische Fakultät, Universität von Babylon.

Jonas: Professor Morell war in seinem Arbeitszimmer im Institut. Er war bereit Jonas zu empfangen und sich anzuhören, was Jonas zu erzählen hatte.

Morell: Eine fantastische Geschichte, Herr…

Jonas: Jonas, nur Jonas.

Morell: Sind Sie sicher, daß es sich nicht um einen Traum handelt oder eine Halluzination womöglich. Pflegen Sie Solipsin zu sich zu nehmen, Plastikiff. Kleiner Fehlgriff bei der Dosierung und Sie erleben die unwahrscheinlichsten Dinge im Kopf.

Jonas: Das ist nicht die Frage, Professor.

Morell: Nein? Und was ist, wenn ich fragen darf, die Frage?

Jonas: Entspricht das was ich erlebt habe der historischen Realität des 1. Weltkriegs.

Morell: Teils teils, Herr Jonas, Waffen, Gerätschaften scheinen, soweit ich das nach Ihrer Schilderung beurteilen kann, historisch zu sein, die Chronologie des gleichen. Diskrepanzen sehe ich vor allem in der Topographie. Zwischen der Sonne und den Vogesen liegen gut 300 km.

Jonas: Ich bin also nicht ins Jahr 1918 zurückversetzt worden.

Morell: Sie meinen durch eine Zeitmaschine oder dergleichen, mein lieber Herr Jonas, so was gibt es nur in Sciencefiction-Romanen. Ich glaube sie haben geträumt.

Jonas: Zurück ins Büro. Feierabend für heute. Es wurde schon dunkel. Hatte mein Besuch bei Morell das Boot zum Schaukeln gebracht. Ich war nicht sicher, aber dann als ich meine Bürotür aufschloß war ich sicher. Ein Schlag, ein plötzlicher heftiger Schlag auf den Kopf, Stärke 12 auf der nach oben offenen Richterskala. Mindestens. Ich war Richthofen, der rote Baron, ich ritt auf meinem Albator D 2 durch die Wolken und schoß den Feind daher so wie es mir gefiel. Und dann wachte ich auf, in meinem Büro, auf dem Fußboden, Hände auf den Rücken gefesselt, Füße zusammengebunden.

Alk: Hey, Kutte, mach hin.

Kutte: Nicht nervös werden, Alk, Spaß muß sein, wir warten, bis die dumme Sau richtig wach ist, und dann sagen wir dem Arsch, was wir mit ihm machen, Schnellkleber ins Maul und in den Rüssel, und dann bescheißt er sich vor Angst.

Alk: Ey scharf, Kutte.

Kutte: Und dann hältst du ihm die Birne fest, Alk, und ich schmier ihn zu, und dann läßt du ihn los, und dann würgt er und hopst rum, wie angestochen.

Alk: Ey geil, Kutte.

Kutte: Und Stielaugen macht er und den Boden kratzt er auf und das Blut zischt ihm nur so aus den Lauschern. Und schön blau wird er.

Alk: Ey super Kutte.

Jonas: Zwei Youngster, rote Gesichter, Stoppelhaarschnitt, Goldringe in den Ohren, Hools, Hooligans, ein Killerkommando, ohne Laserstrahler, ohne Revolver, mit einer Plastikflasche Schnellkleber, billig und effizient. Ausgesprochen lebensgefährlich, aber Jonas war auf sowas vorbereitet. Ich stöhnte und rutschte ein bißchen zur Seite. So, jetzt stand er richtig, der Wortführer mit der Leimflache, an meinen Füßen direkt vor dem Fenster.

Alk: Hey Kutte, der Arsch ist wach.

Jonas: Sam.

Sam: Monsignore wünschen.

Jonas: Notfallplan B und F.

Sam: Zu Befehl Herr Leutnant.

Kutte: Scheißeeeeeeeeeeee!

Alk: Hey Kutte, was ist Kutte.

Jonas: Was war passiert. Sammy der das Leitsystem des Büro kennt wie seine nicht vorhanden Westentasche, hatte das Licht aus und das Fenster auf gemacht, und Jonas hatte die Knie angezogen und Killer Kutte in den Bauch getreten, worauf der rücklings aus dem Fenster flog. Nicht ganz so elegant wie der rote Baron, vielleicht lag’s daran, daß er kein Flugzeug hatte. Kumpel Alk tapste herum, wußte nicht, was er tun sollte. Sam half ihm, mit seiner bekanten und beliebten Imitation einer Polizeisirene.

Alk: Ey Scheiße, die Bullen.

Jonas: Kannst aufhören, Sammy, die Luft ist rein und mach das Licht wieder an.

Sam: Ja.

Jonas: Die Fesseln sind wir los. Amateure.

Sam: Zur Gänze die meinige Meinung, Meister aller Klassen, blutige Dilltunten.

Jonas: Was sich auf die schnelle so auftreiben ließ. Ich bin mir ganz sicher, Sammy, kaum war Jonas raus, hat Morell sich ans Fon gehängt und den großen Hintermann angerufen.

Sam: Warum nicht Hinterfrau, alter Chauvi.

Jonas: Sagen wir Hinterperson, und die hat uns gleich die beiden Hools auf den Hals gehetzt als Schnellschuß. Die nächsten Killer sind bestimmt schon unterwegs, echte Profis, da geh ich jede Wette ein.

Sam: Nun denn und wohl, brechen wir im Zorn und stoßen wir was.

Jonas: Was.

Sam: Korrektur stoßen wir ins Horn und brechen wir auf.

Jonas: OK. Wohin Casablanca?

Sam: Da als Schlupfloch meines Jonas weithin bekannt weniger empfehlenswert.

Jonas: Der arme Schlucker.

Sam: Dito Dösbackel.

Jonas: Mit fällt was ein, Sam. Hamlets Cubic ist frei.

Sam: Hehe, und die Dame Ophelia hat den Rüssel Korrektur Schlüssel.

Jonas: Die Dame Ophelia war gar nicht mal sehr ungehalten, als Jonas sie zu später Stunde herausklingelte. Vielleicht hätte sie mir gern mehr gegeben als nur den Schlüssel zu Hamlets Cubic. Aber dafür war keine Zeit. Das Boot schaukelte kräftig und durfte nicht zur Ruhe kommen.

Sam: Babylon Korrektur Babypsilon West, am Schwanensee 1 9 sprich 19.

Jonas: Unmöglich, Sammy, viel zu feine Gegend.

Sam: Naja.

Ophelia: Am Schwanensee wohnen die Reichen und Prominenten, Holostars, Unternehmer.

Jonas: Wie Martin Sesam, Produzent von Zierzwergen. Weißt du noch Sammy.

Ophelia: Aber keine Professoren. Ihr Computer muß sich irren.

Sam: Ohohohoho, Sam wiederholt: Privatadresse Professor Morell: Babylon West Am Schwanensee 19. Ende der Durchsage. Keine Diskussion.

Ophelia: Ah, ist er jetzt beleidigt.

Jonas: Das macht nichts, Ophelia, Sammy wird sich schnell wieder bekrabbeln.

Sam: Wird er nicht. Das macht nichts Ophelia. Kannalie kaltschnäuzige.

Jonas: Bis ich am Schwanssee bin kannst du in der Tasche vor dich hinschmollen. Danke für den Schlüssel, Ophelia, Sie hören von mir.

Ophelia: Ja, ich, ich würde sehr gerne mitkommen, Jonas.

Sam: Nein.

Jonas: Ruhe da unten auf den billigen Plätzen, kommen Sie, Ophelia.

Sam: Kommen Sie Ophelia. Kommen Sie. Sei still Computer klage nicht und zeig kein lächelnde Gesicht. Doch wies da drinnen aussieht, geht niemand was an.

Jonas: In dem Haus hätten 20 Privatdetektive leben können, aber hier wohnte nur ein Professor, allein, keine Frau, kein Mann, kein Kind, keine Beziehung. Allein in einem Luxusambiente, das 20 Detektive sich nie hätten leisten könnten. Echtholzmöbel, Echtölbilder, Echtglasvitrinen voll Echtporzellan. Echtwollteppiche. Echt antik.

Ophelia: Vielleicht hat er echt geerbt.

Sam: Echt hat er nicht echt echt.

Jonas: Schön daß du wieder bei uns bist, Sammy.

Sam: Bin ich schon lange du Blockkop. Ihr wärt gar nicht ins Haus gekommen, hätte Sam euch nicht das Sicherheitssystem aus dem Weg geräumt.

Jonas: Nett von dir.

Sam: Die Servorobots hab ich auch gleich lahmgelegt.

Jonas: Wunderbar. Dann haben wir’s nur mit Morell zu tun.

Sam: Hier schläft er, der Schnarchsack, hinter dieser Tür.

Ophelia: Wecken wir ihn auf, Jonas.

Jonas: Das macht Sammy. Los Trompete von Jericho.

Sam: Äh Attacke.

Jonas: Auch Morells Nachtgewand war vermutlich echt antik, aus dem 1. Weltkrieg, lang, weiß mit Rüschen. Sein Träger war ernst verwirrt, dann empört, darunter lag Angst und ein ausgesprochen schlechtes Gewissen.

Morell: Sie Sie mit Ihren fixen Ideen, lassen Sie mich in Frieden. Wie sind Sie überhaupt hier rein gekommen.

Jonas: Das ist nicht die Frage, Professor Morell, die Frage ist, was wissen Sie über die Pseudowestfront draußen in der Wildnis?

Morell: Verlassen Sie mein Haus, Sie und dieses Weibstück, auf der Stelle.

Jonas: Sie wollen also nicht reden, Professor. Gut, wir steigen um, auf Boxhandschuhe und harte Bandagen.

Morell: Sie, Sie dürfen mir nichts tun, Sie sind nicht die Polizei. Sie sind nur Privatdetektiv.

Jonas: Ach ja, hören Sie mal zu, Morell, wenn die Kripo Sie ins Gesicht haut, ist das legal, wenn ich Sie ins Gesicht haue, ist das.

Morell: Illegal, absolut illegal.

Jonas: Jawohl illegal, aber es tut genauso weh, vielleicht noch mehr, und mich stört es nicht, Jonas ist ein ziemlich illegaler Typ.

Morell: Ich sage nichts, kein Wort und wenn Sie mich totschlagen.

Sam: Warum nicht.

Jonas: Morell übertrieb, totschlagen wollte ich ihn nicht, foltern auch nicht, obwohl Sammy mir ein paar raffinierte Methoden vorschlug. Es ging auch anders. Bringt Gewalt gegen Personen Sie nicht zum Erfolg, so empfiehlt sich in manchen Fällen Gewalt gegen Sachen, sagt das kleine Handbuch für Privatdetektive und solche, die es werden wollen. Gewalt gegen Sachen, schöne Sachen, teure Sachen, echt antike Sachen.

Sam: Herr Brandkassenobergutachter könnten ein Ölschinken ankokeln oder den Perser zu dero liebwerten Füßen.

Jonas: Macht auf Sie alles keinen Eindruck, Morell. Wenn ich mir die komischen Porzellanmännchen vornehme, hier in der Glasvitrine.

Morell: Um Gotteswillen.

Jonas: Na bitte, direkt ins Schwarze.

Morell: Meine Meißen Sammlung. Mein Gott, das war ein echter Kandler.

Sam: Weiter so.

Morell: Aufhören, bitte hören Sie auf, ich sage Ihnen, was Sie wissen wollen.

Sam: Aber ausführlich.

Jonas: Und das tat er. Ausführlich. Mit allen Einzelheiten. Wenn er mal zu lange Pause machte, brauchte Jonas nur nach einer Porzellanfigur zu greifen. Dann lief’s wieder. Die Westfront, sagte Morell, war ein Spielbrett, an dem zwei Spieler ein Kriegsspiel spielten, mit scharfen Waffen und lebenden Soldaten. Zwei Superreiche und Supermächtige.

Morell: Frau Astoria Waldorf.

Jonas: Chefin der Multifirma Multipharm, kennen wir, kennen wir gut, was Sammy.

Sam: Hmh. Fall Spielwiese, o Herrscher aller Fakten.

Morell: Und Herr Adolf Beringer.

Sam: Besitzer und Präsident von Supermedia.

Jonas: Supermedia kennen wir doch auch, wenigstens indirekt.

Sam: Siehe Fall Megastar. Juli 2011.

Jonas: Weiter Morell, Sie sind doch wohl nicht müde.

Morell: Nein nein, also beide haben das Gelände erworben und ausgebaut, schon vor ein paar Jahren, von Frau Waldorf stammt die Droge, die Droge die das Bewußtsein der Spielfiguren beeinflußt, wenn ich mal so sagen darf.

Jonas: Luzinon. Hab ich mir doch gleich gedacht.

Sam: Was denn du Dumpfhirn?

Morell: Beringer stellt die medientechnische Ausstattung, die fernlenkbaren Mikrocams, die den Krieg aufnehmen, Bild und Ton, und in den zentralen Gefechtsstand übertragen und die Leitung von der Zentrale zu den Kommandeuren unten.

Jonas: Da kommt also der Befehl von oben, und unten wird angegriffen, und verteidigt, geschossen, gesiegt und verloren. Trommelfeuer, Grabenkampf, Tote, Verwundete. Warum gerade der 1. Weltkrieg, Professor?

Morell: Meine Idee, Herr Jonas, der 1. Weltkrieg, das war noch ein Krieg, Herr Jonas. Der Krieg der Kriege. Extreme Bewährung, Mann gegen Mann. Opfer Frontgeist.

Jonas: Dreck, Blut, Angst.

Morell: Genau Herr Jonas, wissen Sie, Waldorf und Beringer haben beide einen gewissen Hang zum nun ja Primitiven, Atavistischen, sie wissen, daß sie Wirtschaft und Politik in Babylon, in ganz Europa entscheidend mitbestimmen, aber dieses Wissen genügt ihnen nicht, sie wollen ihre Macht spüren, direkt, sie auskosten, physisch erleben, sehen, schmecken, berühren.

Jonas: Und Sie Morell, was ist Ihre Rolle in diesem Spiel.

Morell: Nein, nicht. Die Herrschaften haben mich als historischen Berater engagiert, als Gutachter und Schiedsrichter.

Jonas: Einträglicher Job wie man sieht. Wo ist der zentrale Gefechtsstand. Na?

Morell: Draußen, direkt am Kriegsschauplatz im Torhaus.

Jonas: Aha. Na dann wollen wir mal.

Ophelia: Und was machen wir mit ihm, Jonas?

Jonas: Morell nehmen wir mit. Sonst ist er gleich am Fon und warnt seine Brötchengeber. Wie heute nachmittag, außerdem kommen wir mit ihm sicher leichter in die Zentrale. Als Berater haben Sie doch wohl eine Paßscheibe, Morell.

Sam: Er hat noch was, der schäbige Schreibtischtäter. Eine E-Limousine, in der Garage hinterm Haus.

Jonas: Der zentrale Gefechtsstand war ein weiter fensterloser Raum, ein Raum, der das ganze obere Stockwerk des Torhauses ausfüllte. In der Mitte standen zwei gewaltige Konsolen, mit Mikrophonen, Knöpfen, Reglern, dazwischen erhob sich eine Wand, beidseitig bestückt mit zahllosen Monitoren. An jeder Konsole saß ein Spieler. Angespannt. Konzentriert. Keiner der beiden sah auf, als ich die Tür öffnete und wir leise den Raum betraten. Auch Morell war leise, notgedrungen, er hatte die Mündung meines Laserstrahlers im Rücken.

Waldorf: So werter Kollege nun sehen Sie mal zu, wie Sie meinen Durchbruch stoppen und noch einen kleinen Gasangriff obendrauf. Grünkreuz werter Kollege.

Beringer: Um eine Frontbegradigung komme ich da wohl kaum herum, werte Kollegin, aber triumphieren sie nicht zu früh, meine Tanks sind in Kürze einsatzbereit.

Jonas: Wie schön. Hals und Bauchschuß allerseits.

Waldorf: Jonas, Sie sind nicht tot?

Jonas: Wie Sie sehen, Frau Waldorf. Ich habe den 1. Weltkrieg überlebt und Ihre Hooligans auch. Stellen Sie mir Ihren Freund vor.

Waldorf: Freund, der Herr ist das genaue Gegenteil. Mein alter Feind Adolf Beringer.

Jonas: So habe ich mir einen obersten Kriegsherr immer vorstellt. Alt, fett, Glatze. Wie läuft’s denn so, Herr Beringer.

Beringer: Danke, mäßig, meine Truppen haben gerade einen kleinen Rückschlag erlitten.

Morell: Offensive Michael, Herr Beringer, 21. März 1918.

Ophelia: Dieter. Nein. O Gott. Er ist tot.

Sam: Na endlich.

Jonas: Hamlet. Gefallen. Zerrissen von einer Handgranate, und Ophelia hatte zugesehen auf dem Monitor. Damit war mein Auftrag erledigt. Aber noch nicht der Fall. Jonas hatte noch was zu erledigen.

Waldorf: Kein Grund zum Jammern, meine Liebe, Ihr Freund hat gekriegt was er wollte, ein kurzes intensives Leben, Gefahren, Abenteuer, Risiko.

Ophelia: Einen schrecklichen Tod.

Waldorf: Der gehört dazu, zwangsläufig, wenn Sie’s nur richtig sehen, haben wir ihm einen Gefallen getan.

Beringer: Der Gesellschaft übrigens auch, in dem wie sie von Menschen wie ihm befreien, von Störenfrieden, unruhigen Elementen, Nichtangepaßten.

Jonas: Wahre Wohltäter der Menschheit Sie beide.

Waldorf: Auf so hohes Lob erheben wir keinen Anspruch, Jonas. Wir sind Spieler.

Beringer: Wir spielen. Wir frönen unserer Leidenschaft.

Waldorf: Am Anfang haben wir Schach gegeneinander gespielt, Beringer und ich.

Beringer: Dann kamen klassische Kriegsspiele im Sandkasten, elektronische Simulationen.

Waldorf: Gladiatorenkämpfe im Colloseum haben wir veranstaltet, Duelle gesponsert, aber das war alles nicht das wahre.

Beringer: Es war nur Ersatz, nur als ob.

Waldorf: Bis wir auf die Idee kamen, richtig Krieg zu spielen, in großem Stil mit ganzen Armeen lebendiger Spielfiguren.

Beringer: Ein erhabenes, ein ungeheueres Gefühl. Wir spielen Schicksal.

Waldorf: Wir sagen es werde und es wird.

Jonas: So ist das. Darf ich mal, das Mikro: Friede. Es werde Friede. Waffenstillstand. Der Krieg ist aus. Ach mach doch die passende Begleitung Sam, du kannst das ja.

Sam: Ach, darf auch ich mal wieder, na ja dann, mit Wonne o du mein Berthold von Suttner, Ding Dong, Ping Pong, King Kong.

Jonas: Die Waffen nieder, jetzt spielte Jonas Schicksal und zwar gründlich: Drei Befehle gab ich den Soldaten auf beiden Seiten der Front. Die Kampfhandlungen einstellen. Nichts essen und nichts trinken. Den Kriegsschauplatz verlassen und nach Hause gehen. Ich schaltete die Holos an der Mauer aus und wartete mit Ophelia, mit Waldorf, Beringer, Morell. Stundenlang. Bis sich auf den Monitoren nichts mehr rührte.

Waldorf: Sie sind ein Spielverderber, Jonas.

Jonas: Das Spiel ist noch nicht zu Ende, meine Herrschaften, das Spiel geht weiter.

Sam: Jawoll.

Beringer: Wie denn. Es sind doch keine Figuren mehr auf dem Feld.

Jonas: Wir schicken neue raus. Sehen Sie, zu allen Zeiten hatten alle Soldaten einen Traum, daß die die den Krieg wollen und herbeiführen, ihn selbst auszutragen haben

Sam: Ein Ziel aufs innigste zu wünschen. Shakespeare.

Waldorf: Sie meinen doch wohl nicht.

Sam: Doch er meint.

Jonas: Ich meine. Sie gehen raus, Frau Waldorf, Herr Beringer, und Ihren zahmen Professor nehmen Sie mit.

Sam: Und zwar hurtig.

Jonas: Sie wollten natürlich nicht, aber sie mußten. Wir fütterten sie mit Frontrationen aus dem Kommissariat unten im Torhaus, und als die Droge sie ins Jahr 1918 versetzt hatte, trieb ich sie aufs Schlachtfeld, ich machte das Tor hinter ihnen dicht und stellte die Holos wieder an. Viel Vergnügen. Waffen würden sie mehr als genug finden. Wir fuhren zurück nach Babylon. Ophelia war stumm, und traurig. Jonas dachte nach. Ob er sie trösten sollte. Und wie. Und Sammy, der deklamierte.

Sam: Von Taten fleischlich blutig unnatürlich zufälligen Gerichten blindem Mord, von Toden durch Gewalt und List bewirkt und Plänen die verfehlt zurückgefallen auf der Erfinder Haupt.

Jonas: Der Rest ist Schweigen.

Das war Westfront. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski. Außerdem wirkten mit: Ute Willing, Jochen Busse, Harald Dietl, Hans Günter Martens, Horst Sachtleben und viele andere (Monika Woytowicz, Inge Solbrig, Hans Stetter, Udo Wachtveitl, Detlef Kügow, Hans Peder Hermansen, Werner Klein). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Assistenz: Wolfgang Ruhdörfer. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1991). Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Wunderland

Jonas: Ein Klient kommt ins Büro. Ein ordentlicher Fall bei einem ordentlichen Privatdetektiv fängt so an. So muß es sein. So steht es in den Büchern. Nicht beim letzten Detektiv. Meine Fälle fangen meist woanders an. Im Casablanca zum Beispiel. Dieser Fall fing ordentlich an. In meinem Büro. Nur eins war nicht in Ordnung. Der Klient hätte eine Klientin sein müssen. Wunderschön. Geheimnisvoll. Und möglichst blond.

Milius: Nett haben Sie es hier, Herr Jonas, so, so übersichtlich.

Jonas: Schauen Sie, Damen und Herren, staunen Sie, vor Ihnen erstreckt sich in seiner ganzen unfaßbaren Weite von sage und schreibe 22 Quadratmeter das Büroapartment von Jonas, dem letzten Detektiv. So lebt Jonas, Damen und Herren, so arbeitet Jonas, sind Sie hier, um mein Büro zu besichtigen oder haben Sie was auf dem Herzen?

Milius: Sagen wir, ich habe ein Anliegen, Herr Jonas, oder genauer, ich habe einen Auftrag für Sie.

Jonas: Ein ordentlicher Klient in ordentlicher Aufmachung, die Hände ordentlich im Schoß gefaltet, die schwarzen Stiefeletten ordentlich nebeneinander. Jedes einzelne der fünf Resthaare ordentlich über den Schädel gelegt. Bloß die Krawatte fiel aus dem ordentlichen Rahmen. Ein holographisches Design von greller Buntheit. Chaotisch.

Sam: Wahnsinnig. Unsinnig. Tierisch. Obszön. Häßlich. Echt geil Total toll. Jawoll.

Milius: Man gönnt sich ja sonst nichts.

Sam: Wo lassen Sie stylen, Genosse?

Milius: Ich bin nicht hier, um über Krawatten zu diskutieren, nicht mit Ihnen, Herr Jonas, und mit Ihrem Computer schon gar nicht.

Sam: Ahahah.

Jonas: Es gibt verschiedene Arten von Klienten: Die einen sagen: Sie haben einen merkwürdigen Computer. Die anderen sagen: Ihr Ton gefällt mir nicht. Manche sagen beides. Dieser Typ sagte weder noch. Eine Rarität. Fast so ausgefallen wie ein überverbaler überdrehter Computer. Ein Computer namens Sam.

Sam: Soll ich das spielen, Ricci, soll ich das noch mal spielen?

Jonas: Untersteh dich, Sammy.

Sam: Spielverderber. Trübe Tasse.

Milius: Zur Sache, Herr Jonas, mein Name ist Milius, Leo Milius.

Jonas: Und?

Sam: Ja und?

Milius: Ich arbeite im Wunderland.

Jonas: Gut für Sie.

Sam: Ja.

Milius: Als Sicherheitschef, und darum bin ich hier, Herr Jonas, wir haben nämlich ein Problem, ein Sicherheitsproblem.

Jonas: Und wie heißt ihr Problem, Herr Milius?

Milius: Sabotage, Herr Jonas, Sabotage im Wunderland. Wissen Sie, was das bedeutet, geschäftlich, meine ich?

Jonas: Ich konnte es mir denken. Wunderland ist ein großer Vergnügungspark. Nicht weit von Babylon. In der Wildnis. Berühmt für seine elektronisch-holografischen Simulationsprogramme. Eine Art Super-Kino zum Mitmachen. Kino gab’s, als ich jung war. Heute ist es überholt, wie 2D-TV, wie Bücher. Wunderland ist nicht überholt, Wunderland ist sehr beliebt, hab ich mir sagen lassen. Simulation ist nicht mein Bier. Sabotage schon eher.

Milius: Bisher weiß nur die Führungsspitze im Wunderland Bescheid, Herr Jonas, wir haben den Deckel draufgehalten, aber lange wird das nicht mehr möglich sein, immerhin hat der Ärger schon vor zwei Wochen angefangen.

Jonas: Einzelheiten, Herr Milius, was, wann, wie…

Sam: Wohin, woher, wozu, wofern, woholofern.

Jonas: Sei still, Sam. Schießen Sie los.

Milius: Also der erste Vorfall, der war am 21. Februar.

Sam: In diesem unserem Jahr des Herrn 2013. Immer präzise, gelle Mister.

Jonas: Was ist da passiert?

Milius: Das Wetter in SA 9.

Jonas: Moment. Wer oder was ist SA 9?

Milius: Simulationsareal 9. Exotische Abenteuer. Es lief gerade das Programm Hurra die Legion. Uralt, aber ständig ausgebucht, Herr Jonas. Die Kunden marschierten durch die Sahara als Fremdenlegionäre anno 1900. Die Sonne brannte, ihr Ziel, Fort Zinderneuf war noch viele Meilen entfernt. Ja wollen Sie sich denn keine Notizen machen, Herr Jonas?

Jonas: Nicht nötig, mein Computer hört zu und merkt sich alles. Nicht wahr, Sammy?

Sam: Schnarch…

Jonas: Sam?

Sam: Häh? Is was Chef?

Jonas: Du hast doch nicht etwa geschlafen?

Sam: Niemals! Stets auf den Pisten und den Posten, Monsieur Capitäne.

Jonas: Das will ich hoffen. Weiter, Herr Milius, die Leute latschten durch die Wüste.

Milius: Und da, Herr Jonas, fing es plötzlich an zu regnen. Ein richtiger Wolkenbruch, Herr Jonas, es regnete und regnete und hörte nicht auf.

Sam: Wenn der Regen, der Regen…

Milius: Das Wettersystem war verstellt und blockiert. Wir mußten die Legion abblasen, die Kunden entschädigen, und die Sahara mit einem speziellen Fönprogramm trocknen.

Sam: Hehehe.

Milius: Ein paar Tage später Vorfall Nummer zwei. In SA 4, die Welt, aus der wir kommen: Römer, Ritter, Recken, Programm Kampf mit dem Drachen. Der Robodrach, ein 10meter hohes Monstrum, fiel schwer aus der Rolle. Statt Feuer zu speien und markerschütternd zu brüllen, fehlte er um Gnade, er heulte, faltete die Tatzen, sagte was von einer todkranken Frau und 12 unmündigen Kinder. Sehr frustrierend für die tapferen Drachentöter in den Plastikrüstungen. Und erst gestern, Herr Jonas, ist eine Stripperin im Kinderprogramm aufgetaucht. Freddy Krüger, Schrecken der Elmstreet, der Renner bei unseren kleinen Besuchern, Sie können sich nicht vorstellen, Herr Jonas, was die Eltern gesagt haben, vor allem die Neopuritaner. Schmutziger Sex in einem gesunden harmlosen Horrorprogramm.

Jonas: Empörend, Herr Milius.

Sam: Ja, ein böser Streich, ein wahres Bubenstück.

Milius: Wir tun, was wir können, Herr Jonas, aber wir kommen nicht weiter. Er ist nicht zu fassen, der Verbrecher, der Saboteur.

Sam: Witzbold, Scherzkeks, Schabernackedei.

Milius: Er kennt sich im Wunderland offenbar bestens aus, weiß im voraus, was wir planen, wo wir unsere Fahnder postieren, ja, und darum bin ich auf die Idee gekommen, einen Außenseiter einzusetzen, einen unorthodoxen Mann, der neue Wege geht.

Jonas: Jonas heißt er, 120 Euros pro Tag und Spesen.

Milius: Sie übernehmen den Auftrag?

Jonas: Sieht ganz so aus. Sabotage im Wunderland könnte interessant sein. Wer meinen Sie, steckt dahinter, Herr Milius, die Konkurrenz?

Milius: Nicht ausgeschlossen, Herr Jonas, sehen Sie, das muß aber unter uns bleiben.

Sam: Natürlich.

Milius: Ein japanisches Unternehmen ist an Wunderland interessiert und hat erst kürzlich ernsthafte Fühler ausgestreckt.

Jonas: Und? Wollen die Denverschwerstern verkaufen?

Milius: Teils teils, Herr Jonas. Glen Denver will. Gwen will nicht. Unter uns, Glen wird sich durchsetzen. Glen setzt sich immer durch.

Sam: Sammy auch.

Jonas: Und bevor sie in die Verhandlungen einsteigen, könnten die Japaner versuchen, den Wert von Wunderland zu drücken, aha, durchaus möglich.

Milius: Denken Sie darüber nach, Herr Jonas, und seien Sie morgen früh in meinem Büro.

Jonas: Wo?

Milius: Ja Wunderland natürlich. Ich gebe am Haupteingang Bescheid. Moment mal, Sie können natürlich nicht als Jonas der letzte Detektiv im Wunderland auftreten, Sie sind, sagen wir…

Jonas: Researcher, für eine geplante Holosendung.

Milius: Einverstanden, und Sie heißen…

Sam: Er heißt Jon, Jan, Janik, Josua, Jason, Jonathan, Junius, Julius, Augustus, piep letztes bitte streichen.

Jonas: Janus, nur Janus.

Sam: Ja, der römische Gott des Eingangs und des Ausgangs, des Anfangs und des Endes, mysteriös, zwiegesichtig, janusköpfig.

Milius: Morgen früh um 10 bei mir, Herr Janus, nehmen Sie den Shuttle vom Heliport.

Sam: Und Ihren Fuß von meinem Kopf.

Jonas: Mitten im Wunderland steht ein hoher künstlicher Berg. Hier sind die Verwaltungsräume untergebracht, die Werkstätten, die Steuerzentren. Milius Büro lag hoch oben, nicht weit vom Büro der Direktorin, direkt unter dem Paradies, dem Gipfelrestaurant mit der berühmten Aussicht auf ganz Wunderland. Und darüber lag nur noch das Doppelpenthouse der Denverschwestern. Milius war nicht allein, als ich in sein Büro kam, 10 nach 10. Ein Detektiv, der auf sich hält, darf nicht zu pünktlich sein. Eine Frau stand am Fenster, unscheinbar angezogen, mein Alter, ein Gesicht, das Geschichten zu erzählen hatte. Sekretärin? So sah sie nicht aus.

Milius: Da sind Sie ja endlich, Herr äh…

Jonas: Janus.

Milius: Richtig, Herr Janus. Unsere Fedora hier wird sich um Sie kümmern. Fedora ist bei uns so eine Art Mädchen für alles. Sie wird Sie herumführen, Ihnen zeigen, was Sie sehen wollen, Ihre Fragen beantworten. Mich müssen Sie entschuldigen. Machen Sie sich am besten selbst bekannt.

Jonas: Gute Idee. Im Paradies, bei einem Drink?

Fedora: Wie Sie wollen, Herr Janus, ich stehe zu Ihrer Verfügung.

Jonas: Fedora war mir sympathisch. Sie hieß nur Fedora. Das sprach für sie. Und sie hatte was: Haltung. Stil. Intelligenz. Zu viel für ein schlichtes Faktotum.

Fedora: Das war ich auch nicht immer, Herr Janus.

Jonas: Nur Janus, den Herrn lassen Sie weg, ich bin keiner. Was haben Sie früher gemacht, Fedora?

Fedora: Ich war Autorin, Chefautorin im Wunderland. Die meisten Simulationsprogramme hab ich entworfen und ausgearbeitet, jahrelang, bis man keine Autoren mehr brauchte, weil sie überholt waren, weil jetzt Computer ihre Arbeit machen. Nicht besser, aber billiger. Weil sie die alten Programme immer wieder verwenden, meine Programme, Janus, und nur ein paar Variationen einbauen. Mich haben sie damals hier behalten, wegen meiner Verdienste um Wunderland, damit ich nicht nur von der Volkshilfe leben muß. Ich mach, was anfällt. Was man mir sagt.

Jonas: Bärenführer für Holoresearcher, zum Beispiel.

Fedora: Das ist nicht das Schlimmste.

Jonas: Danke. Was trinkt man hier?

Fedora: Wunderland Special natürlich. Waren Sie denn noch nie im Paradies Janus?

Jonas: Noch nie.

Fedora: Aber doch im Wunderland.

Jonas: Auch nicht.

Fedora: Ach, kommen Sie mit, Janus.

Jonas: Wohin?

Fedora: Zum großen Panaromafenster, ich werde Ihnen Wunderland vorstellen.

Jonas: Ein Park. Schön. Wie gemalt. Hügel, Wiesen, Teiche, Bäume, Büsche, Blumen. Synthetisch. Natürlich. Aber das merkte man nur an der ordentlichen Ausrichtung, und an den zu stark leuchtenden Farben. Dazwischen ein paar Gebäude. Blockhäuser, Burgruinen, afrikanische Strohhütten, ein schräger Miniwolkenkratzer, und das Colloseum, in Kopie.

Fedora: Das ist die Arena, für Roboturniere und Corridas, Autocorridas, sehr beliebt, fast immer ausverkauft. Außerdem haben wir hier Stimgames, Einarmbanditen, 4D-Roulette.

Jonas: Und die Simulationen, die berühmten Wunderlandsimulationen, wo sind die?

Fedora: Unter dem Park, wo sonst, oben liegen nur die Eingänge. Die Palmengruppe da drüben, da geht’s runter in SA 9.

Jonas: Exotische Abenteuer.

Fedora: Richtig. Und ein Stück weiter rechts das Segelschiff auf dem Teich, das ist der Zugang zu SA 5, Blue Deep, Piraten, Taucher, Riesenkraken.

Jonas: Aha, und daneben der schiefe Turm von Babylon.

Fedora: Das ist ein amerikanisches Hochhaus aus dem 20. Jahrhundert, verkleinert, da kommen Sie zu SA 7, Metropolis, unser Citykrimiareal, Gangster, Detektive und so weiter.

Jonas: Ach, Detektive haben Sie auch?

Fedora: Ja, Sherlock Holmes, Professor van Dusen, Kommissar Maigret, und die schwarze Serie, ein nostalgisches Private Eye Programm, streng stilisiert mit allen klassischen Zutaten, vielleicht das beste Programm, das ich je geschrieben habe, leider läuft es nur noch sehr selten.

Jonas: Würde ich mir gern mal ansehen, dachte ich, später vielleicht. Erst die Arbeit. Ich ließ mir von Fedora die Simulationen erklären. Wie die Besucher vorbereitet und ausgerüstet wurden, wie alles in einander griff, Holoprojektionen, elektronisch gesteuerte Modelle, Besucher im Rollenspiel, wie die Simulationsprogramme abschnurrten.

Fedora: Wie ein Uhrwerk. Jedenfalls soll es so sein. Aber wenn mal was schiefgeht…

Jonas: Hier kann doch nichts schiefgehen. Wunderland ist Super-High-Tech.

Fedora: Eben drum, Janus. Wenn Sie in einem Programm nur eine Kleinigkeit, eine winzige Kleinigkeit verstellen, dann ist gleich der Teufel los, dann drehen sie durch, diese tollen Computer, dann spielen sie verrückt, dann brechen sie zusammen. Wissen Sie, was vor ein paar Tagen passiert ist?

Jonas: Sie erzählte mir das, was ich von Milius gehört hatte, die kuriosen Katastrophen in SA 9, 5 und 13, von denen angeblich nur die Führungsspitze im Wunderland etwas wußte. Sie erzählte sehr ausführlich und mit keineswegs klammheimlicher Freude. Das gab mir zu denken. Ich entschuldigte mich. Auf dem Klo holte ich Sam aus der Tasche. Nicht, um ihn reinzuschmeißen. Es war Zeit, Zeit für eine Konferenz unter vier Augen. Nur daß Sam keine Augen hatte. Sehen konnte er trotzdem, und hören und reden und kombinieren.

Sam: Ja, nicht daß ein hochgeistiger Computer in dieser Angelegenheit viel zu kombinieren hätte, der Fall ist klar, mein lieber Watson. Glasklar. Kristallklar. Aschklar. Die gesuchte Saboteuse ist die Dame Fedora.

Jonas: Da bin ich mir nicht ganz sicher, Sammy. OK, sie kennt die Vorfälle, ganz genau sogar, und die hat sie Jonas erzählt, obwohl der Janus ist, Holoresearcher das heißt die Öffentlichkeit.

Sam: Gerade weil, du Flaschenkürbis.

Jonas: Du meinst, sie will die Sachen publik machen und sie amüsiert sich darüber, kann sein. Aber das muß noch lange nicht heißen, daß sie die Dinger selbst gedreht hat. Gibt’s zu, Sammy, du hast was gegen Fedora, weil sie Computer nicht ausstehen kann.

Sam: O Vorurteil, dein Name ist Mensch. Computer sind objektiv. Computer sind emotionslos.

Jonas: Ganz was neues, Sammy.

Sam: Daß besagte Dame unverständlicher weise Computer nicht mag, nimmt Sam zur Kenntnis, ohne sich davon auch nur im geringsten beeindrucken oder gar beeinflussen zu lassen. Mit kühlem Gleichmut, mit überlegenem Lächeln. Soll sie doch die törichte trigepieselige Pute, schwachsinnige Schwalbe, holzköpfiges Huhn.

Jonas: Hör schon auf, Sam. Fakten.

Sam: Fakten, der Herr, bitte sehr. Soeben von einer elektronischen Kurzexkursion durchs Wunderland Zentralsystem zurückgekehrt, beehren wir uns, ihrer geschätzten Aufmerksamkeit folgende Fakten zu unterbr… Korrektur, zu unterbreiten. Erstens. Ach was. Die Angestellten im Wunderland sind, ob an festen oder an variablen Arbeitsplätzen datenmäßig stets erfaßt und kontrolliert. Gemäß Ausweis der gespeicherten Informationen hielt sich keiner von ihnen bei allen drei Sabotageakten in der Nähe der entsprechenden Steuerungsanlagen auf, kann demnach diese auch nicht manipuliert haben. Nun muß aber in Anbetracht der hierorts waltenden strikten Sicherheitsvorkehrungen der Täter zum Personal gehören.

Jonas: Moment, Sammy, das geht nicht.

Sam: Wieso denn nicht.

Jonas: Wenn alle Angestellten ständig kontrolliert werden.

Sam: Ach, wer sagt denn alle, du Bildungslücke. Eine im Wunderland beschäftige Person gilt als so gering, so unbedeutend, daß sie der Pflicht des regelmäßigen Uhrenstechens nicht unterworfen ist. Ein Mädchen für alles, von Kollegen wie Vorgesetzten kaum beachtet, ein Aschenbrödel, eine Cinderella.

Jonas: Fedora.

Sam: Ja. Die Computerhasserin. Ebendiese. Faktum Nr. 2: Die drei sabotierten Programme entsprangen sämtlich der Feder Fedoras. Sie kannte sie also in und auswendig, war informiert über die Codierung, und wußte präzis wo und wie der gewünschte Effekt am besten zu bewirken war. Langer Rede kurzer und gewichtiger Sinn, die Täterin heißt Fedora. Quod erat demonstrationsforum et dimonstrandum. Dixi. How, ich habe gesprochen.

Jonas: Ich sagte es ihr auf den Kopf zu. Sie war verblüfft, beeindruckt, und sie gab es zu. Auf der Stelle, ohne Ausflüchte, und ganz und gar nicht schuldbewußt.

Fedora: Stolz bin ich allerdings auch nicht darauf, Janus, es war kindisch, ein dummer Streich, wenn Sie wollen, aber es mußte sein, der Frust hatte sich in mir aufgestaut über viele Jahre. Ich mußte was tun, und unter uns, es hat Spaß gemacht.

Jonas: Ich kann’s Ihnen nachfühlen.

Fedora: Dann behalten Sie’s für sich, Janus. Wer das bißchen Unfug im Wunderland angestellt hat, wird Ihre Auftraggeber ja auch kaum interessieren.

Jonas: Im Gegenteil, Fedora.

Fedora: Wieso? Was soll Holo-TV…

Jonas: Ich habe nichts zutun mit Holo-TV, Fedora. Ich heiße Jonas, nur Jonas. Ich bin Privatdetektiv, der letzte, und mein Auftraggeber ist sehr an Ihnen interessiert.

Fedora: Milius?

Jonas: Milius. Kommen Sie, Fedora.

Jonas: Ganz wohl war mir nicht, aber wenn Jonas einen Auftrag angenommen hat, dann zieht er ihn durch, auch wenn er ihm nicht gefällt. Fall Wunderland war kein Ruhmesblatt für Jonas. Sehr kurz war er auch, dachte ich. Aber das war ein Irrtum. Der Fall fing erst an. Milius war begeistert, als ich mit Fedora bei ihm aufkreuzte. Er präsentierte uns gleich seiner Chefin, Direktorin Palafox. Die war offenbar nicht ganz so begeistert.

Palafox: Einen Privatdetektiv haben Sie eingeschaltet, Milius, dazu waren Sie nicht autorisiert.

Milius: Ich bin Ihr Sicherheitschef, Frau Palafox, wie ich meine Aufgaben durchführe.

Palafox: Sagt Ihnen die Direktion, das heißt ich. Darüber unterhalten wir uns noch, Milius.

Milius: Von mir aus, das wichtigste ist doch, daß unser Problem jetzt bereinigt ist, der Saboteur ist gefaßt.

Palafox: Augenblick. Palafox. Ja, die ist hier. Was? Wann? Wo? Ausschalten. Absperren. Sofort. Nein, warten Sie auf meine Anweisungen. Glen Denver ist tot, vermutlich ermordet.

Milius: Im Wunderland?

Palafox: SA 8.

Milius: Gaslighttheater, bei laufendem Programm?

Palafox: In der 11 Uhr Matinee.

Milius: Jack the Rippershow, ich versteh.

Palafox: Sie nehmen die Sache selbst in die Hand, Milius, allererste Priorität.

Milius: Selbstverständlich, Frau Palafox. Und Fedora?

Palafox: Jetzt nicht, Milius, Fedora muß warten. Nehmen Sie sie mit, halten Sie sie fest, in der Zelle neben Ihrem Büro. Ich werd mich später um sie kümmern. Und Sie…

Sam: He, sie meint dich.

Palafox: Ja, Sie meine ich, den Privatdetektiv.

Jonas: Mein Name ist Jonas, nur Jonas.

Palafox: Mir völlig egal, wie Sie heißen. Sie können gehen. Ihr Honorar kriegen Sie überwiesen. Nehmen Sie den Personallift ganz nach unten, ein Minimobil bringt Sie dann durch einen der Servicetunnel zum Heliport.

Jonas: Wunderland hatte es ja mächtig eilig, Jonas loszuwerden. Aber Jonas war noch nicht fertig mit Wunderland. Es waren noch zu viele Fragen offen. Was würde aus Fedora werden? Wer hatte Glen Denver ermordet. Glen Denver, die an die Japaner verkaufen wollte, gegen den Willen ihrer Schwester Glen. Sollte ich mir das Simulationsprogramm Schwarze Serie zu Gemüte führen bei nächster Gelegenheit? Darüber dachte ich nach, als ich Ausschau nach einem Minimobil hielt, im Servicetunnel, tief unter Wunderland. Plötzlich ging das Licht aus, ich blieb stehen, versuchte mich zu orientieren. Da ging es wieder an, noch plötzlicher, in meinem Kopf. Eine Explosion. Feuerwerk. Sonne, Mond und Sterne. Vor allem Sterne. Dann nichts mehr. Zuerst Schmerzen, heftige Kopfschmerzen, dann der Geruch, vertraut, nostalgisch, aus der Jugendzeit, Samstag abend, Vaters Wagen, Benzin. Ich träumte von Benzinautos, ich mußte träumen, Benzinautos gab’s in Babylon schon lange nicht mehr. Aber ich träumte nicht. Ich war wach. Ich saß in einem Benzinauto. Am Fahrersitz festgeschnallt. Das Auto stand in einem dunklen Raum, voller Schatten. Plötzlich Action. Ein Tor klappte auf. Licht, hell, unerträglich, das erwartungsvolle Röhren einer großen Menge. Eine Gestalt sprang aufs Trittbrett, griff durchs Fenster, drückte mein rechtes Knie nach unten aufs Gaspedal, der Wagen machte einen gewaltigen Satz durchs Tor, in das Geschrei, ins Licht.

Sam: Wach auf, Tränendrüse. Nimm das Steuer.

Jonas: Sammy, wenn alle mich verlassen.

Sam: Sam bleibt dir treu. Bis daß der Tod uns scheidet, und das wird er sehr bald tun, du Saftsack. Reiß dich zusammen. Kuppeln, Schalten, Lenken.

Jonas: Wo sind wir?

Sam: Wunderland Arena.

Jonas: Autocorrida?

Sam: Drinnen Senior Torero, und siehe, dort nahen die Toreros. Ole.

Jonas: Zwei riesige Trucks rollten ein, Ballonreifen, Chrom und schwarzer Lack, an den massiven Stoßstangen meterlange Hörner, auf die wollten sie Jonas nehmen, das heißt seinen Wagen, einen Jeep, anno Golfkrieg, klein, wendig, mit einem Fahrer, der tat, was er konnte, und Jonas konnte fahren. Aber das reichte nicht. Zwei Trucks waren auf Dauer zu viel.

Sam: O O Ole. Was tut uns kund des Volkes Mund?

Jonas: Sammy, ich fahr um mein Leben, und du kommst mir mit Sprichworten.

Sam: Eben drum, Blödmann. Steht’s schlecht im Kriege, mach eine Fliege oder auch Fliege.

Jonas: Wie stellst du dir das vor? Soll ich aussteigen und mich eingraben oder über die 10meter Barriere springen?

Sam: Wie gekommen, so entronnen.

Jonas: Schlechter Reim, Sammy.

Sam: Doch guter Rat.

Jonas: Du meinst, zurück durchs Tor.

Sam: Jawohl, und weiter durch den Tunnel.

Jonas: Hoffentlich gibt’s einen.

Sam: Muß. Auf welchem Wege, euer Kurzschlüssigkeit, kämen die Fahrzeuge sonst hier her?

Jonas: Voll überzeugt war ich nicht, aber ich hatte keine Wahl. Ich schlug einen Haken, ansatzlos, und war draußen. Im Bereitstellungsraum. Scheinwerfer an. Sam hatte recht. Sam hat meistens recht. Es gab einen Tunnel. Hoch und dunkel und kurz. Und am Ende…

Sam: Oh, ein Tor.

Jonas: Und das ist zu. Was nun?

Sam: Auch nicht eben ein meisterhafter Reim, du Westentaschen. Augen zu und durch.

Jonas: Bist du sicher, Sammy?

Sam: Sicher bin ich sicher, das ist nur Plastik. Da bretterst du durch, eiskalt. Ole.

Jonas: Ole. Es krachte und knirschte, und der Jeep war durch, unter freiem Himmel, in der Wildnis, ich fuhr weiter, über Stock und Stein, so schnell es ging, bloß weg von Wunderland, da hatten sie was gegen Jonas. Aber auch hier draußen ließen sie ihn nicht in Ruhe. Ich hörte was. Sah mich um. Die beiden Trucks waren hinter mir her. Und sie kamen immer näher.

Sam: Gib, gib Gas, lahme Ente.

Jonas: Tu ich ja, Sammy, mein rechter Fuß schrammt schon fast am Boden. Die Karre ist nun mal nicht schneller. Sie schwärmen aus, die wollen uns in die Zange nehmen, Sammy. Von beiden Seiten und dann…

Sam: Machen sie dich platt.

Jonas: Dich aber auch, Sam.

Sam: Frage: Wollen wir uns das bieten lassen, Freund meiner digitalen Seele.

Jonas: Möglichst nicht, Sammy, jetzt sind sie auf gleicher Höhe, rechts und links, die ziehen nach innen.

Sam: Gas, oh du mein rasender Jonas.

Jonas: Im Gegenteil, Bremse.

Jonas: Die Trucks krachten seitlich aufeinander, in voller Fahrt, direkt vor meinem Jeep, ihre beiden Tanks explodieren in einem einzigen gewaltigen Feuerball. Ende der Jagd. Ich holte tief Luft, startete den Jeep, fuhr los, Richtung Babylon. Ich ging nicht zurück ins Büro, vielleicht warteten sie da schon auf mich. Trucker, geheimnisvolle Unbekannte, die was von Jonas wollten. Ich ging ins Casablanca zwecks Energiezufuhr. Dringend nötig nach den Aufregungen der letzten Stunden. Da saß ich also vor Jacobs Whisky und vor seinem in ganz Babylon gefürchteten Sojasteak, und dachte nach. Es war still. Nur der Holoset brabbelte vor sich hin.

Holo: In der vergangenen Nacht ist es wieder einer Gruppe von Drittweltlern gelungen, die Sperranlagen zu durchbrechen und in den Grenzbezirk Süd der VSE einzudringen. Dort wurden sie von starken Schutzverbänden gestellt und eliminiert. Babylon. Mord im Wunderland aufgeklärt…

Jonas: Jacob, stell den Holo lauter.

Holo: Glen Denver, Besitzerin von Wunderland, wurde heute vormittag kurz nach 11 Uhr im Wunderland ermordet. Wie Wunderlanddirektorin Palafox erklärte, ist die Täterin bereits gefaßt. Es handelt sich um eine ehemalige Autorin der Firma, die in den vergangenen Tagen bereits mehrmals versucht hatte, Vorstellungen im Wunderland durch Sabotageakte zu stören. Zur Zeit befindet sie sich im Gewahrsam der Wunderland Sicherheitskräfte. Wie Direktorin Palafox ferner bekannt gab, ist wegen des tragischen Todesfalls das Wunderland bis auf weiteres für das Publikum geschlossen. Vatikan Stadt. Der greise Papst Johannes Paul der zweite hat seine Absicht erklärt…

Jonas: Stell das Ding ab, Jacob.

Holo: Demnächst die Marsstation der UNO zu besuchen.

Jonas: Abstellen, Jacob.

Jacob: Weiß ich doch.

Jonas: Fedora, hast du gehört, Sammy, den Mord an Glen Denver wollen sie Fedora anhängen.

Sam: So hat es den Anschein, Sir.

Jonas: Das stimmt nicht, das stimmt hinten und vorne nicht. Heute vormittag um 11 war Fedora im Restaurant Paradies, zusammen mit Jonas.

Sam: Selbigen Jonas, welchen man später aufs Haupt geschlagen und in die lebensgefährliche Autocorrida verbracht hat, auf daß er dort versterbe.

Jonas: Du meinst, da besteht ein Zusammenhang?

Sam: Ja was denn sonst, du mein zum Himmel schreiender Bildungsnotstand.

Jonas: Damit ich Fedora kein Alibi geben kann.

Sam: Ach, wie könnte Jonas das. Ist er doch in der Wildnis verschollen, zu Tode gehetzt von tödlichen Truckern.

Jonas: Jedenfalls denken die das, wer immer die sind. Moment, Sammy, da gibt’s noch einen, der weiß, wo Fedora zur Mordzeit war.

Sam: Genosse Milius. Milius, der Ordentliche. Milius mit der umwerfenden Krawatte.

Jonas: Genau, los Sammy, zurück ins Wunderland. Wir greifen uns Milius, wir holen Fedora raus und wir stellen fest, was gespielt wird. Wer Glen Denver wirklich umgebracht hat.

Sam: Horrido, Herr Forstadjunkt. Auf auf zum fröhlichen jagen.

Jonas: Problem, Sammy, Problem, wie kommen wir rein. Wunderland ist geschlossen.

Sam: Ja, aber nicht zu. Es gibt doch ein gewisses defektes Plastiktor, mit Zugang zum Servicetunnelsystem.

Jonas: Das Tor war noch nicht repariert. Sie hatten einen Wächter davor gestellt. Einen von der Wunderlandsicherheitstruppe in seiner blaurotgestreiften Uniform. Er sah müde aus. Ich schickte ihn ins Bett. Mit dem Griff meiner Smith & Wesson, dann längerer Schleichmarsch durch den Untergrund, keine besonderen Vorkommnisse. Milius Büro war leer. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten war er da. Hinter seinem Schreibtisch auf dem Fußboden. Seine Krawatte war nicht mehr bunt, sie war nur noch rot.

Sam: Auauau. Rot wie Blut. Also vorhin gefiel sie mir besser.

Jonas: Erstochen mit seinem Brieföffner.

Sam: Siehste.

Jonas: Damit ist der zweite Alibizeuge für Fedora ausgeschaltet. Apropos Fedora, wo steckt sie?

Sam: In der Zelle neben diesem Büro. Hat Direktorin Polarfuchs, Korrektur Palafox gesagt. Such, Fido, such.

Jonas: Ein belüftetes Loch hinter dem Waschraum für Randalierer, Taschendiebe, was im Wunderland so anfiel. Diesmal saß Fedora drin. Ich machte auf. Milius hatte die Paßscheibe in der Tasche. Fedora wollte nicht rausgeholt werden. Schon gar nicht von Jonas. Das änderte sich, als ich ihr sagte, was los war.

Fedora: Ich soll Glen Denver ermordet haben?

Jonas: Behauptet Palafox.

Fedora: Die lügt. Ich kann sie gar nicht ermordet haben. Wissen Sie, wie sie umgekommen ist, Jonas?

Jonas: Ich weiß nur wo. SA 8 Gaslightheater, Jack the ripper show.

Fedora: Ja, da ging sie regelmäßig hin, jeden Sonntag zur 11 Uhr Matinee, um sich ermorden zu lassen.

Jonas: Ein ausgefallenes Sonntagsvergnügen.

Fedora: Das war ihre große Leidenschaft. Sie spielte dann die Prostituierte. London 1888. Jack lockt sie in einen dunkeln Hinterhof, schneidet ihr die Kehle durch, schlitzt sie auf, mit einer Messeratrappe.

Jonas: Jeden Sonntag.

Fedora: Nur heute nicht, da hatte Jack ein richtiges Messer mit scharfer Klinge. Jack ist ein Modell, lebensecht, elektronisch programmiert, er zog sein Programm ab wie immer.

Jonas: Und Glen Denver wurde ermordet, diesmal wirklich und endgültig.

Fedora: Ich frage mich, was sie in ihren letzten Sekunden gedacht hat, ob sie Angst hatte, oder ob es das war, was sie im Grunde immer gesucht hat.

Jonas: Ich frage mich, wer die Messer vertauscht hat, und wann.

Fedora: Wann? Das kann ich Ihnen genau sagen, Jonas, zwischen halb 11 und 11. Die Jack-the-Ripper-Show dauert anderthalb Stunden und läuft mehrmals am Tag. In der 9 Uhr Vorstellung, als Glen noch nicht dabei war, war alles in Ordnung.

Jonas: Zwischen halb und 11 waren wir zusammen, Fedora, im Paradies.

Sam: Jaja, machen wir’s kurz. Schlunz, funz, alles klar, Fedora ist unschuldig, obwohl sie keine Computer mag. Jetzt weg, raus hier, Wunderland ist gefährlich, nicht geheuer, wer zu viel weiß, wird abgemurkst, wiedersehen, alles Gute, tschüß, servus, arrivederci. Feierabend, aus die Maus.

Jonas: Also Rückzug durch den Tunnel Richtung Plastiktor, und dabei stellten wir fest, daß wir wirklich viel wußten, wir wußten alles, auch wer Glen Denver umgebracht hat.

Fedora: Palafox. Es kann nur Palafox gewesen sein.

Jonas: Wegen der Japaner.

Fedora: Natürlich, die hätten ihre eigenen Spitzenmanager mitgebracht. Das machen die immer so.

Jonas: Und Direktorin Palafox hätte ihren lukrativen Job verloren.

Fedora: Deshalb hat sie auch Milius ermordet.

Jonas: Und Jonas in die Corrida eingeschmuggelt.

Fedora: Niemand sollte mir ein Alibi geben können.

Jonas: Wissen Sie, Fedora, eigentlich haben Sie Palafox einen großen Gefallen getan mit Ihrer Sabotageserie, damit haben Sie sie auf die Idee gebracht, und Sie haben ihr eine maßgeschneiderte Mörderin geliefert, frei Haus, auf dem Tablett. Sie brauchte es nur so aussehen zu lassen, als gehöre der Mord an Glen Denver dazu als viertes und letztes Glied der Kette.

Fedora: Woher sollte ich denn ahnen…

Jonas: Pst! Sehen Sie, da vorne…

Fedora: Blaurote Uniformen.

Jonas: Sicherheitstypen, jede Menge und bewaffnet. Vor dem Ausgang. Hier kamen wir nicht durch. Wir gingen zurück und überlegten.

Fedora: Es gibt ja noch eine Denverschwester. Gwen. Die sollten Sie kontakten.

Jonas: Wird sie uns glauben? Ist sie überhaupt zu erreichen?

Sam: Sie ist, Magni- und Minifizenz.

Jonas: Woher willst du das wissen, Sam?

Sam: Haben wir etwa die kleinen Schweinchen gehütet, Madam?

Jonas: Sei nicht albern, Sam, das Wunderland Zentralsystem…

Sam: Hat keine Geheimnisse vor Sam, Sam dem Biegsamen, dem Geschmeidigen, dem Gewieften, dem Gewitzten und Verschmitzen, Sam Dampf in allen Schaltkreisen.

Fedora: Respekt, Herr von und zu Samuel.

Sam: Ein Blick ins System, und Sammy weiß, daß die Dame Glen Fiddich, Korrektur Glen Denver sich in ihrem Penthouse aufhält, zum Bleistift, auf dem Gipfel hoch über Wunderland, und daß ein paar Stockwerke tiefer im Steuerzentrum Direktorin Palafox die Fahndung leitet.

Palafox: Achtung, hier spricht Direktorin Palafox, an alle Sicherheitskräfte im Wunderland. Großfahndung. Unterstützt von einem auswärtigen Kriminellen ist Fedora, die Mörderin unserer verehrten Glen Denver aus dem Gewahrsam ausgebrochen.

Sam: Siehste?

Palafox: Dabei hat sie euren Chef, meinen Freund, Leo Milius ermordet. Fedora und ihr Begleiter sind bewaffnet und äußerst gefährlich. Alle Sicherheitskräfte werden ermächtigt, bei ihrem Anblick sofort und ohne Warnung scharf zu schießen.

Sam: Tschüß.

Jonas: Wir versteckten uns in einem Seitentunnel und überlegten weiter. Es sah nicht gut aus für uns.

Fedora: Raus kommen wir nicht, Jonas, und wenn sie anfangen, alles durchzukämmen, können wir uns nicht lange halten.

Sam: Agieren, nicht reagieren.

Jonas: Sagt Klausewitz. Sehr richtig, Sammy. Hör mal zu, du kennst dich doch im Wunderland Zentralcomputer bestens aus.

Sam: Wie ein Fisch im Wasser. Wie Jonas im Babypsilon.

Jonas: Wenn wir da nur wären.

Fedora: Jonas, ich hab eine Idee, warum verlagern wir die Auseinandersetzung mit Palafox und ihren Leuten nicht auf ein für uns günstigeres Terrain.

Jonas: SA 7 Metropolis. Schwarze Serie.

Fedora: Genau. Ich hab das Programm geschrieben, ich kenne jede Einzelheit, und Sie, Jonas.

Jonas: Jonas ist Nostalgiker, Fedora, Marlowe-Fan, Bogie-Fan.

Sam: Sammy-Fan.

Jonas: In einer nostalgischen Detektivsimulation werde ich mich wie zuhause fühlen. Besser. Bringen Sie uns hin, Fedora. Sammy wird das Programm einschalten.

Fedora: Augenblick, Jonas. Palafox ist in der Steuerzentrale. Wenn in SA 7 ein Programm startet, merkt sie das sofort.

Jonas: Das soll sie auch. Sammy wird ihren Befehlstand abblocken, sie neutralisieren, dann kann sie uns nicht abschalten und ihren Leuten keine Anweisungen geben. Wenn sie uns fassen will, muß sie runterkommen, ins Programm einsteigen, mitspielen.

Fedora: Das wird sie, Palafox ist eine Spielerin.

Jonas: Bestens. Und wenn Gwen Denver auch gern mal spielt.

Fedora: Tut sie. Wie ihre Schwester. Was haben Sie vor, Jonas?

Sam: Das wirste schon sehen.

Jonas: Die Stadt hatte viele Namen. Metropolis, Gotham City, Poisonville, oder einfach die Stadt. Über der Stadt lag Nacht. Es lag immer Nacht über der Stadt. Und es regnete. In der Stadt regnete es immer. Nervös weißes Neonlicht spiegelte sich in dunklen Pfützen und schwarzglänzendem Asphalt. Irgendwo wurde geschossen. In der Stadt wurde immer geschossen… Schritte… Leise vorsichtige Schritte. Zwei Gestalten traten aus einem dunklen Torweg auf die schwarz glänzende Straße. Sie blieben stehen. Zwischen einem Hydranten und einer verbeulten grauen Mülltonne.

Fedora: Das ist sie, Jonas, die schwarze Stadt der schwarzen Serie.

Jonas: Gefällt mir. Dunkel. Gefährlich.

Fedora: Die Aura des Bösen.

Jonas: Sie sagen es, Fedora. Vorsicht!

Holo1: Hände hoch!

Fedora: Jonas, keine Angst, die Figur in der Mülltonne ist nur ein Hologramm.

Jonas: Warum sagen Sie das nicht vorher?

Fedora: Das nächste Mal, versprochen.

Sam: Hoffentlich.

Jonas: Ich tauchte hinter dem Hydranten auf und steckte die Smith & Wesson weg, dann schlug ich den Kragen hoch, zog den Hut ins Gesicht, und führte eine kurze Unterhaltung mit meiner Manteltasche.

Sam: Alles geritzt, Boss.

Jonas: Palafox weiß Bescheid, Sam?

Sam: Na klar, Boss.

Jonas: Hast du ihre Befehlsleitung blockiert?

Sam: Aber immer, Boss.

Jonas: Und die Sache mit Glen Denver.

Sam: Ist angeleiert, Boss. Aktion Schwarze Serie läuft, Boss, bestens.

Jonas: OK, Sammy, aber du bist auf dem falschen Dampfer.

Sam: Wieso?

Jonas: Jonas ist nicht der Gangsterboß in der schwarzen Serie.

Sam: Aha.

Jonas: Jonas ist der Detektiv, Private Eye, lonesome Gun, pausenlos unterwegs im Dienst der Gerechtigkeit, unermüdlich tätig, um die Stadt zu säubern, um die Chefin der Unterwelt, die berüchtigte Polly Fox unschädlich zu machen.

Sam: Hoch klingt das Lied vom braven Mann, hoch auf dem gelben Wangen.

Fedora: Und ich bin die Freundin, die Frau an seiner Seite, Veronica Lake, Lauren Bacall, ein bißchen wild, aber loyal, durch und durch.

Sam: Na, ich weiß nicht.

Fedora: Häh?

Jonas: Wir hatten uns passend eingekleidet, in der Garderobe von SA 7. Fedora trug ein enges Abendkleid aus Silberlame, darunter nur schwarze Seidenstrümpfe, darüber einen platingrauen Chinchillamantel, erstklassiges Imitat. Jonas hatte sich einen hellen Trenchcoat zum Smoking gegriffen und einen Filzhut aufgesetzt, schwarz, mit breiter Krempe.

Fedora: Hey, steht Ihnen, Jonas, steht Ihnen ausgezeichnet.

Sam: Und auch Gnädigste sehen heute abend hinreißend aus, charmo charmant küß die Hand.

Fedora: Danke, Herr Sam, ich mag zwar keine Computer, aber bei Ihnen könnte ich glatt eine Ausnahme machen.

Sam: Och, sag Sam zu mir, ja, sag du.

Jonas: Setzen Sie Sammy bloß keine Rosinen in den Kopf, Fedora. Schwarze Limousine von links, Holo nehm ich an.

Fedora: Nein, Jonas, das sind Sicherheits…

Jonas: Deckung, zurück in den Torweg!

Sam: Aua!

Jonas: Ein schlechter Schütze, der Beifahrer mit der altmodischen MP. Wir standen auf, klopften uns ab, und zuckten zusammen. Ein Streifenwagen raste an uns vorbei, mit heulender Sirene.

Fedora: Das war nun wieder eine Holoprojektion.

Sam: Achtung, melde gehorsamst, soeben ist Direktorin Palafox in laufendes Programm schwarze Serie eingetreten. Sie hat Rolle von Gangsterchefin Polyphon, Korrektur Polly Fox übernommen.

Jonas: Wie geplant. Wunderbar. Übergang zur Phase zwei. Sie kennen den Weg, Fedora.

Fedora: Zum Nachtklub.

Jonas: Und zur Telefonzelle.

Fedora: Richtig. Kommen Sie.

Jonas: Wir liefen durch die nassen schwarzglänzenden Straßen, ab und zu Autos, manchmal fiel ein Mensch vom Dach und schlug vor uns aufs Pflaster, oder wir traten auf eine Leiche, Eispickel im Genick, Loch in der Schläfe. Wir bogen um eine Ecke und waren da, an der Telefonzelle.

Holo1: Hallo?

Fedora: Hey, die zwei Figuren, die Polly sucht, sind im Blackoutclub, sag ihr das.

Holo1: Wer spricht?

Fedora: Eine Freundin.

Jonas: Der Club lag direkt gegenüber. Zuckende Neonröhren buchstabierten Blackout. Ein zerschlissener Baldachin, darunter eine Tür, keine Klinke. Dafür ein Guckloch. Wir klopften.

Holo1: Privat. Nur für Mitglieder.

Fedora: Wir sind Mitglieder, Schätzchen.

Holo1: Ach ja? Zeigen Sie mal Ihren Ausweis.

Jonas: Er nahm die 10-Dollarnote und machte uns auf. Drinnen war es fast so dunkel wie draußen. Ein niedriger Saal, nur wenige Gäste, halbseidene Typen im Smoking. Nachtschwalben in Arbeitskleidung. Kellnerinnen mit Beinen bis zum Hals. Vorn ein kleines Podium, ein Klavierspieler spielte Klavier, eine Sängerin sang. Wir setzten uns, an einen Tisch, ganz hinten.

Holo2: Pink Lady für die Lady.

Fedora: Danke.

Holo2: Und für Sie, Sir, Scotch on the Rocks. Haben Sie sonst noch Wünsche? Heroin, Kokain, Perversionen?

Jonas: Danke. Nicht viel los bei Ihnen.

Holo2: Die Nacht ist noch jung, Sir.

Sam: Sammy auch.

Jonas: Holo?

Fedora: Alles hier drin ist Holo, Jonas, die Bedienung, die Gäste, die Künstler, alle, mit einer Ausnahme.

Jonas: Hoffentlich. Ich frage mich, wer von den…

Palafox: Ruhe! Alle an die Wand. Kein Laut, keine Bewegung!

Sam: Aua!

Jonas: Direktorin Palafox alias Polly Fox. In einem schwarzen Herrenanzug, mit Weste und Krawatte, und MP, sehr schick, sehr verrucht. Ihre Gangster hatte sie mitgebracht, die sahen allerdings verdächtig nach Wunderlandsicherheit aus, blaurote Uniformen, Laserstrahler, ein schwerer Stilbruch. Aber das störte Palafox nicht. Sie hatte erreicht, was sie wollte.

Palafox: Da ist sie ja, unsere liebe Fedora, mit ihrem Kavalier, diesem Privatdetektiv.

Jonas: Jonas ist der Name, nur Jonas.

Palafox: Nur zu. Sie werden bald keinen Namen mehr brauchen. Fesselt die beiden und dann raus mit euch, wartet vor der Tür, ich hab noch ne Kleinigkeit zu erledigen.

Jonas: Fünf Minuten später waren wir unter uns. Palafox, Fedora, Jonas. Die Holofiguren an den Wänden zählten nicht. Oder doch?

Palafox: So, jetzt müßte ich Ihnen Betonschuhe verpassen und Sie damit auf den Grund des Eastrivers schicken, aber ich glaube nicht, daß wir hier irgendwo Beton haben, und den Eastriver haben wir schon gar nicht. Wir werden uns mit dieser Waffe begnügen müssen, keine Attrappe, kein Hologramm, eine echte Antiquität. Thomygun sagte man damals dazu.

Jonas: Sie wollen uns umbringen.

Palafox: Ja. Offenbar sind Sie ein ganz besonders schlauer Privatdetektiv, ja, ich will sie umbringen.

Fedora: Hören Sie, Frau Palafox.

Palafox: Polly bitte, Polly Fox, Sie fallen aus der Rolle, Fedora.

Fedora: Also, Polly, warum wollen Sie uns töten, Polly?

Palafox: Das wissen Sie doch.

Fedora: Sagen Sie es uns trotzdem, Polly, bitte.

Palafox: Na, Sie haben recht, am Schluß wird reiner Tisch gemacht, so ist es in den alten Büchern und in den Filmen, OK, packen wir aus. Ich habe Glen Denver ermordet, weil sie an die Japaner verkaufen wollte, und die hätten mich rausgesetzt.

Fedora: Das ist ein Grund.

Palafox: Nicht wahr? Es sollte so aussehen, als gehörten Mord und Sabotage zusammen, aber dann hat Milius sich eingemischt, und Sie, Sie Privatdetektiv, Sie haben Fedora als Saboteurin entlarvt und ihr gleichzeitig für den Mord ein Alibi gegeben, zusammen mit Milius. Darum mußte ich auch Milius umbringen. Bei Ihnen hat’s nicht ganz geklappt, leider, aber das holen wir jetzt nach.

Jonas: Na bitte, wir hatten Palafox dazu gebracht, ein Geständnis abzulegen. Wie geplant. Während Sie redete, bewegte sich was hinter ihr, eine Holofigur löste sich von der Wand, kam näher, eine Frau, nicht mehr jung, aufgedonnert, Schlitz im superkurzen Kleid, Ausschnitt bis zum Bauchnabel, hinter Palafox blieb sie stehen, holte einen Laserstrahler aus ihrer Handtasche und bohrte ihn Palafox in den Rücken.

Gwen Denver: Lassen Sie die Maschinenpistole fallen, Palafox.

Palafox: Kusch, zurück an die Wand, übernimm dich nicht, du bist nur eine Holoprojektion.

Gwen Denver: Meinen Sie, Palafox? Erkennen Sie mich nicht? Vielleicht habe ich mir etwas zu viel Make-up aufgekleistert, sehen Sie mich nur richtig an.

Palafox: Mein Gott, Gwen, Gwen Denver, wie kommen Sie hierher?

Jonas: Wir haben sie kontaket, über meinen Computer.

Fedora: Und weil sie uns nicht ohne weiteres glauben wollte, haben wir sie aufgefordert, sich in die schwarze Serie einzuschleusen, als unauffällige Holofigur.

Gwen Denver: Und das hab ich getan, mit großem Vergnügen. Aber wenn ich an meine arme Schwester denke, die Sie auf dem Gewissen haben, Palafox, Waffe weg!

Palafox: Ah!

Jonas: Palafox ließ die MP fallen und hielt sich die rechte Hand. Sie war geschlagen und sie wußte es. Gwen Denver band uns los, dann informierte sie die Sicherheitstypen, gab ihnen neue Befehle, ließ sie abrücken, mit Palafox.

Gwen Denver: Alles erledigt. Wir können das Programm beenden.

Jonas: Sammy?

Sam: Was wünscht mein Herr und Meister?

Jonas: Schalt die Schwarze Serie ab.

Sam: So sei es, Sahib.

Gwen Denver: Schicken Sie mir Ihre Rechnung, Herr Jonas. Fedora, kommen Sie mit.

Fedora: Ja. Auf Wiedersehen, Jonas, und… Danke.

Jonas: Das ist also das Simulationsareal. Die Wirklichkeit. Eine kahle Scheune. Rohre. Ein paar Drähte. Traurig.

Sam: Ach, mach dir nichts draus, Kumpel, sieh mal, Babylon ist doch auch was, ne, auch duster, auch gefährlich, naja vielleicht nicht sehr romantisch, aber mondieu, was willst du mit Romantik? Kannst dir nichts dafür kaufen. Weißt du was, Alter, wenn dir die Wirklichkeit mal zu sehr auf den Wecker fällt, dann, ja dann gehst du ins Wunderland und buchst einmal schwarze Serie, nicht, ja.

Das war Wunderland. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski. Außerdem wirkten mit: Ilona Grübel, Ilse Neubauer, Karl Heinz Vietsch und viele andere (Helga Fellerer, Udo Wachtveitl, Julia Fischer). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Assistenz: Wolfgang Ruhdörfer. Regie: Werner Klein. (Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks) (1991). (Redaktion: Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Paranoia

Sam: Zwei Knaben gingen durch das Korn…

Jonas: Nicht schon wieder.

Sam: Der eine bluß das Klappenhorn.

Jonas: Nein!

Sam: Doch. Er konnt’s zwar nicht gut blasen, doch blus er’s einigermaßen.

Jonas: Freut euch des Lebens.

Sam: Ja, wahrlich freuet euch und abermals freuet euch, denn siehe, Großmutter wird mit der Sense rasiert. Ole. Hahaha.

Jonas: Sam hatte sich einen Virus eingefangen, den berüchtigten Klapphornvirus, weiß der Teufel, wo er sich rumgetrieben hatte. Sam ist mein Computer. Klein, aber laut, eine Nervensäge schon ohne Virus, und mit Virus gar nicht mehr auszuhalten.

Sam: Und ferner steht geschrieben im Buche des Klapphorns: Zwei Knaben suchten emsiglich am Baum nach einem Apfel. Sie fanden keinen Apfel nicht.

Jonas: Der Baum, das war ne Pappel. Hallo.

Koslowski: Was sagten Sie?

Jonas: Ich sagte Hallo.

Koslowski: Ach. Herr Jonas?

Jonas: Nicht ausgeschlossen.

Koslowski: Der Detektiv?

Jonas: Könnte sein. Und wer oder was sind Sie?

Koslowski: Vielleicht eine Klientin. Falls Sie mich heute noch aufsuchen. Hotel Tivoli, Babylon Ost, Löwengrube 28, Zimmer 42.

Jonas: Heute noch. Wissen Sie, wie spät es ist?

Koslowski: Selbstverständlich weiß ich, wie spät es ist. 22 Uhr 27. Sie sollten sich beeilen, Herr Jonas.

Jonas: Kein Name. Hotel Tivoli, Sammy. Fonnummer. Sam!

Sam: Bitte sehr, bitte gleich der Herr Fonnummer Hotel Tivoli. Piep. 772. A zwei Knaben reisten an den Nil.

Jonas: Ich schalt dich ab, Sam.

Sam: Den andern fraß ein Krokodil.

Jonas: Schluß, Sam. Ende. Punkt.

Sam: Punkt Punkt Komma Strich.

Jonas: Strich drunter. Aus. Kein Klapphorn, kein Knabe.

Sam: Zwei Knaben, Sir. So steht’s geschrieben.

Jonas: Sendeschluß, Sam. Fonnummer Tivoli. Dalli.

Sam: 772583999.

Jonas: In Zimmer 42 wohnte keine Dame. In Zimmer 42 wohnte ein einzelner Herr. Babitsch mit Namen. Baris Babitsch. Seltsam. Verdächtig. Ganz und gar nicht astrein. Trotzdem machte Jonas sich auf die Socken. Alles war besser als im Büro zu hocken und Sams Klapphornversen zu lauschen. Die Löwengrube war eine kleine schäbige Straße in einem kleinen schäbigen Viertel. Hotel Tivoli war nicht klein, dafür um so schäbiger. Ich sah’s mir an, von der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich war allein, dachte ich.

Mann mit Plakat: Das Ende der Welt ist nahe.

Jonas: Sie sagen mir nichts neues.

Mann mit Plakat: Bereuet und tut Buße.

Jonas: Bei Gelegenheit. Gehen Sie weiter, Freund.

Mann mit Plakat: Das Ende der Welt ist nahe.

Jonas: Haben Sie schon mal gesagt, außerdem steht’s auf dem Plakat, das Sie um den Hals hängen haben.

Mann mit Plakat: Dem Untergang geweiht ist unser Raumschiff Erde.

Jonas: Kein Wunder, der Kapitän ist besoffen.

Mann mit Plakat: Schon verlassen die Ratten das sinkende Schiff. Sehen Sie, dort drüben, das helle Fenster im 4. Stock. Hotel Tivoli. Zimmer 42.

Jonas: Da steigt einer aufs Fensterbrett. Der will springen. Halt! Tot. Nichts mehr zu machen. In der Ferne heulten Sirenen. Ich sah mich um. Der Plakatmensch war verschwunden. Gute Idee. Jonas verschwand auch. Es war spät. Und ich hatte keine Lust, mich stundenlang als Zeuge ausquetschen zu lassen. Am nächsten Morgen wollte ich mir Gedanken machen über die anonyme Anruferin, über das Ende der Welt, und über den Selbstmörder in Zimmer 42. Aber ich hatte keine Zeit, weil jemand zu mir kam. Eine Frau, an die 40. Dunkel, wohlgefällig anzuschauen. Sie hieß Lisa Koslowski, sagte sie. Ihre Stimme kam mir bekannt vor. Hatte sie mich gestern abend angerufen?

Koslowski: Das spielt keine Rolle, Herr Jonas.

Jonas: Ach, und was spielt eine Rolle, Frau Koslowski?

Koslowski: Mein Onkel, Herr Jonas.

Jonas: Sieh mal an, der liebe Onkel. Und die übrige Verwandtschaft alles wohlauf.

Koslowski: Ihr Ton…

Jonas: Gefällt Ihnen nicht, ich weiß. Nachdem wir das geklärt haben, sollten wir zur Sache kommen. Warum sind Sie hier, Frau Koslowski?

Koslowski: Weil ich einen Privatdetektiv brauche natürlich. Aber inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich an der richtigen Adresse bin.

Jonas: Sie war. Richtiger ging’s gar nicht. Ich bin Privatdetektiv. Der letzte und darum auch der einzige. In Babylon, der großen Stadt, mitten in den Vereinigten Staaten von Europa. Jonas ist mein Name, nur Jonas. Nicht Philip Marlowe, nicht Sam Spade, nicht Nestor Burma. Ein großer Held bin ich nicht. Ich bin ein Nachfolger. Nehmen Sie mich, wie ich bin, dann tu ich für Sie, was ich kann.

Koslowski: Ich kann es nicht glauben. Onkel Baris hätte so etwas nie gemacht.

Jonas: Was?

Koslowski: Selbstmord. Ich versteh das nicht.

Jonas: Ich verstand es auch nicht. Diese Unterhaltung hatte ich schon mal geführt. Wort für Wort vor 4 Jahren. Mit Judith Delgado. Aber an Judith wollte ich jetzt nicht denken. Judith war tot. Am 19. Juli 2012 hatte man sie erschossen. Vor genau 9 Monaten.

Koslowski: Onkel Baris ist aus dem Fenster gesprungen, sagt die Polizei, gestern abend.

Jonas: Kurz vor Mitternacht. Zimmer 42. Hotel Tivoli. Löwengrube 28.

Koslowski: Korrekt, Herr Jonas.

Jonas: Sie haben mich gestern angerufen, Frau Koslowski.

Koslowski: Das ist nicht ihr Problem, Herr Jonas, Ihr Problem ist, was steckt hinter dem angeblichen Selbstmord, wie ist Onkel Baris wirklich umgekommen, das sollten Sie herausfinden, Herr Jonas, das ist ihr Auftrag.

Jonas: 120 Euros pro Tag und Spesen.

Koslowski: Einverstanden.

Jonas: Name?

Koslowski: Babitsch. Baris Babitsch. 60 Jahre, alleinstehend.

Jonas: Volksrentner?

Koslowski: Wo denken Sie hin, Herr Jonas, Onkel Baris ist, war eine Persönlichkeit von Gewicht, der Leitende Direktor von Sanssouci.

Jonas: Sanssouci. Sorgenfrei. Von wegen Entsorgung. So heißt die Müllkippe von Babylon, draußen vor den Toren, mehr als eine Müllkippe, eine Mülllandschaft. Müllberge. Müllebenen. Müllschluchten von Horizont zu Horizont, viele Quadratkilometer, vollautomatisch gewartet von riesigen Müllmaschinen, Schaufeln und Bagger auf Ketten.

Koslowski: Und da hat er auch gewohnt, Onkel Baris. In Sanssouci. Im Verwaltungstrakt. Gleich neben seinem Büro.

Jonas: Nicht im Hotel Tivoli?

Koslowski: Im Hotel hat er sich erst gestern eingemietet, ganz plötzlich, ohne Gepäck.

Jonas: Aus welchem Grund?

Koslowski: Das weiß ich nicht.

Jonas: Vielleicht sollte ich da ansetzen.

Koslowski: Im Tivoli können Sie sich später umsehen, Herr Jonas, zuerst fahren Sie raus nach Sanssouci, gleich, so schnell wie möglich. Mieten Sie sich ein E-Mobil.

Jonas: Das kostet was, Frau Koslowski.

Koslowski: Auf Spesen natürlich. Brauchen Sie einen Vorschuß?

Jonas: Den braucht Jonas immer. Außerdem brauchte er Rat. Dringend. Im Fall Babitsch stimmte hinten und vorne nichts. Gab es überhaupt einen Baris Babitsch? Als Lisa Koslowski gegangen war, ließ ich Sam nachsehen.

Sam: Boris Klapphorn. Piep. Geboren 13.3.1953. Verstorben, Klammer auf, Suizid Klapphorn zu, 22.4.2013, Klapphornnummer 17357

Jonas: Falls du Bürgernummer meinst, Sammy, die brauchen wir nicht. Funktion.

Sam: Leitender Direktor der staatlich babylonischen Klapphorndeponie Sanssouci.

Jonas: Wenn du noch einmal Klapphorn sagst, Sam, nur noch ein einziges Mal, dann fliegst du aus dem Fenster.

Sam: Aus dem 16. Stock, du Sadist? Da könnte ein Klapphorn leicht Schaden nehmen.

Jonas: Ich geb’s auf. Hat er eine Nichte namens Koslowski?

Sam: Der Baris Klapphorn?

Jonas: Babitsch heißt er, Babitsch, hat er oder hat er nicht?

Sam: Hat er nicht, euer Unbeherrschlichkeit, weder Koslowski noch überhaupt eine Nichte. Zwei Nichten gingen durch das Korn, die eine hinten die andere vorn, ahahaha.

Jonas: Sam aus dem Fenster zu werfen, brachte ich nicht übers Herz, ich stellte ihn ab, dann steckte ich ihn ein und ging. Eine Stunde später saß ich im E-Mobil unterwegs nach Sanssouci, durch die Wildnis, immer gerade aus, auf den hohen Verteilerturm zu, der mitten in der Deponie steht, und auch die höchsten Müllberge weit überragt. Kurz vor 3 war ich da, nach Dienstschluß. Das Verwaltungsgebäude war so gut wie leer. Aber als ich die Tür zum Büro des Direktors aufmachte…

Frank: Nur herein, Jonas, wir warten schon auf Sie.

Jonas: Oberst Frank!

Frank: In Lebensgröße. Machen Sie den Mund zu, Jonas, die Tür auch, und nehmen Sie bitte die Hände hoch. Durchsuchen, Rosencrantz.

Rosencrantz: Zu Befehl, Herr Oberst.

Jonas: Oberst Frank, Chef des babylonischen Geheimdienstes GD. Früher Terrorpolizei. Ein unangenehmer Zeitgenosse. Zweimal hatte Jonas bisher mit ihm zutun gehabt, Fall Todestour und Fall Inselklau.

Frank: Auf ein neues, Jonas, in alter Freundschaft.

Jonas: Passe. Jonas steigt aus.

Frank: Das können wir nicht zulassen, was meine Herrn. Halten Sie ihn fest.

Rosencrantz: Zu Befehl, Herr Oberst.

Jonas: Was wollen Sie von mir?

Frank: Wir haben einen Hinweis bekommen, einen anonymen Hinweis, daß Sie hier aufkreuzen würden. Aber das war uns sowieso klar, immerhin stecken Sie drin bis über die Halskrause.

Jonas: Wo stecke ich drin?

Frank: Aber Jonas, im Fall der sogenannten Selbstmorde natürlich.

Jonas: Wieso sogenannte, und wieso Selbstmorde? Ich kenne nur einen.

Frank: Babitsch meinen Sie? Da sollten Sie sich wohl auskennen, Jonas, schließlich haben Sie den Mann um die Ecke gebracht.

Jonas: Was, ich?

Frank: Sie waren da, Jonas, Hotel Tivoli, gestern nacht.

Jonas: Sie sind gut informiert, Frank.

Frank: Das ist unser Job, Jonas. Jetzt müssen wir nur noch feststellen, für wen Sie arbeiten, obwohl wir das eigentlich auch schon wissen.

Jonas: Würden Sie es mir verraten?

Frank: Spielen Sie nur den Idioten, Jonas, Sie machen das nicht schlecht.

Jonas: Naturtalent, Frank.

Frank: Aber das hilft Ihnen nicht raus. Ich weiß, daß Sie für die Drittwelt arbeiten, für afrikanische und asiatische Terrorgruppen. Sie erinnern sich doch noch an die Kusbekische Befreiungsfront. Ich weiß, daß die hinter allem steckt, was bei uns passiert, auch hinter den Selbstmorden, und das heißt, hinten Ihnen Jonas.

Jonas: Sie spinnen, Frank, Sie sind nicht dicht, paranoid, Berufskrankheit nehm ich an.

Frank: Wir werden uns in Babylon weiter unterhalten, in der Zentrale, da haben wir Experten, die jeden zum Reden bringen, auch Sie, Jonas. Kommen Sie. Rosencrantz, Güldenstern, Sie behalten den Mann im Auge.

Rosencrantz: Zu Befehl, Herr Oberst.

Jonas: Jonas kam mit, ruhig, in sein Schicksal ergeben. So sah es aus, aber vor dem Haus riß ich mich los, rannte um die Ecke, nach hinten, wo mein E-Mobil stand, Start, los, nicht zur Straße nach Babylon, weil Frank das erwartete, in die andere Richtung, zur Deponie, in den Müll, das heißt bis zum Rand, da ließ ich den Wagen stehen, weiter ging’s nur zu Fuß, über Müllberg und Mülltal, eine aufreibende Kletterei, ganz abgesehen vom Geruch, aber es gab schlimmeres, Franks Experten zum Beispiel. Also weiter, immer tiefer in den Müll, wo ich sicher war, dachte ich. Ich dachte falsch. Wie so oft. Ein Geräusch hinter mir, ich drehte mich um und fühlte mich auf einmal sehr klein.

Jonas: Eine Müllmaschine! Sie haben mir eins von diesen Superbaggern nachgeschickt. In 5 Minuten hat er mich, und dann macht er Matsch aus Jonas. Sam, Sammy, ich brauch dich.

Sam: Jaja, abgestellt, angestellt, hüh und hott, ne, erst beschimpfen und dann bitte bitte, ja, das kennen wir. So ist das Leben, eure dialektische Weltweisheit, ein ewiges auf und ab. Wie spricht das Klapphorn.

Jonas: Ich laß dich hier, Sammy, ich schmeiß dich auf den Müll.

Sam: Nicht doch, Freund. Es spricht vergeben und vergessen, das ist Computers Zier. Was steht zu Diensten?

Jonas: Tu was, Sammy, steig ins Kontrollsystem der Deponie, halt ihn an den Leviatan. Kennst du das Codewort.

Sam: Das Sesam öffne dich des Sanssouci-Systems, o du mein Ali Baba, aber gewiß doch, es lautet Klapphorn.

Jonas: So, das reicht, du hast es so gewollt.

Jonas: Plötzlich sackte der Bagger weg, in ein Loch, eine durch Müll verdeckte Fallgrube, und da kam er nicht mehr raus, draußen im Müll Bewegung, Menschen tauchten auf, graue Gestalten, vom Rand der Grube hakten sie auf die gefangene Maschine ein, mit Stangen und Steinen, wie Neandertaler auf der Mammutjagd. Das mußten Trolle sein. Ich hatte davon gehört. Trolle lebten mitten im Müll, von dem was sich bot, auch von Menschen, wenn sie welche kriegten, sagt man. Jonas blieb in Deckung, vorsichtshalber, bis sie den Bagger kurz und klein geschlagen hatte und mit den Stücken abgezogen waren. Dann zog auch Jonas ab. Es wurde dunkel.

Sam: Hallo, Augenblick mal, Chef, Sie haben was vergessen.

Jonas: Nicht das ich wüßte.

Sam: Sam heißt er. Ein Computer ist er.

Jonas: Das Klapphorn meinst du, das bleibt hier, auf dem Müll, ich hab keine Verwendung dafür. Du kannst mir viel erzählen. In dieser Nacht wurde geschlichen. Erst durch den Müll, dann durch die Wildnis. Am frühen Morgen war Jonas wieder in Babylon, mit Sam natürlich, unbeschadet, müde, guter Dinge, vor allem wenn ich an Oberst Frank dachte, der stocherte sicher noch im Müll rum, aber als ich die Tür zum Büroapartment aufstieß, verging mir die gute Laune schlagartig. Ich hatte Besuch gehabt.

Sam: Barbaren, Goten, Skyten, Hunnen, Vandalen.

Jonas: Alles durchgewühlt, alles auf den Kopf gestellt, den Bürowhisky haben sie ausgetrunken, meine letzte Flasche Old Forrester.

Sam: Sie ruhe in Frieden. Mein tief empfundnes Beinkleid den durstgeplagten Hinterbliebenen aus ganzem Herzen.

Jonas: Hast keines, Sammy, trotzdem danke.

Sam: Bitte.

Jonas: Deinem Speicher ist zum Glück nichts passiert.

Sam: Was?

Jonas: Ja, sie haben’s versucht, aber sie konnten ihn nicht knacken, Sam 1 ist eine Festung.

Sam: Nichts passiert? Und diese tiefe Wunde, du gefühlslose Tomate?

Jonas: Ach, das ist nur ein Kratzer, Sam, da schmieren wir bei Gelegenheit ein bißchen Lack drauf. So, fahr mal das Bett aus, Jonas ist müde, aufgeräumt wird später.

Sam: Geschlafen auch. Tatatata. Der Sammy stößt ins Klappenhorn…

Jonas: Geht das schon wieder los.

Sam: Mein Jonas hat hier nicht verloren, er eile flott von dannen, sonst schnappen ihn die Mannen, er eile fix von innen, sonst kriegen ihn die Finnen.

Jonas: Finnen, was für Finnen?

Sam: Naja Rinnen, Zinnen, Spinnen, nur des Reimes wegen.

Jonas: Und wen meinst du in schlichter Prosa, Sam?

Frank: Uns meint er, Jonas. Wissen Sie, wir hatten keine Lust, stundenlang im Müll zu buddeln, statt dessen haben wir es uns bei ihnen bequem gemacht, wir haben ihr Büro ein bißchen umdekoriert, und wir haben gewartet, für alle Fälle, und Sie haben es tatsächlich geschafft, Jonas, trotz Müllmenschen und Müllmaschinen, Respekt Jonas, guter Mann. Ihr Whisky ist übrigens auch nicht schlecht. Rosencrantz?

Rosencrantz: Herr Oberst?

Frank: Verpassen Sie ihm was mit ihrem Neurofreezer, damit er uns nicht noch mal auskneift.

Rosencrantz: Befehl, Herr Oberst.

Jonas: Sie hatten nicht nur Neurofreezer, sie hatten auch weiße Mäntel und eine Bahre, auf die legten sie Jonas. Kein Problem, ich war hilflos, steif wie ein Brett. Sie schleppten mich raus, auf die Straße, da parkte eine Ambulanz, aber sie kamen nicht mehr dazu, mich einzuladen, plötzlich war eine große schwarze E-Limousine da, Aufschrift Bestattungsinstitut Moroni, ein Leichenwagen, ein paar Typen in schwarz sprangen raus, fingen sofort an zu schießen, mit Laserstrahlern. Frank und Co hatten keine Chance. Die schwarzen ließen sie liegen. Jonas klaubten sie auf und stopften ihn in den Leichenwagen. Während sie mich in einen Sarg bugsierten, sah ich durch die offene Klappe einen Mann am Straßenrand, einen Mann mit einem Plakat, auf dem stand: Das Ende der Welt ist nahe. Ich war ganz seiner Meinung. Der Wagen hielt, der Sarg wurde rausgehoben, ein Stück getragen, abgesetzt, geöffnet, und geleert, der Neurofrezereffekt ließ allmählich nach, ich konnte den Kopf drehen. Ich sah mich um. Ein hoher Raum. Feierlich. Schwarz ausgeschlagen. Kirchengestühl, eine automatische Orgel, die vor sich hindudelte, es roch irgendwie fromm nach Weihwasser und Weihrauch. Eine Tür ging auf. Eine Frau trat ein. Lisa Koslowski. So hatte sie sich gestern genannt.

Koslowski: Bleiben wir dabei, Herr Jonas, das ist einfacher. Was ist ein Name.

Jonas: Wo bin ich?

Koslowski: Die konventionelle Frage, wie nett, Sie befinden sich im Bestattungsinstitut Moroni, in der babylonischen Zentrale des GGD, des geheimen Geheimdienstes.

Jonas: Was hab ich mit dem GGD zu tun.

Koslowski: Der GGD hat sich Ihrer bedient, Jonas, Sie benutzt als Lockvogel. Gewissermaßen.

Jonas: Heißen Dank.

Koslowski: Wir haben zu danken, Jonas, durch Sie sind wir ein ganzes Stück weitergekommen. Sehen Sie, seit Monaten macht uns ein Problem zu schaffen: eine Reihe hoher babylonischer Funktionsträger begeht Selbstmord, so scheint es jedenfalls. Zuerst Samson vom Amt für Luftüberwachung und Luftreinhaltung, dann Marschall Medina, der Kommandeur unserer Grenzschutztruppe. Dr. Klaas, Direktor des Rechnungshof, und jetzt Babitsch von der Deponie, eine richtige Epidemie. Es ist uns natürlich klar, daß es sich in Wirklichkeit um Morde handelt und daß der GD dahinter steckt, Frank und seine Leute.

Jonas: Der babylonische Geheimdienst bringt babylonische Würdenträger rum. Völlig klar wie Kloßbrühe.

Koslowski: Der GD ist natürlich unterwandert.

Jonas: Von der Drittwelt.

Koslowski: Unsinn, vom CIA. Von den Amerikanern.

Jonas: Von unseren Verbündeten?

Koslowski: Was heißt das schon? Die USA wollen Europa kleinhalten, verunsichern, destabilisieren.

Jonas: Und welche Rolle spielt Jonas in diesem Szenario?

Koslowski: Wir haben alle möglichen Selbstmordkandidaten beobachtet. Als wir den Eindruck hatten, Babitsch sei der nächste, haben wir Sie ins Spiel gebracht, Jonas, als unbekannte Größe, um den GD aufzuspüren, aus dem Rhythmus bringen, mit durchschlagendem Erfolg, das können Sie nicht bestreiten.

Jonas: Mir schwirrte der Kopf. Das lag nicht am Neurofreezer. Babitsch war nicht ermordet worden, er war aus dem Fenster gesprungen, allein, aus eigenem Antrieb, das hatte ich gesehen, und ich kannte noch einen Selbstmörder aus der Liste. Dr. Klaas, Stammgast im Casablanca. Ich hatte beobachtet, wie er immer verschlossener, immer verstörter wurde, bis er sich erschoß. Zuviel Schlamperei und Korruption in Babylon, zu viel Streß für den obersten Rechnungsprüfer, das stand im Abschiedsbrief, den er dem Casablanca hinterließ, und beim Rest war es sicher ähnlich, alle hatten Jobs mit maximaler Verantwortung und minimalen Erfolgserlebnissen. Die Selbstmorde waren echt, das sagte ich Lisa Koslowski. Aber auf dem Ohr war sie taub.

Koslowski: Sie haben keine Ahnung, Jonas, Sie sind naiv.

Jonas: Lieber naiv als paranoid.

Koslowski: Oder Sie sind ein Provokateur. Sie stecken mit dem GD unter einer Decke. Sie sind ein CIA-Agent.

Jonas: Klar, deshalb hat Frank mich durch den Müll gescheucht und mich mit dem Neurofreezer kaltgestellt.

Koslowski: Alles Theater, Jonas, Ablenkungsmanöver, fast wäre ich drauf reingefallen. Sie sind durchschaut, Jonas, packen Sie aus.

Jonas: Herzlich gerne, wenn ich nur wüßte was.

Koslowski: Auch der GGD hat Neurofreezer, Jonas. Wenn Sie störrisch bleiben, stecken wir Sie wieder in den Sarg, wir richten ihnen eine ergreifende Trauerfeier aus, und dann ab ins Krematorium, das oder Sie reden. Ich gebe Ihnen Bedenkzeit, eine halbe Stunde. Schafft ihn nach nebenan.

Jonas: Nebenan war ein langer schmaler Raum ohne Fenster, eine Birne baumelte von der Decke und warf trübes Licht auf 6 Särge, alle belegt.

Sam: Ein Ambiente wie weiland im Unternehmen Immer und Ewig, erinnert sich mein Herr und Meister.

Jonas: Fall Requiem. Ich weiß, Sammy. Wann war das? 2009. Interessant.

Sam: Fall Requiem meinen Herr Oberarchivar?

Jonas: Ich meine nicht Requiem, ich meine den Toten hier im Sarg, gleich neben der Tür, sieht ein bißchen aus wie Jonas.

Sam: Laß kucken, Kumpel, hmh, männlich, groß, kräftig, gereift, bildschön, naja von letzterem abgesehen das präzise Ebenbild eines nicht unbekannten babylonischen Privatdetektivs.

Jonas: Das eröffnet uns gewisse Perspektiven, Sammy?

Sam: Rollentausch und Kleiderwechsel bzw. Kleidertausch und Rollenwechsel?

Jonas: Genau das, Sammy. Schwerer Fall. Der Doppelgänger.

Sam: Armer Yorrik. Und wie der Mensch angezogen ist. Igitt, ein Frack anno 1950 oder noch früher. Pfui Spinne und Spargel, so was willst du deinem edlen Körper zumuten?

Jonas: Ich wollte nicht, ich mußte, das war die einzige Möglichkeit, heil aus diesem Irrenhaus rauszukommen. Ich zog dem Toten meine Sachen an und setzte ihn ganz hinten in die Ecke. Jonas stieg in den Frack und dann in den Sarg, zog den Deckel zu bis auf einen Spalt und wartete.

Mann: Bedenkzeit ist um, raus mit ihnen, Jonas, los doch, lassen Sie die Chefin nicht warten, seien Sie vernünftig, machen Sie keine Zicken. OK, dann muß ich Sie eben holen. Sturer Bock.

Jonas: Er stapfte nach hinten. Jonas machte den Sargdeckel auf, ganz leise und stieg aus, noch leiser, schlich zur Tür, unhörbar, machte sie von außen zu, drehte den Schlüssel um, schlich weiter durch einen Gang, und dann war ich draußen, so einfach ging das. Aber es blieb nicht so einfach. In meinem Frack war ich so unauffällig wie Schimanski in der Damensauna. Jonas mußte in Deckung und Jonas wußte auch wo. An der nächsten Ecke war ein öffentliches Klo. Ich sauste die Treppe runter, durch die Tür mit der Aufschrift Herren, Sicherheit. Für etwa 5 Sekunden. Bis die Tür der hintersten Zelle aufging und ein alter Bekannter rauskam. Das Ende der Welt. Mit Plakat und mit schußbereitem Laserstrahler.

Mann mit Plakat: Sehr aufmerksam von ihnen, Jonas, Sie kommen freiwillig. Wir brauchen kein Greifkommando auszuschicken. Heben Sie freundlicherweise die Hände. Ja, so danke. Von der Bestattung zum Bedürfnis, ein sozialer Abstieg, könnte man meinen, in Wahrheit ist es genau das Gegenteil. Treten Sie näher, Jonas, durch diese Tür, wenn ich bitten darf, hinter ihr befindet sich keine Toilettenzelle, wie Sie und die Welt vermuten, und vermuten sollen, hinter ihr verbirgt sich die Zentrale des GGGD, des ganz geheimen Geheimdienstes. Kommen Sie, Jonas, nach Ihnen.

Jonas: Was es nicht alles gab in unserer großen Stadt Babylon, untendrunter bessergesagt. Ein weiter Saal, weißgekachelt, klinisch sauber, desinfiziert, rechts und links Schreibtische, darauf Konsolen, davor fleißige Amtsschimmel, mitten im Saal stand ein Kasten aus glänzendem Chrom, 2 Meter im Geviert. Knöpfe, Skalen, Hebel, ein Kabel lief zu einem summenden Aggregat an der hinteren Wand, obenauf ein Fußball ohne Luft, kahl, schrumpelig, Brillengläser aus Panzerglas, ein Hörrohr und ein horizontaler Schlitz, der sich bewegte. Der Schrumpfkopf konnte sprechen.

O: Näher, noch näher. Damit ich Sie besser sehen kann. Damit ich Sie besser hören kann.

Jonas: Damit er mich besser fressen kann.

Mann: Unser Chef, O, nur O.

Jonas: Wie Oweh?

Mann: Sehr witzig.

Jonas: Der Kasten, in dem er steckt, ist das eine Herzlungenmaschine?

O: Ein totaler Körperfunktionsautomat, er hält mich am Leben, er ist mein Leben, ich pflege zu sagen, die Kabelschnur ist meine Nabelschnur.

Mann/O: Hahaha.

O: Ich muß am Leben bleiben, nicht meinetwegen, für den Dienst, den GGGD.

Mann: Für Babylon, Chef, für Europa, für die Welt.

O: So ist es. Ich bin der einzige, der die Welt retten kann. Die beiden anderen sogenannten Dienste, der GD und der GGD sind durch und durch verseucht, unterwühlt, untergraben, unterwandert.

Jonas: Aha, lassen Sie mich raten. Von der Drittwelt. Vom CIA.

O: Ganz falsch. Wer so etwas behauptet, ist schwachsinnig, oder böswillig. Es gibt nur einen Feind, die Verkörperung allen Übels, die Ausgeburt Satans.

Jonas: Und wie heißt er, ihr böser Feind?

O: Wie können Sie fragen, es ist der rote, wer sonst.

Mann: Der Russe, der Iwan, der Bolschewik.

Jonas: Ach was, ich dachte, der kalte Krieg ist vorbei, seit fast einem Viertel Jahrhundert.

O: Das will man uns einreden, aber es ist nicht wahr. Das sogenannte Ende des sogenannten Ostblocks ist ein gigantisches Täuschungsmanöver.

Mann: Ein hinterhältiger Trick, um uns ins Sicherheit zu wiegen.

O: Sie sind zu allem fähig, diese Teufel.

Mann: Hinter den Selbstmorden stecken sie ja auch.

O: Den sogenannten Selbstmorden.

Mann: Selbstverständlich, Chef, verzeihen Sie.

Jonas: So was hab ich mir gedacht. Dann wäre ja wohl alles geklärt.

O: Bis auf eines, wer sind Sie?

Jonas: Ich? Jonas, nur Jonas. Privatdetektiv, der letzte.

O: Ihre Legende interessiert mich nicht. Wer sind Sie wirklich?

Jonas: Und wenn ich Ihnen sage, daß ich wirklich Jonas bin, nur Jonas.

O: Zwecklos, absolut zwecklos.

Mann: So dumm sind wir nicht, was Chef?

Jonas: Dann muß ich Ihnen wohl reinen Wein einschenken. Jawohl, ich bin Russe, Jonas Jonasowitz Jonasenko, Oberst im KGB.

Mann: Ein ganz dicker Fisch.

Jonas: Ich bin aber noch mehr. Ein Wechselbalg gezeugt von Gorbatschow mit einer Baba Jaga, ein schwarzer Magier, im Dienst der roten Revolution.

O: Ja, weiter!

Jonas: Es lebe die Diktatur des Proletariats, es lebe der 1. Parteitag der KPdSU, Bolschewiki, es lebe der 2. Parteitag, es lebe der 3., der 4., es lebe mein Taschenmesser.

O: Ihr Taschenmesser?

Jonas: Das habe ich an Ihrer Kabelnabelschnur. Ein kurzer Schnitt.

O: Nein, bitte nicht, ich tu alles, was Sie wollen.

Jonas: Das hörte Jonas gern. Als erster wollte er einen Laserstrahler, dann wollte er raus. Das war schwierig. Vorne ging’s nicht, auf der Straße lauerten die Leichenbitter vom GGD.

Sam: Preisfrage, was tut Meister Lampe, wenn Meister Reinike vor seinem Bau umherstreicht.

Jonas: Weiß nicht, Sammy, Klapphornblasen?

Sam: Er geht hinten raus, Karnickel, verschwiegene Establishments pflegen geheime Ausgänge aufzuweisen.

Jonas: Gute Idee, Sam. Wo ist hier die Hintertür? Na?

O: Nicht schneiden, bitte nicht! In der Rückwand neben dem Aggregat.

Jonas: Ich seh nichts.

O: Das können Sie auch nicht. Wir haben den Ausgang mit einer Holoprojektion der Wand zugedeckt.

Jonas: Abschalten. Wird’s bald.

O: Schalten Sie das Holo ab, Agent 07, schnell.

Sam: Aber hurtig.

Jonas: Rechts vom Aggregat verschwand ein Stück Kachelwand, dafür erschien eine kleine Tür. Agent O7 alias Ende der Welt schloß sie auf. Jonas ging rückwärts, Laserstrahler in der rechten Hand, die linke am Kabel. Ein kurzer Blick durch die Tür. Ein paar Stufen, unten ein breiter Abwasserkanal, der dritte Mann ließ grüßen, vor der untersten Stufe lag ein Schnellboot.

O: Das Boot ist aufgeladen und startbereit, falls die Russen uns überrollen.

Jonas: Seit Jahren haben die nichts anderes im Sinn. Die Schlüssel.

O: Geben Sie ihm die Bootsschlüssel, O7.

Jonas: Danke. Den Schlüssel zur Hintertür auch. So, und jetzt bleiben alle ganz brav da, wo sie sind. Keiner rührt sich, sonst stehen morgen in Holotext zwei interessante Anzeigen: Durch Laserstrahl beschädigter Funktionsautomat billig abzugeben wegen Todesfall. Und

Sam: Beim ganz geheimen Geheimdienst ist die Stelle des Chefs neu zu besetzen. Paranoia Bedingung. Sinilität angenehm.

Jonas: Ins Schnellboot und weg, mit aufgeblendetem Scheinwerfer und schäumender Bugwelle durch die zähe dunkle Brühe. Sam war Navigator. Sam kannte sich aus in der Unterwelt von Babylon. Sam kennt sich überall aus. Kein Wunder, wenn man sich in praktisch jedes System einklinken kann. Wir fuhren ab von Hauptkanal durch ein Labyrinth kleiner Seitenkanäle, einer davon weitete sich aus, zu einem Teich, da machten wir halt. Zeit für a) Bestandsaufnahme b) Zukunftsplanung.

Sam: Ein idyllisches Plätzchen, Herr Oberförster.

Jonas: Für einen Koprophilen Kongreß.

Sam: Haha, kuck mal, der kann Fremdwörter, der Kakopluile.

Jonas: Nur kein Neid, Sam, du denkst wohl, du bist der einzige, der große Töne spucken darf.

Sam: Ruhe im Saal, bitte Ruhe. Die Sitzung ist eröffnet. Thema wie so oft. Was nun. Punkt 1 der Tagesordnung: Wohin oder präziser, welcher Aufenthaltsort verspricht Zuflucht und Sicherheit.

Jonas: Wenn ich das wüßte.

Sam: Siehste.

Jonas: Drei Geheimdienste sind hinter Jonas her. Der GGGD hält mich für einen russischen Spion, der GGD denkt, ich bin vom CIA, und der GD…

Sam: Ist erledigt, fini, Strich drunter.

Jonas: Glaub ich nicht, Sammy, sicher, Oberst Frank ist tot.

Sam: Desgleichen Rosencrantz und Güldenstern.

Jonas: Na und? Im GD gibt’s noch viel mehr Leute, die haben Jonas auf der Abschußliste als Drittweltagenten.

Sam: Kurz und knapp. Bis auf weiteres können Exzellenz sich in Babypsilon nicht sehen lassen.

Jonas: Büro ist out, Casablanca is out.

Sam: Straßen, Häuser alles out, megaout, outer geht’s nicht.

Jonas: Und hier unten können wir auch nicht ewig bleiben.

Sam: Warum denn nicht, mein subterraner Robinson, ist doch ganz gemütlich.

Jonas: Ach, und der Gestank.

Sam: Hach, stört Sammy überhaupt nicht.

Jonas: Weil du keine Nase hast, aber vom Duft mal ganz abgesehen, hier unten fehlt einfach alles, was der Mensch so braucht, kein Sauerstoff.

Sam: Ja gibt’s oben auch nicht.

Jonas: Nichts zu essen, kein Whisky.

Sam: Keine Geheimdienste mit Verfolgungswahn.

Jonas: Die werden noch früh genug kommen, apropos, die Typen vom GD, GGD, GGGD sind wirklich paranoid.

Sam: Jaja total beknackt, absolut bescheuert, echt bekloppt.

Jonas: Die glauben, was sie sagen, mit Vernunft und gutem Zureden ist da nichts zu machen.

Sam: Andererseits, werter Kollege und Vorredner, erscheint es als ebenso unmöglich, sich den Verfolgern auf Dauer durch die Flucht zu entziehen.

Jonas: Jonas will auch nicht mehr weglaufen, Jonas hat die Nase voll.

Sam: Gut, Debatte beendet, wir schreiten zur Beschlußfassung.

Jonas: Wir drehen den Spieß um, Sammy, wir kämpfen, wir greifen an.

Sam: Attacke, jawohl, einstimmig angenommen. Es tönt das Klapphorn laut und froh.

Jonas: Klapphorn äh Klappe zu, Sam. Fang nicht wieder damit an.

Sam: Und wie ist es mit halili und hollido?

Jonas: Alle wollen Jonas in die Pfanne hauen, also

Sam: Hauen wir sie in die Pfanne. Alle. Ne?

Jonas: Und ich weiß auch schon, wie wir das hinkriegen, Sammy, du wirst mächtig ackern müssen.

Sam: Ja, von der Stirn heiß rinnen muß der Schweiß, was wünschen guter Massa, was sollen tun Onkel Tom. Tom? Tom?

Jonas: Sam erschuf einen Jonas, einen Pseudojonas, ein Phantom, das überall präsent war, in Infobänken, Listen, Dateien, in allen relevanten elektronischen Systemen, nur nicht in der Realität. Dieser falsche Jonas entstieg der Kanalisation, brach auf der Straße zusammen, wurde mit akuter Cholera ins Zentralkrankenhaus eingeliefert, in die Isolierstation, da kam keiner an ihn ran, und er kam nicht raus. Damit waren die Verfolger vorläufig abgelenkt, auf die falsche Spur gesetzt, ruhig gestellt. Soweit Punkt 1. Dann ließ ich Sammy die Zentralen der drei Geheimdienste kontakten. Bestattungsinstitut Moroni, Bedürfnisanstalt in der 71. Straße, und der GD.

Sam: Steht im Fonbuch, du Tütensuppe.

Jonas: Dann mal los, Sammy, du kennst deinen Text.

Sam: Ich kennen Massa. Piep. Hallo? Geheimdienst Europa? Gut, du zuhören, Kollege, ich dir sagen große Geheimnis. Heute zu mittag, wenn Uhr sein Zwölf, dann sich treffen alle geheime Agenten Dritte Welt in Babylon, alle Terroriste, Befreiungsfront Kusbekistan. Wo treffen? No, in Dreck Kollege, in Müll, in Deponie, was heißt Sanssouci, du verstanden Kollege?

Jonas: Gut so Sammy, jetzt der GGD.

Sam: OK, Boss.

Sam: Hi, folks, listen, if you want erwischen all the top agents from the CIA in Europe, the mulls, doubleagents, tripleagents and so on, you must come today to you know what i mean how do you call it, Sanssouci, the groß rubbish dump, big meeting, mitten in the müll, top secret, high noon,12 Uhr mittags, you know, so long folks, good hunting.

Jonas: Sehr schön, Sammy, absolut echt. Und nun noch der GGGD.

Sam: Dara dawisch. Hallo? Kommen mit Mann und Maus heute mittag zwölf Uhr Deponie Sanssouci. Mitten in Müll große geheime Versammlung. KGB nebst revolutionäre Zellen. Neue Anweisungen aus Moskau, Kreml. Karaschnovetsnedemil.

Sam: Werden sie uns den Quatsch wirklich glauben, du hinterfotziges Fliegenmaul?

Jonas: Sie werden, Sammy, verlaß dich drauf, das paßt genau in ihr Weltbild. Wie spät?

Sam: Piep. 5 Uhr 39 in der Früh. Morgenstund.

Jonas: Ist ungesund. 12 Uhr mittags geht sie los, die große Show, die wir nicht verpassen dürfen. Wann müssen wir los?

Sam: Per Müllförderband nach Sanssouci, euer Gemächlichkeit? Na, sagen wir um 10.

Jonas: Pause, Sammy, Jonas schläft ein paar Stunden.

Sam: Ist gut. Von linden Lüften lau umlabert, schlaf mein Prinzchen schlaf ein.

Jonas: Kein kurzer Weg, aber auch kein schwieriger, unter Sam Leitung, vom Ab-wassersystem zur zentralen Müllerfassung… vollautomatisch natürlich. Und von der Müllerfassung läuft ein unterirdisches Förderband nach Sanssouci, mit allem nicht verwertbaren Müll der großen Stadt Babylon, Jonas fuhr mit, als blinder Passagier, oder als Abfall ehrenhalber. Eine ereignislose Reise. Gleichmäßiges Rattern, Dunkelheit, Gestank, und ein leicht flaues Gefühl im Magen, nicht wegen Gestank und Müll, wegen der Dinge, die da kommen sollten. Nach einer guten Stunde stoppte das Band, weiter ging’s vertikal. Im Müllpaternoster. Viele viele Meter in die Höhe.

Sam: Zwei Knaben stiegen auf den Turm.

Jonas: Das paßt, Sammy.

Sam: Der eine hat nen Band im Wurm.

Jonas: Wie die Faust aufs Auge.

Sam: Ja, und der andere frisch und munter ließ sich dran herunter, hehe.

Jonas: Da oben wird’s hell.

Sam: Achtung, fertig machen zum Absprung. Ansonsten würde jemand in die Verteilerdüse eingespeist werden, wie all dieser Müll, der uns Gesellschaft leistet, und dann wird er über die Deponie verstreut, der Jemand, in handlichen formschönen Teilchen.

Jonas: Muß nicht sein, Sammy.

Sam: Countdown läuft. 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1.

Jonas: Bei Null sprang Jonas ab, ein paar Schritte, und ich stand auf der Plattform an der Spitze des Verteilerturms, mitten in der Deponie Sanssouci und ganz hoch drüber. Die Aussicht war einmalig, ein bißchen monoton vielleicht. Im Osten Müll, im Westen Müll, im Norden Müll, und im Süden, Sie haben es erraten, Müll. Müll, soweit das Auge reichte, und im Müll krabbelte es wie in einem Ameisenhaufen.

Sam: Siehe, sie höreten das Wort des Herrn und sie folgeten ihm nach.

Jonas: Sie sind da, Sammy, sie sind alle da. GD, GGD, GGGD und der Kasten da drüben, das ist O, O vom GGGD, seine Leute haben ihn auf Rollen gesetzt, und ziehen ihn hinter sich her, mit samt Aggregat.

Sam: Ach, hätten wir doch nur ein Bömbchen, Herr Luftmarschall, oder einen Kessel voll des heißen Öles.

Jonas: Nicht nötig, Sam, das erledigen die da unten selber, mit ihren Laserstrahlern, Sturmgewehren, Neurofreezern, mit ihren Flammenwerfern und Super-MGs. Was sagt die Uhr, Sam.

Sam: 5 Minuten vor 12, hohes Gericht. Dies Ire. Dies Illa, Solve seklum, com fanila oder so ähnlich.

Jonas: Vielleicht eine Nummer zu groß, das dies irae, aber irgendwie angemessen. Die versammelten Geheimdienstler jagten ihren jeweiligen Feindbildern nach und massakrierten sich gegenseitig.

Sam: Amagedon. Herr Großinquisitor. Apokalypse. Verwüstung.

Jonas: Das wird mir zu laut, Sammy. Phase 2.

Sam: Zu Befehl, Phase 2. Zack zack.

Jonas: Schalt dich ins System der Deponie ein.

Sam: Auftrag ausgeführt. Zack zack.

Jonas: Laß die Müllmaschinen los.

Sam: Müllmaschinen los, marsch. Konzentrischer Angriff. Zack Zack.

Jonas: Riesenbagger und Superschaufeln rückten vor, unaufhaltsam, unwiderstehlich, sie überrollten das Schlachtfeld, deckten ab, gruben um, planierten, schütteten das ganz Gewusel zu, und falls sich doch einer herausarbeiten konnte, am Rand lauerten die Trolle, mit Messer und Kochgeschirr. Nachmittag. Jonas kam zurück ins Büro und schmiß als erstes den Trauerfrack von sich.

Sam: In den Müll, hoher Herr.

Jonas: In den Müll, Sammy. So, und jetzt wollen wir uns mal ans Aufräumen machen. Nein, es ist niemand zu Hause.

Sam: Na, geh ran, du Knallhorn.

Jonas: Warum sollte ich.

Sam: Weil es ein Kunde sein könnte, mit einem ganz normalen Auftrag.

Jonas: Glaubst du an den Weihnachtsmann, Sammy?

Sam: Oder eine unverhoffte Erbschaft, oder der Hauptgewinn in der babylonischen Klassenlotterie oder.

Jonas: Damit du endlich Ruhe gibst. Hallo.

Stimme am Fon: Guten Tag. Bin ich verbunden mit Herrn Jonas, nur Jonas, seines Zeichens Privatdetektiv.

Jonas: Sie sind.

Stimme am Fon: Sehr gut. Gestatten Sie mir, Herr Jonas, Ihnen im Namen meiner Organisation Dank und Anerkennung auszusprechen. Sie, Herr Jonas, haben sich um Babylon, um Europa verdient gemacht, in einer brillanten Aktion haben Sie GD, GGD, und GGGD eliminiert, gründlich und nachhaltig, es war höchste Zeit, Herr Jonas, sonst hätten sie die Erde unterworfen, Herr Jonas, besetzt, Herr Jonas, kolonisiert.

Jonas: Wer? Die Geheimdienste?

Stimme am Fon: Und ihre geheimen Lenker und Leiter, die Drahtzieher im Dunkel, Herr Jonas, die Marsmenschen mit ihren Ufos und ihren Todesstrahlen.

Jonas: Ach ja, und wer sind Sie?

Stimme am Fon: Hier spricht der GGGGD, Herr Jonas, der ganz und gar geheime Geheimdienst. Leben Sie wohl, Herr Jonas.

Jonas: Paranoia, Sammy, totale Paranoia.

Sam: Zwei Knaben schlichen durch die Nacht, der eine still, der andre sacht. Ja, und man konnt sie weder sehen noch hören, wenn sie’s nun gar nicht gewesen wären.

Jonas und Sam: Freut euch des Leben, Großmutter wird mit der Sense rasiert, alles vergebens, sie war nicht eingeschmiert.

Sam: Ja wieso denn nicht?

Das war Paranoia. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski. Außerdem wirkten mit: Johanna Liebeneiner, Hans Jürgen Silbermann, Bernd Stephan, Jochen Striebeck und viele andere (Alois Maria Giani, Detlef Kügow). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Assistenz: Wolfgang Ruhdörfer. Regie: Werner Klein. (Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks) (1991). (Redaktion: Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Pharao

Jonas: Das Ministerium für Kultur war noch das selbe schäbige Gebäude. Nicht weit vom Van-Dusen-Platz. Aber hinter dem schäbigen Schreibtisch im schäbigen Büro saß nicht mehr Dr. Gödel Escherbach, Gott hab ihn selig. Jetzt saß da eine Frau wie eine Stahlfeder: grau, hart, dünn, gespannt.

Schrödinger: Cornelia Schrödinger, M.A., Dezernentin für Museen und kulturellen Austausch. Setzen Sie sich, Herr Jonas.

Jonas: MA?

Schrödinger: Magister Artium. Ein akademischer Titel. Medienwissenschaft Universität Babylon. Und wo haben Sie studiert, Herr Jonas?

Jonas: Uni Feuerland. Nahkampf und Guerillatechnik.

Schrödinger: Der antarktische Krieg. Ich verstehe. Zur Sache, Herr Jonas. Im November 2010, vor rund zweieinhalb Jahren haben Sie für uns einen Auftrag ausgeführt. Sie haben damals ordentliche Arbeit geleistet, Herr Jonas, und vor allem waren Sie recht preiswert. Die Kultur…

Jonas: Die Kultur hat nie Geld, das ist bekannt. Wenn ich Sie wieder mal besuche, Frau Cornelia Schrödinger MA, Dezernentin für Museen und so weiter, dann bringe ich mein Poesiealbum mit, und Sie können mir ihre gute Meinung schriftlich geben. War das alles?

Schrödinger: Nehmen Sie wieder Platz, Herr Jonas, das Dezernat hat einen neuen Auftrag für Sie.

Jonas: So? Aber das sag ich Ihnen gleich, ins wilde Kusbekistan fahr ich nicht noch mal. Eine Todestour ist genug für Jonas.

Schrödinger: Keine Sorge, Herr Jonas. Sie bleiben in Babylon.

Jonas: Und?

Schrödinger: Und was?

Jonas: Ich bleibe in Babylon und tue was?

Schrödinger: Eine Kleinigkeit, Herr Jonas. Sie bringen uns Ramses zurück.

Jonas: Ramses? Welchen Ramses?

Schrödinger: Den zweiten, Herr Jonas. Ramses den zweiten. Sie wissen doch, wer das ist.

Sam: Häh, weiß er nicht, wetten, nie was von gehört, keinen blassen Schimmer, hmhm, also dann, alle mal herhören. Kurze Nachhilfe aus Mayers Brockhaus, für historische Nieten und geistig unterbelichtete. Jawohl, genau Sie sind gemeint, Herr von und zu Jonas. Ramses zwo, Ägyptischer Pharao, geb. um 1300 v.Ch. als Sohn des Pharaos Hegit des ersten, kam an die Regierung 1279 v.Ch., starb 1213 v.Ch., bedeutendster Pharao der 19. Dynastie, immense Bautätigkeit, aggressive Außenpolitik, intensives Familienleben, 100 Frauen, weit über 200 Kinder, huiuit nicht schlecht Herr Specht.

Schrödinger: Was ist das?

Jonas: Mein Taschencomputer, Samuel heißt er kurz Sam oder auch kurz Sammy.

Sam: Ich bin der Geist der stets was weiß.

Jonas: Verbal, wie Sie hören, überverbal möglicherweise, manche meinen, er leidet an verbalem Durchfall.

Sam: Bitte bitte, Diaröh, wenn schon, ja.

Jonas: Und diese Dame, Sammy ist Frau Schrödinger.

Sam: Ma. Alles klar. MA, MB, MC, MC Quadrat, e gleich MC Quadrat. Quod erat demonstrandum.

Schrödinger: Nett, so klein und so laut. Kann man es abstellen.

Sam: Wehe, wehe, sage ich euch, und abermals wehe, so ihr euch solches unterfanget wird über euch kommen heulen und zähneschnattern, äh äh zähneflattern, zähneknattern, zähneplattern.

Jonas: Man kann. So. Wir waren bei Ramses. Hab ich Sie richtig verstanden, Frau Schrödinger MA, ich soll Ihnen einen ägyptischen Pharao zurückbringen, der seit gut 3000 Jahren tot und begraben ist.

Schrödinger: Nicht begraben, Herr Jonas, darum geht es ja gerade. Um die Mumie von Ramses den zweiten.

Jonas: Ja und, sagte Jonas. Und die Dame mit dem akademischen Titel erklärte es ihm. Kurz, in einfachen Worten. Readers Digest für Bildungsbanausen. Im Museum für internationale Kulturgeschichte, gleich neben dem Ministerium, war eine Ausstellung gelaufen. Macht und Magie des Pharaonenreiches. Einmalige Stücke, sagte Frau Schrödinger MA, Leihgaben aus Kairo, Glanznummer war die Originalmumie des alten Ramses II. Des größten aller Pharaonen. Zu 100.000en waren sie geströmt die Babylonier, bis vorgestern.

Schrödinger: Da wurde die Ausstellung geschlossen. Am 6. Juni 2013. Und am nächsten Morgen war die Mumie verschwunden. Zusammen mit ein paar weniger bedeutenden Ausstellungsstücken, Möbel, Schmuck und dergleichen, und zusammen mit dem leitenden Ägyptologen des Museums, Dr. Juniper.

Jonas: Na so ein Zufall. Was sagst du dazu, Sammy?

Sam: A-h-a. Aha.

Jonas: Das denk ich auch. Warum haben Sie sich nicht an die Polizei gewand, Frau Schrödinger MA?

Schrödinger: Unmöglich Herr Jonas die Affäre darf nicht an die Öffentlichkeit dringen, können Sie sich vorstellen, wie die Ägypter reagieren, wenn sie davon erfahren? Es käme zu außenpolitischen Komplikationen, zu innerpolitischen Konsequenzen.

Jonas: Stühle wackeln, Köpfe rollen, z.B. der von Cornelia Schrödinger MA Dezernentin.

Schrödinger: Wir müssen die Sache intern regeln. Aber im Ministerium gibt es natürlich keinen, wie soll ich mich ausdrücken, keinen kriminologischen Experten. Wir brauchen Hilfe von außen. Einen Privatdetektiv.

Sam: O Babylon, du große Stadt, wo’s keine Detektive hat, bloß einen, den meinen.

Jonas: Den einzigen, den letzten. Jonas heißt er. Nur Jonas. Haben Sie Probleme, rufen Sie Jonas, den letzten Detektiv. Jonas macht alles, im Rahmen. Jonas kennt sich aus im großen Dschungel Babylon. Jonas schlägt sich durch, Jonas gibt sich Mühe.

Schrödinger: Wir haben uns an Sie erinnert, Herr Jonas. Leidlich effizient, diskret, billig. 90 Euros pro Tag nicht wahr?

Jonas: 120 plus Spesen. Alles wird teurer, auch ein Privatdetektiv.

Schrödinger: Nun, Herr Jonas, auch das wird sich unter Umständen erschwingen lassen.

Jonas: Wie schön. Es scheint, daß ihr Ägyptologe, dieser Dr. Dr. Dr. wie heißt er?

Sam: Juniper, Juliper, Augustper.

Jonas: Ruhe. Es scheint, daß dieser Juniper Ihren Ramses geklaut hat. Oder wie sehen Sie das, Frau Schrödinger MA?

Sam: Ja, wie sehen Sie das?

Schrödinger: Zwiespältig, Herr Jonas. Einerseits bin ich gezwungen, Ihnen zuzustimmen. Die Sicherungen wurden außer Kraft gesetzt, die Sperren umgangen, die speziell gesicherten Mumienboxen aus Plastiplex problemlos geöffnet, keine Schrammen, keine Einbruchspuren, und Dr. Juniper besaß alle Schlüssel, kannte alle Sicherheitscodes.

Jonas: Verschwunden ist er auch. Klarer Fall sollte man meinen. Einerseits. Und andererseits, Frau Schrödinger MA?

Schrödinger: Andererseits, Herr Jonas, kann ich mir beim besten Willen Dr. Juniper nicht als Erpresser vorstellen. Er ist Ägyptologe, lebt nur für die Wissenschaft.

Jonas: Erpresser, wer sagt was von Erpressung?

Schrödinger: Das hier, Herr Jonas.

Jonas: Ein Fax. Kein Absender.

Schrödinger: Also nicht zurückzuverfolgen. Lesen Sie.

Jonas: Betrifft Austausch Pharao gegen 100.000 Euros in bar, wann, 8. Juni 2013, 23 Uhr. Heute abend. Wo? Babylon Planquadrat OX 13 BQ.

Schrödinger: Das ist an der Grenze zum Reservat, wo das Giganthotel steht. Was haben Sie, Herr Jonas?

Jonas: Judith. Vor einem Jahr war sie umgebracht worden, im Planquadrat OX 13 BQ, und ein paar Tage später hatte Jonas sie gerächt, im Planquadrat OX 13 BQ. Das hatte ich, aber das sagte ich nicht.

Jonas: Entführung einer Mumie zwecks Lösegelderpressung. Sie wollen darauf eingehen, Frau Schrödinger MA?

Schrödinger: Ich muß wohl.

Jonas: Und ich soll den Austausch durchführen.

Schrödinger: Deshalb hab ich Sie kommen lassen, Herr Jonas.

Jonas: Versteh ich nicht. Bei einer so einfachen Kiste. Warum nicht einer ihrer Museumswächter, warum ein wie war das, kriminologischer Experte.

Schrödinger: Es gibt da ein Problem, Herr Jonas, das Geld, die Kultur hat keins, jedenfalls keine 100.000.

Jonas: Wieviel können Sie locker machen?

Schrödinger: 10.000 maximal.

Jonas: Tja, und der Rest.

Schrödinger: Ihre Sache, Herr Jonas, lassen Sie sich was einfallen.

Sam: Papier.

Schrödinger: Papier, was heißt Papier?

Sam: Na was wohl, hochgeschätzter akademisch titulierter Amtsschimmel, Klopapier, Löschpapier, Briefpapier, Buntpapier, mit Nichten und Neffen.

Jonas: Sondern, Sammy?

Sam: Altpapier du Pappkopf. Das Ministerium für Kultur ist eine altmodische Institution, das gibt’s sowas in Mengen. Nicht wahr, gnädige Frau.

Jonas: So machen wir es, Frau Schrödinger MA, setzen Sie einen Hilfsknecht an, lassen Sie Altpapier zuschneiden, Euroformat, dann besorgen Sie einen Koffer. Das Papier nach unten, und oben drauf gut sichtbar die echten 10.000.

Schrödinger: Das schöne Geld. Halten Sie das wirklich für nötig, Herr Jonas?

Jonas: Ein bißchen müssen Sie schon opfern, Frau Schrödinger MA, für Ihren Ramses und für Ihren Stuhl. Ein Fahrzeug brauch ich auch.

Schrödinger: Es wird bereitstehen, mit Koffer und Inhalt, im Hof des Ministeriums, heute abend 9 Uhr 30. Seien Sie pünktlich, Herr Jonas.

Jonas: Ich hätte es mir denken können, das Dienstfahrzeug des Ministeriums war ein altersschwaches E-Motorrad mit Beiwagen, der Koffer war aus Pappe, aber die echten Euros waren drin, und die falschen fielen nicht auf, wenigstens etwas. Nachts, kurz vor 11, Planquadrat OX 13 BQ. Rechts am Horizont der Gipfel des Giganthotels im warmen Schein der Holoprojektionen, links das Reservat, ein unendliches schwarzes Loch, scharfkantige Ruinen, rotierende Nebelspiralen, dunkle Geräusche in der Ferne. Freaks, Nachtmenschen. Ich hatte den Motor abgestellt und wartete unter einer flackernden Straßenlaterne. Sammy sang leise Lili Marlene. Punkt 11 kamen sie. Aus dem Reservat. In einem Panzerwagen. Ein bleicher Riese mit Laserstrahler und eine bucklige Frau. Der Riese sah aus wie ein Klonkiller, er blieb neben dem Wagen stehen, stumm, aufmerksam. Die Frau zog ein längliches Bündel aus der Ladeklappe.

Jonas: Ramses?

Igora: Was denken Sie denn, wer da drin ist, die Bürgermeisterin von Babylon? Typisch Kulturministerium, einen echten Vollidioten haben sie uns geschickt, hoffentlich haben Sie das Geld nicht vergessen, Pinke Pinke, verstehen Sie, Euros, 100.000 Euros.

Jonas: Hier.

Igora: Aufmachen.

Jonas: Wollen Sie nachzählen?

Igora: Wozu? Um uns reinzulegen sind Sie viel zu dämlich. Nehmen Sie sich die Mumie, und grüßen Sie Ihre Chefin schön von meinem Chef, Dr. Frankenstein, und von mir, Igora heiße ich, nicht vergessen.

Jonas: Sie fuhren, zurück ins Reservat, ich fuhr zurück ins Ministerium, mit Ramses im Beiwagen. Ich hatte ein ungutes Gefühl. Sicher, die Sache war glattgegangen, zu glatt, das machte mir Sorgen. Ich wuchtete die Mumie in Frau Schrödingers Büro, sie war schwer, viel schwerer als ich mir so einen vertrockneten Pharao vorgestellt hatte. Frau Dezernentin wickelte höchstpersönlich die Verpackung ab, und da gab es eine Überraschung. Unter den Bandagen steckte kein toter alter Ägypter, sondern ein toter neuer Ägyptologe.

Schrödinger: Dr. Juniper. Das ist Dr. Juniper.

Jonas: Mit durchgeschnittenem Hals. Deshalb war das Paket so schwer.

Schrödinger: Mehr haben Sie dazu nicht zu sagen, Herr Jonas? Sie lassen sich 10.000 Euros aus meinem Etat abnehmen, bringen mir dafür die Leiche von Dr. Juniper, und jetzt stehen Sie da und zuckeln die Achseln. Haben Sie die Güte sich zu äußern.

Jonas: Sieht so aus, als ob sie uns reingelegt haben, Frau Schrödinger MA.

Schrödinger: Uns, Herr Jonas? Sie sind reingelegt worden, Herr Jonas, Sie ganz allein, Herr Jonas, Sie haben versagt, Herr Jonas.

Jonas: Immer mit der Ruhe, Frau Schrödinger MA, das war nur die erste Runde, die nächste gewinnen wir. Wir wissen jetzt mehr. Dr. Juniper kann nicht der Drahtzieher gewesen sein, diese Igora mit ihrem Klon…

Schrödinger: Interessiert mich nicht, Herr Jonas, Sie sind gefeuert, Sie Sie Sie kriminologischer Experte für 120 Euros plus Spesen. Wegen krasser Unfähigkeit.

Sam: Nananana.

Jonas: Apropos 120 Euros, die hab ich noch zu kriegen.

Schrödinger: So? Bringen Sie mir Ramses, dann können wir darüber reden, unter Umständen. Die Tür ist gleich hinter Ihnen, Herr Jonas.

Jonas: Na bitte. Mein ungutes Gefühl. Frau Schrödinger MA hatte Recht, Jonas war aufs Kreuz gelegt worden, die Gegenseite auch, aber das tröstete mich nicht. Ich war sauer. Wenn Jonas sauer wird, dann wird er stur. Ich würde am Ball bleiben, das nahm ich mir fest vor, als ich über den nächtlichen van-Dusen-Platz ging. Nicht wegen den paar Euros, jedenfalls nicht nur. Es galt die professionelle Ehre des Privatdetektivs wiederherzustellen.

Sam: Wunderschön gesagt Meister aus dem Munde des Poesiealbum. Vor dem großen Tore steht ein Weihnachtsmann, singt von seiner Lore so schön und laut er kann.

Jonas: Du gehst mir auf die Nerven, Sam, spiel was anders.

Sam: The Time the goes nun by, das ist was auch mein Ei.

Jonas: Gefällt mir auch nicht, Schluß mit dem Gedudel, an die Arbeit, Sam, wo steigen wir ein.

Sam: Ja, a ja, Dr. Juniper, euer Fragwürden, Dr. Juniper selig, blutige Leiche im Postpaket, oder vom Ägyptologen zur Mumie in nur zwei Tagen, Gebrauchsanweisung liegt bei.

Jonas: Schön wär’s. Was wissen wir über Juniper.

Sam: Melde gehorsamst, wenig, Herr Stabsarzt.

Jonas: Hab ich dir nicht gesagt du sollst dich im System des Museums mal umsehen.

Sam: No gewiß doch Sir, hat Sammy auch getan. Brav beflissen und beharrlich.

Jonas: Und?

Sam: Besagter Juniper war ein solcher, welcher niemals nicht auffiel und insofern sich datenmäßig wenig niederschlug. Ein Nobody, wie wir Fremdsprachler zu sagen pflegen.

Jonas: Ein bißchen was wirst du doch gefunden haben.

Sam: Ein babylonisch Sprichwort kündet: Ein kleiner Hund scheißt kleine Haufen.

Jonas: Und was das mit Dr. Juniper zu tun.

Sam: Ganz und gar nichts, Chef, nur so, fiel Sam gerade ein.

Jonas: Dr. Juniper, Sam, schieß los.

Sam: Zu Befehl, losschießen. Juniper, Adalbert, Dr. phil., Ägyptologe am Museum für Internationale

Jonas: Bekannt, Sammy, längst bekannt.

Sam: Es wird gebeten, den Fluß der Gedanken tunlichst nicht zu unterbrechen.

Jonas: Gedanken, hab ich Gedanken gehört?

Sam: Es geht weiter, Damen und Herren, Piep, geb. 22. 2.1963, wohnhaft Museum für internationale Kulturgeschichte.

Jonas: Irrtum, Sammy, da hat er gearbeitet.

Sam: Und gewohnt, euer Vorschnelligkeit, in einem Verschlag neben seinem Arbeitszimmer. Ja, Feldbett, Waschzelle, Kleiderständer. Hobbies: keine. Freund-, Lieb- und Partnerschaften: keine. Privatleben: keines. In Worten: keines. Ende der Durchsaga.

Jonas: Das ist wirklich nicht viel, Sammy.

Sam: Hab ich’s nicht gesagt, Monsignore. Total tote Hose.

Jonas: Wo soll man da anfangen?

Nofretete: Zum Beispiel damit. Jeden Freitag verließ Dr. Juniper das Museum kurz vor 10, und kurz vor 11 kam er zurück.

Jonas: Plötzlich war sie aufgetaucht, aus dem Schatten, geräuschlos, eine junge Frau, apart, irgendwie exotisch, orientalisch, ägyptisch genauer gesagt. Ich beschloß sie Nofretete zu nennen. Irgendwo hatte ich sie schon gesehen, im Planquadrat OX 13 BQ. Vor dem Ministerium? Vielleicht.

Nofretete: Seit etwa einem Jahr tut er das, Freitag vormittag, 10 bis 11.

Jonas: Jeden Freitag.

Nofretete: So gut wie.

Jonas: Woher wissen Sie das?

Nofretete: Wir wissen viel, Jonas.

Jonas: Wissen Sie auch, wohin Juniper gegangen ist? Jeden Freitag 10-11.

Nofretete: Warum nicht hierher?

Jonas: Sie zeigte auf ein Türschild an einem der alten Häuser, die rund um den Platz stehen, ein Messingschild, mit altmodischen eckigen Buchstaben: Sammy knipste seine Lampe an, und Jonas las:

Jonas: Dr. phil. Dr. med. Gloria Zapp, Psychotherapie, Psychologie, Psychogymnastik, alle orthodoxen Schulen, Freud, Jung, Reich, Strunk, bei attestierter Gemeingefährlichkeit staatliche Kostenübernahme möglich.

Sam: Sowas, ist es nicht zu und zu komisch, Frau Nachbarin.

Jonas: Was Sammy?

Sam: Was Sammy, daß die berühmtesten Psychologen nur eine einzige klitzekleine Silbe ihr eigen nennen, namensmäßig betrachtet.

Jonas: Und?

Sam: Könnte dies furiose Kaktum Korrektur könnte dies kuriose Faktum nicht gewisse Rückschlüsse auf die von ihnen gewählte Wissenschaft nahelegen.

Jonas: Halt uns nicht auf. Sie meinen, Juniper ist jeden Freitag zu dieser Psycho… Nofretete? Wo steckt sie denn?

Sam: Verschwunden. So still und klammheimlich wie sie kam. Mysteriös.

Jonas: Du sagt es, Sammy. Glauben wir ihr.

Sam: Da eine erfolgversprechende Möglichkeit uns vorerst mangelt, Exzellenz, folgen wir kühn dem Winke des Schicksals. Duridu didi…

Jonas: Sammy, Wink mit dem Zaunpfahl meinst du. Ja. Also gut, gleich morgen früh.

Jonas: Frau Dr. Dr. Zapp hatte ein handfestes Wesen und einen kräftigen Händedruck, außerdem hatte sie viel zu tun. Aber nicht nur deshalb wollte sie Jonas nichts sagen.

Zapp: Professionelle Diskretion, Herr Jonas. Ärztliche Schweigepflicht. Für Sie Fremdworte, nehm ich an.

Jonas: Kommen Sie mal wieder runter, Frau Doppeldoktor. Ich will ja gar nicht wissen, was Juniper für Meisen oder Macken hatte, ob er Zwangsneurotiker war, oder Bettnässer, ob er nicht mehr Selbstwertgefühl hatte als äh als…

Sam: Als eine durchgesessene Klobrille.

Jonas: Dank dir, Sammy.

Sam: Bitte.

Jonas: Ich brauch nichts als einen ganz kleinen Hinweis, damit ich den erwischen kann, der ihn umgebracht hat.

Zapp: Umgebracht? Dr. Juniper?

Jonas: Dr. Juniper ist tot, Frau Doppeldoktor Zapp.

Sam: Zapp Zapp.

Jonas: Ermordet.

Zapp: Einen Augenblick, Herr Jonas, ich muß meinem Vorzimmerrobot was sagen. Achtung, Freitag 10-11, Termin kann neu vergeben werden. Was Sie mir da erzählen, Herr Jonas, ändert die Situation.

Jonas: Na also.

Zapp: Ein wenig. Lediglich graduell, wenn Sie verstehen was ich meine.

Jonas: Ist Ihnen in letzter Zeit an Dr. Juniper irgendwas aufgefallen, was besonderes.

Zapp: Auf Einzelheiten kann ich natürlich nicht eingehen, er hat zwei, dreimal seinen Termin abgesagt.

Jonas: Warum?

Zapp: Weil er wichtige Besprechungen hatte, mit einer wichtigen Person, hat er behauptet.

Jonas: Sonst noch was?

Zapp: Dr. Juniper war in ausgesprochen guter Stimmung, sehr ungewöhnlich, richtig euphorisch war er.

Jonas: Weshalb?

Zapp: Wegen der Schlacht von Kadesh.

Jonas: Weshalb?

Sam: Schlacht von Kadesh. Ungebildeter Knochen, im Jahre 1274 v.Ch. Ägypter unter Ramses den zwoten.

Jonas: Aha.

Sam: Wider Hetiter unter König Tsatuse, nein falsch, Nuwatali, jawohl der war’s, König Nuwatali, mein Gott die hetetischen Namen.

Jonas: Und wer hat gewonnen? Ramses oder dieser Nuwatali, dieser Hetiter?

Sam: Dies, o mein wißbegieriger Freund, ist bis zum heutigen Tage unbekannt geblieben. Der genaue Ausgang der Schlacht von Kadesh gilt als eines der größten ungelösten Rätsel der Ägyptologie.

Zapp: Genau das hat Dr. Juniper auch gesagt. Und dann hat er erklärt, ganz stolz, das Rätsel der Schlacht von Kadesh und ein paar andere würden in nächster Zeit ein für alle mal gelöst werden, und zwar durch ihn, Juniper und seinen persönlichen Einsatz. Der erste Patient. Ihre Zeit ist um, Herr Jonas. Äh, letzten Freitag hat Juniper mir übrigens eine interessante Frage gestellt. Ob zur Förderung der Wissenschaft auch Dinge getan werden dürfen, die ethisch und juristisch womöglich nicht völlig einwandfrei sind.

Jonas: Und was haben Sie geantwortet, Frau Doppeldoktor?

Zapp: Nichts, die Frage war zu allgemein, und Dr. Juniper lehnte es ab, sie zu konkretisieren.

Jonas: Viel war das auch nicht, aber besser als nichts. Stoff zum Nachdenken, zurück zur Basis, sprich 1Zimmer-Büroapartment, klein aber mein. Ich stieg aus dem Lift, ging über den Korridor, dunkel wie immer, ein intensiver Duft nach Schimmel und kaltem Sojakaff. Wie immer. Soweit nichts besonders. Aber dann ging’s los, kurz vor meiner Tür, Sammy fing an durchzudrehen, plötzlich heulte er los wie ein meschuggenes Nebelhorn.

Sam: Verzeih mir Meister, verzeih deinem armen kleinen Sammy.

Jonas: Was ist los, Sammy?

Sam: Windet sich vor dir im Staub, o Sultan des Weltalls, in Sackleinwand schleicht er einher, Asche häufelt er auf sein mißratenes Haupt, o bitte Beherrscher der Gläubigen nicht aus dem Fenster schmeißen. Nicht in die Schrottmühle.

Jonas: Was ist denn, was hast du?

Sam: Sammy hat, kaum vermag es über die bleichen Lippen zu bringen.

Jonas: Du hast keine Lippen, Sammy, und kein Haupt, und erst recht kein Grund so Theater zu machen.

Sam: Großmächtiger. Sammy was vergessen.

Jonas: Nein.

Sam: Doch, ein signifikantes Faktum im Fall Juniper, Chef, zur Kenntnis genommen, abgelegt und vergessen.

Jonas: Hör auf zu heulen und spuck’s endlich aus dein Faktum.

Sam: Hören ist gehorchen, allgewaltiger Schah. So vernimm denn. Es war zu finsterer Mitternacht im Ministerium, da geschäftige Hände jene Mumie enthüllten, welche keine Mumie war, vielmehr die ermordete Leiche des Dr. Juniper.

Jonas: Sam ist nicht nur eine Heulboje Sam ist auch unter anderem ein Geigerzähler, und der hatte beim Auswickeln was registriert, eine relativ hohe Bequerell-Strahlung aus Bandagen und Leichen. Radioaktivität dieser Größenordnung gibt es in und um Babylon nur an einer Stelle: dem sogenannten Grausektor mitten im Reservat.

Sam: Wo damals die Taschenatombombe hochging. Bumm.

Jonas: Im Grausektor war sie die Leiche, und das hast du mir unterschlagen, Sam. Einfach vergessen. Was mach ich mit dir.

Sam: Wenn Lord Sammy vielleicht ein leckeres Lecithinprogramm erstehen würde.

Jonas: Was war das?

Sam: Was war das? Ah, da fiel ein Stuhl in dero Hoheit Residenz.

Jonas: Da ist jemand, ganz ruhig Sammy… Hände hoch.

Nofretete: Salemaleikum, Jonas, stecken Sie Ihren Laserstrahler weg.

Sam: Das ist meiner.

Nofretete: Ich tu ihnen nichts.

Jonas: Nofretete in meinem Sessel, entspannt, die schönen Beine übereinanderschlagen, inmitten einer sehr viel weniger schönen Unordnung. Alles war geöffnet, umgestürzt, durchwühlt. Was hatte sie gesucht?

Nofretete: Ramses den zweiten.

Jonas: Bei Jonas?

Nofretete: Warum nicht. Jonas hätte sich die Mumie beim Austausch übergeben lassen und dann für sich behalten können, um dann das Ministerium ein zweites Mal zu erpressen.

Jonas: Hätte Jonas, hat er aber nicht.

Nofretete: Davon habe ich mich überzeugt, Jonas. Sie sind sauber.

Jonas: Zu gütig.

Nofretete: Und darum habe ich mich entschlossen, Ihnen, wie sagt man hier, sauberen Wein einzugießen.

Jonas: Gießen Sie los.

Nofretete: Ich bin Ägypterin.

Jonas: Hab ich mir gedacht. Wissen Sie, wie ich Sie getauft habe, vorhin auf dem van-Dusen-Platz? Nofretete.

Nofretete: Danke. Nennen Sie mich ruhig weiter so. Was ist schon ein Name.

Sam: Schall und Rauch. Knall und Rauch.

Jonas: Es reicht Sammy.

Sam: Nein, Schall und Rauch. Shakespeare.

Nofretete: Ich arbeite für unsere Altertümerverwaltung im verdeckten Außendienst.

Jonas: Das heißt, Sie sind ägyptische Geheimagentin.

Nofretete: Wenn Sie es so romantisch ausdrücken wollen, Jonas. Man hat mich nach Babylon geschickt, um auf die Leihgaben für Ihre Ausstellung zu achten, vor allem natürlich auf die Mumie unseres großen König Ramses.

Jonas: Das hat wohl nicht so recht geklappt.

Nofretete: Ich habe meinen Auftrag nicht erfüllt. Ich habe versagt. Wie Sie, Jonas. Jetzt haben wir beide das gleiche Ziel, Ramses den zweiten zu finden, ich schlage vor wir tun uns zusammen, wir teilen unsere Informationen und gehen gemeinsam vor.

Jonas: Einverstanden, teilen wir unsere Informationen.

Nofretete: Sie fangen an Jonas.

Jonas: Nicht doch. Jonas ist Kavalier. Nach Ihnen Nofretete.

Nofretete: Gut. Passen Sie auf. Vor etwa einem viertel Jahr haben Unbekannte versucht, Napoleons Grab im Pariser Invalidendom aufzubrechen, ohne Erfolg.

Jonas: Was hat das mit unserem Fall zu tun.

Nofretete: Warten Sie ab. Etwas später hörten wir von mysteriösen nächtlichen Grabungen in Berlin, auf dem Gelände der alten Reichskanzlei, wo heute das gigantische Denkmal der Vereinigung steht.

Jonas: Sieht aus, als ob jemand tote Herrscher sammelt. Napoleon, Hitler.

Nofretete: Und jetzt Ramses den zweiten. Interessant nicht wahr. Sie sind dran, Jonas, was haben Sie bei der Psychotherapeutin erfahren.

Jonas: Ich sagte es ihr, und ich sage ihr auch, was Sammy mir gerade gebeichtet hatte.

Nofretete: Also in diesen wie hieß das, in diesen Grausektor führt die Spur.

Sam: Im Grausektor aber ist’s fürchterlich, nicht geheuer ist es dort, Geister gibt an jenem Ort.

Jonas: Wirklich Sam.

Sam: Ja, radioaktive Geister. Und über ihnen ragt in den verhangenen Himmel dräuend und grausend der Schecken aller Schrecken, Frankensteins Burg. Ua…

Jonas: Ugarte. Keine schlechte Idee.

Sam: Keine schlechte Idee. Ha. Bravo Sammy, heißt das, gut gemacht Sammy, Danke, Sammy, was würde ich ohne dich tun, Sammy.

Jonas: Ugarte. Dr. Victor Ugarte. Vor Jahren eine leuchtende Hoffnung der Wissenschaft, genialer Genetiker und Mikrobiologe, umworben, hofiert, Lehrstuhl an der Uni Babylon mit 20, Aussicht auf den Nobelpreis, und dann war alles vorbei, ganz plötzlich. Ugarte hatte heimlich für die Korporation gearbeitet, das organisierte Verbrechen, organlose Kuriere hatte er geklont und absolut furchtlose Wegwerfkiller. Das kam raus. Ugarte setzte sich ab in den Grausektor, wo sich kein Polizist hintraut, und da saß er immer noch und forschte und klonte in seinem illegalen Labor.

Sam: Frankensteins Burg heißt sie im Volksmäulchen.

Jonas: Igora kam aus dem Reservat, mit der Mumie und mit einem Klonkiller, ihr Chef heißt Frankenstein. Hat sie gesagt. Alles paßt zusammen.

Nofretete: Ugarte hat die Königsmumie gestohlen mit Junipers Hilfe.

Jonas: Und er hat sie noch. Wozu. Warum.

Nofretete: Vielleicht ist er Sammler.

Jonas: Könnte die Sache was mit Gentechnik zutun haben.

Nofretete: Das wird sich zeigen. Wir werden Frankenstein besuchen, auf seiner Burg.

Jonas: Einfach so, ein gemütlicher Sparziergang in den Grausektor durchs Reservat.

Nofretete: Sie kennen sich da doch aus, Jonas. Oder?

Sam: Und ob er sich auskennt, mein Meister, ein und aus, rein und raus, ja, ein Pfadfinder im Reservat, ein Führer durch die Wildnis, siehe Fall Reservat, siehe Fall Störfalle, siehe Fall Eurodschungel, und so weiter und so fort etc.

Nofretete: Ja, dann ist ja alles in Ordnung. Zeigen Sie mir den Weg auf der Karte, Jonas, wo liegt der Grausektor.

Sam: Da drüben an der Ecke wo die Rosentulpen stehen…

Jonas: Im Südosten von Babylon, mitten in dem großen dunklen Fleck, vor 15 Jahren im Bürgerkrieg ist das ganze Viertel draufgegangen, seitdem existiert es nicht mehr. Offiziell. Inoffiziell ist es das Reservat, eine Wüste aus Stein und Metall, ein Dschungel mit eigenen Gesetzen, wild und gefährlich, am wildesten und gefährlichsten im Grausektor. Ich zeigte Nofretete den Weg durchs Reservat zum Grausektor.

Nofretete: Wir sollten sofort aufbrechen Jonas.

Jonas: Augenblick, nicht so schnell, erst helfen Sie mir beim Aufräumen.

Nofretete: Wenn Sie darauf bestehen, aber vorher sollten wir anstoßen auf das Team Nofretete/Jonas.

Sam: Und Sammy.

Nofretete: Gibt’s hier was zu trinken.

Jonas: Bürowhisky, wenn Sie die Flasche nicht ausgekippt haben, o haben Sie nicht, die Gläser sind auch noch ganz, also dann cherio. Auf gute Zusammenarbeit, Nofretete.

Nofretete: Auf gute Zusammenarbeit, Jonas.

Jonas: Sie trinken ja gar nicht, Nofretete, warum trinken Sie nicht?

Jonas: Ich fiel, vom Schreibtisch auf den Fußboden, durch den Boden, tiefer, immer tiefer, bis nichts mehr da war, kein Boden, kein Jonas. Im meinem Kopf tobte die Schlacht von Kadesh. Mal gewannen die Ägypter, mal die Hethiter. Jonas verlor immer, das war nicht fair. Ich machte die Augen auf. Ich lag auf dem Fußboden in meinem Büroapartment. Die Schlacht tobte immer noch. Nur daß es nicht die Schlacht war, es war Sammy.

Sam: Tatatatä. Erhebet euch ihr Gläubigen, strömet zu Hauf, na los, komm schon endlich hoch du nasser Sack, kikeriki, erwachet, erwachet, er krähte der Hahn, die Sonne betritt ihre güldene Bahn. Kikeriki.

Jonas: Der Hahn heißt Sam. Und das mit der Sonne stimmt schon gar nicht.

Sam: Theo gratias, Halleluja. Halleluja.

Jonas: Wie spät haben wir’s?

Sam: Er ist wieder da, er ist wieder bei sich, er ist wieder bei Sammy, mein Jonasle, Jonas der große, der einzige, der unnachahmliche.

Jonas: Jajaja wie spät.

Sam: Höre Jonas laß dir sagen, unsere Uhr hat 6 geschlagen, und äh ja und 7 Minuten und 23 Sekunden.

Jonas: Abends?

Sam: Na, Mitternachts wird’s sein.

Jonas: Das heißt ich war fast 8 Stunden abgetreten. O… O Gott. Da hat mir die liebe Nofretete ein Teufelszeug in meinen Whisky gekippt.

Sam: Gelinkt hat sie meinen Meister, lahmgelegt, kaltgestellt, pfui spinne wat fies, damit sie ihren Ramses ganz allein holen kann.

Jonas: Viel Glück, das braucht sie.

Sam: Wie dürfte ich das verstehen, Sir?

Jonas: Oh, ich hatte so ne Ahnung, und darum hab ihr einen ganz besonders interessanten Weg durchs Reservat gezeigt, über Turkistan, vorbei am Hauptquartier der Straßensamurai und an den Höhlen der Nachtmenschen.

Sam: Ja, das schafft sie nie, die linke Lola. Clever, und da bist du ganz alleine draufgekommen, du Dünnbrettbohrer.

Jonas: Wer sich auskennt, kommt problemlos ins Reservat, weil er weiß, wo die Lücken im Dom sind, und die vergessenen Unterführungen, und im Reservat kennt er die versteckten Wege durch die Trümmer. Und wenn er dann noch Glück hat, kommt er durch. Gegen Mitternacht war ich im Grausektor, Radioaktivität bedenklich, aber nicht lebensgefährlich. Sagt Sam. Passendes Wetter, heftiger Regen, Blitz und Donner, die Klimaregulierung spielte verrückt, das tut sie hier immer. Um Jonas graue Hügel, eintönig und unheimlich, und darüber, blitzumzuckt, ein hohes finsteres Gebäude.

Sam: Frankensteins Burg.

Jonas: Ugartes Labor, wir sind da.

Sam: Früher war das mal ein Bezirksgericht, gelle, ja, gebaut im 19. Jahrhundert, daher das gotische Brimborium, Zacken, Zinnen, Türmchen. Ja, so was fanden die geil damals. Beachten Sie vor allem die stilechten Spitzbögen Ladys und Gentlemen.

Jonas: Ich denke nicht dran.

Sam: Und woran sofern die Frage erlaubt wäre, denken Eminenz falls überhaupt.

Jonas: Wie kommen wir rein, daran denke ich.

Sam: Ja, gute Frage, Kumpel, laß uns mal überlegen.

Jonas: Türen und Fenster sind out, Sammy.

Sam: Ja, da scharf bewacht und streng gesichert, daccord Monsieur.

Jonas: Übers Dach.

Sam: Hubschrauber weniger zu empfehlen.

Jonas: Also von unten, durchs Abwasser, wie seinerzeit in Nirwana.

Sam: Fall Spielwiese. In dem daß die Abwasserleitung hiesigenorts zu ebener Erde verläuft und sich in einem bewachten Zustand befindet. Jedoch.

Jonas: Sam hatte in eine Idee. Ab und an ist er wirklich zu brauchen. In alter Zeit stand gegenüber vom Gericht das Untersuchungsgefängnis, und dazwischen lief ein unterirdischer Gang, damit die Angeklagten sicher vor den Richter gebracht werden konnten. Sam wußte das. Sam weiß viel. Er wußte auch, welcher Trümmerhaufen das ehemalige Gefängnis war, und wo Jonas im Schutt wühlen mußte, um den Gang zu finden. Eine Stunde später waren wir unter der Erde, es war eng, etwas muffig, aber sauber und hell. Sammy ließ sein Licht leuchten auf glatte Wände, die nur einmal unterbrochen waren, durch eine Metalltür mit einem wohlbekannten Zeichen:

Jonas: Drei schwarze Speichen im gelben Kreis, hierdurch geht’s ins alte Atomschutzsystem, Sammy. Fall Schneewittchen, weißt du noch.

Sam: Ah Herr Hofrat, ich bitt Sie, wird Sammy auch nur einen einzigen Fall seines Jonas vergessen.

Jonas: Vorsicht, Sam, ich sag nur Lecithin.

Sam: Ja, nur zu, brutaler Folterknecht, dreh an der Schraube, reibs ein, schmier’s dem armen Sam aufs Butterbrot, immer und immer wieder, ich werd es ertragen sieben Jahr, ich werd es ertragen.

Jonas: Tu das Sam. Weißt du, was die Tür bedeutet. Wir haben einen Fluchtweg, schnell und gefahrlos unter dem Reservat direkt nach Babylon. Falls du den Öffnungscode kennst.

Sam: Ha. Kennt Sammy sein Einmalseins? Sein Alphabet.

Jonas: OK. Merken für nachher, wir werden’s dann vermutlich eilig haben. Weiter.

Sam: Drei vier. Das Wandern ist das Jonas Lust, das Wandern…

Jonas: Der Gang endete an einer schmalen Treppe, 30 Stufen steil nach oben, dann ein kleiner Absatz, rechts und links Wände, darin je eine hölzerne Schiebetür. Undeutliche Geräusche hinter der linken Tür. Ich schob sie vorsichtig zurück, kroch durch die Lücke und war in einer Art Kanzel, zwei mal zwei Meter. Unter einer hohen Gewölbedecke. Was war das?

Ugarte: Gut so. Macht sich, macht sich. Sehr schön.

Sam: Großer Verhandlungssaal, Herr Vorsitzender.

Jonas: Und diese Kanzel.

Sam: Angeklagten.

Jonas: Ach so. Ob ich mal über den Rand kucke?

Sam: Vorsicht, euer Ehren, Klavier, piano, pianissimo.

Jonas: Der Saal war voll. Voll mit Geräten, Maschinen, Apparaten, Instrumenten, Konsolen, Röhren, Gläsern. Retorten. Alles brummte und summte, dampfte und stampfte, tickte, brodelte und kochte, Elektroöfen zischten, bunte Lichter zuckten. Frankensteins Labor. Wie im Kino. Mittendrin zwei Figuren in weißen Kitteln, eine klein und bucklig, Igora. Neben ihr ein Mann, groß, etwas gebückt, fahrige Bewegungen, stechende Augen hinter dicken Brillengläsern, wirre lange Haare, die um seinen Kopf standen wie ein pervertierter Heiligenschein. Das mußte er sein. Frankenstein persönlich, Dr. Victor Ugarte.

Ugarte: Gut machen sie sich, unsere kleinen Adolfs, Igora.

Igora: Wundervoll, Herr Doktor, ganz wundervoll.

Ugarte: Sie blühen, sie gedeihen. Die neuen Nährlösung scheint ihnen besser zu bekommen.

Igora: Viel besser, Herr Doktor. Viel viel besser.

Ugarte: Der kleine, dicke hier, ist das nicht ein Prachtexemplar. Kann man nicht schon fast seinen Schnurrbart erkennen?

Igora: Vollbart, Herr Doktor, Rauschebart.

Ugarte: Red keinen Unsinn, Igora. Was macht unser Sonderfall, unser Sorgenkind.

Igora: Herr Doktor meinen den Pharao?

Ugarte: Wen denn sonst. Ißt er?

Igora: Jawohl, Herr Doktor, aber sprechen tut er immer noch nicht.

Ugarte: Ich seh ihn mir mal an.

Jonas: Beide gingen durch eine Tür, direkt unter meiner Kanzel. Jonas ging auch, das heißt er kroch, zurück durch die Schiebetür, über den Absatz, durch die rechte Schiebetür: Und da war ich wieder auf einer Kanzel, über einem Saal, der kleiner war als der erste. Und in dem es ganz anders aussah.

Sam: Ägyptisch.

Jonas: Wenn du das sagt, Sammy.

Sam: Ja, Thronsaal eines Pharao. Neues Reich, 19. Dynastie.

Jonas: Glaub ich dir unbesehen. Hier sind sie also gelandet die Stücke aus der Ausstellung. Aber wo ist die Mumie?

Sam: Ja, wo ist die Mumie? Auf dem Thron.

Jonas: Nein, Sammy, das ist ein Mensch, eben hat er den Arm bewegt.

Sam: Ja und?

Jonas: Ein Mann, groß, mager, dunkelhäutig, mit ausgeprägter Hakennase und einem langen schmalen Kinnbart. Er trug einen Lendeschurz und auf dem Kopf einen hohen runden Aufbau, ein bißchen wie eine Bischofmütze. Und nach Bischof sah auch der kurze Krummstab aus, den er in der Hand hielt. Er saß da, steif und fast regungslos und sah vor sich hin. Auf Ugarte, der vor ihm herumfuchtelte, reagierte er überhaupt nicht.

Ugarte: Sag mal, Ramses, was soll das, was denkst du dir? Gerade mit dir habe ich mir ganz besondere Mühe gegeben.

Igora: Und auch hohe Kosten haben Herr Doktor nicht gescheut.

Ugarte: Sehr richtig, Igora. Kosten Mühen und Zeit. Ich mußte diesen Idioten Juniper kultivieren, sein Vertrauen gewinnen, ihm anvertrauen, daß ich aus der Mumie von Ramses II. eine genuine Kopie des alten Pharao klonen kann.

Igora: Und wie Herr Doktor das können, phänomenal.

Ugarte: Ich habe ihm erzählt, daß so eine Kopie ihm alle Fragen über den echten Ramses beantworten kann, wer die Schlacht von Kades gewonnen hat, und was weiß ich noch alles.

Igora: Und das hat er Herr Doktor wirklich geglaubt?

Ugarte: Als ob ein Klon die Erinnerungen des Originals behält, ein Trottel, der Mann, keine Ahnung von Genetik. Als er mir die Mumie brachte und merkte, was ich wirklich vorhatte, da machte er mir eine Szene.

Igora: Eine Frechheit Herr Doktor, eine bodenlose Frechheit.

Ugarte: Dafür ist er ja auch bestraft worden, Igora, und ich, ich habe die Mumie präpariert und zerlegt, das Genmaterial isoliert, nach der PCR-Methode kopiert und da mir mehr als ausreichend DNA-Substanz zur Verfügung stand, habe ich dich produziert, Ramses. Du bist ein Pharao, ein Autokrat, ein Tyrann, ein blutdürstiger Krieger. Benimm dich gefälligst auch so.

Igora: Alarm, Herr Doktor.

Ugarte: Geh ans Fon, Igora, frag die Sicherheitszentrale was es gibt.

Igora: Ja, was ist los? Aha? Jemand hat versucht, ins Institut einzudringen Herr Dr.

Ugarte: Wer hat es gewagt. Man bringe ihn zu mir.

Igora: Sie. Herr Doktor, es ist eine Frau.

Jonas: Auftritt zwei riesige Klonkiller mit Lasern, zwischen ihnen, Sie haben es erraten, Nofretete, sie hatte es tatsächlich geschafft. Respekt trotz allem. Sie sah sich um, verwirrt zuerst, dann immer stärker beeindruckt. Fast verzückt, riß sich los, lief zum Thron, fiel auf die Knie.

Nofretete: Majestät, o großer Pharao, sieh gnädig herab auf deine Dienerin.

Ugarte: Machen Sie sich nicht lächerlich. Das ist nur ein Klon: Ein Produkt. Vor mir sollten Sie knien. Ich hab ihn geschaffen, einen lebendigen Pharao aus einer toten Mumie, und das ist erst der Anfang, wenn erst die vielen kleinen Adolfs reif geworden sind, und bald, sehr bald werde ich in den Osten aufbrechen, ins Eldorado der Tyrannen, Lenin, Stalin, Iwan der Schreckliche, Dschingis Khan. Tamalan. Durch mein Genie werdet ihr zu neuem Leben, neuen Untaten erwachen.

Igora: Bravo, Herr Doktor, bravissimo.

Ugarte: Man hat mich verfolgt, man hat mich gedemütigt, meine Karriere hat man vernichtet, mein Leben zerstört, ich werde mich dafür rächen. Babylon, Europa, die ganze Welt wird erfahren, wozu Dr. Victor Ugarte fähig ist. Ich klone Welteroberer, Diktatoren, Tyrannen, Massenmörder, Blutsäufer, es werden mehr werden, immer mehr, viele, und wenn die Zeit gekommen ist, werde ich, Dr. Victor Ugarte, meine schwarzen Heerscharen, meine apokalyptischen Horden auf die Menschheit loslassen. Ein Chaos wird ausbrechen, eine globale Katastrophe, die Greuel der Verwüstung. Heulen und Zähneklappern, Berge von Leichen, Ströme von Blut. Armageddon, Götterdämmerung, Weltuntergang.

Sam: Total beknackt dieser Klon…

Ramses: Amun steh mir bei, was für ein melodramatischen Monolog, ein richtiges, verzeihen Sie Dr. Ugarte, ein richtiges Schmierentheater.

Igora: Ramses, der kann sprechen, Und wie, Herr Doktor, wie ein Buch.

Sam: Ne, wie ein Computer.

Ugarte: Wie redest du mit mir, Ramses, du bist mein Geschöpf, was ich befehle führst du aus.

Ramses: O nein, Dr. Ugarte, rechnen Sie bitte nicht mit mir, ich finde ihr Weltuntergangsszenario abgeschmackt, makaber, richtig krank. Außerdem kann ich kein Blut sehen.

Ugarte: Wir müssen den Tatsachen ins Auge blicken, Igora. Ramses ist ein Fehlschlag. Viel zu brav, kein Tyrann, wie wir ihn brauchen. Was über Ramses II. in den Geschichtsbüchern steht, ist offenbar stark übertrieben. Wir werden ohne ihn auskommen müssen. Programm Adolf wird intensiviert. Viel zu tun, viel zu tun.

Igora: Und die Frau, Herr Doktor, die Einbrecherin?

Ugarte: Bringen sie um, Igora.

Igora: Mit meinem kleinen scharfen Messer, Herr Doktor, wie Juniper.

Ugarte: Genau so, Igora, zeig diesem entarteten Pharao wie Menschenblut aussieht.

Igora: Komm, komm mein Täubchen, komm zu Igora. Igora wird dir deinen schönen Hals abschneiden von einem Ohr zum andern mit ihrem kleinen scharfen Messer.

Ramses: Zurück. Ich bin der Pharao, ich werde nicht dulden, daß meiner Dienerin Leid geschieht.

Igora: Misch du dich nicht ein Ramses, sonst bist du der nächste. Haltet sie fest.

Sam: Sollten wir einschreiten, mein über den Dingen schwebender Jonas.

Jonas: Du hast Recht, Sam, es wird Zeit. Laserstrahler. Igora und zwei Klonkiller.

Jonas: Tot. Alle drei. Meisterschütze Jonas hopste über die Kanzel. Nofretete war keine Amateurin. Sie lief sofort zur Tür, drehte den Schlüssel um. Keine Sekunde zu früh.

Ugarte: Igora, was ist passiert.

Nofretete: Nun tun wie uns also doch noch zusammen, Jonas. Teilen wir unsere Ressourcen. Was haben Sie beizusteuern?

Jonas: Meinen Laser und einen Hinterausgang plus Fluchtweg. Und Sie Nofretete?

Ugarte: Aufmachen.

Nofretete: Ich, das hier.

Jonas: Eine Superminibombe mit einstellbarem Zeitzünder. Sehr gut.

Nofretete: Zum Glück haben sie mich nicht durchsucht.

Sam: Die Zeit drängt, verehrte Anwesende. Stell den Knaller ein, eine viertel Stunde sollte reichen, na los versteck ihn und dann ab und durch die Middle.

Jonas: Und Ramses, nehmen wir ihn mit.

Nofretete: Mein Pharao. Komm zurück.

Sam: Ja wo ist er denn.

Jonas: Ramses schritt zur Tür. Kopf hoch, Arme über der Brust gekreuzt, feierlich, jeder Zoll ein Pharao. Ugarte und seine Klonkiller hatten ein mächtiges Loch in die Füllung geschlagen. Ramses blieb davor stehen, majestätisch hob er den Krummstab.

Ramses: Im Namen Amuns, in meinem eigenen Namen, ein Gott bin wie er, im Namen aller Götter Ägyptens, fort mit den Waffen, in den Staub, das befiehlt euch Ramses, der Sohn des Rah, der da geliebt wird von Amun, Ramses der große Pharao.

Jonas: Nofretete, was ist mit der Bombe.

Nofretete: Eingestellt und versteckt.

Jonas: Dann los, hier auf die Kanzel, beeilen Sie sich. Auf die Kanzel.

Nofretete: Armer Ramses. Armer Pharao.

Jonas: Eine Viertel Stunde später, in einem Gang des unterirdischen Atomschutzsystems Richtung Babylon. Jonas ging voran, dahinter Nofretete, Sammy in meiner Hand leuchtete. Wir hatten es eilig. Aus gutem Grund.

Sam: Adio Frankensteins Burg. Adios Frankenstein. Alias Dr. Victor Ugarte.

Jonas: Adios Ramses. Ein Jammer, daß wir ihn nicht retten konnten, Nofretete, und seine Mumie schon gar nicht, aber die hat Ugarte schon vor Tagen zerschnipsle und zu Genmaterial verarbeitet. Nofretete? Nofretete?

Sam: Nofreretetete? na, verschwunden, die flüchtige, wieder einmal.

Jonas: Und diesmal für immer. Mir sollte es recht sein. Als ich zuhause war, rief ich Frau Schrödinger M.A. an, wollte ihr erzählen, wie der Fall ausgegangen war, wer dahinter gesteckt hatte und warum. Aber sie wollte es nicht hören.

Schrödinger: Interessiert mich nicht, Herr Jonas, absolut nicht, das hab ich Ihnen schon mal gesagt. Mich interessiert nur eins. Was ist mit Ramses?

Jonas: Erschossen, Frau Schrödinger, MA.

Schrödinger: Was?

Jonas: Was ist mit meinem Geld?

Schrödinger: Reichen Sie Ihre Rechnung ein.

Jonas: Was?

Schrödinger: Ich habe einen großen Papierkorb.

Jonas: Natürlich kriegte Jonas keinen Euro. Frau Schrödinger MA kriegte was, einen neuen Posten. Sie wurde nach Albanien versetzt zur Regionalverwaltung historisch wertvoller Zwergkirchen.

Sam: Und da soll sie bleiben, bis sie schwarz wird, das walte Hugo, Amen Bmen, Batman.

Das war Pharao. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem wirkten mit: Christiane Bachschmidt, Ulrike Kriener, Elisabeth Volkmann, Hans Stetter und viele andere (Elisabeth Endriss, Karl Friedrich). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Regieassistenz: Holger Buck. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1994). Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Nachtcafe

Jonas: Sie wimmelten um uns herum, kratzten an der Plexikuppel, drückten sich die verschorften Nasen platt, stierten auf unseren Tisch, unsere Teller. Steaks. Echtes Rindfleisch. Unbezahlbar. Sie zeigten uns ihre dürren Rippen, ihre aufgetriebenen Bäuche, ihre offenen Wunden, ihre Eiterbeulen. Und sie schrieen. Sie schrieen vor Hunger. Sie schrieen nach unseren Abfällen. Der bullige Typ neben mir warf ihnen was zu. Einen abgenagten Knochen. Durch die elektronisch gesicherte Klappe. Sie stürzen sich drauf, fielen übereinander her, schlugen sich blutig.

Lumbago: Hahahaha! Das macht Laune und Appetit. Hunger ist der beste Koch. Sagten schon Opa und Oma im guten alten 20. Jahrhundert. Na, ihr Klappergestelle, noch ein Stück? Kusch, später, vielleicht, wenn ihr uns bei Laune haltet. Na, bietet uns mal was. Allehopp!

Jonas: Das Lokal hieß Drittwelt. Ein Schuppen für Superreiche. Man tafelte in Plastikkuppeln. Dahinter Horden halbverhungerter Drittweltler. Der Besitzer ließ sie an der Grenze einsammeln. Da gab’s mehr als genug. Frischer Nachschub. Jede Nacht.

Lumbago: Super Idee. Der letzte Schrei. Erlebnisgastronomie mit Pfiff. Sie essen ja gar nicht Jonas. Hauen Sie doch rein. Die Chefin zahlt.

Jonas: Sie haben mich hierher bestellt, sagen Sie, worum es geht. Ich höre zu. Aber vorher drücken Sie auf den Knopf.

Lumbago: Sie meinen Ton weg, Kuppel undurchsichtig? Aber wieso denn, die Hungerleider sind doch gerade der Witz hier.

Krug: Tun Sie uns den Gefallen, Lumbago, stellen Sie das da draußen ab.

Jonas: Sie war Kassandra Krug: Albin Krugs einzige Tochter, die reichste Erbin in Babylon, vielleicht in ganz Europa, trotzdem tat sie mir leid, sie war so klein, einsdreißig – höchstens. Und ihre Augen hatten den gleichen traurigen Blick wie die Augen der armen Schweine hinter dem Plexiglas. Ihretwegen blieb ich, der Mann bei ihr war weniger mein Fall.

Jonas: Lumbago.

Lumbago: Ja, so heiße ich. Tayfun Lumbago, Dr. Lumbago, Dr. der äh…

Krug: Kunstgeschichte.

Jonas: Doktor.

Lumbago: Was dagegen?

Jonas: Genau so hab ich mir einen Doktor der Kunstgeschichte vorgestellt, zwei Meter im Quadrat, Nasenknick, Blumenkohlohren.

Lumbago: Nur kein Neid, Freundchen.

Krug: Dr. Lumbago betreut die Kunstsammlung meines Vaters. Deshalb ist er mitgekommen. Verstehen Sie?

Jonas: Kein Wort. Vielleicht fangen Sie mal an mir zu erklären was Sie von mir wollen.

Lumbago: Van Gogh. Schon mal gehört den Namen?

Jonas: Maler vor 100 Jahren. Nicht ganz dicht, hat sich was abgeschnitten, Ohr, richtig, krieg ich jetzt den Preis.

Krug: Mehr wissen Sie nicht?

Jonas: Wozu?

Krug: Nachtcafe, Jonas, sagt Ihnen das was?

Jonas: Ist das ne Kneipe? Kenn ich nicht.

Lumbago: Na wissen Sie Freundchen, mit ihrer Bildung sieht’s eher mickrig aus.

Jonas: Im Gegenteil, Freundchen, meine Bildung ist gewaltig, und ich habe sie immer bei mir, in der Tasche. Bitte, mein Computer, spricht viel, weiß alles. Hast du zugehört, Sam.

Sam: Ja natür… haben wir Chef. Doch doch doch mit einem Öhrchen, na ja warum. Nicht gerade anregend das Gesülze.

Jonas: Van Gogh, Sammy, Nachtcafe, leg los, mach Eindruck, zeig den Herrschaften, was Bildung ist.

Sam: Aber immer, Meister, auf die Plätze fertig los, Piep. Vincent van Gogh, 1853 bis 1890, zu Lebzeiten ein bettelarmer, völlig erfolgloser, gänzlich unbekannter Maler, wurde nach seinem allzufrühen Tod anerkannt und gefeiert als einer der genialsten Künstler, welche je auf Erden wandelten. Bereits im 20. Jahrhundert erzielten seine Gemälde Rekorderlöse –heute sind sie so gut wie unerschwinglich.

Jonas: Das wußte sogar Jonas, und er wußte auch warum. Weil es kaum noch echte van Goghs gab, die meisten waren in den letzten Jahren draufgegangen, als Holland und Belgien überflutet wurden, als beim Erdbeben von Tokio die Großbanken mitsamt ihren Tresoren ins Meer rutschten, als im 2. amerikanischen Bürgerkrieg die Museen in Flammen aufgingen.

Sam: Nachtcafe ist der Titel eines Gemäldes, welches van Gogh im September 1888 zu Arles in Südfrankreich schuf.

Jonas: Ach so. Ein Bild ist das.

Sam: Was denn sonst du hirnamputierte Beutelmaus. Nachtcafe, vordem im Besitz der Yale University, wurde im Dezember 2012 von Albin Krug, dem bekannten babylonischen Multimillionär und Multimilliardär für seine Sammlung erworben, Kostenpunkt 500 Millionen Euros.

Jonas: Eine halbe Milliarde.

Sam: Ja.

Jonas: Für ein Bild.

Sam: Ja.

Krug: So ist es Jonas. Und jetzt hat mein Vater erklärt, daß er Nachtcafe mitnehmen will.

Jonas: Mitnehmen, wohin.

Lumbago: In die Hölle vermutlich. Verzeihung, Kassandra.

Krug: Schon gut, Lumbago. In den Sarg, ins Krematorium. Wenn er tot ist.

Lumbago: Und das wird nicht mehr lange dauern. Immerhin ist Albin Krug an die 120.

Krug: 121 Jahre und 4 Monate.

Jonas: Moment, ihr Vater will ein Bild für eine halbe Milliarde verbrennen. Warum?

Krug: So ist er, Jonas, wenn es ihn nicht mehr gibt, soll es auch Nachtcafe von van Gogh nicht mehr geben.

Lumbago: Ja, und darum haben wir Sie kommen lassen, Jonas.

Krug: Sie sollen verhindern, daß mein Vater seinen Plan ausführt.

Lumbago: Sie sollen Kassandras wichtigstes und wertvollstes Erbstück sichern und der Welt ein einmaliges Kunstwerk erhalten.

Jonas: Ich verstehe, Sie brauchen keinen Detektiv, Sie brauchen einen Dieb.

Lumbago: Jacke wie Hose Jonas.

Krug: Bitte, Jonas, retten Sie Nachtcafe, für mich.

Sam: Gut wir retten Nachtcafe.

Jonas: Sie sah mich an, schräg von unten, mit großen traurigen Augen. Deshalb blieb ich. Jonas war nicht in Form. Jonas hatte keinen Bock. Jonas wollte kein Detektiv mehr sein. Letzter, vorletzter, allerletzter. Egal. Jonas wollte was ganz anderes tun, was kreatives. Töpfern, Klavierspielen, Midlifecrisis nennt man so was. Und ein Bild klauen, das hat ja auch was kreatives. Irgendwie. Was künstlerisches.

Lumbago: Auf jeden Fall ist es eine ganz einfache Kiste Jonas. Sie gehen zu Krugs Haus, gleich nebenan, durch den bewachten Park, 10 Minuten zu Fuß. Sie gehen ins Haus, durchs Foyer und dann rechts in den Bildersaal, immer gerade aus, Nachtcafe hängt an der hinteren Wand, nicht zu verfehlen. Sie nehmen das Bild ab, klemmen es unter den Arm, kommen zurück.

Jonas: Nicht so schnell, Lumbago.

Lumbago: Dr. Lumbago.

Jonas: Wollen Sie mir erzählen, daß Haus und Bild überhaupt nicht gesichert sind?

Lumbago: Natürlich sind sie gesichert, und wie, aber das ist nicht Ihr Problem. Kassandra?

Krug: Hier, Jonas, eine Generalsupersicherheitsscheibe.

Lumbago: Damit legen Sie das komplette Schutzsystem im Hause Krug lahm.

Jonas: Kein Personal.

Lumbago: Die Menschen haben Ausgang, die Automaten schaltet ihre Schreibe ab.

Jonas: Und Albin Krug selbst.

Krug: Wird Sie nicht stören, Papi hält sich in seinem Spezialambiente auf, tief unter dem Haus.

Lumbago: Ja, Sie sehen Jonas, ein Kinderspiel. Mit dem Bild kommen Sie hier her zurück, dafür kriegen Sie 500 Euros.

Jonas: 500. Für ein Bild, das 1.000.000 mal soviel wert ist.

Lumbago: Na, sagen wir 1000, aber mehr ist nicht drin.

Krug: Pappi hält mich kurz.

Lumbago: Alles klar Jonas.

Jonas: Noch nicht ganz, wenn die Sache so leicht ist, wozu brauchen Sie mich. Warum klauen Sie Nachtcafe nicht einfach selbst.

Lumbago: Schwer von Begriff ist er auch noch. Albin Krug wird natürlich Kassandra verdächtigen.

Krug: Sie auch Lumbago.

Lumbago: Und darum brauchen wir ein Alibi. Wir sitzen hier in der Drittwelt, ganz gemütlich. Und derweil reißt sich ein Außenstehender das Bild unter den Nagel, einer den Krug nicht kennt. Der mit Kunst nichts am Hut hat und der sich dabei nicht allzu dämlich anstellt hoffentlich. Uhrenvergleich. Es ist jetzt.

Sam: 22 Uhr 17 Minuten und 9 Sekunden. Piep.

Lumbago: Spätestens um 11 sind Sie wieder hier, Jonas. Mit Nachtcafe, eingewickelt natürlich, Decken und Packpapier finden Sie im Bildersaal auf dem Tisch rechts von der Tür.

Krug: Viel Glück Jonas. Wir sehen uns.

Sam: Tschüß.

Jonas: Jonas war schon oft danebengewesen, aber noch nie so daneben wie an diesem 2. Juli 2013. Midlifecrisis wie gesagt und große Zwergenaugen. Wie auch immer, Jonas ging klauen. Krugs Haus war kein Haus, eine Residenz, eine Palast, eine gigantische Schatzkammer, gesichert und bewacht von allem was gut und teuer war. Schleusen und Scanner jeder Art, Robodogs und Robokiller, Monitore, Fallen, Alarmanlagen, aber damit hatte Jonas keine Probleme. Jonas war unsichtbar, seine Superscheibe bahnte ihm den Weg durch die Dornenhecke ins Dornröschenschloß. In den Bildersaal, was heißt Bildersaal, ins Museum. Überall gerahmte Kunst, groß, klein, bunt, einfarbig. Soweit so gut. Wo war Nachtcafe?

Sam: Sperr die Schweinslitzen auf Genosse, hier, direkt vor dero hochwürdigstem Riechorgan.

Jonas: Das Bild da, das kleine Ding?

Sam: Ja, 70 mal 90 cm. Klein, aber oho. Wie Miß Kassandra die Krügin.

Jonas: Na, weißt du, Sammy. Giftgrün, Blutrot, Eitergelb, und mittendrin ein schiefer Billardtisch. Also mir gefällt’s nicht.

Sam: Och, wer fragt dich denn, du Banause, merke 500 Milliarden Euros können nicht irren.

Jonas: Bißchen Ästhetik hätte ich dir einprogrammieren sollen.

Sam: Nachtcafe ist eines der häßlichsten Bilder, die ich geschaffen habe, sagte Vincent van Gogh, der Meister höchstpersönlich.

Jonas: Ja, der sollte es wissen.

Sam: Und ferner sprach er: Ich habe versucht, die finsteren Nächte in einer gemeinen Kneipe darzustellen, und das in einer Atmosphäre fahl und schweflig wie ein Höllenofen.

Jonas: Interessanter Aspekt, Sammy.

Sam: Also so geht’s nicht, Chef, sind wir hier, um das Bild zu betrachten, zu interpretieren, kritisch zu werten? Hä? Mitnichten, geklaut soll es werden das Bild, also dann mal los, du Schnarchsack, bißchen plötzlich.

Jonas: 10 Minuten später war ich draußen. Auf der Straße. Unter dem Arm ein flaches Paket, rechteckig, 70 mal 90, in einer Decke, im Bauch ein ungutes Gefühl. Und in der Tasche ein Computer, dem die Geschichte auch nicht gefiel. Und der das sagte, laut und deutlich.

Sam: Da kommt eine Zwergin mit einem merkwürdigen Doktor der Kunstgeschichte und einer noch merkwürdigeren Story, und was tut mein Meister, er geht hin und klaut einen van Gogh. Wahnsinn!

Jonas: Für einen guten Zweck, Sammy.

Sam: Ach ja, also wenn du das glaubst, du Knallfrosch, dann muß dir einer ins Hirn genotdurftet haben. Was, genotdurftet, ach was geschissen.

Jonas: Vorsicht Sam, du weißt, man kann dich abschalten.

Sam: Apropos abschalten. Die Sicherheitssysteme im Hause Krug

Jonas: Waren abgeschaltet durch meine Superscheibe. Oder nicht.

Sam: Doch doch doch doch, irgendwie schon. Einerseits.

Jonas: Was heißt das?

Sam: Naja, schwer zu erklären, euer Unempfänglichkeit, da war noch mehr hinter dem Sicherheitssystemen, verdeckt, verborgen, Elektronik zu Hauf.

Jonas: Bist du sicher Sam.

Sam: Mein Gott Jupiter Merkur, was was ich, was heißt sicher, ist eher eine Art schleichende Ahnung, ungewiß oder unabweisbar, ein Gefühl.

Jonas: Du hast keine Gefühle, Sammy.

Sam: Was kein Gefühl.

Jonas: OK. Was schlägst du vor.

Sam: Folgendes Herr Kollege, Bevor uns nicht gewisse Aufklärung über Grund, Sinn und Zweck der Affäre Nachtcafe zu teil wird, liefern wir das Gemälde nicht ab. Wir halten es zurück, verstecken es, als Pfand, na ja non capito, als Sicherheit.

Jonas: Keine schlechte Idee, und Jonas wußte auch wo er das Bild unterstellen konnte: Bei Joana, einer alten Freundin, Besitzerin der kleinen Kunstgalerie Picassos Pinsel in der Palmettostraße, nicht weit, nur um die Ecke. Joana ist eine tüchtige Geschäftsfrau, die Galerie war noch auf. Abends kurz vor 11. Tja, wir Freiberufler, immer im Dienst.

Joana: Sieh mal wer da kommt, Jonas, Jonas der letzte Detektiv. Welch seltene Ehre, Tusch Herr Kapellmeister.

Sam: Tätätätä, Jonas und Sam. Der Treueste der Treuen, wie sprichwortet doch das Volk. Je später der Abend.

Joana: Halt den Rand Sammy. Gerade wollt ich abschließen und ins Bett gehen, allein, aber jetzt.

Jonas: Laß dich nicht aufhalten Joana, ich muß gleich weiter. Kannst du das hier für mich aufheben.

Joana: Ein Bild? Seit wann interessierst du dich für Kunst, Jonas?

Jonas: Laß es eingewickelt, tu es in deinen Tresor, morgen hol ich es wieder ab.

Joana: Was ist los Jonas, worum geht’s? Ein Fall.

Jonas: Keine Zeit, Joana, morgen, und was ich noch sagen wollte, danke.

Jonas: Punkt 11 kam ich in der Drittwelt an. Wie besprochen, aber Kassandra Krug und Lumbago waren nicht da.

Kellner: Die Herrschaften lassen sich entschuldigen, eine unvorhergesehene Abhaltung. Sie werden sich in wenigen Minuten einfinden. Sie, Herr…

Jonas: Jonas.

Kellner: Ach ja, ganz recht, Sie werden ersucht zu warten, Herr Jonas, hier an der Bar, wenn’s beliebt.

Jonas: Es beliebte. Auch wenn Jonas leicht säuerlich war. Wozu hatte ich mich so beeilt. Egal. Ich saß an der Bar, weit ab von den heulenden Drittweltlern, trank mit Andacht einen echten Single Malt Whisky und wartete. Ein paar Minuten vergingen, dann machte es puff, in meiner Jackentasche, ich faßte rein, nichts drin, auch nicht Kassandra Krugs Superscheibe, die eben noch dringewesen war. Anscheinend ein Autodestruktions- und Evapourationsmechanismus, schweres Wort, hab ich von Sam. Als ich gerade anfing, mich zu wundern, piekte mich plötzlich ein Zeigefinger ins Kreuz, ein amtlicher Zeigefinger. Und eine amtliche Stimme flüstere mir was ins Ohr.

Brock: Sie sind festgenommen Jonas.

Jonas: Chefinspektor Brock, warum flüstern Sie, haben Sie ihre Dienstmarke verschluckt?

Brock: Rücksicht ist das, weil wir in der Drittwelt sind, und weil hier der Polizeipräsident verkehrt, die Bürgermeisterin, Milliardäre, Industriekapitäne und -innen, bessere Leute, die wollen das exotische Ambiente in Ruhe genießen und sich beim Speisen nicht durch polizeiliche Maßnahmen stören lassen.

Jonas: Was für polizeiliche Maßnahmen, Bröckchen?

Brock: Sie sind festgenommen, Jonas.

Jonas: Ach was. Warum.

Brock: Das erfahren Sie auf dem Revier. Kommen Sie jetzt mit.

Jonas: Ich denke nicht daran. Den Grund der Festnahme müssen Sie mir sofort sagen und dann müssen Sie Ihren Spruch ableiern. Alles was Sie aussagen kann vor Gericht usw. Ist Gesetz.

Brock: Können Sie haben, Jonas, ich pfeife, meine Leute kommen rein, wir nehmen Sie fest, mit allen Schikanen, wie es im Gesetzbuch steht.

Jonas: Das wird dem Herrn Polizeipräsidenten gar nicht gefallen.

Brock: Ihren aber auch nicht, Jonas. Es könne nämlich passieren, daß Sie dabei unter Umständen ein kleines bißchen beschädigt werden. Aber ganz wie Sie wollen. Soll ich pfeifen?

Jonas: Säuseln Sie lieber weiter, Bröckchen, das ist zwar auch nicht schön, aber ausgesprochen selten.

Brock: Gut so. Stehen Sie auf, langsam, unauffällig. Gehen Sie voraus.

Jonas: Auf dem Revier gab’s keine besseren Leute, wir waren unter uns. Unter uns normalen, sofern man Bullen und private Schnüffler aus Normal bezeichnen kann. Chefinspektor Brock war wieder der alte, laut ruppig, harte Schale, und nicht ganz so harter Kern, womöglich, jedenfalls spendierte er mir einen Sojakaff. Und dann sagte er mir, warum ich festgenommen war.

Brock: Diebstahl in Verbindung mit Einbruch. Sie haben ein Gemälde aus Albin Krugs Sammlung gestohlen, Wert eine halbe Milliarde. Die Beweislage ist eindeutig. Beim Begehen der Straftat wurden Sie holografisch erfaßt und aufgenommen.

Jonas: Das also waren Sammy elektronische Ahnungen.

Brock: Bestreiten Sie das Ihnen zur Last gelegte Verbrechen, Jonas.

Jonas: Ja, das heißt nein, sagen wir nicht direkt. Ich kann alles erklären, das heißt Kassandra Krug kann, Albins Tochter, fragen Sie sie Brock.

Brock: Nicht nötig, Kassandra Krug hat Sie angezeigt Jonas und uns das Holoband vorgelegt.

Jonas: Das ist doch nicht wahr.

Brock: Rufen Sie sie an. Sie wissen ja: einen Anruf haben Sie. Das ist Gesetz.

Jonas: Das Bild, das ich, ich meine um das es geht, ist das versichert.

Brock: Klar.

Jonas: Bei wem?

Brock: Moment, steht alles im Protokoll. Hier. Vereinigte Kosmos.

Jonas: Kenn ich. Fall Supernova. OK Brock, machen Sie mir eine Fonverbindung.

Brock: Mit Kassandra Krug?

Jonas: Nein, mit der Versicherung. Jonas war dabei wieder Dampf aufzunehmen. Agieren, nicht reagieren hieß die Parole. Der Vereinigten Kosmos schlug ich ein Geschäft vor, ich bot an, Nachtcafe zurückzugeben, morgen, wenn ich sofort aus der Haft entlassen würde, vorläufig, gegen Kaution. Jonas mußte raus. So schnell wie möglich, um festzustellen, was gespielt wurde, von wem und warum. Gegen zwei Uhr nachts war ich draußen und machte mich sofort auf den Weg zur Palmettostraße. Da wartete die nächste Überraschung auf Jonas, ungewöhnliche Aktivität. Feuerwehrsirenen, Leitern, Schläuche, rote Glut, schwarze Trümmer. Die Galerie Picassos Pinsel war ausgebrannt, Joana stand vor den Resten. Sie schrie nicht, sie raufte sich nicht die Haare. Sie war sauer. Auf Jonas.

Joana: Willkommen großer Detektiv, willkommen zum festlichen Feuerzauber. Sieh es dir an, Jonas, siehs dir ganz genau an. Das wirst du mir alles ersetzen. Meine Galerie, meine Wohnung, meine Objekte, meine Bilder. Alles.

Jonas: Ich. Wieso ich.

Joana: Weil du mir vorhin dieses Bild gebracht hast, Jonas, deshalb.

Jonas: Versteh ich nicht.

Joana: Das Bild ist explodiert mit einer Stichflamme, die hat die Wandbehänge in Brand gesetzt, usw. s’ ging ganz schnell.

Jonas: Explodiert. Wann.

Joana: Genau um 11. Hatte es abgestellt, wollte gerade den Tresor aufschließen.

Jonas: Punkt elf. Ein Autodistrukt mit Zeitschaltung. Wie der bei Scheibe. Mein Gott das Bild, Joana, was ist mit Nachtcafe.

Joana: Was soll sein. Explodiert. Verbrannt. Hinüber.

Jonas: Verbrannt. Ein echter van Gogh. 500 Millionen Euros.

Joana: Unsinn. Eine Kopie, gutgemacht, aber doch nur eine Kopie. Nicht mehr wert als 100 Euros.

Jonas: Bist du sicher.

Joana: Ich hab’s mir angekuckt dein Bild. Ausgewickelt und angekuckt. Wollt doch wissen, was Jonas bei mir abstellt. Van Goghs Nachtcafe. Kopie in Originalgröße.

Jonas: Eine billige Kopie. Ich hab ne Kopie geklaut. Joana ich brauch dich. Komm mit.

Joana: Darauf kannst du dich verlassen Jonas, daß ich mitkomme und dich nicht aus den Augen lasse. Nicht weil ich dich brauche. Ich brauch ein Bett und Schadensersatz. Rat und Hilfe sowieso.

Jonas: Auch Jonas brauchte Rat und Hilfe. Es war höchste Zeit für eine Konferenz. Eine Stunde saßen wir in meinem Büroapartment zusammen. Joana, Jonas und Sam natürlich. Nur daß der nicht saß sondern lag. Auf dem Schreibtisch, was seinen Redefluß keineswegs einschränkte. Im Gegenteil.

Sam: Im Namen der Logik, des Intellekts und des heiligen Geistes, lasset uns rekapitulieren liebwerte Gemeinde.

Joana: Von mir aus.

Jonas: Nur zu, Sammy. Erstens.

Sam: Niemals. Punktum Römisch I. Fraktur.

Jonas: Ist uns auch recht, was Joana.

Sam: Römisch I. Alldieweil Sintimalen und was maßen unserem hochwertgeschätzten Anbefohlen namens Jonas nur Jonas zubenamset der letzte Detektiv von Seiten einer gewissen Kassandra Krug die Aufgabe zu teil wart, ein ölfarbbedecktes Stück Leinewand vulgo Nachtcafe aus ihres Herrn Vaters hochkünstlerischer Sammlung heimlichst zu entfernen, äh entfernen, sintinmalen zu entfernen, sinti… wo war

Jonas: Na Sammy, verhaspelt, weißt du nicht weiter.

Sam: Piep. Zwo. Jonas klaut Bild, wird dabei ohne sein Wissen elektronisch beobachtet, und aufgezeichnet. Drei. Kassandra Krug zeigt Jonas wegen Diebstahls an. Vier. Supersicherheitsscheibe wird durch Selbstzerstörungsmechanismus vernichtet.

Jonas: Und damit verliere ich meinen einzigen Beweis, daß ich für Kassandra Krug gearbeitet habe.

Sam: Bitte den Vortragenden nicht zu unterbrechen. Fünf. Vernichtet wird gleichermaßen das gestohlene Bild, welches sich zu allem Überfluß Punkt sechs als Kopie erweist.

Jonas: Erwies, Sammy, erwies.

Sam: Bzw. bewies. In dem das.

Jonas: Alldieweil und sintimalen.

Sam: In dem das Alldieweil und sintimalen Punkt sieben besagtes Bild nicht mehr existiert ebenfalls dank eines Autodistruktmechanismus, durch welches Faktum dem Paktum des p.p. Jonas der Versicherungsgesellschaft zur Gänze die Basis entzogen wurde. Fuu äh Korrektur Uff.

Jonas: Das heißt Jonas muß in den Knast. Punkt 8.

Sam: Fazit Jonas nur Jonas der letzte Detektiv belieben sich in einer keinesfalls als beneidenswert zu bezeichnenden Situation zu befinden.

Jonas: Vulgo in der Scheiße. Bis zum Hals.

Joana: Und ich. Geht’s mir etwa gut?

Sam: Irrelefant meine Gnädigste. Denn merke: Sam ist ein persönlicher Computer. Sams Person ist Jonas. Zufällig zugelaufene Wesen weiblichen Geschlechts gehören nicht in Sams Aufgabeparameter.

Joana: Blas dich nicht so auf du eifersüchtige Blechbüchse.

Sam: Unsachliche Unterstellungen großmütig ignorierend, kommen wir nunmehr zum Schluß, liebwerte Gemeinde, wieder einmal ist Jonas, nur Jonas der letzte Detektiv Objekt und Opfer in einem üblen Spiels, welches mit ihm getrieben wird.

Jonas: Scheiß Spiel.

Sam: Ja.

Jonas: Getrieben von wem. Wer steckt dahinter.

Sam: Ach armer Jonas, die alte alte Frage und ist doch ewig neu.

Jonas: Is ja gut Sammy, und deine Antwort.

Sam: Unzureichende Daten, o Wiederstein der Weltaltswonnen.

Jonas: Die alte alte Antwort also.

Joana: Kassandra Krug, wer denn sonst.

Jonas: Vielleicht auch dieser Dr. Lumbago, der Leiter von Albin Krugs Sammlung.

Joana: Augenblick, Jonas, was soll dieser Dr. Dingsbums sein.

Jonas: Lumbago, Leiter von Krugs Kunstsammlung.

Joana: Nie im Leben. Der Leiter ist Professor Asmus, ich kenn ihn persönlich.

Jonas: Wie sieht er aus.

Joana: Ein alter Herr, klein, zierlich, trägt nur schwarz, drückt sich sehr gewählt aus.

Sam: Hm, hört sich ganz und gar nicht an wie unser Freund Tayfun Lumbago. Was Chef.

Joana: Ein interessanter Mann, Asmus mein ich, früher mal vor 30, 40 Jahren recht bekannter Maler, Pseudoexpressionist, Neoabstracter, Fotorealist.

Jonas: Hast du seine Fonnummer, Joana.

Joana: Moment.

Joana: In meinem Computer.

Sam: Was, anderer Computer? Nein, Sammy eifersüchtig, nicht anderer Computer.

Jonas: Prof. Asmus ging nicht ans Fon, aber Joana hatte seine Adresse. Racivilweg, Südbabylon, das alte Künstlerviertel, eine Dachwohnung, fast ein Penthouse, unproblematisches Türschloß, dahinter ein riesengroßer Raum, Schlaf- und Wohnzimmer plus Atelier, ein überdimensionales Fenster, Nordlicht, zwischen Bett und Staffelei ein hochkünstlerisches Chaos. Zeichencomputer, Pinsel und Farben, auf einem echten alten Holztisch vollgekritzelte Blätter, über- und durcheinander.

Joana: Skizzen, Entwürfe, Studien, und alle zu einem Thema, zu einem Bild.

Jonas: Sag’s nicht, Joana, laß mich raten, blutrot eitergelb giftgrün, Billardtisch, Nachtcafe. Van Gogh.

Joana: Kopie von Prof. Asmus.

Jonas: Das heißt, die Kopie, die Jonas im Hause Krug gestohlen und dann dir übergeben hat Joana.

Joana: Und die bei mir in die Luft geflogen ist, mitsamt der ganzen Galerie.

Jonas: Diese Kopie hat Asmus produziert, Professor Asmus, Maler und Leiter von Krugs Kunstsammlung.

Joana: Das gibt doch keinen Sinn, Jonas, außer, Moment, außer Asmus ist der große Unbekannte, der Drahtzieher im Hintergrund.

Jonas: Nein, Joana, das ist er nicht.

Joana: Wieso nicht?

Jonas: Asmus trägt immer schwarz, hast du gesagt.

Joana: Ja, warum?

Jonas: Darum. Unter dem Bett sah ein Fuß hervor, in schwarzem Schuh und schwarzer Socke. Ich faßte zu und zog. Zum Vorschein kam ein kleiner alter Mann in schwarz. Ein toter Mann. Mit verdrehtem Kopf und gebrochenem Genick, noch warm.

Joana: Professor Asmus, das ist er.

Jonas: Das war er. Jemand hat ihn umgebracht.

Joana: Der Unbekannte, der Drahtzieher.

Jonas: Sieht so aus.

Joana: Drahtzieherin Kassandra Krug.

Jonas: Ich weiß nicht, Joana. Irgendwie traue ich ihr sowas nicht zu.

Sam: Jaja, strenger Vater, kleine Tochter, große Augen. Armes Kind. Ein Sentimentalinski ist mein Jonas. Hört das Fon ihr läuten, was hat’s denn zu bedeuten?

Jonas: Blöde Frage, Sammy, irgendwer ruft bei Asmus an.

Joana: Wer kann das sein, Jonas?

Jonas: Werden wir gleich hören. Hallo?

Krug: Das wurde auch Zeit. Meine Tochter, schnell.

Jonas: Hier ist das Atelier von Professor Asmus.

Krug: Weiß ich. Ich bin Albin Krug. Persönlich. Ich warte nicht gern. Geben Sie mir meine Tochter. Wer immer Sie sind, ich weiß daß sie da ist.

Jonas: Ich zittere Herr Krug vor Angst und Ehrerbietung, aber Kassandra ist momentan unanwesend, leider, ich hätte sie auch gern gesprochen.

Krug: Das können Sie haben, Jonas, hier bin ich. Legen Sie das Fon hin, heben Sie die Arme und drehen Sie sich zum Fenster, langsam. Ein Laserstrahler schießt auch durch Glas, und wir haben drei.

Jonas: Sie waren auf dem Dach hinter dem Atelierfenster. Kassandra die bedauernswerte Kleine, immer noch klein, aber nicht mehr bedauernswert. Neben ihr Lumbago, und neben Lumbago sein Ebenbild, genauso groß, genauso breit, genauso häßlich. Der Fall wurde immer undurchsichtiger. Eins war allerdings klar. Die drei am Fenster hatten schußbereite Laser, und damit hatten sie uns. Im Sack. Um ihn zuzumachen, stiegen sie durch den offenen Flügel, das heißt Kassandra und Lumbago stiegen, das Ebenbild krachte voll durch die Scheibe.

Lumbago: Doch nicht so, Atlas.

Atlas: Hu, Fenster putt.

Lumbago: Da siehst du. Und deine Hand.

Atlas: Blut. Aua.

Lumbago: Lecks ab. Mein Bruder Atlas ist ein bißchen impulsiv, Jonas.

Jonas: So ihr Bruder, Lumbago, auch Doktor? Der Philosophie oder der Metaphysik?

Lumbago: Unter uns, Jonas, mein Bruder Atlas ist möglicherweise nicht ganz so intelligent wie ich, aber er hat seine Qualitäten. Was Atlas?

Atlas: Die da, totmachen?

Jonas: Tayfun und Atlas, die zwei Lumbagos, eine echte Clownnummer, ausgefuchst, eingespielt, und richtig komisch, schade daß Jonas so gar nicht darüber lachen konnte, die arme Joana auch nicht.

Atlas: Totmachen, ja, bitte, bitte, totmachen.

Krug: Halten Sie ihn noch einen Augenblick an der Leine Lumbago. Hallo Papi, Kassi hier, Asmus? Erledigt, Papilein, abgehackt. Wie besprochen. Auf deine Kassi kannst du doch verlassen, das weißt du doch. Eben am Fon? Das war Jonas, der Detektiv, genau, der Trottel, der die Kopie gestohlen hat, Atlas wird sich gleich um ihn kümmern. Was? Aber Papischatz wozu denn das hält doch nur auf, ja, na gut, Papilein, ganz wie du willst, wir sind gleich bei dir. Küßchen Papi.

Lumbago: Alles klar Kassandra.

Atlas: Jetzt totmachen ja?

Krug: Tut mir leid, Atlas.

Atlas: Nix totmachen?

Krug: Nix totmachen Atlas, Pappi will das nicht.

Lumbago: Er hat sich doch so darauf gefreut, ich versteh das nicht, Kassandra, es war doch abgemacht, daß Jonas über die Wupper geht.

Krug: Und dabei bleibt’s auch, Lumbago, nur daß Papi die Sache selbst in die Hand nehmen wird. Sie kennen ihn doch, er ist Romantiker, Genußmensch. Mit Jonas will er sich ein Fest machen. Zuhause. In aller Ruhe.

Lumbago: Also ex und hopp auf die schnelle wär mir lieber Kassandra.

Krug: Mir auch, Lumbago, mir auch, aber Papis Wille geschehe. Kommen Sie Jonas, und Sie auch Herzchen. Ich weiß nicht wer Sie sind.

Joana: Joana ist mein Name.

Krug: Ich will’s auch gar nicht wissen, mitgefangen, mitgehangen. Los.

Jonas: Auf dem Dach, hinter einem dicken Schornstein, wartete ein Minihelikopter. Mit Platz für zwei. Tayfun Lumbago steuerte, Atlas nahm Kassandra auf den Schoß. Joana und Jonas banden sie außen an. Ein dröhnender atemberaubender Luftsprung zum Dach des Hauses Krug. Da stiegen wir um in einen Lift, abwärts in den Keller und weiter abwärts, noch ein gutes Stück, schließlich Endstation. Alles aussteigen. Es war kalt. Sehr kalt. Arktisch kalt. Und arktisch sah er auch aus, der große Raum tief unter dem Haus. Boden und Wände klinisch weiß gefliest und kahl, in der Mitte ein Bett, darauf eine zerknüllte weiße Decke, davor eine große Konsole, halbrund, voll mit Schaltern, Tasten, Bildschirmen, Signalleuchten. An der rechten Wand, in einem abgedichtetem Plexikasten, ein buntes Bild.

Joana: Nachtcafe, das Original!

Krug: Selbstverständlich das Original. Ein echter van Gogh, meine Herrschaften. 500 Millionen Euros.

Jonas: Ein Ofen wäre mir lieber, ich, ich glaube ich habe noch nie in meinem Leben so gefroren wie jetzt.

Sam: Irrtum, Meister, denke zurücke, November 2011 vor anderthalb Jahren, Fall Schneewittchen, der Kühlraum im Hafenspeicher, ja, da ist’s auch kalt gwen.

Jonas: Weißt du, Sammy, der alte Philip Marlowe hatte es besser, er mußte nie in die Kälte.

Sam: Aber ins Treibhaus, du Frostbeule.

Jonas: Kein Vergleich, Sam, kein Vergleich.

Krug: Sie frieren, Herr Jonas, das tut mir leid. Ich bin Ihnen entgegengekommen, auf Minus 30 Grad, die normale Temperatur hier beträgt Minus 70 Grad.

Sam: Ei höllisch.

Jonas: Was da sprach, war die Decke auf dem Bett. Keine Decke, ein Mensch, ein Mann, klein, uralt, faltig, verschrumpelt und schneeweiß. Haar, Bart, Haut, Kleidung, alles weiß. Albin Krug, am Leben gehalten durch das Wunder der Kryonik, extreme Kälte verlangsamte und schonte die Funktionen seines verbrauchten Körpers.

Krug: Ein guter Rat, Herr Jonas, halten Sie sich kühl, dann werden Sie alt, 120 Jahre und älter.

Jonas: Sie erinnern mich an die gleichnamige Champagnermarke, Herr Krug, vor Gebrauch gut kühlen.

Krug: Witzig. Fesseln, ihn und die Frau.

Atlas: Auch knebeln, Boß?

Krug: Nicht doch, sie sollen sich ausdrücken können. Bitten, betteln, schreien, um Hilfe, vor Angst, vor Schmerzen. O, nur fesseln.

Jonas: Das klang nicht gut. Joana und Jonas wurden verschnürt, mit Biofesseln, die speziell auf große Kälte eingestellt waren. Das verriet uns Albin Krug, und dann verriet er uns die Hintergründe im Fall Nachtcafe.

Krug: Wissen Sie, etwas großes zu tun, reicht nicht, man muß es auch kund tun. Sie Herr Jonas und ihre Freundin sind ein ideales Publikum.

Jonas: Klar, wir können nicht gehen wenn es langweilig wird.

Krug: Aus zwei Gründen. Sie haben in der Affäre mitgewirkt, in nicht unwichtigen Funktionen, und Sie werden das, was Sie erfahren, nicht weitergeben können.

Krug: Papiliebling, beeil dich ein bißchen, du weißt, die hohe Temperatur tut dir nicht gut.

Krug: Sorg um deinen Papi, wie immer Kassi mein Herz, damit es schneller geht, du mir ab und zu helfen.

Krug: O wie gern Papilein.

Krug: Gut. Ich beginne. Als ich vor nicht allzulanger Zeit bekannt gab, ich wolle meinen kostbaren van Gogh ins Grab mitnehmen, in einem vorübergehenden Anfall von

Krug: Von Morbidität, da gab’s in der sogenannten Kulturszene ein großes Gezeter.

Krug: Da war schön, das hat Spaß gemacht.

Krug: Aber das war nicht genug. Papi Liebling fiel was besseres ein. Nachtcafe stehlen lassen und doch behalten, die Versicherung übers Ohr hauen.

Jonas: OK, Herr Krug, aber wozu, bei Ihrem Vermögen kann doch eine halbe Milliarde keine große Rolle spielen.

Krug: Das Geld interessiert mich nicht, Herr Jonas.

Jonas: Sondern?

Krug: Noch niemals Herr Jonas hatte ich ein Verbrechen begangen.

Jonas: Ach wirklich, Sie Albin Krug, Multimilliardär und Wirtschaftskapitän.

Krug: Mein Gott, Wirtschaftsvergehen, Geschäftsusancen, am Rande der Legalität, das…

Krug: Das zählt nicht. Papilein meint richtige Verbrechen, Kapitalverbrechen.

Krug: Betrug, Diebstahl, Mord, eine neue Herausforderung, Herr Jonas, neue Erfahrungen, ganz neuer Spaß. Natürlich brauchte ich Unterstützung durch Kassi, die späte Frucht meiner Lenden und von einem gekauften Ei, nicht groß aber effektiv.

Krug: Ich tu alles für dich Papilein.

Krug: Und die beiden Lumbagos fürs Grobe. Ich machte einen Plan, und wir suchten einen…

Krug: Einen Dummen. Jonas, einen Dieb und Sündenbock, einigermaßen brauchbar mußte er sein, ehrlich, ein bißchen sentimental, nicht sehr klug, und wir fanden…

Jonas: Jonas. Jonas, den letzten Detektiv.

Krug: Eine geradezu ideale Besetzung. Asmus wurde beauftragt, eine Kopie von Nachtcafe anzufertigen, und diese Kopie haben Sie brav gestohlen, Herr Jonas.

Krug: In ihr befand sich ein Autodestrukt, eingestellt auf 11 Uhr. Die gestohlene Kopie verschwand für immer, der überführte Dieb wurde verhaftet, die Versicherung muß zahlen.

Jonas: Und damit Asmus keine Schwierigkeiten macht, hat Kassi ihn kurzerhand umgebracht.

Krug: Also genaugenommen war’s Atlas.

Atlas: Totgemacht. Hals umgedreht.

Krug: Brav, Altlas, Guter Mann.

Jonas: Mord, Versicherungsbetrug in 3stelliger Millionenhöhe, Anstiftung zu Einbruch und Diebstahl. Eine runde Sache, Herr Krug, wie fühlt man sich so als Schwerverbrecher? Zufrieden?

Krug: Noch nicht, Herr Jonas, noch fehlt der Höhepunkt in Albin Krugs krimineller Karriere. Albin Krug wird einen Mord begehen, persönlich.

Krug: Zwei Morde, Papischatz.

Krug: Einen Doppelmord. Eigenhändig. Langsam. Mit Genuß. Mit Hingabe und Raffinesse.

Atlas: Ja, Boß, totmachen.

Krug: Kann ich solange rausgehen Papilein?

Jonas: Zart besaitet, Kassandra.

Krug: Unsinn, mir ist kalt.

Lumbago: Mir auch.

Krug: Atlas solltest du hierbehalten, Papi, als Leibwächter und Handlanger falls du einen brauchst.

Jonas: Kassandra und Lumbago gingen sich aufwärmen, Atlas blieb bei Krug. Der mußte offenbar eine kurze Pause einlegen. Jedenfalls war es ein paar Minuten still im Raum, zu hören war nur das leise Summen der Kühlaggregate hinter den Wänden. Das brachte Jonas auf einen Gedanken. Sam, in meiner Brusttasche, ich ließ den Kopf sinken und nahm Kontakt auf. So leise wie möglich.

Sam: Alles vernommen, Meister. Leb wohl, leb wohl auf ewig, Sammy wird um dich trauern und dir Blumen ans Grab bringen.

Jonas: Blumen gibt’s schon lange nicht mehr, Sam.

Sam: Ne?

Jonas: Und mit der Trauer wartest du besser, bis Jonas wirklich im…

Sam: Ist gut.

Joana: Das wirst du bald Jonas und ich dazu wenn dir nicht schnellstens was einfällt.

Jonas: Mir, ich bin nur ein kleiner Privatdetektiv, Joana, ein nützlicher Idiot, nicht sehr klug, hast du ja gehört, für Einfälle ist Sam zuständig. Sam ist der Computer, der Rechner, der Denker, na los, Sammy, denk uns hier raus.

Sam: Ist viel zu kalt, Meister, viel zu kalt. Viel zu kalt. Ist aus Kiß me Kalt, kennst du.

Jonas: Dann muß ich dir wohl ein bißchen auf die Sprünge helfen, Sammy, das Summen, hör doch mal.

Sam: Na und? Kälteaggregate. Um Albin Krug schön kühl zu halten, damit er nicht verdirbt, gleich hinter der Wand.

Jonas: Elektronisch gesteuert?

Sam: Na ja was denn sonst? Aha, Ach so. Ja so.

Jonas: Sam hatte kapiert und machte sich an die Arbeit. Als Maulwurf im Steuersystem von Krugs Kühlanlage. Es dauerte ein bißchen, ein paar Sicherungen gibt es, die kann nicht mal Sam auf die Schnelle knacken. Aber dann war er durch. Langsam, ganz langsam stieg die Temperatur, wurden die Aggregate lauter. Albin Krug merkte nichts. Er suhlte sich voller Wonne in Killerphantasien.

Krug: Wie soll ich sie töten, welche Todesart verspricht höchsten Genuß?

Jonas: Das ist die Frage, wie ein gewisser Hamlet mal gesagt hat.

Krug: Soll ich die Raumtemperatur allmählich zurückdrehen, und beobachten, wie sie ganz langsam erfrieren, nein, das ist zu einfach, zu wenig raffiniert.

Jonas: Phantasielos.

Krug: Unser guter Atlas könnte ihnen die Haut in Streifen vom Leib schneiden.

Atlas: O ja Boss, totmachen, Haut abziehen.

Krug: Ich weiß nicht. Ach, meine lieben kleinen Autodistruktbömbchen, immer zur Hand auf meiner Konsole. Wie wär’s denn damit. Atlas drückt ihnen die Nase zu uns zwingt sie so einen niedlichen Knallfrosch herunterzuschlucken. Oder wir führen ihnen ein paar Ladungen in andere sehr viel empfindlichere Körperöffnungen ein.

Joana: Nein.

Krug: Auf welchen Zeitpunkt ich die Bomben eingestellt habe, das wird nicht verraten, das bleibt mein kleines Geheimnis, schwitzen werden sie vor Angst, sich bemachen, winseln, heulen, zähneklappern, und plötzlich werde ich sagen, in einer Minute explodiert ihr Magen, ihr Darm, was immer, aber vielleicht ist es gar nicht wahr, ein wunderbares Spiel, tausend Tode werden sie sterben, zehntausend, hunderttausend.

Atlas: Oh, heiß Boß, Atlas muß schwitzen.

Jonas: Recht hatte er. Die Temperatur war in tropische Höhen geklettert. Genau das richtige Ambiente für einen Gorilla, aber nicht für einen überalterten eiskalten Greis.

Krug: Was, was ist das? Hilfe! Ich sterbe. Ich schmelze. Ich löse mich auf. Oh…

Atlas: Boss? Boss tot, Boß tot.

Jonas: Die Hitze schmolz unsere Biofesseln, und auch Albin Krug war dahingeschmolzen. Vor unseren Augen hatte er sich aufgelöst. In Zeitraffer, bei lebendigem Leibes verwest. Jetzt war von ihm nichts mehr übrig als eine schmutzig-graue Pfütze auf dem Bett, eine dicke Blase stieg an die Oberfläche und zerplatzte. Es roch nicht gut. Atlas glotzte, er zitterte und war so verstört, daß Jonas ihm problemlos den Laser aus der Hand nehmen und über den Scheitel ziehen konnte.

Sam: Das wär’s Leute, hochverpupptes Ehrlichkeit, liebe Kinder, ja, ist das nicht ganz exquisit gelaufen? Hm? O welche Wonne wie Eis an der Sonne schmolz er dahin. Jetzt ist er ne Pfütze, zu nichts mehr nütze, das war der Sinn.

Jonas: Der Krug geht so lange zu Wasser bis er schmilzt.

Joana: Schrecklich. Ich will raus.

Jonas: Zu. Abgeschlossen. Von außen. Elektronisch, Sammy?

Sam: Ach was. Mechanisch, Uraltmodisches Türschloß. Mit sowas gibt sich unser eins gar nicht erst ab.

Joana: Du hast doch den Laserstrahler, Jonas.

Jonas: Mit dem Laser krieg ich die Tür nicht auf.

Joana: Und mit einem Autodistrukt.

Jonas: Das ginge. Und was machen wir, wenn die Tür auf ist.

Sam: Shot out, Partner. Raus mit dem Laser.

Jonas: Ein einzelner Jonas gegen Kassi und Lumbago, riskant.

Joana: Vielleicht sollten wir verhandeln.

Jonas: Vielleicht. Kassandra Krug macht einen ganz vernünftigen Eindruck. Na bitte. Hallo?

Krug: Bist du das Atlas?

Jonas: Unser gemeinsamer Freund Atlas ist leider verhindert.

Krug: Jonas? Was ist passiert?

Jonas: Tja, wie soll ich mich ausdrücken, vielleicht so: Seit ein paar Minuten sind Sie Kassandra Krug, die reichste Person in Babylon.

Krug: Papilein?

Jonas: Exakt.

Jonas: Wissen Sie, es war so kalt, daher haben wir die Temperatur erhöht, das ist Papi gar nicht gut bekommen. So sieht’s aus, Kassandra. Papi tot, wir drinnen, Sie draußen. Patt.

Krug: Matt, Jonas, Sie, wir brauchen nur zu warten, bis Sie anfangen sich vor Hunger aufzufressen.

Jonas: Sie vergessen was, Kassandra. Wir haben Nachtcafe und ein paar Autodistruktladungen, vom Laser ganz zu schweigen. Es wäre doch schade um ein einmaliges Kunstwerk, ihr wertvollstes Erbstück, Kassandra.

Krug: Was verlangen Sie?

Jonas: Freien Abzug, Schmerzensgeld.

Joana: Für mich auch.

Jonas: Schadensersatz für Joana.

Joana: 100.00 Euros. Mindestens.

Jonas: Und Nachtcafe.

Krug: Was? Kommt nicht in Frage.

Jonas: Sie kriegen das gute Stück ja wieder Kassandra von der Vereinigten Kosmos. Da muß ich es abliefern. Damit die Anklage gegen mich zurückgezogen wird.

Krug: Und was kriege ich?

Jonas: Einen Ärger, mit der Versicherung, mit der Polizei wegen Asmus, und Papis Milliarden natürlich.

Krug: Einverstanden, kommen Sie raus.

Jonas: Ich hatte es ja gesagt, Kassandra Krug war ein kluges Kind, unser Abmarsch ging glatt, vielleicht weil Jonas den Finger am Abzug des Lasers hatte, und die Mündung an Nachtcafe. Sicher ist sicher.

Sam: Happy End und Sonnenschein. Es ist so schön so klein zu sein.

Jonas: Darauf sollten wir was trinken, Joana, im Casablanca. Oder bei mir.

Sam: Oder bei mir.

Joana: Kein Zeit Jonas, ein andermal, ich muß mich ums Geschäft kümmern. Wir sehen uns.

Sam: Tschüß.

Jonas: Wir sahen uns. Wochen später bei der Eröffnung von Joanas neuer Galerie: Nicht mehr Picassos Pinsel. Ars nova, protzig und teuer, in bester Lage am Markgrafenboulevard. Adeba Asmus, ein unbekannter Klassiker, so hieß die große Verkaufsausstellung. Gleich nach unserem Nachtcafeabenteuer hatte Joana angefangen, Bilder von Asmus aufzukaufen, bevor sein Tod bekannt wurde, für ein paar Euros, jetzt kosteten sie das Vielfache. Nicht van Gogh Klasse aber immerhin. So ist das. Ein toter Maler lebt nicht schlecht. Vielleicht sollte ich mich umschulen lassen.

Sam: Hast wohl zu viel Nachtcafe gesoffen du Hirnsklerotiker, merke, immer noch besser ein lebendiger Jonas als ein toter Van Gogh gelle oder wie oder was?

Das war Nachtcafe. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem wirkten mit: Diana Körner, Simone Rethel, Ulrich Beiger, Dirk Galuba, Martin Semmelrogge und viele andere (Claudius Zimmermann, Klaus Neumann, Pascale Schulze, Marc Schulze, Urs Schaudinn, Andreas Wohlrab, Eva Windisch). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Regieassistenz: Holger Buck. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1994). Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Strafkolonie

Jonas: Mir ging’s gar nicht gut. Jacobs neuer Whisky. Beste Schmuggelware aus Singapur, sagte er. Gestern abend hatte ich das Zeug im Casablanca getestet. Ich fühlte mich wie die uralte Mumie eines uralten Pharao, und ich sah auch so aus. Aber den kahlköpfigen Mann, der mir in meinem Büroapartment gegenüber saß, störte das nicht. Im Gegenteil.

Stammheim: Sehr schön. Zerknittert. Unrasiert. Augen blutunterlaufen, Ringe drum herum. Bleiben Sie so, Herr Jonas, so sind Sie genau richtig für den Job.

Jonas: Welchen Job?

Stammheim: Den Sie für mich erledigen werden, Herr Jonas.

Jonas: Werd ich das. Worum geht’s denn?

Stammheim: Sie werden meine Außenstände eintreiben, so was machen Sie doch, oder?

Jonas: Klar, mach ich. Wenn sich nichts besseres bietet. Ich bin Detektiv. Privatdetektiv. Der letzte in Babylon, der riesengroßen Stadt, glaub ich wenigstens. Jonas ist der Name, nur Jonas, und wie hieß der Glatzkopf.

Stammheim: Stammheim, Alonso Stammheim.

Jonas: Macht ja nichts. Was für Außenstände, Herr Stammheim?

Stammheim: Geld, das mir zusteht, weil ich’s beim Pokern gewonnen habe

Jonas: Wieviel.

Stammheim: An sich kleine Fische, 400 Euros, ich hab einen Schuldschein, alles ist in Ordnung nur

Jonas: Der Kerl zahlt nicht.

Stammheim: Ja.

Jonas: Warum geben Sie Ihren Schein nicht dem staatlichen Exekutor, Herr Stammheim?

Stammheim: Weil ich im öffentlichen Dienst arbeite verehrtester, im Justizministerium und weil sich Poker und Spielschulden nicht gut in der Personalakte macht.

Jonas: Lassen Sie es doch einfach sausen.

Stammheim: Kommt nicht in Frage. Nicht mit mir. Sie werden mein Geld eintreiben, Herr Jonas, für 10 %.

Jonas: 25. Und nur wenn die Sache im Rahmen bleibt.

Stammheim: Im Rahmen?

Jonas: Der Gesetze, Herr Stammheim, nichts Illegales.

Stammheim: Natürlich nicht, Herr Jonas. Sie werden dem Mann lediglich ein bißchen zureden, mit gewissem Nachdruck.

Jonas: Wie heißt er, wo wohnt er.

Jonas: Die Adresse war im Nordosten, ein mittlerer Wohnbezirk, nicht so fein wie die Gegend um den Markgrafenboulevard, nicht so vergammelt wie die Südstadt, relativ ungefährlich. Ein kurzer schmerzloser Job, dachte ich, deshalb verzichtete ich darauf, Alonso Stammheim abzuchecken, und ich ging ausnahmsweise allein, ohne meinen Computer. Ich fand das Haus, machte die Tür auf, betrat einen dunklen Flur, und da schlugen sie zu, Auto-Cops, ein Greiferkommando, sie hielten mich fest, zogen mir einen Bodybag über, machten ihn zu, alles ging sehr schnell.

Autocop: Jonas, nur Jonas, Sie sind festgenommen. Sie stehen im Verdacht, schwerste Verbrechen gemäß Corpus Juris Babylonici begangen zu haben.

Jonas: Ihr Blechbullen tickt wohl nicht richtig, laßt mich raus, ich bin der falsche.

Autocop: Verhalten Sie sich ruhig, unterlassen Sie jeden Widerstand, sollten Sie in Ihrer Renitenz beharren, würden Sie sich der akuten Gefahr polizeilicher Zwangsmaßnahmen aussetzen. Sie sind hiermit gewarnt.

Jonas: Immer mit der Ruhe, hört doch mal zu. Ganz langsam zum mitschreiben. Verhaftung Irrtum. Falsches Programm. Kommando zurück. Alles klar. Ihr sollt mich rauslassen verdammt. Ah.

Jonas: Die Zwangsmaßnahmen sahen so aus, daß einer der Auto-Cops eine Spritze ausfuhr und mir einen Schuß in den Hals verpaßte. Schlagartig gingen in meinem Kopf die Lichter aus. Jonas trat ab. Als ich wieder auftrat, steckte ich immer noch bis zum Hals im Sack, der hing jetzt am Haken an der Wand einer engen Zelle, eine Tür, kein Fenster, kahl und leer, bis auf den schwarzen Plastikwürfel vor mir ca. 1 mal 1m, unten Rollen, oben Skalen und Knöpfe, und eine Lampe, die plötzlich aufleuchtete, der Würfel quietschte, knarrte, kam ins Zittern und dann fing er an zu reden:

Auto-Judex: Achtung, Achtung, Ruhe im Saal, die Verhandlung ist eröffnet, vor dem ordentlich bestallten, unter Nr. 202-9771-17 amtlich zugelassenen Auto-Judex des Gerichtsbezirks 17 im Justizministerium von Babylon erscheint heute am 29. Juli 2013 als Beklagter der babylonische Bürger Jonas, nur Jonas, geboren am 1. Mai 1967, der Beklagte wird beschuldigt diverser schwerer Vergehen wider Leib, Leben und Eigentum, als da sind Diebstahl eines Gemäldes im Wert von 500 Millionen Euros in Tateinheit mit Einbruch, Mord am babylonischen Bürger Albin Krug, schwere Körperverletzung sowie Beihilfe zum Mord. Beklagter, bekennen Sie sich schuldig?

Jonas: Augenblick mal, das ist ein Mißverständnis, offenbar geht es um den Nachtcafefall vor 3 Wochen, aber der war ganz anders, wenn ich das mal.

Auto-Judex: Das Gericht nimmt zu Protokoll, der Beklagte bekennt sich in allen Punkten schuldig.

Jonas: Was? Ich denke nicht daran, kein Wort davon ist wahr.

Auto-Judex: Eine Beweisaufnahme kann somit entfallen. Angesichts der schwere der vom Beklagten eingestandenen Taten fordert die Anklage die schnellstmögliche Verbringung des Beklagten in die Strafkolonie zum dortigen Verbleib ohne zeitliche Limitierung.

Jonas: Ich protestiere.

Auto-Judex: Da die Verteidigung auf ihr Plädoyer verzichtet, schreiten wir nunmehr zur Verkündigung des Urteils. Entsprechend dem Antrag der Anklage wird Jonas, nur Jonas, verurteilt, sein weiteres Leben in der Strafkolonie zu verbringen, der Beklagte nimmt das Urteil an, das Urteil ist rechtskräftig.

Jonas: Nein, nein, das könnt ihr doch nicht machen, Zeugen, ich hab Zeugen, Chefinspektor Brock von der Kripo.

Auto-Judex: Die Verhandlung ist geschlossen.

Jonas: Weg war er, und ich hing weiter am Haken und wußte nicht, wie mir geschah. Auto-Cops, Auto-Judex, eine auf Stromlinie programmierte Verhandlung, die ein Witz war. Aber ein schlechter auf meine Kosten. Zum Teufel mit allen Justizautomaten, dachte ich. Jonas braucht dringend einen Menschen. Und wie ich so dachte, kam er auch schon durch die Tür, der Mensch, ein nicht unbekannter solcher, namens Alonso Stammheim.

Stammheim: So sieht man sich wieder, Herr Jonas. Was machen Sie denn für schlimme Sachen.

Jonas: Sie arbeiten doch im Justizministerium, Herr Stammheim, tun Sie was, ich bin unschuldig, und ihr Auto-Judex schickt mich in die Strafkolonie.

Stammheim: Glatter Justizmord, ganz Ihrer Meinung.

Jonas: Die Verhandlung war absolut unfair.

Stammheim: Eine Farce, Herr Jonas, eine Schande, empörend.

Jonas: Irgendein Mäusebein in der automatischen Justizelektronik, nehm ich an.

Stammheim: Das kann schon mal vorkommen, unsere Automaten sind leider nicht unfehlbar. Tja, Ihr Pech.

Jonas: So ist das also. Sie waren das, Stammheim. Sie haben mich reingeritten. Die Auto-Cops, der Auto-Judex.

Stammheim: Von mir programmiert. So ist es, Herr Jonas.

Jonas: Warum Stammheim. Sie müssen doch einen Grund haben.

Stammheim: Natürlich hab ich einen Grund, zwei sogar. Ich wollte Sie in eine positive aufnahmebereite Stimmung bringen für mein Anliegen und auch gleich in die richtige Ausgangsposition. Ich brauch Sie nämlich drinnen, Herr Jonas. In der Strafkolonie.

Jonas: Danke, da gehe ich nicht hin.

Stammheim: Sie müssen Herr Jonas, Sie sind rechtskräftig verurteilt, Sie haben keine Wahl: Aber was rede ich da. Sie haben eine Wahl, Herr Jonas, Sie bleiben in der Kolonie, bis Sie schwarz werden, oder Sie kommen in ein paar Tagen raus, wenn Sie getan haben, was ich von Ihnen verlange.

Jonas: Unmöglich. Aus der Strafkolonie ist noch keiner lebend rausgekommen.

Stammheim: Bisher, Herr Jonas, bisher, Aber wenn ich Ihnen helfe. Wissen Sie, was ich im Justizministerium mache, Herr Jonas, ich bin Chiefcontroller, ganz oben, direkt unter dem Minister, verantwortlich für die Automatenprogramme und für die Aufsicht über den Strafvollzug. Wenn wir kooperieren, Herr Jonas, Sie drinnen, ich draußen.

Jonas: Was soll ich tun.

Stammheim: Jemanden rausholen. Aus der Strafkolonie.

Jonas: Eine Frau, Megan Alcatraz, 35 Jahre, Controller Second class im Justizministerium, in Stammheims Vorzimmer, vor zwei Monaten festgenommen und vor den Auto-Judex gebracht, als der gute Alonso Stammheim gerade ahnungslos im Urlaub war. Schneebretteln in der Antarktis, und weil ihr niemand half wurde Alcatraz zur Strafkolonie verurteilt. Wegen schwerer Korruption und Bestechlichkeit im Amt.

Stammheim: Eine absurde Beschuldigung, Herr Jonas. Ich kenne Megan, wir stehen uns recht nahe, nicht nur dienstlich, und als ich kürzlich aus dem Urlaub kam und was geschehen war…

Jonas: Da faßte Ritter Alonso von Stammheim, den romantischen Entschluß die Dame seines Herzens zu retten.

Stammheim: Wenn Sie es so ausdrücken wollen, Herr Jonas.

Jonas: Beziehungsweise retten zu lassen.

Stammheim: Ich bin Beamter, Herr Jonas, ich plane, ich ziehe die Fäden. Sie sind ein Macher, Sie gehen rein, Sie holen Megan raus.

Jonas: Mir bleibt wohl nichts anderes übrig. Wie sieht Ihr Plan aus, Stammheim.

Stammheim: Was wissen Sie von der Strafkolonie, Herr Jonas?

Jonas: Nicht sehr viel. Ein riesiges Gefängnis, supergesichert, irgendwo in der Wildnis um Babylon. Seit der Privatisierung des Strafvollzugs vor 12 Jahren wird die Strafkolonie von der Firma Privollzug AG betrieben. Für jeden Gefangenen, den er einliefert, zahlt der Staat pauschal, alles weitere übernimmt Privollzug: Haltung, Wartung, Bewachung, vor allem übernimmt Privollzug die Garantie für absolute totale Sicherheit, wenn es auch nur einem Gefangenen gelingt, auszubrechen, verliert die Firma sofort die Betreiberlizenz und damit ein gutes Geschäft. Der Staat kontrolliert, locker, von weitem, die Gefangenen sind sich weitgehend selbst überlassen, deshalb geht’s drinnen wild zu, sagt man. Nichts genaues weiß man nicht. Zwischen der Strafkolonie und der Außenwelt gibt’s keine Verbindung.

Stammheim: Jedenfalls nicht direkt. Was es gibt ist die sogenannte Schleuse. Sie müssen sich das vorstellen, Herr Jonas, die Strafkolonie ist ein kreisförmiges Gelände unter freiem Himmel, Durchmesser etwa 10 Kilometer, ringsherum und obendrüber eine undurchdringliche elektronische Schutzhaube, eine Art Schirm oder Kuppel, und die geht auch tief in den Boden hinein.

Jonas: Damit keiner auf die Idee kommt sich a la Maulwurf rauszubuddeln.

Stammheim: Und direkt am Schutzschirm liegt die Schleuse. Ein Bunker mit einem hochkomplizierten System automatischer Türen und Sicherungen, hier kommen die neuen Gefangenen an und die Warenlieferungen, Lebensmittel, Drogen, was die Kolonie so braucht.

Jonas: Wie läuft das? Helikopter, E-Mobil?

Stammheim: Kapseln, Herr Jonas, durch eine pneumatische Untergrundröhre zwischen Strafkolonie und Babylon. Endpunkte hier sind Justizministerium und Privollzug. Ja, und da kann ich ein bißchen dran drehen, Herr Jonas, an den Sicherheitsprogrammen der Schleuse.

Jonas: Die Sie kontrollieren.

Stammheim: Das ist mein Job, Herr Jonas, und ich werde dafür sorgen, daß sich das innere Schleusentor zu bestimmter Zeit außerplanmäßig kurz öffnet.

Jonas: Wann?

Stammheim: Später, Herr Jonas, später. Morgen werden Sie mit Ihren Leidensgenossen per Pneumatik in die Strafkolonie überstellt. Bis dahin bleibt mir genug Zeit, Sie über alle wichtigen Details zu informieren.

Jonas: Nicht mich, Stammheim, Sam werden Sie informieren.

Stammheim: Sam?

Jonas: Sam ist mein Computer, überschlau, geschwätzig, Sam denkt nicht nur, Sam redet, ohne Punkt und Komma, ohne Unterlaß, ohne Erbarmen, weil er mit Verbalprogrammen vollgestopft ist bis zur nicht existenten Halskrause. Schon als ich ihn mir vor Jahren zulegte, war er ein Sondermodel, ein Versuchsmodell, heute ist er ein absolutes Einzelstück. Einsame Klasse, meint er, ich seh das anders. Trotzdem gehe ich ohne Sam nirgendwo hin, schon gar nicht in die Strafkolonie.

Stammheim: Völlig unmöglich. Keine Computer, keine Waffen, vor dem Transport werden Sie gründlichst durchsucht.

Jonas: Dann sehen Sie selbst zu, wie Sie die Lady rauskriegen, Stammheim. Sam muß mit. Irgendwie. Sonst streikt Jonas. Mein letztes Wort.

Stammheim: Sie haben Zahnschmerzen, Herr Jonas, wie finden Sie das?

Jonas: Großartig.

Stammheim: Sie müssen sofort zum Autodentisten. Hier im Justizministerium. Da wird Ihnen ein Zahn gezogen.

Jonas: Ach ja.

Stammheim: Und in die Lücke wird Ihnen ein Mikromodul eingesetzt aus Plastik, als quasi Außenstelle Ihres Computers, Sender und Empfänger, auf seine Frequenz festgelegt. Ich programmiere Ihrem Sam alles ein was Sie brauchen, Herr Jonas, Infos über Megan Alcatraz, über die Kolonie, über die Schleuse, Sicherheitssystem, nicht vorgesehene Öffnungen usw. usw. Wenn Sie drinnen sind, Herr Jonas, können sie sich mit ihm beraten, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, in ihrem Kopf, direkt, über ihr Sprach und Hörzentrum: Sehr gut. Geben Sie mir den Zugangscode, Herr Jonas.

Jonas: Ich hatte einen seltsamen Traum: Auto-Cops nahmen mich fest, ein Auto-Judex verurteilte mich zur Strafkolonie. Ein Autodentist zog mir einen Backenzahn und setzte mir Mikro-Sam ein, klein, weiß, und laut. Im meinem Mund schien er sich sehr wohl zu fühlen.

Sam: So nah waren wir uns noch nie, Meister. Ich bin der klitzekleine Zahn in deinem Kiefer, der Zahn ist faul und putt und deshalb bißchen mieft er.

Jonas: Ich war richtig froh, als man mir wieder eine Schlafspritze verpaßte. Ich wachte auf. Ich hatte das Gefühl, daß der Alptraum jetzt erst richtig losgeht. Ich war in einem großen grauen schwach beleuchteten Raum, an den Wänden Automaten, Würger, Scanner, und ein paar die wie Killer aussahen. Auf dem Boden Berge von Kisten und Haufen von Menschen in grauen Kitteln, die Haufen bewegten sich, erst schwach, dann stärker, man kam zu sich, ich arbeitete mich raus, stand auf, sah an mir runter, grauer Kittel, um den Hals an einer Schnur eine Plastikscheibe mit Namen, Vergehen, Urteil. Plötzlich ein entsetzliches Geräusch, immer und immer wieder, Alarm, eine Sirene. War das Sam?

Sam: Wo denken Herr Graf hin bzw. her. Niemals würde Sam sich ein obszönes Gelärm erlauben, den geliebten Meister zu erwecken würde Sammy zärtlich säuseln oder melodisch singen wie folgt: Die güldene Sonne

Jonas: Ruhe. Wo sind wir. Machs kurz.

Sam: Schleuse. Strafkolonie. Dahinten Pneumakapsel, automatisch ausgeladen.

Jonas: Was ist das für ein Krach.

Sam: Warnsignal, die Türe dorten stehet offen, und herein schneien diverse Strafkolonisten, um ihre neuen Gefährten zu empfangen, wenn nun besagte Tür sich wiederum schließt, in etwa 2 kurzen Minuten, bringen Autokiller an den Wänden jedes Wesen so hier noch kreucht und fleucht gnadenlos vom Leben zum jähen Tod.

Jonas: Schluß damit, du sollst mich nicht nerven, du sollst mich informieren.

Sam: Na los hopp, Tempo.

Jonas: Draußen vor dem Schleusenbunker im kalten hellen Tageslicht mußten wir neuen uns in einer langen Reihe aufstellen, um uns drängten sich Hunderte von Strafkolonisten, Frauen und Männer, manche im schlichten Kittel wie wir, die meisten hatten sich fantastisch rausgeputzt, mit Plastikhelmen und Plastikpanzer, mit bunten Bändern in Haaren und Bärten, mit Broschen aus Blech und Kunststoff, viele trugen Waffen, Knüppel, Messer, eiserne Keulen und Spieße, alles selbstgemacht, Abfallprodukte aus Verpackungsmaterial, die wilde Horde starrte uns an, abschätzend, gierig, hungrig, dann trat jemand vor, eine hagere Frau mit einem gelben Halbmond im grauen Haar: Sie hob ihre Eisenstange, wartete einen Augenblick, wandte sich uns zu.

Alte: Ruhe. Ruhe. Hört mal her ihr neuen Säcke, ihr seid jetzt in der Strafkolonie, was ihr Pißnecken draußen ward, das juckt uns hier drinnen kein Stück, ihr seid der letzte Scheiß, und je eher ihr schnallt was bei uns läuft um so besser für euch, also was wir jetzt mit euch machen, das ist die Fleischbeschau, die Leute aus den Clans kucken sich den neuen Schrott aus Babylon an und suchen sich raus, was sie brauchen: Sklaven, Maultiere, Eunuchen, und Sonntagsbraten für den Clan der Kannibalen werden gleich in die Clanhäuser gebracht. Wer Schwein hat und nen besseren Job abkriegt, Krieger oder Hexe, der muß sich erst bewähren, als Sandfloh, und was das ist, das kriegt ihr noch früh genug mit, so das war’s, seht zu, wie ihr durchkommt, und merkt euch ihr Kotzeimer, jeder für sich, hilf dir selbst, denn sonst tut’s keiner. klar?

Jonas: Sam, diese Clans, was weißt du darüber.

Sam: Sogleich euer Fraglichkeit. Flugs soll euch Aufklärung zu teil werden. Clans nennen die Strafkolonisten ihre primitiven Organisationsformen, archaische stammesähnliche Gebilde, hierarchisch gegliedert, ursprünglich 40, ein Clan pro Megabarak, inzwischen schrumpf die Zahl, starke Clans sind dabei, sich die schwächeren einzuverleiben, alle Clans führen ständig Krieg miteinander, überall in der Kolonie, nur hier nicht, das Schleusengebiet gilt als neutral und so es interessiert, wären an Einzelclans zu nennen: Die Samurai, die Barbaren, die Furien, die Arier, die Teufelsweiber, die Eisenärsche, die Kopfjäger, die Amazonen…

Jonas: Usw. Eine merkwürdige Mischung. Antiquiert, komisch und gefährlich. Eine muskulöse Amazone im roten Minirock hob meinen Kittel mit ihrer Peitsche, dann las sie, was auf meiner Scheibe stand, und winkte ab.

Amazone: Zu alt für die Zucht, unsere Königin will junge Männchen.

Jonas: Na ja, nicht an…

Gonzo: Platz da Platz für Megan die Magische, die zaubermächtige Großhexe des hochedlen Clans der Barbaren, aus dem Weg. Platz für Megan die Magische, Weichet, widrige Wichte, weichet.

Sam: Kuck mal wie der spricht, so matiniert, mariniert.

Jonas: Das mußt du gerade sagen Sam.

Sam: Hey Boss, da ist sie, die da.

Jonas: Wer ist was, Sam, deutlicher bitte.

Sam: Die da, die mit dem blauen Zottelpelz und dem Lametta an den Ohren.

Jonas: Megan die magische.

Sam: Alias Megans Alcatraz. Diejenige welche. Stammheims Begehren.

Jonas: Das war prompter Service. Kaum tauchte Jonas in der Strafkolonie auf, da lief ihm die gesuchte schon über den Weg, d.h. sie schritt, und zwar gemessen, durch die Menge, die respektvoll Distanz hielt, zu ihr und zum Knüppel ihres Begleiters. Sie war nicht sehr groß, schlank, gutaussehend, trotz ihrer barbarischen Aufmachung und tüchtig, nach nur 2 Monaten in der Kolonie hatte sie es bis zur Großhexe gebracht. Eine Blitzkarriere.

Sam: Na los Blödmann quatsch sie an.

Jonas: Bist du verrückt, hier vor all den Leuten.

Sam: Sag ihr, sie soll dich für ihren Clan aussuchen, und wenn sie dann näherkommt

Jonas: Megan, hierher.

Gonzo: Was erlaubst du dir, du Abschaum. Wie spricht du zur zaubermächtigen Großhexe des hochedlen Barbarenclans.

Jonas: Wer will denn was von dir, du Angeber. Also wenn s denn sein muß, zaubermächtige Großhexe. Braucht dein Clan

Sam: Hochedler Clan.

Jonas: Dein hochedler Clan nicht einen guten Krieger, erfahren in allen martialischen Künsten.

Megan: Du bist sehr vorlaut, Neuer, wollen doch mal sehen. So, Jonas, Privatdetektiv, daß es so was noch gibt, vorher Söldneroffizier im Antarktischen Krieg, Mord, Raub, Einbruch, nicht schlecht, du bist zwar nicht mehr der Jüngste.

Jonas: Stammheim.

Megan: Augenblick. Treib das Volk zurück, Gonzo.

Gonzo: Wie du befiehlst zaubermächtige Großhexe. Zurück, weg Gesindel, ihr seid der zaubermächtigen Großhexe lästig.

Jonas: Alonso Stammheim schickt mich, Frau Alcatraz, ich soll Sie rausbringen.

Megan: Aja, ich beanspruche diesen Mann für den hochedlen Clan der Barbaren. Melde dich im Clanhaus, so bald wie möglich.

Jonas: Leicht gesagt, erstmal wurde Jonas als Sandfloh eingesetzt. Am Rand der Strafkolonie erhob sich ein gewaltiger Sandhaufen, der mußte jeden Tag rüber auf die andere Seite geschafft werden, und tags darauf zurück, in langer Kette mit Eimern. Das hatte sich Privollzug ausgedacht, damit die Gefangenen zu tun hatten und nicht auf gefährliche Gedanken kamen. Eine stupide Arbeit, voller Eimer von links, voller Eimer nach rechts, usw. Eine Woche lang mußte man sich als Sandfloh abschuften. Das dauerte Jonas zu lange.

Jonas: Hau hupp. Sammy, wann gehen die Schleusentüren für uns auf? Was hat Stammheim gesagt. Hau ruck.

Sam: Total vergessen, siebhirniger Alzheimer. Am 1. August 2013 fünf Minuten vor der Mitternacht für genau 20 Sekunden, und falls euer Trottelhaftigkeit diese Chance nicht wahrzunehmen vermag, bietet sich 24 Stunden später eine zweite solche.

Jonas: Und wenn ich, hau Ruck, das auch nicht schaffe.

Sam: Dann mußt du halt hierbleiben in der wunderschönen Strafkolonie.

Jonas: Lieber nicht. Heute haben wir den

Sam: 31. Juli 2013, 15 Uhr 27. Höre mein Jonas laß dir sagen.

Jonas: Halt die Backen. Hau Ruck, Also heute abend, spätestens übermorgen. Nicht mehr viel Zeit. Hau ruck. OK, Sammy, wir gehen. Macht’s gut, Genossen.

Mann: Was ist da los?

Aufseher: Hey, du da, was fällt dir ein, zurück in die Kette, aber plötzlich. Buly zu mir.

Jonas: Unser Aufseher: ein mürrischer Eisenarsch im rituellen Outfit seines Clans, oben schwarze Weste aus Pseudoleder mit Nieten, unten ohne, abgesehen von einem knappen Futteral, bisher hatte er abseits gehockt und seine Nieten poliert, jetzt schwang er sich auf sein Maultier, das heißt auf einen kräftigen Sklaven, der ihm als Reittier zustand, er ritt auf mich zu und wollte mich mit seiner Lanze zurück in die Kette stochern. Das mißfiel mir. Ich nahm den Eimer hoch und holte aus. Das Muli kriegte eine volle Ladung Sand ins Gesicht, stolperte, schlug hin, der Aufseher flog aus dem Sattel, und krachte mit dem Nacken auf den Eimerrand.

Sam: Ist er tot der nacktgesäßige Grobian.

Jonas: Sieht so aus, Sammy. Maustod. Hals gebrochen.

Sam: O jemine. Weiß mein leichtsinniger Eimerschmeißer was das bedeutet.

Jonas: Klar Sammy, wir können jetzt ungehindert zum Clanhaus der Barbaren wandern, zu Megan Alcatraz.

Sam: Und.

Jonas: Und was.

Sam: Es bedeutet auch und vor allem Blutrache. Der wilde Clan der Eisenärsche wird sich an die Fersen meines Meisters heften, seinen Kopf fordern und was sonst noch alles. So ist’s hierzulande Sitte. Schako.

Jonas: Weißt du, Sammy, darüber mache ich mir später Sorgen, wenn ich nichts Besseres vorhabe. Auf geht’s. Haus der Barbaren. Gibt den Kurs vor.

Sam: Aye aye. Ost Süd Ost. Mehr nach links, backbord wollte ich sagen. Gut so, und jetzt immer gerade aus.

Jonas: Die 40 Megabaracken der Strafkolonie stehen an der Peripherie, rundherum wie Striche auf einem Zifferblatt. Eine gute Stunde Fußmarsch durch die tote Steinwüste, dann tauchte am Horizont ein enormer grauer Quader auf, wurde größer, deutlicher, noch eine halbe Stunde und ich konnte vor dem Tor aufgespießte Köpfe erkennen, und nicht mehr frische Leichen, die im Wind schaukelten. So etwa hatte ich mir die Burg der Barbaren vorgestellt.

Wächter: Zurück, clanloser Niemand, verschwinde oder wir hängen dich an den Füßen auf als Zielscheibe für unsere jungen Bogenschützen.

Jonas: Mach das Maul zu mach das Tor auf, ich in einer von euch, ein Barbar.

Wächter: Ach ja, wo hast du denn das Totem, und dein Rangstreifen.

Jonas: Megan die Magische hat mich herbestellt, eure zaubermächtige Großhexe, sagt ihr Bescheid, sag ihr Jonas ist da.

Wächter: Warte.

Jonas: Ein zotteliger Barbar führte Jonas durch dunkle, schmutzige, stinkende Gänge, voll von zotteligen Barbaren, dann Treppen rauf, viele Treppen, die Oberbarbaren lebten oben, unterm Dach. Großhexe Megan hatte einen ganzen Raum für sich, über einer Feuerstelle hing ein Eisenkessel, in dem eine übelriechende schwarze Brühe brodelte, an den Wänden standen seltsam geformte Glasgefäße, gefüllt mit gelben und grünen Elixieren, zerstochene Wachspuppen lagen herum, Hexenbesen, mumifizierte Finger, Ohren und andere Körperteile. Dieser ganze magische Kram störte mich wenig. Was mich störte war der finstere Typ mit dem Knüppel: Mein alter Freund Gonzo, Leibwächter der Großhexe Megan Alcatraz. So ging das nicht. Der Kerl mußte weg.

Jonas: Gonzo alter Junge, du störst, warum geht du nicht ein bißchen vor die Tür und kuckst wie’s Wetter wird.

Gonzo: Gonzo bleibt.

Megan: Er muß bleiben, Jonas, er ist mein Leibwächter. Wenn er mich verläßt, verliert er seine Ehre.

Gonzo: Gonzos Ehre heißt Treue.

Jonas: Ja was machen wir denn da.

Sam: Zum Bleistift dieses. Madam wechselt ihren Wächter.

Jonas: Nicht schlecht, Sammy, gar nicht schlecht.

Megan: Was meinen Sie Jonas.

Jonas: O, ich habe gerade mit meiner inneren Stimme gesprochen.

Megan: Aha, und was sagt sie.

Jonas: Daß ich von jetzt ab Ihr Leibwächter bin. Gonzo kriegt Urlaub und kann sich anderweitig vergnügen. Alte Frauen erschrecken, Kleinkinder beißen, Schnuller wegnehmen, Nasebohren, na Gonzo ist das ein Angebot.

Gonzo: Du forderst Gonzo heraus, Fremder?

Jonas: Tu ich das.

Megan: Das müssen Sie, Jonas. Wer den Rang eines anderen will, muß ihn zum Zweikampf fordern, und töten.

Gonzo: So will es die geheiligte Sitte der Väter.

Jonas: Na dann komm Gonzo, bringen wir’s hinter uns.

Gonzo: Nicht so Fremder, wir kämpfen wie das Gesetz es befielt. Nach dreimaliger Herausforderung binnen Wochenfrist in der Halle der Zweikämpfe. Vor seiner brutalen Erhabenheit Häuptling Conan und dem ganze Clan.

Jonas: Tja, weißt du Gonzo mein Freund, so viel Zeit hab ich leider nicht, und darum, und jetzt abwärts.

Jonas: Ich steckte ihm kurz den Kopf in den Hexenkessel, das lenkte ihn ab und ich konnte ihn aus dem Fenster schieben. Nicht gerade fair, das gebe ich zu, aber wer oder was war in diesem Fall schon fair zu Jonas.

Megan: Wie’s scheint, habe ich einen neuen Leibwächter. Ich bin beeindruckt, Jonas.

Jonas: Jeder für sich, hilf dir selbst, ich hab mich nur nach dem gerichtet, was hier üblich ist.

Megan: Gut. Stammheim, was hat er vor, erzählen Sie.

Jonas: Als ich fertig, war, fing Megan Alcatraz an im Zimmer herumzuwandern. Sie wirkte nachdenklich. Irgendwie unentschlossen.

Megan: Seit gestern bin ich am Überlegen, Jonas, seit unserer Begegnung vor der Schleuse. Ob ich mit Ihnen die Kolonie verlassen oder bleiben soll.

Jonas: Ist das Ihr Ernst?

Megan: Sicher, es geht mir gut. Ich bin Großhexe. Der Clan respektiert mich, Häuptling Conan tut was ich sage. Das Leben ist primitiv, zugegeben, aber dafür ist es aufregend, dunkler, einfach lebendiger als in Babylon. Wissen Sie, Jonas, schon als Kind wollte ich Hexe werden, nach der Schule bin ich auf die Akademie für Esoterik gegangen, ich habe einen Abschluß in fortgeschrittener Hexerei, und in weißer und schwarzer Magie mit Auszeichnung.

Jonas: Und warum sind Sie nicht dabei geblieben.

Megan: Die Berufsaussichten waren schlecht, viel zu viel Hexen in meinem Lager, ich war vernünftig und ließ mich umschulen für den höheren Staatsdienst. Auch gut. Aber was eine Justizangestellte kann, ist hier in der Strafkolonie nicht gefragt. Also fing ich wieder an zu hexen. Zora, die Zauberin war da Großhexe bei den Barbaren, ich hab sie herausgefordert, ihr einen Herzinfarkt angehext, ihre Stellung übernommen. Und all das soll ich aufgeben, für einen Schreibtisch in Babylon?

Jonas: Dann eben für Alonso Stammheim, der gibt sich mächtig Mühe, Sie zurückzuholen, haben Sie denn keine Sehnsucht nach ihm?

Megan: Sehnsucht nach Stammheim? Ich? Tot will ich ihn sehen, diesen Drecksack, er hat mich aufs Kreuz gelegt, er hat mich in die Strafkolonie geschickt.

Jonas: Langsam, jetzt versteh ich überhaupt nichts mehr.

Megan: Aber Sie haben ja recht, Jonas, ich komm mit Ihnen, seinetwegen, ich will Stammheim fertig machen. Ich will seinen Posten. Chiefcontroller Megan Alctraz. Das hört sich noch besser an als Großhexe.

Jonas: Megan Alcatraz war ehrgeizig. Stammheim, ihr Chef, blockierte seit Jahren ihre Beförderung. Sie versuchte Material gegen ihn in die Hand zu kriegen, sie hatte Glück, sie knackte den Geheimcode für Stammheims private Datei, sie wurde fündig. Alonso Stammheim ließ sich bestechen in großem Stil, von der US-Firma Highsec, die war sehr daran interessiert, im europäischen Strafvollzug Fuß zu fassen. Highsec machte einen Deal mit Stammheim. Privollzug sollte die Lizenz zum Betrieb der Strafkolonie verlieren, dafür wollte Stammheim sorgen, und dafür, daß die Lizenz dann an Highsec ging, für eine halbe Million Euros. Bar unterm Tisch. Alcatraz kopierte den Deal und versteckte die Kopie. Im Archivsystem des Justizministeriums. Dann konfrontierte sie ihren Chef: Beförderung sofort, oder die Sache wird veröffentlicht.

Megan: Stammheim versprach alles, was ich wollte. Und als ich abends nach Hause kam, wurde ich verhaftet. Von Auto-Cops. Einen Tag später war die Verhandlung, falls man das so kennen kann. Ich wurde zur Strafkolonie verurteilt.

Jonas: Also eins ist mir nicht klar, Megan. Sie sind in der Strafkolonie. Stammheim ist Sie los. Sie können ihm nichts mehr tun, weshalb schickt er mich, um Sie rauszuholen, das ist doch widersinnig.

Megan: Und wie ich ihm was tun kann, das glaubt er jedenfalls. Ich hab’s ihm geschrieben.

Jonas: Geschrieben, von hier aus?

Megan: Ja.

Jonas: Das ist doch nicht drin. Es gibt keine Verbindung zwischen der Strafkolonie und der Außenwelt.

Megan: Sagt man. Aber mir ist was eingefallen. Einmal die Woche fliegt ein Satellit des Justizministeriums über die Kolonie und schießt Holographie, zur Kontrolle, die Bilder landen auf Stammheims Schreibtisch. Genau zum Satellitentermin habe ich einen großen Zauber veranstaltet, oben auf dem Dach, ein paar hundert Barbaren mußten sich so aufstellen, daß sie magische Zeichen und Figuren bildeten.

Jonas: Buchstaben.

Megan: Und Zahlen, deutlich von oben zu lesen.

Jonas: Gute Idee. Und was stand da?

Megan: Rausholen, sonst Deal automatisch publik 15.8. Megan. So was.

Jonas: Stimmt das?

Megan: Daß das Material am 15. automatisch freigeben wird und an die Medien geht, nö, das war ein Bluff. Aber Stammheim weiß das nicht, darum hat er reagiert.

Jonas: Und Jonas geschickt.

Megan: Sie sehen Jonas, wir haben beide wenig Grund, Stammheim zu lieben.

Jonas: Was wird er tun, wenn wir rauskommen, was meinen Sie, Megan.

Megan: Nichts Gutes. Er wird versuchen, mir das versteckte Material abzunehmen, mit allen Mitteln, und Sie, Jonas, Sie wird er wohl gleich umbringen, weil er Sie nicht mehr braucht.

Sam: Sie irrt, die barbarisch blau bezottelte Hexe.

Jonas: Sammy, schön, daß du mal wieder was von dir hören läßt.

Sam: Und wie Superfiesling Stammheim meinen Meister noch braucht. Denn siehe des güldenen Geldes die Menge ist es ihm wert.

Jonas: Moment, Sammy, wer ist wem was wert.

Sam: Hirnsklerotiker. Dem p. p. Stammheim. Eine halbe Million Euros.

Jonas: Du redest Blech, Sam.

Sam: Jedoch nur als tote Leiche.

Megan: Haben Sie was, Jonas, ist Ihnen nicht gut?

Jonas: Seien Sie mal einen Moment still, meine innere Stimme hat mir was zu sagen. Also Sam, was ist los.

Sam: Schwere chronische Verstopfung, Herr Medizinalrat, in dero Dumpfheit sogenannten Gehirn.

Jonas: Paß auf, Sam, wenn mir erst mal draußen sind und ich dich abschalten kann.

Sam: Und Humor hat er auch kein Stück, der Sauerkopf. Doch was soll’s. Er ist mein Jonas, ich muß ihn nehmen wir er kommt.

Jonas: Komm du endlich und zwar zu Potte.

Sam: Subito Signore. Oder auch pronto. Piep. Stammheim kriegt eine halbe Million Euros, wenn Privollzug die Lizenz für die Strafkolonie loswird. Klar? Wann verliert eine Firma die Lizenz zum Betreiben der Strafvollzugsanstalt. Häh? Wenn die Anstalt nicht mehr sicher ist, wenn z.B. ein Insasse auskneift, klar, ein möglichst gefährlicher. Klar. Ein Gewaltverbrecher, Räuber, Mörder, ist das klar.

Jonas: Klar, Sammy, Stammheim bring Jonas um, die Leiche wird entdeckt.

Sam: Allgemeiner Aufschrei, Verurteilter aus Strafkolonie getürmt, Privollzug wird Lizenz entzogen. Auf der Stelle.

Jonas: High Sec übernimmt. Stammheim wird’s schon richten.

Sam: Ja, und wenn ein toter Jonas nicht reicht, hat der listenreiche Stammheim noch eine tote Alcatraz anzubieten, etwas später wenn er ihr die Würmer aus der Nase geleiert hat, das mein ich damit, sprich das versteckte Belastungsmaterial.

Jonas: Das heißt Stammheim schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Megan Alcatraz ist er los.

Sam: Und er kriegt ne halbe Million. Friede Freude Eierkuchen im Hause Stammheim.

Jonas: Das mußte verhindert werden. Ich informierte Megan. Sie kannte Stammheim und sah die Gefahr, aber bevor wir die Situation abschätzen und einplanen konnten, wurden wir gestört. Ein junge Lehrhexe kam ins Zimmer, mit einem tiefen Knicks und einem Auftrag.

Botin: O zaubermächtige Großhexe Megan, die magische, seine brutale Erhabenheit Häuptling Conan sendet dir durch meinen Mund eine Botschaft.

Megan: Sprich Griselda.

Botin: Unsere Kundschafter melden, daß sich Arier, Amazonen und Knochenbrecher wider den hochedlen Clan der Barbaren verbündet haben.

Megan: Unsere Nachbarn. Weiter Griselda.

Botin: Sie haben eine große Wurfmaschine gebaut. Damit werden sie in drei Tagen unser Haus bestürmen.

Megan: Und ich soll was dagegen unternehmen.

Botin: So ist es, zaubermächtige Großhexe. Seine brutale Erhabenheit läßt dieses sagen: mache einen Zauber, einen großen Zauber, verwirre den Geister unserer Feinde, zerstöre ihre Maschine, mache zunichte ihren Plan.

Jonas: Na das paßt doch wie die Faust aufs Kinn, Megan. Sie machen wieder mal einen großen Zauber. Aber nicht auf dem Dach sondern

Megan: Draußen an der Schleuse, morgen um Mitternacht. Ich allein, nur mein neuer Leibwächter wird mich begleiten. Morgen mittag brechen wir auf.

Jonas: Einen Tag später, 1. August 2013, kurz vor Mitternacht an der Schleuse: In der Zwischenzeit waren wir, Megan und ich uns nähergekommen: Sie hatte mich in die vielfältigen Pflichten eines Leibwächters eingeführt. Und ich hatte ihr mein großes Geheimnis verraten: Sam. Sam, den geschwätzeigen Backenzahn, zu dritt hatten wir überlegt und geplant, bis wir zu dritt durch die Kolonie zur Schleuse zogen. Jetzt waren wir da. Vom grauen Klotz des Schleusenbunkers sahen wir nur eine Hälfte, die andere lag draußen, hinter dem Schutzschirm, unsichtbar. In wenigen Sekunden würde sich die massive Tür in der Front zu öffnen. Hoffentlich. Alles schien ruhig. Zu ruhig, meinte Megan, sie war mißtrauisch. Da ein Geräusch, die Tür, sie fing an sich zu bewegen.

Sam: Na, was ist, noch nie ne offene Tür gesehen, steht nicht rum wie Ochs und Kuh vorm Scheunentor. In 20 Sekunden ist das Loch wieder zu. Countdown läuft. Piep.

Jonas: Komm Megan.

Megan: Adios Strafkolonie.

Bluträcher: Halt. Das Blut unseres Clanbruders scheit nach Rache.

Jonas: Plötzlich waren sie da, schwarzes Leder, Nieten, Eisenstangen, Blut in den Augen, Rache im Herzen, Eisenärsche, an die zwanzig, zu viel für Jonas, aber Jonas war nicht allein, Megan war bei ihm, und Megan konnte hexen, sie fixiert die Bluträcher, hob feierlich die Hände, rote Blitze zuckten aus ihren Fingerspitzen.

Megan: Asrael und aller Dämonen… Steht still und starr und stumm, laßt die Waffen fallen, rührt euch nicht.

Jonas: Es wirkt, Megan, wie machst du das, Hypnose.

Megan: Hahaha, Hexerei, Jonas. Komm Jonas, schnell.

Sam: Alehopp.

Megan: Komm Jonas, schnell.

Jonas: Die Tür war zu und wir waren drinnen im Schleusenbunker, nichts und niemand nahm uns zur Kenntnis, die automatischen Scanner blieben inaktiv, die Killer auch. Stammheim hatte an ihren Programmen gefummelt, wie versprochen. An der offenen Hintertür wartete die Pneumakapsel.

Sam: Zum pneumatischen Express nach Babylon bitte einsteigen und die Türen schließen. Der Zug fährt sofort ab.

Jonas: Augenblick noch, Sammy, hast du die Programm so umgestellt wie wir es besprochen haben.

Sam: Na klar Chef, alles im Griff.

Jonas: Was sieht Stammheim?

Sam: Nichts, Chef, null Komma nichts, total leere Schleuse.

Jonas: Und die Kapsel.

Sam: Flutscht nicht zum Justizministerium, sondern an der Gabelung rechts Zielbahnhof Privollzug. Abfahrt.

Jonas: Die kleine Station unter dem Privollzughochhaus war vollautomatisch, kein Mensch weit und breit. Gut, einerseits, Jonas und Megan waren praktisch nicht vorhanden, die Sicherheitssensoren hatte Sam außer Gefecht gesetzt. Andererseits schlecht. Wir brauchten Menschen, zwei vorzugsweise.

Sam: Blaue Zottel, Graue Kittel, Plastik, so kommt ihr beiden Süßen nie in die Chefetage, bestenfalls in den Abfallcontainer.

Jonas: Wir müssen uns was zum Anziehen besorgen, Megan, was unauffälliges. Manager-Outfit oder so was.

Megan: Uniformen vom Privollzugwerkschutz.

Jonas: Das ist gut. Wir warten bis zum Morgen, Sammy schlägt Alarm.

Sam: O ja, großer Meister, Alarm, und wie, das die Wände wackeln.

Jonas: Das möchtest du wohl. Kleiner Alarm. Wasserschaden, Ratte im Kabelschacht, diese Preisklasse.

Sam: Oh, Spielverderber.

Jonas: Zwei Typen vom Werkschutz kommen nachkucken, die treten immer zu zweit auf. Wir machen kurzen Prozeß.

Megan: Und wir ziehen uns um.

Jonas: Null Problemo. Gegen halb 10 standen wir im Chefzimmer von Vizepräsident Pierre Cayenne, den kannte Megan aus ihrer Zeit im Justizministerium. Jonas stellte sich an die Wand, die rechte Hand am Neurofreezer, Sam spazierte durchs Sicherheitssystem und blockierte ein paar Verbindungen. Megan ging zum Schreibtisch, nahm die Mütze ab, schüttelte ihr Haar aus. Cayenne war irritiert.

Cayenne: Was soll das, was erlauben Sie sich. Gehen Sie zurück auf Ihren Posten.

Megan: Erkennen Sie mich nicht, Pierre?

Cayenne: Megan, Megan Alcatraz? Aber, aber Sie sind doch in der Strafkolonie.

Megan: Ich bin hier Pierre, in ihrem Zimmer, das sehen Sie doch. Drücken Sie ruhig auf den Alarmknopf, das bringt nichts. Aber kommen Sie nicht auf die Idee aufzustehen und zur Tür zu gehen. Mein Partner würde Sie neurofreezen.

Jonas: Würd ich. Sofort.

Cayenne: Was wollen Sie Megan?

Megan: Sie warnen, Pierre, ihren einen Tip geben, falls Privollzug Wert darauf legt, die Lizenz für die Strafkolonie zu behalten.

Jonas: Pierre Cayenne war ein vernünftiger Mann, und Megan Alcatraz war eine vernünftige Frau, das wußte er, darum glaubte er unsere Geschichte. Aber es fiel ihm nicht leicht.

Cayenne: Beweise. Ohne Beweise kann ich nichts gegen Stammheim unternehmen. Geben Sie mir Beweise, Megan, rufen Sie Ihr verstecktes Material ab.

Megan: O nein, Pierre. Das Material bleibt vorerst da, wo es ist, ich will Sie nicht in Versuchung führen, wenn Sie mein Material haben, können Sie Stammheim problemlos allein erledigen. Und dann kämen Sie womöglich auf den unschönen Einfall mich und meinen Partner Jonas zu eliminieren. Sie würden an das Wohl von Privollzug denken, immerhin sind wir aus der Strafkolonie ausgebrochen, aus Ihrer Obhut.

Cayenne: Trauen Sie mir nicht, Megan.

Megan: Ich wäre dumm, wenn ich’s täte, Pierre. Hören Sie zu. Sie kriegen ihre Beweise, aber anders.

Jonas: Stammheim wird sich selbst überführen, er wird sich stellen, er wird alles zugeben.

Cayenne: Ich verstehe. Soll ich Sie mit einem versteckten Sender ausrüsten.

Jonas: Nicht nötig. Den haben wir schon. Ich geb Ihnen die Frequenz. Sie werden mithören.

Megan: Sie und die Medien. Die Sache muß an die Öffentlichkeit. Wir wollen voll rehabilitiert werden. Von einem Deal unter der Hand zwischen Stammheim und Ihnen haben wir beide gar nichts.

Cayenne: Aber sowas würde ich doch nie

Megan: Natürlich nicht, Pierre.

Jonas: Wenn’s brenzlig wird, greifen Sie ein, Cayenne.

Cayenne: In Ordnung, Werkschutz. Kripo auch wenn Sie wollen.

Jonas: Aber keine Auto-Cops.

Jonas: Rund 14 Stunden später, 3. August 2013, 0 Uhr 20, tief unter dem Justizministerium. Eine Pneumakapsel kam zum Stehen, die Klappe ging auf, Megan Alcatraz und Jonas, wieder in ihrer Koloniekluft, stiegen aus und wurden sofort in Bodybags gestopft, von Auto-Cops. Alonso Stammheim sah gutgelaunt zu.

Stammheim: So läßt es sich doch viel angenehmer plaudern, nicht wahr. Sie haben es also geschafft, Jonas, wenn auch erst im zweiten Anlauf. Eigentlich hatte ich Sie schon gestern erwartet. Na Ende gut alles gut. Megan, meine Teure, glänzend sehen Sie aus. Ein wenig extravagant aber glänzend. Verraten Sie mir, wo Sie die Daten über meinen Deal mit Highsec haben. Und den Abrufcode natürlich auch.

Megan: Sie glauben doch nicht ernsthaft, daß ich Ihnen das sage, Stammheim, Sie Ratte.

Stammheim: Nun ja, vielleicht nicht sofort, liebste Megan, aber wenn Sie erst in der Autotortur.

Megan: Oh.

Stammheim: Damit haben Sie nicht gerechtet, was, ha, die automatische Folterkammer ist fertig, mein Lieblingsprojekt, Sie wissen ja, Sie geschätzte Kollegin werden die Ehre haben als Versuchskaninchen zu agieren. Sie sind eine starke Frau, wie lange werden Sie wohl durchhalten, 10 Minuten, eine halbe Stunde oder gar länger. Wir werden sehen, hören, erleben, genießen.

Jonas: Kommen Sie mal wieder runter, Stammheim. Sie ja schon am durchdrehen bevor es losgeht.

Sam: Ejakulatio presskopf sagt der Experte.

Stammheim: Herr Jonas, entschuldigen Sie, Sie sind ja auch noch da. Die Autotortur, wissen Sie, ein Thema bei dem ich immer alles andere vergesse. Ja, was mach ich mit Ihnen, es war vorgesehen, Sie schnell zu töten, aber wenn ich es mir recht überlege, sind zwei Kaninchen besser als eins. Wie Ihre Leiche aussieht, ist schließlich egal, Hauptsache man kann Sie identifizieren als ausgebrochenen Strafkolonisten. Ha, zwei mal Autotortur, eine halbe Million Euros. O happy day! Schafft die beiden in die Autotortur.

Jonas: Es wurde Zeit. Zeit daß Sammy was tat. Der hatte es sich im Autojustiz-Systems bequem gemacht. Megan hatte ihn mit den Geheimcodes versorgt, noch aus ihrer Zeit im Justizministerium. Aber jetzt trat Sam in Aktion. Zuerst knackte er die Schlösser an unseren Bodybags. Dann gab er den Auto-Cops neue Befehle. Priorität eins a. Sie hörten nicht mehr auf Stammheim. Sie hören überhaupt nicht, sie zogen ihre Knüppel und fingen an, aufeinander einzudreschen. Mit lobenswertem Eifer.

Stammheim: Aufhören, Schluß damit. Ihr sollt aufhören, hab ich gesagt.

Megan: Warst du das Jonas, hast du Stammheim in Starrkrampf versetzt. Haha. Sag bloß, du kannst auch hexen.

Jonas: Iwo, Neurofreezer, den hatte ich mir bei Privollzug unters Hemd gesteckt. So. Die Auto-Cops sind im Eimer. Was machen wir mit unserem Freund Stammheim.

Megan: Autotortur schlage ich vor. Soll er sein Lieblingsprojekt selbst testen. Bin gespannt, wie lang er durchhält. Ah er schwitzt Jonas, sieh mal.

Jonas: Die Hosen hat er auch voll.

Cayenne: Halten Sie aus, gleich sind wir bei Ihnen.

Jonas: Die Kavallerie. Zu spät, wie immer.

Megan: Zu früh, keine Autotortur für dich Stammheim, schade.

Jonas: Statt dessen kam er vor den Auto-Judex. Megan und ich sahen zu. Durch einen Einwegspiegel in der Wand.

Auto-Judex: Stammheim Alonso, wird verurteilt, sein weiteres Leben in der Straf-kolonie zu verbringen, der Beklagte nimmt das Urteil an, das Urteil ist rechtskräftig.

Stammheim: Nein, nein, nicht in die Strafkolonie, bitte, bitte, ich tu’s auch nie wieder. Gnade.

Megan: Wie’s ihm da wohl gehen wird.

Jonas: Gutes Eunuchenmaterial.

Megan: Ja? Also ich hoffe, die Kannibalen kriegen das Schwein.

Jonas: Schalt ab, Megan, er ist so laut.

Megan: Was ich dir noch sagen wollte, Jonas. Ich hab seinen Job.

Jonas: Chiefcontroller.

Megan: Hm.

Jonas: Gratuliere Megan.

Megan: Wollen wir das nicht feiern, wir zwei, vielleicht gleich hier im Kasino. Das Essen ist allerdings nicht berühmt.

Jonas: Gehen wir lieber ins Casablanca. Da ist das Essen auch mies, aber dafür der Whisky noch mieser, und die Atmosphäre unbeschreiblich. Wüah.

Megan: Einverstanden. Wann?

Jonas: Sagen wir in zwei Stunden. Ich hab vorher noch was zu erledigen. Beim Autodentisten.

Sam: Nein, Sammy will in seinem Meister bleiben, ganz eng, ganz nah, ganz innig, von nun an bis in Ewigkeit.

Jonas: Das könnte dir so passen. Du kommst raus.

Sam: Liebt mein Jonas denn seinen Sam gar nicht mehr.

Jonas: Merk dir Sammy. Die wahre Liebe blüht in der Distanz.

Sam: Ach? Hat das Goethe gesagt?

Jonas: Zu mir nicht.

Sam: Zu mir auch nicht.

Das war Strafkolonie. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem wirkten mit: Kerstin de Ahna, Karl Friedrich, Achim Höppner und viele andere (Werner Klein, Michael Schneider, Ilse Neubauer, Michael Vogtmann, Detlef Kügow, Ernst Wilhelm Lenik, Dorothee Hartinger, Pascale Schulze, Marc Schulze, Urs Schaudinn, Andreas Wohlrab, Eva Windisch). Ton und Technik: Günter Heß, Christine Koller und Monika Graul. Regieassistenz: Holger Buck, Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1994). Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Ufo

Sam: Er stand auf seines Daches Zinnen und schaute mit trübem Sinnen auf Babypsilon, die große Stadt.

Jonas: Die Sicht aus meinem Fenster im 16. Stock war gut. Ausnahmsweise. Klar und scharf lag das nächtliche Babylon unter mir. Ein riesiger Flickenteppich. Im Westen die Ghettos der Reichen, in gedämpftes Goldgelb. Ruhig. Gediegen. Grell und aufdringlich das Zentrum, das Amüsierviertel, knallbunt flackernd. Strahlend weiß die geballten Hochhäuser der Wirtschaft, steif und steril. Dazwischen in unregelmäßigem Hell-dunkel die normalen Wohnbezirke. Im Südosten ein großes schwarzes Loch: Das Reservat. Rundum, am Horizont die Wildnis, eine dauernde dunkle Drohung. Darüber, als heller Kontrapunkt: ein Ufo, ein rotierender Diskus mit zahllosen Fenstern. Langsam zog es dahin. Unbeirrbar. Unerschütterlich. Unergründlich.

Sam: Unerträglich.

Jonas: Das Ufo?

Sam: Ach Quatsch, deine melancholische Fensterschau, dein poetisches Geplapperlaber, du Hemingway für Arme.

Jonas: Wer ist Hemingway, Sammy?

Sam: Was juckt uns Hemingway, was juckt uns das Ufo, das gondelt doch schon seit Wochen jeden Abend über Babylon herum. Laß grübeln und glotzen, hinweg mit dem Trübsinn, mach dir ein paar schöne Stunden, Kumpel, geh ins Casablanca.

Jonas: OK. Aber das half auch nichts. Die Stimmung blieb mies. Und das Ufo, die Drohung, die Dunkelheit, alles das wartete schon auf Jonas. Im Casablanca. Ich kriegte es nur nicht gleich mit. Zuerst war da nur die Frau, an meinem Tisch, auf meinem Platz.

Jacob: Sie wartet auf dich, Jonas.

Jonas: Soll sie, ich bin nicht da, ihr Pech.

Jacob: Hier ist er, Frau Delamotte.

Jonas: Halts Maul, Jacob, ich bin nicht in Stimmung.

Delamotte: Jonas?

Jacob: Jonas, in Lebensgröße.

Jonas: Schöner Freund bist du.

Jacob: Ich bin kein Freund, ich bin Gastwirt.

Jonas: Sie war Ende vierzig. Gut angezogen, grau und dunkelblau, höheres Management dachte ich, oder öffentlicher Dienst. Ich ging rüber zu ihr. Lust hatte ich nicht.

Delamotte: Setzen Sie sich. Was trinken Sie?

Jonas: Whisky, Jacob, aber nicht den aus Singapur.

Delamotte: Sie sind also der Detektiv.

Jonas: Der letzte. Der absolut total allerletzte. Wenn Sie mir einen Auftrag geben, tun Sie’s auf eigene Gefahr.

Delamotte: Sie haben seltsame Art für sich zu werben. Was kosten Sie?

Jonas: 120 Euros pro Tag und Spesen und eine Zulage, wenn ich raus muß aus Babylon. Muß ich?

Delamotte: Ich glaub schon.

Jonas: Wohin?

Delamotte: In die Wildnis.

Jonas: 200 pro Tag. Sie können sich das leisten, das sehe ich Ihnen an. Was soll ich tun?

Delamotte: Jemanden suchen und finden wenn möglich.

Jonas: Wen?

Sam: Lalü lala. Tatü Tata. Alarm. Es brennt. Lichterloh, feurio. Loriot. Halt stopp, denk weiter.

Delamotte: Sam nehm ich an.

Jonas: Sie kennen Sam?

Delamotte: Wer kennt ihn nicht.

Sam: Ha. Hast du gehört, meitabbelige Gallenblase. Mir san hin und hergerissen, gnädige Frau, charmo charmo Küß eahna die Hand.

Jonas: Mein Computer. Klein aber laut. Gefüttert mit sämtlichen Sprachprogrammen, die es gibt. Die es nicht gibt, hat er sich selbst beigebracht. Sam. Auch Sammy. Selten Samuel. Wegen Casablanca. Den Film meine ich, nicht meine Stammkneipe. As time goes by. Sam ist mein elektronischer Begleiter. Mein Schlappenschamois. Meine nützliche Nervensäge.

Sam: Teuerste sehen mal wieder ganz extraordinär entzückend aus.

Delamotte: Danke.

Sam: Aber dennoch dessen ungeachtet und nichts desto trotz, erstmal wird geklärt, wer Sie sind. In dem daß wir bislang noch nicht das Vergnügen Ihrer geschätzten Bekanntschaft genaßen. äh genießen. Hatschi. Danke. Genossen. Feste Regel im Hause Jonas. Also dann mal los verehrteste. Hosen runter.

Jonas: Wer sind Sie?

Delamotte: Delamotte ist mein Name. Audrey Delamotte, ich arbeite im Amt für Medien und Öffentlichkeitsarbeit als Staatsrätin.

Jonas: Alles klar, also, fangen wir nochmal an, Frau Delamotte. Wen soll ich suchen?

Delamotte: Einen Mann namens Adam Stiller.

Sam: Schiller?

Delamotte: Sagt Ihnen der Name was?

Jonas: Stiller?

Sam: Schiller?

Jonas: Stiller?

Sam: Stiller?

Jonas: Nein.

Sam: Nein.

Delamotte: Schriftsteller. Buchautor genauer gesagt. Das hier hat er geschrieben:

Jonas: Sie kommen aus dem Kosmos – das Geheimnis der Ufos. Kenn ich nicht.

Delamotte: Sie machen sich wohl nichts aus Büchern, Jonas.

Sam: Ich auch nicht.

Delamotte: Wie die meisten in Babylon.

Sam: Jaja.

Jonas: Falsch. Jonas ist Nostalgiker. Jonas kauft und liest Bücher. Krimis aus dem 20. Jahrhundert. Science-Fiction interessiert mich nicht. Und genau sowas hatte Adam Stiller geschrieben. SF-Romane, Sachbücher über Ufos, fliegende Untertassen, Raumschiffe aus fernen Welten, ein Thema, das ihn faszinierte.

Delamotte: Das war vor etwa 20 Jahren in den 90ern, ich war damals Lektorin in einem kleinen Buchverlag Sense of Wonder. Stiller schrieb für uns, kompetent, fleißig, manchmal inspiriert, und immer erfolglos. Wie der ganze Verlag. Bücher waren schon zu dieser Zeit kein Geschäft mehr, und darum ging der Verlag in Konkurs, 1998, vor 15 Jahren, Stiller war da 60, er konnte und wollte nicht noch mal von vorn anfangen.

Jonas: Was hat er gemacht?

Delamotte: Er ist ausgestiegen, aus Babylon verschwunden, untergetaucht.

Jonas: Und Sie, Frau Delamotte.

Delamotte: Ich, ich hab mir was Neues gesucht, und bin im Amt für Medien und Öffentlichkeitsarbeit gelandet.

Jonas: Wo Sie’s zu was gebracht haben. Schön für Sie. Was wollen Sie jetzt nach 15 Jahren von Stiller, warum suchen Sie ihn.

Delamotte: Warum? Weil seine Zeit gekommen ist, seine Bücher sollten neu aufgelegt werden, heute hätten sie Erfolg.

Jonas: Vermutlich, und was hätten Sie davon.

Delamotte: Ich kenne Stiller, ich würde ihm helfen, ihn managen.

Jonas: 20 %.

Delamotte: Eher 25. Stiller und ich, wir würden ganz groß mitschwimmen auf der Ufowelle.

Jonas: Das klang plausibel. Vor einem Vierteljahr hatte sie angefangen, die UFO-Welle, die UFO-Schwemme, der UFO-Wahn. Seltsame Erscheinungen tauchten am Himmel auf. Rätselhafte Objekte. Mysteriöse Flugkörper. Scheibenförmig, hell und strahlend. Immer mehr. Immer öfter. Waren es außerirdische Raumschiffe? Bald flogen die Ufos nicht nur, sie landeten, ab und zu, weit draußen, unter Ausschluß der Öffentlichkeit, Menschen die mitgenommen und dann freigelassen wurden, erzählten Wunderdinge, und Wunderdinge verhießen auch die Funksprüche, die vom Himmel kamen: Hoffnung, Frieden, Lösung aller Probleme, ganz Babylon war im UFO-Fieber, Ufokulte hatten gewaltigen Zulauf, alles andere war uninteressant geworden, es gab nur ein Thema: die Ufos.

Delamotte: Was halten Sie von den Ufos, Jonas.

Jonas: Ich, ich halt mich raus. Bleiben wir bei Adam Stiller, er ist jetzt wie alt?

Sam: 75, du Schlunzpiepe.

Jonas: Falls er noch lebt.

Delamotte: Das hoffe ich. Sie werden es feststellen, Herr Jonas, Sie werden ihn aufspüren und zu mir bringen.

Jonas: Wenn ich ihn finde und wenn er will. Warum nicht in der Wildnis, warum nicht sagen wir im Reservat.

Delamotte: Fürs Reservat ist er nicht der Typ, ich bin ganz sicher, er steckt in der Wildnis.

Jonas: Sie müssen’s wissen, Frau Delamotte, es ist ihr Geld. Apropos.

Delamotte: Sie brauchen eine Anzahlung nehm ich an. 500 Euros in bar, ist das genug.

Sam: Es ist genug. Es ist nie genug. Es ist nie genug.

Jonas: Mein Fon klingelte, als ich aus dem Lift stieg, ich ging durch den Korridor, suchte den Schlüssel, schloß auf, ich hatte es nicht eilig, das Fon hörte auf zu klingeln: Gut so. Eine Minute später fing es wieder an. Laut und beharrlich. Jemand mußte große Sehnsucht nach Jonas haben.

Jonas: Jonas, nur Jonas, was ist.

Maid: Hier spricht der hohe Tempel der druidisch-kosmologischen Kirche, seine Mysteriosität, Erzdruide Fingal, wünscht eine Unterredung mit Ihnen.

Jonas: So, dann soll er doch mal vorbeikommen ihr Erzdruide, vielleicht übermorgen.

Maid: Ich bitte Sie, Herr Jonas, Sie werden kommen zum hohen Tempel, sogleich.

Jonas: Jetzt, 5 Minuten vor Mitternacht.

Maid: Auf der Stelle, Herr Jonas, sofern Ihnen an einem einträglichen Auftrag gelegen ist.

Jonas: Sam?

Sam: Anruf genuin, Chef.

Jonas: Tja, so ist das, wochenlang will kein Schwein was von Jonas, und jetzt rennen sie mir die Bude ein.

Sam: Beziehungsweise zitieren euer Willfährigkeit ins Haus.

Jonas: In den Tempel, Sam. Adresse.

Sam: Yes.

Jonas: Die druidisch-kosmologische Kirche war einer der neuen Ufokulte, der größte und offensichtlich lukrativste. Der hohe Tempel erwies sich als Prachtbau in bester Lage in einer Nebenstraße des Markgrafenboulevard, zwei bewaffnete Türsteher fragten nach meinem Namen, ließen mich durch, ein kahles Foyer, eine zweite Tür, ich stand in einem großen runden Raum unter einer hohen Kuppel, spärliches Licht aus unsichtbarer Quelle, aus unsichtbaren Lautsprechern Sphärenmusik, auf dem nachtblauen Hintergrund von Wänden und Kuppel tanzten helle Kreise in komplizierter Choreographie, plötzlich ein helles Rechteck, ganz hinten war eine Tür aufgegangen, eine Gestalt in einem langen weißen Hemd wandelte mir entgegen.

Maid: Der hohe Tempel entbietet ihnen durch mich seinen Willkommensgruß, Herr Jonas.

Jonas: Gleichfalls. Waren Sie die Maid vorhin am Fon. Sind Sie die Sekretärin des Erzdruiden?

Maid: Ich habe die überaus große Ehre, seiner Mysteriosität als rituelle Opfermaid zu Diensten zu stehen.

Jonas: Is ja drollig. Interessanter Job?

Maid: Bitte, Herr Jonas. Seine Mysteriosität erwartet Sie.

Jonas: Hinter der hellen Tür ein freundlicher kleiner Raum, ein Studio oder Herrenzimmer wie das früher hieß, edel ausgestattet, echt lederne Clubsessel, ein massiver Echtholzschrank, hinter der Echtglastür echte Bücher, und inmitten der teuren Pracht ein Mann, groß, gewichtig, würdevoll, eingewickelt in ein weißes Laken, eine goldene Sichel am Gürtel, im dünnen Haar ein Mistelkranz, in der Hand ein Glas, und im Glas, was roch die Nase des Experten?

Erzdruide: Ganz recht, Herr Jonas, Uskibeha, wie die alten Kelten sagten, Wasser des Lebens, echter schottischer Maltwhisky, wollen Sie auch einen?

Jonas: Hm, ehe ich mich schlagen lasse, Hochwürden.

Erzdruide: Mysteriosissimus ist die mir zustehende Anrede, Herr Jonas.

Jonas: Mysteriovissimus. Auf ihr Wohl.

Erzdruide: Mysteriosissimus.

Jonas: Oder so.

Erzdruide: Auf ihr Wohl. Auf Teutates und Bedisama, auf die alten Götter, die da zurückkehren aus der Tiefe des Raumes, ihre irregegangenen Kinder zu retten, zum Wohl.

Jonas: Warum haben Sie mich kommen lassen.

Erzdruide: Sie sollen ihn ausfindig machen, Herr Jonas, den Vorläufer, den Propheten, der da bereits vor etlichen Jahren uns die Wiederkehr der himmlischen Göttern weissagte, in den erleuchteten Werken, welche Sie hier hinter Glas sehen, Herr Jonas.

Jonas: Sie kommen aus dem Kosmos.

Erzdruide: Unter anderem, Herr Jonas.

Jonas: Adam Stiller.

Erzdruide: Eben diesen, Herr Jonas.

Jonas: Sieh mal an. Ein vielbegehrter Typ, dieser Stiller. Jonas dachte kurz nach. Sollte er dem Erzdruiden erzählen, daß er denselben Auftrag schon angenommen hatte? Von Audrey Delamotte. Ich hielt den Mund. Ein kleines bißchen unethisch, möglicherweise, aber es wurde niemand geschädigt. Und einer hatte den Nutzen, Jonas, der kriegte doppeltes Honorar. Und nicht nur das.

Erzdruide: Nach unseren Erkenntnissen ist Adam Stiller ausgestiegen, wie der volkstümliche Ausdruck lautet, und zwar bereits vor 15 Jahren. Sie werden ihn also womöglich in der Wildnis suchen müssen, Herr Jonas.

Jonas: Womöglich. Macht 200 Euros pro Tag und Spesen und eine Zulage, weil ich in die Wildnis muß.

Erzdruide: Die druidisch-kosmologische Kirche brennt vor Verlangen, den Propheten in ihrem Tempel willkommen zu heißen. Sie werden Eifer zeigen, Herr Jonas, Sie werden eilen.

Jonas: Ich tu, was ich kann, Mysteriovissimus, gleich morgen.

Erzdruide: Heute, Herr Jonas, wir werden zahlen, um ihr Bemühen tunlichst zu beschleunigen, stellt die Kirche ihnen ein E-Mobil zur Verfügung, Sie werden es vor dem Tor finden, hier ist der Schlüssel.

Jonas: 5 Stunden später, früher Morgen, ich fuhr durch die Südstadt, raus aus Babylon Richtung Wildnis, es war Platz auf den Straßen, mehr als sonst, keine Penner, keine Obdachlosen, keine Tütenmenschen, verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt, und noch was fiel mir auf: die großen Seniorenanstalten am Stadtrand standen leer, Türen und Fenster mit Brettern vernagelt, seltsam. Aber was ging das Jonas an. Jonas hatte einen Auftrag. Zwei Aufträge. Eden, ein kleiner Ort in der Wildnis, noch dasselbe traurige Nest wie vor 3 Jahren, Fall Spielwiese, egal, Jonas war nur auf der Durchreise, zu drei alten Freunden, Debora, Amos und Obadja. Übrigbleiber, Survivalists, weit draußen in der Wildnis hatten sie sich eine Hütte gebaut, da hausten sie, schlicht und gottesfürchtig, putzten ihre Waffen und warteten auf den großen Knall, nur daß sie jetzt nicht mehr zu dritt waren.

Debora: Bruder Obadja hat uns verlassen, Bruder Jonas.

Jonas: Tot, Debora?

Amos: Schlimmer, er ist zurückgekehrt nach Babylon zu den Fleischtöpfen Ägyptens.

Sam: Volksrente, Computer, elektrisch Licht und Schnaps aus dem Dipsomaten. Chemnitzluja. Korrektur Halleluja.

Amos: Ah Brüderchen Samuel.

Debora: Wie geht’s denn kleiner Schreihals.

Sam: Erlauben Sie Madam, nicht dieser Ton.

Debora: Och, ist er beleidigt.

Jonas: Laß ihn, Debora, er wird wieder.

Amos: Bist du gekommen, um für immer bei uns zu bleiben, Bruder Jonas, denn siehe das Ende der Welt steht vor der Tür.

Jonas: Schon wieder oder immer noch?

Debora: Wirklich und wahrhaftig, Bruder Jonas, hebe deine Augen empor zum Himmel und schaue die Vorzeichen der nahenden Schrecknisse.

Jonas: Die Ufos meinst du.

Amos: Und auch auf Erden geschieht fürchterliches.

Jonas: Wem sagst du das Amos.

Debora: 50 km von hier haben sie ein neues Agrocenter hingestellt.

Jonas: In die kahle Wildnis.

Debora: In die Wildnis, wo nichts wächst, jeden Tag und jede Nacht fahren riesige E-Trucks von Babylon ins Center, vollbeladen mit Menschen, und wenn sie zurückfahren sind sie leer.

Amos: Die große Säuberung hat begonnen, Bruder Jonas, und der Herr gießt aus die Schalen seines Zorns über Gerechte und Ungerechte.

Jonas: Wie dem auch sei. Wenn morgen die Welt untergeht, wird Jonas noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen.

Sam: Bruder Jonas, also steht es geschrieben in dem heiligen Werk, das da genannt wird, Büchmanns geschniegelte Worte, was, nein, geprügelte Worte, a Moment, ahaha, gebügelte Worte, ja gebügelte Worte.

Jonas: Halt den Rand, Sammy, denn wahrlich ich sage dir, so du nicht zügelst den Fluß deiner Rede, schalt ich dich ab. Verstanden.

Sam: Amen und abermals amen.

Amos: Du hast einen Auftrag auszuführen, Bruder Jonas.

Jonas: Ich suche einen Mann namens Adam Stiller, Aussteiger.

Debora: Adam? Alt?

Jonas: 75. Kennst du ihn Deborah.

Debora: Es gibt hier draußen einen alten Mann, der den Namen Adam, der Geschichtenerzähler trägt.

Amos: Manche nennen ihn auch Adam der Spinner.

Jonas: Das dürfte er sein. Wo lebt er?

Debora: Im Asyl, 20 km weiter nach Westen.

Jonas: Der Ort, der jetzt Asyl hieß, war in der alten Zeit ein Campingplatz gewesen, an einem See, der natürlich längst ausgetrocknet war, die Caravans standen noch da, eine Schrottlaube neben der anderen, fast bis zum Horizont, jeder Wagen bewohnt, Aussteiger, Übrigbleiber, Durchsnetzfaller, ein paar Flüchtlinge aus der Drittwelt, die es durch den Militärkordon geschafft hatten. Jonas fuhr durch die rostigen Reihen, sah sich um, fragte, vorsichtig, eine Hand am Leitsystem des E-Mobils, die andere in der Jacke am Laserstrahler. Abends war ich am Ziel, ein verrotteter Minibus, kein Motor, keine Räder, das Heim von Adam dem Spinner alias Adam Stiller. Ein Greis, verkrümmt, verknittert, verknöttert, er ließ mich nicht rein, aber er blieb vor der Tür und hörte sich an, was Jonas ihm mitzuteilen hatte. Babylon ruft, sagte ich, und das gleich zweimal.

Jonas: Babylon ruft.

Stiller: Ach was, wer denn.

Jonas: Erzdruide Fingal und Audrey Delamotte.

Stiller: Und Lisa, Lisa will nichts von mir wissen.

Jonas: Wer?

Stiller: Lisa. Lisa Polonius.

Jonas: Wer ist das?

Stiller: Na, meine Partnerin damals, junger Mann, meine Muße, hab ich immer gesagt, sie hat mir geholfen beim Denken, beim Schreiben, besonders bei meinem letzten Manuskript, ein Roman, nur ein Gott kann uns noch retten, war der Titel, ein Heideggerzitat, werden Sie nicht kennen, junger Mann.

Jonas: Ein Roman über Ufos.

Stiller: Ja, aber nicht so wie Sie vielleicht denken, junger Mann, mein Meisterwerk, schade daß es nicht veröffentlicht wurde, kurz nachdem ich es eingereicht hatte, ging der Verlag pleite. Hat Audrey nichts davon gesagt, sie muß es noch haben.

Jonas: Das Manuskript? Nein nichts.

Stiller: So, was macht sie denn jetzt. Wieder bei einem Verlag?

Jonas: Audrey Delamotte ist Staatsrätin im Amt für Medien und Öffentlichkeitsarbeit.

Stiller: Oh. Wirklich? Also das finde ich interessant, sehr interessant, wenn ich mir so ansehe, was im Moment läuft, diese Ufokiste und kein Wort von meinem Manuskript, da kommt man ins Grübeln, junger Mann.

Jonas: Also was ist, Herr Stiller, was wollen Sie, Verehrung als Prophet, oder viel Geld als neuaufgelegter Autor, oder beides.

Stiller: Oder weiter meine Ruhe als Aussteiger, nicht so flott, junger Mann, das muß ich mir überlegen, mal drüber schlafen. Kommen Sie morgen früh wieder.

Jonas: Wo kann ich übernachten?

Stiller: Ihre Sache, junger Mann.

Jonas: In ihrem Minibus.

Stiller: Null Chance. Schlafen Sie doch in ihrem E-Mobil.

Jonas: Das werd ich wohl müssen.

Stiller: Ein guter Rat, junger Mann, fahren Sie ein Stück raus, bleiben Sie nicht im Asyl, die klauen ihnen den Sitz unterm Hintern weg.

Jonas: Das wollte ich nicht. Also fuhr ich raus, zwei drei Kilometer bis zu einem Haufen bizarrer Felsen, da stellte ich das E-Mobil ab, klappte die Lehne runter, legte mich hin, halb zwölf. Schlafenszeit. Sam schob Wache, in dieser Gegend war es nicht geheuer, und das war noch eine Untertreibung.

Sam: Düdüdüdüdüdüdüt, Erwache, Meister, o Meister o werde wach, düt, nu hör schon auf zu schnofen, du alte Schlafmütze.

Jonas: Sam, wie spät.

Sam: Piep. 2 Uhr und 22 Minuten. Die Nacht ist noch jung.

Jonas: Warum weckst du mich? Was ist los.

Sam: Siehst du nichts, du blindes Huhn. Hörst du nichts, du taube Nuß? Ha?

Jonas: Ich richtete mich auf. Drüben, wo das sogenannte Asyl lag, war der Himmel rot, Feuer, Schüsse, Krieg. Wer gegen wen? Ich startete das E-Mobil, fuhr zurück, ohne Licht, langsam, bis ich sie im Schein der Flammen erkennen konnte: gepanzerte Kampfmaschinen, haushoch, schwer bestückt, Bordkanonen, MGs, Laserwerfer, sie hatten Asyl umstellt, walzten alles nieder, schossen die Caravans in Brand, machten sie platt mitsamt den Bewohnern, wer sich ins Freie retten konnte, wurde abgeschossen. Was ging hier vor? Was waren das für Maschinen.

Sam: Mähdrescher, Herr Agronom, Ernteautomaten, Agrarmaschinen.

Jonas: Du spinnst Sammy.

Sam: Steht doch groß und deutlich dran.

Jonas: AgroC.

Sam: Ja.

Jonas: Dieses ominöse AgroCenter.

Sam: Welches nicht ist, was es zu sein vorgibt.

Jonas: Was hat Debora gesagt: Trucks voller Menschen rein, leer wieder raus. Und jetzt das. Mord, Sam.

Sam: Massenmord euer Ehren. Mit System und Methode.

Jonas: Und mit modernsten Kampfmaschinen. Wer steckt dahinter Sam.

Sam: Wenn eure Tiefschürfigkeit jene uralte, doch immer wieder neu gestellte Frage für den Augenblick zurückstellen und sich gütigst einem akuten Problem widmen wollte. Denn siehe, wie Debora und Amos sagen würden, eine der mörderischen Maschinen ist ausgeschwenkt und nimmt Kurs auf unseren Standort.

Jonas: Zufall, Sammy, die Leute oben auf der Brücke können uns im Dunkeln nicht sehen, von uns wollen die nichts. Oder? Das Ding kommt direkt auf uns zu, Sammy.

Sam: Und ab durch die Mitte. Mach schon, gib Gas.

Jonas: Jonas gab Gas, änderte die Richtung, schlug Haken, alles umsonst, die Maschine blieb dran, und kam immer näher. Der Lichtkegel ihres Scheinwerfers war nur noch wenige Meter vom E-Mobil entfernt.

Sam: Die wissen genau, wo wir sind und wie weit entfernt.

Jonas: Ein Orter, Sammy.

Sam: Transmitter, very good Sir und wo meine ich?

Jonas: Irgendwo hier im E-Mobil.

Sam: Im E-Mobil, Jonas geliehen und zur Verfügung gestellt vom lieben Erzdruiden.

Jonas: Dieser hinterhältige Armleuchter. Aber warum?

Sam: Achtung, Felsen direkt voruss.

Jonas: Die Rettung. Mit quietschenden Reifen bog ich um die Felsengruppe, dahinter nahm ich sofort Tempo weg, steig aus, bis der Wagen fast kroch, ich stieg aus, stellte am Leitsystem Höchstgeschwindigkeit ein und tauchte dann mit einem Hechtsprung zwischen die Felsen, von da sah ich, wie die Kampfmaschine hinter dem leeren E-Mobil herratterte, bis beide Fahrzeuge in der Dunkelheit verschwanden.

Sam: Das Wandern ist des Sammys Lust, für Jonas singen ist ein Frust, das Wandern. Im Frühtau zu Berge…

Jonas: Am nächsten Morgen wanderte ein Privatdetektiv durch die Wildnis, er war allein, aber nicht einsam, hoch über ihm zogen Ufos ihre Bahn, und in seiner Tasche tönte es. Laut und herzzerreißend. Sam sang zur Aufmunterung Wanderlieder. Die blieben ihm aber im nicht vorhandenen Halse stecken, als wir unserem Ziel näherkamen, die Hütte meiner Übrigbleiberfreunde war ein rauchender Trümmerhaufen, von Amos und Debora war nichts zu sehen, vermutlich lagen sie drunter.

Sam: Erspäht mein Bruder Shatterhand die Raupenspuren im Wüstensand?

Jonas: Kampfmaschinen, hier waren sie also auch, vermutlich haben sie uns ab Babylon verfolgt, weit weg hinter dem Horizont. Ein gewaltiger Aufwand, Sammy, warum.

Sam: Unzureichende Daten euer Fragwürden.

Jonas: Typisch, wenn man dich wirklich mal braucht.

Sam: Auf jeden Fall hat es was mit Herrn A. Stiller selig zu tun. Mein gröJaz.

Jonas: GröJaz?

Sam: Ja, größter Jonas aller Zeiten, sollte ihn aufspüren, um ihn so nichtsahnend ans Messer zu liefern. Präzislicher vor die Kampfmaschine.

Jonas: Für den Erzdruiden. Deshalb hat er mir ein E-Mobil mit Orter gegeben. Aber viel weiter sind wir damit nicht, Sammy. Welche Rolle spielt Audrey Delamotte. Und vor allem warum wurde Stiller umgebracht.

Sam: Nicht nur er, höchsteigentlich du mein Allerwertester, vielmehr auch jeder Mann und jede Frau, die so mit ihm Umgang pflagen. Bis hin zu Amos und Debora. Requiencant in pace.

Jonas: Amen. Was war mit Stiller. Weshalb war er so gefährlich? Für wen? Was passiert im AgroCenter. Und was ist mit den Ufos.

Sam: Herr Lehrer, Herr Lehrer, darf Sam auch mal was fragen.

Jonas: Bitte. Schieß los.

Sam: Wie kommen wir zurück nach Babylon.

Jonas: Die Frage konnte Jonas beantworten. In einer Höhle nicht weit weg hatten die Übrigbleiber ein altes Benzinauto versteckt, vollgetankt, fahrbereit, für die Zeit nach dem großen Knall, das wußte ich von meinem ersten Besuch vor drei Jahren. Ich wartete bis zum Abend, dann fuhr ich los Richtung Babylon. Unterwegs hielt ich Ausschau nach Kampfmaschinen und Helikoptern, aber alles was ich am Himmel sah, waren Ufos. Am Stadtrand ließ ich das Auto stehen, und suchte mir eine Kneipe, in der Jonas garantiert unbekannt war, ich mußte was trinken. Was essen, was mit Sammy bereden.

Sam: Nach Hause, in dero Dussligkeit Büroapartment, dich haben sie wohl mit dem Bups gepiekt, was Knallkopp bzw. oder auch mit Klammerbeutel gepudert, kommt ja gar nicht in die Tür, da ist dicke Luft Mann, da warten sie auf dir, du Hirnsklerotiker.

Jonas: Wer immer sie sind. Also untertauchen. Wo? Audrey Delamotte. Was hältst du davon, Sammy?

Sam: Sammy enthält sich jedweder Meinung.

Jonas: Ganz was neues. Also gut, wir können es ja mal probieren. Es ist jetzt.

Sam: 1 Uhr 11, mitten in der dunklen Nacht.

Jonas: Um die Zeit liegt ein braves Mädchen im Bett.

Sam: Allein zuzweit.

Jonas: Mach ne Verbindung Sam. Delamottes Wohnung.

Sam: Bitte sehr der Herr. Piep.

Jonas: Na, was ist.

Sam: Der Anschluß ist außer Betrieb, die Teilnehmerin ist verstorben. Überraschung.

Jonas: Kann man wohl sagen, eine rundum tödliche. Was jetzt.

Sam: Adam Stiller.

Jonas: Ist auch tot. Auch blöder Vorschlag.

Sam: Laß mich doch ausreden, du Napsülze. Adam Stiller hat was von einer früheren Partnerin Lisa Polonius. Da könnte man einhaken.

Jonas: Was soll dabei rauskommen, Sam.

Sam: Infos Dummie. Über Stiller, über Manuskript Nur ein Gott kann uns noch retten.

Jonas: Ich weiß nicht, Sammy, also von mir aus, Lisa Polonius, gibt’s die überhaupt, los Sam, an die Arbeit Besen, du hast es so gewollt.

Sam: Schon gut. Piep. Lisa Agneta Polonius, wohnhaft Babypsilon Südstadt, große Ausfallstraße Nr. 2271, Apartment IX S.

Jonas: Gar nicht weit, praktisch um die Ecke, das traf sich gut, Jonas rief an, holte Lisa Polonius aus dem Bett, stellte sich vor, sagte was von Stiller, das genügte. Eine halbe Stunde später saß ich in ihrem schäbigen Zimmer, 10 Quadratmeter, ich erzählte ihr von meinen Abenteuern in der Wildnis und von Stillers Tod. Sie war erschüttert. Ein bißchen. Nicht lange. Schließlich hatte sie 15 Jahre nichts von ihrem Expartner gehört. Dann war sie dran mit Erzählen.

Lisa: Ich war es, Herr Jonas. Ich habe die Lawine losgetreten, weil ich Audrey Delamotte angerufen habe.

Jonas: Wann war das?

Lisa: Vor… vor 4 Tagen, am 31. Oktober 2013.

Jonas: Weshalb haben Sie angerufen?

Lisa: Wegen Adam und wegen der Ufos, weil mir was aufgefallen war, die ganze Sache mit den Ufos und daß erst ein paar über den Himmel fliegen und dann immer mehr und daß sie landen, daß sie Kontakt aufnehmen, alles das, das steht ganz genau so drin in Adams Manuskript.

Jonas: Nur ein Gott kann uns noch retten.

Lisa: Ja. Hat Audrey ihnen davon erzählt.

Jonas: Nein, kein Wort. Das war Stiller.

Lisa: Ah. Ich hab Audrey nämlich vorgeschlagen, das Buch jetzt rauszubringen, 15 Jahre später.

Jonas: Wie hat sie reagiert.

Lisa: Sie hat gesagt, das geht nur, wenn Adam zustimmt, deshalb wollte sie einen Detektiv beauftragen, Adam zu suchen.

Jonas: Und das hat sie getan, noch am gleichen Tag, nicht nur sie übrigens, kennen Sie den Erzdruiden Fingal, Frau Polonius.

Lisa: Sagen Sie Lisa.

Jonas: Kennen Sie ihn, Lisa? Von der druidisch-kosmologischen Kirche.

Lisa: Nein.

Jonas: Dieses Manuskript von Stiller, wer hat das.

Lisa: Audrey, sie hat es behalten damals, der Verlag brach zusammen, Adam war verschwunden.

Jonas: Haben Sie eine Kopie.

Lisa: Es gibt keine Kopie, aber ich weiß was drin steht, ich habe schließlich mitgearbeitet.

Jonas: Stillers letzter Roman spielte in der nahen Zukunft, einer düsteren Zukunft voller Probleme: Umwelt kaputt, zuviel Menschen, zuwenig Ressourcen, die Weltregierung wußte nicht mehr weiter, und da kam sie auf eine clevere Idee, sie holte die Ufos aus der Mottenkiste, nach genau ausgearbeitetem Plan, mit allen technischen und psychologischen Tricks, Holoprojektionen, Halluzinationsdrogen, neue Sekten, gefälschte Holoreportagen in dramatischer Steigerung, Ufos flogen, Ufos landeten, Ufos enthüllten ihr Geheimnis, Ufos kamen aus dem Weltraum, sie verbreiteten keine Angst, sie machten Hoffnung, ein gigantisches Manöver, eine massive Ablenkung, die Menschen sahen nicht mehr der Regierung auf die Finger, sie sahen zum Himmel, erwartungsvoll, optimistisch.

Lisa: Die Idee zu dem Buch hatte Adam schon früh, um 1990, die Regierung von Peru ließ damals an mehreren Stellen im Land die Madonna erscheinen, die frommen Peruaner gingen auf Wallfahrt und vergaßen ihre Armut, ihre korrupten Minister. Interessant, nicht wahr, Jonas.

Jonas: Interessant, das hat Stiller auch gesagt, als er hörte, Audrey Delamotte sei jetzt beim Amt für Medien und Öffentlichkeitsarbeit.

Lisa: Ah, ist sie das.

Jonas: Sogar als Staatsrätin.

Radio-Sprecher: Wir unterbrechen unser laufendes Programm für eine wichtige Sondermeldung.

Jonas: Stellen Sie lauter Lisa.

Radio-Sprecher: In der Nacht vom 1. zum 2. November 2013 hat ein unbekanntes Flugobjekt versucht, in der Wildnis etwa 150 km südlich von Babylon…

Jonas: Das ist da, wo ich war, in der selben Nacht.

Radio-Sprecher: Asoziale Bewohner eines nahegelegenen illegalen Lagers reagierten hysterisch und aggressiv.

Jonas: Das Asyl ist gemeint.

Radio-Sprecher: Es kam zu einer Panik, die mehrere Opfer forderte, darauf brach das Objekt den Landeversuch vorerst ab. Soweit die Meldungen.

Jonas: Alles falsch.

Radio-Sprecher: Bleiben Sie am Apparat, meine Damen und Herren, noch in dieser Nacht sind weitere sensationelle Entwicklungen zu erwarten.

Jonas: An der ganzen Meldung stimmt nur eins: Es gab Opfer. Ufos waren nicht da. Nur Maschinen, ausgesprochen irdische Kampfmaschinen, gesteuert von Menschen.

Lisa: Vielleicht, vielleicht gibt es überhaupt keine Ufos. Was wir da am Himmel sehen, das sind vielleicht auch nur Fälschungen.

Jonas: Vielleicht ist die ganze Ufowelle nicht wahr, alles gelogen, alles falsch.

Lisa: Wie es Adam in seinem Buch vorgedacht hat, ich glaube…

Jonas: Machen Sie das Licht aus Lisa.

Jonas: Ich ging ans Fenster, unten auf der Straße hielt ein großer Elektrotruck, Aufschrift AgroC, natürlich, die Truppe, ein rundes Dutzend, sprang von der Ladefläche, alle groß, alle breitschultrig, alle bewaffnet mit Laserstrahlern und Sturmautomaten, wie Landwirte sahen sie nicht aus, ehe wie Cops in Zivil, sie rannten über die Straße in den Hauseingang. Es wurde Zeit zu verschwinden. Wie?

Lisa: Hinten raus durchs Bad, nein, kommen Sie Jonas, aus dem Fenster, über die Feuerleiter aufs Dach.

Jonas: Und dann?

Lisa: Rechts um, vier Häuser weiter ist ein Altenheim, vorn an der Ecke, das Heim steht leer, seit 3 Tagen, seit der Umsiedlung.

Jonas: Was für eine Umsiedlung?

Lisa: Ja wissen Sie denn das nicht. Alle Bewohner von Alten- und Pflegheimen werden umgesiedelt.

Jonas: Wohin.

Lisa: Irgendwo außerhalb, wie hieß das, in ein den spezifischen Lebensführung der Umsiedler angepaßtes alten- und krankengerechtes Ambiente, so ungefähr.

Jonas: Alle Heimbewohner, und so schnell, merkwürdig.

Lisa: Im Heim können wir uns verstecken, ich kenne mich aus, ich war oft da, Freunde besuchen. Achtung, Schornstein.

Jonas: Fast 70 Jahre war sie alt, aber zäh und beweglich wie eine junge. Oder sagen wir wie ein Detektiv in den besten Jahren. Gemeinsam turnten wir über Leitern und Dächer. Bis wir in Sicherheit waren, fürs erste jedenfalls. Im Gemeinschaftsraum des leeren Altenheims. Da verpusteten wir uns und machten weiter, wo wir in Lisas Zimmer aufgehört hatten. Allmählich reimten wir uns die ganze wüste Geschichte zusammen. Zu dritt. Sammy war ja auch noch da.

Sam: Ja was soll denn das, jeder sagt, was ihm einfällt, alle reden durcheinander, so geht das nicht. Wird Zeit, daß ein geistig überlegenes Digitalwesen ein bißchen Fasson in die Sache bringt. Also dann. Die Sitzung ist eröffnet. Den Vorsitz führt Computer Samuel. Vorsitzender Computer Samuel erteilt das Wort an Computer Samuel. Danke Herr Vorsitzender. Bitte bitte.

Jonas: Blas dich nicht so auf, Sammy.

Sam: Ruhe auf den billigen Plätzen. Computer Samuel beginnt. Danke. Erstens. Es steht dringend zu vermuten, daß es sich bei der aktuellen Ufowelle um eine Vortäuschung falscher Tatsachen, um eine Ablenkung geradezu gigantischen Ausmaßes seitens höchster babylonischer Stellen hundelt was äh handelt.

Lisa: Ablenkung wovon.

Sam: Später gute Frau, eins nach dem andern. Alles zu seiner Zeit.

Lisa: Sagen Sie, ist er immer so Ihr Computer, Jonas.

Jonas: Nein, meist ist er schlimmer.

Sam: Der Vorsitzende verbittet sich energisch jedwede beleidigende Anmerkung im Saal. Fahren Sie fort, Computer Samuel. Danke, Herr Vorsitzender. Zweitens. Die offensichtlich verewigte Audrey Delamotte, Staatsrätin im Amt für Medien und Öffentlichkeitsarbeit, hat das in ihrem Besitz befindliche Manuskramramon Korrektur Romanmanuskript des gleichfalls verewigten Autors Adam Stiller mit dem Titel “Nur ein Gott kann uns noch retten”, als Grund- oder auch Vorlage für besagte Großtäuschung benutzt, dies glaubte sie allem Anschein nach problemlos tun zu können, hielt sie doch Stiller für verschollen, und

Lisa: Ja, aber dann hab ich Audrey angerufen.

Sam: Dieserhalb und desterwegen.

Jonas: Jetzt ist es gut, Sam. Faß dich kürzer oder du kriegst Ärger.

Sam: Drittens. Delamotte: Auftrag an Jonas, such Stiller, bring zurück Babylon, Ziel Stiller umbringen. Kurz genug, Sir.

Jonas: Kurz genug. Weiter. Weiter.

Sam: Viertens Erzdruide derselbe Auftrag, Stiller lokalisieren, Ziel Stiller durch Kampfmaschinen umbringen lassen. Fazit: Erzdruide auch sehr interessiert Ufoschwindel geheim zu halten. Frage Chef: Erzdruide in Verbindung mit Delamotte?

Jonas: Ich stell die Frage Sam. Du bist Computer Samuel, die geistig überlegene Digitalperson. Du antwortest.

Sam: Unzureichende Daten, euer Ungnaden.

Jonas: Hätt ich mir denken können. Bist du jetzt fertig?

Sam: Viertens. Jonas, Lisa Polonius wissen zu viel, darum verfolgt, gehetzt, in Lebensgefahr.

Jonas: Da wären wir ohne dich nie draufgekommen.

Sam: Siehste.

Lisa: Ich muß nochmal fragen. Weshalb das ganze große Manöver, wovon soll abgelenkt werden.

Sam: Davon.

Jonas: Ich wußte die Antwort, aber ich wollte sie nicht wissen, ich wollte weg aus Babylon, aus einer Welt, in der solche Dinge geschahen, die leeren Straßen, die leeren Heime, die sogenannten Umsiedlungen in ein sogenannten Agrocenter, Straßenmenschen, Obdachlose, Alte, Behinderte, Kranke, es gab zu viel davon, zuviel für eine Regierung, die nicht mehr wußte, wie sie die Volksrente aufbringen sollte, die deshalb die demografische Statistik korrigierte, und um die Aktion eine Nebelwand legte, die Ufos. Nur so konnte es sein. Aber ich mußte mich vergewissern. Megan Alcatraz, Chiefcontroller im Justizministerium, sie war mir was schuldig, Fall Strafkolonie vor einem viertel Jahr. Das Fon im Heim war noch in Betrieb, ich rief sie an.

Megan: Es gibt Gerüchte über eine streng geheime Staatsaktion, Codename Lebensabend, offiziell weiß ich nichts, unser Ministerium ist nicht beteiligt.

Jonas: Wer ist beteiligt, weißt du das, Megan.

Megan: Finanzen, Inneres, Gesundheit, Kultus, das Amt für Medien und Öffentlichkeitsarbeit.

Jonas: Staatsrätin Delamotte.

Megan: Ja, so heißt sie glaub ich. Ja, und dann noch das und das Agrarministerium. Seltsamerweise.

Jonas: Wenn man im Mist wühlt, stinkt es. Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

Megan: Hast du etwas mit Lebensabend zu tun, Jonas.

Jonas: Andersrum, Megan, Lebensabend hat mit mir zu tun.

Megan: Halt dich da raus, Jonas, Lebensabend ist gefährlich.

Jonas: Lebensgefährlich. Nicht nur für Jonas.

Megan: Hast du ein Hologerät in Reichweite?

Jonas: Ja, hier steht eins, warum?

Megan: Schalt ein, und mach’s gut, Jonas.

Holo-Reporter: Steht unmittelbar bevor, ein einmaliges meine Damen und Herren, ein historisches Ereignis, die größte Sensation seit es Menschen gibt, die erste offizielle angekündigte Landung eines außerirdischen Raumschiffs auf dieser unserer Erde.

Lisa: Die Begegnung der vierten Art, wie in Adams Buch.

Holo-Reporter: Meine Damen und Herren, diesmal wird es keine Explosion geben, die Regierung hat das Landegebiet räumen und absperren lassen, das große Ufo, das seit einigen Minuten über uns schwebt, in einer Höhe von ich würde mal schätzen, 500 Metern, äh, das beginnt jetzt zu sinken, langsam, ganz langsam nimmt es immer mehr Fahrt weg, es beginnt zu sinken, und jetzt ein Lichtkegel von fast unerträglicher Helligkeit, erfaßt die Vertreter der Medien, erfaßt die Abordnung der Regierung, die darauf wartet unsere außerirdischen Besucher willkommen zu heißen.

Jonas: Gut gemacht die Special effects.

Holo-Reporter: Meine Damen und Herren, warten Sie mit uns gespannt auf die Landung, das Ufo senkt sich weiter, tiefer, immer tiefer, gleich, meine Damen und Herren, wird es den irdischen Boden berühren, mein Gott, es kommt, es kommt immer tiefer, jetzt…
Cop: Hände hoch. Hinlegen. Mach die Kiste aus.

Jonas: Die Agronomen in Zivil von vorhin, jetzt hatten sie uns. Flucht war nicht drin, Widerstand auch nicht. Sie nahmen mir den Laser weg. Sam fanden sie nicht, der lag im Schatten und war ganz still.

Cop: Jonas, nur Jonas?

Jonas: Der bin ich.

Cop: Rechts rüber, noch ein Stück, gut so.

Jonas: Lisa. Sie, Sie haben sie erschossen. Einfach so.

Cop: Na sowas. Das ist unser Job, was regen Sie sich auf, seien Sie froh, daß Sie nicht auch da liegen neben dem alten Gemüse, aber wir haben strengen Auftrag, Ihnen nicht zu tun, jemand legt Wert darauf, daß Sie am Leben bleiben.

Jonas: Wer?

Cop: Hohes Tier im Justizministerium, Alcatraz.

Jonas: Megan hat uns verraten.

Cop: Sie hat ihren Anruf zurückverfolgt und den großen Chef informiert, Bedingung: Sie werden nicht getötet, war doch nett von ihr.

Jonas: Kann ich jetzt gehen?

Cop: Klar, können Sie, mit uns, zum Chef. Hopp Hopp. Sie haben uns schon genug Zeit gekostet.

Jonas: Eine längere Fahrt von der Südstadt ins Zentrum zum Markgrafenboulevard, zum hohen Tempel der druidisch-kosmologischen Kirche, zum großen Chef.

Erzdruide: Jawohl, Herr Jonas, der Chef bin ich, Babelenus usw. Erzdruide und Vorsitzender des Führungsgremiums der Aktion Lebensabend sowie der Unteraktion Ufo.

Jonas: Deshalb wußten Sie Bescheid über Stiller und sein Manuskript. Audrey Delamotte hat Sie informiert.

Erzdruide: Das hat sie nicht, Herr Jonas. Die gute Audrey hat uns den Plan für das Ablenkungsmanöver Ufo als ihr eigenes Produkt verkauft, von Stillers Manuskript haben wir erst durch den Anruf von Lisa Polonius erfahren.

Jonas: Sie haben Delamotte überwacht.

Erzdruide: Wir überwachen alle Eingeweihten unterhalb der Führungsebene, Fon, Computer, Kontakte. Als wir dann hören mußten, der Autor des Manuskripts lebe womöglich noch, da, Herr Jonas, beschlossen wir, Frau Delamotte zuvorzukommen und direkt einzugreifen, mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Es ging um Glaubwürdigkeit und Akzeptanz zweier hochsensibler Operationen. Wir durften nichts riskieren. Stiller und sein Manuskript mußten verschwinden.

Jonas: Also haben auch Sie mich beauftragt, mir das E-Mobil mit Orter angedreht, und als ich Stiller gefunden hatte, haben Sie die Kampfmaschinen losgelassen, auf das Asyl mit zigtausend Bewohnern. Finden Sie das nicht ein bißchen übertrieben.

Erzdruide: Sicher ist sicher Herr Jonas. Außerdem, was waren denn das für Menschen, Asoziale, Flüchtlinge, kaputte Typen, unnütze Fresser, das ist doch der Sinn der Aktion Lebensabend, so was wollen wir loswerden.

Jonas: Wie Jonas.

Erzdruide: Sie werden nicht ausgeschaltet, Herr Jonas, das habe ich Frau Alcatraz von Justizministerium versprochen, aber einfach laufen lassen kann ich Sie natürlich auch nicht.

Jonas: Natürlich nicht. Wo ich jetzt soviel weiß.

Erzdruide: Sie haben so viel durchgemacht, Herr Jonas, Sie sind verwirrt, Sie sind überlastet mit Informationen, die Sie nicht verstehen, die Sie nicht einordnen können, die viel zu schwer für Sie sind, ihre Sinne sind überfordert, ihr Geist ist überanstrengt, Sie brauchen Ruhe, Entspannung, eine Kur für Körper, Geist, Gemüt, und zum Glück Herr Jonas, haben wir genau das richtige für Sie. Sie werden jetzt ein Medikament einnehmen, Herr Jonas, das Sie vollkommen ruhig stellt, und dann das Bad des Vergessens.

Jonas: Ich war in einem Tank unter dem Tempel, ich schwamm auf Salzwasser, ich war nackt, ich konnte kein Glied rühren, ich sah nichts, unvorstellbar schwarze Nacht, kein noch so schmaler Lichtstrahl fiel in den Tank, ich hörte nichts, unvorstellbare Leere, kein noch so leises Geräusch drang in den Tank, ich war bei Bewußtsein. Mein Bewußtsein wehrte sich, kämpfte, tobte, schrie, bis es müde wurde und sich zurückzog in mich hinein. Tief in mich hinein.

Maid: Du bist Jonas.

Erzdruide: Du hast geschlafen.

Maid: Und schlecht geträumt.

Erzdruide: Vom Ufos.

Maid: Jetzt bist du wach.

Erzdruide: Du bist ganz ruhig.

Maid: Du hast alles vergessen.

Erzdruide: Es geht dir gut.

Maid: Alles ist gut.

Erzdruide: Es gibt keine Probleme.

Jonas: Ich bin ganz ruhig. Alles ist gut. Es gibt keine Probleme.

Jonas: Inzwischen im Gemeinschaftsraum des leeren Altersheim klagt ein alleingelassener Computer um seinen Herrn.

Sam: Mein Mensch, mein Meister, mein einziger Jonas, wo ist er, was tut er, wie geht’s ihm, auch wird sein armer kleiner Sammy ihn jemals wieder sehen. Auf Wiedersehen. Auf Wiedersehen. Bleib nicht so lange weg, den Jonas werd ich wiedersehen. Für ihn ist dann sein Pech.

Das war Ufo. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem wirkten mit: Kornelia Boje, Ute Mora, Alois Maria Giani, Horst Sachtleben und viele andere (Kerstin de Ahna, Matthias Knappe, Rolf Aicher, Annette Wunsch, Felix Eitner, Detlef Kügow, Sascha Icks, Hans Stetter, Pascale Schulze, Marc Schulze, Urs Schaudinn, Andreas Wohlrab, Eva Windisch). Ton und Technik: Günter Hess, Christine Koller und Monika Graul. Regieassistenz: Holger Buck. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1994). Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Weihnachtsmärchen

Coco: Sti-hille Nacht. Hei-lige Nacht. Coco hat in die Hose gemacht.

Sam: Altes Ferkel.

Coco: Coco lacht, daß es kracht. Hahahahaha! Spaß muß sein, Kinder. Aber jetzt sind wir mal ein bißchen ernst ausnahmsweise.

Sam: Ich nicht.

Coco: Kinderweihnachten steht vor der Tür. Das Fest der Liebe. Was ist Liebe? Liebe ist nicht nur das, was die Großen nachts im Bett machen, wenn sie glauben, ihr schlaft schon.

Sam: I pfui Teufel.

Coco: Liebe ist Fühlen. Mitfühlen. Mit den vielen armen Kindern, die keine Geschenke kriegen, mit den Kindern in der Drittwelt, die krank sind, die Hunger haben. Liebe ist Geben.

Sam: Ne ne! Nehmen.

Coco: Gebt, Kinder, soviel Euros, wie ihr könnt. Schickt sie an mich, an euren Freund Coco, den Clown mit dem goldenen Herzen, Network Holo-TV Babylon.

Sam: Bab-ypsilon.

Coco: Sti-hille Nacht, heilige Nacht, geben so viel Freude macht. Gebt von eurem Taschengeld für das Elend in der Welt.

Jonas: Zum Kotzen. Warum sehe ich mir das an, warum schalte ich nicht gleich ab.

Sam: Unzureichende Daten, euer Fragwürden. Apropos Weihnachten.

Jonas: Sam wollte ein Geschenk. Einen neuen Namen. Sam gefiel ihm nicht mehr. Zu kurz. Sammy war ihm zu albern. Und Samuel zu umständlich. Die Frage war, wie wollte er ihn Zukunft heißen?

Sam: Behufs dieses Punktes steht eine endgültige Entscheidung noch dahin bzw. aus. In wohlwollender Erwägung befinden sich Prof. Einstein und Superhirn unter anderem.

Jonas: Weltseele. Lieber Gott.

Sam: Ach, seien Sie nicht albern, junger Mann, heiliger Geist, das hat was.

Val: Hallo, jemand zu Hause?

Jonas: Valerie!

Sam: Sieh mal einer kuck, der Wal, in voller Lebensgröße.

Jonas: Valerie. Kurz Val, Sammy sagte: Der Wal. Weil sie so groß und umfangreich war. Das sollte ein Witz sein. Jonas und der Wal. Sehr komisch. Valerie war eine Ex-Freundin, ausgesprochen ex, wir waren nur kurz zusammen, und seit Jahren auseinander, von mir aus hätte es so bleiben können. Was wollte Val von Jonas?

Jonas: Was willst du Val von Jonas.

Val: Dir frohe Weihnachten wünschen, dir erzählen, wir’s mir geht, ich hab mich selbständig gemacht, hier, sieh mal, meine Karte.

Jonas: Valerie, nur Valerie, die letzte Detektivin.

Val: Merkst du was, Jonas, ich hab von dir gelernt.

Sam: hehe, das geht doch gar nicht.

Jonas: Das konnte man wohl sagen. Ich bin Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv. In der großen Stadt Babylon und drum herum. Val hatte mich schamlos kopiert. Ich schlug ihr ne Änderung vor, die allerletzte Detektivin.

Val: Charmant wie eh und je, Jonas, wie sieht’s bei dir aus, alles OK?

Jonas: O danke.

Val: Ich hab so was gehört. Daß es dir vor ein paar Wochen gar nicht gut ging.

Jonas: Sie meinte den Ufofall, Anfang November 2013, damals hatte Jonas drei Dinge verloren, Sam seinen sprechenden Computer, sein Gedächtnis und den Glauben an die Menschheit. Computer und Gedächtnis hatte ich wieder, den Glauben an die Menschheit suchte ich immer noch.

Val: Armer Jonas. Da wirst du noch lange suchen müssen.

Jonas: Du bist doch nicht gekommen, weil du dir Sorgen um mich machst, Val. Was willst du?

Val: Ich bring dir ’nen Fall, Jonas.

Jonas: Du mir glaub ich nicht.

Val: Einen richtigen Jonasfall, schwierig aber interessant.

Jonas: Wo ist der Haken?

Val: Naja, die Leute haben kein Geld.

Jonas: War nett dich mal wieder zu sehen, Val, mach’s gut.

Val: Ach, nun hör dir die Sache doch wenigstens mal an.

Jonas: Von mir aus.

Val: Also, da ist ein altes Hetero-Paar, Ramona und Kevin Klein, arm aber ehrlich, Nachbarn von mir, sie wohnen im selben Hochhaus, Straße 130 in der Südstadt.

Jonas: Vor gut 50 Jahren haben sie die Südstadt hochgezogen, flott und billig, inzwischen sind die grauen Hochhäuser kräftig am krümeln, soweit sie überhaupt noch stehen. Aber die Südstadt ist kein Slum, sagt die Bürgermeisterin. Die Südstadt ist ein urbaner Sektor mit spezifischen strukturellen Problemen. Oder so. In der Südstadt wohnt, wer sich wo anders keine Wohnung leisten kann.

Val: Gestern ist den Kleins das Kind gestohlen worden, das sie sich gerade erst gekauft hatten, aus dem Bett, von Weihnachtsmännern mit Laserstrahlern.

Jonas: Lösegeld.

Val: Ne, nichts. Keine Kontaktaufnahme. Kein Wort von den Kidnappern. Die Kleins sind zu mir gekommen, aber unter uns, Jonas, für mich ist der Fall eine Nummer zu groß. Naja, ob du nicht ganz unverbindlich aus fachlichem Interesse.

Jonas: Manchmal übernimmt Jonas einen Fall für noth, aus Sport sozusagen, weil er ihn interessiert, weil er sich langweilt. Außerdem hatte ich meinen sozialen Tag. Weihnachten stand vor der Tür, das Fest der Liebe usw. Ich fuhr mit Val in die Südstadt, Straße 130, Haus N, 13. Stock, Ramona und Kevin Klein, ältlich, ärmlich und völlig aufgelöst. Es dauerte ein bißchen bis sie sich bekrabbelt hatten und mir erzählen, was passiert war, der Reihe nach, von Anfang an.

Ramona: Wir hatten mal einen Sohn, Herr Jonas, vor langer Zeit als wir jung waren.

Kevin Klein: Einen selbstgemachten.

Ramona: Er ging zur UNO als Soldat, und dann ist er gefallen, unser Kevin junior.

Kevin Klein: In Mazedonien, Sommer 1998.

Ramona: Wir haben uns so sehr einen neuen Sohn gewünscht, Herr Jonas.

Kevin Klein: Kevin junior Nummer zwei.

Ramona: Aber ein Retortenkind oder eine Leihmutter können wir uns nicht leisten, und für eine legale Adoption sind wir zu alt.

Jonas: Also entschlossen sich die Kleins, ihr Wunschkind illegal zu adoptieren, das heißt zu kaufen, das ist offiziell nicht gestattet, wird aber toleriert, es gibt jede Menge Kinderhändler, sie beziehen ihre Ware aus der Drittwelt und verkaufen sie in Babylon. Mehr oder weniger offen.

Ramona: Wir haben alles zusammengekratzt was wir hatten.

Kevin Klein: Verschuldet haben wir uns auch.

Ramona: Mit dem Geld sind wir zu Olga Omarenko gegangen, die ihren Laden am unteren Ende vom Markgrafenboulevard hat, Omas Kinderstube.

Kevin Klein: Offiziell vermittelt Frau Omarenko Kinder für Werbung und Medien, aber in erster Linie verkauft sie Adoptivkinder.

Ramona: Wir sind also zu ihr gegangen.

Kevin Klein: Das war vor drei Wochen, Ende November.

Ramona: Und wir haben ihr genau gesagt was wir wollten, einen Jungen etwa zwei Jahre alt, gesund.

Omarenko: Gesund, Omas Kinder sind alle gesund, Mütterchen, kerngesund.

Ramona: Und dunkle Haare.

Omarenko: Dunkle Haare, Karacho, keine Sorge Mütterchen Väterchen, Oma wird besorgen.

Kevin Klein: Und äh wieviel wird es kosten.

Omarenko: Nicht teuer, Väterchen, spottbillig, 8000.

Kevin Klein: 8000 Euros?

Omarenko: 5000 jetzt sofort, bar als Anzahlung 3000 später wenn Oma liefert. Recht so, Väterchen, Mütterchen?

Ramona: Gib mir das Geld Kevin. Und wann? Wann Frau Omarenko kriegen wir unseren kleinen Kevin junior?

Omarenko: Schwer zu sagen Mütterchen. Geduld, ja?

Ramona: Wir hätten ihn so gern zu Weihnachten.

Omarenko: Alle wollen Kinder zu Weihnachten Mütterchen, nu Oma wird versuchen, Karacho?

Kevin Klein: Wir kommen vorbei und fragen nach.

Omarenko: Tut das Väterchen, tut das.

Kevin Klein: Ich weiß nicht, wie oft wir in Omas Kinderstube waren.

Ramona: 5 Mal, Kevin. 6 mal mit gestern.

Kevin Klein: Jedes Mal wurde uns gesagt, noch nicht da, tut uns leid, demnächst, fragen Sie wieder nach.

Ramona: Aber gestern, da war es endlich soweit.

Angestellter: Bedaure, Frau Omarenko ist nicht im Hause, kann ich was für Sie tun?

Kevin Klein: Mein Name ist Klein, wir hatten vor drei Wochen

Ramona: Kevin, hier ist er. In der dritten Krippe. Unser Kevin Junior. Genau wie wir ihn haben wollten. Ja nicht wahr, du bist mein kleiner Kevin, so ein süßes Kind.

Angestellter: Sie meinen das ist das Kind, das Sie bestellt haben.

Kevin Klein: Ganz bestimmt.

Angestellter: Sehen wir mal nach. Aha. Klein, Ramona und Kevin, Restpreis 3000 Euros.

Kevin Klein: Hier. 3000.

Angestellter: Na, dann ist ja alles in bester Ordnung. Sollen wir das Kind schicken oder nehmen Sie gleich mit.

Ramona: Ein netter junger Mann.

Kevin Klein: Kevin junior haben wir natürlich mitgenommen.

Ramona: Schon seit Wochen war alles fertig. Bettchen, Kleidung, Spielzeug, Sie sehen ja hier in der Ecke. Gestrahlt hat er unser Kleiner.

Kevin Klein: Eine Stunde später klingelte es, ich machte auf, es war Frau Omarenko, sie sagte kein Wort, schob mich zur Seite, kam rein, sah sich um.

Ramona: Und wollte mir Kevin junior vom Arm reißen.

Ramona: Was fällt ihnen ein?

Omarenko: Ruhig Blut, Mütterchen, Kind ist nicht ihr Kind, Mein wie sagen Sie Ladenhüter hat gemacht Irrtum, Kind ist für einen anderen Kunden, geben Sie zurück, Mütterchen, Väterchen.

Ramona: Nein, unseren Kevin junior geben wir nicht mehr her.

Kevin Klein: Wir haben ihn voll bezahlt, hier ist die Quittung.

Omarenko: Hören Sie Mütterchen, Sie sind Frau, Sie werden verstehen, leibliche Mutter in Drittwelt ist ganz krank vor Sehnsucht, wird sterben wenn nicht bekommt zurück ihr Kind. Seien Sie Engel Mütterchen, geben Sie her.

Ramona Klein: Das glaub ich Ihnen nicht. Kevin junior bleibt hier.

Omarenko: Väterchen Oma sagt Ihnen was, Oma gibt Ihnen zurück ihr Geld, 8000 Euros und dazu 2000, njet, 4000? 6000? Viel Geld Väterchen.

Kevin Klein: Na ich weiß nicht.

Ramona Klein: Nicht für 1 Million Euros. Gehen Sie. Raus. Raus.

Ramona: Frau Omarenko ging. Und wir spielten mit Kevin bis es Zeit war ihn ins Bettchen zu bringen nach dem Abendessen. Er war gerade eingeschlafen, da.

Kevin Klein: Da kamen die Weihnachtsmänner, ganz normale Weihnachtsmänner mit Bärten in roten Mänteln und roten Zipfelmützen, die haben nicht geklingelt, die haben gleich die Tür eingetreten.

Weihnachtsmann: Fröhliche Weihachten.

Ramona Klein: Pst. Sie wecken das Kind auf.

Weihnachtsmann: Hände hoch an die Wand.

Kevin Klein: Was soll das bedeuten?

Weihnachtsmann: Kein Wort, keine Bewegung. Nimm das Kind, Nick.

Ramona: Nein, lassen Sie ihn los, geben Sie Kevin her.

Kevin Klein: Einer hat Ramona niedergeschlagen. Mit dem Griff seines Laserstrahles. Zeig Herrn Jonas die Beule, Ramona.

Ramona Klein: Hier, unter den Haaren.

Jonas: Wie viele waren es.

Kevin Klein: Drei. Zwei hielten uns mit Laser in Schach, einer nahm Kevin junior aus dem Bett, es dauerte nur ein paar Sekunden.

Jonas: Sind Sie den Männern nachgegangen Herr Klein.

Kevin: Nein, sie hatten doch Laserstrahler, aber ich hab aus dem Fenster gekuckt.

Jonas: Was haben Sie gesehen.

Kevin Klein: Ein graues E-Mobil, die drei sind eingestiegen. Mit unsrem Kind.

Jonas: Nummer?

Kevin Klein: Konnt ich nicht erkennen, das E-Mobil Ist losgefahren, Richtung Westen.

Val: Zum Markgrafenboulevard. Omas Kinderstube.

Jonas: Möglich. Wir werden uns da mal umsehen, Val.

Ramona: Bringen Sie mir meinen Kevin Junior zurück, Herr Jonas, bitte.

Jonas: Omas Kinderstube lag am ruhigen Ende des Markgrafenboulevard, keine Hektik, wenig Geschäfte, Büros und Wohnungen, zehnmal so teuer wie in der Südstadt. Auf der Straße war nicht viel los, wenig Passanten, ein einsamer Weihnachtsmann hockte geduldig am Rinnstein, ab und zu bimmelte er mit seiner Glocke, lustlos, pflichtbewußt. Omas Laden war dunkel und bis auf weiteres geschlossen, das stand auf dem Schild an der Tür.

Val: Geschlossen. Was tun wir Jonas.

Jonas: Wir glauben nichts unbesehen. Wir sind skeptisch. Wir checken.

Sam: Jawohl, wir recken, wir drecken die dreckige Klinke.

Val: Die Tür ist auf.

Jonas: Nach Ihnen, meine Dame.

Val: Du meinst wir gehen rein, Jonas, einfach so?

Sam: Ja.

Jonas: Einfach so. Ganz ordentlich eingerichtet der Laden, schwarzer Tisch, schwarze Sessel, fast Echtholz, fast Leder, fast Mailänder Design, an der hinteren Wand ein Arbeitsplatz mit Computer, 6 leere Kinderkrippen und eine Tür.

Val: Ich hör was, Jonas.

Jonas: Hinter der Tür.

Val: Kinder. Kleine Kinder.

Sam: Hach, was haben Gnädigste denn in einem Kinderladen erwartet? Elefantanten

Jonas: Sehen wir mal nach, Val. Und du Sammy beschäftigst dich mit deinem Kollegen auf der Konsole, kriech mal rein, kuck in den Speicher. Das übliche.

Sam: Hach, wenn euer Großkotzigkeit doch nur ein einziges Mal einen Gedanken daran verschwenden würden, wie frustrierend, ja demütigend es für einen Computer von Bildung und Distinktion ist, einem minderbemittelten nicht einmal der Sprache mächtigen Rechner ins Gedärm zu schlüpfen. Ach, doch wenn es denn sein muß.

Jonas: Hinter der Tür ein kurzer Gang, drei Türen. Rechts, links, voraus. Das Kindergeschrei kam von rechts. Val machte die Tür auf. Eine Menge Kinderbetten. Drei davon belegt. Drei Kleinkinder im eigenen Saft und offensichtlich hungrig. Val ging auf die Suche. Hinter der linken Tür fand sie eine kleine Küche, Schrank, Flaschenregal, Kühlbox voller Milchcontainer und ein Herd, davor ein toter Mann, den Kopf in der Bratröhre, er roch nicht gut.

Val: Ih, wer ist das?

Jonas: Omas Ladenhüter vermutlich, der nette junge Mann, der den Kleins das Kind überlassen hat. Jemand hat seinen Kopf in die Röhre gesteckt und den Strom angedreht. Glitschig.

Val: Da ist einer im Laden, Jonas.

Jonas: Der Weihnachtsmann.

Val: Der mit der Bimmel, woher weißt du?

Jonas: Der Weihnachtsmann auf einsamer Straße, der nicht schnorrt und nicht wirbt, kann nicht astrein sein. Geh raus in den Laden, Val.

Val: Wieso ich?

Jonas: Weil Jonas was anders vorhatte. Er ging in den Gang, stellte sich neben die Tür zum Laden, und wartete. Nicht lange. Dann kam Val durch die Tür, rückwärts, beide Hände oben. Gefolgt von einer Pranke mit Laserstrahler, ein roter Ärmel. Das reichte. Jonas holte aus und schlug zu. Mit der schweren Eisenpfanne aus dem Küchenschrank. Die Pranke ließ den Laser fallen, der dazugehörige Weihnachtsmann stolperte durch die Tür, ein Profi, er hatte noch eine zweite Hand und einen zweiten Laserstrahler, den zog er aus dem Gürtel. Was sollte Jonas tun. Er hatte auch einen Laser. Er drückte auf den Abzug. Der Weihnachtsmann fiel um.

Val: Der Mann ist tot Jonas.

Jonas: Dann hat er sicher nichts dagegen, daß wir ihn mal kurz durchsuchen, noch ein Laser, Neurofreezer, Messer und eine Geschäftskarte, aha.

Val: Nick Bazooka, Firma Ex und Hopp.

Jonas: Tatsächlich. Ein Profi. Ex und Hopp war bekannt als effizientes Killerunternehmen, fast so gut wie die Todesschwadron, und in manchen Kreisen beliebter. Die Todesschwadron ist konservativ, ein bißchen langweilig, ihre Leute tragen nur formelles Busineßoutfit, Ex und Hopper sind peppiger, bunter, modischer und passen sich der Saison an.

Val: Unser Fall ist auf dem falschen Gleis, Jonas, wir haben zwei Leichen auf dem Hals, drei vollgekackte halbverhungerte Babys und weiter sind wir immer noch nicht.

Jonas: Abwarten Val. Sam?

Sam: Roter Baron Sam meldet sich zurück vom Feindflug Herr Luftmarschall, äh Heißluftmarschall.

Jonas: Wie sieht’s aus in Omas Computer, Sammy.

Sam: Melde gehorsamst kahl.

Jonas: Unterlagen gelöscht.

Sam: Sozusagen Sahib gewissermaßen Genosse.

Jonas: Quatschkopf.

Sam: Majestät nehmen mir das Wort aus dem Munde.

Jonas: Den du nicht hast. Was heißt Quasi.

Sam: Siehe die dahingingen und löscheten waren in großer Eile und agiereten dilettantisch, ja und da Sammy stolzer Besitzer eines recht leistungsfähigen Retrievalprogramms ist, wie mein Meister nur zu gut weiß, hat er es doch seinem geliebten Computer gespendet.

Jonas: Konntest du was retten.

Sam: Der Daten Hülle und Fülle, Herr Programmdirektor.

Jonas: Zum Beispiel?

Sam: Zum Bleistift wo sich Stammsitz und Nachschubdepot der Firma Omarenko, Kinder en gro und en detail befinden: General Bastiani.

Jonas: Bastiani.

Sam: Was du mein wonniger Jonas.

Jonas: Was ist was Sam?

Sam: General Bastiani ist der Name einer Festung unserer tapferer Grenztruppen, die bekanntlich ohn Unterhos Korrektur ohn Unterlaß das Abendland vor dem Untergang bewahren, sprich vor dem Ansturm hungriger Drittweltler.

Jonas: Interessant.

Sam: Es dürfte Herrn Chefinspektor ebenfalls interessieren, daß die Geschäfte der Firma Omarenko weiter ausgreifen als es den Anschein hat, vor allem im Schmuddelbereich.

Jonas: Schmuddel. Das treffende Wort. Oma Omarenko verkaufte nicht nur Adoptivkinder, Oma belieferte auch die Kinderpornoindustrie und den Pädophilenfreundeskreis, mit Mengenrabatt, Außerdem besorgte und verscherbelte sie kindliche Organspender. Aber was hatte das alles mit unserem Fall zu tun.

Sam: Beiläufig dieses, o Vater aller dummer Fragen, Klein Kevin junior, Omarenko-Laufnummer D1270-4 ist gar nicht Klein Kevin Junior, er ist vielmehr der Knochenmarkspender, den ein Auftraggeber für 125.000 Euros bestellt und mit 50.000 Euros angezahlt hat. Das ist Megamäuse Boß.

Jonas: Du sagt es Sammy. Wer ist der Auftraggeber?

Sam: Ein mit Chiffre C. gekennzeichnetes anonymes Individuum mein Gutester.

Jonas: So. Wieso ist der teure Knochenmarkspender als preiswertes Adoptivkind bei Kleins gelandet. Ein Versehen?

Sam: Mal sehen, äh mag sein, Meister, doch könnte nicht auch der Geist der nahen Weihnacht Omarenkos Ladenschwengel zu einem bewußten Akt des Mitleids veranlaßt haben, um das Kind vor einer kurzen aber schmerzhaften Existenz als Transplantationsopfer zu bewahren.

Jonas: Wie auch immer Sam, die Omarenko hat versucht, den Kleins das Kind abzuschwatzen, als das nicht klappte, hat sie sich bei Ex und Hopp ein paar Vollstrecker gemietet, und die haben den Kleins das Kind weggenommen.

Val: Warum Jonas? Ich meine wozu der Aufwand. Warum hat Oma ihrem Auftraggeber nicht irgendein anderes Kind besorgt.

Sam: Null Ahnung von Medizin, was Gnädigste. Irgendein Kind tut es mit Nichten und Neffen. Von wegen Histokompatibilität… Antigeneabstoßung. Comprende.

Val: Kein Wort Sam.

Sam: Aha, qui sporidi ruski.

Val: Tanjaschnor.

Jonas: Von allen Kindern, die Oma zur Verfügung hatte, kam als kompatibler Knochenmarkspender in diesem Fall nur dieses eine in Frage. Richtig so.

Sam: Grünau.

Val: Und wo ist das Kind jetzt.

Jonas: Beim Auftraggeber vermutlich.

Val: OK alles klar.

Jonas: Bis auf ein paar Kleinigkeiten. Wer ist der Auftraggeber, wer hat den Angestellten umgebracht und warum. Weshalb ist Ex und Hopp immer noch aktiv.

Val: Und wo steckt Oma Omarenko.

Jonas: Sie hat ihre Daten gelöscht und ist untergetaucht und ich glaube ich weiß wo.

Val: Wollen wir ihr nach, Jonas.

Jonas: Unbedingt, weil wir nur über sie weiterkommen, aber das macht Jonas besser allein. Du wirst hier gebracht, Val, die kleinen Scheißer müssen versorgt werden, bring sie zur nächsten Sozialstation und dann gehst du zu Kleins und wartest auf mich.

Jonas: Jonas flog von Babylon nach Murnau, nicht weit von der Grenze. Und da mietete er ein E-Mobil. Alles aus eigener Tasche, aus der eisernen Reserve, so ist Jonas nun mal, was er anfängt, zieht er durch.

Sam: Unbeirrbar, unerschütterbar unerbitterlich, in einem Wort, in einer Silbe stur, stur wie ein Panzer.

Jonas: Wie Sam Spade, wie Phil Marlowe.

Sam: Ein Mann geht den Weg, den ein Mann gehen muß. Bis ans Ende. Allien äh Korrektur allein.

Jonas: Chandler.

Sam: Ne, Sam, nicht schlecht was, hätte gut von Chandler sein können. Achtung, Fort General Bastiani voraus.

Jonas: Kilometerweit rechteckige Klötze, Kasernen im beliebten 08/15-Stil, daneben vorfabrizierte Plastikschuppen, weit hinten am Horizont ein dunkler Streifen, die Grenze. Sperranlagen, Stacheldraht und die gewaltige Mauer. Ich fragte mich durch zum Dienstzimmer des Medienoffiziers. Jonas war Medienarbeiter, Researcher, für Supermedia Holo TV. Papiere und Identscheibe hatte Sam fabriziert, eine seiner leichteren Übungen.

Medienoffizier: In Ordnung, Herr Jonathan.

Jonas: Jonas.

Medienoffizier: Sie kommen allein klar. Leider kann ich mich kaum um Sie kümmern, unsere große Weihnachtsfeier, wissen Sie, alle im Fort haben mit den Vorbereitungen zu tun, bis auf die Grenzstreife natürlich.

Jonas: Ich werde mich schon zurechtfinden.

Medienoffizier: Bestens. Sie dürfen sich im Fort frei bewegen, sich umsehen, ihre Recherchen durchführen. Apropos, warum geht’s da eigentlich. Was hat Supermedia vor?

Jonas: Unter uns. Wir planen eine große Holodoku über den verantwortungsvollen Dienst der Grenztruppen. Europas Bollwerk auf Wacht, während die anderen schlafen, so etwa.

Medienoffizier: Klingt gut, na dann viel Erfolg, Herr Jonathan. Falls Sie länger bleiben wollen, unser Gästetrakt steht zu Ihrer Verfügung.

Jonas: In den Kasernen war Platz für 30.000 Grenzer. Falls die Drittweltler wieder einen großen Durchbruch versuchen sollten. Außerhalb der Kasernen gab es Läden, ein Bordell und Kneipen. Was der Mensch so braucht. Olga Omarenko fand Jonas nicht, statt dessen fand er Schieber, Nutten, einen geschwätzigen Wirt. Und überteuerten Synthwhisky.

Wirt: 20 Euros.

Jonas: Die Flasche?

Wirt: Haha, das Glas.

Jonas: Fröhliche Weihnachten.

Wirt: Wie gefällt Ihnen der General Bastiani Chor?

Jonas: Umwerfend. Olga Omarenko. Kennen Sie die?

Wirt: Klar kenn ich Oma. Jeder im Fort Bastiani kennt Oma, sehr beliebt, bringt Geld unter die Leute, was wollen Sie von Oma?

Jonas: Ich hab was mit ihr zu besprechen, geschäftlich.

Wirt: Ich frage nur, weil Sie nicht der erste sind, der sich heute nach ihr erkundigt, vor ner Stunde waren ein paar Weihnachtsmänner hier mit nem Laster.

Jonas: Und die haben nach Oma gefragt.

Wirt: Ja. Wollten wissen, wo sie sie finden können.

Jonas: Haben Sie’s ihr gesagt.

Wirt: An der Grenze, Kontrollzone 7 mit der Streife, Oma ist oft mit der Streife unterwegs, damit sie die Ware gleich an der Quelle begutachten kann.

Jonas: Was für Ware?

Wirt: Na die Kinder, die sich durchschleichen.

Jonas: Die kauft Oma, von den Grenzern.

Wirt: Fragen Sie sie selbst, ich hab zu tun und ich weiß gar nichts.

Jonas: Ich hatte eine Karte vom Grenzbezirk. Der Medienoffizier war so freundlich gewesen. Damit arbeitete ich mich vor. Die Mauer am Horizont wurde höher, immer höher, ihr gigantischer Schatten legte sich über das Grenzgebiet, über Babylon, über ganz Europa. Die Mauer war neu, sonst sah die Gegend aus wie früher, als sie noch Niemandsland hieß, wüst und leer, Stilleben mit Ruinen. Wann war Jonas zuletzt hier gewesen.

Sam: Präzis im August 2010 euer Vergeßlichkeit.

Jonas: Vor dreieinhalb Jahren Sammy. Inzwischen ist eine Menge passiert.

Sam: Anfall Chef und Überfall.

Jonas: Anfall Überfall, was soll das heißen Sam.

Sam: Fall an Fall, Fall über Fall, ein Witz.

Jonas: Haha, Durchfall, verbaler Durchfall, das ist das, was du hast Sam.

Sam: Nanana. Trouble is waiting, Captian.

Jonas: Hinter dem Hügel, direkt an der Mauer.

Sam: Vorschlag zur Güte: Anhalten, aussteigen und ganz vorsichtig weiterkrauchen.

Jonas: Bis auf den Hügel. Ich hob den Kopf hinter einem großen Stein, langsam, und was sah ich unten: Eine offene Klappe in der Mauer, davor im Halbkreis die Grenzstreife, 12 Mann, am Boden lagen etwa 20 Drittweltler, Frauen und Männer, tot, dazwischen ein paar Kinder, lebendig und laut, und eine stämmige Frau in farbiger Folklore, munter und geschäftig. Das mußte Oma Omarenko sein.

Omarenko: 3,4,5,6. 6 Kinder, Leutnant.

Leutnant: Macht 300 Euros.

Omarenko: Moment, 250, Oma kann nicht gebrauchen den da, zu alt, hat schiefes Bein.

Leutnant: Abschießen. So, macht das Loch in der Mauer wieder zu, heute kommt doch keiner mehr.

Weihnachtsmann: Weihnachtlich glänzet der Wand, freue dich…

Jonas: Ein roter E-Kleinlaster, auf der Ladefläche 6 rote Weihnachtsmänner, der Laster hält, die Weihnachtsmänner springen ab, sie strahlen und winken, und rufen fröhliche Weihnachten, die Grenzer winken zurück und lassen die Hände gleich oben, weil die Weihnachtsmänner plötzlich Laserstrahler aus den Manteltaschen ziehen. Profikiller von Ex und Hopp.

Leutnant: Hey, die Grenztruppen im aktiven Dienst mit der Waffe zu bedrohen ist streng verboten. Stecken Sie Ihre Laser weg.

Weihnachtsmann: Regen Sie sich ab, Leutnant, Ihnen und Ihren Leuten tun wir nicht. Wir wollen bloß Oma. Wir haben Auftrag sie ein bißchen totzuschießen. Gehen Sie aus dem Weg, dann passiert Ihnen nichts.

Leutnant: Sie werden hier niemanden totschießen, schon gar nicht Frau Omarenko, sie steht unter unsrem Schutz.

Weihnachtsmann: Wenn Sie das so sehen, Leutnant, Feuer.

Jonas: Harte Sitten im Grenzgebiet, und lockere Laser. Jetzt lagen auch die Grenzer auf der Erde neben den Drittweltlern, die sie eben erst erschossen haben. Olga Omarenko lebte noch, sie bückte sich, versuchte eine Waffe aufzuheben, aber der Oberweihnachtsmann hatte was dagegen.

Omarenko: Au, meine Hand tut weh.

Weihnachtsmann: Machen Sie sich nichts draus, Oma, in ein paar Sekunden tut ihnen nichts mehr weh. Garantiert.

Omarenko: Was Sie wollen, Oma hat Vertrag mit Ex und Hopp wir Partner Täubchen.

Weihnachtsmann: Keine Partner, Oma. Der Vertrag ist abgelaufen, Ihr werter Geschäftsfreund ist für Sie eingestiegen, und der bezahlt uns eine Menge, wenn wir Sie umlegen.

Omarenko: Väterchen Conrad Coburg, aber warum, Oma hat ihm geliefert Kind mit Knochenmark für sein Söhnchen, war nicht leicht, Täubchen, gar nicht leicht.

Weihnachtsmann: Sie haben versucht, Coburg ein bißchen zu erpressen, um den Preis hochzudrücken, darum Oma. Coburg hat nicht gegen Sie als Mensch, aber Sie sind im Stande, ihn bloßzustellen, das kann er sich nicht leisten als prominente Persönlichkeit und professioneller Kinderfreund. Nehmen Sie’s nicht tragisch, Oma, Sie können zufrieden abtreten, ein erfülltes Leben liegt hinter Ihnen, viele tausend tote Drittweltler, viele tausend verhökerte Kinder, ist doch was. Also dann.

Omarenko: Wir machen neue Vertrag, Karatscho, Oma wird bezahlen. Ah.

Jonas: Abgang Olga Omarenko. Genannt Oma. Kinderhändlerin, keine nette Person, die Weihnachtsmänner schnitten ihr den Kopf ab, und packten ihn in eine Kühlbox als Beweis für ihren Auftraggeber, dann bestiegen sie ihren Laster und verschwanden in einer Staubwolke mit weihnachtlichem Gesang. Zurück blieben diverse Leichen, 5 heulende Kinder und Jonas.

Sam: Und Sam.

Jonas: Wie konnte ich dich vergessen, geliebtester Computer meiner Seele.

Sam: Ah von wannen diese ungewohnten Töne mein Jonas, ist dir die Ballerei an die Nieren gegangen, kein Wunder, laut, blutig, schlimmer als die Karl May Festspiele.

Jonas: Sei du froh daß du keine hast.

Sam: Was.

Jonas: Keine Nieren meine ich.

Sam: Nobody ist perfekt.

Jonas: So hat die Omarenko sich also ihre Waren besorgt, die Kinder die sie in Babylon verkauft hat. Die Grenze machen ein Loch in der Mauer auf, lassen eine Gruppe Drittweltler durch, bringen die Erwachsenen um.

Sam: Und die Kinder kriegt Oma jaja zum bescheidenen Stückpreis von 50 Euros.

Jonas: Hat sie gekriegt, Sammy, jetzt haben wir sie, die fünf kleinen Heuler da unten. Was machen wir damit. An der Grenze gibts keine Sozialstation.

Sam: Hier lassen, Augen zu und weg, nein nein, ist nicht drin, du Wohltäter der Menschheit. Wir nehmen sie mit, jawohl, aber nur bis zum Fort, sollen die Grenzer sich drum kümmern.

Jonas: Da seh ich schwarz, Sammy.

Sam: Wieso?

Jonas: Weißt du was, wir geben Sie im Bordell ab.

Sam: Bravo Commandore, wie alle Welt weiß haben die dort tätigen Damen Herzen aus purem Gold, ja, da wird’s ihnen gut gehen den kleinen Scheißern.

Jonas: Amen. Von der Festung General Bastiani fuhr Jonas schnell weiter nach Murnau und stieg in den nächsten Flieger nach Babylon, bloß weg, bevor es Ärger gab, und den würde es geben, sobald jemand über die Leichen an der Mauer stolperte.

Sam: Piep. Geruhen mein Herr und Meister zu schlafen.

Jonas: Ich denke nach Sammy.

Sam: Er denkt, o Wunder.

Jonas: Und du kannst mir dabei helfen.

Sam: Machen wir doch glatt. Ein Mensch allein, was kann das schon sein. Chaos Herr Oberkirchenrat, Tohu und Bohu, Kraut und Rüben, Omi und Opi.

Jonas: Conrad und Coburg. Wer ist Conrad Coburg Sammy?

Sam: Na schauen wir mal. Erstens Geschäftsfreund von Frau Omarenko selig.

Jonas: Ist bekannt.

Sam: Zwotens: prominente Persönlichkeit und professioneller Kinderfreund.

Jonas: Auch bekannt, Sam, wenn du nichts neues zu bieten hast.

Sam: Drittens: weithin geschätzter und beliebter Holoclown.

Jonas: Aha. Conrad Coburg. Co-Co. Coco!

Sam: Mit dem goldenen Herzen.

Jonas: Der Weihnachtssülzer.

Sam: Eben dieser und kein anderer euer Ehren. In diesem Zusammenhang dürfte wohl eine kürzliche Meldung einschlägiger Medien von gewissem Belang sein, daß nämlich besagter Conrad Coburg alias Coco einen etwa 2-jährigen Sohn, Costa mit Namen sein eigen nennt, welcher ganz plötzlich von der bösen akuten Leukämie daniedergestreckt wurde.

Jonas: Sieh mal an. Jetzt paßte alles zusammen. Das Puzzle war gelöst. Der Fall war klar.

Sam: Klar wie Knödelsuppe. Wie Knochenmarkslösung.

Jonas: Conrad Coburg braucht für seinen Sohn einen histokompatiblen Knochenmarkspender, er geht zu Oma.

Sam: Ja.

Jonas: Oma sucht.

Sam: Ja.

Jonas: Oma findet.

Sam: Und was geschieht? Aus irgendeinem Grunde landet das für Coburg bestimmte Kindlein bei den Kleins.

Jonas: Oma läßt es kidnappen und liefert es bei Coburg ab.

Sam: Ja, und dabei kommt sie auf die Idee, ihren Auftraggeber unter Druck zu setzen, um einen höheren Preis rauszuschinden, hätte sie lieber lassen sollen, die gierige Großmutter, denn Herr Kollege.

Jonas: Coburg wird sauer.

Sam: Ja.

Jonas: Ihm wird klar, wie gefährlich die Sache für ihn werden kann.

Sam: Coco mit dem goldenen Herzen, Holopersonality, geliebt von allen Kindern in und um Babypsilon, kauft heimlich ein Drittweltkind, um es gnadenlos auszuschlachten. Pfui Teufel, so geht’s ja wirklich nicht, meine Damen und Herren, liebe Kinder, hochverpupptes Ehrlikum.

Jonas: Coburg muß handeln, und was tut der Herr Kollege?

Sam: Jaja er beauftragt Ex und Hopp, alle Beteiligten zu beseitigen, zu liquidieren, auszuradieren, zum Schweigen bzw. um die Ecke zu bringen zu killen, abzumurksen.

Jonas: Oma. Ihren Angestellten.

Sam: Ja. Und was Herr Kollege ist mit Ramona und Kevin Klein.

Jonas: Ja was war mit den Kleins. Ich machte mir Sorgen. Zu recht. Am frühen Morgen kam Jonas nach Hause, und da stand sie, vor der Tür des Büroapartments und wartete, Valerie. Nur Valerie, die letzte Detektiv. Die allerletzte.

Val: Ich brauch dringend was zu trinken, Jonas.

Jonas: Bürowhisky?

Val: Na wenn du nichts Besseres hast.

Jonas: Wollten wir uns nicht bei den Kleins treffen.

Val: Kleins sind tot. Laserstrahler, gestern abend hab ich sie gefunden. Was jetzt Jonas, wir haben keine Klienten mehr. Der Fall hat sich erledigt.

Jonas: Nicht ganz, Val. Wir haben Kevin Junior noch nicht gefunden, das müssen wir tun, das sind wir den Kleins schuldig und uns selbst auch.

Val: Wenn du meinst. Wo willst du anfangen zu suchen.

Jonas: Da wo er steckt Val.

Val: Und das weißt du.

Jonas: Das weiß ich. Sammy?

Sam: Gnädiger Herr wünschen.

Jonas: Coburgs Adresse.

Sam: Piep. Im allgemein zugänglichen Bürgerverzeichnis nicht zu finden Sir.

Jonas: Na und, dann sieh in die nicht zugängliche Liste der Geheimadressen. Oder kannst du das nicht.

Sam: Eine derart dümmliche Unterstellung vermag Sam nicht einmal ein müdes Lächeln zu entlocken. Hehe. Piep. Conrad Coburg ist seß- und wohnhaft am Schwanensee bei Tschaikowski. Wo die feinen Häuser pinkeln, Korrektur wo die feinen Pinkel hausen, die reichen Schweine.

Val: Wer ist Coburg, Jonas.

Jonas: Erzähl ich dir unterwegs Val.

Sam: Erlaube mir den bescheidenen Hinweis, Sir, daß es nicht gänzlich unproblematisch sein dürfte, Sir, zu besagtem Coburg vorzudringen, Sir.

Jonas: Da wird sich schon was finden Sammy.

Sam: Erlaube mir ferner den Hinweis, daß es nicht geraten erscheint, Sir, dies Haus auf dem üblichen oder auch direktem Weg zu verlassen, Sir. Weihnachtsmänner vor dem Tor, Sir, von draußen vom Schwanensee da kommen sie her.

Jonas: Tatsächlich. Die müssen dir gefolgt sein, Val. Von Kleins aus.

Val: Ich hab nichts gemerkt.

Jonas: Das hätte mich auch gewundert. Also durch den Notausgang.

Sam: Kellerzwischentür, Kellernebenhaus, Hintertür.

Val: Und dann?

Jonas: Auf zu Coburg.

Sam: Hallali Safari. Vom Himmel hoch da komm ich her.

Jonas: Zuerst machten wir einen kleinen Abstecher, was besorgen, umziehen, das dauerte ein bißchen. Drei Stunden später standen zwei Weihnachtsmänner vor Coburgs Tür. Korrektur: ein Weihnachtsmann und eine Weihnachtsfrau, rote Mützen ins Gesicht gezogen. Rote Mantelkragen hochgeschlagen. Die Frau drückte auf den Klingelknopf, der Mann hielt eine Visitenkarte vor das Scannerauge. Nick Bazooka stand darauf. Firma Ex und Hopp. Die Tür ging auf. Weihnachtsmann und Weihnachtsfrau traten ein.

Val: Schick die Hütte.

Sam: Alles sauber, Boss. Nur ein Mensch im Haus. Keine Waffen.

Jonas: Personal?

Sam: Elektronisch. Automatisch. Nicht blöd der Coburg. Roboservants tun was man ihnen sagt, ruhen sich nicht aus, nehmen keinen Urlaub, werden nicht krank so wie du Rotzlöffel.

Jonas: Und wenn sie stören, werden sie einfach abgeschaltet, klar Sammy?

Sam: Klar Boss. Nur ein Wort und das System liegt lahm. Kein Problem für Sam, Sam den Hacker, den Knäcker, den Racker, den Kacker, ach ne der Kacker bist du.

Coburg: Was soll das? Keine Hausbesuche, das habe ich ihnen ausdrücklich gesagt. Sie kompromittieren mich.

Jonas: Das tut uns aber schrecklich leid, Herr Coburg.

Coburg: Was wollen Sie denn?

Jonas: Das Kind.

Coburg: Was?

Val: Den kleinen Drittweltler, den sie bei Olga Omarenko gekauft haben.

Coburg: Sie, Sie sind nicht von Ex und Hopp.

Jonas: Sehr richtig, Herr Coburg, wir haben gelogen, damit Sie uns reinlassen, wir sind überhaupt zwei rücksichtslose und gefährliche Typen. Wo ist das Kind.

Coburg: Ich weiß nicht, wovon Sie reden.

Jonas: Er wußte es dann doch. Als wir ihm zwei entsicherte Laserstrahler unter die Nase hielten, er fing an zu schwitzen, versuchte zu verhandeln. Aber Jonas ließ sich auf nichts ein. Coburg gab auf und ging voran, ins Untergeschoß, in ein Krankenzimmer, hell, sauber, bestens ausgestattet, Robodoc und Robonurse standen in Bereitschaft, Maschinen summten und piepten, dazwischen zwei kleine Betten. In einem ein etwa zweijähriges Kind, blaß, völlig kahl, es schlief und warf sich dabei unruhig hin und her.

Coburg: Mein Sohn, mein Sohn Costa, er hat Leukämie, akute lymphatische Leukämie, die Chemotherapie hat ihm nicht geholfen, nur die Transplantation kann ihn retten, die Knochenmarktransplantation, verstehen Sie, darum.

Jonas: Im zweiten Bett, das ist Kevin Junior, der Junge aus der Drittwelt.

Coburg: Ja, der Knochenmarkspender. Sie haben ja keine Ahnung, wie schwierig es ist, ein histokompatibles Kind zu finden, damit das transplantierte Gewebe nicht gleich wieder abgestoßen wird, das ist sehr sehr schwierig.

Val: Was ist mit ihm los. Warum rührt er sich nicht.

Coburg: Er ist, ich meine, wir haben ihn nun ja in ein Koma versetzt.

Jonas: Was heißt das, ist er tot?

Coburg: Nicht direkt. Sehen Sie, er atmet.

Sam: So, aber sein Hirn arbeitet nimmer, Herr Medizinalrat, und es wird auch nimmer arbeiten. Kein Hirnstrom, kein Lebenszeichen.

Jonas: Der Junge ist also hirntot.

Sam: Hirntot ist tot, Herr Oberstabsarzt, tot wie ein Sargnagel, toter geht das nicht.

Val: Sie haben das Kind umgebracht Coburg.

Coburg: Gott, was heißt umgebracht, so ist es einfach praktischer, das Material bleibt länger frisch, länger transplantationsfähig, und der Spender ist ruhiggestellt. Er wäre sowieso draufgegangen. Mein Sohn braucht sehr viel Knochenmark in kurzer Zeit.

Jonas: Schalt ab, Sam.

Sam: Kevin Junior?

Jonas: Natürlich Kevin Junior. Stop die Maschinen, die ihn künstlich am Leben erhalten, laß ihn sterben.

Sam: Zu Befehl. Piep.

Coburg: Nein, mein Sohn, mein Costa. Wenn die Transplantation nicht weiterläuft, stirbt er. Wo soll ich so schnell einen neuen Spender herkriegen.

Jonas: Wie wär’s denn mit ihnen selbst, Coburg, als leiblicher Vater sind Sie automatisch histokompatibel.

Coburg: Das steh ich nicht durch, bei der Menge Knochenmark, die Costa braucht.

Jonas: Ihre Entscheidung Coburg. Vielleicht fällt Sie Ihnen leichter, wenn Sie sich klarmachen, daß Sie sowieso schon tot sind, so gut wie. Sie kommen vor Gericht, die Medien werden Sie in der Luft zerreißen, Ihren Job werden Sie los, kein Kind wird Sie noch sehen wollen. Dafür werden wir sorgen.

Coburg: Das… Sie wollen mich anzeigen.

Jonas: Das ist nicht nötig Coburg. Wir stecken die Geschichte ihrem größten Konkurrenten.

Val: Peter Pelican, Pepe mit der roten Nase, Holoclown bei Supermedia.

Jonas: Und kommen Sie nicht auf den Gedanken, uns Ihre Ex und Hopper auf den Hals zu hetzen.

Val: Mit denen werden wir ganz fertig. Was Jonas?

Jonas: Aber sicher Val. Wenn sie ein bißchen Anstand und Mut haben, Coburg, dann retten Sie ihrem Sohn das Leben, Sie selbst sind nicht mehr zu retten. Komm Val.

Sam: Und noch recht fröhliche Weihnachten allerseits. Es ist ein Roß entsprungen, wo will das Pferd bloß hin…

Das war Weihnachtsmärchen. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Ilse Neubauer, Ellen Schwiers, Simone Solga, Peter Fricke, Michael Hinz und andere (Hubert Mulzer, Werner Haindl, Timo Dierkes, Klaus Neumann, Friedrich Schloffer). Ton und Technik: Daniela Röder und Günter Heß. Assistenz: Holger Buck. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 1995. Redaktion Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Virtuella

Jonas: Sie kennen das. Aus hundert Romanen und tausend Filmen. Der Privatdetektiv sitzt in seinem Büro. Dreht Däumchen. Bohrt in der Nase. Plötzlich geht die Tür auf – und wer kommt rein? Richtig! Eine tolle Frau! Atemberaubend! Geheimnisvoll! Blond! Angezogen wie das Titelblatt von Lifestyle. Sie sah mich an. Herausfordernd. Abschätzend. Sie setzte sich. Schlug die Glitzerbeine übereinander. Vielleicht ein bißchen klein geraten, und ein bißchen ungelenk, sie war erst dreizehn.

Mona: Dreizehn einhalb. Hallo, wie geht es Ihnen?

Jonas: Gestern ging es noch, und selbst?

Mona: Danke der Nachfrage. Sie sind der Detektiv?

Jonas: Ich bin Jonas, nur Jonas. Der letzte Detektiv. Enkel von Sam Spade und Philip Marlowe. Spezialist für aussichtslose Fälle. Für Fälle, die nichts einbringen. Für Fälle mit übermächtigen Gegnern und undurchsichtigen Klienten. Ein Kind als Klientin, das war neu.

Mona: Langsam. Ich weiß ja noch gar nicht, ob ich Sie nehme.

Jonas: Hast du an mir was auszusetzen?

Mona: Sie sind zu alt.

Sam: Haha!

Mona: Süß!

Jonas: Ich?

Mona: Ihr Taschencomputer hier auf dem Tisch. Ein richtiges kleines Männlein. Süß. Darf ich mit ihm spielen?

Sam: He, Finger weg! Bin weder Männlein weder süß, mein Fräulein ich verbiet mir dies.

Mona: Süß, er spricht!

Sam: Ach Herrje.

Jonas: Er spricht nicht nur, er quasselt und blödelt und singt und sülzt. Ein Spezialversuchsmodell. Seinerzeit billig zu kriegen. Ein Glück, daß es so was wie ihn nur einmal gibt und mein Pech, daß er mir gehört. Aber loswerden will ich ihn auch nicht. Meistens jedenfalls. Wir haben uns aneinander gewöhnt. Mehr oder weniger.

Sam: Ich hab mich so an dich gewöhnt hahaha.

Mona: Süß. Wie heißt er.

Jonas: Sam.

Sam: Samuel bitte. Samuel.

Jonas: Du kannst Sammy zu ihm sagen.

Sam: Kann sie nicht.

Mona: Süß. Sag was, Sammy. Sag ein Gedicht auf.

Sam: Kommt nicht in die Tüte.

Mona: Süß. Sag Mona Liebling Sammy.

Sam: Häh igitt.

Mona: Süß. Los, Sam, sag Mona Liebling.

Mandelbrot: Mona, hab ich dir nicht eingeschärft, du sollst bei Fuß verharren und keinesfalls vorauseilen.

Sam: Ist sie ein Hund.

Jonas: Immer herein. Sind Sie der letzte oder kommen noch wer?

Mandelbrot: Ihr Lift ist außer Betrieb.

Jonas: Das ist er oft. Machen Sie die Tür zu, und setzten Sie sich.

Mandelbrot: Meine Karte.

Jonas: Dr. Fraktal C. Mandelbrot, Prof. h.c.

Sam: Gesundheit.

Jonas: Leitender Direktor des Mandelbrotinstituts für prothetische Andrologie. Schwanzklempner. Vielen Dank. Wir brauchen nichts.

Mandelbrot: Bleiben wir doch seriös Herr Jonas.

Jonas: Aber sicher Dr. Mandelbrot so seriös wie ein Ärztekongreß in Acapulo. Wer ist die junge Dame.

Mandelbrot: Meine Tochter.

Mona: Stieftochter. Meine Karte Herr Jonas.

Jonas: Mona Mox.

Mandelbrot: Ein Mitbringsel meiner geschätzten Gattin aus ihrer ersten Ehe mit Herrn Maximilian Mox, doch mir ans Herz gewachsen als sei’s mein eigen Fleisch und Blut.

Jonas: Mox. Max Mox, der Glücksspielnapoleon.

Mandelbrot: Der Eigentümer gewisser spezifischer Institutionen, welche einem großen interessierten Publikum niveauvolle Unterhaltung auf der Basis von Geschicklichkeit und Zufall offerieren insofern.

Mona: Können Sie pokern Jonas.

Jonas: Ein bißchen.

Mona: Blackjack auch?

Mandelbrot: Mona! Wie Ihnen womöglich bekannt ist Herr Jonas, verstarb Herr Mox am 3.3.2013, vor einem Jahr.

Jonas: Bedauerlich, aber warum erzählen Sie mir das.

Mandelbrot: Weil ich erwäge, Sie in Sachen Mox zu engagieren Herr Jonas.

Sam: Ach Herrje.

Jonas: Um den toten Mox ging es nicht, es ging um das, was er hinterlassen hatte, das Moxvermögen: Dutzende von Spielhöllen hier in Babylon und anderswo, Wert insgesamt 120 Millionen Euros, laut Testament kriegte Sohn Moritz dreiviertel, das restliche viertel war für Mona, aber sie kam nicht ran, noch nicht.

Mona: Erst wenn ich volljährig bin.

Mandelbrot: In einem halben Jahr, am 9.8.2014.

Mona: Da werde ich 14. Vergessen Sie nicht mir zu gratulieren Herr Jonas.

Jonas: Tag und Nacht werde ich dran denken Mona.

Mona: 9. August. Merks dir Sammy.

Sam: Speicher voll, kein Platz, schon vergessen, merke nur ein Mensch hat Sam was zu sagen, Jonas, mein Jonas, Jonas der einzige, der einmalige, der größte, der vielgeliebte, der…

Jonas: Hör schon auf Sammy.

Sam: Und nicht so eine unausgegorene Göre namens Mona.

Jonas: Ist ja gut. Mir ist noch nicht klar, was Sie von mir wollen, Dr. Mandelbrot.

Mandelbrot: Kurz gesagt, Herr Jonas, es steht zu befürchten, daß Monas Anteil am Moxerbe.

Sam: Dreißigmillionen Euros, muß ein alter Mann ganz schön lange hobeln.

Mandelbrot: Daß diese 30 Millionen nicht mehr vorhanden sind, wenn Mona volljährig wird, bis dahin hat allein ihr Bruder, Moritz Mox, als der geschäftsführende Direktor Verfügungsberechtigung, er kann mit Monas Geld machen, was er will. Wissen Sie, Herr Jonas, man hört so dieses und jenes, daß sich die Firma Mox in finanziellen Schwierigkeiten befindet, daß das Anlagevermögen schrumpft, daß eine Übernahme weit unter Wert durch ein auswärtiges Unternehmen bevorsteht.

Jonas: Und was sagt Moritz Mox dazu.

Mandelbrot: Das weiß ich nicht Herr Jonas.

Jonas: Haben Sie ihn nicht gefragt, Dr. Mandelbrot.

Mandelbrot: Natürlich hab ich das, das heißt ich hab’s versucht, ich kann ihn nicht erreichen, man läßt mich nicht vor, stellt mich am Fon nicht durch mich, mich Dr. Franktal C. Mandelbrot.

Jonas: Professor h.c. eine Unverschämtheit.

Mandelbrot: Sie sagen es Herr Jonas.

Jonas: Und verdächtig.

Mandelbrot: Sie nehmen mir das Wort aus dem Munde Herr Jonas, aus diesem Grunde sah ich mich genötigt, gewisse Schritte einzuleiten. Nicht meinethalben, Herr Jonas, glauben Sie mir, ich brauch die Moxmillionen nicht.

Jonas: Natürlich nicht.

Mandelbrot: Nein, ich bin eine in Babylon hochangesehene Persönlichkeit, bei mir verkehren Dezernenten, Manager, namhafte Kulturschaffende, den Schwager der Bürgermeisterin kenn ich persönlich.

Jonas: Den leibhaftigen Schwager, Dr. Mandelbrot ich bin beeindruckt.

Mandelbrot: Ich fühle mich vielmehr moralisch verantwortlich für das Vermögen eines mir anvertrauten jungen Menschen.

Sam: Edel sei der Mandelbrot, hilfreich und gut.

Jonas: Machen wir’s kurz Dr. Mandelbrot, 120 € pro Tag und Spesen das koste ich.

Mandelbrot: Nicht eben wenig, Herr Jonas.

Jonas: Was soll ich dafür tun?

Mandelbrot: Sie stellen fest, wo Herr Moritz Mox sich aufhält, Sie nehmen Kontakt zu ihm auf, Sie eruieren, wie es um die finanzielle Situation der Firma Mox bestellt ist.

Jonas: Nicht eben wenig, Dr. Mandelbrot.

Mandelbrot: Und Sie erstatten mir jeden Abend Bericht, persönlich.

Jonas: Ich übernahm den Auftrag, nicht wegen Dr. Mandelbrot, der ging mir gewaltig auf den Senkel, Mona Mox fand ich da schon sympathischer, auch wenn sie sich beim Abschied Sammy ausleihen wollte.

Sam: Dank, Meister, dank, dank daß du dem schnöden dem widerlichen Weibe.

Jonas: Ich brauch dich noch, ob ich will oder nicht, und Mona hätte dich womöglich kaputtgemacht.

Sam: Mit rosa Schleifchen hätte die mich umschlungen, ja, Balladen ohne Zahl hätt ich rezitieren müssen, grausames Schicksal, hm, schlimmer denn der Tod.

Jonas: Übertreib nicht Sammy. An die Arbeit.

Sam: Bitte sehr bitte gleich was befielt mein Herr und Gebieter?

Jonas: Eine Fonverbindung mit Firma Mox, Direktion. Moritz Mox.

Sam: Aha, der große Manitu höchst selbst. Sogleich euer Gnaden. Piep.

Jonas: Moment, Sammy du rufst an aus sagen wir Singapur aus meinem Vorzimmer, und ich bin…

Sam: Ein stinkreicher chinesischer Finanz-Hai, der ein paar Milliönchen anlegen will. Capito Exzellenz, will sagen sehr wohl Sir.

Ella: Ja?

Sam: Die ehrenwerte Firma Mox Babypsilon Europa.

Ella: Ja, hier Mox.

Sam: Ah, Mr. J. O. Nas. Direktor Finanzen Enterprise Singapur wünscht Mr. Moritz Mox zu sprechen. Ich verbinde.

Jonas: Hallo.

Ella: Hallo.

Jonas: Sie sind doch nicht Mister Mox.

Ella: Ich bin die persönliche Chefassistentin von Herrn Moritz Mox, Ella von Rensenbrink. Was kann ich für Sie tun, Herr ähm…

Jonas: Nas. J.O. Nas. Geben Sie mir Mister Mox.

Ella: In welcher Angelegenheit, Herr Nas?

Jonas: Ich möchte Mister Mox ein Angebot machen für seine Firma. Ich höre Sie wollen verkaufen.

Ella: Herr Mox ist nicht zu sprechen, Herr Nas, und die Firma Mox steht nicht zum Verkauf. Sie verschwenden ihre und meine Zeit.

Sam: Aha, abgewimmelt, äh abgewimmelt, kurz und schmerzhaft wie Dr. Mandelbrot.

Jonas: Der ist zwar ein aufgeblasener Heißluftballon, aber in einem hat er recht, es stinkt bei Mox. Sammy ich brauch was.

Sam: Was es auch sei, Sam schafft’s herbei, ganz auf die Schnelle es ist zur Stelle.

Jonas: Vielen Dank, Sammy. Ich brauch einen Menschen.

Sam: Was, einen äh Menschen, einen schwabbeligen fehlkonstruierten Durcheinanderdenker, o wo dir Sam zur Verfügung steht, Sam die vollkommene Denkmaschine, o bitterliche Kränkung, unauslöschliche Schmach.

Jonas: Hast du einen Smoking Sam.

Sam: Smoking, na, eher weniger euer Merkwürden.

Jonas: Na also. Aber Zocker Willy trägt einen Smoking, immer und überall, weil er mal Chefcroupier bei Mox war, bis sie ihn mit einem Magneten in der Socke erwischt und gefeuert haben, seitdem schlägt er sich so durch, Roulette, wenn es sein muß Mensch ärgere dich nicht, meistens Poker, im Full House, gleich um die Ecke, gegenüber vom Casablanca, im Hinterzimmer, wie es sich gehört, bei spärlicher Beleuchtung, es roch nach Synthwhisky und Männerschweiß, auf dem Tisch Stapel zerfledderter Euroscheine, nur nicht vor Willy, der war am verlieren.

Willy: Passe. Tür zu, kiebitzen gibt’s nicht, hinsetzen mitspielen oder raus.

Jonas: Spiel nicht, Willy, weißt du doch. Wie findest du meine Jacke?

Willy: Komm ans Licht, naja.

Jonas: Ich brauch nen Smoking, Willy, nur für ein paar Stunden.

Willy: Und ich soll so lang deine karierte Kutte anziehen. Also weißt du Jonas.

Jonas: Neue Jacke, neues Glück, sagte der große Spieler Manulesco.

Willy: Wirklich, na ja wenn’s so ist.

Jonas: Vom Full House hatte ich es nicht weit, 10 Minuten zu Fuß, dann ragte es vor mir auf, das Moxcenter, die unteren 10 Stockwerke hießen Las Vegas, ein Paradies für Spieler, durchgehend geöffnet, laut, schrill, üppig, Stucksäulen, Neonlichter, Spiegel, und Gold, überall Gold, dazwischen Tische, Automaten, Spieler, Croupiers, und Heerscharen wunderschöner Mädchen in Bikinis aus Goldlame. Androidinnen, eine hängte sich gleich an Jonas.

Androidin: Herzlich willkommen, Freund, ich bin ihre Führerin und heiße Fortuna, wo wollen Sie ihr Glück versuchen, Freund, hier im Erdgeschoß in unserer atemberaubenden amerikanischen Automatenalhambra, 30.000 Glücksmaschinen, alle 3 Minuten ein Jackpot.

Jonas: Was haben Sie denn sonst noch zu bieten.

Androidin: Ah, ich verstehe, Sie sind ein Mann. Sie wollen spielen wie ein Mann. Nicht wie ein Kind am Gambelboy. Sie suchen die Herausforderung, den Nervenkitzel, das Risiko. Folgen Sie mir.

Jonas: In einem der zahlreichen Aufzüge fuhren wir nach oben, recht gemächlich. Von Stock zu Stock, von Spiel zu Spiel.

Androidin: 1. Stock Eckhead Empore Schach und Golf.

Jonas: Nichts für mich.

Androidin: Das hatte ich mir gedacht. Sie sind kein Eierkopf. Aber unter uns: Wenn Sie spät abends noch bei uns sind, sollten Sie mal in die Schachecke reinschauen, da spielt die Bürgermeisterin von Babylon mit ihrem Referenten.

Jonas: Und gewinnt jedesmal weil sie die Züge vorhereingeübt haben kein Interesse.

Androidin: Pool Parcour. Wie wär’s mit Kühl und Kugel, Freund.

Jonas: Billard. Nein.

Androidin: Die wählerischen Gäste sind uns die liebsten. Crap Corner, lassen Sie die Würfel rollen.

Jonas: Lieber nicht.

Androidin: Also weiter. Bei uns findet jeder sein Spiel. Orientalische Mysterien. Panafuda Majong.

Jonas: Ist mir zu exotisch.

Androidin: Dann vielleicht unser Stammtisch Europa. Skat, Schafkopf, Jass, Tarock, Schnapsen.

Jonas: Zu Hausbacken.

Androidin: Bridgebasar.

Jonas: Was für alte Damen. Danke.

Androidin: Wie Sie wünschen, der Gast ist König. Das ist was für Sie, Poker Parlor, das Spiel für harte Männer.

Jonas: Ein andermal, weiter.

Androidin: Unsere Blackjackbar.

Jonas: Nein, Kopfrechnen schwach.

Androidin: Casino Montecarlo, Roulette, das königliche Spiel.

Jonas: Na also, hier sind wir richtig.

Androidin: Ich hätte es wissen müssen, ihre vornehme Haltung, ihr Smoking Wünschen Sie weitere Begleitung?

Jonas: Nicht nötig. Ich finde mich schon zurecht.

Androidin: Viel Glück Toi Toi Toi Hals und Beinbruch.

Jonas: Glück konnte ich brauchen, auch wenn ich nicht vorhatte zu spielen. Ich wanderte durch die Halle. Roulettetische aus Echtholz, riesige Lüster, goldene Tapeten, weinrote Teppiche. Luxus. Was ich suchte, fand ich ganz hinten, versteckt hinter einer Säule, eine unscheinbare Tür, ein unscheinbares Schild: Personal. Ein unscheinbarer Gang, kein Gold, kein Luxus, ein paar eilige Menschen, keiner achtete auf Jonas. Weil der einen Smoking trug wie ein Croupier. Ein unscheinbarer Lift, ich drückte auf den obersten Knopf, Chefetage, vorbei an 5 Türen, für die es keine Knöpfe gab. 5 geheimnisvolle Stockwerke ohne Zugang, vorbei am Verwaltungstrakt der Firma Mox. 24 Etagen. Geschäftig und zugänglich. Der Lift hielt, Jonas stieg aus direkt in ein Vorzimmer, komplett, mit Vorzimmerdame.

Ella: Sie da, bleiben Sie stehen, was haben Sie hier zu suchen.

Jonas: Zu Herrn Mox. Moritz Mox.

Ella: Zu Herrn Mox. Haha. Einfach so. Kommen Sie mal her.

Jonas: Sie trug Latex, schwarz, mit Silbernieten und taktischen Lücken, Dominalook, nicht mehr der allerletzte Schrei, aber ihr stand es, sie war groß, schlank, dunkel, an die 40, eine kühle Stimme, die ich schon gehört hatte, vorhin am Fon, Ella von Rensenbrink. Moxens persönliche Assistentin.

Ella: Wer sind Sie? Arbeiten Sie bei uns.

Jonas: Noch nicht, ich will mich bei bewerben, ich bin Croupier.

Ella: Croupiers brauchen wir zurzeit nicht, lassen Sie Ihre Daten hier vielleicht später.

Jonas: Vielleicht, vielleicht sollte ich doch besser mit dem Chef selbst sprechen, wo ich schon mal hier bin. Den Stier bei den Hörnern packen oder die Kuh am Schwanz wenn ihnen das lieber ist.

Ella: Jaja. Zwecklos, Herr Moritz Mox ist nicht in Babylon.

Jonas: So, wo steckt er denn?

Ella: In Rom, falls Sie das was angeht. Geben Sie mir ihre Daten, ich stehe in ständiger Verbindung mit Herrn Mox.

Jonas: Jonas machte ein paar schnelle Schritte zur hinteren Wand und riß die Echteichentür auf, das Zimmer des Chefs, aber der war nicht drin, offenbar war er schon lange nicht drin gewesen, die Klimaanlage lief nicht, auf den wertvollen Möbeln lag eine feine Staubschicht. Das sah ich auf den ersten Blick. Zu einem zweiten kam ich nicht, weil ich plötzlich was im Rücken spürte, was rundes, hartes. Die Mündung eines Laserstrahler.

Ella: Sehr richtig, und Sonja kann damit umgehen. Der Herr will uns verlassen, Sonja, bring ihn raus. Wenn er sich anstellt.

Sonja: Tu ich ihm weh.

Ella: Und wenn er nochmal hier oben aufkreuzt.

Sonja: Bring ich ihn um. Alles klar. Los.

Jonas: Ein muskelbepacktes Viereck, anderthalb mal 2 Meter, obendrauf eine Bowlingkugel mit roten Borsten, die rote Sonja, ein Freak oder eine Klonkillerin. Auf jeden Fall gefährlich. Jonas wehrte sich nicht, ließ sich nach unten bringen und durch die Personaltür rausschmeißen, ging zurück zum Full House, wo Zocker Willy mit Sehnsucht auf seinen Smoking wartete. An der Bar erzählte ich ihm, was ich bei Mox erfahren hatte. Willy wunderte sich.

Willy: Was hat sie gesagt, wo soll Moritz Mox sein?

Jonas: In Rom.

Willy: Ach nie im Leben, Er ist nicht in Rom, nicht in der Sahara, nicht in Grönland, er ist hier, in Babylon, weil er nämlich Klaustrophobie hat, Moment, nicht Klaustrophobie, das Gegenteil Aga…

Sam: Angoraphobie, Angst vor weiten Räumen, vor der Außenwelt.

Willy: Genau Sammy, Agoraphobie. Moritz Mox hat Agoraphobie.

Sam: Angoraphobie.

Jonas: Fakt oder nur Gerede.

Willy: Na wer war denn Chefcroupier bei Mox, wer ist denn bei Moxens ein und ausgegangen, ich weiß Bescheid, Jonas, Moritz Mox hat nicht nur Angoraphobie, Moritz Mox ist ein echter Mackenheinrich, ein Schlaffi, ein Jammerlappen, einer der am liebsten im Bett liegt und sich die Decke über den Kopf zieht.

Jonas: Wenn das so ist, hätte Mox senior lieber Tochter Mona zur Haupterbin einsetzen sollen.

Willy: Nicht der alte Max Mox, Jonas, der war ein richtiger Patriarch.

Jonas: Papa Mox hatte versucht, den mißratenen Sohn umzupolen, aufzubauen, ihm Energie und Härte einzubimsen, auf ziemlich ungewöhnliche Weise, durch VR, virtuelle Realität, Pseudorealität durch Computersimulation.

Willy: Nero, Jonas, römischer Kaiser, schon mal was von gehört.

Jonas: Der aus Quo Vadis.

Sam: Jonas, nur Jonas, so lausche denn und lasse dich zur Gänze durchbilden, Nero mit vollem Namen Claudius Cäsar Augustus Germanicus Nero, ward geboren am 15. Dezember anno Domini 37, regierte als Kaiser ab dem 13. Oktober 54, verstarb am 9. Juni 68, entwickelte sich vom unausgegorenen Deppenjüngling zum fetten ausgegorenen Tyrannen und Sadisten.

Willy: Genau das wollte der alte Mox. Durch das Rollenspiel als Nero sollte Moritz Mumm in die Knochen kriegen, ein richtiger Wirtschaftskapitän sollte er werden, einer der über Leichen geht, Max Mox hat eine VR-Expertin engagiert, die was von römischer Geschichte verstand, äh Ella von und zu Dingsbums.

Jonas: Rensenbrink. Ella von Rensenbrink.

Willy: Ja, kann sein, wir haben sie immer nur Virtuella genannt, sie hat das Neroprogramm ausgearbeitet, und Moritz hat begeistert mitgespielt, Rom verbrannt, Christen verfolgt, Senatoren umgebracht usw.

Jonas: Nicht eben wenig.

Sam: Jedem Tierlein sein Pläsierlein. Wie der klassische Römer spricht.

Jonas: Gut und schön, Willy aber wo steckt Moritz Mox, da will ich wissen.

Willy: Irgendwo im Moxcenter.

Jonas: Das ist groß, Willy, wo da, bestimmt nicht im Las Vegas.

Sam: Alldieweil Allgemein zugänglich und stark frequentier, daccord Monsignore, gleiches gilt für den Verwaltungstrakt, cum grano salis, Übersetzung für Hilfsschüler Jonas und dergleichen, mit einem Körnlein Salzes, will sagen.

Jonas: Ruhe. Im Chefzimmer ist er auch nicht. Also wo.

Willy: Bleibt nur die illegale Zone, wetten da steckt er.

Jonas: Moxcenter Stockwerke 11 bis 15, die unzugänglichen, illegal deshalb, weil da verbotene Spiele gespielt werden, sagte Willy. Spiele für ganz besondere Spieler, für Superreiche Spiele ohne Limit, und in denen arme Schweine das einsetzen, was sie haben, Herz, Nieren, Knochenmark, die eigenen Organe. Wer gewinnt, kriegt ein kleines Vermögen, wer verliert muß unters Messer. Die Staatsgewalt weiß, was in der illegalen Zone bei Mox läuft, aber sie drückt beide Augen zu, der Organmarkt braucht Nachschub.

Willy: Wo sollt er denn sonst sein der Moritz Mox, Platz ist genug, die illegalen Spiele laufen nur in 2 Etagen.

Jonas: Warst du mal drin, Willy?

Willy: Ja einmal, vor Jahren aus Neugier. Ich bin kein Krösus, weißt du. Und Organspiele sind nicht mein Ding.

Jonas: Dann weißt du wie man reinkommt.

Willy: Weiß ich.

Jonas: Kommst du mit. Heute abend 10 Uhr.

Willy: Moxcenter Nordseite.

Jonas: Wie spät haben wir jetzt.

Sam: Mit dem melodischen Ton des Zeitzeichens ist es genau 17 Uhr 58 Minuten, ja, Zeit für den ausbedungenen abendlichen Mandelbrotbericht euer Samseligkeit flupp.

Jonas: Richtig, ich rief Dr. Mandelbrot an, am Fon wollte er nicht reden, er bestellte mich zu sich, in seine exklusive Villa im exklusiven Südwesten, wo Dezernenten, Künstler und Bürgermeisterinnenschwäger verkehrten, heute nicht, heute verkehrte bloß Jonas und auch das nur kurz, Dr. Mandelbrot hatte eine Überraschung für mich.

Mandelbrot: Ich habe mich entschlossen, Herr Jonas, unser vertragliches Verhältnis zu beenden, auf weitere Bemühungen ihrerseits lege ich keinerlei Wert.

Jonas: Das ging aber fix, Dr. Mandelbrot, was ist los?

Mandelbrot: Lassen Sie mich offen sprechen, Herr Jonas, zu meinem Bedauern haben Sie sich als wenig effizient erwiesen, fast einen ganzen Tag sind Sie bereits für mich tätig, und was haben Sie erreicht, so gut wie nichts.

Jonas: Sie brauchen keinen Detektiv, Dr. Mandelbrot. Sie brauchen einen Wundertäter.

Mandelbrot: Wie dem auch sei, Herr Jonas, ich storniere den Auftrag.

Jonas: Ihr gutes Recht, Dr. Mandelbrot. Sie schulden mir 120 € und diverse Spesen.

Mandelbrot: Darüber könnte man streiten Herr Jonas, aber ich lege Wert darauf, mich ohne jede Friktion von ihnen zu trennen. Bitte sehr 150 Euros, das dürfte wohl ausreichen. Ein Drink Wodka, Whisky, Cognac, Armanjak?

Jonas: Whisky. Scots.

Mona: Ich finde das nicht gut, Stiefpapa, das ist mein Fall, mein Erbe, mein Geld.

Mandelbrot: Mona, du hast an der Tür gelauscht. Mona wie oft hab ich dich ermahnt.

Mona: Jonas soll weiter machen.

Mandelbrot: Du bist ein Kind Mona, du bist nicht geschäftigfähig, du kannst mit Herrn Jonas keinen Vertrag abschließen.

Mona: Ich brauch keinen Vertrag. Ich will, daß er weitermacht. Für mich, ja Herr Jonas. Bitte.

Jonas: Mal sehen was sich tun läßt. Dein Wohl Mona.

Mona: Wie geht’s Sammy, haben Sie ihn mit?

Jonas: Jetzt fing der Fall an richtig interessant zu werden. Jonas beschloß dranzubleiben. Für Monas? Vielleicht, ganz sicher für Jonas. Er hatte einen Ruf zu verlieren und er hatte nichts besseres vor. 10 Uhr abends, Moxcenter Nordseite. Vorn strömten die Massen, hier war alles still, verschalte Häuser, Ruinen, Relikte der letzten Unruhen, darüber die hohe kahle Moxfassade, keine Fenster, nur eine kleine Hintertür, der Eingang zur illegalen Zone, sagte Willy, für Spezialgäste mit Spezialcodescheiben. Wir hatten keine, noch nicht. Wir warteten. Eine E-Limousine in schwarz und Gold fuhr vor, hielt, zwei Typen stiegen aus, helle Burnusse, Kopftücher. Ölscheiche aus Kusbekistan. Der Wagen fuhr weiter. Die Scheiche wanderten zur Tür, aber sie kamen nicht an.

Willy: Augenblick die Herren, mein Freund will ihnen was zeigen.

Jonas: Das ist ein Laserstrahler. Kennen Sie vielleicht. Wenn ich den in ihre Richtung halte, so und auf den roten Knopf drücke.

Scheich: Wir verstehen, Sie Geld wollen.

Jonas: Sie werden sich wundern. Nein. Wir wollen bloß ihre Codescheiben, und ihre Burnusse.

Willy: Und die Kopftücher. Ausziehen.

Jonas: Mit Willy Neurofreezer legten wir die Wüstensöhne für ein paar Stunden schlafen und deponierten sie hinter einer zerfallenen Mauer. In ihren Sachen waren wir nicht gerade elegant, aber unkenntlich, dachten wir. Mit den Scheiben öffneten wir die Tür. Dahinter ein Lift, nur zwei Knöpfe, unten, oben. Unten waren wir, also drückten wir oben.

Sonja: Na, da sind Sie ja, wir warten schon. Steigen Sie aus. Nicht so lahm meine Herren.

Jonas: Ein schlichtes Foyer, hier gab’s keine wunderschönen Androidinnen. Unsere Empfangsdame war die rote Sonja, oder ihre Zwillingsschwester, weiter hinten standen noch ein paar von der Sorte, unfreundliche Miene, rechte Hand am Laser, sie stellte uns an die Wand, klopften uns ab, nahmen uns die Waffen weg.

Sonja: Ohohohoh, so was wollen wir aber nicht. OK, was soll’s sein. Spiel ohne Limit oder Organspiel?

Willy: Ach, wir wollten uns ein bißchen umsehen, zukucken.

Sonja: Nix, für Sie ist kiebitzen verboten.

Jonas: Wer sagt das?

Sonja: Befehl. Sie spielen. Also was. Unlimitiert.

Willy: Ja, von mir aus. Immer noch besser als um Herz und Nieren.

Sonja: Haben Sie Geld. Bargeld. Vorzeigen los los.

Willy: Ich glaub, ich hab meine Brieftasche vergessen.

Jonas: Ich auch. Zu dumm.

Sonja: Ja, dann eben Organspiel. Also was setzen Sie?

Willy: Vielleicht den linken kleinen Zeh.

Sonja: Sie doch nicht. Sie riskieren was. Sie setzen alles. Ihren ganzen Körper. Ihr Leben.

Jonas: Das heißt wenn wir verlieren.

Sonja: Verlieren Sie Ihr Leben, ist doch klar.

Willy: Was ist, wenn wir gewinnen, was kriegen wir?

Sonja: Sie werden nicht gewinnen.

Jonas: Nu mal langsam Pussy.

Sonja: Im Gegenteil. Schnell wir haben’s eilig.

Jonas: Sie scheuchten uns in einen kleinen Raum. Kahl, bis auf einen Tisch. Darauf ein Stoß Spielkarten, Rückseite nach oben, Sonja nahm die Karten, mischte sie kurz durch.

Sonja: So, der Alte zuerst. Ziehen Sie eine Karte. Schneller. Drehen Sie sie um.

Willy: Piek Dame.

Sonja: Jetzt ich. Herz König, sie haben verloren Alter, Pech. Bring ihn raus Natascha.

Willy: Moment, ich bin 64, meine Organe sind nichts wert, total verbraucht, ich habe eine Säuferleber und herzkrank bin ich auch.

Sonja: Ihre Organe können Sie behalten, wir wollen nur Ihr Leben. Sie sind dran.

Jonas: Jonas verlor auch, natürlich, bei diesem Spiel gewinnt nur die Bank. Die Schlachtbank. Jonas wurde in einen Lift gesteckt. Von Tatjana oder Vera oder Maruska, wie immer sie hieß sie ließ mich nicht aus den Augen. Aber vielleicht hörte sie schlecht. Ich mußte es versuchen. Sam steckte im Burnus, in der Kapuze, er war nicht gerade mitfühlend.

Sam: Ja ja Gevatter, so pflegts zu gehen, Polter und polter, Kick and Rush Miniüberlegung Maxiaction, und was passiert, der große Detektiv plumpst in den Nachttopf, jawoll, in den Harn, in die Pisse, in die Kacke, Scheiße and so on.

Jonas: Nicht eben wenig.

Sam: Sag ich doch.

Jonas: Halt keine Vorträge, Sammy hilf mir raus, kannst du was mit dem Lift machen.

Sam: Eine Bagatelle, Chefchen, den siehe so ist Sammy, sieht man kurz hin, schon ist er drin, im System, des Liftes, und da tut er was. Anhalten?

Jonas: Mit Schmackes. Plötzliche Notbremsung. Auf Null. Ich roll mich unten zusammen, Kopf zwischen die Knie, also 3,2,1,0.

Jonas: Was da gegen die Decke knallte, war meine Wächterin. Bzw. ihr Kopf, ihren Laser würde sie nie wieder brauchen. Ich nahm ihn an mich. Und ließ Sam weiterfahren. Bis zum vorgesehenen Halt. Die Tür ging auf.

Jonas: Keiner da. Wo sind wir Sammy?

Sam: Einerseits my dear Watson erinnert dieser Raum in nicht unerheblichem Maße an eine altmodische Betriebskantine anno 2000.

Jonas: Stimmt genau. Plastiktische, dito Stühle, Wandautomaten für Sojakaff und Sojaburger, andererseits die Spinde links.

Sam: Gemahnen an die Garderobe einer Turnhalle, Herr Sportswart.

Jonas: Das müssen ja merkwürdige Turner sein, Sammy, sieh mal, bunte Seidenkleider, kurze Nachthemden, Wickellacken, wer trägt denn so was.

Sam: Alte Römer, euer Unbilden. Was dumpfe Ignoranz als Laken und Nachthemd erscheint, nennt der Kenner der klassischen Antike korrekt Toga und Tunika.

Jonas: Und hier Helme, Brustpanzer, Beinschienen, Schwerter. Was ist hier los, Sammy, alte Römer, Klonkiller, du weißt ja, wer Klonkiller einsetzt.

Sam: Si si la corporation es importante.

Jonas: Die Korporation, früher mal Mafia, vor der großen Umwälzung Ende des Jahrtausends, das organisierte Verbrechen, die Klonkiller werden von gekauften Gentechnikern produziert. Wie Dr. Ugarte selig, siehe Fall Pharao. Aber was hatte die Korporation bei Mox zu suchen. Der alte Mox hatte sie sich immer weit vom Leibe gehalten. Was war passiert?

Sam: Dem sei wie es wolle, trüber Grübulator, lassen wir dies Problem tunlichst dahingestellt, bis daß weitere Daten uns zu teil werden, welche unverzüglich zu sammeln und in die geistige Scheuer zu schaffen unser vordringlichstes Anliegen sein möge.

Jonas: Amen Sammy. Lasset uns sammeln. Und wie und wo.

Sam: So siehe denn dorten jene Tür, hintere Wand Blindgänger.

Jonas: Ah.

Sam: Ja, siehe sie stehet um ein weniges offen und aus dem Spalte dringen Geräusche herfür.

Jonas: Stimmen, leise, undeutlich. Also näher ran. Die Stimmen wurden lauter. Ich blieb stehen, bewegte nur den Kopf, ganz vorsichtig, bis ich durch den Türspalt gucken konnte.

Kasbek: Was befielst du, göttlicher Kaiser, welch Schicksal treffe den Verräter?

Moritz Mox: Na was schon, der Tod natürlich. Tigellinus, Gefährte meiner Erhabenheit, bring ihn um.

Kasbek: Es geschehe nach deinem göttlichen Willen mein Kaiser. Tod dem Verräter.

Willy: Ah!

Kasbek: Heil Kaiser Nero.

Jonas: Der Verräter war tot, erstochen vom Typ im goldenen Brustpanzer, mit seinem kurzen Schwert. Nur daß es kein Verräter war. Es war Willy, mein Freund Zocker Willy.

Moritz Mox: Hast du nicht von zwei Verrätern gesprochen, Tigellinus. Wo ist der andere.

Kasbek: Ich weiß nicht, müßte eigentlich schon hier sein.

Moritz Mox: Er ist doch wohl nicht geflohen.

Kasbek: Keine Sorge göttlicher Kaiser, er kann nicht entkommen, bestrafen wir ihn später. So hast du Zeit dir was besonders einfallen zu lassen.

Moritz Mox: O ja, nähen wir ihn an Fell und lassen ihn von den Löwen fressen, ja oder bestreichen wir ihn mit Pech und verbrennen ihn als lebendige Fackeln, oder

Kasbek: Später, göttlicher Kaiser, der Kerl läuft uns nicht weg.

Jonas: Durch den Spalt sah ich Rom, im Hintergrund, weiße Häuser an Hügeln, Pinien, Zypressen, darüber tiefblauer Himmel, holografische Illusionen, vorn ein großer Raum, weite offene Fenster, eine Couch, ein Messingbecken, in dem ein Feuer brannte, an den Wänden ein paar Soldaten in Helm und Rüstung, auf der Couch lümmelte sich Kaiser Nero, dicklich, etwa 30, dünner roter Backenbart, in einem lila Seidenkleid mit Schleppe. Daneben der Typ der Willy abgestochen hatte. Tigelinus oder wie er hieß.

Sam: Tigelinus: Kommandeur der Prätorianer, das heißt der kaiserlichen Garde. Engster Kumpan des Kaisers.

Jonas: Kommt mir sehr bekannt vor dieser Tigellinus, wo und wann hab ich ihn schon gesehen.

Sam: Schweif nicht ab, bleib bei will sagen Kaiser Nero.

Jonas: Alias Moritz Mox. Willy hat er erzählt, daß Moritz mit Begeisterung Nero spielt, genau Sammy du sagst es, Moritz spielt Nero in VR. Hat Willy gesagt. Was wir hier sehen, Rom, Neros Palast, alte Römer, das ist nie und nimmer virtuelle Realität. Das ist Wirklichkeit, Sammy.

Sam: Ganz real. Stinknormal. O Jonas… Vortäuschung falscher Tatsachen durch antiquierte Mittel. Kostüme, Gips, Kulissen.

Jonas: Was soll das Theater?

Sam: Um diese Frage zu beantworten sollten Hochwürden ein wenig mitspielen, sich ins Gesehen mischen, ins alte Rom eindringen.

Jonas: Jonas verwandelte sich in einen Prätorianer, in einem praktischen Helm mit Backennasen und Kinnschutz. Eine richtige Maske, dann wartete ich einen günstigen Moment ab, trat schnell durch die Tür, bezog Posten an einer Säule. Und da stand ich nun, still und steif. Mit offenen Augen und offenen Ohren.

Kasbek: Schon viel zu lange haben wir deine Kunst entbehren müssen, göttlicher Nero, singe. Singe zu den Klang der Lyra.

Moritz Mox: Ich weiß nicht, bespare meiner Bescheidenheit den Auftritt.

Kasbek: Nun, wenn du es denn nicht willst, erhabender Kaiser.

Moritz Mox: Doch, deine inständigen Bitten Tigellinus.

Kasbek: Singe o Nero.

Moritz Mox: Und die meiner getreuen Prätorianer. Meiner getreuen Prätorianer…

Prätorianer: Sing, o Nero.

Moritz Mox: Es sei. Ruhe, absolute Ruhe, auf daß mein Genie sich entfalte. Ode an Rom. Rom, o mein Rom, du ewige Stadt, was bist du so häßlich, potthäßlich bist du, Solo, krumm und schief sind deine Straßen, baufällig sind deine Häuser, und an alle deine Ecken pinkeln die Hunde, und deine Kloaken stinken zum Himmel.

Kasbek: Wunderbar, göttlicher Kaiser, so so tief empfunden.

Moritz Mox: Ich bin noch nicht fertig, Tigellinus.

Kasbek: Verzeih Erhabener, es riß mich hin.

Moritz Mox: Rom, o mein Rom, du ewige Stadt, brennen sollst du bis auf den Grund. Bald, bald bald bald Tigellinus bald bald wird es so weit sein, und wir werden eine neue herrliche Stadt erbauen, und ihr Name wird sein Neropolis.

Kasbek: Heil Nero.

Prätorianer: Heil Nero.

Jonas: Ich hatte ihn erkannt. Tigellinus, es war Kasbek. Kasbek der Vollstrecker, Kasbek von der Korporation. Vor anderthalb Jahren war ich mit ihm zusammengestoßen. Fall Attentat. Die Korporation steckte mit drin im römischen Theater des Moritz Mox. Wie ich vermutet hatte.

Moritz Mox: Schön böse ich bin gemein.

Ella: Heil Nero.

Kasbek: Es naht die Geliebte deines Herzens, Nero, die schönte Agte.

Ella: Du hast gesungen, mein Nero, ich vernahm die wundersamen Klänge. Ein kühles Getränk wird deiner göttlichen Stimme wohltun. Hier, nimm und trink.

Jonas: Aus einer Seitentür war sie gekommen, mit einem vollen Becher in der Hand, Agte, alias Ella von Rensenbrink, im kurzen Hemdchen, niedlich. Nero trank, dann stöhnte er ein bißchen und legte sich lang auf die Couch, und da blieb er liegen, still, regungslos.

Kasbek: Ist er bewußtlos?

Ella: Ja.

Kasbek: Sehr gut. Cut.

Ella: Pause. Die Kleindarsteller in den Aufenthaltsraum. Nicht umziehen, in etwa einer Stunde machen wir noch eine römische Szene.

Kasbek: Die letzte.

Jonas: Der Raum war leer, bis auf den bewußtlosen Nero, Ella, Kasbek und Jonas. Der hatte sich hinter seiner Säule versteckt, weil er unbedingt mitkriegen wollte, wie die Sache weiterging. Ella schob an der linken Wand ein Panel zur Seite, dahinter Instrumente und ein Hochleistungsprozessor für gehobene VR-Programme. Ella drückte auf einen Knopf, das alte Rom verschwand. Neros kaiserliches Wohnzimmer wurde zum kahlen Innenraum. Ella setzte Nero und sich selbst je einen VR-Helm auf, direkte Hirnstimulation. Der letzte Schrei. Einfacher und effektiver als die Standardkombination Brille Anzug Handschuh. Ein Tastendruck. Das VR-Programm lief an. Kasbek beugte sich über Nero. Eine Spritze in der Hand.

Kasbek: Sie haben den Vertrag, Ella.

Ella: Hier ist er. Alles klar. Wecken Sie ihn auf, Kasbek.

Moritz Mox: Au.

Jonas: Los Sammy, rein ins VR-Programm.

Sam: Ich bin oll da sagte der Swinegel.

Jonas: Gut. Wie sieht’s aus in der virtuellen Realität.

Sam: Todschick, teuerste, ein Chefzimmer der Extraklasse, Mahagoni, Teak, echter Jumibo, ja, viel schöner als Moritz Moxens richtiges Büro.

Jonas: Was geht vor.

Sam: Sie tritt ein, o, strenges Kostüm, Brille, die Chefsekretärin par excellenz. Tolles Weib und so wandlungsfähig.

Jonas: Ella.

Sam: Na wer sonst du Plattfisch, Ella Virtuella, Virtuella aus dem Keller.

Jonas: Halt die Backen. Was ist mit Moritz Mox?

Sam: Moxens Moritz sitzt am Schreibtisch. Hat ein bißchen gepoft der Schnarchsack, hebt den Kopf.

Moritz Mox: Was gibt’s Ella. Hab gerade ein Nickerchen gemacht.

Ella: Entschuldigen Sie die Störung, Chef, der amerikanische Vertrag.

Moritz Mox: Aja, zeigen Sie her. Die Cosanostra American Gambling Organisation überläßt der Firma Mox alle ihre Kasinos, Salons etc. etc. in Las Vegas, Reno, Atlantic City etc. etc., das ist doch wunderbar… Wir sind doch jetzt die größten, Mox international, imperial, global.

Ella: Sie brauchen nur noch zu unterschreiben, Chef.

Moritz Mox: Ja, wo hab ich denn den Stift.

Jonas: Moritz Mox unterschrieb, in der virtuellen Realität und in der realen. Ein reales Schriftstück, das Ella ihm vorlegte, mit einem realen Stift, den sie ihm in die Hand drückte. Dann lag er wieder auf der Couch. Dafür hatte Kasbek gesorgt mit einer zweiten Spritze.

Ella: Hiermit überträgt Firma Mox Babylon ihr gesamtes Vermögen, fest und beweglich, der Lucky Chance Inc. Nassau Bahamas.

Kasbek: Das heißt der Korporation.

Ella: Für Euros 100.000, Unterschrift Moritz Mox.

Kasbek: Wunderbar. Wir übernehmen Mox.

Ella: Sauber legal und völlig unblutig.

Kasbek: Abgesehen von Moritz Mox natürlich, der muß weg, aber das unter uns bleiben. Ihr Honorar haben Sie sich weiß Gott verdient, Ella. Schon für ihre absolute Superidee, die reale und virtuelle Realität bei Moritz Mox einfach zu vertauschen. Und ihm so seine Unterschrift abzutricksen. Brillant.

Sam: Na ja sagen wir ganz ordentlich für einen Menschen.

Jonas: Moment mal Sammy, was hat Ella gemacht? Genau mein ich.

Sam: Oje, wieder mal nix kapiert, was du Lahmbregen. Also paß mal Obacht. Zuerst war Moritz Mox Kaiser Nero in VR und in Wirklichkeit Moritz Mox, Erbe und nach Papis Dahinscheiden Besitzer der Firma Mox, alles klar.

Jonas: Sicher Sammy und dann?

Sam: Dann hat die böse Virtuella das ganze umgedreht, jetzt ist Moritz in der wirklichen Realität Nero und in der virtuellen Firmenchef. Sie hat das so clever gemacht, daß der liebe Moritz nichts mitbekommen hat, mit Drogen, ein bißchen Illusionstheater und unter gütigen Mithilfe der Korporation.

Jonas: Klonkiller. Statisten, Kasbek als Tigellinus, Und während der ahnungslose Moritz den Chef nur simuliert hat, haben Ella und ihre Auftraggeber von der Korporation die wirkliche Leitung der Firma übernommen.

Sam: Zunächst de facto, nunmehr auch de jure. Na bitte, haben es doch noch geschnallt, nich Nulli. Bravo

Kasbek: Endlich Schluß mit dieser idiotischen Römerspielerei.

Ella: Noch eine Szene Kasbek, das haben Sie mir versprochen. Moritz soll seinen Abgang als Nero kriegen. Wir machen weiter, die Kleindarsteller auf ihre Plätze.

Kasbek: Passen Sie bloß gut auf den Vertrag auf, Ella, wenn der verloren geht, war alles umsonst.

Ella: Keine Sorge, Kasbek, Sie sehen, ich nehme ihn mir zu Herzen, in meinem Ausschnitt ist er sicher.

Kasbek: Da wäre übrigens noch was zu bereinigen. Dieser lästige Typ.

Ella: Jonas, richtig, den sollten wir zusammen mit Moritz abservieren. Bringt Jonas her.

Jonas: Überraschung. Hinter mir klapperte was, ich drehte mich um, Sonja mit zwei Schwestern, verkleidet als Römerinnen, mit Laserstrahlern, ein Stilbruch.

Kasbek: So sieht man sich wieder, Jonas.

Ella: Haben Sie wirklich gedacht, wir merken nicht, daß Sie sich hier herumdrücken?

Kasbek: Wissen Sie was das ist?

Jonas: Empfänger für einen Mikroorter.

Ella: Und wo mag er wohl stecken der kleine Mikroorter? Na?

Kasbek: In ihrem Magen. Jonas.

Jonas: Fraktal Mandelbrot.

Kasbek: Mandelbrots Whisky, ganz recht, den Orter hat er von uns.

Ella: Sehen Sie, Mandelbrot hat was läuten hören von einer bevorstehenden Übernahme der Firma Mox durch die Korporation.

Kasbek: Er hat Sie engagiert, um Druck auf uns zu machen, Sie wurden lästig, und wir haben uns mit Mandelbrot engagiert, er kriegt 2 Millionen.

Jonas: Nicht eben wenig.

Ella: Die arme kleine Mona wird fürchte ich, leer ausgehen.

Kasbek: Neros Tod, Ella, bringen wir’s hinter uns.

Jonas: Mit einem Knopfdruck waren wir wieder im alten Rom, aber nicht mehr im Kaiserpalast, der Raum war jetzt kleiner, draußen keine Häuser mehr, nur Landschaft. Kasbek weckte Nero.

Ella: Alles ist verloren, Geliebter.

Kasbek: Die Prätorianer sind zu Galba übergelaufen, Häscher sind dir auf den Fersen. Sie werden dich fangen. Dann wirst du im Colloseum zu Tode gemartert.

Moritz Mox: O ihr Götter was soll ich tun?

Ella: Sei ein Mann, Geliebter, gib dir den Tod.

Kasbek: Hier Nero, mein Schwert.

Moritz Mox: Ich kann nicht.

Kasbek: Dann werde ich es für dich tun.

Moritz Mox: Au, das tut weh.

Ella: Nur sensorische Simulation, Chef, ihre letzten Worte.

Moritz Mox: O welch ein Künstler geht mit mir zu Grunde.

Kasbek: Erledigt. Und jetzt Sie, Jonas, wie hätten Sie’s denn gern, römisches Schwert oder Laser 21. Jahrhundert.

Jonas: Wenn Sie mich schon fragen Kasbek. Weder noch.

Ella: Was erlauben Sie sich?

Jonas: Ella war empört. Jonas hatte ihr in den Ausschnitt gefaßt und den Vertrag rausgeholt, jetzt hielt er ihn über die glühenden Kohlen im Messingbecken. Kasbek und seine Killer waren kaltgestellt, sie konnten Jona weder abstechen noch ablasern.

Jonas: Dann fällt ihr kostbarer Vertrag ins Feuer. Und das wär doch schade, wo Sie sich so viel Mühe gegeben haben.

Kasbek: Wie geht’s jetzt weiter, Jonas, wollen Sie so stehenbleiben, bis Ihr rechter Arm lahm wird.

Jonas: Hab ich nicht vor, Kasbek. Einen Laserstrahler in meine linke Hand. Na wird’s bald. Gut so, Waffen weg, alle an die Wand, auf den Boden, Gesicht nach unten. Ganz ruhig bleiben und immer schön dran denken, Jonas hat den Vertrag.

Jonas: Ich ging rückwärts, durch die Tür, durch den Aufenthaltsraum, in den Lift, runter, Sammy blockierte den oberen Zugang. Jonas hatte ein bißchen Zeit, bis Kasbek und Konsorten einen andern Lift fanden. Nicht daß es mir viel brachte.

Sam: Virtuella hat über Fon alle Ausgänge besetzen lassen, o Dr. Jonas auf der Flucht.

Jonas: Sie wollen den Vertrag, ob sie mich laufen lassen, wenn ich ihn zurückgebe.

Sam: Du glaubst wohl an das Weihnachtsmännchen, du unschuldvoller Engel, du, ja sieh dich an.

Jonas: Was?

Sam: Sieh dich an, Witzfigur.

Jonas: Ja, ich hab noch die römische Rüstung an, meinst du das, Sammy.

Sam: Ein interessantes Ausfit, mein Viles Gloriosus, dürfte erhebliches Aufsehen erregen. Vor allem an einem Orte, welcher der Stille und der intellektuellen Muse geweiht ist und welcher zu dieser Stunde von einer gewissen hochgestellten Persönlichkeit frequentiert wird. Äh, wir verstehen uns auf dieser Welle, gelle.

Jonas: Fünf Minuten später, ein römischer Prätorianer stürmt die friedliche Schachecke im ersten Stock des Moxcenters. Er klirrt und klappert und brüllt laut was Sam ihm leise souffliert.

Jonas: Hannibal ante portas. Panem et cercensis. Per aspera ad astra.

Bürgermeisterin von Babylon: Was ist da los? Ruhe bitte!

Jonas: Cogito ergo sum. Errare humanum est.

Bürgermeisterin von Babylon: Ich bin Bürgermeisterin Paretzky.

Jonas: Nomina sunt udiosa. Leges inter arma.

Bürgermeisterin von Babylon: Silentium. Verdammt noch mal.

Kasbek: Wir kümmern uns um diesen Irren, Frau Bürgermeisterin, die internen Sicherheitskräfte sind alarmiert, gleich sind sie hier.

Bürgermeisterin von Babylon: Lassen Sie nur, guter Mann, das übernimmt meine Leibwache. Festnehmen den Kerl, abführen. Wartet draußen mit ihm bis ich komme.

Jonas: 4 Stunden später, früher Morgen, Jonas kam nach Hause.

Sam: Jaja, drei Dinge braucht der Jonas, ein Bildfon, den ominösen Vertrag, und ein Streichholz.

Jonas: Alles da, Sammy, dann mach mal ein Bildfonverbindung mit der Firma Mox, Direktion, Ella von Rensenbrink.

Sam: Leitung steht. Hallo, Hallo Virtuella, mein Schatz ja hier will wer was von dir.

Ella: Jonas? Sie haben Nerven.

Jonas: Schauen Sie her, Ella, das ist der Vertrag, das ist ein Streichholz, das war der Vertrag.

Ella: Das wird die Korporation ihnen heimzahlen Jonas.

Jonas: Glaub ich nicht, sehen Sie, ich hab die ganze Geschichte der Bürgermeisterin erzählt. Wenn die Korporation mir was tut, kriegt sie mehr Ärger als ich wert bin. Schreiben Sie doch den Verlust einfach ab. Und Kopf hoch. Neuer Tag, neues Glück. Grüßen Sie unseren Freund Kasbek.

Sam: Ja, und Kopf hoch.

Jonas: Gegen Mittag machte ich einen Besuch in der Villa Mandelbrot. Moritz ist tot, Mona erbt. Sagte ich dem Hausherrn. Und der hörte interessiert zu.

Mandelbrot: Als Monas Stiefvater werde ich die Treuhänderschaft des Moxvermögens übernehmen müssen, eine schwere Last, Herr Jonas, eine große Verantwortung.

Jonas: Dazu werden Sie keine Zeit haben, Dr. Mandelbrot.

Mandelbrot: Wie meinen.

Jonas: Die Korporation ist stinksauer, auf Sie, Dr. Mandelbrot, weil Sie Jonas ins Spiel gebracht haben und weil die Korporation deshalb das Spiel verloren hat. An mich kommt man nicht ran, also wird man sich an Sie halten.

Mandelbrot: O Gott, o Gott, was soll ich tun? Helfen Sie mir, Herr Jonas, raten Sie mir bitte.

Jonas: Packen Sie Ihre Koffer, verreisen Sie.

Mandelbrot: Ja, ja verreisen. Wohin?

Jonas: Weit weg, zum Südpol.

Mandelbrot: In Ordnung.

Jonas: Nach Bora bora, und kommen Sie nicht wieder.

Mona: Gute Reise Stiefpapa.

Jonas: Hallo Mona, wieder mal an der Tür gelauscht.

Mona: Na und? Ich bin jetzt reich, eine reiche Frau darf alles.

Jonas: Machs gut. Ich schick dir meine Rechnung.

Mona: Bezahlen kann ich aber erst in einem halben Jahr, wenn ich volljährig bin.

Jonas: Sammy, ob sie wohl im August noch dran denkt?

Sam: Häh die nie.

Mona: Herr Jonas, verkaufen Sie mir Sammy?

Jonas: Vielleicht, Mona, ich überlegs mir.

Das war Virtuella. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Adelheid Arndt, Nadja Rüpprecht, Rainer Basedow, Wolf Euba, Reinhard Glemnitz, Torsten Nindel und andere (Anne Marie Bubke, Stefanie Burkart, Christiane Blumhoff, Werner Klein). Ton und Technik: Daniela Röder und Günter Heß. Assistenz: Holger Buck. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 1995. Redaktion Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Kopfjäger

Jonas: Der Klimadom war kaputt. Endgültig. Die Schleusen des Himmels hatten sich geöffnet. Babylon soff ab. Sintflut. Weltuntergang. Großalarm.

Sam: Tatü Tata…

Jonas: Das Wasser stieg und stieg. Als es mir in Mund und Nase lief, wachte ich auf. Kein Wasser, keine Sintflut. Ein Traum. Aber der Alarm war noch da. Unüberhörbar. Innervierend. Sam, natürlich, Sammy, wer oder was sonst.

Jonas: Halts Maul. Wie spät?

Sam: Drei Uhr 17 Minuten und 9 Sekunden, wenn’s beliebt, Tatü Tata!

Jonas: Mitten in der Nacht. Machst du einen widerlichen Radau. Was ist los?

Sam: Alarmstufe Rot, Genosse. Knallrot. Feuerrot. Priorität 1a. Jetzt nimm endlich ab, das Fon. Tatü Ta…

Jonas: Jajajajaja. Jonas. Nur Jonas, der letzte Detektiv. Wenn Sie mich wegen irgendwelchem Pipifax geweckt haben, wird’s Ihnen Leid tun.

Pelican: Pipifax? Ihr Leben will ich retten!

Jonas: Doch nicht so früh, aber nett von Ihnen. Augenblick. Woher kommt der Anruf, Sam?

Sam: Piep. Supermedia Betriebskrankenhaus.

Jonas: Supermedia, einer der größten Holoanbieter, der größte, genaugenommen. Neben Network. Der Boß heißt Beringer, Adolf Beringer, zweimal waren wir zusammengerasselt, und zweimal hatte Jonas knapp nach Punkten gewonnen.

Sam: Siehe Fall Megastar. Siehe Fall Westfront.

Jonas: Olle Kamellen, Sammy, geh auf Bildfon.

Sam: Ja.

Pelican: Genau was ich Ihnen vorschlagen wollte, Herr Jonas, damit Sie wissen daß es mir ernst ist.

Sam: Der hat was am Kopf, Chef.

Pelican: Was sehen Sie, Herr Jonas?

Jonas: Eine weiße Kugel, ihr ehrenwertes Haupt, wie ich vermute, verbunden und umwickelt, wer sind Sie?

Pelican: Peter Pelican, besser bekannt als Pepe mit der roten Nase. Sagt Ihnen nichts? Supermedias berühmter und beliebter Holoclown.

Jonas: Aus Kidishows mache ich mir nichts, Herr Pelican, aber ich kenne Sie natürlich, das heißt Ihren Namen.

Sam: Siehe Fall Weihnachtsmärchen.

Jonas: Weihnachten 2013, vor einem viertel Jahr. Da hatte ich Pelican ein Fax geschickt, es ging um seinen schärfsten Konkurrenten, um Conrad Coburg. Coco mit dem goldenen Herzen, Networks berühmten und beliebten Holoclown. Jonas hatte ein paar häßliche Dinge über Coburg rausgekriegt. Organschiebereien, Kinderhandel, gar nicht gut fürs kinderliebe Image. Jonas hatte Pelican informiert, und der hatte die Sache an die Öffentlichkeit gebracht. Coburg verlor seinen Job, seinen Ruf und jede Chance auf einen neuen Anfang.

Pelican: Deshalb ruf ich Sie an, Herr Jonas, wegen Coburg.

Jonas: Wollen Sie sich bedanken.

Pelican: Genau das, Herr Jonas, mit Rat und Tat gewissermaßen. Coburg ist nämlich total ausgerastet, er ist untergetaucht und hat gewaltige Kopfgelder ausgesetzt auf alle, die an seinem Sturz beteiligt waren, auf mich, auf Ihre Kollegin Valerie.

Jonas: Genannt die allerletzte Detektivin.

Sam: Oder auch Val, von wegen Jonas und der Wal, hahaha, ja, das ist ein Witz.

Pelican: Ach so.

Sam: Ja.

Jonas: Sam ist mehr als ein Witzbold, viel viel mehr. Es ist Rechner, Redner, Lexikon, Sprücheklopfer, Musikmacher, Radaubruder, Krawalltüte, Nervensäge, unschätzbare Hilfe für seinen Herrn und Meister, wenn ihm danach ist. Clevere Spinne im Internet, rücksichtsloser Geisterfahrer auf der Datenautobahn, Sam ist mein Computer, klein drahtlos, verwegen. Und laut.

Sam: Worauf Hochwürden einen lassen können.

Pelican: Ihr Kopf ist der teuerste. Herr Jonas.

Jonas: Wie teuer?

Pelican: Eine halbe Million Euros hab ich gehört.

Sam: Ist er nicht wert.

Jonas: Gehört, von wem, Herr Pelican.

Pelican: Von den beiden Schlägern, die mich überfallen haben, gestern im Parkhaus von Supermedia, zum Glück kam gerade der Werkschutz vorbei, sonst wäre ich jetzt tot.

Jonas: Danke für die Warnung, Herr Pelican.

Pelican: Ich kann mehr für Sie tun als Sie warnen, Herr Jonas. In dankbarer Anerkennung ihrer Verdienste um Supermedia macht Ihnen die Leitung unseres Hauses ein Angebot.

Jonas: Beringer? Kann ich mir nicht vorstellen, der ist nicht gerade ein Freund von Jonas.

Pelican: Herr Beringer kümmert sich nicht um Details, Herr Beringer bestimmt nur noch die großen Linien der Programmpolitik von seiner Villa auf Lanzarote aus, das Angebot macht ihnen unser geschäftsführendes Direktorium.

Jonas: Und zwar?

Pelican: Wir offerieren ihnen einen erstklassigen Bodyguard, Herr Jonas, zu ihrer freien Verfügung, bis Coburg gefaßt ist.

Jonas: Sagen Sie Ihrem geschäftsführenden Direktorium besten Dank.

Sam: Ding dong heißen Dampf.

Pelican: Sie nehmen an, Herr Jonas.

Jonas: Nein, Jonas kann auf sich selbst aufpassen.

Pelican: Wie Sie wollen, Herr Jonas, rufen Sie mich an falls Sie Ihre Meinung ändern.

Jonas: Am nächsten Morgen mußte ich früh raus, aus dem Bett, aus meinem Büroapartment, aus dem Haus. Die Stadt Babylon wollte was von Jonas, dringend, 100 Euros jedes Viertel Jahr, dafür kriegte ich einen Stempel in meine Lizenz vom Amt für Freiberufler, Unterabteilung 1113 (F13), Hostessen, Spieler, Privatdetektive, im Bezirksrathaus, nicht weit, an der Piazza Sewastopol. Ich ging zu Fuß, zügig aber vorsichtig, hielt mich dicht an den Wänden, sah mich öfter um. Nichts Verdächtiges in Sicht, kein Coburg, kein Kopfjäger. Überhaupt wenig Passanten um diese Zeit. Eine Frau mit Kinderwagen, oben an der großen Freitreppe zur Piazza, als Jonas vorbei kam, knickte plötzlich ihr linkes Bein weg, sie griff sich an die Wade, ließ den Wagen los, der fing an zu rollen, über die Stufen nach unten, immer schneller.

Frau mit Kinderwagen: Baby? Hilfe, Sie, mein Herr, bitte, laufen Sie, halten Sie den Wagen fest, retten Sie mein Baby, ich kann nicht, ein Krampf, bitte!

Jonas: Ritter Jonas sprintete die Stufen runter, dem Wagen nach. Irgendwie kam mir die Situation bekannt vor. Ein Kinderwagen, der eine Treppe runterrollt, das hatte ich schon mal gesehen. Und Sam wußte wo.

Sam: Auf der Leinwand, du Alzheimer, in der Kinemathek, Panzerkreuzer Panjunki. Uraltfilm, schwarzweiß, black and white und äh

Jonas: Und was und?

Sam: Stumm.

Jonas: Halt die Backen, Sammy, keine Zeit für cineastische Reminiszenzen.

Sam: O Gott o Gott, wer hat dir bloß so schwere Wörter gelernt.

Jonas: So, gleich hab ich den Wagen.

Sam: Nein.

Jonas: Doch. Noch zwei Schritte.

Sam: Kein Baby im Wagen. Bloß Metall und Plastik.

Jonas: Ein Robot?

Sam: Mit Babyvokoder. Alarm! Alarm! Alarm! Alarm! Alarm!

Jonas: Ich sah kurz über die Schulter, die Frau war verschwunden, Sam in meiner Tasche brüllte mit dem Robobaby um die Wette. Jonas machte einen Hechtsprung zur Seite, weg vom Kinderwagen. Keine Sekunde zu früh.

Sam: Alarm, ne Alarm vorbei, Bombe explodiert, Kinderwagen zertrümmert. Wie sieht’s aus, Chef, Leben noch frisch?

Jonas: Im Prinzip ja, Sammy, ein paar Abschürfungen, eine Beule am Kopf.

Sam: Naja, allwo sie keinerlei Schaden anrichten dürfte.

Jonas: Ein Helikopter direkt über Jonas, laut und bedrohlich, noch ein Attentat? Ich zog den Revolver, sah nach oben.

Alouette: Wunderbar, bleib so, Jonas, so verdattert, halt diesen dämlichen Ausdruck, perfekt, Privatdetektiv unter Schock nach Babyattacke, danke, rühren, jetzt noch ein paar Meter Kinderwagentrümmer.

Jonas: Kein Attentäter. Alouette, Babylons bekannte Heli-Reporterin, tag und nacht ist sie unterwegs in ihrem Helikopter, über den Straßen und Plätzen der großen Stadt, immer auf der Suche nach einem knackigen Unfall, einem saftigen Massaker, wenn sie was findet, geht sie runter und schießt, mit ihrer Holokamera.

Alouette: So, das reicht für einen 10-Sekundenspot in der Bezirkssendung auf Supermedia Lokal. Machs gut Jonas. Man sieht sich.

Jonas: Man sieht sich, man kennt sich, man mag sich sogar, im allgemeinen sind Heli-Reporter unbeliebt, nicht bei Jonas. Alouette macht ihren Job, wie ich meinen. Dieselben Typen, die Alouette Aasgeier schimpfen, kriechen fast in den Holokasten, wenn ihr Material läuft. Jonas holte sich den Stempel. Keine besonderen Vorkommnisse auf dem Nachhauseweg.

Sam: Whisky Sir.

Jonas: Besser nicht, Sammy, besser klaren Kopf behalten. Sojakaff, so schwarz wie meine

Sam: Füße?

Jonas: Wie meine Stimmung.

Sam: Hehe.

Jonas: Das war knapp eben auf der Piazza.

Sam: Ja, ein wahrlich cleveres Szenario, oh du Schutz der Witwen, Schirm der Waisen, Retter der Enterbten, Verderbten, Gekerbten, Versterben.

Jonas: Genervten.

Sam: Was?

Jonas: Auch wenn sich’s nicht ganz reimt.

Sam: Hilflose Frau, rollender Wagen, schreiendes Kind, da muß mein Jonas ja seinen Verstand ausknipsen, das bißchen Rest, was er sein Eigen nennt.

Jonas: Das war Profiarbeit, Sam, vielleicht Ex und Hopp, oder Freischaffende.

Sam: Tja, sollten euer Leichtfertigkeit jetzt nicht doch lieber den Pelican fonen. Von wegen des offerierten Bodyguards.

Jonas: Sollte ich, Sammy.

Sam: Hinweg mit dem Schwanken, dem Zaudern und Kranken, denn siehe er ist es, welcher uns da font, hmh, der Liebling der Kleinen, der Großmeister der Komik.

Jonas: Ja?

Pelican: Pelican. Haben Sie’s schon gehört, Jonas?

Jonas: Daß ich fast in die Luft geflogen wäre.

Pelican: Sie, wieso Sie, nein Ihre Freundin Valerie hat’s erwischt in ihrem Miniapartment in der Südstadt.

Jonas: Bombe?

Pelican: Ganz altmodische Buschmesser. Ein Blutbad. Sehen Sie sich in den Holonews an.

Jonas: Arme Valerie.

Sam: Requiescat in pace. Aus ihr wäre nie eine gute Detektivin geworden, nein nein. Amen.

Pelican: Was halten Sie jetzt von unserem Angebot, Herr Jonas.

Jonas: Schicken Sie ihn in Gottes Namen rum Ihren Bodyguard.

Pelican: Gratuliere, Herr Jonas, ein äußerst vernünftiger Entschluß.

Jonas: Wer weiß, aber das würde sich zeigen. Gut zwei Stunden später war er da.

Wayne: Ihr Bodyguard, Herr Jonas, von Supermedia.

Jonas: Kommen Sie rein, die Tür ist nicht abgeschlossen.

Wayne: Doch nicht so, Herr Jonas. Machen Sie bitte die Tür weit auf und stellen Sie sich so, daß ich Sie von außen sehen kann.

Jonas: Kein Grund zum Mißtrauen, Cowboy, ich bin ihr Schützling. Ich tue ihnen nix.

Wayne: Professionelle Routine, Herr Jonas.

Jonas: Kommen Sie schon rein, Cowboy, weisen Sie sich aus.

Jonas: Er war jünger als Jonas, etwas kleiner, genauso breit. Dokumente in Ordnung, Wayne hieß er, Jim Wayne, Ausbildung auf der Bodyguard-Akademie Dallas, Texas, ein Gastsemester in Grosny, Abschluß summa cum laude, diverse Einsätze, alle erfolgreich, soweit so gut, Sammy mochte ihn nicht, warum?

Sam: Keine Ahnung euer Ehren, aber ich komm schon noch dahinter.

Wayne: Riegel vor. Ihre Tür sollte immer verschlossen sein, Herr Jonas, Fenstervorhänge zu, haben Sie keine Jalousie, Herr Jonas, kein Rollo, bodenloser Leichtsinn, Herr Jonas, setzen Sie sich auf den Fußboden.

Jonas: Langsam, Cowboy.

Wayne: Nennen Sie mich Jim, Jonas.

Jonas: Nennen Sie mich Herr Jonas, Cowboy, jetzt setzen Sie sich mal hin und hören mir zu, in meinem Büroapartment hat nur einer das sagen.

Wayne: Jawohl, Jonas, Jonas, der große, der mächtige, der einzige und Sammy, sein Prophet, merken Sie sich das gefälligst, gell.

Jonas: Alles klar, Cowboy.

Wayne: Aber das ist professionelle Routine, Herr Jonas, das muß so sein.

Jonas: Das haben Sie so gelernt Cowboy, in Dallas und in Grosny, hier ist Babylon, Cowboy, hier bestimmt Jonas, wo’s langgeht, Sie laufen hinterher, Cowboy, und passen schön auf. Und wenn Ihnen das nicht paßt, dann nehmen Sie Ihr Bodyguarddiplom und

Sam: Und schieben es sich da rein wo’s weh tut, nämlich quer.

Jonas: Und verschwinden wieder, verstanden, Cowboy?

Wayne: Kein Problem, Herr Jonas, Sie sind der Boß. Was haben Sie vor?

Jonas: Wir werden uns nicht im Haus verschanzen und abwarten, Cowboy, viel zu passiv, wir werden aktiv. Wir gehen raus.

Wayne: Wie Sie meinen, Herr Jonas. Wir gehen raus. Wohin?

Jonas: Hinter den Anschlägen steckt Conrad Coburg, korrekt.

Wayne: Korrekt Herr Jonas.

Jonas: Wenn wir Coburg schnappen, hören die Anschläge auf, korrekt.

Wayne: Korrekt Herr Jonas.

Sam: Herr Lehrer, Herr Lehrer, darf Sammy was fragen.

Jonas: Von mir aus Sam.

Sam: Wo finden wir den Coburg Genosse, na, wo steckt der Schuft, wo hat er sich verkrochen.

Jonas: Gute Frage Sammy.

Wayne: Die ich ihrem Computer vielleicht beantworten kann Herr Jonas. Herr Pelican hat mir nämlich einen Tip gegeben.

Jonas: Coburg war nicht immer der berühmte Holoclown von Network gewesen, Coburg hatte klein angefangen, ganz klein, als Studioarbeiter bei Supermedia vor langer langer Zeit, als Holoserien noch nicht digital produziert wurden, sondern real, mit wirklichen Schauspielern, mit echten Requisiten in richtigen Studios. Jonas kannte das verlassene Studiogelände von Supermedia.

Sam: Siehe Fall Megastar, zweieinhalb Jährchen sind’s nun her.

Jonas: Viel wird sich da nicht verändert haben, Sammy, ein bißchen mehr Staub, ein bißchen mehr Müll.

Sam: Absolute dead trouser, Sir, tote Hose.

Wayne: Das perfekte Versteck für einen gesuchten Verbrecher falls Sie mir die Bemerkung gestatten, Herr Jonas, und falls Sie vorhaben, das Studiogelände aufzusuchen, Supermedia stellt ihnen eine E-Limousine zu Verfügung.

Jonas: Die stand auf der Straße vor dem Haus, Jonas durfte nicht gleich einsteigen, erst legte sich der Cowboy auf den Rücken und schob sich unter den Wagen, wegen Haftladungen etc. Professionelle Routine.

Wayne: Reifen OK, Leitungen auch, jetzt noch der Akku.

Killer: Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv?

Jonas: Wer will das wissen?

Killer: Mein Laserstrahler. Ahh…

Jonas: Schnell war er, der Cowboy, ehe ich meinen Revolver aus dem Halfter hatte, zog er eine abgesägte Schrotflinte aus dem Hosenbein. Der bedröhnte Typ kam gar nicht mehr dazu seinen Laser abzudrücken, er fiel um, in einem Feuerwerk blutiger Fontänen.

Wayne: Mit der Schrothflinte arbeite ich gern, Herr Jonas, viel zuverlässiger als ein Laser. Unter uns, Herr Jonas, sie macht so ein befriedigendes Geräusch.

Alouette: Da ist also wirklich was dran Jonas?

Jonas: Woran Alouette?

Alouette: Daß ein hohes Kopfgeld auf dich ausgesetzt ist. Geh mal Stück zur Seite. Total durchsiebter Killer schwimmt im eigenen Blut, das muß groß ins Bild. Sowas reißen sie mir aus den Händen, mach so weiter Jonas, das ist gut fürs Geschäft.

Jonas: Krieg ich Prozente, Alouette?

Alouette: Mal sehen. Bis bald Jonas. Ich bleib in der Nähe.

Jonas: Das alte Studiogelände von Supermedia war noch genauso, wie ich es in Erinnerung hatte, eine weiträumige Geisterstadt, kein Laut, kein Mensch, nicht mal ein Geist, große Hallen mit verrotteten Dächern, zerfallene Schuppen, Schrotthaufen, zerfressene Kabel und Staub, überall Staub, dick und gleichmäßig wie ein grauer Teppich, ein Teppich, den seit Ewigkeiten niemand betreten hatte. Auf den ersten Blick jedenfalls. Der Cowboy sah zweimal hin und fand was.

Wayne: Spuren, Herr Jonas, im Staub.

Jonas: Schuhe und Reifen.

Wayne: Frische Spuren, wenn Sie mich fragen Herr Jonas.

Jonas: Wann hat’s zuletzt geregnet Sammy?

Sam: Nu warten Sie mal mein Gutester. Gestern war’s, am 11. März 2014. Das vom Turme schlug die 9. Stund.

Wayne: Was meinen Sie Jonas, Coburg?

Sam: Ne. Bamberg.

Jonas: Möglich. Die Spuren führten zu einer abgelegenen Halle, wir folgten ihnen, vorsichtig, mit gezogenen Waffen, professionelle Routine, durch die offene Tür, in den leeren Innenraum, nein, nicht leer, nicht ganz, durch ein Loch im Dach fiel Licht auf das entgegengesetzte Ende der Halle, da stand ein Sessel, ein altmodischer Ohrensessel, Blümchenbezug, geschwungene Armlehen, im Sessel saß einer, stocksteif, regungslos, still. Wir blieben an der Tür stehen. Wie ging’s weiter.

Wayne: Wenn Sie freundlicherweise hier warten würden, Herr Jonas, lassen Sie mich vorangehen. Und die Lage abchecken, das ist mein Job.

Jonas: OK, Cowboy, ich geb Ihnen Deckung, professionelle Routine.

Wayne: Danke, Herr Jonas.

Sam: Halten zu Gnaden, Exzellenz, der Kerl ist mit Nichten und Neffen astrein.

Jonas: Der im Sessel.

Sam: Der auch, aber Sammy meint den Cowboy, Jimmy Wayne, den allseits bekannten vollakademischen Bodyguard, summa cum laude, pingpong pipapo.

Jonas: Was stört dich an ihm?

Sam: Wie er atmet, ein und aus, präziser wie oft.

Jonas: Seine Atemfrequenz. Was ist damit.

Sam: Die ist immer die gleiche, 30 Schnaufer pro Minute, egal was er macht, ob er geht oder steht, ob er schweigt oder redt, ob ihm warm ist oder kalt, ob er mit der Flinte knallt, immer genau 30 Atemzüge.

Jonas: Das gibt’s nicht, Sam.

Sam: Das ist so, außerdem der Kerl sendet.

Jonas: Bist du sicher?

Sam: Blöde Frage und so unnötig. Sicherheit dein Name ist Sam.

Jonas: Was sendet er?

Sam: Weiß ich noch nicht, verschlüsselt. Gefällt mir gar nicht.

Jonas: Meinst du mir. Kannst du die Sendung blockieren.

Sam: Vielleicht, mal probieren?

Wayne: Der Mann auf dem Sessel ist Coburg, Herr Jonas.

Jonas: Ich ging näher ran. Tatsächlich. Conrad Coburg, Exholoclown, Krimineller, Kopfgeldspezie, da saß er, verschnürt, verklebt, geknebelt, seine Augen waren weit aufgerissen, die Augäpfel rollten hektisch, als ob er uns dringend was mitteilen wollte, ansonsten tickte er, unaufdringlich, regelmäßig. Moment, Coburg tickt.

Wayne: Zurück, Herr Jonas!

Jonas: Sollte man ihm nicht den Knebel aus dem Mund

Sam: Klar doch, und ihm die Nase putzen und den Hintern abwischen, ach hau ab du Volltrottel.

Jonas: Sam, sag doch was du meinst, Bombe, Sammy.

Jonas: Eine Bombe im Sessel, der hatte sich in seine Bestandteile aufgelöst, Coburg desgleichen, der Cowboy und Jonas rappelten sich auf, und betrachteten die Stätte der Verwüstung, dann sahen wir hoch, durchs Loch im Dach auf Alouette in ihrem Helikopter.

Alouette: Hallo da unten, aller guten Dinge sind drei, was Jonas.

Jonas: Halten Sie doch kurz mal meinen Computer, Cowboy.

Sam: Hey, ich bin kein Lasso.

Jonas: Andererseits auf drei Beinen kann man nicht stehen Alouette.

Alouette: Aber nur wenn man ein Esel ist, wiedersehen Jonas.

Jonas: Jonas war ein Esel, Jonas hatte sich aufs Glatteis locken lassen, die ganze Geschichte stimmte hinten und vorne nicht. Coburg würde sich doch nicht selbst in die Luft sprengen, nur um Jonas zu erwischen, und dann dieser merkwürdige Body-guard mit dem gleichmäßigen Atem und dem ausgeprägten Sendungsbewußtsein.

Sam: Doch ist dies noch nicht alles, Herr und Meister, höre und staune, unser Freund, der Cowboy hat immer denselben Puls und denselben Blutdruck.

Wayne: Ach, deshalb haben Sie mir ihre quäkende Blechdose in die Hand gedrückt.

Sam: Nananananana, und schwitzen tut er auch nicht, kein einziges Tröpfelchen.

Jonas: Professionelle Routine, Cowboy.

Wayne: Könnte man sagen, Herr Jonas, stehen Sie bitte ganz still, und nehmen Sie die Hände hoch. Ahh!

Sam: Ja, das piept im Lockenköpfchen, gelle, mach’s Maul zu. Jonas, Jammerdam steh nicht blöd rum, Sammy kann die Gehirnströme nur kurz blockieren, tu was, schnapp dir ein Sesselbein und zieh’s ihm über die Rübe. Na bitte, s geht doch.

Jonas: Sammy hatte ihn durchschaut, nur eine Maschine kann eine andere Maschine erkennen, besonders wenn die als Mensch maskiert ist, der Cowboy war kein Mensch, er war ein Android, ein Replikant, ein gentechnisches Produkt, eine illegale Konstruktion mit ein paar noch illegaleren Extras.

Sam: Kameras hinter den Augen, Mikrophone in den Ohren, melde gehorsamt, Herr Kommodore, der Kerl ist ein wandelndes Holostudio.

Jonas: Das heißt alles was er sieht und hört nimmt er auf.

Sam: Ja, und mehr noch Jonaslein, alles was er sieht und hört sendet er auf Sonderfrequenz.

Jonas: Du hast die Verschlüsselung geknackt, Sammy.

Sam: Ja, kein Schlüssel ist ihm zu schlitzohrig, kein Code zu kompliziert, denn wahrlich er ist Sam, der Sultan der Systeme, der Dandy der Dateien, der Nabob der Netze.

Jonas: Der Houdini der Hacker.

Sam: Ja. Nicht schlecht, Kumple, könnte von mir sein, der Cäsar der Cyperpunks.

Jonas: Das reicht Sammy, sonst noch was?

Sam: Ja, der Cowboy hat einen Hohlraum im Bauche. Allwo Menschen und Normandroiden ihren Magen zu hegen pflegen.

Jonas: Was drin.

Sam: May be, Sir. Perhaps. Possible.

Jonas: Was heißt das?

Sam: Weiß ich a nett. Nichts genaues weiß man nicht. Indem das selbiger Hohlraum exorbitant beschirmt und abgeschottet ist, doch gib Sammy ein wenig Weile o Herr.

Jonas: Wieviel?

Sam: Sagen wir zwei Stunden ha?

Jonas: Unmöglich. So viel Zeit hatten wir nicht, es gab wichtiges zu tun, z.B. rauskriegen, was gespielt wurde, und Jonas war klar, wo er einhacken mußte. Wer hatte ihm denn das faule Ei, den Cowboy angedreht.

Sam: Na wer, Majestro Pelicano, Pelicanissimo, regelrecht bekniet hat er meinen Jonas, begrötscht, belatscht.

Jonas: Genau, und wo steckt Pelican.

Sam: Supermediabetriebskrankenhaus im Supermediahochhaus.

Jonas: Wie kommen wir rein.

Sam: Wie kommen wir rein, wie kommen wir rein, durchs Tor, mittels einer enteigneten Paßscheibe.

Jonas: Lieber nicht, Sammy.

Sam: Wieso?

Jonas: Vielleicht warten sie da schon auf Jonas, wer immer sie sind. Besser durch die Hintertür.

Sam: Gibt’s nicht, du Nappsülze.

Jonas: Selber Nappsülze.

Sam: Was?

Jonas: Ich mein das bildlich, symbolisch sozusagen.

Sam: Ach was und wo belieben Herr Symbolist oder auch Symboliker besagte Hintertür zu lokalisieren, hm? Hinten?

Jonas: Oben Sammy, du hast doch die Frequenz von Alouette.

Sam: Aber sicher dat.

Jonas: Ruf sich an, Jonas will mit ihr reden.

Sam: Hören ist gehorchen, o Herr der Himmlischen Herscharen.

Jonas: Augenblick noch Sam. Was machen wir mit dem Cowboy, irgendwann kommt er wieder zu sich.

Sam: Muß nicht sein, Eminenz, lasset ihn uns ganz tot machen, auseinanderschnippeln und die Einzelteile auf den Schrott schmeißen. Amen.

Jonas: Ich weiß nicht, Sammy.

Sam: Was?

Jonas: Wir sollten ihn erst mal aufheben, bis genau feststeht, was los ist. Hier wird sich doch irgendwo eine Kammer finden mit einem Schlüssel. Sehen wir uns mal um.

Sam: Ja. Sehen wir uns mal um, apropos um, um auf die Dame Alouette zurückzukommen, Verehrtester.

Jonas: Alouette hatte eine Dauergenehmigung, sie durfte jederzeit auf dem Supermediahochhaus landen. Das Sicherheitssystem ließ ihren Helikopter durch, die Wachen kannten sie. Alouette war gern bereit, Jonas auf dem Studiogelände aufzulesen und mit ihm den kurzen Trip zum Supermediahochhaus zu machen, nicht nur aus Sympathie, sie hoffte auf neue schöne Bilder. Von blutigen Anschlägen und explosiven Attentaten. Eine durchaus begründete Hoffnung.

Wächter: Was haben Sie denn heute im Kasten Alouette, ein Hackebeilmassaker, ein Massen-Barbecue, Barbecues find ich am besten, wenn die Leute so richtig anfangen zu brutzeln.

Alouette: Warten Sie’s ab, falls ihr Newsboß sein OK gibt, sehen Sie s heute abend im Holo. Mein neuer Assistent Jo

Jonas: Johnson, Joseph Johnson.

Alouette: Pelican will was von uns. Wo finden wir ihn?

Wächter: Ach, Sie haben was mit der Operation Private Eye zu tun. Im Penthouse von Herrn Beringer, braucht er ja nicht mehr, seit er auf Lanzarote ist. Manche haben’s gut. Da drüben. Soll ich Sie mit dem Scooter hinbringen.

Alouette: Lassen Sie nur, wir laufen ganz gern mal ein Stück, was Josef.

Jonas: Auf dem weiten Flachdach wirkte Beringers Penthouse wie eine Warze oder wie ein Pickel auf einer Glatze, um uns, unter uns Babylon, die große Stadt, schwarze Wolken über dem Reservat, über den Wohnvierteln grauer Smog, giftgelbe Dämpfe aus den Heizwerken, ein paar Kilometer entfernt ragte Atlas in die Höhe, der gigantische Kran für Reparaturen am Klimadom, der Klimadom ist immer kaputt, Atlas ist immer im Einsatz. Jonas nahm die Aussicht nur nebenbei zur Kenntnis, Jonas grübelte. Was war Operation Private Eye? Jonas machte sich Sorgen. Wir kamen ans Penthouse, wir gingen nicht durch Tür, wir gingen um die Ecke, zur Rückseite, wo wir vom Heliport aus nicht gesehen werden konnten, aber wir konnten sehen, ins Penthouse, durchs offene Fenster, und wir konnten hören.

Pelican: Tut mir leid, Herr Beringer, ich kann den Androiden noch immer nicht erreichen.

Beringer: Versuchen Sie’s weiter Pelican.

Pelican: Selbstverständlich Herr Beringer. Hallo, Wayne, Pelican ruft Wayne. Bitte melden. Pelican ruft Wayne.

Jonas: Mein dankbarer Freund Peter Pelican, ich erkannte ihn an der Stimme, nur an der Stimme, er sah ganz anders aus als heute nacht im Bildfon, der Kopfverband war weg, Pelican war munter und beweglich, offensichtlich geheilt, auf wundersame Weise, er saß an einem hochmodernen Interkompult vor zwei großen Monitoren, diversen Mikros, unzähligen Tasten und Schaltern, gerade hatte er mit Beringer gesprochen, dem großen Boss von Supermedia, nicht direkt, über Mikro und Monitor, hinter Beringers Schrumpfkopf leuchtete ein Himmel von unwahrscheinlichem Blau über schwarzem Sand, Lanzarote, der zweite Monitor blieb dunkel, der Cowboy war wohl immer noch bewußtlos.

Pelican: Pelican ruft Wayne. Ich seh was Herr Beringer, da ist was auf dem Monitor. Pelican ruft Wayne. Kommen. Wayne kommen.

Wayne: Was was ist passiert Herr Pelican?

Pelican: Das will ich von Ihnen wissen, Wayne.

Jonas: Der Cowboy kam zu sich, auf dem Monitor zeichnete sich was ab, zuerst vage, dann immer schärfer. Die Wand der Kammer, in die Jonas ihn gesperrt hatte. Das Auge des Androiden wurde klarer, sein Kopf auch und seine Erinnerung.

Wayne: Ein Schmerz, ein entsetzlicher Schmerz im Kopf, mehr weiß ich nicht.

Beringer: Was ist los Pelican?

Pelican: Wayne ist noch auf dem alten Studiogelände, Herr Beringer.

Beringer: Was ist mit Jonas.

Pelican: Ja das weiß ich nicht, Herr Beringer, ich meine Wayne weiß es nicht.

Beringer: Hat er ihn verloren.

Pelican: Sieht ganz so aus Herr Beringer. Jonas ist offenbar mißtrauisch geworden. Tut mir leid.

Beringer: Es tut ihnen leid Pelican. Ich sag ihnen was. Wenn Sie diesen dämlichen Androiden nicht ganz schnell wieder mit Jonas zusammenbringen dann wird’s ihnen noch sehr viel mehr leidtun. Haben Sie mich verstanden.

Pelican: Jawohl, Herr Beringer, ich…

Beringer: Ich habe Operation Private Eye aktiviert, um diesen Superbastard Jonas ein für alle mal zu erledigen. Sie Pelican habe ich als Chef vor Ort eingesetzt, weil Jonas keinen Grund hat, ihnen gegenüber mißtrauisch zu sein, und weil ich Sie für einen fähigen Medienkoordinator gehalten habe, das war wohl ein Irrtum.

Pelican: Aber nein Herr Beringer.

Beringer: Ihr Szenario war nicht schlecht, Coburgs angeblicher Rachefeldzug, das Kopfgeld, der Android, den wir bei der Korporation als Sonderanfertigung in Auftrag gegeben haben, um ihn Jonas als Bodyguard unterzuschieben, soweit ganz ordentlich, und was dabei herauskam, habe ich mir mit Vergnügen angesehen.

Pelican: Danke Herr Beringer, vielen Dank.

Beringer: Aber da Sie jetzt die Initiative verloren haben.

Pelican: Nur momentan, Herr Beringer, das wird sich ganz schnell wieder ändern, verlassen Sie sich auf mich.

Beringer: Sie können mir viel erzählen, Pelican. Fakten wenn ich bitten darf, konkrete Vorschläge.

Pelican: Jaja. Sehen Sie, Herr Beringer, wo immer Jonas sich zur Zeit aufhält, er wird früher oder später zur Basis zurückkehren in sein Büroapartment, und wenn Wayne sich ein bißchen erholt hat, wird er dort hin fahren, und warten, bis Jonas auftaucht, und dann

Beringer: Dann keine Spielchen mehr Pelican, keine Kopfjäger, kein neuen Attentate.

Pelican: Ja aber wir haben doch noch einiges in petto, Herr Beringer, auf Ihren Wunsch, Sie wollten ein extensives dramaturgisch aufbereitetes Medienspektakel.

Beringer: Gestrichen, bei nächster Gelegenheit wird Operation Private Eye terminiert.

Pelican: Modus wie vorgesehen, Herr Beringer.

Beringer: Wie vorgesehen, sobald Jonas und Wayne beieinander sind, drücken Sie auf den roten Knopf.

Pelican: Und die Sprengladung in Waynes Bauch geht hoch.

Beringer: Das will ich hoffen Pelican.

Pelican: Seien Sie unbesorgt, Herr Beringer, es wird keine Pannen mehr geben. Wayne, Pelican ruft Wayne. Wie fühlen Sie sich, Wayne.

Wayne: Etwas besser, Herr Pelican.

Jonas: Jonas gab das Zeichen zum Aufbruch. Jonas hatte genug gehört, hinter der Geschichte steckte nicht Coburg, der war nur eine entbehrliche Figur im Spiel, der Spieler war Beringer, und Jonas war der Verlierer, wenn Beringer genug mit ihm gespielt hätte, würde er ihn vom Brett nehmen durch die Bombe im Cowboy. Der Supermediaboß hatte es nicht verwinden können, daß Jonas ihm seinerzeit sein großes Weltkriegspiel kaputtgemacht hatte. Rache ist süß.

Sam: Rache ist Blutwurst. Also spricht Willy Wutzke der Weise von Wiebelskirchen.

Jonas: Wirklich, ich bin sicher es war der Weihnachtsmärchenfall, dadurch ist Beringer wieder eingefallen, daß es Jonas gibt. Und er hat sich vorgenommen, mir die alten Geschichten gründlich heimzuzahlen.

Alouette: Vielleicht langweilt er sich auf Lanzarote. Eigentlich schade.

Jonas: Was ist schade Alouette?

Alouette: Daß du jetzt Bescheid weißt, Jonas.

Jonas: Findest du?

Alouette: Du wist natürlich Gegenmaßnahmen treffen, Beringers Plan durchkreuzen, den Androiden ausschalten, und das heißt, keine Bomben mehr, keine Kopfjäger die an den Ecken lauern, kein Feuer, kein Blut, für mich ist in deiner Geschichte nichts mehr drin Jonas.

Jonas: Da irrst du dich gewaltig, Alouette. Das beste kommt noch, der große Höhepunkt. Der absolute Knalleffekt.

Alouette: Was denn?

Jonas: Wirst du sehen und aufnehmen und gut verkaufen. Sam? Sam?

Sam: Yes, ich meine was beliebt meinem ollen Knochen, dem Herrscher über 100.000 Haremsweiber?

Jonas: Haha, schön wär’s, das heißt bei näherer Betrachtung doch lieber nicht.

Sam: Wünscht er den weisen Spruch, das muntre Lied oder den klugen Rat?

Jonas: Eher die kühne Tat Sammy.

Sam: O. Aha. Hauen und Stechen.

Jonas: Hacken und Brechen, Sammy, das kannst du besser.

Sam: Wohlan, worum geht’s, sagts nur ungescheut.

Jonas: Du kennst ja die Spezialfrequenz, auf der der Cowboy sendet.

Sam: Mach dir keine Sorgen, sie blieb mir nicht verborgen.

Jonas: Du wirst dich da als eine Art Relaisstation festsetzen, falls du das kannst.

Sam: Ja, das alles auf Ehr, das kann ich und noch mehr, lalala ungefähr.

Jonas: Alles was der Cowboy an Pelican sendet, Bild und Ton das wirst du abfangen.

Sam: Zu Befehl abfangen, zack zack die Waldfrau.

Jonas: Statt dessen wirst du Falschmaterial an Pelican weiterleiten, imaginäre Bilder, irreale Töne, Pelican soll glauben, der Cowboy tut, was ihm befohlen wird, das heißt Pelican wird sehen, wie der Cowboy zu Jonas nach Hause fährt und da wartet.

Alouette: Aha, wohingegen

Jonas: Wohingegen der Cowboy auf eine ganz andere Reise gehen wird, mit deiner Hilfe Alouette.

Alouette: Was soll ich tun.

Jonas: Du landest jetzt auf dem Studiogelände und dann… Ist der Cowboy noch im Kabuff, Sammy.

Sam: Ja, ja ja, gerade eben noch gestrenger Herr, in dem er just, oha, jetzt beginnt die Tür mit wuchtigen Tritten aufzusplitten.

Jonas: Das soll er bleiben lassen, hau rein, Sammy, verpaßt ihm eine zweite Dosis Kopfweh aber vorher

Sam: Vorher setz ich mich auf des Funkes Wellen, ich fange ab was wirklich ist und sende was nicht stimmt.

Jonas: Genau, du sendest was Pelican sehen und hören würde, wenn der Cowboy tatsächlich ausbricht.

Sam: Ausbräche, bitte, Konjunktiv du verbaler Legastheniker.

Jonas: Geschenkt, dann läßt du den Cowboy zur E-Limousine gehen, zu mir fahren und vor der Tür warten. OK?

Sam: O, viele viele Bilder, bewegt und dreidimensional, viele viele Töne und das alles genital, Korrektur digital produziert, hast du eine Ahnung, wie viel Prozesse ablaufen.

Jonas: Nö, aber du schaffst das schon, Sammy.

Sam: Ach ja immer ich, da kommt ein kleiner Computer ganz schön ins Schwitzen.

Jonas: Streng dich, an wenn’s vorbei ist schenk ich dir was Schönes.

Sam: Was denn?

Alouette: Wir landen, halt dich fest Jonas.

Jonas: Alles lief nach Plan, ich schloß die Kammer auf, der Cowboy hockte stöhnend in der Ecke, ich gab ihm eine Narkose mit dem Griff meines Revolvers. Alouette fand ein brauchbares Seil. Wir fesselten den Cowboy und hängten ihn unter den Helikopter.

Alouette: Und jetzt Jonas?

Jonas: Jetzt empfehlen wir uns.

Alouete: Wohin?

Jonas: Supermediahochhaus, wir haben ein Paket abzuliefern.

Alouette: Auf geht’s.

Jonas: Inzwischen war es dunkel geworden, über dem Hochhaus ging Alouette tiefer, so unauffällig wie möglich Jonas beugte sich raus, mit seinem Taschenmesser schnitt er das Seil durch, der Cowboy rutschte von der Kufe aufs Penthousedach, da blieb er liegen. Alouette zog den Helikopter hoch.

Jonas: Das reicht, Alouette, halt ihn hier fest. Holokameras bereit.

Alouette: Immer bereit.

Jonas: Mit hochempfindlichem Material für Aufnahmen bei Dunkelheit.

Alouette: Willst du mir meinen Job beibringen Jonas.

Jonas: Sam, was sieht Pelican auf dem Monitor.

Sam: Ja was sieht er denn, a ja, den Flur von eurer Gnaden fürstlicher Behausung, dort, ja dort glaub er steht der Cowboy meinen Herrn erwartend.

Jonas: Wird Zeit daß ich komme.

Sam: Treppe?

Jonas: Was denn sonst. Der Fahrstuhl ist kaputt.

Sam: Ach so.

Jonas: Dösel.

Sam: Schwere Schritte auf den Stufen, nach eines langen Tages Last und Frust kehrt müde heim der letzte Detektiv, häh, auja jetzt ist er im 16. Stock.

Jonas: Er biegt um die Ecke.

Jonas: Der Cowboy erblickt ihn, und mein Jonas erblickt den Cowboy, ist das spannend, verständnislos glotzt er ihn an, treu doofen Blicks. Wie Pelican es befiehlt tritt der Cowboy an Jonas heran, nah, ganz nah… Alle neune, Hip hip hurra.

Jonas: Pelican hatte auf den roten Knopf gedrückt, die Sprengladung im Bauch des Cowboys ging hoch, mitsamt dem Cowboy, dem Penthouse und natürlich dem Pelican. Ganz zu schweigen von Riesenloch nebst Großbrand in den oberen Etagen, ein gewaltiges Spektakel. Operation private Eye war erledigt. Jonas war zufrieden. Alouette auch, sie hatte das Feuerwerk aufgenommen, mit Zoom und Weitwinkel und Teleobjektiv.

Alouette: Mal sehen wer am meisten zahlt. Network oder Holo oder eine von den Indiproduktionen.

Jonas: Ich würde das Band zuerst Supermedia anbieten.

Alouette: Gute Idee Jonas.

Jonas: Ich hab noch eine, Alouette. Du hast Jonas geholfen, danke. Und Jonas hat dir geholfen.

Alouette: Danke.

Jonas: Das sollten wir ausbauen. Vertiefen, noch heute abend im Casablanca, was meinst du.

Alouette: Einverstanden. Ich geh gern mal ins Casablanca, bloß schade, daß du nicht mitkommen kannst, Jonas.

Jonas: Was? Warum nicht?

Alouette: Weil du schon eine Verabredung hast. Eine dringendere.

Jonas: Davon weiß ich nichts.

Alouette: Aber ich. Hallo, Herr Beringer, hier Alouette, Stichwort Jonas, ich weiß nicht, ob Sie’s schon erfahren haben, Ihre Operation Private Eye ist ja nun leider voll in die Hose gegangen, ja schade um Ihr Penthouse, schade um Ihren Holoclown Pelican und schade um das viele Geld, das Sie der Korporation für den Spezialandroiden gezahlt haben. Jetzt sind Sie doch sicher noch mehr an Jonas Kopf interessiert, Herr Beringer, das dachte ich mir. Augenblick Herr Beringer, ich muß was erledigen, eine Kleinigkeit, dauert nicht lange.

Jonas: Der Helikopter kippte plötzlich nach links, Jonas verlor das Gleichgewicht, ich hätte gewarnt sein müssen, aber ich traute Alouette, treu-doof, Sammy hatte Recht, blitzschnell zog Alouette mir den Revolver aus dem Halfter, und bevor Jonas reagieren konnte, drückte sie ein einen Knopf am Armaturenbrett, mein Sitz klappte nach vorn, im Boden tat sich eine Öffnung auf, Jonas rutschte, fiel durch, stürzte, dann ein Ruck, Jonas hing an einer Leine, die an seinem Gurt befestigt war, kopfüber unter dem Helikopter, schnappte nach Luft und versuchte sich aufzurichten, während Alouette weiter mit Beringer sprach.

Alouette: Was wäre Jonas ihnen denn so wert, tot oder lebendig, wie Sie wollen, Herr Beringer, tot, wenn Ihnen das lieber ist, wieviel, 500.000 machen Sie Witze, das sind Peanuts, lassen wir doch das Schachern. 5 Millionen. Nein, keinen Euro weniger.

Jonas: Sam, bist du noch da, Sam.

Sam: Mehr oder weniger Chef.

Jonas: Halt dich bloß gut fest.

Sam: Man tut was man kann. Ist nicht leicht ohne Hände. Sammy wird schlecht.

Jonas: Das glaub ich dir nicht. Du hast keinen Magen.

Sam: Aber dafür hat Sammy einen Einfall, wie sein heißgeliebter Jonas aus dieser höchst prekären Situation und Todesgefahr womöglich zu retten wäre.

Jonas: Und wie soll das gehen.

Sam: Sammy sagt nur Steuersystem des Helikopters. Oha, kuck mal nach rechts.

Jonas: Nach rechts. Moment. Verstehe, tu dein bestes, Sammy, ich versuch Alouette abzulenken.

Sam: Jawohl. Systeminfiltrator Sam meldet sich ab Sir.

Jonas: Ich hab mitgehört, Alouette.

Alouette: Dann weißt du ja Bescheid.

Jonas: Erst hilfst du Jonas, dann verkaufst du ihn an Beringer, pfui Teufel.

Alouette: Du mußt das richtig sehen, Jonas, Ich habe dir geholfen, damit ich dich an Beringer verkaufen kann.

Jonas: Ich dachte wir sind Freunde.

Alouette: Sind wir ja auch, es fällt mir gar nicht leicht mich von dir zu trennen, aber Geschäft ist Geschäft. Weißt du, eine Heli-Reporterin verdient ja nicht schlecht, aber das richtig große Geld mach ich nebenbei als Kopfjägerin.

Jonas: Darum die spezielle Ausrüstung deines Helikopters, Schleudersitz, Loch im Boden.

Alouette: Und zu recht praktisch.

Sam: Agent Toilette, Korrektur Agent Null Null Sam zurück von geheimer Mission Sir.

Alouette: Das Steuer!

Jonas: Sammy hatte den Autopiloten lahm gelegt und ganz sachte den Kurs geändert, nach rechts, immer weiter nach rechts, wo Atlas aufragte, der Superkran. Als Alouette was merkte, war Atlas direkt voraus und nur noch ein paar Meter entfernt, sie riß verzweifelt am Steuerknüppel, aber das brachte nichts mehr, in vollem Tempo prallte der Helikopter auf Atlas, stürzte ab, schlug auf. Und Jonas, der hatte fleißig gesägt an der Leine mit seinem Taschenmesser, kurz vor der Kollision war die Leine durch und Jonas sprang, rüber auf Atlas, da klammerte er sich ans Gestänge, und wartete, bis er wieder zu Atem gekommen war.

Sam: Bravo… sehr gute Weite, aber die Haltung.

Jonas: Bin ich Schwarzenegger, Sammy.

Sam: Ne wahrlich nicht jener einst leidlich bekannte Kraxel und Kabinettstiroler, denn siehe es gilt zu steigen an die 500 Meter in gähnende Tiefe auf schwankendem Pfad.

Jonas: Man tut was man kann. Unten am Fuß des Krans rauchte ein Schrotthaufen, ein Stilleben in Stahlgrau, rußschwarz und blutigrot, schade, daß Alouette mit ihrer Kamera nicht da war. Drei Stunden später, ein total erschöpfter Jonas schleicht über den Flur zur Tür seines Apartments, plötzlich eine Bewegung vor mir im Schatten, eine massive Gestalt, der Cowboy? Unmöglich. Ein Kopfjäger?

Sam: Nix Kopfjäger, ein Robex.

Robot-Exekutor: RE747B, offizieller Robotexekutor der Stadt Babylon, ich habe einen amtlichen Bescheid für Herrn Jonas, nur Jonas, wohnhaft hier.

Jonas: Der bin ich.

Robot-Exekutor: Der Bescheid lautet: Durch eine Vielzahl von Attentaten, Explosionen und Unfällen ist im babylonischen Stadtgebiet erheblicher Sachschaden entstanden. Da die jeweiligen Verursacher nicht zu ermitteln sind, werden Sie, Herr Jonas, als an sämtlichen vorerwähnten Vorfällen Beteiligter für den Schaden haftbar gemacht. Der berechnete Gesamtbetrag von 873.441 Euros und 7 Cents wird von Ihrem Konto abgebucht. Widerspruch gegen diesen Bescheid ist binnen einer Frist von 3 Tagen einzulegen. Die Stadt Babylon. Im Auftrag Karin Kinne, Sachbearbeiterin. Soweit der Bescheid. Guten Tag.

Sam: Ein Schlimmdödel.

Jonas: 873.441 Euros.

Sam: Und 7 Cents. Wer den Pfennig nicht ehrt.

Jonas: Was macht man denn da Sammy.

Sam: Vielleicht zahlt Herr Beringer, wenn man ihm gut zuredet, wenn man ihm sagt, daß man widrigenfalls Network informiert über gewisse Vorkommnisse in Zusammenhang mit Supermedia, mit Herrn Beringer, Herrn Pelican und einem höchst illegalen Androiden.

Jonas: Das ist Erpressung, Sam.

Sam: Merke, hast du ein zart Gewissen, dann geht es beschissen, sei schlau und sei gerissen, dann wirst du Geld nie missen.

Jonas: Äh. Willy Wuzke.

Sam: Ne, Sam, Sam, der weise, der Denker, der Philosoph, der Erfahrene, der Verständige, der Scharfsinnige, der Intelligente, der Fuchs, das Huhn…

Das war Kopfjäger. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Ingeborg Schöner, Alexander Duda, Achim Höppner, Alexander Kerst und andere (Werner Klein, Hubert Mulzer, Ursula Rehm, Holger Buck). Ton und Technik: Daniela Röder und Günter Heß. Assistenz: Holger Buck. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 1995. Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Unterwelt

Passantin: Ih, eine Ratte!

Jonas: Es war keine Ratte. Es war Sam. Samobil, genauer gesagt. Nach dem Kopfjägerfall hatte ich ihm gekauft, was er sich schon lange gewünscht hatte: Ein Mobilitätssystem für Minicomputer. Software, Räder, Getriebe, Motor, maßgeschneidert. Sam war begeistert. Jonas weniger. Ein Computer, der spricht, ist schlimm genug. Ein Computer, der spricht und durch die Gegend düst, ist schlimmer. Ein Computer, der spricht und düst und mit seinem Herrn fangen spielt, ist das letzte.

Sam: Na los! Krieg mich doch, krieg mich doch, bin ein bißchen flotter. Krieg mich doch, krieg mich doch, bin ein kleiner Otter. Du Lahmgesäß.

Jonas: Sofort kommst du her, Sam, bei Fuß.

Sam: So nicht. Denn wahrlich, Sammy ist kein Pfiffi, keine Töle, kein Hundevieh.

Jonas: Du bist eine Maschine, Sam.

Sam: Ja.

Jonas: Der Mensch bestimmt, die Maschine gehorcht. So soll es sein. In die Tasche, aber schnell. Und wenn du noch mal wegläufst.

Sam: Wegrollst! Bleiben wir doch verbal präzise, verehrte Gemeinde, auch wenn’s schwerfällt.

Jonas: Dann kommst du ganz präzise in den Schrott. Oder ich schenk dich Chefinspektor Brock.

Sam: Hehe, tust du doch nicht, weil’s gar nicht geht, weil Jonas und Sam zusammen gehören, wie Castor und Pollux, wie Castrop und Rauxel, wie Tristan und Isolde, wie dick und doof.

Jonas: Wie Nerven und Säge.

Sam: Wa.

Jonas: In die Tasche!

Sam: Aua.

Jonas: So.

Fahrer: Zur Neptunstraße, wie fahr ich da am besten?

Sam: Da fahren Sie erst mal zu mir, dann kriegen Sie ne Karte.

Jonas: Neben Jonas hielt ein E-Lieferwagen. Grau. Keine Aufschrift. Ich steckte Sam in die Tasche, richtete mich auf. Aber ich kam nicht mehr dazu, dem Fahrer was zu sagen. Die Seitentür des Wagens öffnete sich, Hände packten zu, zogen Jonas ins Innere. Der Lieferwagen fuhr los.

Palma: Kein Grund zur Besorgnis, Herr Jonas, wir möchten Ihnen ein interessantes Angebot unterbreiten.

Jonas: Und dazu müssen Sie mich kidnappen.

Palma: Nicht doch, Herr Jonas, wir haben Sie nur aufgefordert, näherzutreten, etwas abrupt, das gebe ich zu. Nehmen Sie Platz. Soweit wir informiert sind, bevorzugen Sie echten Scotch. Wäre Ihnen ein Old Forrester recht? Soda? Eis? Wasser?

Jonas: Was außen wie ein E-Lieferwagen aussah, war innen ein Salon, Hausbar, Sofa, roter Plüsch. Arte Bordello 1900. Oder so. Die Frau paßte ins Ambiente wie die allseits bekannte Faust aufs Auge. Kimono, schwarze Lackperücke, Stöckelsandalen, keine Schlitzaugen, eine nippophile Europäerin, die Aufmachung stand ihr. Bis auf den Knopf im Ohr, ein Stilbruch, ein Produkt aus der Retorte, synthetisch wie der Whisky.

Jonas: Warum kein Sake Madame Butterfly oder Champagner? Passend zur Möblierung.

Palma: Weil wir wissen, daß Sie beides nicht trinken, Herr Jonas.

Jonas: Sehr aufmerksam. Sie sagten was von einem interessanten Angebot.

Palma: Werfen Sie einen Blick auf dieses Holoporträt, Herr Jonas.

Jonas: Grimmiger alter Knabe, kommt mir irgendwie bekannt vor.

Palma: Mein Großvater.

Jonas: Angenehm. Hat er auch einen Namen.

Palma: Palm, ich meine Palmström, er ist entführt worden aus dem Pflegeheim.

Sam: Piep Piep Piep!

Palma: Herr Jonas, bei Ihnen piepts!

Jonas: Sam, mein Computer piept und rollt und redet.

Sam: Und weiß was.

Jonas: Was weißt du Sammy?

Sam: Ach Luftklavido. Was ich weiß. Trotz heftiger Bedrängnis durch seinen unsensiblen Herrn und Meister ist es Sam gelungen das Nummernschild dieser rollenden Drahtstudierbüro zu erspähen. Und was frage ich Sie, gnädig Frau, haben gezielte Nachforschungen beim babylonischen Verkehrsamt ergeben? Häh?

Jonas: Machs nicht so spannend Sam. Wem gehört die Kiste?

Sam: Kurz und gut der W-O-R-F.

Jonas: Ach was. Die WORF. Die Partei für Wohlstand, Ordnung, Recht und Freiheit, lange Zeit in Babylon an der Regierung, jetzt in Opposition, weil sich vier kleinere Parteien zu einer Regierungskoalition zusammengeschlossen hatten. Glück für alle, Weiter so, Leistung muß sich lohnen und Vor allem Gesundheit.

Sam: Interessant gelle.

Jonas: Und aufschlußreich. Jetzt wird mir einiges klar.

Sam: Kuck mal wer da spricht, hehe, das bin ich, aber kuck mal wie er auf einmal hupft, mein intellektueller Hinkefuß und Lahmbeutel, bravo. Und was ist euer Merkwürden denn klar geworden zum Bleistift.

Jonas: Weshalb mir der alte auf dem Bild so bekannt vor kam, wozu Madame Butterfly einen Knopf im Ohr trägt und warum sich dieser rote Samtvorhang ab und zu bewegt, als ob jemand dahintersteckt.

Sack: Sie haben unser Spiel durchschaut, Herr Jonas, sehr schön. Sie kennen mich.

Jonas: Saladina Sack.

Sam: O Hauerauera, die große Vorsitzende der WORF. Tatä-tätät-tätä.

Sack: Ich bin hocherfreut Sie persönlich kennenzulernen, Herr Jonas.

Jonas: Ich eher weniger Frau Sack. Was soll das Affentheater.

Sack: Nur ein kleiner Test Herr Jonas. Ihr Name, ihr Ruf, ihre Qualitäten sind uns selbstverständlich vertraut, spätestens seit der unglückseligen Harry-Hauer-Affäre.

Sam: Fall Attentat August 2012.

Sack: Richtig. Dennoch mußten wir uns vergewissern, ob Sie wirklich der rechte Mann sind für die Aufgabe die wir ihn zugedacht haben.

Sam: Er ist der rechte Mann, er nimmt nämlich Herrenkapseln.

Sack: Aha. Ja also es handelt sich um eine höchst diffizile Angelegenheit, die äußerste Diskretion erfordert, wir benötigen einen ausgewiesenen Spezialisten.

Sam: Das ist er.

Jonas: Jonas ist Spezialist für rohe Eier und heiße Kartoffel. Auf meinem Türschild steht Jonas, nur Jonas, Privatdetektiv, der letzte seines Zeichens. In Babylon der großen Stadt und drumherum. Reich ist Jonas dabei nicht geworden, dafür hat er Erfahrung. Und jede Menge Beulen.

Sack: Ich denke wir haben ihn gefunden unseren Spezialisten, sind Sie frei, Herr Jonas, sind Sie bereit für uns, für die WORF tätig zu werden.

Jonas: Kommt drauf an.

Sack: Worauf.

Jonas: Worum es geht und was Sie zahlen.

Sack: Was kosten Sie?

Jonas: 120 Euros wie ich hier stehe, pro Tag und Spesen.

Sam: Und wenn er liegt das doppelte.

Sack: Das ist mir egal. Wir zahlen ihnen 10.000 pauschal, und Sie werden sich jeden einzelnen Euro hart verdienen müssen.

Jonas: Der alte Mann auf dem Holoporträt.

Sack: Genau Herr Jonas.

Jonas: Er heißt nicht Palmström.

Sack: Natürlich nicht.

Sam: Er heißt Lars Rindström.

Jonas: Korf hieß er. Dr. Herbert Korf. Korf von der WORF, hochberühmter Alt- und Expolitiker, Ehrenvorsitzender der Partei, schon seit Jahren nicht mehr aktiv, wenn er sich auch gelegentlich zu Wort gemeldet hatte. Aber Korf konnte nicht entführt worden sein.

Sack: Glauben Sie Herr Jonas, warum nicht.

Jonas: Weil er tot ist, gestorben vor 4 Wochen.

Sack: Am 15. April 2014, sehr richtig Herr Jonas.

Jonas: Die Partei hat ihn mit großem Trara unter die Erde gebracht, Sie selbst Frau Sack haben die Grabrede gehalten.

Sack: Hat sie Ihnen gefallen Herr Jonas. Was ich Ihnen jetzt mitteilen werde, Herr Jonas, muß unter allen Umständen unter uns bleiben. Ich erwarte von Ihnen absolute Verschwiegenheit.

Jonas: Verständlich, denn was erzählte mir Saladina Sack. Korf war nicht gestorben, er lebte, gerade noch, Korf hatte Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium, und die Partei hatte ein großes Problem, weil ihre politischen Gegner keine Hemmungen hatten, sie hätten sich den Alten gegriffen, ihn im Holo als sabbernden Trottel vor geführt, und der Partei damit schwer geschadet. Darum ließ die Führung der WORF ihren Ehrenvorsitzenden dahinscheiden und begrub feierlich einen leeren Sarg.

Sack: Korf haben wir heimlich in ein privates Pflegeheim gebracht, unter dem Namen Palmström.

Sam: Palmström hat nicht Speck im Haus, dahingegen eine Maus, Korf bewegt von seinem Jammer, baut ihm eine Gitterkammer.

Sack: Morgenstern, so ist es. Ein gebildeter Computer den Sie da haben Herr Jonas.

Sam: Siehste Jonas siehste. Ja o Dank hohe Frau. Man tutet wie man kann und man kann vieles. Nicht daß mein intellektueller Unterrichtung weitestgehend ermangelnder Meister solches zu schätzen wüßte, o goldene Worte aus dem Schatzkästlein der Weltliteratur.

Jonas: Brauchen wir jetzt nicht. Halt die Backen Sam.

Sam: Ja.

Jonas: Wir waren bei Korf, Frau Sack, alias Palmström, im Pflegeheim.

Sack: Nur der Heimleiter war eingeweiht, er gehört zum Direktorium der WORF und natürlich die handverlesenen Parteisoldaten, die das Heim rund um die Uhr bewacht haben.

Jonas: Trotzdem ist Korf entführt worden.

Sack: In der Tat, Herr Jonas, letzte Nacht.

Jonas: Von unten waren sie gekommen, aus dem unterirdischen Versorgungs-system, Abwasser, Kabel etc. Von da durch den Keller, die Wachen hatten sie umgebracht, dann waren sie verschwunden, mit Korf, mit ein paar anderen Insassen, mit dem Heimleiter.

Sack: Wir sind sicher, daß er mit den Entführern unter einer Decke steckt, nur er kann ihnen den Tip gegeben haben, wer Palmström wirklich ist.

Jonas: Anzunehmen. Sie haben die Kidnapper verfolgt.

Sack: Selbstverständlich, ein überlebender Wächter hat uns informiert und wir haben sofort einen Trupp Parteisoldaten vom nächsten WORF-Stützpunkt losgeschickt.

Jonas: Pflegeheim Keller.

Sack: Mit dem Quicklift nach unten zum Abwasserkanal, und da lag der erste Wegweiser.

Jonas: Wegweiser?

Sack: Ja, einer der mitgeschleppten Heimbewohner, tot, lang ausgestreckt, die rechte Hand zeigte die Richtung an.

Jonas: Die Kidnapper wollten also verfolgt werden.

Sack: Aus gutem Grund, nach ein paar Kilometern durchs Abwassersystem, vorbei an weiteren ausgelegten Leichen, kamen unsere Leute an eine Mauer, quer über den Kanal.

Jonas: Lassen Sie mich raten Frau Sack, die Grenze zur Unterwelt.

Sack: Ganz recht, Herr Jonas, in die Mauer war ein Loch geschlagen, und vor dem Loch lag ein Toter, der letzte, in der Hand hatte er diese Botschaft:

Jonas: An die Führung der WORF, Sie haben die Wahl, Sie schicken morgen 13. Mai 2014, genau 23 Uhr 55, sinnig, fünf vor zwölf, einen Robomessenger mit 25 Millionen Euros durchs Loch, worauf Sie ihren Mann umgehend zurückerhalten, oder Sie tun das nicht, und wir übergeben ihn Holonews, Ihr Schwindel fliegt auf, Ihre Partei ist erledigt, es lebe der urbane Befreiungskampf, die Stadtguerilla. Die Stadtguerilla.

Sack: Auferstanden aus Ruinen wie es scheint.

Jonas: Vor knapp zwei Jahren war der Terrorverein, der sich Stadtguerilla nannte, vernichtet worden, durch eine Großaktion der Polizei, ein denkwürdiges Geschehen für Jonas, Judith Delgado war dabei umgekommen, und ich hatte Karla kennen gelernt, die Chefin der Stadtguerilla, sie war entkommen und hatte sich ins Reservat zurückgezogen, um eine neue Truppe aufzubauen. Offenbar war es ihr gelungen.

Sack: Wir haben nicht vor, das Lösegeld zu bezahlen, Herr Jonas.

Jonas: Sie können nicht.

Sack: Und wir wollen nicht.

Jonas: Aber Sie wollen auch nicht, daß ihr angeblich toter Korf als lebender Alzheimer im Holo präsentiert wird.

Sack: Natürlich nicht.

Jonas: Also müssen Sie runter und ihn rausholen.

Sack: Sie werden Dr. Korf befreien Herr Jonas, und ihn uns wiederbringen.

Jonas: Warum nicht Ihre Parteisoldaten.

Sack: Weil die nicht in die Unterwelt gehen, es sind gute Leute, brauchbar und tüchtig, aber das kann ich von ihnen nicht verlangen.

Jonas: Die Polizei.

Sack: Untersteht der Regierungskoalition, unseren Gegner, kommt nicht in Frage. Sie sind unser Mann, Herr Jonas. Sie sind Spezialist für riskante Aufgaben, erfahren und politisch unabhängig. Nehmen Sie den Auftrag an?

Jonas: Jonas kennt die Unterwelt, die ehemaligen Servicesysteme unter dem Reservat, der wüsten Ruinenlandschaft im Südosten von Babylon, die bis zu den großen Unruhen in den späten 90ern ein intaktes Stadtviertel gewesen war. Die Unterwelt ist ein Labyrinth von Gängen und Höhlen, von Abwasserkanälen und Kabelschächten, von Atomschutzbunkern und Recyclinganlagen, alle nicht mehr in Betrieb, verfallen, aber nicht verlassen, Lemuren hatten sich hier eingenistet, und Ratten, Millionen von Ratten. Oben das Reservat war schlimm, die Unterwelt war schlimmer. Viel schlimmer. In die Unterwelt gingen nur Irre. Jonas war irre. Und er brauchte Geld. Apropos.

Jonas: 25 Millionen Euros.

Sack: Was ist damit Herr Jonas.

Jonas: Die sparen Sie, wenn ich Korf aus der Unterwelt hole. 1 % für Jonas.

Sack: 250.000 Euros?

Jonas: Erfolgshonorar. Dafür tu ich’s. Sonst nicht.

Sack: Einverstanden. Palma wird Sie begleiten.

Jonas: Palma?

Palma: Palma Kunkel, so heiße ich.

Jonas: Madam Butterfly, in die Unterwelt, im Kimono, wunderbar, dann ziehe ich den Frack an, den ich nicht habe. Und das Promenadenorchester spielt dazu den Kirschblütenwalzer.

Palma: Täuschen Sie sich nicht, ich bin Kampfsportlerin.

Sack: Eine sehr gute, das kann ich ihnen versichern Herr Jonas. Palma arbeitet im Tiefbauamt.

Jonas: Oha.

Sack: Sie hat Pläne und Karten, kennt sich aus in der Unterwelt. Bei einem so gefährlichen Unternehmen brauchen Sie Rückendeckung.

Sam: Backup wie der Experte sich ausdrückt. Äh, sagen Sie mal, heißen Sie wirklich und wahrhaftig Palma Kunkel, Palma die Kunkel die im Dunkeln kunkelt, Palma Kun-kel ist mit Palm verwand doch im übrigen nicht bekannt. Und sie wünscht auch nicht.

Jonas: Morgenstern.

Sam: Morgenjonas. Morgenstern. Eben der selbige, ist das nicht ein Zufall, hä?

Jonas: Wir trafen uns am Abend um 9 in der Südstadt, nicht weit vom Reservat, Madam Butterfly alias Palma Kunkel blieb bei ihrer Masche, Synthstimme, grauer Ninjaanzug, Kamikazestirnband, langes Samuraischwert über der Schulter, kurzes im Gürtel, Jonas trug sein altes schwarzes Kampfoutfit aus dem Antarktischen Krieg, und war behängt wie wie…

Sam: Wie ein ambulanter Klempnerladen, Meister. Helm mit Lampe und Nachtsichtbrille, Wärmflasche, abgesägte Schrotflinte, Flammenwerfer mit Schockgranaten, ein veritables Arsenal, Herr Oberfeuerwerker.

Jonas: Du reist auch nicht gerade mit leichtem Gepäck, Sammy. Mobilsystem, Kompaß, Leuchte, Infrarotgerät, vollaufgetankter Hochleistungsakku, fehlt nur noch die eingebaute Hausbar.

Sam: Hättest du gern was alter Saufladen. Warum Schrotpuste und Feuerspucker, heißgeliebte Knalltüte, warum nicht Laser, warum nicht Neurofreezer?

Jonas: Das ist Stil, Sammy. Archaische Waffen für ein archaisches Ambiente. Stop. So, jetzt können Sie auch runter, Madame Butterfly.

Palma: Ich komm runter.

Sam: Na denn mal tau.

Jonas: Wir gingen nicht durch den Keller im Pflegeheim, Jonas hatte einen Plan, Jonas kannte eine Hintertür, in einer verlassenen Metrostation im Reservat, ein Liftschacht, natürlich kein Lift mehr, ein paar tapfere Parteisoldaten waren mit gekommen, sie ließen uns an Seilen runter und blieben oben, als Wache und Rück-versicherung, schließlich wollten Jonas und Butterfly irgendwann wieder raus. Und dann waren wir womöglich in Eile. Am Ende des Schachts ein horizontaler Gang, ein alter Abwasserkanal, seit Jahren trocken, in etwa, dunkler Belag auf den Ziegeln, Salpeter, Schimmel und Schlimmeres. Die Luft ließ sich atmen, riechen weniger. Es stank, noch immer. Der Gang war niedrig, wir mußten die Köpfe einziehen, Butterfly gab die Richtung an, nach ihrer Karte, es war dunkel, bis auf die Lichtkegel unserer Lampen, und still, bis auf das leise Klappern unserer Ausrüstung. Der Gang mündete in die Halle einer ehemaligen Recyclingstation, wo früher Scheiße zu Brühwürfeln veredelt wurde, wir hörten schon früh ihren Rekorder, altmodischer Rock’n Roll, und sahen ihre Lichter, sie warteten an der Grenzmauer vor dem Loch, zwei Gestalten in Overalls mit Sturmgewehren, sie fühlten sich sicher, keine Wache, gut so. Wir machten die Lampen aus, gingen im Dunkeln weiter, vorsichtig, bis der Gang aufhörte und die Halle anfing, da blieben wir stehen und warteten auch.

Palma: Wie spät?

Jonas: Sammy?

Sam: Genau 23 Uhr 54 Minuten und 40 Sekunden.

Palma: Ist gleich soweit.

Jonas: Wenn ihre Leute spuren, Butterfly.

Palma: Keine Sorge, Jonas, hören Sie, sehen Sie.

Jonas: Da kam er durchs Loch, pünktlich auf die Sekunde, ein Robomessenger, einfachste Ausführung, ein offener Behälter mit Beinen, im Behälter ein Sack, ein schwerer Sack, die zwei Typen wuchteten ihn raus und fingen an, ihn aufzuschnüren.

Sam: 5,4,3.

Jonas: Hinlegen Butterfly, Augen zu, Hände auf die Ohren.

Sam: 1, zoro.

Jonas: Eine Schockgranate mit Zeitzünder, im Sack, wie verabredet, ungeheuer laut, ungeheuer hell, ungeheuer überraschend. Unsere beiden Freunde waren einige Sekunden außer Gefecht. Blind, taub, unter Schock. Wir kamen aus der Deckung. Schnell. Jonas hatte die Schrotflinte im Anschlag. Butterfly fuchtelte mit ihrem Schwert.

Palma: Hu. Hei.

Jonas: Was? Halt, stehenbleiben. Ganz wie du willst. Siehste.

Jonas: Einer der beiden bekrabbelte sich schnell, er sah uns kommen und rannte weg. Jonas schoß ihm eine Ladung Schrot in den Arsch. Er hinkte weiter und verschwand hinten in einem Gang. Butterfly hatte sich inzwischen um den anderen gekümmert.

Palma: So, der macht uns keine Probleme mehr.

Jonas: Sie haben ihn umgebracht, Butterfly.

Palma: Ein sauberer Okesa von der linken Schulter zur rechten Hüfte. Und dann hab ich ihm den Rest gegeben. Kamikatiwari durch den Schädel.

Jonas: Na großartig. Wie ein gelernter Schlächter. Hatten wir nicht vereinbart, daß wir die Typen lebend fangen, damit sie uns verraten, wo sie Korf versteckt haben.

Palma: Ist ja noch einer da, der den Sie angeschossen haben. Und der kommt nicht weit. Was war das?

Jonas: Unser Freund, da hinten im Gang, kommen Sie Butterfly.

Jonas: Nach gut 100 Metern fanden wir ihn, das heißt was von ihm übrig war. Seine Knochen. Sauber abgenagt. Bis auf ein paar Fleischfetzen.

Palma: Ratten.

Jonas: So sieht’s aus. Sie haben ihn aufgeknabbert.

Palma: Und so schnell. Sie müssen noch in der Nähe sein.

Jonas: Hinter den Wänden, nehm ich an, sehen Sie, überall Löcher.

Palma: Ich hasse Ratten.

Jonas: Ich mag sie auch nicht besonders.

Sam: Sammy hat nichts gegen Ratten, nette kleine Tiere und so hübsche lange Schwänz und so clever.

Jonas: Du hast gut reden, Sam, du bist aus Plastik und Metall, an dich gehen sie nicht ran.

Palma: Unsere beiden Informanten sind tot, Jonas, wie finden wir jetzt Korf.

Jonas: Ganz einfach. Wir gehen weiter, diesen Gang lang.

Palma: Nur so oder haben Sie einen bestimmten Grund.

Sam: Nu paß mal auf Tante Trude, Sammy wird dir die ganze Sache mal verhakseln, so ganz langsam zum Mitschreiben. Sofern Gnädigste des Schreibens überhaupt kundig sind, so nun paß auf. Der sowohl dahingeschiedenen als auch abgeknabberte hat sich, obschon ihm diverse Gänge zur Verfügung standen, in diesen nämlich hier geflüchtet, klar?

Palma: Klar Sammy.

Sam: Also führt dieser Gang dorthin, wo seine Genossen sich aufhalten. Auch klar?

Palma: Klar.

Sam: Und wo die sich befinden dort weilet auch der Meister Korf. Alles klar.

Jonas: Klar. Wir gingen weiter, vorsichtig, wachsam, die Waffen in Bereitschaft. Ab und zu hörten wir was, leises Quieken, Rascheln in den Wänden. Und wenn wir uns umdrehten, sahen wir im dunkeln Gang hinter uns rötlich leuchtende Punkte. Immer zwei nebeneinander, viele, sehr sehr viele. Jonas hatte sich schon besser gefühlt. Dann fingen auch noch die Trommeln an, weit voraus. Signale der Lemuren.

Sam: Was sprechen Trommeln, Wahna Tarzan.

Jonas: Woher soll ich wissen Sahib.

Sam: Trommeln sprechen Fleisch kommen, weißes Fleisch, hmh, lecker lecker.

Jonas: Find ich nicht sehr witzig.

Sam: Na ich merk schon, kein Sinn für schwarzen Humor du trübe Tasse, traurig traurig.

Jonas: Plötzlich teilte sich der Gang, wir blieben stehen. Was jetzt? Wo ging’s weiter. Welche Gabelung war die Richtige.

Palma: Links.

Jonas: Links. Warum.

Palma: Weil die Typen die wir suchen linke Vögel sind.

Jonas: Haha. Ich bin für rechts. Was meinst du Sammy.

Sam: Sammy hält sich da raus.

Jonas: Typisch, wenn man dich mal braucht. Also gut, Jonas ist der Kommandant der Expedition, und Jonas sagt

Einstein: Links.

Jonas: Was?

Einstein: Rechter Weg ist links, bitteschön.

Jonas: Wer ist da?

Einstein: Einstein.

Jonas: Das glaub ich nicht.

Einstein: Einstein, mein Name, sehr erfreut bitteschön.

Jonas: Kommen Sie raus, wer immer Sie sind.

Einstein: Einstein kommen nicht erschrecken bitteschön, Einstein Freund gut Freund.

Palma: Ih.

Sam: Selber ih.

Jonas: Aus dem dunklen Abzweig links kam er langsam ins Licht unserer Lampen, Einstein, eine Ratte, eine außergewöhnliche Ratte, kalkweiß, rote Augen, ein Albino, ein Riesen-Rattenalbino, halber Meter mindestens, Schwanz inklusive, immerhin, und reden konnte das Biest auch noch.

Einstein: Einstein lernen menschliche Sprache von Dr. Matrix in Genlabor, Universität Babylon, bitteschön, Dr. Matrix sagen immer: du beste Ratte, klügste Ratte von allen, du heißen Einstein.

Palma: Ein Versuchstier, genmanipuliert.

Jonas: Und total verkorkst, nicht näher, Einstein, bleib stehen.

Einstein: Keine Angst bitteschön, Einstein lieben Menschen.

Jonas: Kann ich mir denken, gekocht, gebraten oder roh?

Einstein: O nein, Einstein Vegetarier, bitteschön, Einstein Freund, Einstein wollen helfen.

Jonas: So, helfen willst du uns. Wie?

Einstein: Einstein wissen alles, bitteschön, Einstein wissen wo böse Menschen von oben alten Mann verstecken.

Palma: Und wo?

Jonas: Zeigs uns auf der Karte.

Einstein: Sorry, Einstein nicht können lesen, bitteschön. Dr. Matrix wollen lernen Einstein lesen, schreiben, rechnen, aber Einstein laufen fort von Genlabor.

Jonas: Warum?

Einstein: Einstein haben Heimweh, haben Sehnsucht nach Genossen Ratten, nach Gemeinschaft, Gesellschaft, Freundschaft, bitteschön, aber Ratten hier ganz dumm, rückständig, sie nicht lieben Einstein, weil Einstein sein groß und weiß und schlau, weil Einstein sein anders, sie nicht wollen Einstein, sie jagen weg Einstein.

Jonas: Sieh an, auch die Ratten sind Rassisten.

Einstein: Einstein unglücklich, Einstein wollen zurück zu Dr. Matrix, wenn Freunde mitnehmen Einstein nach oben zu Genlabor, Einstein führen Freunde zu alten Mann. Bitteschön.

Palma: Was meinen Sie Jonas, trauen wir ihm?

Jonas: Teils teils, einerseits machte Einstein einen ganz überzeugenden Eindruck, andererseits ist Jonas mißtrauisch aus Prinzip. Aber wir mußten Korf finden, darum gingen wir auf Einsteins Angebot ein und ließen uns von ihm führen. Durch den linken Gang, dann über eine verrottete Treppe nach unten, durch eine Tür mit dem schwarzgelben Zeichen, Nuklearschutz, dahinter ein Korridor, relativ neu, relativ sauber, Butterfly studierte ihre Karte, aber die half ihr nicht weiter, Jonas blieb wachsam und Sammy maulte.

Sam: Links, rechts, links rechts, da trotteln wir wie die Vollidioten hinter einem häßlichen nackten Schwanz her, und der Rest von dem Kerl ist auch nicht schöner.

Jonas: Ich dachte du magst Ratten, Sammy. Nette Tiere und so clever.

Sam: Ach Einstein ist doch keine richtige Ratte, Einstein ist eine vermurkste Kreatur, ein Wechselbalg, ein Monstrum, ein Mordstrum, ein gentechnischer Betriebsunfall und so was spuckt hier große Töne.

Jonas: Du bist eifersüchtig Sammy, eifersüchtig auf Einstein, weil er dir irgendwie ähnlich ist, intelligent, munter, verbal.

Sam: Was? Verbal nennst du das du Charakterwanze? Sammy ist verbal, Sammy redet korrekt wie ein Buch.

Jonas: Wie eine Bibliothek Sammy.

Sam: Einstein redet nicht, Einstein bricht rad, Einstein stammelt und stottert und.

Jonas: Sei mal nen Moment still, Sam.

Sam: Ja.

Jonas: Riechen Sie’s auch Butterfly.

Palma: Braten. BBQ.

Jonas: Jede Wette, das ist Echtfleisch, kein Sojasteak.

Einstein: Wir sind gleich da, Freunde.

Jonas: Da, wo Einstein, auf einer Grillparty?

Einstein: Hauptquartier von Lemuren, bitteschön, böse Menschen von oben haben gemacht Vertrag mit Lemuren, können bleiben bei Lemuren mit altem Mann 3 Tage.

Palma: Und woher weißt du das Einstein.

Einstein: Einstein sehen alles hören alles wissen alles bitteschön.

Jonas: Wie du Sammy.

Sam: So was muß sich ein ehrbarer Computer nicht bieten lassen.

Einstein: Ruhe bitteschön, Vorsicht bitteschön, da vorn hinter Knick stehen Wächter von Lemuren.

Palma: Den übernehme ich mit meinem Makitaschi.

Jonas: Kein Problem für die Ninja-Androidin Butterfly und ihr scharfes kleines Samuraischwert. Jonas steckte den gekränkten Sam in die Tasche, nahm Einstein auf die Schulter, stieg leise über den toten Lemur, und folgte mit Butterfly dem Bratenduft und dem flackernden Feuerschein, bis der Korridor sich zu einem großen Raum erweiterte, da blieben wir stehen, im Schatten, unsichtbar, der Raum wimmelte von Lemuren, bleichen Gnomen mit wäßrigen Augen. Lemuren sehen nicht gut, sie haben sich ihrer unterirdischen Umgebung angepaßt, vor Jahren sind sie abgetaucht aus dem Reservat in die Unterwelt. Obdachlose, Freaks, illegale Drittweltler, Flüchtlinge, die sich oben nicht mehr sicher fühlten.

Palma: Mein Gott was ist das?

Jonas: Ein ehemaliger Gemeinschaftsraum im Atombunkersystem.

Palma: Nein, ich mein, was sich da dreht, in der Mitte, über dem großen Feuer.

Jonas: Der Spießbraten. Genau was Sie vermuten Butterfly.

Sam: Ich rieche rieche Menschenfleisch.

Jonas: Lemuren sind Kannibalen, nachts steigen sie aus der Unterwelt und jagen Fleisch, wenn das Fleisch nicht zu ihnen kommt, wie die Stadtguerilla, drei Figuren im Overall lagen auf dem Boden, gefesselt, eine der drei kannte ich, Karla.

Karla: Sie brechen unser Abkommen, wir haben ihnen Fleisch gebracht, zwei Menschen wir abgemacht.

Lemur: Sehr nett von Ihnen meine Liebe, leider nicht genug, wir sind sehr hungrig, zwei Menschen reichen uns nicht, wir wollen mehr, wir wollen euch alle, Fleisch!

Einstein: Böse Menschen von oben sind dumm, sie trauen Lemuren, Lemuren sie werden braten und essen, Lemuren nicht Vegetarier wie Einstein, bitteschön.

Jonas: Offensichtlich.

Palma: Korf, Jonas, da ist Korf.

Jonas: Richtig, da war er, am Rand rechts, ganz allein, wahrscheinlich war er den Lemuren zu alt und zu zäh, er trug eine Art Nachthemd und steckte in einem Einkaufswagen vom Supermarkt, Arme und Beine hingen über den Rand, er bewegte sich kaum, starrte teilnahmslos vor sich hin.

Palma: Holen wir ihn raus, Jonas.

Jonas: Deshalb sind wir ja hier. Die Frage ist wie.

Sam: Merke. Die alten Tricks sind meist die besten.

Jonas: Sagt wer.

Sam: Sagt Sammy du Dumpfbacke.

Jonas: Schockgranate zum zweiten.

Sam: Grünau.

Jonas: OK, Jonas wirft Granate, Butterfly rennt los, schnappt sich den Einkaufswagen, kommt damit zurück.

Palma: Alles klar. Sie halten mir den Rücken frei Jonas.

Jonas: Mit der Schrotflinte. Countdown Sammy, fang an.

Sam: Zu Befehl. Countdown. Piep.

Einstein: Was sein Schockgraten bitteschön.

Sam: Wirst du gleich hören du Spotgeburt aus Quark und Weißkohl.

Jonas: 3,2,1, zero. Bumm. Lemuren schwer geschockt, Butterfly flitze Richtung Korf, Jonas flitzte auch zur Feuerstelle, wo die Gefangenen klagen, Jonas zerschnitt Karlas Handfesseln, und ließ das Messer neben ihr liegen, eine Hand wäscht die andere. Vor zwei Jahren hatte Karla Jonas geholfen, jetzt half Jonas Karla, Hilfe zur Selbsthilfe, alles weitere war ihre Sache. Jonas folge Butterfly in den Korridor, rückwärts, die Schrotflinte im Arm, unnötige Vorsicht, die Lemuren kamen uns nicht nach. Schock, oder sie wollten sich nicht von ihrem Braten trennen.

Korf: Aua, der Verfall der… in diesem unseren Lande. Au. Wohlstand, Ordnung, Recht und Freiheit, au, das tut doch weh.

Palma: Erkennen Sie mich, Herr Dr. Korf, wissen Sie nicht mehr, wer ich bin.

Korf: Mama, tut weh, meine Verdienste um die europäische Einigung in diesem unserem Verfall, au. Aufhören.

Jonas: Recht hat er. Lassen Sie’s langsamer angehen, Butterfly, sonst schmeißen Sie den Kinderwagen noch um. Sie sollten Ihr altes Baby mal windeln, Mutterfly.

Palma: Sehr komisch.

Korf: Mama. Nach Hause, Herbert will nach Hause.

Jonas: Wir tun was wir können, Dr. Korf.

Einstein: Gehen Freunde zurück nach oben bitteschön?

Jonas: Das hoffen wir, Einstein.

Einstein: Nehmen Einstein mit, bitteschön.

Sam: Mama, Einstein will nach Genlabor.

Jonas: Ja, Einstein wir nehmen dich mit. Kennst du den Weg zur alten Metrostation, wo wir runtergekommen sind?

Einstein: O ja, Einstein kennen Weg, Einstein kennen Abkürzung. Freunde folgen Einstein bitteschön, Freunde haben Vertrauen zu Einstein.

Sam: Holdriadidö. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, sagt Shakespeare.

Jonas: Wirklich Sammy. Also los, Lauf voraus, Einstein, ich behalt dich im Auge.

Einstein: Freunde eng zusammenbleiben, bitteschön, Weg sehr gefährlich.

Jonas: Das glaub ich dir aufs Wort, verfressene Lemuren, deine ebenso verfressenen Artgenossen.

Einstein: Und Grauen der Tiefe, Freunde, noch schlimmer noch gefährlicher.

Palma: Grauen der Tiefe, was ist das?

Einstein: Plötzlich sich öffnen Loch im Boden, ganz tief, ganz schwarz, unten Geräusch, unten Bewegung, ganz böse, ganz schrecklich, Grauen der Tiefe, haben nicht Namen, haben nicht Gestalt.

Korf: Mama, nach Hause.

Sam: Und Sammy macht jetzt Pause.

Jonas: Wir waren lange unterwegs, manchmal ferne Lemurentrommeln, manchmal nahes Rattenrascheln. Keine besonderen Vorkommnisse, vorerst. Die Gänge wurden niedriger, wärmer, feuchter und muffiger. Es roch nach Müll, nach Tod und Verwesung, Jonas löste Butterfly ab, übernahm Wagen und Korf, der hatte den Daumen im Mund und schlief. Der Abfallgestank nahm zu. Jonas sah hoch. Einstein, Wo war Einstein?

Palma: Ein Stück voraus hinter der Ecke, er hatte es auf einmal sehr eilig. Einstein.

Jonas: Einstein wo steckst du.

Sam: Wer ist er, der liebe Einstein. Verschwunden, abgehauen. Und mein Volltrottel von Jonas sitzt mächtig in der Kacke.

Jonas: Da ist was dran, Sammy. Einstein!

Sam: Jaja, brüll du nur als wie ein Nebelhorn im Stimmbruch. Es wird dir nimmer was nützen: Selber schuld du Schwachkopf. Trau schau wem.

Jonas: Sagt Shakespeare, sagt Morgenstern.

Sam: Und Sammy.

Jonas: Ich sag dir was Sammy, ihr habt recht, alles drei. Wo sind wir, Butterfly, was sagt die Karte.

Palma: Gar nichts. Keine Ahnung, wo wir sind.

Sam: Jedenfalls nicht auf dem rechten Weg nach Hause, soviel steht fest geschätzt-er Herr, liebwerte Dame. Tief unter dem Reservat, tief unter der Versorgungsebene, im Zentrum, der Unterwelt. Nein, nicht bei Jacque Offenbach, nein nein im Herzen der Finsternis. So sieht’s aus Leute. Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald.

Jonas: Schnauze.

Sam: Sammy hat doch nur versucht zu warnen und zu mahnen, doch fand er Gehör, nein, mitnichten. Es war so finster und auch so bitter kalt.

Jonas: Schluß mit dem Konzert Sam. Mach dich nützlich.

Sam: Mach dich nützlich. Mach dich nützlich. Kann es denn wahr sein, o ihr Völkerscharen, Sammy wird gebraucht. Sammy wird benötigt. Halleluja und abermals Halleluja.

Jonas: Amen. Roll vor und kuck vorsichtig um die Ecke, und vor allem halt den Mund.

Palma: Sie sprechen mir aus der Seele, Jonas.

Sam: Halt den Mund.

Jonas: Sam rollte und linste ums Eck, nach ein paar Sekunden fuhr er seinen Gummifinger aus und winkte uns, heftig. Jonas und Butterfly sahen sich an, zuckten die Achseln, folgten Sam. Wir standen und starrten durch unsere Infrarotbrillen, vor uns lag eine ungeheure Höhle, weiter als der Europaplatz in Babylon, höher als der Holoturm, aber deshalb starrten wir nicht, wir starrten, weil sich mitten in der Höhle eine gewaltige Kathedrale erhob, ein Riesenbau aus Müll, aus Abfall und Lumpen, aus Draht und Blech, aus Plastik und Knochen, und wir starrten wegen der Ratten, es waren tausende, abertausende, vielleicht Millionen, sie quiekten nicht, sie raschelten nicht, sie waren ganz still, und sahen mit leuchtenden Knopfaugen zum Eingang, wo wir standen, ganz vorn ein heller Fleck im graubraunen Rattenteppich, Einstein, neben ihm ein monströses Wust, eine Ballung, eine Masse, so groß und so rund wie das Rad eines Supertrucks. Ein Knäuel von mehr als 100 Ratten, zusammengewachsen, ineinander verfilzt, an den Schwänzen verknotet.

Palma: Der Rattenkönig.

Jonas: Vor seinem Palast.

Sam: In seinen Unterhosen und mit seinen Untertaten. Die warten auf uns.

Palma: Einstein du Verräter.

Sam: Jawohl du treulose Tomate, lasche Pflaume, falscher Funfziger.

Einstein: Einstein es sich haben überlegt, Einstein wollen nicht in Genlabor, Einstein bleiben hier in Unterwelt bei Genossen. Ratten jetzt nehmen Einstein auf, Ratten lieben Einstein, Einstein ihnen bringen drei fette Menschen.

Palma: Fett? Ich oder Korf?

Jonas: Von Jonas ganz zu schweigen.

Einstein: Einstein bringen Waffen.

Sam: Und einen Computer nicht zu vergessen.

Einstein: War Einstein Vergnügen. Bitteschön. Bye bye Freunde.

Palma: Was tun wir?

Jonas: Zwei Optionen, wir lassen uns fressen, oder wir laufen weg. Suchen Sie sich eine aus, Butterfly.

Palma: Drei Optionen, wir kämpfen und gehen unter als Helden.

Jonas: Ohne mich, lassen Sie die Schwerter stecken, Butterfly, die bringen hier gar nichts. Wenn ich los sage, nehmen Sie den Wagen und sehen zu, daß Sie verschwinden, zurück durch den Gang.

Palma: So. Und Sie Jonas.

Jonas: Ich decke den Rückzug.

Palma. Womit. Schockgranaten zu Dritten.

Jonas: Äh äh. Nicht effektiv genug. Flammenwerfer. Das beste gegen Ratten und anderes Ungeziefer. Sammy?

Sam: Jawohl. Bei der Arbeit.

Jonas: In die Tasche.

Sam: Ach nein. Nicht schon wieder.

Jonas: Los.

Jonas: Mit dem ersten Feuerstrahl erwischte ich Einstein, er wurde erst rot und sehr laut, dann schwarz und still, der zweite Strahl für den Rattenkönig, er ging in Flammen auf, quiekte wie am Spieß, verschmorte zu einem unförmigen Klumpen, die Ratten drehten durch, die vorderen wollten zurück, die hinteren drängten nach vorn, sie krabbelten und quietschten, Jonas trat zwei Schritte zurück und schwenkte die Düse, bis der Tank leer war. Ziel erreicht. Der Ausgang der Höhle war dicht, verstopft durch einen Wall verkohlter Rattenleichen, bis die Überlebenden sich durchgebissen hatten, würde es dauernd. Wir waren sicher, fürs erste.

Sam: Kein Grund, faul rumzulümmeln, allerwerteste Sportskameraden, auf auf hopp hopp, hip hip hurra, den letzten beißen die Ratten.

Korf: Mama was ist, kommen die Russen.

Jonas: Keine Angst Herbert, schlaf weiter. Wir bringen dich nach Hause.

Korf: Ja, nach Hause.

Jonas: Du weißt wo’s langgeht Sam.

Sam: Jawohl. Eisern und magnetisch. Will sagen mittels meines vollintegrierten Kompasses Nordnordwest. Herr Flottenkapitänsflottillenadmiral.

Jonas: Dann übernimmst du die Führung.

Sam: Aye aye Sir, gerade aus, backbord, backbord ihr Landratten. Links.

Jonas: Links, rechts, gerade aus, Gänge, Höhlen, Schächte, nach 4 Stunden hatten wir es fast geschafft, es wurde Zeit, die Lemuren fingen wieder an zu trommeln und in der Dunkelheit hinter uns leuchteten Rattenaugen.

Sam: Jawohl und nun wieder rechts, und nach 100 m wieder links, ja, so ist schön, voila, da wäre er, der Schacht zur verlassenen Metrostation, der Weg zur Oberwelt, zum Lichte, zur Sonne, zur Freiheit.

Jonas: Wo Ihre Parteisoldaten auf uns warten, Butterfly, hoffe ich jedenfalls.

Palma: Seien Sie unbesorgt, Jonas, die warten, aber nicht auf uns, auf mich, nur auf mich.

Jonas: Was heißt… Au!

Jonas: Butterfly war das Schlußlicht, mit meiner Schrotflinte, um die Ratten auf Abstand zu halten, ein schwerer Fehler, weil sie so in aller Ruhe Jonas den Kolben über den Schädel ziehen konnte, ich trat kurz mal aus, nicht lange, ein paar Sekunden, als ich zurückkam war ich gefesselt und an Korfs Wagen gebunden.

Palma: Tut mir wirklich leid um Sie, Jonas, Sie sind kein übler Typ, aber ich habe strikten Parteiauftrag von allerhöchster Stelle.

Jonas: Saladina Sack.

Palma: Persönlich.

Jonas: Ihr wollt euch die viertel Million sparen.

Palma: Das ist es nicht.

Jonas: Hahaha, Jonas weiß zu viel, wie sie in den Holokrimiserien sagen.

Palma: Das schon eher. Zurück, ihr seid noch nicht dran.

Korf: Hilfe, die Russen kommen, die Chinesen kommen, die Fundamentalisten kommen.

Palma: Halts Maul, Herbert, Sie sind nur Zugabe, Jonas. Es geht um Korf, er darf die Partei nicht noch mal in solche Schwierigkeiten bringen.

Jonas: Sie haben den Auftrag Korf umzubringen.

Palma: Natürlich. Sobald wir ihn den Entführern abgenommen haben, wir machen reinen Tisch, kein Ehrenvorsitzender mit Alzheimer mehr, der gekidnappt oder im Holo vorgeführt werden kann, hätten wir schon längst tun sollen, aber die Parteiführung war damals zu sentimental.

Sam: Naja, Pietät ist es eine Zier doch besser geht es ohne ihr.

Palma: So ist es. Seionara, Jonas, hat Spaß gemacht mit ihnen durch die Unterwelt zu ziehen.

Jonas: Nehmen Sie uns nicht mit Butterfly.

Palma: Wozu, ich überlasse Sie den Ratten. Ob ich Ihnen den Kopf abschlage oder ob die Sie fressen.

Jonas: Ratte wie Hose.

Palma: Und ich gewinne Zeit. Während sich die Tierchen mit Ihnen und Korf beschäftigen, bringe ich mich in Sicherheit. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Also dann.

Korf: Nach Hause, Herbert will nach Hause.

Jonas: Jonas auch, aber da sah ich schwarz. Für uns beide. Sam hatte auch keine rettende Idee und ging auf Tauchstation. Hinter uns wurde es lauter, rascheln, knistern, quieken, sie kamen, rachedurstig und hungrig. Plötzlich zuckte Jonas zusammen. Eine Berührung, am Rücken. Eine Ratte, ein Lemur?

Karla: Weder noch, Jonas. Eine alte Bekannte.

Jonas: Karla! Wie ich mich freue, Sie wieder zu sehen.

Karla: Das glaub ich Ihnen. So, Sie sind frei, Jonas. Eine Hand wäscht die andere.

Sam: Alter Toilettenspruch.

Karla: Bis zum nächsten Mal.

Jonas: Danke Karla.

Jonas: Weg war sie, das war ihr Stil, sie ging ihre eigenen Wege, allein. Jonas stand auf, griff sich den Wagen mit Korf, die Ratten waren noch ein Stück entfernt.

Sam: Links. Links müßt ihr steuern.

Jonas: Halt ein Schrei.

Sam: Die Woge trieb das Boot zu lande und sicher vor die…

Jonas: Schön, daß du dich mal wieder hören läßt, Sammy, jetzt wo alles vorbei ist.

Sam: Vorbei, was heißt vorbei. Los, du Mutter aller Tränentiere, links.

Jonas: Links, hast du nicht vorhin gesagt rechts.

Sam: Ja, vorhin, jetzt links, Abkürzung zum Metroschacht. Gar nichts ist vorbei, du geistiger Trockenschwimmer, wir haben noch ein gar gewaltig Suppenhuhn zu rupfen, mit Genossin Palma Kunkel, ihren zahlreichen Fans auch bekannt als Madam Butterfly. So und jetzt rechts durchs Loch. Vorsichtig, Kopf einziehen, das edle Teil in Gefahr wäre…

Jonas: Wie Sammy es gemacht hat weiß ich nicht, aber als Jonas um die letzte Ecke guckte, stelle er fest, daß er Butterfly den Weg ins Freie abgeschnitten hatte, sie be-wegte sich auf uns zu, langsam rückwärts, meine Schrotflinte im Anschlag. Die Rat-ten hielten sich weit zurück, gut so, ich ließ den Wagen stehen, Korf schlief gerade mal wieder. Auch gut. Ich nahm Sam aus der Tasche und setzte ihn auf den Boden.

Sam: Was liegt an Chef?

Jonas: Kleines Ablenkungsmanöver, Sam. Du rollst zurück, ganz leise, bist du Madam erreicht hast, dann fährst du ihr über die Zehen und machst.

Sam: Piep.

Jonas: Genau so Sam, sie hält dich für eine Ratte, kriegt einen Schreck.

Sam: Und den Rest erledigen eure Gewalttätigkeit auf gewohnt handgreifliche Manier. Haha. Ist recht. Verlassen Sie Ihnen voll und ganz auf mir, wie der Professor für Sprachwissenschaft sagte. Piep. Piep. Piep…

Palma: Ih eine Ratte.

Sam: Mit so nem langen Schwanz.

Jonas: Es klappte. Einen Moment paßte Butterfly nicht auf, Jonas stand hinter ihr und legte ihr die Hände um den Hals. Sie war zu überrascht um sich zu wehren, und als sie’s dann doch versuchte, ging ihr die Luft aus, ich nahm ihr die Schwerter weg und warf sie weit zurück in den Gang, dann ließ ich sie fallen, ging zu Korf und wartete, mit schußbereiter Schrotflinte, bis sie zu sich kam.

Palma: Was was ist.

Jonas: Hier bin ich Butterfly, stehen Sie auf, schneller.

Palma: Hören Sie Jonas…

Jonas: Und jetzt laufen Sie, andere Richtung, zurück, so ist es gut, da hinten liegen ihr Schwerter, wenn Sie sich beeilen, sind Sie vor den Ratten da. Sie wollten doch kämpfen und heroisch untergehen. Schneller.

Palma: Hei.

Jonas: Viel Glück mein kleiner Samurai.

Jonas: Ich ging nicht an der Metrostation raus und natürlich auch nicht durch den Keller im Heim, Jonas kennt noch mehr Ausgänge aus der Unterwelt. Es war nicht leicht, Korf nach oben zu bugsieren und ihn durchs nächtliche Reservat ins stille Westend zu schaffen, zu dem exklusiven Pflegeheim, das Sammy ausgekuckt hatte, da lieferte ich ihn ab, meinen entfernten Großonkel, falscher Name, falsche Identität, falsche Daten in allen relevanten Systemen, darum kümmerte sich Sam, das kann er, das ist seine Spezialität. Das Pflegegeld besorgte er auch.

Sam: 6000 Euros pro Monat, Herr Oberfinanzdirektor, für 10 Jahre im Voraus.

Jonas: Moment Sammy. 6000 mal 12, das macht äh…

Sam: Schone deine kleinen grauen Zellen, Monami, denn du hast derer nicht viele. Doppelpunkt: 720.000.

Jonas: 720.000 Euros.

Sam: Ja, überwiesen und quittiert, alles in Butter.

Jonas: Wo hast du denn so viel Geld her.

Sam: Ja vom Konto der WORF, poetische Gerechtigkeit nennt solches der Gebildete.

Jonas: Kennst du den Code.

Sam: Ach Gott. Sowas nimmt man mit, für alle Fälle, wenn man beispielsweise Gelegenheit hat in einem gewissen E-Lieferwagen das Datensystem einer gewissen Partei gewissermaßen von hinten aufzureufeln. Comri Missio.

Jonas: Und wenn die rauskriegen, wo ihr Geld geblieben ist.

Sam: Nein nein, nein, keine Panik auf der Andrea Doria. Sammy hat alle Spuren bestens verlappt, er meint, verwischt.

Jonas: Wenn das so ist, Sammy, dann hol mir doch auch gleich mein Honorar vom Parteikonto. Ich glaub nicht, daß die mir das freiwillig überweisen.

Sam: Ja das mach mer Alter, sollst auch net leben wie ein Hund.

Jonas: Aber diesmal mußte Sammy passen, ausnahmsweise. Was war passiert. Die Partei hatte sehr schnell gemerkt, daß ein Unbefugter Unbekannter einen Haufen Geld von ihrem Konto abgezockt hatte und sofort den Code geändert. So ging’s also nicht, aber vielleicht anders. Jonas ließ sich mit Saladina Sack verbinden und verlangte sein Geld.

Sack: Gestatten Sie daß ich lächle, Herr Jonas. Wo ist Korf?

Jonas: Wo Sie ihn nie finden, Frau Sack, ich hab ihn versteckt, gut versteckt.

Sack: So. Was ist mit Palma Kunkel?

Jonas: Unten geblieben.

Sack: Ah ein Vorschlag Herr Jonas liefern Sie uns Korf dann kriegen Sie ihr Honorar.

Jonas: Hm. Ein Gegenvorschlag, Frau Sack, wenn Sie nicht zahlen, liefere ich Korf an die nächste große Holostation.

Sack: Das werden Sie nicht tun.

Jonas: Wollen Sie’s darauf ankommen lassen.

Sack: Sie kriegen Ihr Geld, Herr Jonas, aber keine viertel Million, das ist nicht drin, 10.000 Euros wie ursprünglich vereinbart. Guten Tag.

Jonas: Immerhin. Wie heißt er jetzt unser Freund Korf?

Sam: Rabe, Ralf Rabe.

Jonas: Merkwürdiger Name. Morgenstern.

Sam: Korrekt, euer Ehren. Der Rabe Ralf ruft schaurig rah, das End ist da, das End ist da. Und nun kommt Sammy mit Tari tari taralalla.

Das war Unterwelt. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Kornelia Boje, Susanne Schwalm, Hans Jürgen Silbermann, Hans Stetter und andere (Petra Bischof, Erwin Weigel, Werner Klein, Ursula Rehm). Ton und Technik: Daniela Röder und Günter Heß. Assistenz: Holger Buck. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 1995. Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Blackout

Jonas: Ich wachte auf. Wie jeden Morgen. Soweit nichts Besonderes. Aber wenn ich aufwache, liege ich im Bett. Normalerweise. Diesmal nicht. Diesmal lag ich im Eingang eines Hauses. An einer Straße. War ich schon mal auf der Straße aufgewacht? Ich konnte mich nicht erinnern. Ich konnte mich an nichts erinnern. An gar nichts. Ich richtete mich auf, kam auf die Beine, sah mich um. Viele Fahrzeuge auf der Straße. Und Menschen. Menschen über Menschen. Alle in Bewegung. Eifrig. Zielstrebig. Leicht verblödet. Ich stand nur da. Nicht eifrig. Auch nicht zielstrebig. Aber verblödet. Nicht nur leicht. Völlig. Total. Ich wußte nichts mehr. Ich wußte nicht, wo ich war. Nicht, wie ich hergekommen war. Und vor allem nicht, wer ich war. In meinen Kopf gab es nichts als Nebel. Der Nebel fing an, sich zu lichten. Langsam, sehr langsam. Mir fiel was ein: Ich war Jonas. Nur Jonas. Frage: Wer war Jonas? Ich erkannte das Haus, vor dem ich stand. Hier wohnte Jonas. Ich ging rein. Am Lift hing ein Schild: Vorübergehend außer Betrieb. Der Lift war kaputt. Wie immer, fiel mir ein. Also Treppensteigen. Viele Treppen. Bis zum 16. Stock. Dann durch einen dunklen Gang. Zu einer Tür mit Messingschild. Jonas, stand drauf, nur Jonas. Ich griff in die Tasche. Ich holte ganz selbstverständlich einen altmodischen Schlüssel raus. Und gar nicht selbstverständlich einen Zettel. Darauf stand geschrieben: “Sie sind Jonas. Nur Jonas. Der letzte Detektiv. Sie sind in Lebensgefahr. Tauchen Sie unter!” Ich schüttelte den Kopf, und steckte den Schlüssel ins altmodische Türschloß.

Sam: Wohin bist du entschwunden? Du gingst hinfort, und niemals kehrst du wieder. Lieb war er mir, und wert und teuer. Auch wenn er unter uns gesagt ein Hohlkopf war, eine mentale Schlaftablette, ein veralteter Biobrain, kurz: nur ein Mensch, ja sei’s drum. Er war ein Mensch, nehmt alles nur in allem. Wann werden wir wohl seinesgleichen sehen? O nie, o nimmer, o nimmermehr. Schultz, äh schluchzt.

Jonas: Der Radau in meinem Büroapartment war Sam. Das wußte ich. Aber ich wußte nicht, wer oder was Sam war.

Sam: Na wer schon? Dein allzeit getreues Computerlein, bis dato verwaist und verlassen, doch nunmehr, Hosianna, Halleluja, Holldriadiö, ist er zurück, der Jonas, der letzte Detektiv, der meinige. Sammy ist wiederum bevatert, bemuttert, beonkelt, betantet, beschwiegermuttert, betütelt.

Jonas: Ruhe.

Jonas: Richtig.

Sam: Ja.

Jonas: Sam war mein Computer. Ein gewaltiger Quassler vor dem Herrn. Ein kleiner Blechkasten auf Rädern. Unentbehrlicher Begleiter und Ratgeber. Warum war er nicht in meiner Tasche? Und was war überhaupt los mit Jonas? Woher der Nebel in meinem Kopf? Die Löcher in meinem Gedächtnis? Ich wußte es nicht. Doch wozu hat der Mensch einen Computer?

Jonas: Was ist passiert, Sam?

Sam: Hinfort ging er, mein Jonas.

Jonas: Wann?

Sam: Am Tage vor diesem.

Jonas: Gestern?

Sam: Präzis am 4. Julei anno 2014, da die Walduhr, Korrektur, da die alte Wanduhr schlug die 14. Stunde, die 5. Minute, die 16. Sekunde.

Jonas: Gestern, 5 nach zwei, da habe ich das Haus verlassen. Allein.

Sam: Zur Gänze, Maestro, will sagen, ohne Sam. Von wegen dem vorausgegangenen Stromausfall und dem aus dem selben resultierenden mangelhaften Ladezustand von dero Hoheit ergebendsten Computer. Denn merke: Kommt nicht Saft aus Dose, geht Sams Kraft in die Hose, hahahahaha.

Jonas: Bleib bei der Sache, Sam, ich bin also weggegangen, und dann?

Sam: Ja, dann verging die Zeit. Der elektrische Strom kehrte wieder, doch wer nicht zurückkam, war mein Herr und Meister. Samwat und noit, mit aller letzter Kraft rollte er zur Steckdose und sprach: Einmal volltanken, Chef, und wenn Sie schon dabei sind, können Sie auch gleich die Scheiben waschen.

Jonas: Scheiben? Was für Scheiben?

Sam: Eine Assoziation, Sir. Eine Reminiszenz aus der dunklen Ära des Verbrennungsmotors.

Jonas: Bleib in der Spur, Sammy. Weiter.

Sam: Weiber, jawoll, äh, weiter, jawohl. Es wurde abend. Es wurde Nacht. Kein Mensch. Kein Jonas. Sam raufte sich die Haare.

Jonas: Du hast keine Haare, Sammy.

Sam: Zu Befehl, keine Haare. Überall hat Sammy nachgefragt. Alle relevanten Dateien hat er durchgecheckt. Puzileistationen, Krankenhäuser, Irrengestalt äh Anstalten, und gar, pfui Teifel, Leichenschauhäuser.

Jonas: Sehr umsichtig, Sam.

Sam: Ja, es war alles umsunst. Denn welch Glück erlebet er, erlebet er, erlebt net alle Tage.

Jonas: Mehr oder weniger.

Sam: Doch wie schaut er aus, mein Jonas? Bläßlich, grünlich, gelblich, so recht käsig chinesig. Und was hat er denn da am Kopf?

Jonas: Ja was hab ich denn da am Kopf? Au!

Sam: Druckstellen an der Denkerstirne. An den grauen Schläfen. Am edlen Hinterkopfe desgleichen, hmh?

Jonas: Au, ja, da auch.

Sam: Aha, am Kopf Druckstellen von angesetzten Elektroden, ferner Lücken im Gedächtnis, Sam schwant was, aha.

Jonas: Ach ja?

Sam: Schwanensee. Ein Wort nur: Memoryklau.

Jonas: Memoryklau? Was ist das?

Sam: Das wissen gnädiges Fräulein nicht?

Jonas: Nie gehört, Sam, oder vielleicht doch?

Sam: Es schellt das Fon, nun nimms doch schon.

Jonas: Jonas, nur Jonas.

Jasmin Lamour: Sie sind zurück? Gut. Was haben Sie erreicht?

Jonas: Auf dem kleinen Fonbildschirm erschien eine wunderschöne Frau. Wie Venus in der Muschel. Nur daß die Anruferin was anhatte. Sehr schick sah sie aus, sehr sexy. Ich kannte sie nicht, aber ich hätte sie gern gekannt. Bei ihr war’s anders. Sie kannte mich. Und ich kannte sie, sagte sie.

Jasmin Lamour: Aber natürlich kennen Sie mich, Herr Jonas. Jasmin Lamour. Gestern war ich bei Ihnen.

Jonas: Wenn Sie meinen. Und worum ging’s?

Jasmin Lamour: Um meinen plötzlichen Gedächtnisverlust. Den sollten Sie aufklären.

Jonas: Gedächtnisverlust? Wann waren Sie hier?

Jasmin Lamour: Gestern, kurz nach 12.

Sam: War sie, Kampel. Sammy ist Zeuge. Na, immer noch Mattscheibe? Dann horch mal zu und paß schön Obacht.

Jonas: Sie erzählten mir, was gestern mittag bei mir abgelaufen war. Mit vereinten Kräften. Sam und die schöne Frau im Fon. Jasmin Lamour. Ihren Namen hatte sie noch gewußt. Und ihren Beruf. Kriegsreporterin in der Drittwelt. Ansonsten Fehlanzeige. Löcher im Gedächtnis. Lücken im Hirn. Und Druckstellen am Schädel. Sieh mal an.

Sam: Alles klar, Gnädigste wurden angezapft.

Jonas: Sehr wahrscheinlich. Ihr Verband am rechten Knie, Frau Lamour, sieht neu aus.

Sam: Unprofessionell.

Jasmin Lamour: Nur eine Hautabschürfung. Ich hatte einen kleinen Unfall. Ich bin gestürzt. Auf der Straße.

Jonas: Das wissen Sie also noch.

Jasmin Lamour: Ja, vorgestern, am van-Dusen-Platz, und dann…

Jonas: Ja?

Jasmin Lamour: Nichts mehr. Mehr weiß ich nicht.

Jonas: Hat man Sie in ein Krankenhaus gebracht?

Jasmin Lamour: Ich weiß es nicht.

Jonas: Der Verband sieht ganz danach aus. Sam?

Sam: Schon da, Gevatter. Piep. Im Bereich van-Dusen-Platz nur ein einziges Krankenhaus. Professor-Sauerbier-Klinik. Schwerpunkt Neurologie.

Jonas: Na so was.

Sam: In Patientendatei keine Jasmin Lamour.

Jonas: Hätte mich auch gewundert. Die hinterlassen keine Spuren im Netz.

Jasmin Lamour: Die?

Jonas: Memoryklauer. Sagt Ihnen nichts, Frau Lamour?

Jasmin Lamour: Nein.

Jonas: Erklär’s ihr, Sammy. Kurz und knapp, wenn ich bitten darf.

Sam: Bitte sehr, bitte gleich, bitte kurz, bitte knapp. Hhrmhrm, meine Daumen und Hirn, Korrektur, meine Damen und Herren, liebe Kleinkinder, hochgeschätzte Festversammlung, wir haben uns hier zusammengefunden…

Jonas: Sam!

Sam: OK OK, OK OK, also, die illegale Entnahme individueller Gedächtnissegmente zwecks kommerzieller Verwertung, vulgo Memoryklau, stellt eine neuartige Aktivität gewisser mit technischem Know-how, krimineller Energie sowie ausgeprägtem Gewinnstreben ausgestatteter Mitbürger dar. Die Prozedur ist folgende: Das Gedächtnis von Menschen mit ungewöhnlichen Berufen und/oder Biographien wird gesichtet, besonders interessante Erlebnisse werden entnommen, elektronisch aufbereitet und in CD-Form verkauft, an Menschen, die nicht den Mut oder die Voraussetzung aufweisen, selbst ein außergewöhnliches Leben zu führen, und denen die übliche Kompensation mittels virtueller Realität zu langweilig ist. Dank Memoryklau erwerben diese Menschen Pseudo-Erinnerungen, die ihnen jedoch durchaus konkret real gelebt erscheinen. Die Opfer bleiben mit entsprechenden Gedächtnislücken zurück. Das Abzapfen von Memory ist teuer und aufwendig, man benötigt hierzu komplizierte neurologische Apparaturen, wie sie sich nur in gutausgestatteten Kliniken finden.

Jasmin Lamour: Ich verstehe. Was hat ihr Computer?

Sam: Total geschafft, hab keinen Saft.

Jonas: Ich kann ihn nicht aufladen, wegen Stromausfall. Fertig, Sam?

Sam: …Einspielen von Memory-CDs unaufwendig, über Spezial… modul… Ende der Durchsage.

Jonas: Danke, Sammy.

Sam: Bitte.

Jasmin Lamour: Und Sie glauben, Herr Jonas, daß mir so etwas zugestoßen ist.

Jonas: Todsicher. Ist doch ein hochinteressanter Beruf, Kriegsreporterin in der Drittwelt. Massaker, Greueltaten am laufenden Band. Ich kümmere mich um Ihren Fall, Frau Lamour, für 120 Euros pro Tag und Spesen.

Jasmin Lamour: In Ordnung. Ich rufe Sie morgen an.

Jonas: Laserstrahler nicht geladen, Neurofreezer auch leer. Nehm ich also die gute alte Smith & Wesson.

Sam: Was hast…

Jonas: Was ich vorhabe? Ich sehe mir dieses Krankenhaus mal an, die Professor-Sauerbierklinik.

Sam: Nimm mich…

Jonas: In deinem Zustand? Du bleibst schön hier, und wenn’s wieder Strom gibt, lädst du dich auf, OK?

Sam: Oh…

Jonas: Das war gestern. Laut Sam und Jasmin Lamour. Und heute? Heute kuckte Jonas blöd aus der Wäsche. Und konnte sich nicht erinnern.

Jasmin Lamour: Was geschah in der Klinik, Herr Jonas?

Jonas: Weiß ich nicht.

Sam: Euer Gnaden Smith & Wesson?

Jonas: Hab ich nicht mehr.

Sam: Warum nicht?

Jasmin Lamour: Man hat Ihnen also auch das Gedächtnis gestohlen. Wie mir. Wissen Sie was, Herr Jonas, wir tun uns zusammen. In einer Stunde bin ich bei Ihnen.

Jonas: Jonas war’s recht. Sehr recht sogar. Ich wollte mein Gedächtnis zurück. So schnell wie möglich. Und Jasmin Lamour gefiel mir. Ihr Name fing mit J an, ein gutes Omen. Ich wartete auf sie. Und ließ Sam solange überprüfen, was in meinem Gedächtnis fehlte. Das war gar nicht so viel, meinte er.

Sam: Lediglich einige wenige ihrer verehelichen Fälle, o Sherlock Holmes des 21. Jahrhunderts.

Jonas: Wieviel?

Sam: Naja, so rund 30 an der Zahl.

Jonas: 30? Und das nennst du wenig?

Sam: Ach wissen Sie, Boss, das Leben geht weiter.

Jonas: Ich sag dir was, Sammy. Ein Detektiv, der sich an seine interessantesten Fälle nicht erinnern kann, der ist keiner.

Sam: Na und? Bist du eben nicht mehr Jonas, der letzte Detektiv. Bist du nur noch Jonas, der letzte. Hahahahaha!

Jonas: Halt die Klappe.

Sam: Horch was kommt von draußen rein, hollabi, hollabu.

Jonas: Frau Lamour, nehme ich an.

Sam: Ah so.

Jonas: Herein!

Sam: Was?

Jonas: Es war nicht Jasmin Lamour. Es war ein junger Mann, in altmodischem Business Outfit. Nadelstreifen, Krawatte, Aktenkoffer. Versicherungsvertreter?

Killer: Keineswegs, Herr Jonas. Sie sind doch Herr Jonas?

Jonas: Und wenn?

Killer: Dann hätt ich was für Sie. Falls Sie daran interessiert sind, Ihr Gedächtnis zurückzuerhalten. Sind Sie das, Herr Jonas?

Jonas: Aber sicher.

Sam: Fürsicht, Meister, denn siehe, sprach Zara Leander.

Jonas: Sei still, Sam.

Killer: Sehen Sie, Herr Jonas, hier in meinem Aktenkoffer, habe ich Ihre ganz spezielle individuelle Memory-CD, Sie brauchen sie nur über ein Modul in Ihr Hirn einzuspielen.

Sam: Achtung, er hat eine Waffe! A-ü-a-ah, a-ü-a-ah, a-ü-a-ah, a-ü-a-ah…

Jonas: Eine Waffe, keine Memory-CD. Eine Kurz-MP von Keckler & Hoch, Typ SW7, er zog sie aus dem Koffer, richtete sie auf Jonas, der reagierte nicht, zu dösig und mitgenommen. Aber da war ja noch Sam. Sam, der Unentbehrliche. Er heulte wie eine Sirene, rollte blitzschnell an, fuhr eine Zange aus, und kniff den Kerl in die linke Wade, direkt über der schwarzen Perlonsocke. Was den erheblich irritierte. Er schoß vorbei. Und bevor er noch mal zielen und abdrücken konnte, hatte ich mich bekrabbelt. Ein kurzer Tritt gegen den Arm, er ließ die MP fallen. Jonas fing sie auf, das veranlaßte ihn, sich zu empfehlen. Schnell, über den Gang, die Treppe runter. Ich ließ ihn laufen.

Sam: Hinterher, du Lahmgesäß. Knips ihn ab, mach ihn tot.

Jonas: Immer mit der Ruhe, Sam. Zum Beißen hab ich dir die Zange eigentlich nicht gekauft.

Sam: So ist’s recht. Sam rettet sein erbärmliches Leben, und er meckert. Und der Typ hat auch noch ganz scheußlich geschmecket. Wüah, richtig widerloch.

Jonas: Du hast keinen Geschmacksinn, Sammy. Was ist los, warum hat der auf mich geschossen?

Sam: Weil das sein Job ist, du Dummie. Weil er zur Todesschwadron gehört. Siehe Outfit, siehe Waffe.

Jonas: Todesschwadron?

Sam: Ach du liebes Gottchen, nicht mal det weeß er noch. Merke: Die Todesschwadron ist die größte und solideste Profikillerfirma in Bab-ysilon. Fall Euroblues. Aber an den können Hochwürden sich ja auch nicht erinnern.

Jonas: Profikiller? Wer hat die auf mich angesetzt, Sam, und warum? – Ja?

Ines Sikorski: Seien Sie vorsichtig. Die Todesschwadron ist hinter Ihnen her.

Jonas: Hab ich gemerkt. Wer sind Sie?

Ines Sikorski: Sie sind Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv. Sie sind in Lebensgefahr. Tauchen Sie unter!

Jonas: Haben Sie mit den Zettel in die Tasche gesteckt?

Ines Sikorski: Tauchen Sie unter!

Jonas: Diesmal kein Bildfon. Der Schirm blieb dunkel. So dunkel wie die ganze Geschichte. Memoryklauer. Profikiller. Und jetzt noch eine geheimnisvolle Warnerin. Wer war sie? Jasmin Lamour?

Jasmin Lamour: Nein, Herr Jonas, ich habe nicht vor zehn Minuten bei Ihnen angerufen. Warum fragen Sie?

Jonas: Nicht so wichtig.

Jasmin Lamour: Was tun wir, Herr Jonas, was schlagen Sie vor?

Jonas: Vielleicht sollte ich noch mal zur Sauerbierklinik.

Sam: Dürfte der niedriggeborene Diener sich erfrechen, einen wohlgemeinten Ratschlag von sich zu geben?

Jonas: Dazu hab ich dich, Sammy, schieß los.

Sam: Da mein Meister sich im Vollbesitz seiner detektivischen und intellektuellen Fähigkeiten befand, besuchte er besagte Klinik zum ersten Male, und dieser Besuch endete mit einem Desaster. Wie wird es ihm, rammdösig und hirngelöchert, wohl bei einer zweiten Visite ergehen, ha?

Jasmin Lamour: Ihr Computer hat recht, Herr Jonas.

Sam: Hab ich immer.

Jonas: Also lassen wir die Klinik. Vorerst. Bis ich mein Gedächtnis wiederhabe.

Jasmin Lamour: Und wo, Herr Jonas, bekommt man Gedächtnisse jeder Art?

Sam: Im Memorycenter.

Jasmin Lamour: Genau.

Sam: Im Reservat.

Jonas: Das Reservat. Ich konnte mich vage erinnern. Im wilden Südosten von Babylon. Seit den Unruhen vor 15 Jahren eine Trümmerlandschaft. Und ein exterritorialer Bezirk. Wo Polizei und Verwaltung nichts zu sagen haben. Wo sich alle festgesetzt hatten, die in Babylon unerwünscht waren. Freaks, Mutanten, Illegale. Wo es Klonfabriken gab. Stimshops. Und das Memorycenter. Ein ehemaliger Supermarkt. Relativ leicht zu erreichen. Gleich hinter der Grenze. Nicht weit vom Gigant-Hotel. Jasmin kam mit. Jonas war einverstanden. Wenn die Erinnerung löchrig wird und die Welt unscharf, dann ist es gut, eine schöne Frau zur Seite zu haben. Außerdem war sie ja auch auf der Suche nach dem verlorenen Gedächtnis.

Verkäuferin: Kriegsreporterin? Tut mir leid. Da hab ich momentan nichts am Lager. So was kommt selten rein und geht schnell wieder raus. Ist ja auch interessant, nicht? Und was sucht der Herr?

Jonas: Privatdetektiv.

Verkäuferin: Detektiv? Sie meinen Kriminalpolizei?

Jonas: Ich meine Privatdetektiv. Privat.

Verkäuferin: Ist schon klar. Nein, haben wir nicht. Seit ich hier arbeite, haben wir noch nie ein Privatdetektiv-Memory gehabt. Noch nie. Und wenn…

Jonas: Und wenn ich in den nächsten Tagen noch mal vorbeikomme, vielleicht kriegen Sie ja inzwischen was rein.

Verkäuferin: Wenn wir was kriegen, dann haben wir schon eine Vorbestellung. Von einem Kunden, der alles kaufen will, was irgendwie mit Privatdetektiven zu tun hat.

Jonas: Wer ist das? Wie heißt er?

Verkäuferin: Bedaure. Keine Namen, keine Auskünfte. Geschäftsprinzip. Tja, wäre die Dame vielleicht interessiert an einer Wärterin im Frauengefängnis, oder an einer mesopotamischen Foltermagd?

Jasmin Lamour: Ganz bestimmt nicht.

Verkäuferin: Nun ja, ist ja auch nicht jederfraus Sache. Und der Herr? Verunglückter Astronaut? Marskolonist? Oder Haremswächter im Sonderangebot?

Jonas: Danke.

Verkäuferin: Fragen Sie ruhig mal wieder nach.

Jonas: Im Memorycenter also Fehlanzeige. Was jetzt? Erst mal raus aus dem Reservat. So schnell es ging. Das war nicht sehr schnell. Wegen Jasmin. Sie hatte Probleme mit ihrem Knie. Die Hautabschürfung. Der Unfall von neulich. Ab und zu mußte sie Pausen einlegen.

Jonas: Soll ich Sie tragen?

Jasmin Lamour: Nicht doch, es geht schon. Ich bin gleich soweit.

Sam: Achtung, Achtung! Auffälliger Luftverkehr. Helikopter aus Richtung Giganthotel.

Jonas: Geht uns nichts an, Sammy.

Sam: Ja, das glaubst du, mein unschuldsvoller Engel. Remember the Alamo. Will sagen: Fall Eurodschungel.

Jonas: Euro… was?

Sam: Ach, vergessen natürlich. Dann spitz mal deine Lauscher, ja? Helikopter über Reservat bedeutet Gefahr, ganz besonders, wenn er in unsere Richtung fliegt und seinen Suchscheinwerfer eingeschaltet hat.

Jonas: Vielleicht hast du recht, Sam.

Sam: Hab ich immer.

Jonas: Jasmin, gehen Sie in Deckung!

Jonas: Der Scheinwerfer hatte uns erfaßt. Wer immer im Helikopter saß, fing an zu schießen. Auf uns. Ziegelsplitter flogen durch die Luft. Jonas hockte hinter einem Geröllhaufen. Und schoß zurück. Mit der Keckler & Hoch, die er sich eingesteckt hatte. Für alle Fälle. Glas klirrte, der Scheinwerfer ging aus. Gut so. Ich griff mir Jasmin und zog sie ins untere Geschoß einer Hochhausruine. Keine Sekunde zu früh. Der Helikopter knipste einen zweiten Scheinwerfer an, und landete. Knapp 100 Meter entfernt. Drei, vier, fünf Figuren sprangen raus. City-Anzüge, Aktenkoffer, MP’s. Sie wußten, wo wir steckten, arbeiteten sich vor. Und schossen. Fünf Todesschwadronöre gegen einen Jonas. Unfair.

Jonas: Lange kann ich sie nicht aufhalten. Laß dir was einfallen, Sam!

Sam: Ja wie denn, wo denn, was denn? Ist Sam ein Magier? Eine Wundertüte? Hä? Wächst ihm ein Kornfeld auf der flachen Hand?

Jasmin Lamour: Kornfeld wäre nicht schlecht, da könnten wir uns verstecken.

Mutant: Meine Dame, mein Herr, seien Sie gegrüßt. Welche Freude, daß Sie meine bescheidene Behausung mit Ihrem hohen Besuch beehren.

Jasmin Lamour: Wer was das?

Jonas: Wo war das?

Sam: Da hinten, wo`s ganz dunkel ist.

Jasmin Lamour: Da leuchtet was.

Sam: Ja ja.

Jonas: Drei rote Augen. Eins über den beiden anderen. Ein Dreieck. Ein Warnschild. Dann trat der Sprecher ins Helle. Die Sprecherin. Das Sprecher. Ein nacktes Neutrum. Hellgrün, haarlos, und dreiäugig. Ein Mutant. Kein erfreulicher Anblick. Dennoch hochwillkommen. Wer in der Scheiße sitzt, greift nach jedem Strohhalm. Und nach jedem Mutanten.

Mutant: Wie es scheint, gibt es gewisse Probleme zwischen Ihnen und den Herrschaften dort draußen.

Jonas: So kann man’s auch sagen. Die wollen uns umbringen.

Mutant: Wie unhöflich.

Jonas: Können Sie uns helfen?

Mutant: Nun, einerseits widerstrebt es mir zutiefst, mich in die Auseinandersetzungen mir unbekannter einzumischen, doch kann ich es andererseits keinesfalls zulassen, daß meine Besucher in meinem Salon gemeuchelt werden. Haben Sie die Güte, mir zu folgen.

Jasmin Lamour: Wohin?

Mutant: Zum Dienstboten- und Lieferanteneingang, zur Hintertür, wenn Sie so wollen. Bitte sich ein wenig zu sputen. Die Zeit drängt, und eine gewisse Beschleunigung wäre durchaus nicht unangebracht.

Jasmin Lamour: Ich kann nicht laufen. Mein Bein.

Jonas: Ich nehme Sie huckepack, Jasmin, steigen Sie auf. Halten Sie sich gut fest.

Sam: Ich steig auch auf.

Jonas: Es ging nach hinten, ins Dunkle. Was den Mutanten nicht störte, er hatte Leuchtaugen. Durch eine Falltür nach unten, in den Keller. Noch eine Falltür, darunter ein tiefer Schacht, am Rand rostige Metallklammern. Als der Schacht zu Ende war, weiter in der Horizontalen. Ein niedriger Gang aus roten Ziegeln. Hier roch es nicht gut.

Sam: Ein alter Abwasserkanal. Fall Unterwelt, weißt du doch, Jonas mein.

Jonas: Weiß ich nicht, Sam, weißt du doch.

Sam: Tschuldigung. Da ist olle Sam mal wieder voll in den Fettnapf gelatscht.

Jasmin Lamour: Werden Sie uns verfolgen?

Mutant: Die unerquicklichen Herren mit den Maschinenpistolen? Ich wage es zu bezweifeln, meine Dame. Dazu dürfte es ihnen denn doch an Wagemut und Entschlossenheit mangeln. Sie fürchten die Ratten, welche hier unten heimisch sind.

Sam: Und die Lemuren, die Kannibalen.

Mutant: Mag sein.

Jonas: Jasmin hatte sich erholt. Sie konnte wieder laufen. Was Jonas das Leben leichter machte. Auch wenn er sich noch immer nicht erinnern konnte. Dafür war Sam da. Und für die zusätzliche Beleuchtung. Im Schein seines Lichtstrahls sahen wir, daß der Gang sich vor uns gabelte. Unser Führer wollte nach rechts.

Mutant: Meine Dame, mein Herr, folgen Sie mir.

Sam: Laß ihn laufen, Chef, wir halten uns links. Da geht’s raus.

Mutant: Mitnichten, verehrter Computer, Sie unterliegen einem Irrtum. Der rechte Weg ist rechts.

Sam: Hehe, für dich vielleicht, du nackter Laubfrosch. Nicht für uns. Indem daß es rechts zur Lemurenhöhle geht, direkt Mann in den kannibalistischen Kochkessel. Ja, da sollen wir rein. Genau das hat er vor, unser grasgrüner Freund. Ein sehniger Privatdetektiv und eine dünne Kriegsreporterin, nicht gerade ein üppiger Festschmaus, aber besser als Luft und Liebe, gell, du Kackfrosch.

Mutant: Die ungeheuerliche Unterstellung des verehrten Computers weise ich aufs entschiedenste zurück. Lassen Sie sich nichts einreden, meine Dame, mein Herr, kommen Sie mit mir.

Jonas: Lieber nicht. Sam kenn ich schon lange, und Sie erst seit ein paar Minuten. Nichts für ungut. Vielen Dank für Rattung und Führung, aber unsere Wege trennen sich, so long.

Jonas: Der Mutant verzog sich, muffig und mürrisch. Wir steuerten links, das war gut. Nach etwa 300 Metern ging’s raus, durch einen Gully auf eine dunkle Straße. Irgendwo im babylonischen Osten. Verrammelte Häuser, finster, abweisend. Dazwischen altmodische blaue Neonbuchstaben: Zum Wasserloch. Eine Kneipe. Synth-Whiskey und Soja-Kaff. Genau das, was wir brauchten.

Jasmin Lamour: Kein Soja-Kaff.

Jonas: Kein Whiskey, nur Strohrum.

Sam: Aus dem Automaten. Buwäh, pfui Spinne und Spurgel.

Jonas: Nicht gerade üppig, aber besser als Luft und Liebe, oder Sam?

Sam: Ah, Sam kennt nicht die Liebe, Sam trinkt nur Maschinenöl.

Jonas: Auch nicht viel schlimmer als dieser Rum. Ihr Wohl, Jasmin.

Jasmin Lamour: Mögen wir bald wieder in Besitz unserer Erinnerung sein.

Holo: In der heutigen Ausgabe unserer Talkshow Nichts geht über dich…

Jonas: Wenn wir auch noch keine Ahnung haben, wie wir das anstellen sollen.

Holo: Besondere Menschen, besondere Schicksale, begrüßen wir als Gast Herrn.

Janus: Janos. Nur Janos.

Holo: Herrn Janos, den letzten Detektiv.

Sam: Ruhe! Seid doch mal still, Leute.

Holo: Herr Janos wird uns von seiner Arbeit erzählen…

Jonas: Was ist denn in dich gefahren, Sam?

Holo: Seinen Abenteuern, seinen interessantesten Fällen.

Sam: Da, im Holo, hört doch mal, kuckt doch mal!

Holo: Die spielen nicht alle in Babylon.

Jasmin Lamour: Ach, Ihr Computer nervt, Jonas, schalten Sie ihn ab.

Jonas: Augenblick mal.

Janos: Sehr richtig. Da war ich zum Beispiel, das muß jetzt so ungefähr dreieinhalb Jahre her sein, im wilden Kusbekistan, eine richtige Todestour, das kann ich Ihnen sagen. Oder die Sache mit dem Schlachthaus in Costaguana, Südamerika, wissen Sie, und…
Holo: Was war denn Ihr bisher aufregendster Fall, Herr Janos?

Janos: Ach, das ist eine schwierige Frage. Eigentlich waren sie alle aufregend. Alle meine 32 Fälle.

Holo: Nennen Sie uns doch einfach einen oder zwei.

Janos: Megastar vielleicht, oder mein Trip in die Strafkolonie, Inselklau, Westfront, Kopfjäger…

Holo: Gleich können Sie uns mehr erzählen, Herr Janos.

Sam: Alles Jonas-Fälle, alles Jonas-Fälle.

Jonas: Glaub ich dir aufs Wort, Sam.

Holo: Jetzt machen wir ein bißchen Musik, mit den swingenden Lords, und dann… bleiben Sie dran.

Sam: Der hat sie geklaut und geht damit im Holo hausieren, dieser…

Jonas: Janos.

Sam: Nein, so heißt er nicht, ganz bestimmt nicht, Janos, nur Janos, der letzte Detektiv. Alles geklaut, alles Pseudo.

Jonas: Dieser sogenannte Janos hat also jetzt meine Erinnerungen. Vermutlich ist er auch der Kunde im Memorycenter, der sich so für Privatdetektive interessiert. Findest du, daß er mir ähnlich sieht, Sam?

Sam: Naja, beim genauen Hinsehen kommt er mir irgendwie bekannt vor.

Jasmin Lamour: Überhaupt nicht. Sie sehen viel besser aus, Jonas.

Jonas: Danke. Wir sollten uns diesen Hochstapler vorknöpfen.

Sam: Indeed, Sir, and how? Haben Herr Meisterdetektiv already einen Meisterplan?

Jonas: Über die Holostation. Wir gehen hin, kriegen raus wie der Kerl wirklich heißt, wo er wohnt.

Jasmin Lamour: Wäre es nicht besser in der Professor-Sauerbierklinik?

Jonas: Das hat Zeit, Jasmin. Erst zu Network.

Jasmin Lamour: Aber doch nicht sofort, Jonas.

Sam: Hört, hört, wo Sie recht hat, hat sie recht. Nichts überstürzen, sagt der weise Bosequo. Immer mit der Ruhe, eins nach dem anderen, und eine nach der anderen.

Jonas: Eile mit Weile, was du heute kannst besorgen, nein, nein, das paßt nicht.

Sam: Ja, find ich auch. Vorschlag zur Güte. Suchen wir zunächst euer Gnaden feudalen Palazzo auf, zwecks Aufrüstung: Neurofreezer und Laserstrahler dürften inzwischen wieder voll geladen sein. Und dann sollen sie nur kommen, Todesschwadronen, Memoryklauer, falsche Detektive. Wir werden ihnen den Marsch blasen.

Jonas: Darauf einen Strohrum.

Sam: Davon wird man strohdumm.

Jonas: Vor der Tür zu meinem Büroapartment stand eine Frau. Nicht ganz so schön wie Jasmin, nicht ganz so schlank, nicht ganz so jung, aber doch sehr ansehnlich. Sie wartete auf Jonas.

Ines: Ich brauche dringend einen Detektiv, weil ich nämlich ganz plötzlich mein Gedächtnis verloren habe.

Jonas: Sie auch, das ist ja eine richtige Epidemie.

Ines: Darf ich eintreten?

Jonas: Wollen wir sie reinlassen, Sam?

Sam: Sie ist es, Genosse.

Jonas: Sie ist wer?

Sam: Die mysteriöse Warnerin am Fon.

Jonas: Die mit dem Zettel. Bist du sicher, Sam?

Sam: Ach, hat Sam ein voll integriertes holografisches Vox-Ident-Programm oder hat er nicht, oder wie oder was oder doch?

Jonas: Er hat. Das Programm. Und recht hat er sowieso. Der Fall wurde immer undurchsichtiger. Ich bot der Besucherin meinen Schreibtischstuhl an, auf dem Kundensessel hatte Jasmin Platz genommen. Die beiden Frauen musterten sich flüchtig. Sie kannten sich. Überraschung.

Jasmin Lamour: Was fällt Ihnen ein, Ines? Hab ich Ihnen gesagt, Sie sollen hierherkommen?

Ines: Nein, Dr. Lamour, aber.

Jasmin Lamour: Sie wollen mir nur helfen, nehme ich an. Absolut unnötig. Mit Jonas werde ich ganz allein fertig. Der frißt mir aus der Hand. Aber wo Sie nun schon einmal hier sind, können Sie sich nützlich machen. Hände hoch, Jonas!

Jonas: Jasmin hatte einen kleinen Laserstrahler aus der Tasche gezogen. Ein Spielzeug, aber fast so gefährlich wie die große Ausführung. Vor allem aus nächster Nähe. Jasmin zielte auf Jonas. Der nahm brav die Hände hoch, und wunderte sich.

Jonas: Sie sind auf dem falschen Dampfer, Jasmin. Im Reservat hätten Sie den Laser benutzen sollen, gegen die Todesschwadron, nicht hier, nicht gegen Jonas. Ich bin auf ihrer Seite.

Jasmin Lamour: Wenn Sie sich da nur nicht irren. Ines, er hat eine Waffe, eine Keckler & Hoch, in der Jackentasche, nehmen Sie sie ihm weg. Seien Sie vorsichtig. Eigentlich ist es mir gar nicht recht, daß ich Jonas nun doch selbst erledigen muß, eigenhändig, aber was bleibt mir übrig. Die Todesschwadron hat gleich zweimal versagt, also muß ich ran, reinen Tisch machen. Schließlich haben wir einen eindeutigen Vertrag mit unserem Auftraggeber. Ines, was tun Sie? Weg mit der MP, geben Sie sie mir.

Ines: Nein, Dr. Lamour. Sie drehen Ihren Laser um, und geben ihn Jonas in die Hand. Langsam.

Jasmin Lamour: Sind Sie verrückt geworden?

Ines: Im Gegenteil. Ich bin zu Verstand gekommen. Memoryklau ist eine Sache, aber Mord.

Jasmin Lamour: Jetzt ist mir einiges klar. Sie haben ihn aus der Klinik gelassen.

Ines: Habe ich. Sagen Sie mal, Jonas, gibt’s hier so was wie einen Strick, oder Biofesseln?

Jonas: Der gute Detektiv ist auf alle Eventualitäten vorbereitet. Mehr oder weniger. Jasmin wurde gefesselt. Geknebelt. Auf meinem Bett abgelegt und zugedeckt. Was mit ihr geschehen sollte, würde sich Jonas später überlegen. Vorher mußte er sich sein Gedächtnis zurückholen. Mit Ines Hilfe. Sie war die weiße Dame im Spiel. Bisher war ich blind auf dem Feld herumgeirrt. Ines erklärte mir die Regeln. Und machte mir klar, wer noch mitspielte. Die schwarze Dame zum Beispiel. Alias Dr. Jasmin Lamour. Oberärztin an der Professor-Sauerbierklinik. Neurologische Abteilung. Wo sie sich ein einträgliches Nebengeschäft aufgebaut hatte: Memoryklau. Alles, was sie brauchte, war da. Die Apparate. Interessante Patienten. Und eine tüchtige technische Assistentin. Namens Ines. Ines Sikorski. Das Geschäft lief gut, und reibungslos. Bis eines Tages…

Ines: Bis eines Tages dieser Schellack auftauchte.

Sam: Was für’n Lack? Wenzel R. Schellack?

Ines: Ja, so heißt er.

Sam: Aha, Sam wußte doch, daß er den Kerl kannte.

Jonas: Welchen Kerl, Sammy?

Sam: O Mann, den im Holo, den Janos, den falschen Jonas.

Jonas: Und woher kennst du den, Sam?

Sam: Eieieiei, ihr kennt ihn gleichfalls, Herr Reichsbischof. Doch leider leider wißt ihrs nicht mehr. So lasset euch denn berichten. Wenzel Romuald Schellack ist ein Nichtsnutz, dumm, dußlig, faul und feige. Doch reich, da er geerbt durch seiner Väter Mühen. Indessen…

Jonas: Fasse dich kurz. Sagt der weise Bosequo.

Sam: Ach, der war das? Sam dachte, das war der weise Bosequo?

Jonas: Sam, Schellack.

Sam: Ich heiß nicht Schellack, na ja, aber selbiger sah vor drei Jahren Jonas im Holo. Als unfreiwilligen Star einer großen Privatdetektivoper, hurra, hurra, ja, Sir. Fall Megastar. Nicht erinnerlich, ich weiß schon. So angetan war er vom Geschauten, daß ihn der glühende Wunsch ergriff, selbst und persönlich privat zu detektivieren. Zu detektivfünfen. Oder sagt man zu privatdetektivieren?

Jonas: Weder noch. Er wollte also Privatdetektiv werden dieser Schellack. Und?

Sam: Und? Ja, und so kontaktete er denn Jonas. Nur Jonas, den weithin, wenn nicht gar allseits bekannten und beliebten letzten Detektiv, um diesem, man höre und staune, eine Partnerschaft zu offerieren.

Jonas: Ach, und was hab ich gemacht? Ihn vor die Tür gesetzt?

Sam: Aber achtkantig, ach was, neunkantig, zehnkantig, elfkantig, zwölfkantig, dreizehnkantig…

Jonas: Das war also vor drei Jahren. Jetzt hatte Schellack meine Fälle. Und trat damit im Holo auf. Als Janos, der letzte Detektiv. Wie das, fragte sich Jonas. Und Ines gab ihm Antwort. Schellack hatte sich mit Dr. Lamour in Verbindung gesetzt, der Memoryklauerin, und ihr den Auftrag gegeben, Jonas die interessantesten Fälle aus dem Kopf zu ziehen. Für Schellack. Lamour lockte Jonas in ihre Klinik. Als angebliche Klientin. Betäubte ihn. Entzog ihm seine Erinnerungen. Übertrug sie auf eine Memory-CD. Mit welcher sie sich sogleich zu Schellack begab. Jonas blieb in der Klinik zurück. Gedächtnis- und bewußtlos. Nach ihrer Rückkehr wollte Lamour ihm die Todesspritze setzen. Darauf hatte Schellack bestanden. Er wollte nicht nur der letzte, er wollte auch der einzige Detektiv in Babylon sein. Aber als Lamour wieder in die Klinik kam, war Jonas verschwunden.

Ines: Ich war das, Jonas. Ich habe Sie auf Ihrer Bahre in eine Ambulanz gerollt, und Sie vor Ihrem Haus abgeladen.

Jonas: Mit einem Zettel in der Tasche. Nett von Ihnen, Ines, warum haben Sie mich gerettet?

Ines: Mein Gott, warum? Weil ich bei einem Mord nicht mitmachen wollte, und außerdem sind Sie mir sympathisch. Ihr Job, Ihr Leben, Ihre Art, find ich gut.

Jonas: In Ordnung. Sie war mir auch sympathisch. Sicher, I ist nicht J, aber dicht daneben. Immerhin. Als Lamour zurückkam, stellte Ines sich dumm. Nach ihrem Testanruf am Morgen wußte Lamour, Jonas war in seinem Büroapartment. Sie war verunsichert, und gab den Auftrag, Jonas zu töten weiter, an die Experten von der Todesschwadron.

Jonas: Den Rest kenn ich. Ich bin Ihnen dankbar, Ines.

Ines: Es war mir ein Vergnügen, Jonas.

Jonas: Mein Gedächtnis muß ich mir also von Schellack holen.

Ines: Wenn Sie wollen, komm ich mit.

Sam: Von Schellack holen. Spricht sich leicht, und tut sich schwer. So einfach kann man ihn nicht besuchen, den Herrn Schellack.

Jonas: So? Wo wohnt er denn?

Ines: Schwanensee.

Sam: Na wo im Haus die Feinen pinkeln, na es Korrektur, Korrektur, wo die feinen Pinkel hausen. Zum Bleistift Herr Sesam, Fall Niemandsland. Professor Morell, Fall Westfront. Ex-Holoclown CoCo, Fall Weihnachtsmärchen.

Jonas: Etcetera etcetera, aber warum ist es so schwierig, ihn am Schwanensee zu besuchen?

Sam: Wieweil derselbe nicht am Schwanensee wohnt, wie die genannten Herrschaften, sondern im Schwanensee.

Ines: Auf seiner Yacht. Montecito heißt die.

Sam: Nach Raymond Chandler selig, welch Sakrileg.

Ines: An Bord läßt Schellack nur, wen er sehen will. Nach Voranmeldung.

Sam: Doch bei seinen Macken wäre er zu packen. Schlag nach bei Chandler, bei dem steht was drin, fidldidlbum.

Jonas: Gute Idee. Sam besorgte Schellacks persönliche Fonnummer. Jonas instruierte Ines. Die rief an und sagte, was sie sagen sollte.

Ines: Ihre Nummer hab ich von Network, der Holostation. Sie sind doch der Detektiv Janos?

Janos: Janos, nur Janos, der letzte Detektiv, jawohl, der bin ich.

Ines: Ich brauch nämlich einen. Einen Detektiv. Ganz dringend. Wissen Sie, mein Bruder, der…

Janos: Sagen Sie mir doch erst einmal, wer Sie sind.

Ines: Ach, natürlich. Ich heiße Quest-Wonderly. Mit Bindestrich. Orfamay Quest-Wonderly.

Janos: Wunderbar. Chandler und Hammett. Sie wollen mich engagieren?

Ines: Ja, vielleicht, wenn es nicht zu teuer ist.

Janos: Für Sie umsonst, meine liebe Orfamay Quest-Wonderly. Kommen Sie in mein Büro. Am besten gleich.

Ines: Ja? Ist es nicht zu spät?

Janos: Ein Detektiv ist immer im Dienst. Sie wissen, wie Sie mich erreichen?

Ines: Nein.

Janos: Also, passen Sie auf.

Jonas: Drei Stunden später. Mitternacht. Hell erleuchtete Villen spiegeln sich im dunklen Schwanensee. Ein strahlend weißer Kranz. Genau in der Mitte die Yacht Montecito. Die elektronischen Sicherungen sind abgeschaltet. Eine Besucherin ist bei Schellack. Alias Janos. In dem Büro, das er sich auf der Yacht eingerichtet hat. Neben dem Salon. Im Heck. Unter dem Fenster liegt das Boot, das die Besucherin gebracht hat. Der Ruderknecht zieht die maritime Livree aus, und enthüllt sich als Jonas, im schwarzen Kampfanzug, aus dem antarktischen Krieg. An sich trägt er ein ganzes Arsenal. Laserstrahler, Neurofreezer, Kurz-MP, und Magnetopads, an Händen und Füßen. Damit steigt er die Außenwand der Yacht hoch. Unhörbar. Am Fenster macht er Halt. Und späht in ein Detektivbüro wie aus einem alten Film. Noir. Nostalgisch.

Ines: Verschwunden ist er, mein Bruder Jonas. Und sein Gedächtnis hat er auch noch verloren.

Janos: Jonas? Merkwürdig.

Ines: Helfen Sie mir, Herr Janos. Finden Sie ihn, bitte.

Janos: Beruhigen Sie sich, trinken Sie einen Schluck. Was hältst du von ihr, Sal, und von ihrer Geschichte?

Sal: Höchst unglaubwürdig, Herr, äußerst verdächtig.

Jonas: Na, das ist ja ein Ding, sieh dir das mal an, Sammy. Hier gibt’s nicht nur noch einen letzten Detektiv, hier gibt’s auch noch nen Sam.

Janos: So, und jetzt sagen Sie mir die Wahrheit, Frau Quest-Wonderly, oder wie immer Sie wirklich heißen. Brigid O’Shaughnessy vielleicht? Was wollen Sie von mir? Wer schickt Sie?

Ines: Ich verstehe nicht.

Janos: Reden Sie sich nicht raus. Mein Computer hat Sie entlarvt. Nicht umsonst heißt er Salomo. Kurz Sal.

Jonas: Bruder von dir, Sam.

Sam: Bruder? Hahaha, so was akzeptiert Sam nicht mal als Stiefvetter vierten Grades. Salomo. Ha. Ausschuß. Schrott.

Janos: Da, am Fenster, was war das?

Jonas: Nichts weiter. Nur Jonas. Der letzte Detektiv. Der echte.

Sam: Und Sam, sein Supercomputer. Erzittert, ihr Schurken.

Jonas: Bleiben Sie ganz still stehen, Schellack, sonst muß ich Sie neurofreezen.

Janos: Sal! Tu doch was! Hilf mir!

Sal: Jawoll, Herr, mal sehen, mal überlegen.

Sam: Hahaha.

Jonas: Sal sah fast aus wie Sam. Ein kleiner Blechkasten mit Löchern und Knubbeln. Er lag auf dem altmodischen Holzschreibtisch und gab sich redlich Mühe. Sam rollte um ihn herum. Sal hatte keine Räder und mußte stillhalten. Wir anderen sahen dem Duell der Computer zu. Schellack notgedrungen. Ines und Jonas mit Vergnügen.

Sam: Na los, Kumpel, zeig mal was. Was kannst du eigentlich?

Sal: Sal kann sprechen.

Sam: Sprechen nennst du das? Bei detaillierter Begutachtung der Situation unter Einbeziehung aller relevanter Faktoren ergibt sich unabweisbar folgendes Resultat: In jedem rechten Winkel ist die Summe der dreieckigen Katheter genauso groß wie die Hypothese. Quod erat demonstrandum. Das ist sprechen, mein lieber. Kannst du ein Gedicht aufsagen?

Sal: Ja, Oeia, popeia, was raschelt im Stroh, das sind…

Sam: Gefährlich ist’s, am Wein zu lecken, verderblich ist ein hohler Zahn, jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist ein Mensch, wenn er im Tran. Das ist ein Gedicht. Naja. Kannst du singen?

Sal: Hänschen klein, ging allein…

Sam: Frau Wirtin hat nen Detektiv, der gern in fremden Betten schlief. Er war dort nicht alleine…

Jonas: War ich das, Sam? Hab ich dir Wirtinnenverse beigebracht? Den Sanitätsgefreiten Neumann etwa auch?

Sam: Ein dreifach Hoch, ein dreifach Hoch…

Jonas: Das reicht, Sam.

Sam: He, du, Sal, schlaf nicht ein. Kannst du hexen?

Sal: Hex Hex.

Sam: Abrakadabra, hokus pokus fidibus, Virus, fahr ihm ins Gebein, ja, so und jetzt sag was.

Sal: Salomo der Weise spricht…

Sam: Ein Computer stottert nicht. Kannst du ausländisch? Kannst du inline skaten? Kannst du fiedeln, kannst du stricken, kannst du bosseln, kannst du fidirallala? Kannst du tanzen, Joana. Hat du Möhrchen?

Sal: Au, au, au, au…

Jonas: Durchgeknallt. Totalschaden.

Sam: Acht, neun, aus. Holldriadoö. Sieger durch KO, Computer Samuel, genannt Champion Sam, der Schrecken aller Übeltäter, und ihrer Computer. Danke. Vielen Dank.

Jonas: Und jetzt zu Ihnen, Schellack. Mein Gedächtnis. Geben Sie mir die Memory-CD.

Schellack: Ich kann nicht.

Jonas: So? Das ist ein Laserstrahler, Schellack, der macht Löcher. Durch Ihren Bauch, durch Ihren Kopf. Geben Sie mir die CD.

Schellack: Ich kann nicht. Wirklich nicht. Ich habe sie nach dem Einspielen vernichtet. Damit ich der einzige letzte Detektiv bleibe, was auch passiert. Und das war ein Unikat. Ein absolutes Einzelstück. Darauf hatte ich allergrößten Wert gelegt. Machen Sie, was Sie wollen. Bringen Sie mich um. Ihre Erinnerungen kriegen Sie nie wieder.

Ines: Eine Chance haben Sie noch, Jonas. Von besonders interessanten Memory-CDs zieht Dr. Lamour manchmal Kopien für ihre Privatsammlung.

Jonas: Und wo ist die?

Ines: In ihrem Schrank, in der Klinik.

Jonas: Dann sehen wir doch mal nach.

Ines: Und was machen wir mit Schellack?

Jonas: Den nehmen wir mit.

Schellack: O nein, nicht mit mir, ich bleibe hier, was auch passiert…

Jonas: Neurofreezer. Macht steif und stumm. Für eine gewisse Zeit. Wir brachen auf. Mit dem Boot, ans Ufer. Und weiter in Schellacks feudalem E-Mobil, den Schlüssel hatte er in der Tasche. Sehr aufmerksam. In der Klinik kam Schellack allmählich wieder zu sich. Ines paßte auf ihn auf. Während Jonas die Diskothek der Jasmin Lamour durchsah. Und schließlich seine Memory-CD entdeckte. Heureka, würde Sammy sagen. Halleluja, Hurra. Ich spielte mir die Scheibe ins Hirn. Einige Sekunden Verwirrung, Desorientierung. Dann war Jonas wieder Jonas. Komplett. Mit seinen Fällen. Seinen Erfahrungen. Sogar meine Smith & Wesson fand ich wieder. Auch im Schrank. Das war’s. Fall Blackout abgeschlossen. Augenblick. Noch nicht ganz.

Jonas: Es kann nur einen geben.

Ines: Einen letzten Detektiv.

Jonas: Natürlich. Schellack ist das Problem. Er hat meine Fälle in seinem häßlichen Schädel. Und hält sich für eine Art Jonas. Das geht nicht.

Ines: Man könnte ihm die gestohlenen Erinnerungen abzapfen. Aber das dauert. Kompliziert ist es auch.

Jonas: Und dann? Wir übergeben ihn der Polizei. Er kauft sich los und ist gleich wieder hinter mir her. Und meinem Gedächtnis.

Schellack: Nie wieder. Bestimmt nicht.

Jonas: Ich glaub Ihnen kein Wort, Schellack.

Ines: Und wenn Sie ihn erschießen, Jonas?

Schellack: Nicht doch!

Jonas: Würde Ihnen nur recht geschehen, aber…

Sam: Ein Vorschlag, Chef.

Jonas: Ah, Champion Sam gibt uns die Ehre. Ist dir langweilig? Hast du deinen Triumph genug ausgekostet?

Sam: Wahrlich, geliebte Mitchristen, ist es denn nicht mit den Menschen als wie mit den Computern? Siehe, hier ist ein Mensch, eccel homo, ein Bösewicht, Mord gibt er in Auftrag, geraubte Erinnerungen hortet er in seinem Hirn, und siehe, hier ist ein wohlbestalltes Archiv vielfältigster Memory-CDs. Lasset uns eine Lehre ziehen aus der hochverdienten Abstrafung eines gewissen Computers, Sal war sein unschöner Name, und lasset uns an seinem Herrn des gleichen tun.

Jonas: Du meinst, wir spielen ihm eine Menge Memory-CDs ein, eine nach der andern.

Sam: Bis daß er durchdreht. Amen.

Schellack: Nein.

Sam: Doch doch doch doch doch doch…

Jonas: Doch. Wir schnallten Schellack fest. Und füllten sein Hirn mit Erinnerungen. Was uns gerade in die Finger kam. Zombies. Söldner. Callgirls. Spione. Chirurgen. Testpiloten. Kannibalen. Transsexuelle. Henker. Und so weiter. Bis sein Hirn überlief. Und explodierte. Totale Memoryüberfütterung. Mentaler Kurzschluß. Er hing im Stuhl. Lallte. Sabberte. Stierte vor sich hin. Wie ließen ihn sitzen. – Die Tür zu meinem Büroapartment stand offen. Kein gutes Zeichen. Innen war alles in Ordnung. Nur daß auf meinem Bett eine tote Jasmin Lamour lag. Erschossen.

Ines: Richtig durchsiebt. Soviel Blut.

Sam: Kleckert im Loch.

Jonas: Keckler & Hoch. Die Todesschwadron war hier.

Ines: Und hat die Gestalt auf dem Bett für Sie gehalten, Jonas.

Sam: Apropos Bett. Poetische Gerechtigkeit nennt solches der Gebildete.

Brock: Kripo.

Jonas: Brock?

Brock: Chefinspektor Brock. Wer spricht?

Jonas: Ihr bester Freund und Helfer.

Brock: Jonas! Und dabei hat der Tag so gut angefangen. Was ist?

Jonas: Auf meinem Bett liegt ne Leiche.

Brock: Wieder mal? Wie ist die da hingekommen?

Jonas: Das ist eine lange Geschichte.

Brock: Die werden Sie mir erzählen, Jonas, in allen Einzelheiten. Gleich sind wir bei Ihnen. Rühren Sie sich ja nicht von der Stelle.

Jonas: Lieber nicht. Jonas braucht ne Pause. Jonas muß sich erholen.

Ines: Gehen wir zu mir.

Sam: Ich geh auch zu mir.

Das war Blackout. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv. Von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Diana Körner, Dirk Galuba, Nicola Tiggeler, Jochen Striebeck, Tobias Lelle, Michael Tregor und andere (Christian Buse, Isolde Barth, Ursula Rehm). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Regieassistenz: Holger Buck und Sieghard Fieber. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 1998. Redaktion Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Drachentöter

Stimme: Was trägt die fashionbewußte, zeitgeistige, up-to-date Babylonierin demnächst im Ocean-Park? CamFash zeigt es Ihnen, meine Damen, schauen Sie her, Sie auch, meine Herren, sind unsere Andro-Models nicht eine wahre Augenweide? Es geht los mit Modell Franzi, ein Superbadeanzug im Stil der naughty nineties, provokant hohes Bein, unauffällig eingearbeiteter Wonderbra.

Jonas: 19. Oktober 2014. Kaufhaus Wunderland, Tigrisplatz, Babylon. Camelot Fashions, der größte Textilkonzern in Europa, führte Bade- und Freizeitmode vor. Natürlich Computer-Design, keine Haute Conture, natürlich Androidinnen, keine menschlichen Modells. Großer Andrang, sehr viele Frauen, viele Männer, ein paar Transis, und mitten drin Jonas. Wie das, werden Sie fragen, was sucht der letzte Detektiv auf einer Modenschau? Das kam so: Heute früh kriegte ich eine Air-Mail, über Sam. Sie kennen Sam? Mein kleiner lauter Chaos-Pilot im digitalen Verkehrs-netz. Mein Computer. Ein ganz besonderer Computer. Nicht weil er spricht, das tun viele Computer. Sam quatscht und tönt und schwafelt und nervt, wenn ich ihn lasse.

Sam: Trari trara, die Post ist da. Soeben erreicht uns folgende Air-Mail, adressiert an Jonas, nur Jonas. Piep. 11 Uhr Modenschau, CamFash, Kaufhaus Wunderland, wenn an Auftrag interessiert, kommen. Piep. Ende der Durchsage.

Jonas: Absender?

Sam: Kein Absender. Anonym, Bnonym, Cnonym.

Jonas: Sind wir an einem Auftrag interessiert, Sammy?

Sam: Jajajaja was heißt interessiert, wir brauchen einen Auftrag, dringlichst, Sir, wenn ich Hoheit auf dero ultratrüben Kontostand aufmerksam machen dürfte.

Jonas: Deshalb war ich hier. Aber von einem Auftrag war bisher nichts zu sehen. Rechts von Jonas stand ein Greis, der weniger die Anzüge ansah als die Zwischenräume. Links eine Karrierefrau in Nadelstreifen, Mitte 40, die eifrig in ihren Laptop schrieb. Journalistin?

Canape: Modepublizistin, Herr Jonas. Sie sind doch Herr Jonas?

Jonas: Unter Umständen. Und Sie sind?

Canape: Carmela Canape.

Jonas: Ehrlich?

Canape: Mein Künstlername. Sie kennen doch Auf Carmelas Canape, meine Kolumne in Lifestyle?

Jonas: Kenn ich nicht. Lese ich nicht. Sie wollten mir einen Auftrag geben, Frau Canape.

Canape: Carmela. Unter Umständen.

Jonas: Worum geht’s?

Canape: Nicht hier, Jonas. Ich ziehe ein ruhigeres Ambiente vor, ein Restaurant oder dergleichen.

Jonas: Das Casablanca ist gleich um die Ecke.

Canape: Ich bitte Sie, vulgär und gewöhnlich. Kommen Sie mit.

Jonas: Wir landeten im Unter uns, nicht gerade mein Ding. Ein Oxy-Bar. Nichts zu essen, nichts zu trinken, nur Luft aus edlen Designer-Behältern, in großer Auswahl, und menschliche Bedienung.

Kellner: Morgendämmerung in den Dolomiten, kann ich ihnen heute ganz besonders empfehlen, oder Erquickung am Wiesenrain.

Canape: Bringen Sie mir Sylter Sauerstoff, Jahrgang Null Sieben. Null Sieben, keinen anderen.

Kellner: Eine ausgezeichnete Wahl, gnä’ Frau. Und der Herr?

Jonas: Haben Sie Kehraus im Krematorium?

Kellner: Bedaure, so etwas führen wir nicht.

Canape: Der Herr nimmt auch einen Sylter.

Jonas: Das Zeug kam. Carmela nuckelte und fand es ganz exquisit. Von mir aus. Besser als die Luft draußen war es allemal. Aber wir wollten ja nicht über Sauerstoff reden. Carmela brauchte einen Detektiv. Weshalb?

Canape: Meine Mutter ist verschwunden.

Jonas: Seit wann?

Canape: Seit ungefähr drei Monaten.

Jonas: Ach was, und da machen Sie sich jetzt erst Sorgen?

Canape: Wissen Sie, wir standen uns nicht sehr nahe. Ab und zu haben wir uns getroffen, zum Tee, zum Sauerstoff, zum Plaudern, aber jetzt habe ich lange nichts von ihr gehört. Zu lange.

Jonas: Wie heißt Ihre Mutter?

Canape: Mama ist Vivien Eastwood.

Jonas: Die Modeschöpferin?

Canape: Die Modeschöpferin.

Jonas: Sie war die einzige in Babylon. Und die letzte. Wie Jonas. Die letzte Bastion menschlicher Kreativität in einem durchdigitalisierten Kulturbetrieb. Movie und Theater sind verschwunden, Holo-TV wird von Computern geschrieben, gemacht, gespielt. Menschen gibt’s nur noch beim Radio, und in der Oper. Reservate für Minderheiten. Und in der Haute Couture. Der Staat fördert Menschenwerk. Wer Opern produziert, oder Haute Couture, braucht praktisch keine Steuern zu zahlen. Artus Artus zum Beispiel. Der Besitzer von CamFash. Weil er sich die Haute-Couture-Marke Eastwood leistet.

Canape: Ich habe in Mamas Wohnung gefragt, aber ihre zwei Aupairs haben mich abgewimmelt.

Jonas: Aupairs?

Canape: Aus Hong Kong, oder vielleicht Singapur. Sie können auch Designerlehrlinge sagen, Dienstboten, Bettgenossen. Mama ist über 70, aber immer noch sehr lebenslustig.

Jonas: Ich versprach Ihr, Mama zu suchen. Für 120 Euros pro Tag und Spesen. Am Nachmittag stellte ich mich in der Eastwood-Residenz ein. Eine große Wohnung. 200 Quadratmeter, mindestens. In einem alten Haus, 200 Jahre, mindestens. Von der Sorte gab’s noch mehr in der Gegend. Südwest-Babylon, Otmar-Alt-Allee, das Künstlerviertel. Die Tür wurde mir von zwei niedlichen Persönchen aufgemacht. Von asiatischem Aussehen und unpräzisem Geschlecht. Zwillinge. Möglich. Nur das der oder die eine ein weißes Nachthemd trug, und die oder der andere ein schwarzes. Yin und Yang.

Yin: Velschwunden?

Yang: Vivian?

Ying: So ein Unsinn.

Yang: Vivian ist in Avalon.

Ying: Bei König Altus.

Jonas: Artur Artus, der sich gern König Artus nennen läßt, hatte sich eine Biosphäre eingerichtet. Draußen in der Wildnis, nach seinem Geschmack. Und der war ganz und gar mittelalterlich. Unter der Käseglocke gab’s eine Burg. Und einen richtigen Wald. Sagte man. Das ganze hieß Avalon. Merkwürdige Dinge sollten in Avalon vorgehen. Unheimliche, gefährliche Dinge. Menschen sollten da verschwinden.

Ying: Abel doch nicht Vivian Eastwood.

Jonas: Wann ist sie nach Avalon gegangen?

Ying: Juli.

Yang: Ende Juli.

Jonas: Also vor fast drei Monaten. Ist sie in dieser Zeit mal nach Hause gekommen?

Ying: Nein.

Jonas: Hat sie sich mal gemeldet?

Yang: Auch nicht.

Ying: Typisch Vivian.

Yang: Sie ist Künstlerin.

Ying: Sie ist exzentlisch.

Jonas: Aber ihre Tochter.

Ying: Ach die.

Yang: Das alte Canape.

Ying: Die ist doch nur an Mamas Geld interessiert.

Yang: Die lauelt doch nul dalauf, daß Mama den Zeichenstift für immel abgibt.

Ying: Dann erbt sie alles.

Yang: Schleckliche Person.

Jonas: Jonas rief im Camelot-Tower an, dem Sitz von CamFash. Jonas ist zäh, nicht so leicht abzuschütteln. Deshalb kam ich schließlich durch, zu seiner Majestät. Artur Artus, dem Modeking höchstpersönlich.

Artus: Sie wollen mit mir über Vivi sprechen? Warum nicht. Kommen Sie morgen Mittag in die Burgschänke.

Jonas: Was für eine Burgschänke?

Artus: Die Kantine im Camelot-Tower, die heißt so.

Jonas: Zu recht. Ein großer Raum, eingerichtet mit knubbeligen Stühlen und schiefen Tischen aus Fast-Holz, fast ganz echt mittelalterlich. An den Wänden altmodische Ölschinken, dicke Mönche und rüstige Ritter, bunte Glasfenster, wie in einer Kathedrale, die Serviererinnen trugen lange Röcke und tiefe Ausschnitte, sie schleppten gigantische Speisekarten an, aus Fast-Pergament, die unglaubliches versprachen.

Jonas: Ein noch gar blutig Rumpfstücklein vom wohlgezogenen Rindvieh.

Serviererin: Soja.

Jonas: Aha. Und der Med, süß und mundig.

Serviererin: Gen-Bier.

Jonas: Der feurige Branntewein ist dann wahrscheinlich Synth-Whisky.

Serviererin: Genau. Nun denn, Herre, was Speis und Trank begehret ihr?

Jonas: Kleines Bier.

Sam: Gemach, o edler Ritter Jonas, ihr Schnüffler zubenamst nicht doch all so. Flugs, flugs, schöne Maid, wohlan, kredenzet uns des süßen Meds die Fülle, sputet euch, denn siehe, uns verlanget gar sehr nach solchem, indem daß wir vom bösen Durste abscheulich gequälet werden. So macht man das.

Jonas: Halt dich zurück, Sammy.

Sam: Was, Sammy? Wir sind der edle Ritter Samuel von Chipshausen, Herr und zu Bitburg, Edler von Genit äh, Korrektur, Digitalien.

Jonas: Graf von der Müllhalde, Herzog von Blechstedt und Schrotthaufen, unbeschränkter Herrscher von und zu Schnatterburg.

Sam: Lasset ab von eurem Spotte, Herr, so nicht werdet ihr bei meiner Seel Genugtuung geben in den Schranken des Turnieres.

Jonas: Was ist los?

Serviererin: Pst! Der König!

Sam: Wer?

Jonas: Ein kleiner dicker Mann hatte den Raum betreten. Alle standen auf. Der Neuankömmling war eine Sinfonie in Rot. Rote Strumpfhosen, rotes Wams, roter Umhang, dazu als Akzent und Kontrast, eine goldene Krone auf seinem Kahlkopf. Er winkte leutselig, sah sich um, schritt auf meinen Tisch zu, und setzte sich ohne Umstände zu Jonas. Neben ihm nahm sein Begleiter Platz. Ein großer breiter Typ im grauen City-Anzug. Beule unter dem rechten Arm. Unter dem rechten?

Artus: Meine linke Hand. Er ist nämlich Linkshänder. Dr. Eckart. Mein getreuer Eckart. Leibwächter. Pilot. Mann fürs Grobe.

Jonas: Sie sind natürlich Artus.

Artus: Artur Artus. König Artus. Monarch über Camelot Fashions und alle dort Beschäftigten. Wenn ich will, kann ich jeden feuern, auf der Stelle, nicht wahr, mein Kind?

Serviererin: Wünschet ihr euer Mittagsmahl hier einzunehmen, Majestät?

Artus: Nein, ich werd’ das Dreckzeug doch nicht fressen. Das überlaß ich meinen teuren Untertanen.

Jonas: Sehr weise.

Artus: Ich hab mich über Sie erkundigt, Jonas. Ich weiß alles über Sie. Sie sind der letzte Detektiv. Ehrenhaft, loyal, ritterlich, kurz: arm und dumm, stimmt’s?

Jonas: Sie sind reich und klug, Artus.

Artus: Na klar.

Jonas: Also nicht ehrenhaft, nicht loyal, nicht ritterlich.

Artus: Glauben Sie? Äh, zur Sache, was wollen Sie?

Jonas: Vivian Eastwood.

Artus: Sagten Sie schon am Fon, was ist mit Vivian.

Jonas: Sie ist verschwunden, seit einem viertel Jahr.

Artus: Quatsch. Wer sagt das?

Jonas: Vivians Tochter.

Artus: Na die hat doch Null Ahnung. Vivi ist bei mir in Avalon, das heißt, sie war in Avalon, um in Ruhe an der neuen Kollektion zu arbeiten, vor einer Woche war sie fertig, und ist gegangen.

Jonas: Wohin?

Artus: Keine Ahnung. Spielt auch keine Geige. Vivi hat ihre Eigenheiten. Bisher hat sie noch vor jeder Show Lampenfieber gehabt. Sie ist kurz mal abgetaucht. Wenn’s soweit ist, taucht sie auch wieder auf.

Jonas: Und wann ist es soweit?

Artus: Übermorgen, wenn die große Show über den Laufsteg geht. Die Präsentation der neuen Kollektion von Vivian Eastwood. In der Emanuel-Wichtig-Halle. Ganz groß. Menschliche Models, ausgesuchtes Publikum. Kommen Sie doch auch, Jonas, Sie sind eingeladen, ich sorge dafür, daß Sie einen Platz in der ersten Reihe kriegen.

Jonas: Die Emanuel-Wichtig-Halle ist das bemerkenswerte Denkmal eines wenig bemerkenswerten Bürgermeisters. Nicht schön, aber gewaltig. Wie ein überdimensionaler Schneewittchensarg steht sie mitten im Ausstellungsgelände von Babylon. Brutal. Unübersehbar. Innen sah sie heute aus wie die Burgschänke im Camelot-Tower, nur viel größer: Überall alte Wandteppiche. Wappen und Waffen, Schilde, Schwerter, Lanzen, Hellebarden, die dazugehörigen Rüstungen standen dekorativ auf dem Laufsteg herum. Menschen in seltsamer Tracht spielten auf seltsamen Instrumenten seltsame Musik.

Artus: Madrigale, Motetten, was weiß ich, auf jeden Fall mittelalterlich, und daher passend zum Thema der neuen Eastwood-Kollektion, welches da lautet…

Jonas: Lassen Sie mich raten, Artus: Mittelalter.

Artus: Sehr gut, mein lieber Jonas.

Jonas: Ihr neuer Look ist also uralt.

Artus: Ist er doch immer. Wie finden Sie die Ausstattung?

Jonas: Passend.

Artus: Dafür zeichnet eine fähige Mitarbeiterin von Camelot Fashions verantwortlich. Für Ausstattung, Choreographie, Art Direction, zum ersten Mal, früher hat das Vivi selbst gemacht, das Material stammt übrigens von mir.

Jonas: Ach was.

Artus: Waffen, Rüstungen, alles aus meiner großen Sammlung in Avalon. Müssen Sie sich bei Gelegenheit mal ansehen, Jonas.

Jonas: Sicher, bei Gelegenheit.

Jonas: Zur Feier des Tages hatte Artus sein rotes Königsoutfit aufgemotzt durch ein Hermelin-Cape. In diesem enterte er den Laufsteg. Beifall brandete auf, brandete ab. Artus hob die Hand, Fanfaren ertönten. Genau wie im alten 2D-Movie Ivenhoe der schwarze Ritter.

Artus: Mutige Herren, schöne Damen! Da unsere liebe Vivi sich noch nicht sehen läßt, wir kennen das ja, obliegt es mir, ihre diesjährige Haute Couture Vision zu präsentieren. Folgen Sie mir also, begeben Sie sich mit mir auf eine Zeitreise in jene farbige Epoche, da der Himmel der Erde noch nahe war, da tapfere Ritter Drachen erschlugen, und von minniglichen Frauen dafür belohnt wurden. Genug der Vorrede, die Show beginnt. Creation Eleonore von Aquitanien: Kotte und Surkott aus einem hochaktuellen Materialmix, burgunderfarbener Latex mit durchsichtiger Chemiespitze, dazu eine voluminöse Schleppe und als i-Tüpfelchen ein chapel, ein Kopfreif aus Fast-Gold. Arbelar und Eloise: Über gestreiften Beinlingen trägt er die knappe Brusch mit farblich abgesetztem Hosenlatz, darüber Wams, Schecke, und Hupelande. Sie zeigt uns, unter der Kurzjacke aus Brokat, eine tiefdekolletierte Kotte, interessante Accessoires sind die nachtblauen Schnabelschuhe und der superbreite Hüftgürtel oder Dupsing, wie wir Mediavisten sagen, gekrönt wird das Ensemble durch eine ausladende Flügelhaube…

Jonas: Und so weiter. Sehr mittelalterlich, stinklangweilig, trotz der lebenden Models. Da war wenigstens meine Meinung. Aber was versteht Jonas von Mode. Den anderen im Saal schien es zu gefallen. Sie klatschten und pfiffen und winkten. Die Journalisten ratterten begeistert auf ihren Laptops, Carmela Canape war natürlich auch da. – Plötzlich schrie eine Frau, auf dem Laufsteg, nicht weit von mir entfernt. Ich schreckte hoch. Eine der Ritterrüstungen bewegte sich, schwankte hin und her, immer heftiger, bis sie umfiel, mit großem Geschepper. Das Visier sprang auf, darunter war ein blasses Gesicht zu erkennen. Artus kam angetrabt, bückte sich, nahm den Helm ab, im Saal Totenstille.

Artus: Vivi! Vivian Eastwood! In der Rüstung! Ich glaube, sie ist, sie ist tot. Eckart, rufen Sie die Kripo an!

Jonas: Die Show war zu Ende. Fluchtartig verließ das ausgesuchte Publikum die Emanuel-Wichtig-Halle. Es blieben nur die Journalisten. Artus natürlich mit seinem Eckart. Und Jonas. Jonas, der den Auftrag gehabt hatte, Vivian Eastwood zu suchen. Jetzt hatte er sie gefunden, gewissermaßen.

Canape: Mama ist tot?

Jonas: Ja.

Canape: Was glauben Sie ist passiert?

Artus: Na das ist doch egal, was Jonas glaubt oder nicht glaubt, die Sache ist ganz klar: Vivi wollte sich die Präsentation unbemerkt ansehen und hat sich in der Rüstung versteckt. Am Schluß wäre sie rausgekommen und hätte sich feiern lassen. Aber die Aufregung war zu viel für sie. Mein Gott, sie war fast 80. Herzschlag, schlicht und tragisch.

Jonas: Die Kripo erschien. Nicht mein alter Feind, Chefinspektor Brock, ein leibhaftiger Kommissar namens Prick. Dazu ein Techniker. Und natürlich der Pathomat. Die Tote wurde aus der Rüstung geschält und an den Pathomaten angeschlossen. Kommissar Prick rief die Daten ab, und diktierte sie dem Techniker. Jonas blieb in der Nähe, und machte lange Ohren. Daten und Fakten sind wichtiger als Geistesblitze. Das hatte ich im Fernkurs für angehende Privatdetektive gelernt.

Prick: Todesursache: Herzstillstand. Körpertemperatur: 15, 2 Grad. Tatsächlich, 15, 2 Grad. Besondere Merkmale: diverse Schürfwunden, Hüfte und Schulter, keine Blutung, Leichenflecken, Rücken, hellrot. Merkwürdig.

Jonas: Kann man wohl sagen.

Prick: Was haben Sie hier zu suchen? Wer sind Sie?

Jonas: Jonas, Privatdetektiv.

Prick: Steht der Mensch in ihren Diensten, Herr Artus?

Artus: Keineswegs.

Prick: Dann hauen Sie ab, Mann, Sie stören die Untersuchung.

Jonas: Ich arbeite für die Tochter der Toten.

Prick: Von mir aus für die Großmutter. Raus!

Artus: Eckart! Jonas will gehen, bringen Sie ihn zur Tür. Ein Wort im Vertrauen, Herr Kommissar.

Jonas: Während Artus und Prick die Köpfe zusammensteckten, schmiß Dr. Eckart Jonas aus der Halle. Jonas ließ sich schmeißen. Eckart trug bekanntlich eine Beule im Jacket. Draußen überlegte ich. Sollte ich auf Tochter Carmela warten? Aber dann ging ich doch lieber ins Casablanca, und stärkte mich, mit dem zu recht berüchtigten Whisky, den Jacob ausschenkte. Später rief ich sie an, und verabredete mich mit ihr.

Canape: Wann?

Jonas: Morgen vormittag um 10. Ich hab vorher noch einiges zu erledigen.

Canape: Gut. Unter Uns?

Jonas: Diesmal nicht. Jonas hat kein Bock auf Oxy. Wenn Sie was von mir hören wollen, müssen Sie schon ins Casablanca kommen.

Canape: Na, da Sie so großen Wert darauf legen, Jonas, also, dann bis morgen.

Jonas: Die Rüstung.

Sam: Stammt fraglos aus Majestät Artussis Beständen.

Jonas: So ist es. Frage: Wie ist Eastwood in die Rüstung gelangt?

Sam: Weiß ich nicht.

Jonas: Wann und wo? Als Artus den Helm abnahm, hat er blitzschnell was rausgenommen und in die Tasche gesteckt. Was war das? Und diese merkwürdigen Pathomat-Daten. Eine fähige Mitarbeiterin war für die Ausstattung verantwortlich, hat Artus gesagt, also auch für die Rüstung. Wie heißt die Dame?

Sam: Piep. Laut Programm führt sie den Namen Miriam Kraus. Piep. Laut Piep, ne laut Personaldatei CamFash ist Miriam Kraus als Programmiererin beschäftigt, Hauptabteilung Konfektion, Unterabteil, äh, Unterabteil, äh, Unterabteilung Entwurf.

Jonas: Noch so eine Merkwürdigkeit, wieso agiert eine simple Modeprogrammiererin als Art-Directris einer Haute Couture Show? Wo wohnt sie? Ist sie zuhause?

Sam: Weiß ich och nicht.

Jonas: Miriam Kraus war nicht zu Hause. Zumindest ging sie nicht ans Fon. Also ging Jonas zu ihr. In einen Bezirk, den man früher gutbürgerlich genannt hätte. Zwischen den Slums der Südstadt und dem exklusiven Künstlerviertel. In ordentlichen Reihen Häuser, aus dem mittleren 20. Jahrhundert. Mittelgroß, nicht mehr als 10 Stockwerke. An der Wohnungstür ein unproblematisches Schloß. Jedenfalls für einen einschlägig versierten Privatdetektiv. Dahinter zwei Zimmer, Küche, Bad. Mittelprächtig. Kein Luxus, keine Not. Keine Miriam Kraus. Statt dessen ein mittleres Chaos. Der PC war zertrümmert, das Diskettengestell leergeräumt. Schränke standen offen, Matratzen waren aufgeschlitzt, Küchenvorräte verschüttet, etc. Jemand hatte was gesucht.

Sam: Eine Diskette.

Jonas: Denk ich auch.

Sam: Na so was, er denkt, mein Meister Schnarch, hähä…

Jonas: Jetzt bist du dran, Sammy, mit denken.

Sam: Mit denken?

Jonas: Hat der Jemand gefunden, was er gesucht hat?

Sam: Dann hätte er nämlich die Sucherei aufgegeben, haha, doch tat er dies nicht. Er hat hier alles auf den Kopf gestellt, aber auch alles.

Jonas: Denk weiter, wenn du Miriam Kraus wärst.

Sam: Ein Mensch? Ein Weib? Igitt. Wüah.

Jonas: Wo würdest du eine Diskette verstecken?

Sam: Programmiererin ist sie, Mann, jedenfalls nicht im Bett, nicht in der Sojamehldose.

Jonas: Wissen wir.

Sam: Keinerlei Kunst an den Wänden, Bilder oder dergleichen, hmh hmh, sehr ungewöhnlich. Entweder hat sie keinen ästhetischen Sinn, unsere Miriam.

Jonas: Als Modeprogrammiererin, das glaub ich nicht.

Sam: Oder sie bevorzugt Hologramme.

Jonas: Die der Sucher ausgeschaltet hat, um festzustellen, ob was dahintersteckt. Tut es aber nicht.

Sam: Tut es aber nicht. Hhm, tut es aber nicht. Ne, wirklich nicht?

Jonas: Siehst du was anderes als kahle Wände, Sam?

Sam: Moment, seh ich was anderes. Ah, wo ist der Holoschalter? Auf dem Nachttisch. Drück drauf.

Jonas: Wozu?

Sam: Jetzt quassel nicht rum, drück drauf.

Jonas: Ich drückte. Wenn ich so nett gebeten werde. Ergebnis: In der Wohnung nur ein einziges Holo. An der Schlafzimmerwand. Die allseits beliebten grünen Palmen am blauen Meer.

Sam: Schön, schalt wieder aus. So und jetzt drück zweimal auf den Schalter.

Jonas: Sieh mal an, zwei Holos übereinander.

Sam: Clever, unsere Miriam. Erst das Palmenholo, dann das Holo der kahlen Wand.

Jonas: Und schließlich die echte Wand, mit einem Safe.

Sam: Sir, machen wir den auf?

Jonas: Blöde Frage. Im Safe waren ein paar Dokumente. Ein bißchen Schmuck. Und eine Diskette. Ohne Aufschrift. Die nahm ich mit, und ließ sie zuhause über den Bildschirm laufen.

Sam: Oho!

Jonas: Das hat er gesucht, der Sucher, der Jemand.

Sam: Alias Dr. Eckart, im Auftrag seines Herrn.

Jonas: Glaubst du, Sammy?

Sam: Ja wer denn sonst. Angesichts des Inhalts der Diskette.

Jonas: Ein Designerprogramm. Für Mode a la Mittelalter. Die historischen Basisdaten. Hupelande, Bruche, Surkott, und das ganze übrige Zeug. Umgesetzt mit modernen Materialen. Weißt du, was das heißt, Sammy?

Sam: Ja.

Jonas: Die neue Eastwood-Kollektion ist nicht von Vivian Eastwood entworfen worden.

Sam: Nene, vielmehr von einem genital, Korrektur digitalen Kollegen.

Jonas: Vom Computer. Keine Haute Couture, kein Menschenwerk.

Sam: Bestes Computerdesign.

Jonas: Poplige Kaufhausmode.

Sam: Oh, bitte keine unnötigen verbalen Tiefschläge freundlichst, ja, ich meine, die freundlichst zu unterlassen, euer Rüpelhaftigkeit. Wichtig, nicht wahr, ist doch vor allem dieses, wenn’s rauskommt, nich, muß König Artus mordsmäßig Steuern nachzahlen.

Jonas: Mordsmäßig.

Sam: Ja.

Jonas: Die Kollektion stammt nicht von Eastwood, das wissen wir jetzt. Und das könnte auch die Pathomatdaten erklären.

Sam: Grünau.

Jonas: Gleich am nächsten Morgen rief ich Chefinspektor Brock an. Er war hellbegeistert, von Jonas zu hören. Wie immer.

Brock: Sie haben mir grade noch gefehlt. Gehen Sie aus der Leitung.

Jonas: Wenn Sie meine Fragen beantwortet haben.

Brock: Dann leg ich eben auf.

Jonas: Und ich ruf sofort wieder an. Jonas ist zäh, wissen Sie doch.

Brock: OK, fragen Sie, aber machen Sie’s kurz.

Jonas: Vivian Eastwood.

Brock: Geht Sie überhaupt nichts an. Außerdem ist der Fall abgeschlossen, natürlicher Tod, keine Probleme.

Jonas: Was? Und die Pathomatdaten?

Brock: Völlig normal. Augenblick, ich rufe ich mal auf. Temperatur 35 Grad, Schürfverletzung bedeutungslos, da bei Abnahme der Rüstung entstanden.

Jonas: Stimmt nicht, ich war dabei. Und die hellroten Leichenflecken.

Brock: Leichenflecken, was für Leichenflecken, es gibt keine Leichenflecken.

Jonas: Ich hab sie doch gesehen.

Brock: Na und? Ihr Wort gegen das von Kommissar Prick. Was wollen Sie denn, Jonas, so ist es doch viel besser, klarer Fall, gelöst und abgelegt, Pluspunkt in der Statistik.

Jonas: Aber das ist doch alles nicht wahr. Die Daten sind geändert worden. Von Prick. Und ich wette, daß Artus dahintersteckt.

Brock: Sagen Sie, Jonas. Wer sind Sie? Und wer ist Prick? Wer bin ich und wer ist Prick? Machen Sie mir keine Schwierigkeiten. Wenn Sie herumstänkern wollen, dann tun Sie’s woanders. Und rufen Sie nicht wieder an.

Jonas: Im Casablanca berichtete ich Carmela Canape, was ich neues erfahren hatte. Wenn Jonas ihre Mutter schon nicht lebendig gefunden hatte, wollte er doch wenigstens die Umstände ihres Todes aufklären. Carmela hörte aufmerksam zu. Und verstand sofort.

Canape: Die Eastwood-Kollektion 2014 stammt vom Computer, nicht von Mama.

Jonas: Vom Computer. Mit freundlicher Unterstützung durch die Programmiererin Miriam Kraus.

Sam: Welch selbige verschollen, verduftet, verschüttet, verschwunden ist.

Jonas: So sieht’s aus. Und was ihre Mutter betrifft, Carmela…

Canape: Ist sie Ihrer Ansicht nach nicht gestern gestorben, sondern schon erheblich früher.

Jonas: Das zeigen die Originaldaten des Pathomaten. Die extrem niedrige Körpertemperatur, die hellroten Leichenflecken, sprechen deutlich für eine Aufbewahrung der Leiche im Kalten. Im Kühlfach oder Kühlhaus.

Sam: Feinfrosten tat man sie, unsere große Modeschöpferin.

Jonas: Entschuldigen Sie meinen Computer, Carmela, Sam ist nicht gerade pietätvoll.

Canape: Ist schon gut. Und die Schürfwunden?

Jonas: Sind entstanden, als die Leiche in die Rüstung praktiziert wurde.

Sam: Rein gequetscht und reingestopft wie Mastfutter in die Weihnachtsgans.

Canape: Artus. Der zieht die Fäden.

Sam: Ist er Arzt?

Jonas: Davon bin ich überzeugt. Artus hat auch dafür gesorgt, daß die Leiche ausgerechnet während der Präsentation auftauchte, damit niemand auf die Idee kommt, die Kollektion könnte mit ihrer Mutter nichts zu tun haben. Das ist wichtig für Artus, aus steuerlichen Gründen. Und für sein Image als Mäzen menschlicher Kreativität.

Canape: Ich glaube, er hat noch einen Grund. Wenn eine Designerin zu Tode kommt, noch dazu bei ihrer eigenen Haute-Couture-Show, hat das mit Sicherheit einen großen Werbeeffekt.

Sam: Fall Versace 1-9-9-7. Ne, besser 1997.

Canape: Was ich wissen will, ist: Hat Artus Mama umgebracht?

Jonas: Durchaus möglich. Auf jeden Fall weiß er mehr.

Canape: Wir sollten ihn besuchen, und ihn mit den Fakten konfrontieren.

Jonas: Artus war bereit, mit uns zu sprechen. Am Nachmittag, drei Uhr. Im Camelot-Tower. Carmela und Jonas trafen sich im Foyer. Und fuhren ins oberste Stockwerk. Wo seine Majestät der Modekönig uns empfing. In einem großen Saal. Nicht viel kleiner als die Wichtig-Halle. Und genauso mittelalterlich. Nur daß in der Mitte kein Laufsteg war, sondern ein riesiger runder Tisch.

Artus: Meine Tafelrunde. Für meine tapferen Ritter. Will sagen, für die Direktoren von CamFash. Auf diesem Sessel saß Vivi Eastwood. Sie ruhe in Frieden.

Jonas: Apropos, haben Sie sie getötet, Artus?

Artus: Nicht doch, ein Herzschlag. Keine Überraschung bei einer fast 80jährigen. Wir hatten uns gestritten, sie hatte sich aufgeregt, und… äh voila.

Jonas: Wann war das?

Artus: Vor zehn, elf Wochen, in Avalon. Es ging um das Thema der neuen Kollektion. Ich bestand auf Mittelalter, und sie wollte partout nicht, ja, da hab ich sie ein bißchen, na ja, unter Druck gesetzt, mit Rex.

Jonas: Rex.

Artus: Ja, Rex ist mein Liebling, mein Haus- und Schoßtier in Avalon. Sie werden ihn noch kennenlernen, Jonas.

Jonas: Und als die Eastwood tot war.

Artus: Kam sie erst mal ins Kühlhaus. Ich habe eins in Avalon. Für Rex. Damit er immer frisches Futter kriegt.

Jonas: Artus gab alles zu, ohne weiteres. Die Kollektion hatte der Computer gemacht, programmiert von Miriam Kraus, die sich übrigens, wie er uns verriet, in Avalon aufhielt. Bei Rex. Vor zwei Tagen hatte man der toten Eastwood eine Rüstung angepaßt, und die hatte man nach Babylon geflogen, zur Emanuel-Wichtig-Halle. Mit der übrigen Mittelalter-Dekoration. Alles lief reibungslos, dafür sorgte Dr. Eckart. Und Miriam Kraus, die nur aus diesem Grund mit der Ausstattung der Show beauftragt wurde.

Artus: Falls es Sie interessiert, in der Rüstung war außer der Leiche noch was. Ein Mini-Modul. Die Fernsteuerung hatte ich in der Tasche. Ich drückte drauf, ein kurzes Band lief ab, mit einem Schrei, die Rüstung fing an zu wackeln, und fiel dann um. Na, Sie waren ja dabei.

Jonas: Das Modul haben Sie gleich danach an sich genommen, Artus.

Artus: Sie haben’s gesehen, Jonas? Guter Mann, gute Augen. Hoffentlich auch ein gutes Köpfchen. Oder wollen Sie jetzt etwa zur Polizei gehen?

Jonas: Ich denke nicht daran. Wo Sie Kommissar Prick in der Tasche haben. Ich weiß was besseres.

Artus: Ja?

Jonas: Ich informiere die Finanzbehörde. Die läßt sich nicht kaufen. Sie geben Computerdesign als Produkt menschlicher Kreativität aus, das ist Steuerbetrug. Sie werden ordentlich zahlen müssen, Artus, und als Haute-Couture-Produzent sind Sie erledigt.

Artus: Hmh, gar nicht dumm, Jonas, da muß ich wohl was unternehmen. Eckart!

Jonas: Jonas zog seinen Laser. Bereit sein ist alles. Aber ich war nicht bereit genug. Carmela lächelte mich freundlich an. Gleichzeitig schlug sie mir mit einer plötzlichen Bewegung die Waffe aus der Hand. Und dann kam auch schon der getreue Eckart durch die Tür. Mit einem Neurofreezer.

Artus: Tja, Jonas, mit der Anzeige bei der Steuerfahndung wird es nun nichts werden, Frau Canape sei Dank.

Jonas: Das war nicht nett von Ihnen, Carmela. Immerhin arbeite ich für Sie.

Artus: Das ist vorbei, Jonas. Ich brauch Sie nicht mehr. Wissen Sie, heute mittag war ich mit Herrn Artus zum Essen verabredet, und dabei haben wir uns ausgesprochen und uns geeinigt. Was ich von der neuen Kollektion und von Mamas Tod weiß, behalte ich für mich, und dafür kriege ich einen Direktorenposten bei CamFash.

Artus: Sie sehen, Jonas, alles geregelt, alles in Butter.

Jonas: Nur Jonas stört die schöne Eintracht.

Artus: Nicht mehr lange. Auf, meine Herrschaften, der Helikopter wartet. Wir fliegen nach Avalon, zu viert, ich, Sie, Jonas, Frau Canape, und natürlich Dr. Eckart.

Jonas: Unter dem Helikopter erstreckte sich einförmiges totes Braun-Grau, bis zum Horizont. Die Wildnis. In der Ferne, weit voraus, ein Glitzern. Es kam näher, noch näher. Eine Halbkugel, die Sonnenstrahlen reflektierte. Avalon. Die Biosphäre von König Artus. Durchmesser etwa 500 Meter. Unter der Plexikuppel eine kleine Burg. Mit Türmen und Zinnen. Eine hohe Mauer, dahinter Grün. Viel Grün. Tatsächlich, ein Wald, mit Bäumen.

Artus: Echte Bäume, Jonas, keine Plastsimulate.

Jonas: Das muß Sie ein Vermögen gekostet haben.

Artus: Mein Gott, ich kann’s mir leisten. Und das ist der Wald von Prosiliande. Geheimnisumwittert, und gefährlich. Na, Sie werden es erleben, Jonas.

Jonas: Aber vorher mußte Artus Carmela und mir noch seinen größten Stolz vorführen, seine Rüstkammer, die einen großen Teil der Burg einnahm. Mittelalterliche Waffen und Rüstungen, in gewaltigen Mengen, aber nicht nur, auch ein paar seltene Stücke aus dem Altertum, zum Beispiel ein römischer Rennwagen, Marke Ben Hur, und ein Sammelsurium von Waffen der Neuzeit. Bis ins 20. Jahrhundert. Gewehre, Handgranaten, sogar eine Panzerfaust, anno 44. Und mitten im martialischen Ambiente ein großer Bildschirm über einem Schaltpult.

Artus: Mein Guckloch in den Wald von Prosiliande. Wohin Sie sich jetzt begeben werden, Jonas, um Miriam Kraus Gesellschaft zu leisten, sofern sie noch auf Erden wandelt. Sie wollte mich erpressen, das läßt sich König Artus nicht gefallen, darum hab ich sie in den Wald geschickt, damit sie mit Rex Bekanntschaft schließt, was Sie auch gleich tun werden, Jonas. Ein recht endgültiges Zusammentreffen. Und ein hochinteressantes Schauspiel. Ich werde es genießen, hier, am Monitor, mit Eckart.

Canape: Und mit mir.

Artus: Ja richtig, Sie sind ja auch noch da, meine teure Carmela, Sie müssen noch warten, erst ist Jonas dran. Bringen Sie ihn in den Wald, Eckart.

Jonas: Im Gänsemarsch ging’s aus der Burg zur Mauer. Jonas vorneweg. Eckart mit dem Neurofreezer hinterher. In der Mauer war eine Tür. Eckart öffnete sie mit einer Paß-Scheibe, und trieb Jonas ein paar Schritte ins Grüne. Dann trat er zurück. Die Tür ging zu. Jonas war ganz allein im tiefen Wald. Ganz allein?

Sam: Sammy und Jonas verliefen sich im Wald, es war so finster und auch so bitter kalt.

Jonas: Du spinnst, Sammy, es ist warm hier, richtig heiß, wie in Afrika, oder im Treibhaus.

Sam: Sie kamen an ein Häuschen…

Jonas: Vielleicht singst du mal ein bißchen leiser.

Sam: Pst! Er könnte uns hören. Pst.

Jonas: Meinst du den mysteriösen Rex?

Sam: Wer oder was immer das ist.

Jonas: Hier riecht’s aber gar nicht gut.

Sam: Hose voll, Sir? Ich riech nix.

Jonas: Das kannst du auch nicht, Sam. Du hast kein Riechorgan.

Sam: Dann nicht.

Jonas: Der Gestank wird stärker, erinnert mich ans Raubtierhaus im Zoo. Faules Fleisch, Blut, und Leichen.

Jonas: Ich war an einer kleinen Lichtung angekommen. Vor mir Felsen, davor Knochen, Fleischfetzen, getrocknetes Blut, zerrissene Kleidungsstücke, zwischen den Felsen ein großes schwarzes Loch.

Sam: Eine Höhle. Wetten, daß Rex da drin steckt?

Jonas: Und wetten, daß ich so langsam ne Ahnung kriege, was für ein Haus- oder Schoßtier dieser Rex ist?

Sam: Nur eine Ahnung, du Sülzkottlet in Menschengestalt? Allmählich solltest du’s wissen. Stichwort Mittelalter. Mit was für einer Art Viehzeugs hatte es denn ein fahrender Ritter damals zu tun, hä?

Miriam: Der Drache! Hilfe! Retten Sie mich!

Sam: Ach Gottchen.

Jonas: Eine Frau. Hoch oben auf dem Baum. Sie klammerte sich an einen Ast. Total verstört, aber im Moment konnte Ritter Jonas nichts für sie tun. Weil er sich ganz dringend um was anders kümmern mußte. Um die unheimlichen Geräusche aus der dunklen Höhle. Erst ein scharfes Zischen, dann dumpfe Tritte. So schwer, daß Erde und Bäume zitterten. Sie wurden immer schwerer, immer lauter. Dann war er draußen, der Drache. Und Jonas war ganz schnell auf dem Baum. Neben der Frau.

Sam: Auftritt Rex.

Jonas: Vorname Tyrannosaurus, wenn ich nicht irre.

Sam: Det weß ich nicht. Ich seh keine Tyrannensau.

Jonas: Sondern?

Sam: Eine Monitoreidechse. Ein Kondomeran, Korrektur, präziser ein Komodoveran. Beachten Sie gütigst die für diese Spezies typische lang gespaltene Zange, schon wieder Korrektur, Zunge.

Jonas: Ein Veran ist doch nicht 10 Meter lang.

Sam: Warum nicht? Wenn man ihn gentechnisch vergrößert?

Jonas: Das ist verboten.

Sam: Jaja, aber möglich, und machbar, Herr Nachbar. Erinnert euch, edler Herr, des bösen Dr. Ugarte, Fall Pharao, der skrupellosen Wissenschaftler gibt’s nicht wenige, und wenn ein Mensch so stinkend reich ist, wie unser Freund und König Aze Artus.

Jonas: Kann er sich einen schlichten Veran zum Drachen langziehen lassen.

Sam: Ja.

Jonas: Wenn er das mag.

Sam: Ja.

Jonas: Aber warum ist das Monstrum rot?

Sam: Ja Gott.

Jonas: So viel ich weiß, sind Verane grau.

Sam: Der rote Drache von Wales, Johannes, das Wappentier von König Artus, vom echten Artus, nich?

Jonas: Das walisische Wappentier fixierte uns mit seinen gierigen Schweinsaugen, strebte in seinem wiegenden Seemannsgang unter unseren Baum, legte sich gemütlich hin, riß das Maul auf, machte die Augen zu, und wartete. Eine Galgenfrist, für Jonas und seine Nachbarin auf dem Ast.

Jonas: Sie sind Miriam Kraus.

Miriam: Ja.

Jonas: Sie haben das Programm für die angebliche Eastwood-Kollektion gemacht.

Miriam: Ja.

Jonas: Und die Ausstattung für die Show.

Miriam: Ja.

Jonas: Dann haben Sie versucht, Artus zu erpressen.

Miriam: Ich wollte doch bloß eine Gehaltserhöhung.

Jonas: Und darum sind Sie jetzt hier, als Drachenfutter.

Miriam: Ah, mein Bein.

Jonas: Zeigen Sie mal.

Miriam: Ah!

Jonas: Sieht nicht gut aus, tiefe Fleischwunde, starker Blutverlust. Ein Wunder, daß sie’s damit auf den Baum geschafft haben.

Sam: Ja ja, die Angst verleiht Flügel, spricht der weise Bosequo.

Jonas: Eine Minicam flog Kreise um uns. Langsam. Ich zeigte die Zähne und winkte fröhlich. Sollte Artus am Monitor sich doch ärgern. Dabei dachte ich heftig nach. Miriam war außer Gefecht und würde sich nicht mehr lange halten können. Jonas mußte was unternehmen. Bald. Sehr bald.

Sam: Sam könnte ihn ablenken, den Leviatan, den Lindwurm, den Basilisken, in dem derselbe denselben in den schuppigen Schwunz äh Schwanz beißt bleistiftsweise.

Jonas: Und wie kommst du runter, Sam? Kannst du klettern?

Sam: Naja, eher weniger, Herr Großinquisitor.

Jonas: Soll ich dich runterwerfen.

Sam: O bitte bitte nicht.

Jonas: Siehst du. Außerdem würdest du den Drachen wecken, und der schläft gerade so schön.

Sam: Schlafe mein Prinzchen, schlaf ein.

Jonas: Als erstes müssen wir die Minicam ausschalten, und ich weiß auch schon wie. Wenn ich mit Ihnen flüstere, Miriam, wird sie näherkommen, damit ihr Mikrophon auch alles mitkriegt, ich werde noch leiser, die Minicam kommt noch näher. So, ich hab sie.

Jonas: Ich gab sie Miriam. Sie sollte sie gut festhalten, und aufpassen, daß das Auge immer auf den dösenden Drachen gerichtet blieb, keinesfalls auf Jonas. Der wurde nämlich aktiv, er rutschte weiter auf dem Ast, und sprang in den Nachbarbaum, wie Tarzan, nur leiser, kletterte runter, und schlich sich von dannen, ohne daß der Drachen was merkte. An der Tür in der Mauer machte ich Halt.

Jonas: Kannst du den Code für die Verriegelung knacken, Sammy?

Sam: Klar, mit links, und fix. Zwei klitzekleine Stündlein nur, bis es da heißt, Se-Sam öffne dich.

Jonas: Zwei Stunden, unmöglich, in der Zeit sind wir alle gefressen.

Sam: Ja, was machen wir denn da?

Jonas: Das würde ich gerne von dir wissen, Sam.

Sam: Pst! Da ist einer an der Tür, nein, auf der anderen Seite. Versteck dich, mein Dicker.

Jonas: Jonas tauchte hinter ein Gebüsch. Die Tür ging auf. Und es erschien Carmela. Carmela Canape, die treulose Tomate, die Jonas in den Rücken gefallen war. Jetzt hatte sie selbst was im Rücken. Einen Neurofreezer. Und den treuen Eckart. Vor sich hatte sie einen Waldspaziergang. Mit Drachen. Artus war konsequent. Er ließ sich nicht erpressen, und sorgte dafür, daß alle verschwanden, die zu viel wußten. Das war meine Chance. Ich ließ die beiden vorbei, flitzte durch die Tür, so schnell ich konnte, und knallte sie zu.

Sam: Klappe zu, Affe tot.

Jonas: Noch nicht, aber bald. Kannst du das Türschloß verstellen, Sammy, ich meine gleich, nicht in zwei Stunden.

Sam: Piep. Kaum gedacht, schon gemacht.

Jonas: Wunderbar. Eckart und Carmela sind aus dem Weg. Jetzt haben wir es nur noch mit Artus zu tun. Und wo finden wir wohl seine Majestät?

Sam: Natürlich vor dem Monitor in der Rüstkammer. Wohlan, denn flugs zur Burg, Ritter Johnson.

Jonas: Artus kriegte nicht mit, daß Jonas die Rüstkammer betrat, und ihm immer näher kam. Er starrte auf den Bildschirm. Gebannt und fassungslos. Da gab’s auch wirklich was zu sehen. Carmela verschwand gerade im Schlund des Drachen, laut schreiend, um sich schlagend. Dann war Dr. Eckart an der Reihe, er ballerte wild mit dem Neurofreezer, auf den Drachen machte das überhaupt keinen Eindruck, er schnappte zu, kaute, schluckte.

Artus: Mein Gott, Eckart, wie konnte das geschehen?

Jonas: Das kann ich ihnen erklären, Artus.

Artus: Sie, Jonas?

Jonas: Nur Jonas. Der letzte Detektiv. Nicht totzukriegen.

Sam: Wenn du denkst, du hast’n, da hüpft er aus’m Kasten.

Artus: Ja, und was nun?

Jonas: Wir spielen das Spiel weiter.

Artus: Welches Spiel?

Jonas: Mittelalter. König Artus. Ritter und Drachen. Aber ab jetzt spielen wir nach meinen Regeln.

Sam: Jawoll.

Jonas: Er versuchte gar nicht erst, sich zu wehren, was hätte das auch gebracht, ein kleiner dicker Konzernchef gegen einen durchtrainierten Jonas. Artus war nicht das Problem. Das Problem war die Zeit. Jonas hatte es eilig, wegen Miriam. Ich sah mich um. Auf dem Schaltpult lag ein kleiner Laserstrahler. Nicht das richtige für einen Drachentöter. Der brauchte was anderes.

Jonas: Wir nehmen eine Lanze, die Panzerfaust, eine Handgranate, ja und dann noch den römischen Wagen.

Artus: Ja aber was wollen Sie denn mit dem?

Jonas: Ein Ritter kann doch nicht zu Fuß wider den Drachen ziehen.

Artus: Ja aber was nützt ihnen der Wagen ohne Pferd? Und ein Pferd gibt’s hier nicht.

Sam: Nehme eure drachenbezwingende Mannhaftigkeit doch den Esel zum Ziehen.

Jonas: Sehr richtig. Ich spannte Artus vor. Der protestierte gewaltig, aber das half ihm nichts. Als er dann im Geschirr war, verweigerte er den Dienst, und rührte sich nicht vom Fleck. Das trieb ich ihm aus, mit der Lanze. Ein wohlplazierter Stich in sein schlappes Hinterteil, und er legte sich wacker ins Zeug. Sam öffnete die Tür in der Mauer. Der Wagen paßte durch, gerade so. Ab durch den Wald, über Stock und Stein, bis zur Lichtung, und zur Höhle. Der Drache war nicht zu sehen. Miriam Kraus klammerte sich noch immer an ihren Ast.

Miriam: Er hat sie gefressen! Beide! Erst die Frau, dann Eckart!

Jonas: Ich hab’s gesehen, auf Artus Monitor.

Artus: Machen Sie mich los, Jonas, ich bitte Sie, lassen Sie mich gehen, ich zahle Ihnen, was Sie wollen. Ah, er kommt raus, o Gott!

Jonas: Ja wenn Sie auch so einen Radau machen, Artus, hü, noch ein Stückchen näher ran, wird’s bald, Esel?

Artus: Nein, da ist er, Rex, der Drache, Hilfe, Hilfe, Hilfe!

Jonas: Mein Zugtier fiel um, und blieb liegen, aber das war jetzt egal, der Drache marschierte über die Lichtung, Richtung Wagen, Richtung Jonas, richtig flott, offenbar war er immer noch hungrig. Ich nahm die Panzerfaust an die Schulter, und ließ ihn näher kommen, noch etwas näher. Dann drückte ich auf den Abzug.

Sam: Oh, Volltreffer.

Jonas: Und jetzt noch die Handgranate.

Miriam: Ist er tot?

Jonas: Scheint so. Mal sehen, ob er reagiert, wenn ich ihn mit der Lanze pieke. Nein, er ist hinüber. Artus auch, die Konfrontation mit seinem Schoßtier hat er nicht ausgehalten. Vor Angst gestorben, wie Vivian Eastwood.

Sam: Ein dreifach Hoch, ein vierfach Hoch, ein fünffach Hoch dem mutigen Drachentöter Jonas.

Miriam: Bravo! Bravo, Jonas!

Jonas: Festhalten, Miriam!

Miriam: Ups!

Sam: Wohin so schnell, o schöne Frau?

Jonas: Zu spät. Sie fiel vom Baum und verlor das Bewußtsein. Ich schleppte sie aus dem Drachenwald, zum Helikopter, und flog mit ihr zurück nach Babylon, wo ich sie im städtischen Krankenhaus ablieferte. – Mitternacht. Ich war wieder zuhause. In meinem Büroapartment. Ich fühlte mich etwas mitgenommen. Von Mode und Mittelalter, von Designern und Drachen, ich brauchte Ruhe. Sam war leider anderer Ansicht.

Sam: Ruhe? Na, Lob braucht ihr und Preis, mein tapferer Herr und Meister. Singe o Muße die Taten des drachenerlegenden Jonas.

Jonas: Laß das, Sam.

Sam: Verzeihung, Stilbruch, klassisches Altertum, Homer. Neuer Ansatz, Nibelungenstrophe: Ein Drache haust im Walde, der fraß so manche Maid, doch Jonas, der kam balde, es war die höchste Zeit, die Panzerfaust, sie knallte…

Jonas: Halt die Klappe.

Sam: Als der Drache frechgeworden, wollte er den Jonas morden, Ritter Jonas gar nicht faul, schießt dem Drachen auf das Maul, daß er daran verendet.

Jonas: Schluß.

Sam: In dem finsteren Drachenwald, hu, wie pfiff der Wind so kalt, und es saß, man glaubt es kaum, eine Maid hoch auf dem Baum, so voller Angst und Bangen.

Jonas: Aus.

Sam: Jonas kam auf stolzen Wagen, um den Drachen zu erschlagen, Panzerfaust und Handgranat, ja, Herr Jonas ist auf Trab, und so blieb er Sieger.

Jonas: Feierabend.

Sam: Fei-ei-eieieieierabend

Das war Drachentöter. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Karin Anselm, Karl Lieffen, Irina Wanka, Jochen Striebeck, Helmut Stange und andere (Jan Becker, Nuran Calis, Boris Nicolay, Yvonne Brosch). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Regieassistenz: Holger Buck und Sieghard Fieber. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 1998. Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Knochenarbeit

Jonas: Es war kein Treibhaus. Es war eine Terrasse. Aber sie war heiß und hell und grün, wie ein Treibhaus, und der Mann im Rollstuhl war wie General Sternwood: uralt, halbtot, mit einem Gesicht wie eine zerknitterte Maske. Er war natürlich nicht General Sternwood. Er war Senior Hector de la Serna. Wir waren auch nicht in Los Angeles, sondern in der Siedlung Bon Retirdo, auf der schönen Insel Palmera im Mittelmeer. Wo sogenannte Senioren aus ganz Europa auf den Tod warten, wenn sie es sich leisten können. Und ich war nicht Philip Marlowe.

de la Serna: Sie sind Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv.

Jonas: In Babylon.

Serna: Auch auf Palmera, das kann ich Ihnen versichern. Hätte ich Sie sonst kommen lassen?

Jonas: Das hatte er. Airticket Babylon-Alicante, Heli-Zubringer Alicante-Palmera und zurück, mit der kurzen Aufforderung, ihn zu besuchen. Blinde Treffen mag Jonas nicht. Trotzdem war er gekommen. Weil er jedem Auftrag brauchte. Die letzten beiden Fälle hatten viel gekostet und nichts eingebracht.

Serna: Rauchen Sie, Senior Jonas?

Jonas: Nein.

Serna: Negrita, die Havannas. Meine Besnieta. Negrita de la Serna. Sie kümmert sich um ihren Urgroßvater.

Negrita: Si, pisabello. Eine Zigarre, Senior?

Serna: Rauchen Sie, Senior Jonas, bitte, für mich. Leider bin ich gezwungen, meinen Lastern durch Stellvertreter zu frönen.

Jonas: Jonas hatte seinen karitativen Tag. Außerdem war sie hinreißend. Nicht die Zigarre. Die Urenkelin. Anfang zwanzig, schwarze Haare, schlank, aber nicht zu sehr. Carmen. So sah sie aus. Aber sie hieß Negrita. Auch nicht schlecht.

Serna: Danke, Senior Jonas. Sie machen einem alten Mann eine große Freude.

Jonas: Mehr schlecht als recht. Weshalb haben Sie mich kommen lassen, Senior de la Serna, wozu brauchen Sie den letzten Detektiv? Nicht nur zum Rauchen, hoffe ich.

Serna: Ich möchte, daß Sie etwas für mich stehlen, Senior Jonas.

Jonas: Und was?

Serna: Knochen, Senior.

Jonas: Knochen?

Serna: Die Gebeine von Che Guevara.

Jonas: Ein ausgefallener Wunsch. Die Knochen von Che Guevara. Dem weltberühmten Revolutionär aus dem 20. Jahrhundert, der schon lange tot war, fast 50 Jahre, oder?

Sam: 47 und ein halbes, indem daß wir heutigen Tages den 3. April 2015 schreiben.

Jonas: Ist bekannt, Sammy.

Sam: Und besagter Guevara aus dem Leben schied am 8. Oktober 1967 im Dschungel von Bolivien, gemeuchelt von den Schergen der Konterrevolution, will sagen der Ranger-Truppe des bolivischen Diktators Parventos. Verwundet, gefangen, erschossen, verscharrt. Eine Schweigesekunde seinem Angedenken. Tick-tack, tick-tack, Piep! Ernesto Guervara, später Che zubenamst, geboren 1928 in Rosario, Argentinien. Medizinstudium, Arztdiplom 1953, entwickelte sich zum Revolutionär und Guerilla-Kämpfer, führte mit und für Fidel Castro die kubanische Revolution zum Siege 1958/59.

Jonas: Das reicht, Sam, wir brauchen keine historische Vorlesung.

Sam: Und ob du die brauchst, Banane, analphabetische. Geistige Bildung Fehlanzeige, häh, wissen wir doch.

Serna: Was bitte ist das?

Jonas: Sam, mein Taschencomputer. Die Enzyklopädie des letzten Detektivs. Wer wird einen Sack Bücher mit sich rumschleppen, wenn er einen Sam hat.

Serna: Bücher haben ihr gutes, Senior, sie äußern sich nur, wenn sie gefragt werden, ansonsten schweigen sie.

Jonas: Das tut Sam nicht.

Sam: Ne.

Jonas: Das kann er gar nicht.

Sam: Ne, niemals never nevermore, garnienicht.

Jonas: Sprach der Rabe, das heißt Sam, und zum Beweis machte er gleich weiter. Mit Nachhilfe in Sachen Che. Daß die Überreste 30 Jahre nach dem Tod entdeckt, nach Kuba überführt und mit viel Pomp in einem Mausoleum bestattet wurden.

Sam: Doch aus der revolutionären Staatsgruft entschwanden sie, nur wenige Monde sind’s erst her, bei den Unruhen nach dem Tod des alten Castro. Geklaut worden sollen sie sein, außer Landes verscherbelt.

Serna: Ihr Computer hat ein seltsames Aussehen.

Sam: Was ist, was ist, was ist? Seltsam? Haben Sie was gegen Blech und Plastik, gegen Skalen und Knöpfe, Räderuropa? Sie sind auch nicht gerade ne Schönheit, weißgottnetle.

Serna: Und er hat eine seltsame Art, sich auszudrücken.

Sam: Haha.

Serna: Aber er hat recht. Che Guevaras Gebeine sind hier, auf Palmera. Richten Sie Ihren Blick gen Westen, Senior Jonas, was sehen Sie?

Jonas: Was man hier überall sieht. Das Superhotel.

Sam: Palmera Beach Tower. 250 Meter vom Zeh bis zum Scheitel. Piep.

Serna: Und genau dort oben, Senior, ein viertel Kilometer über dem Meer, befinden sie sich, im Penthouse der Condessa Gloriana.

Jonas: Gloriana von und zu, Kind und Kegel, Knautsch und Knitter, oder so. Eine Gräfin aus nördlichen Gefilden, stinkreich, weil sie es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, Milliardäre zu heiraten und zu überleben. Früher eine große Nummer im Jetset, als es so was noch gab. Heute bekannte Sammlerin prominenter Reliquien. Sie hatte Lenin. Evita, als Mumie und in Wachs, und jetzt auch das Skelett von Che Guevara.

Serna: Sie hat es gekauft und stellt es aus in einer Vitrine in ihrem Penthouse. Valgusto. Sie werden die Gebeine retten, Senior Jonas, und sie mir überbringen.

Jonas: Warum gerade Ihnen, Senior, was gehen Sie Che Guevaras Knochen an?

Serna: Ich bin ein Verwandter, zwar nur ein entfernter Cousin mütterlicherseits, doch sehe ich es als meine Pflicht an, für die würdige Bestattung des prominentesten Mitglieds meiner Familie Sorge zu tragen.

Jonas: Das ist ein Grund.

Serna: Ich zahle Ihnen 10.000 Euros, wenn Sie Erfolg haben.

Jonas: Und wenn nicht?

Negrita: Sie sind Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv. Sie schaffen es.

Sam: Naja.

Jonas: Wenn Sie das sagte. Ich dachte kurz nach. Ein interessanter Auftrag. Einträglich möglicherweise. Irgendwie moralisch war er auch. Der letzte Detektiv für den letzten Revolutionär. Das hat etwas.

Jonas: Einverstanden.

Serna: Naturalmente. Ich habe mir erlaubt, Ihnen ein Zimmer im Palmera Beach Tower zu buchen, Senior Jonas, im unteren Drittel, weiter oben ist es sehr teuer.

Jonas: Das Penthouse der Gräfin Gloriana war eine Festung, zugänglich nur über einen Spezialschnell-Lift vom Erdgeschoß, für Besucher und Dienstboten mit Spezialzugangsscheibe. Keine Treppen. Schwierig. Frische Luft ist gut für die grauen Zellen. Ich öffnete das Fenster. Ich sah einem kleinen dunkelhäutigen Mann ins braune Auge, der Fensterputzer auf seiner Plattform, die ihn von morgens bis abends rauf und runter fuhr. Rauf, das brachte mich auf eine Idee. Ich winkte ihm, mit einer Flasche Brandy. Quecho, Kasador.

Fensterputzer: No no, yo Islam, komprende? No Alkohol.

Jonas: Du bist Muslime und darfst nicht trinken. Dein Pech, Kamerad. Wie wär’s denn hiermit? 20 Euros. Dinero. Mucho Dinero.

Fensterputzer: Dinero? Si si.

Jonas: Er stieg ein. Ich zog ihm den weißen Overall aus und fesselte ihn ans Klo. Er sah mich an, ängstlich, mit großen Augen. Ich klopfte ihm auf die Schulter, steckte ihm den 20 Euro-Schein ins schmutzige Unterhemd, stieg in den Overall, zwei Nummern zu klein, mindestens, stieg auf die Plattform, und fuhr nach oben. Nicht zum Penthouse, vor der letzten Etage war Endstation, unter der überhängenden Dachbrüstung. Jonas mußte free-climben, erst am Seil, dann am schieren Beton, in einer Höhe von 250 Metern, im zu engen Overall. Ein echter Cliffhänger. Fünf lange Minuten Quälerei, dann hing ich mit dem Oberkörper über der Brüstung. Ich konnte mich verpusten und mich umsehen. Das Dach des Palmera Beach Tower war ein großer Garten, Blumenbeete, Hecken, Minibäume, und mitten im Bunt und Grün ein Hexenhaus, braun und gelb, mit Giebeln und Türmchen, gotisch und grimmig. Brüder Grimmig. Auf dem ganzen Dach kein freier Fleck. Keine Landemöglichkeit für einen Helikopter zum Beispiel, deshalb schwebte er auch 10 Meter darüber, der Helikopter. Grau. An der offenen Tür ein großes rotes A. Aus der Tür hing ein Seil. Am Seil hing ein Mann, in einer Livree aus braunem Samt, gelb abgesetzt. Kniehosen. Kurze Jacke. Schnallenschuhe. Ein Lakai.

Sam: Ein dummes Ding, zu deutsch Domestik, der gnädigen Frau Gräfin zweifelsohne.

Jonas: Er hat einen Rucksack über der Schulter.

Sam: Jajajajajajaja, und da ist was drin. Was mag’s nur sein, hä? So, jetzo ist er drin im Helikopter. Türen schließen. Abfahrt.

Jonas: Ich stieg über die Brüstung, richtete mich auf. Der Helikopter flog Richtung Südost. Ich sah ihm nach, sah, wie er die Seniorensiedlungen an der Südküste streifte, Bon Retirdo, Sanssouci, HCIs, Lebensabend und wie sie alle hießen, die Tennis- und Golfplätze, die Parks und die Schwimmbäder, bis er Kurs ins Innere der Insel nahm, wo’s nur kahle Berge gab, keine Siedlungen, keine Menschen, und da wurde er abgeschossen.

Sam: Bodenluftrakete, melde gehorsamst, Herr Heißluftmarschall. Ja wo sammer denn, auf Feuerland, hmh? In Küßnacht? Äh Kusbekistan?

Jonas: Er ist getroffen, aber er hält sich noch, er trudelt weiter, noch weiter.

Sam: Ui, jetzt ist er unten, mitsamt Lack-Ei, und Rucksack. Friede ihrer Asche. Wie spricht Friedrich von und zu Schiller, hmh? Runter kommen sie immer.

Jonas: Nimm die Koordinaten, Sam.

Sam: Piep. Schon passiert. Pup.

Jonas: Ich hatte so eine Ahnung. Aber vorher mußte ich mich um das Penthouse kümmern. Die Tür stand offen, und als ich näher kam, hörte ich was. Ein nagendes nervendes Geräusch. Jemand zeterte, ohne Punkt, ohne Pause.

Gloriana: Ich bezahle ihn gräflich, fürstlich, und behandelt wird er wie ein Sohn… Ein freier Abend pro Woche, Holo-TV im Zimmer, dasselbe Essen wie für mich selbst. Na, nach mir natürlich in der Küche. Unterschiede muß es geben. Die Herrin ist die Herrin, der Diener ist der Diener, und wenn der Diener meutert, dann wackeln die Werte, dann stürzen die Grundfesten.

Jonas: Hallo.

Gloriana: Meine Haare, junger Mann, geben Sie mir meine Haare, na da auf dem Teppich. Meine Haare, schnell.

Jonas: Ein großer Raum, nicht sehr hell, an den Wänden Vitrinen, und längliche Kästen aus Glas, indirekt beleuchtet. Eine Vitrine war leer und stand offen. In den übrigen lagen Knochen, menschliche Körperteile, Mumien. Was da zeterte war auch eine Art Mumie, eine noch sehr lebendige allerdings, wenn auch alt. Sehr alt. Eine Frau. Klein, krumm, und kahl, auf einen Stuhl geschnürt. Über den Falten strahlendes Make-up. Über den müden Knochen ein kurzes Dirndlkleid. Braun und gelb. Die Hexe vom Hexenhaus. Gräfin Gloriana. Ich setzte ihr die Perücke auf und band sie los.

Gloriana: Wer sind Sie, was wollen Sie, was haben Sie hier zu suchen. Machen Sie den Mund auf, Mann.

Jonas: Hotelsicherheitsdienst, Frau Gräfin. Was ist hier los?

Gloriana: Sehen Sie doch. Mein bestes Stück hat er gestohlen, meinen Che Guevara, aus der Vitrine. Er hat ihn in einen Rucksack gesteckt, ich bin dazugekommen, er hat mich angebunden, dann ist er raus und weg.

Jonas: Wer, Frau Gräfin?

Gloriana: Wer? Juan, wer denn sonst, mein Kammerdiener, mein Butler, ja, lange hab ich ihn noch nicht, erst ein viertel Jahr, aber er ist mit den besten Empfehlungen gekommen, mit den allerbesten, wirklich, von Gunter und Meck und Prinzessin Carolins kleiner Großnichte.

Jonas: Sind Sie allein? Haben Sie nur einen Diener?

Gloriana: Woher denn einen? Vier habe ich, aber die anderen sind einkaufen, oder haben Ausgang, faulenzen oder was weiß ich. Es geht ihnen einfach zu gut. Viel zu gut. Stehen Sie nicht rum, junger Mann, tun Sie gefälligst was, bringen Sie mir meinen Che Guevara wieder. Nächste Woche brauch ich ihn, dringend, da will ich ihn untersuchen lassen, wissenschaftlich, gentechnisch.

Jonas: Untersuchen, warum?

Gloriana: Weil mir jemand gesagt hat, er ist vielleicht nicht ganz echt, nicht der richtige Che, ein Doppelgänger, verstehen Sie? Solche Latrinenparolen gibt’s schon lange, praktisch seit 67, das muß ein Ende haben, die Gräfin Gloriana hat nur absolut echte Stücke. Originale. Unikate.

Jonas: Sie sollten die Polizei verständigen, Frau Gräfin.

Gloriana: Ja richtig, die Polizei, sehr gut, den Commisario Pedasso wird ich anrufen, Großalarm, Großeinsatz, hohe Belohnung, sehr hoch.

Jonas: Runter ging’s bequemer als rauf. Mit einer Spezialliftscheibe, von der Vitrine neben der Tür. Ali kriegte seinen Overall zurück, und verzog sich, verwirt, aber nicht unglücklich, immerhin hatte er 20 Euros verdient, im Sitzen. Jonas rief seinen Auftraggeber an, um kurz zu berichten, was vorgefallen war, dann fuhr ich zum Empfang und mietete ein E-Car. Es war Zeit für eine Spritztour in die Berge. Sammy dirigierte.

Sam: Straight away. Gerade aus. Bei nächster Gelegenheit ein ganz klein wenig rechts.

Jonas: Leicht gesagt, Sam, wenn rechts keine Straße ist, nicht mal ein Ziegenpfad.

Sam: Nun denn so brettere mein Meister Schuhmacher doch tunlichst voll ins Gelände, holliadiö.

Jonas: Meinst du wirklich?

Sam: Es führt kein anderer Weg nach Küßnacht, wo der Helikopter runtergeplumst ist, und dorthin, Monsieur, zieht es uns doch mit magischer Sehnsucht, ne pas?

Jonas: Also gut. Rechts rum.

Sam: Jawoll, Vorsicht, sperr die Augen auf, Blindschleiche, Blindgänger, Blindhahn, Blindenhuhn, Blinddarm damischer. Auf Palmera pflegt man es ganz und gar nicht zu schätzen, wenn liebe Senioren von wüsten Straßenrowdies umgenietet werden.

Jonas: Nichts passiert. Es konnte nichts passieren. Mein E-Car war kaum schneller als der Rollstuhl, den ich beim Abbiegen überholte. Der Alte im Stuhl sah ein bißchen aus wie de la Serna. Nur daß er noch ein paar Haare hatte, und einen weißen Schnauzbart. Ein stämmiger Typ schob ihn des Weges, zügig, obwohl er auch nicht mehr der jüngste war. Jonas fuhr weiter, konzentrierte sich aufs Gelände, und vergaß die beiden Alten. Das hätte er nicht tun sollen.

Sam: Halt. Endstation. Alles aussteigen. Da wär doch wohl mal ein klitzekleines Lob fällig, hmh, für korrekte Koordination, gute Führung.

Jonas: Dafür haben wir keine Zeit, Sam.

Sam: Dafür haben wir keine Zeit, Sam. Dafür haben wir keine Zeit, Sam. Na, typisch, tadeln und schimpfen, und meckern und mosern, das kann er, mein Jonas, wie ein Champion, doch loben, ach, das kann er nicht, will er nicht, tut er nicht. O wie das schmerzt, tief tief drinnen im Herzen.

Jonas: Im Prozessor willst du wohl sagen, Sam.

Sam: Ja Professor.

Jonas: Der Helikopter war an einen Felsen geprallt. Jetzt war er kaputt. Nur kaputt, nicht ausgebrannt. Zwei Insassen, auch kaputt. Der Pilot und der Diener. Auf dem Rücken hatte er noch den Sack, den brauchte er nicht mehr. Ich nahm ihn an mich. Aber ich kam nicht dazu, ihn aufzumachen.

Prado: Halto. Rührt euch.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Schade, kein Feuer. Wären Sie verbrannt die Knochen, könnten wir beruhigt nach Hause fahren, Mario, Mission abgeschlossen.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Du hättest auf den Tank zielen sollen, Mario.

Mario: Semi Coronell.

Jonas: Sie haben den Helikopter abgeschossen.

Prado: Aber ja. Ich habe überall Augen und Ohren, auch im Palmera Beach Tower und bei den Kindern des Aquarius. Geben Sie mir den Sack.

Jonas: Nein.

Prado: Doch.

Jonas: Er gewann. Ich gab ihm den Sack. Er hatte unter die Decke gegriffen, die auf seinen Knien lag. Gegen eine abgesägte Schrotflinte ist ein waffenloser Jonas machtlos. Der Alte langte nach dem Sack, mit der linken. Aber er kriegte ihn nicht. Um den Felsen fegte ein E-Vespa in höllischem Tempo. Die Fahrerin schnappte sich den Sack, in der Luft, sehr sportlich, und schlug dem Alten die Flinte aus der rechten Hand. Sehr geschickt. Jonas fing die Waffe auf. Auch nicht unflott. 2 zu 0. Für die Guten. Für Jonas und Negrita.

Negrita: Ich bin gekommen so schnell ich konnte, Senior Jonas braucht Hilfe, hat Urgroßvater gesagt.

Jonas: Danke, aber lassen Sie den Senior weg. Jonas. Nur Jonas, das genügt. Kennen Sie die beiden, Negrita?

Negrita: Darüber reden wir später, Jonas, zuhause, Urgroßvater wartet, auf den Sack. Ich muß gleich wieder los.

Jonas: Augenblick. Das ist mein Fall. Geben Sie den Sack her.

Negrita: Haben Sie Angst um ihr Honorar, Jonas?

Jonas: Darum geht’s nicht, aber bevor ich nicht genau weiß, was hier gespielt wird, lasse ich mich nicht ausbooten. Geben Sie mir den Sack.

Jonas: Diesmal gewann Jonas, weil er jetzt die Schrotflinte hatte. Negrita war wütend, was ihr ganz ausgezeichnet stand. Mit einer heftigen Bewegung startete sie ihre Vespa und verschwand zwischen den Felsen, wieder in höllischem Tempo. Jonas folgte ihr, sehr viel gemächlicher. Zunächst. Bis ihm was auffiel. Ein Helikopter. Schon wieder. Halb links voraus. Als er die Straße erreicht hatte, landete er, gut 200 Meter vor mir, und wartete, auf Jonas. Das gefiel mir nicht. Ich wollte zurück. Aber auch hinter mir war die Straße dicht. Ein E-Laster hatte sich quer gestellt. An der Seitenwand ein großes rotes A. Auf dem Helikopter übrigens auch. Ich hielt, und nahm die Flinte unter den Arm. Das hätte ich lassen können. Vier Figuren kletterten aus dem Helikopter, zwei postierten sich rechts und links an der Straße, und nahmen Jonas aufs Korn. Mit Kalaschnikows. Die beiden anderen kamen langsam auf mich zu. Eine Frau und ein Mann. Alt. Wie alle auf Palmera. Die Insel der fast schon Seligen.

Uschi: Eine potentiell revolutionäre Situation, Dani?

Dani: Kaum, Uschi, aber eine dialektische.

Uschi: Richtig. Wir sind die These.

Dani: Natürlich. Und er ist die Antithese.

Uschi: Problem: Wie schaffen wir die Synthese, Dani?

Dani: Ganz einfach, Uschi. Er gibt uns, was wir wollen. Widerspruch aufgehoben, Situation geklärt.

Uschi: Wird er uns geben, was wir wollen, Dani?

Dani: Er wird, Uschi. Er ist cool.

Uschi: A grovy cat. Gib uns den Sack, cat.

Jonas: Das Spiel ging also weiter. Mit neuen Mitspielern. Uschi und Dani sahen aus, wie sie sprachen. Gesundheitslatschen, Jeans, psychedelische Kittel, Hornbrillen, Stirnbänder um die spärlichen grauen Locken. Eine Mischung von 68er und Flower-Power. Sehr nostalgisch, fast rührend, aber nicht ungefährlich. Sie hatten einen fanatischen Glanz in den Augen, und natürlich Kalaschnikows.

Dani: Merci.

Uschi: Danke. You know, cat, er ist unser.

Jonas: Der Sack?

Uschi: Der heilige Che.

Dani: Wir sind seine Schwestern.

Uschi: Und Brüder.

Dani: Wir folgen ihm nach. Viva la revolution.

Uschi: So long, cat, love and peace.

Jonas: Drei Minuten später war nur noch Jonas auf der Straße, in seinem E-Car, ganz allein, abgesehen von Sam, aber der muffelte, und sagte kein einziges Wort. Gerade wollte ich anfangen, mich als einsamer Wolf zu fühlen, da kam Gesellschaft. Negrita und ihre Vespa.

Negrita: Sie haben den Sack schon wieder verloren, Jonas, das wird allmählich zur schlechten Angewohnheit.

Jonas: Sie kommen zu spät, Negrita.

Negrita: Was hätte ich denn tun können bei so viel Opposition. Ich habe gewartet zwischen den Felsen.

Jonas: Wer waren die Althippies?

Negrita: Kinder des Aquarius. Eine Art Sekte. Revolutions-Romantiker: Nostalgiker.

Sam: Hallo? Hallo? Falls es irgend jemanden interessiert, in den 70er Jahren des verflossenen Jahrhunderts emigrierten sie nach Palmera, die Sprößlinge des Wassermanns, allwo sie sich eine neue Branche erschlossen, und fortan in Esoterik machten, für betuchte Touristen, gestreßte Manager und dergleichen intellektuell unterbelichtete Zeitgenossen. Veganische Aromatherapie, Feuerlaufen mit Essig und Öl, ganzheitliche Sexmeditation mit praktischen Übungen, neomarxististische Fußzonengymnastik, Spirouetten, Korrektur, spirituelles Bogenschießen rambazamba hodldibums.

Jonas: Und so weiter. Länger als ein paar Minuten stehst du die beleidigte Leberwurst nicht durch, Sammy.

Sam: Doch doch doch…

Jonas: Wissen wir doch. Willkommen im Club.

Sam: Ja ganz ohne Computer geht die Scho-hose nicht.

Jonas: Ruhe. Und wo stecken sie, diese überalterten Aquarianer?

Negrita: Im Aquarium natürlich. Das ist die ehemalige Plaza de Torros, auf einer kleinen Halbinsel im Osten, mit Palmera nur durch einen schmalen Damm verbunden, und der wird permanent bewacht.

Jonas: Es wird nicht einfach.

Negrita: Wie sieht’s aus, Jonas, arbeiten wir zusammen oder einzeln, miteinander oder gegeneinander?

Jonas: Versuchen wir es mal mit Kooperation.

Jonas: Sagte ich, und ich dachte: Bis auf weiteres. Wir setzten uns zusammen, machten einen Plan, und aßen die Sandwichs, die Negrita mitgebracht hatte, in weiser Voraussicht. Kein Whisky, schade. Einige Stunden vergingen. Es wurde dunkel. Vor der Ostküste von Palmera strampelte ein Touristenpaar auf einem Tretboot dahin. Man hätte die beiden aber auch gut für Kinder des Aquarius halten können, weil sie lange bunte Schlabbergewänder trugen und sich ans Aquarium heranarbeiteten, an die vorgelagerte Halbinsel, langsam, beiläufig, wie unabsichtlich. Als es ganz dunkel war, gingen wir an Land. Das Boot ließen wir abtreiben. Wir versuchten uns zu orientieren, mit Sams Hilfe. Die Wächterin sahen wir erst, als sie direkt vor uns stand, mit Kalaschnikow und schlechter Laune. Jonas reagierte blitzschnell. Ab und zu kann er das. Er drückte Negrita fest an sich und küßte sie. Mit Inbrunst. Das fiel mir nicht schwer. Ihr übrigens auch nicht.

Wächterin: Auseinander! Müßt ihr ausgerechnet jetzt privatistisch rumbumsen, ihr seid mir schöne Revolutionäre. Ab in die Arena, zur großen Trauerfeier, Teilnahme obligatorisch, hat das ZK verfügt. Hopp Hopp! Viva la Revolution!

Negrita: Viva!

Jonas: Äh, viva!

Jonas: Die Stimmung in der Arena war ein kurioser Cocktail aus Requiem, Zapfenstreich und 1. Mai an der Kremlmauer. Schwelende Fackeln an offener Gruft. Darüber Che Guevara in Beton, fünf Meter hoch, wenn nicht mehr, im revolutionär-orthodoxen Sahnetortenstil, linke Faust geballt, rechte am Gurt der Kalaschnikow, kühne Augen in die Ferne schweifend, Richtung Utopie. Erhebend. Um Gruft und Denkmal die Kinder des Aquarius, trauernd, aber nicht schweigend.

Uschi: Heiliger Che.

Dani: Messias der Revolution.

Uschi: Jesus Christus mit der Knarre.

Dani: Märtyrer der Entrechteten.

Jonas: Negrita und Jonas hielten sich am Rand, im Schatten, und machten sich Gedanken. Wir waren ja nicht gekommen, um mit Sektierern Trauerrituale zu feiern.

Negrita: Wo ist Che?

Jonas: Den Sack, meinen Sie, Negrita.

Negrita: In der Gruft ist er nicht. Die ist leer.

Jonas: Im Sarg, nehm ich an.

Negrita: Und wo ist der Sarg?

Jonas: Irgendwo in der Nähe. Wenn die fertig sind mit ihrer Litanei, wird er feierlich rausgetragen, und in die Gruft gesenkt, zu den Klängen der Internationale, oder Beethoven.

Negrita: Sehen wir uns mal um.

Jonas: Hinter dem offenen Tor der Matadore ging rechts ein Korridor ab. Dem folgten wir, etwa 20 Meter, bis zu einer Tür, mit Glasscheibe, Fackelschein von innen.

Negrita: Da ist er.

Jonas: Der Sarg. Schon geschlossen.

Negrita: Die Wächterin müssen wir loswerden.

Jonas: Das macht Sammy.

Sam: Ach ja, und wie meinen eure Leichtdahinredefertigkeit macht Sammy dieses?

Jonas: Berliner Spießer 67/68.

Sam: Verstehe. Piep.

Jonas: Warte, bis wir um die Ecke sind. Dann lockst du sie in die andere Richtung. In fünf Minuten bist du zurück. Laß dich nicht erwischen.

Sam: Erwischen? Hähähä. Von einer alten Wasserfrau mit Plattfüßen? Ha, hat Sam nicht seine flotten Rollen, hmh? Abschaum, rotes Gesindel, geht doch rüber ins Arbeitslager. Totschlagen. Aufhängen.

Wächterin: Provokateur, Diversant!

Sam: Schnauze.

Jonas: Wir machten den Sarg auf. Menschliche Knochen. Ein sehr fragmentarisches Skelett, wie es aussah. Auf rotem Samt. Jetzt brauchten wir einen Sack. Keiner da. Aber Negrita fand vollwertigen Ersatz. Sie zog ihr Kleid aus. Ein atemberaubender Anblick, obwohl sie was drunter trug, einen minimalen Bikini.

Negrita: Glotzen Sie nicht, Jonas, helfen Sie mir lieber die Reliquien ins Kleid packen. So, Vorsicht.

Jonas: Sagen Sie, Negrita, warum lassen wir ihnen verehren Anverwandten nicht einfach in seinem Sarg liegen. Würdiger als hier kann er gar nicht bestattet werden.

Negrita: Das verstehen Sie nicht, Jonas.

Sam: Der versteht vieles nicht.

Jonas: Ich verstand so manches nicht an dieser Geschichte. Abwarten. Bevor wir uns empfahlen, schraubten wir den Sarg wieder zu. Die Wächterin kam zurück. Fluchend. Dann rollte Sammy an, ganz ganz leise. Wir warteten. Bis sechs kräftige Wassermänner auftauchten, und den Sarg auf die Schulter nahmen. Musik setzte ein. Der Trauermarsch von Chopin. Die Träger schritten in die Arena. Feierlich. Gemessen. Und während sie ahnungslos den leeren Sarg in die Gruft senkten, setzten Negrita und Jonas sich ab. Zum Strand. Mit Che. Im improvisierten Tragebeutel. Diesmal waren wir vorsichtiger. Wir umgingen die Wache, stiegen ins Meer, und schwammen zur nächsten kleinen Bucht auf Palmera, wo Negrita ihre Vespa versteckt hatte. Die E-Vespa schnurrte durch die subtropische Nacht. Richtung Südwest, Bon Retiro, und Urgroßvater de la Serna, ohne Licht. Vorsichtshalber. Sam hatte seinen Infrarotsensor eingeschaltet. Das war unser Glück.

Sam: Stop!

Negrita: Was ist los?

Sam: Straßensperre hinter der nächsten Kurve. Zwei große E-Cars, blau. Acht große Typen, auch blau, mit großen Füßen und großen Lasern.

Negrita: Inselpolizei.

Jonas: Dahinter steckt Gräfin Gloriana. Sie hat die Polizei informiert und eine hohe Belohnung ausgesetzt. Was tun wir, Negrita? Zurück?

Negrita: Das bringt nichts.

Jonas: Können wir die Sperre umfahren?

Negrita: Ich weiß nicht. Durchs Gelände schaffen wir es nicht. Zu schwierig. Lava. Geröll. Hier muß irgendwo rechts ein kleiner Weg abgehen. Versuchen wir es da.

Jonas: Wir versuchten es, aber schon nach wenigen Kilometern kamen wir an die nächste Straßensperre. Nicht die letzte. Immer wieder mußten wir ausweichen, nach rechts, nach Norden, wohin wir nicht wollten, bis wir in einem weiten Bogen gegen die Steilküste gedrückt wurden, wo’s nicht mehr weiter ging. Das war nicht gut. Und noch weniger gut war es, daß die Polizei uns inzwischen im Visier hatte. Im Visier ihrer Nachtsichtgeräte und ihrer Laserstrahler.

Sam: Nördliche Steilküste direkt voraus. Ende der Fahnenstange.

Jonas: Du bist mein Ratgeber, Sam, analytisch, logisch, elektronisch. Na gib uns mal einen Rat. Wenn’s geht, einen guten.

Sam: Zwo Optionen, Sir.

Negrita: Besser als eine.

Sam: Option eins: Die Herrschaften entsteigen dem Sattel und hüpfen über die Klippe, mit einem fröhlichen Hironimo.

Negrita: Im Dunkeln? 200 Meter tief?

Sam: Bitte nichts übertreiben, geschätzte Urenkelin, es sind nicht mehr denn 198.

Jonas: Und die zweite Option, Sam.

Sam: Option Zwo: Die Herrschaften halten, heben die Arme und ergeben sich ihren Verfolgern.

Jonas: Gefällt mir auch nicht.

Negrita: Option drei?

Sam: Hah, gibt’s nicht, Allerwerteste, Kurzzeitgedächtnis offensichtlich mangelhaft, häh? Zwo Optionen, also sprach Sam, und Sam pflegt sich nicht zu irren.

Negrita: Das glaubst du, du überhebliche Blechdose.

Sam: Was?

Negrita: Kuck mal nach rechts.

Sam: Ach, da ist rechts. Ein Licht.

Jonas: Eine Tür.

Negrita: Eine offene Tür, im Felsen, die Rettung.

Jonas: Oder eine Falle.

Negrita: Haben wir eine Wahl?

Sam: Ne.

Jonas: Sah nicht so aus. Die Polizei kam näher. Wir ließen die Vespa liegen, rannten zur Tür, rannten durch die Tür, schlugen sie hinter uns zu, Massivmetall, nicht leicht zu knacken, schoben zwei schwere Riegel vor, dann erst hatten wir Zeit, uns umzusehen. Wo waren wir?

Gloriana: Wo wir sind? Im Krematorium von Palmera. Kennen Sie das nicht? Tolle Anlage, voll automatisch. Dauerbetrieb, Tag und Nacht, Kühlhalle immer voll. Kann man sich ja denken, hier auf Palmera, nur Tote auf Urlaub. Apropos, schön, daß Sie endlich gekommen sind, wir warten schon seit Stunden, was Chico? Hotelsicherheitsdienst, pfui, Sie kleiner Schwindler, pfui, legen Sie ihre Schrotflinte auf den Boden, langsam, sonst macht Chico Ihnen ein paar neue Löcher ins Gesicht.

Sam: O wie schön.

Gloriana: Hmh, wär doch schade. So ist es brav, und jetzt bitte Hände hoch, das Kind auch.

Jonas: Gräfin Gloriana. Diesmal in Shorts und T-Shirt. Braun und gelb natürlich. Neben ihr ein junger Mann, schwarze Locken, breite Schultern, braungelbe Livree, in der Hand einen Laserstrahler. Vom Regen in die Bratpfanne, wie der Volksmund sagt, oder der weise Bosequo.

Gloriana: Und in diesem knalligen Fetzen haben Sie meinen Che Guevara? Nicht gerade pietätvoll, von Geschmack gar nicht zu reden, aber woher soll’s auch kommen, egal, geben Sie ihn her, geben Sie mir mein Eigentum zurück. – Das wird Commisario Pedaso sein, guter Mann, hat uns die beiden Verbrecher kunstgerecht in die Arme getrieben bzw. vor den Laser, nach allen Regeln des edlen Waidwerks. Mach die Tür auf, Chico.

Prado: Buenas Tardes. Niemand rührt sich vom Fleck. Schieb die Leiche zur Seite, Mario, und, äh, heb den Laserstrahler auf, die Schrotflinte auch.

Mario: Semi Coronell.

Gloriana: Wer sind Sie denn?

Prado: Prado. Gari Prado Salmond. Coronell Prado. Der Name sagt Ihnen etwas?

Negrita: Capitan Prado, der Henker, der Mann, der Che erschossen hat.

Sam: Octobero Otscho, in anno uno millio mewo siento sosenti isiette, oder für Doofe, am 8. Oktober 1967 in der Schule von Igera, wenn er es denn wirklich war, und nicht der Sergeant Mario Teran.

Prado: Das ist die Frage.

Sam: Yes.

Prado: Und die Antwort kennen nur wir beide, nicht wahr, Mario?

Mario: Semi Coronell.

Gloriana: Wie kommen Sie hierher?

Prado: Ah, ich habe überall Augen und Ohren, Condessa, auch bei der Inselpolizei.

Gloriana: Aha. Und Commisario Pedaso, was haben Sie mit dem gemacht? Wo steckt er?

Prado: Oh, hinter dem Felsen, ich habe ihn angewiesen, Stellung zu beziehen und abzukochen, bis er weitere Befehle erhält. Zur Sache, Condessa, wo befinden sich die Überreste des berüchtigten Banditen?

Gloriana: Wenn Sie damit Che Guevara meinen, den hat die Kleine da, in ihrem bunten Beutelchen.

Prado: Ah, geben Sie mir den Behälter, Seniorita.

Negrita: No, nunca.

Gloriana: Kommt ja gar nicht in Frage. Che gehört mir, ich habe ihn gekauft, für teures Geld, bar bezahlt auf den Tisch des Hauses.

Prado: Mag sein, Condessa, aber ich verfüge über zwei Schrotflinten und einen Laserstrahler. Ich kann nicht dulden, daß Sie diesen, diesen Abgesandten der Hölle öffentlich ausstellen. Eine solche Ehre hat er nicht verdient. Ich habe andere Pläne. Er soll verschwinden, ganz und gar, jede Spur, jeder Knochen, jedes Staubkorn. Ich muß ihn endlich loswerden, diesen Teufel aus dem Meer, der mit im Genick sitzt seit einem halben Jahrhundert, und der mir keine Ruhe läßt.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Na, und wo kann ich ihn loswerden? Hier, genau hier.

Jonas: Natürlich, hier, im Krematorium, wo Palmera sich vom Tod und von den Toten trennte. Sergeant Mario nahm Negrita das Bündel mit den Knochen aus der Hand, und legte es seinem Herrn in den Schoß. Beide trieben uns in den hinteren Teil des Raumes, durch eine Tür, durch einen Gang, in eine Kühlhalle, so weit und so hoch wie der Tempel eines unbekannten Gottes. Hier stapelten sich Särge, aus billigem Plastik, Särge über Särge, Hunderte, Tausende, ein ungeheurer Wartesaal des Todes. Weiter nach hinten lief ein Förderband, tiefer hinein in den Felsen, dorthin, wo der gewaltige Ofen röhrte. Robots luden Särge auf das Band, einen nach dem anderen, eine Reihe ohne Ende.

Prado: Leg den Beutel auf das Band, Mario.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Gut so. Oh, Sie frieren, Seniorita?

Negrita: Ein wenig. Für arktische Temperaturen bin ich nicht angezogen.

Gloriana: Ich etwa? Sehen Sie nur, Coronell, überall Gänsehaut, ekelhaft, Sie sind kein bißchen rücksichtsvoll, Coronell, das muß ich schon sagen, oder finden Sie es etwa galant, eine Dame in diese, in diese gräßliche Halle zu bringen? Zu den Toten, in die Kälte.

Prado: Gleich wird Ihnen warm werden, meine Damen, weiter, Mario.

Mario: Semi Coronell.

Jonas: Auch vollautomatische Anlagen müssen gelegentlich gewartet werden, von Menschen. Ein schmaler Gang verlief parallel zum Band, von ihm getrennt durch eine dicke Mauer, darin runde Fenster aus hitzebeständigem Plasti-Plex, Bullaugen, bessere Gucklöcher. Mit bohrendem Blick verfolgte Oberst Prado den Weg der Guevara-Knochen, bis sie im brüllenden Feuerofen verschwanden.

Prado: Ah, endlich, es ist vorbei, Mario.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Er ist verbrannt. Ich bin ihn los. Ich bin frei.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Ich bedaure, Condessa, daß Sie meinetwegen einen gewissen finanziellen Verlust hinnehmen müssen. Leider ließ es sich nicht vermeiden.

Gloriana: Ach, was solls. Schwamm drüber. Ist nun mal passiert, zurückdrehen kann man’s nicht. Kauf ich mir halt was neues. Arni Schwarzenegger soll auf dem Markt sein.

Sam: Ja, hat dort einen Gemüsestand.

Gloriana: Nicht gerade in der Guevara-Klasse, aber ganz interessant, bestimmt sehr eindrucksvoll, und wer weiß, Coronel, vielleicht haben Sie mir sogar einen Gefallen getan.

Prado: Wie darf ich das verstehen, Condessa?

Gloriana: Vielleicht war es ja wirklich nur ein Doppelgänger. Vielleicht haben sie damals in Bolivien gar nicht den echten Guevara umgebracht. Vielleicht ist der echte tatsächlich schon früher gestorben.

Sam: Jajajajajajaja, und zwar im März des Jahres 1965, wie seinerzeit und auch später hie und da gesprechmunkelt ward. Denn in jenem März, es ist dies ein feststehendes unbegrabbelbares historisches Faktum, meine Daumen und Hirn, in jenem März kam es zu einer überaus heftigen Streitauseinandersetzung zwischen Che Guevara, soeben von einer Weltreise zurückgekehrt, und seinem Chef, bis dato Freund, Geigenkasten, zu deutsch, Fidel Castro. Che habe als Industrieminister von Kuba versagt. Das war ein Vorwurf. Der zweite: Che lasse es an der notwendigen Verehrung für die große Sauwetunion fehlen, den Patron und Sponsor der kubanischen Revolution. Unter uns, Genossen, wahrscheinlich war Castro bloß eifersüchtelig, weil Che viel schöner war, viel mutiger, viel berühmter und beliebter, besonders bei den Weibern.

Negrita: Das ist wahr.

Sam: Ja. Wie dem auch gewesen sein mag, und hier verlassen wir die gesicherte Historie, und wagen uns vor in den vagen, doch nicht gänzlich unfundierten Bereich der Spekulatius, meint der Spekulation. Castro, so wird gemutmunkelt, habe damals Che töten und begraben lassen, in aller Heimlichkeit.

Prado: Unsinn.

Sam: Ein doppeltes Lottchen wurde aufgebaut, ein Doppelgänger, dieser trat zunächst im Kongo auf, im Bananenkostüm, dann in Bolivien, um dort von der Weltbühne, weil er keine Schauspielschule besucht hat, wieder abzutreten. Höchst effektiv, jajaja, zu einem Zeitpunkt, und auf eine Weise, wie sie Castro und den Sowjets propagandistisch am günstigen erschien. How, Sam hat gesprochen.

Prado: Kompletter Unfug. Wir haben den wirklichen Che Guevara erschossen, nicht irgendeinen Kleindarsteller, was Mario?

Mario: Semi Coronell.

Gloriana: Tja, also ich weiß nicht. Darum wollte ich die Überreste ja gentechnisch untersuchen lassen, und das Ergebnis vergleichen mit dem Material eines Verwandten von Guevara, hier auf Palmera soll’s einen geben. Dann hätten wir gewußt, ob’s stimmt, was der kleine Geschichtsprofessor uns gerade erzählt hat. Jetzt werden wir’s wohl nie erfahren, irgendwie schade, aber andererseits, das Leben geht weiter.

Sam: Jaja.

Jonas: Der Tod auch. Nicht weit vom Ofen ging ein Servicelift nach unten. Weil Prado seinem Opfer anscheinend noch immer nicht traute, verfolgte er es weiter, vorbei an den Rosten aus Schamott, bis zu einer großen in den Felsen gehauenen Kammer, wo die Asche abkühlte, viel Asche, ein schmutzig-weißer Montblanc, der immer wieder abgetragen wurde, und sich immer wieder neu aufbaute. Ein gewaltiges Gebläse pustete die Asche in einen Tunnel, der schräg nach unten führte.

Gloriana: Ins Meer. Friedhöfe haben wir nicht auf Palmera. Wir wollen nicht daran erinnert werden, daß alles mal zu Ende geht. Alles vorüber, alles vorbei. Ja, Trauerfeiern, die gibt’s natürlich, wenn Freunde abtreten oder Verwandte, in unauffälligen kleinen Kapellen, hell und freundlich, ganz in türkis und pink gehalten. Aber damit ist es dann auch gut.

Prado: Asche zu Asche. Zeit für einen kleinen Umtrunk. Mario, aquariente.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Gib der Condessa auch einen.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Salut.

Gloriana: Ti pesitas, mi Coronell, äh, Euros meine ich natürlich. Und die beiden, der falsche Hoteldetektiv und das Mädchen, was machen wir mit denen?

Prado: Ah, unwichtig, Commisario Pedaso kann sie später einsperren.

Gloriana: Wozu der Umstand, Coronell, wozu warten, machen wir doch gleich klar Schiff. Entsorgen wir sie gleich hier. Sache erledigt und ausgestanden. Sind sowieso zu jung, unverschämt jung, passen nicht auf unsere Insel.

Sam: Ich auch nicht mit meinem Pinsel.

Jonas: Hast keinen.

Sam: Vielleicht mehr als du.

Jonas: Negrita und Jonas sahen sich an, vom Einsperren hielten wir wenig, vom Umbringen weniger. Wir nickten uns zu. Ehe Oberst und Sergeant zu ihren Waffen greifen konnten, waren wir in der Abkühlkammer, vorbei am Aschenberg, an der Mündung der Tunnelröhre. Wir sprangen, die Füße voran. Gebläse und Fallwinkel sorgten für einen flotten Rutsch. Wie im Freibad. Wir riefen nicht fröhlich Jeronimo, wir hielten Mund und Nase zu, wegen der Asche, der Asche von Che Guevara und von vielen vielen ehrenwerten Senioren, die alle mit uns gemeinsam ans Meer reisten.

Negrita: Jetzt bin ich froh, daß ich nur einen Bikini anhabe.

Sam: Wie schön.

Jonas: An Land zu kommen wird nicht leicht sein, die Brandung, die Steilküste.

Sam: Wenn ein ganz kleiner völlig unbedeutender Computer sich mal wieder zu Wort melden dürfte, hmh, ausnahmsweise.

Jonas: Tu das, Sammy.

Sam: Backbord voraus, für Landratten links, nich, da dürfte sich eine Landung möglich machen lassen, denn siehe, ein natürliches Bassin inmitten der Riffe besänftigt die wilden Wogen, und die Küste darüber erscheint weniger steil.

Negrita: Also los.

Sam: Yes.

Jonas: Wir schwammen, und kletterten die Klippe hoch, durchgefroren, voller blauer Flecken, ansonsten intakt. Oben ruhten wir uns eine Zeit lang aus, hinter einem Felsen, und sahen den Inselpolizisten zu. Die hatten offenbar die Geduld verloren. Sie hatten sich vor der Tür zum Krematorium versammelt, und gaben sich große Mühe, sie aufzubrechen. Bislang vergeblich. Von dieser ihrer Aufgabe waren sie so in Anspruch genommen, daß sie nicht auf ihre abgestellten Fahrzeuge achteten. Nett von ihnen. Wir beschlagnahmten den Kommandowagen von Commisario Pedaso. Ausgestattet mit allen Schikanen. Autopilot, Radar, Ersatzuniform. Die teilten wir uns. Negrita kriegte Mütze und Jacke, Jonas die Hose, viel zu weit, aber warm. Eingebaute Bar. Die teilten wir auch. Während das E-Mobil sich seinen Weg durch die nächtliche Insel suchte. – Wir tranken Mate, in der Morgensonne, auf der Terrasse in Bon Retiro. Mit Urgroßvater Hector de la Serna. Jonas fühlte sich nicht in Bestform. Sicher, die verlangten Knochen waren gestohlen worden, mehrmals, auch von Jonas, unter anderem. Aber jetzt waren sie weg. Es gab sie nicht mehr. Sie waren verschwunden.

Jonas: Verbrannt. Im Krematorium von Palmera.

Serna: Sind Sie sicher, Senior Jonas?

Jonas: Leider ja, ich mußte zusehen. Negrita auch.

Serna: Ist das wahr, Besnieta? Du hast es gesehen?

Negrita: Si, Pisabelo. Mit eigenen Augen. Die Knochen sind verbrannt.

Serna: Und die Asche?

Negrita: Ins Meer gestreut. Aufgelöst. Dahin.

Serna: Halleluja. Viva la revolution. Viva el Che. Jetzt ist es unwiderruflich. Unabänderlich. Unumstößlich. Es wird keine gentechnische Untersuchung geben, Che wird ewig leben, weil er für immer tot ist. Das ist Dialektik, Senior Jonas. Mein Mythos ist unsterblich, gestern, heute, morgen, bis in alle Ewigkeit.

Jonas: Ihr Mythos?

Serna: Die übrigen Gerüchte werden verstummen. Jetzt müssen ihn die Neider mir lassen meinen grandiosen revolutionären Tod, meine Hauptrolle in der Geschichte steht fest. Ein für alle mal.

Jonas: Heißen Sie wirklich Hector de la Serna?

Serna: Ich bin Ernesto Guevara de la Serna, genannt Che.

Jonas: Dann sind Sie also nicht 67 in Bolivien gestorben.

Serna: Und auch nicht 1975 auf Kuba. Fidel konnte mich nicht töten. Er verdankte mir zu viel. Er versteckte mich, im Keller seiner Residenz. Hausarrest. Nicht unbequem. Mir fehlte nichts als die Freiheit. Fast 50 Jahre war ich gefangen. Dann starb Fidel. Die wenigen, die außer ihm von mir wußten, kamen in den Wirren um. Ich wurde befreit. Mein Geheimnis behielt ich für mich. Etwas später nahm ich Kontakt mit der Familie auf. Ohne Aufsehen. Mit Negrita kam ich hierher, um in Frieden zu sterben, zum dritten und letzten Mal. Ich hatte nicht mit der törichten Gräfin gerechnet, und damit, daß die Knochen des Doppelgängers noch einmal auftauchen würden, doch nun ist alle Gefahr vorbei. Dank Ihnen, Senior Jonas.

Jonas: Eine erstaunliche Geschichte.

Sam: Eine schier unglaubliche Geschichte. Mein Meister könnte sie an die Medien verkaufen und Millionär werden.

Serna: Würden Sie das tun, Senior Jonas?

Jonas: Nein, Senior de la… Senior Guevara.

Serna: Sie geben mir Ihr Ehrenwort als Cabaliero.

Jonas: Sofort. Der Alte zog sich zurück, müde und glücklich. Jonas war beeindruckt, und unsicher. Glaubte ich ihm? War er wirklich Che Guevara, oder war er ein armer Irrer, der sich einbildete, Che Guevara zu sein.

Jonas: Was sagen Sie dazu, Negrita?

Negrita: Vielleicht.

Sam: Ken Sawe, das heißt.

Jonas: Ich weiß, Sammy.

Sam: Ah, nicht ich weiß, du linguistischer Dösbattel, wer weiß, so heißt es. Wer weiß oder Die Knochen von Che Guevara: Wer weiß, wo sie sind, ob verstreut im Wind, tief unten im Meer, ist die Gruft wirklich leer, sind sie gar noch lebendig, wenn auch nicht sehr wendig, im Rollstuhl ein Greis, ken sawe, wer weiß?

Jonas: Gut, daß diese Geschichte nicht mit Sam endet, sondern mit Negrita, mit einem wunderbaren Wochenende auf Palmera, und mit 10.000 Euros.

Sam: Und mit mir, hahahahaha.

Das war Knochenarbeit. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Hans Korte, Ilse Neubauer, Christine Neubauer, Harald Dietl, Kerstin de Ahna, Hans Günter Martens und andere (Juan Hetzenecker, Anne Stegmann, Werner Klein). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Regieassistenz: Holger Buck und Sieghard Fieber. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 1998. Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Invasion

Lili: Ich hätte nicht aus der Mine fliehen sollen, Herr Jonas, das ist mir klar, ich hätte nicht nach Babylon kommen sollen, aber ich mußte einfach. Ich mußte wissen, was mit meinem kleinen Bruno ist, ob er die Invasion überlebt hat.

Jonas: Die was?

Lili: Die Invasion, die Aliens, die aus dem Weltraum gekommen sind, in ihren Raumkreuzern, die hier alles kaputtgeschossen haben.

Jonas: Haben sie das?

Lili: Ja, dann sind sie gelandet und haben die Erde besetzt. Aber das wissen Sie doch so gut wie ich, Herr Jonas.

Jonas: Da bin ich mir nicht so sicher.

Jonas: Sie war nicht mein Typ. Sehr groß, grob, unschön. Trotzdem wimmelte ich sie nicht ab. Als sie sich zu mir setzte. Im Casablanca. Ich hörte ihr zu. Warum weiß ich nicht. Vielleicht hatte ich eine Vorahnung. Sie hieß Lili, sagte sie. Lili Putowski.

Lili: Darum nennen mich alle Liliput. Lili Marlen wäre mir lieber.

Jonas: Dann sagen wir doch Lili Marlen. Und Sie sagen Jonas. Nur Jonas. Ich bin kein Herr. Ich bin Detektiv. Der letzte. In Babylon, der großen Stadt.

Lili: Mein kleiner Bruno hat gesagt, ich soll zu Ihnen gehen, Herr… ich meine Jonas. Ich soll ins Casablanca gehen, da sind Sie oft. Bruno kennt Sie gut. Bruno ist acht. Sie sind sein Held, Jonas. Er hat Sie im Holo gesehen. Und im Euronet. Er weiß alles über Sie.

Jonas: Tatsächlich?

Lili: Und über Sam. Ihren Supercomputer. Was er alles kann, und wie wunderbar er redet.

Sam: O Dank, vielmaligster tiefinnerlichst empfundener Dank, allergnädigste Frau und Mutter, wohl dem, der eine Mutter hat. Jonas, gewißlich, der ist bekannt, doch wer kennt Sam? Den Äußerlich nicht eben gewalttätigen, doch mit einem so großen, so umfassenden, jaja, wer weiß ihn zu schätzen.

Jonas: Hast du doch gehört, Sammy, der kleine Bruno, acht Jahre alt.

Sam: Bald halb neun.

Jonas: Sonst wüßte ich keinen. Warum hat Ihr Sohn Sie zu mir geschickt, Lili Marlen?

Lili: Wegen der Invasion natürlich.

Jonas: Natürlich.

Lili: Weil Bruno nichts davon wußte. Und weil ich in Babylon keine neuen Ruinen gesehen habe. Nur die alten im Reservat und in der Südstadt. Obwohl die Aliens die halbe Stadt in Schutt und Asche gelegt haben. Das hat mich irgendwie unsicher gemacht.

Jonas: Aber nicht sehr. Lili wußte, was sie gesehen hatte. Im Holo-TV. Tagelange Sondersendungen. Vom ersten Erscheinen der Raumschiffe am Himmel bis zur Landung und zur Eroberung der Erde. Sagte sie. Jonas wunderte sich. Es ging ihm wie dem kleinen Bruno. Er wußte nichts von Aliens. Nichts von einer Invasion. Nicht in Babylon, nicht in Europa, nicht auf der Erde. War die Frau verrückt? Sollte ich auf sie eingehen?

Jonas: Wann haben Sie das gesehen, Lili Marlen?

Lili: Im Januar.

Jonas: Dieses Jahres?

Lili: Ja, sicher. 3., 4., 5. Januar 2015.

Jonas: Vor fünf Monaten. Und wo haben Sie’s gesehen?

Lili: In der Mine, wo ich arbeite. Gearbeitet habe.

Jonas: Lili war Bergfrau. Beschäftigt beim REUBA-Konzern. REUBA steht für Rare Elements Unlimited Babylon. Das sagt alles. REUBA hat sich spezialisiert. Auf die Gewinnung seltener Elemente und Rohstoffe. Dusenium zum Beispiel, so benannt nach seinem Entdecker, um 1900. Äußerst selten. Und äußerst wichtig. In der Nanotechnik. Weil es so gut leitet. Oder so schlecht. Jonas ist kein Techniker. Dusenium kam auf der ganzen Welt nur an einer einzigen Stelle vor. Weit draußen im Niemandsland. Wo Europa, Rußland und die Drittwelt aneinander stoßen. Da lag die Dusenium-Mine der REUBA. Namens Dusechs. Der Abbau war mühsam. Und gefährlich. Vor allem teuer. Weil Dusenium nur in großer Tiefe auftrat. Und nur in minimalen Einsprengseln. REUBA konnte weder Robots noch Androiden einsetzen. Nicht mal normale Bergleute. REUBA brauchte Elitels. Wie Lili.

Lili: Wir sind alle Elitels draußen in Dusechs.

Jonas: Sam, erklär den Hörern, was ein Elitel ist.

Sam: Jawoll, mit der allergrößten Bereitestwilligstkeit, Chef. Ein Elitel ist kein Eledil und Krokofant, nein, meine Daumen und Hirn, ein Elitel ist die Kurzform von Element-Telepat, hmh, dies Wort definiert einen Menschen, welcher die Gaby besetzt, wos, ne, Korrektur, welcher die Gabe besitzt, gewisse Elemente auf extrasensorischem telepatischem Wege aufzuspüren, so sieht’s aus. Elitels sind nicht eben häufig, nein nein, genau wie ich, und werden sehr gut bezahlt.

Lili: Jetzt natürlich nicht mehr nach der Invasion. Jetzt arbeiten wir umsonst. Aus Patriotismus.

Sam: Gestatten, Herr Vizebergadjunkt, eine wenn auch nicht angeforderte, so doch durchaus relevante Anmerkung zum Thema Dusechs.

Jonas: Nur zu, Sam.

Sam: Po-Piep. Die Mine Dusechs existiert nicht mehr. Piep-pup. Am 5. Jänner 2015 wurde sie durch ein Erdbeben im Niemandsland total kaputtzerstört. Alle dort Weilenden verblichen eines jähen Todes, will sagen, sie wurden weiß. Requiesant in pace.

Lili: Unsinn.

Jonas: Das stimmt, Sammy. Es gab eine große Trauerfeier. Auf dem Ernst-August-Platz. Vor der REUBA-Zentrale.

Sam: Wonach übrigens REUBA bekannt gab, die Prospektoren des Konzerns hätten kürzlich ein neues Dusenium-Vorkommen entdeckt. Auch im Niemandsland. Dusechs zwo. Welch glücklicher Zufall. Nie wird Dusenium uns fehlen, nein nein.

Lili: Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr.

Sam: Macht nix.

Lili: Am 5. Januar war kein Erdbeben, da sind die Aliens gelandet. Dusechs haben sie bisher nicht entdeckt. Die Mine arbeitet weiter auf Hochtouren. Für den Widerstand im Untergrund. Der baut eine Superwaffe gegen die Aliens. Und dafür brauchen sie Dusenium. Viel Dusenium. Ich hätte bleiben und mit den anderen weiter nach Dusenium suchen sollen. Aber der kleine Bruno.

Sam: Das Herz einer Mutter. Wer kann es ermessen. Mama, du sollst doch nicht…

Jonas: Noch so ein Widerspruch. Lili hatte Dusechs verlassen. Heimlich, sagte sie. Unbemerkt von Wachen und Patrouillen. Aliens natürlich. Zu Fuß hatte sie sich durchs Niemandsland geschlagen. 10 Tage, zwei Wochen. Bis nach Babylon. Zuerst hatte sie den kleinen Bruno besucht, der in einer Kinderkrippe untergebracht war. Jetzt war sie bei Jonas. Was sollte ich mit ihr anfangen?

Jonas: Noch ein Bier, Lili Marlen?

Lili: Überall sind sie, die Aliens. Sie maskieren sich als Menschen. Jeder von ihnen könnte einer sein. Die dicke Frau, die sich mit Sojatorte vollstopft, oder der große Typ da mit der roten Baseballkappe an der Theke.

Jonas: Jedenfalls kein Stammgast. Ich kenne ihn nicht.

Lili: Ich muß mal verschwinden. Bestellen Sie uns inzwischen noch zwei Bier, Jonas?

Sam: Ja und für mich ne Kanne Benzin.

Jonas: Ihr Bier wurde schal. Sie kam nicht zurück. Und ich rang mich dazu durch, sie zu suchen. Auch der letzte Detektiv wagt sich nicht leichtfertig an einen geheimen Frauenort. Ich ging nach hinten, durch den dunklen Gang, vorsichtig, sah mich um, machte die Tür auf, langsam. Keine Frau, auch nicht Lili. Statt dessen ein frischer Blutfleck. Und eine rote Baseballkappe. In einer Zelle, auf dem Boden. Das gab mir zu denken. Ich steckte die Mütze ein, und ging zurück. Noch langsamer, noch vorsichtiger. An der Schwingtür blieb ich stehen. Im Dunkeln, unsichtbar. Rotkäppchen stand noch immer an der Theke. Er hatte Gesellschaft bekommen. Noch ein Rotkäppchen. Und der große böse Wolf. Kalte Wolfsaugen. Kaltes Wolfslächeln. Weiße Zähne im grauen Stachelbart. Ein Boss, ein Dominator. Er sprach mit Jacob, dem Wirt. Der zeigte auf den Gang, auf Jonas. Verräter. Zeit zu verschwinden.

Sam: Aller allerhöchste Zeit, Signor Trödilio, ergebenster Vorschlag: Hintertür.

Jonas: Das heißt, durch die Küche.

Sam: Wo’s Schmalzbrote gibt.

Jonas: Wo Jacob sein berühmtes Gourmetmenü zusammenrührt. Mit dem Chemiebaukasten.

Sam: Und seinen Synth-Whisky panscht.

Jonas: Weshalb die Küche im Casablanca nur das Labor heißt. Und dies wiederum eröffnete einem Detektiv auf der Flucht gewisse Möglichkeiten. Sofern er über einen lauten Computer verfügte.

Sam: Achtung, zentrales Gesundheitsamt Babypsilon. Ri-ra-Razzia. Hygienekontrolle. Keiner verläßt den Raum. Punktum.

Koch: Aber wir haben doch immer pünktlich geza…

Sam: Schnauze. Wer den Mund aufmacht, wird mit dem eigenen Küchenmesser geschnetz-bruzzelt.

Jonas: Übertreibs nicht, Sammy.

Sam: Hier wird mit Schwefelsäure gekocht, jawoll, hier wird mit Dioxin abgeschmeckt. Das verstößt gegen § 1 der Küchenverkehrsordnung, Herr Portiers.

Jonas: Jonas war nur auf der Durchreise. Im Vorbeilaufen riß er einem Küchenbullen die Mütze vom Kopf. Dann war er draußen. Auf der Gasse hinter dem Casablanca. Vor der Tür wartete ein Rotkäppchen. Auf Jonas. Nicht auf einen Koch mit Mütze.

Jonas: Sie sollen reinkommen. Ihre Kollegen brauchen Hilfe.

Rotkäppchen: OK, haben Sie den Kerl?

Jonas: Sieht nicht so aus.

Rotkäppchen: Hey Hey, Moment mal.

Sam: Was is’n?

Jonas: Aber Jonas war schon um die Ecke. In Sicherheit. Vorerst. Ich winkte mir eine Rikscha und ließ mich in Zentrum bringen. Zum Ernst-August-Platz. Untertauchen, das war der Plan. Untertauchen in der Masse. Die war heute ganz besonders massenhaft. Der Klimadom war geöffnet. Ausnahmsweise. Und ein paar Sonnenstrahlen fielen auf den Platz. Auf die Hochhäuser. Die zentrale Sicherheitsverwaltung. Das Rathaus. Die REUBA-Zentrale. Und auf das riesige Rondell aus Fastrasen. Wo sich die Babylonier drängten. Dicht an dicht. Halbnackt, fast nackt, ganz nackt. Jonas stellte sich dazu. Nacktheit ist die beste Verkleidung. Sherlock Holmes. Oder vielleicht Siegmund Freud?

Stimme: Akute Hautkrebsgefahr. Setzen Sie sich keinesfalls länger als 7 Minuten, ich wiederhole, 7 Minuten, der direkten Sonnenbestrahlung aus.

Jonas: Keine Rotkäppchen in Sicht. Entwarnung.

Sam: Fürs Erste, Chef. So lasset uns denn gelieb dem Herrn die gewonnene Muße nutzen, und des Rates pflegen.

Jonas: Ich brauch kein Rat von dir, Sam.

Sam: Wie? Mondieu. Kein Arroganz.

Jonas: Ich brauch Informationen. Daten. Lili Putowski. Such, Sammy.

Sam: So nicht, Sir, ist Sam ein Hund, na?

Jonas: Du bist ein Frettchen, Sammy.

Sam: Auch noch.

Jonas: Ein virtuelles Frettchen im digitalen Labyrinth. Oder umgekehrt. Los, Sammy, such, such, such Lili Putowski in der REUBA-Datei.

Sam: OK OK, Frettchen Sammy sucht schon. Piep. Pup. Pup. Pup.

Jonas: Lili Putowski war tot. Gestorben am 5. Januar 2015. In der Mine Dusechs. Wo sie gearbeitet hatte. Hinterlassen hatte sie einen achtjährigen Sohn. Bruno Putowski. Wohnhaft in Mirko Minkows Kinderkrippe. Die Kosten trug REUBA. Sam konnte sogar ein Bild von Lili anbieten. Auf seinem klitzekleinen Mini-Monitor. Zu klein, wenn Sie mich fragen.

Sam: Bildschirm ist groß genug. An dir liegt’s mein Alter. Augen lassen nach, Zähne fallen aus, Haare sind schon weg. Und wie steht’s um die vielgepriesene Libido?

Jonas: Halt dich zurück, Sam. Ja, das ist sie. Und wenn sie das ist…

Sam: Dann ist sie nicht in Dusechs umgekommen. Beim Erdbeben.

Jonas: Apropos Erdbeben. Da war doch was damals. Gleich fällt’s mir ein. Kanuk.

Sam: Kuckuk?

Jonas: Kuno Kanuk. Volksrentner. Stammgast im Casablanca. Und Hobby-Seismologe. Mit einem eigenen Anzeigegerät. Das am 5. Januar nicht reagiert hatte. Kein großes Erdbeben im Niemandsland auf seiner Richterskala. Auch kein kleines. Gar kein Erdbeben. Kanuk hatte im geologischen Institut der Uni Babylon nachgefragt. Antwort: Geräte fehlerhaft. Kanuk war nicht überzeugt. Er schwor auf seine Anlage. Das hatte er mir erzählt. Damals im Casablanca. Und da fiel mir noch was ein. Ich hatte Kuno Kanuk lange nicht gesehen.

Jonas: Fonverbindung, Sam, Kanuk, Kuno.

Sam: Befehl. Piep. Kanuk, Kuno. Fonisch unerreichbar.

Jonas: Was heißt das? Wo steckt er?

Sam: Ja, wo mag er wohl stecken? Im Himmel, hmh, in der Hölle, häh, im Nirwana? Fragen Sie Ihren Priester oder Guru.

Jonas: Kanuk ist tot.

Sam: Jui, wie ein Türnagel. Verstorben am 11. Januar 2015. Verkehrsunfall. – Ein Anruf für meinen Herrn und Jonas.

Jonas: Wer?

Sam: Chefinspektor Br-Brock. Sind wir zuhause?

Jonas: Stell ihn durch, Sam.

Brock: Jonas?

Jonas: Was wollen Sie, Brock?

Brock: Lassen Sie alles stehen und liegen, gehen Sie ans nächste Hologerät.

Jonas: Warum?

Brock: Beeilen Sie sich.

Sam: Oha.

Jonas: Wenn es meinem guten alten Feind von der Kripo so wichtig war. Außerdem waren meine 7 Minuten um. Ich zog mich an, und suchte mir einen Multimedia-Shop. Über alle Holoschirme im Schaufenster lief ein Programm. Sondermeldung.

Holo: Grauenhafter Serienmord in Kinderkrippe. Fünf Opfer bestialisch zu Tode gefoltert. Drei Kinder…

Jonas: Mein Gott, die Kinder.

Holo: Im Alter von 5 bis 8 Jahren.

Jonas: Der kleine Bruno.

Holo: Mirko Minkow, der Leiter der Krippe, und eine bislang nicht identifizierte Frau.

Jonas: Lili. Das ist sie. Die Größe. Die Statur.

Holo: Sehen Sie alles weitere, alles nähere, alle entsetzlichen Einzelheiten, heute Nachmittag, 15 Uhr 10 in unserer von REUBA gesponserten Show Schwarze Dahlie, der Serienmörder der Woche. Und nun noch eine Meldung der Kripo. Im Zusammenhang mit dem Kinderkrippenmassaker wird gefahndet nach Jonas, nur Jonas, bekannt als der letzte Detektiv. Vorsicht! Jonas ist extrem gefährlich und vermutlich bewaffnet.

Jonas: Schön wär’s.

Wolf: Sie waren es nicht, Jonas. Ich war es. Hat Spaß gemacht. Mit Kindern tue ich’s besonders gern. Man muß natürlich Ruhe haben, Zeit, Fantasie, das richtige Werkzeug. Skalpell, Lötkolben, Bohrmaschine.

Jonas: Er stand direkt hinter mir. Ich drehte mich nicht um. Ich wußte, wer er war. Stachelige Barthaare an meinem Ohr. Der große böse Wolf. Blitzschnell rammte ich beide Ellebogen nach hinten. In seinen Bauch. Er klappte zusammen. Und Jonas rannte. Zum nächsten Metroeingang. Auf den untersten Bahnsteig. Weiter in den Tunnel. Dann durch Türen und Schächte, die nur wenige kannten. Bis ich im alten Abwassersystem angekommen war. In der Unterwelt von Babylon. Hier konnte ich mich ausruhen. Und überlegen.

Jonas: Sammy, es stinkt.

Sam: Na was hast du denn erwartet, du Schnarchnase? Rosenduft, häh? Chanell Numero se? Lavendel und Rosmarie? Hier unten kann’s doch nur nach Exkrementen stinken. Nach antikem Kot. Gut abgelagert, edel gealtert, gülden gefärbet.

Jonas: Ich meine den Fall, Sam. Der Fall stinkt.

Sam: Fall? Was für ein Fall?

Jonas: Das wüßte ich auch gern. Lilis Geschichte. Rotkäppchen und der Wolf. Kuno Kanuk. Schlächterei in Kinderkrippe. Fahndung nach Jonas. Was gibt das zusammen?

Sam: Hab ich doch gesagt. Scheiße bis über die Halskrause.

Jonas: Und wie komm ich da raus? Was hätte Bogie gemacht?

Sam: Bogie ist tot. Und Philip Marlowe hat geheiratet. – Chefinspektor Brock begehrte euer wertes Ohr, Senior.

Jonas: Dann leihen wir’s ihm doch.

Brock: Sie laufen noch frei rum, Jonas? Gut, wenn wir Sie erst mal haben, kann ich Ihnen nicht mehr helfen.

Jonas: Helfen wollen Sie mir, Brock, Sie?

Brock: Nicht, weil ich Sie mag, Jonas. Weil ich was gegen Serien- und Kindermörder habe. Und wenn Sie ein Serienmörder sind, dann bin ich die Heilige Diana.

Jonas: Danke.

Brock: Sie sind nur ein Arschloch.

Jonas: Danke.

Brock: Erinnern Sie sich noch an den Fall Mustermann, Jonas?

Sam: Schneeflittchen, November 2011.

Brock: Wissen Sie noch, an welchem ungewöhnlichen Ort dieser Fall zu Ende ging?

Jonas: Klar, im Keller der Zentralen Sicherheitsverwaltung. Was soll das, Brock, ich denke, Sie wollen mir helfen.

Brock: Wissen Sie, Jonas, ab und zu gehe ich da mal hin. In den Keller. Um in Ruhe nachzudenken. Nach Dienstschluß, so gegen halb fünf. Wollen Sie sich übrigens die schwarze Dahlie im Holo ansehen?

Sam: Ne.

Jonas: Unbedingt. Fragte sich nur, wo. In der Unterwelt gab’s keine Holoapparate. Sam hatte eine Idee. Und Jonas hatte einen Schlüssel. Zum Apartment von Ines Sikorski. Fall Blackout. Vor einem knappen Jahr. Ich blieb unten. Vorsichtshalber. Und wanderte, ein paar Kilometer. Dann war ich da. Unter dem riesigen Apartment-block in Zentralost. Ines war nicht zuhause. Wahrscheinlich Spätdienst im Krankenhaus. Von mir aus. Zur Zeit hatte Jonas mehr Sehnsucht nach dem Hologerät als nach Ines.

Holo: Schwarze Dahlie. Die mörderisch gute Show, wird Ihnen präsentiert von Supermedia und REUBA. Und hier ist Ihr Host. The one and only Jack the Ripper.

Jack the Ripper: Danke, danke, hi, everybody. Es ist mal wieder Mord- und Foltertime. Ich weiß, Sie alle warten schon darauf in fieberhafter Spannung. Wer wird heute Serienmörder der Woche. Wer kriegt heute unseren wertvollen, heißbegehrten Preis, die schwarze Dahlie aus antiken Bakelit, designt und gestaltet im Auftrag unseres Sponsors REUBA. Diesmal keine Ausscheidung, ladies und gentlemen, keine Qual der Wahl. Durch einstimmigen Entscheid unserer hochkarätigen Jury ist der Serienmörder der Woche der Schlächter von der Kinderkrippe. Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv. Er hat es uns und der Kripo leicht gemacht, meine Damen und Herren, er hat seine hochinteressante Arbeit gewissermaßen signiert, nicht wahr, Chefinspektor Brock?

Brock: Ja ja, das ist richtig. Auf einer Wand der Kinderkrippe wurde mit dem Blut der Opfer folgende Botschaft geschrieben…

Jack the Ripper: Herzlichst, Jonas, ihr letzter Serienmörder.

Brock: Das heißt natürlich noch lange nicht…

Jack the Ripper: Danke, Chefinspektor, danke. Hier sehen Sie die blutige Botschaft, boys and girls, hier sehen Sie unseren Preis. Was Sie nicht sehen, noch nicht, ist unser Preisträger, aber wir sind sicher, Chefinspektor Brock und seine Kollegen werden ihn bald haben, und wenn sie nicht, dann der REUBA Sicherheitsdienst, der sich dankenswerterweise in den Fall eingebracht hat, unter dem persönlichen Kommando seines kompetenten Chefs G. B. Wolf. Die Großfahndung läuft, meine Herrschaften, und während sie läuft, kommen wir, wie versprochen, zu den grauenvollen, den gräßlichen, den geradezu unfaßbaren Einzelheiten der von uns heute preisgekrönten Tat. Es geschah in den frühen Nachmittagsstunden des heutigen Tages. Friedlich und fröhlich spielten drei Kinder im gemütlichen Aufenthaltsraum ihrer Krippe, nicht ahnend, welch…

Jonas: Ines?

Ines: Hilfe! Jonas, der Mörder, er ist hier! Hilfe!

Jonas: Das jähe Ende einer wunderbaren Freundschaft. Wieder mußte Jonas rennen. Und sich in der Unterwelt verstecken. Bis es Zeit war. Für das Treffen mit Brock. 9. Juni 2015. Viertel vor fünf. Im Keller der zentralen Sicherheitsverwaltung sah es noch genauso aus wie vor dreieinhalb Jahren. Grau. Staubig. Trübes Licht aus alten Neonröhren. Uralte Aktenschränke voll uralter Akten. Kafkaesk, würde Sam sagen. Dazwischen wanderte ein einsamer Chefinspektor auf und ab. Er sah nicht hoch, als Jonas auftauchte. Er redete weiter vor sich hin.

Brock: Undurchsichtiger Fall, der Mord in der Kinderkrippe. Daß es Jonas war glaub ich einfach nicht.

Jonas: Es war Wolf. Der Sicherheitschef von REUBA. Mit seinen Rotkäppchen. Er hat’s mir selbst gesagt.

Brock: Aber REUBA hat sich Jonas ausgekuckt, warum auch immer. REUBA ist ein mächtiger Konzern, mit großem Einfluß auf die Regierung, auch auf die zentrale Sicherheitsverwaltung. Hach, da halt ich mich besser raus.

Jonas: Was soll ich tun, Brock?

Brock: Wenn ich Jonas wäre, würde ich bei REUBA ansetzen. Da ist der Schlüssel.

Jonas: Aber nicht in Babylon. Im Niemandsland. In der Mine Dusechs. Falls es die noch gibt. Frage: Wie komm ich hin?

Brock: Schon merkwürdig, diese vielen nutzlosen Informationen, die bei der Kripo zusammenlaufen. Zum Beispiel, daß der monatliche Supertruck von REUBA morgen früh startet. Zu den Minen im Niemandsland. Er fährt übrigens mit Diesel. REUBA hat eine Ausnahmegenehmigung, weil’s da draußen keine E-Tankstellen gibt. Der Truck holt die abgebauten Rohstoffe, und bringt alles, was gebraucht wird. Lebensmittel, Treibstoff, Batterien, Ersatzteile, Holobänder, etc. Ein Kommando von REUBA Sicherheitsdienst fährt mit. Als Begleitschutz. 20 Mann. Einer von denen hat die Angewohnheit, sich vor dem Start noch mal ordentlich abzuarbeiten. Im REUBA- Fitneßcenter, gleich neben der Truckstation am südlichen Stadtrand. Lorenz heißt der Mann. Warum merke ich mir so was? Absolut nutzlos.

Jonas: Danke, Brock.

Brock: Um fünf fährt er, der Truck. Na, Feierabend, Schluß für heute.

Jonas: Es war ein weiter Weg. Vom Zentrum zum Stadtrand. Jonas stieg um. Vom Abwasserkanal ins Atomschutzsystem. Zur Zeit nicht gebraucht. Aber gewartet. Ein Labyrinth. Jonas kannte den Zugangscode. Und er wußte, wo die E-Velos parkten, die den weiten Weg erheblich abkürzten. – 10. Juni. 4 Uhr 30 Morgens. Im REUBA- Fitneßcenter war nichts los. Ein einziger Bodyfreak pumpte und schwitzte. Lorenz. Neben ihm lag seine REUBA-Passcheibe. Und seine rote Baseballkappe. Jonas trug auch eine, die er im Casablanca gefunden hatte. Perfekte Tarnung. Lorenz hielt mich für einen Kollegen. Daß er sich irrte, wurde ihm erst klar, als ich zuschlug. Zu spät. Ich schlug hart zu. Bis er sich nicht mehr rührte. Ich dachte an Lili und an die Kinder. Die REUBA-Passcheibe steckte ich ein. 5 vor 5. Mit laufenden Motoren stand der REUBA- Supertruck vor der Station. Eine gigantische Zugmaschine, zwölf vollbeladene Anhänger, ein nervöser Truckchef hielt auf der Brücke Ausschau, nach dem fehlenden Sicherheitsmann.

Truckchef: Na endlich. Moment mal, Sie sind nicht Lorenz.

Jonas: Lorenz hat sich krankgemeldet. Muskelfaserriß. Ich bin der Ersatz.

Truckchef: Ja und warum weiß ich davon nichts?

Jonas: Weil’s gerade erst passiert ist. Sie haben mich aus dem Bett geholt.

Truckchef: Name?

Jonas: Jogurta.

Truckchef: Schon mal Dienst am Supertruck gemacht, Jogurta?

Jonas: Nein.

Truckchef: Auch das noch. Na, steigen Sie ein, Mann, die Kollegen werden Ihnen alles erklären, später. Achtung, wir starten.

Jonas: Jogurta kam zur Heckwache. Quartier im letzten Anhänger. Die Einrichtung war spartanisch. 10 Kojen, 10 Spinde, ein angeschraubter Tisch, 10 Stühle, ganz ordentliches Essen, Dienst nicht allzu anstrengend. Die Kollegen waren nicht mißtrauisch, obwohl sie Jogurta nicht kannten. Der REUBA-Sicherheitsdienst ist eine große Truppe. Großer Umschlag. Großer Verschleiß. Zwei Tage vergingen. Wir fuhren, durch die Wildnis. Dann durchs Niemandsland. Keine besonderen Vorkommnisse. Ab und zu hielten wir. An REUBA-Außenstellen. Minen. Schürfplätzen. Wir luden ab und luden auf. Jogurta tat seine Arbeit. Und bemühte sich nicht aufzufallen. Jonas erinnerte sich. An frühere Touren in dieser Gegend. Fall Niemandsland vor vier Jahren. Fall Weihnachtsmärchen vor zweieinhalb. Ich kannte sie gut, diese tote Landschaft. Orange und grau. Dazwischen Farbtupfer. Schwarz. Rot. Giftgrün. Ruinen. Reste. Rost. Geschmolzener Sand. Und Felsen. 12. Juni. Morgen. Jogurta hatte Außendienst. Begleitschutz. Als letzter Mann fuhr er hinter dem Truck. Auf seinem E-Bike. Hielt die Augen offen. Gewissenhaft. Immer im gleichen Rhythmus. Links. Rechts. Rückspiegel. Und da sah ich plötzlich was. Weit hinter mir. Einen Punkt, der allmählich größer wurde. Ein Fahrzeug. Wer war das? Ich hatte eine Ahnung, die sich bald bestätigte. Mein Funkgerät fing an zu reden.

Wolf: Hallo, Jonas. Trifft sich gut, daß Sie gerade Hintermann sind, da können wir unser Problem ohne großes Aufsehen klären. Ich brauche Sie nicht aus dem Truck zu holen. Sie fragen sich vielleicht, wie es mir möglich ist, Sie auf die noch recht beträchtliche Entfernung zu identifizieren. Ich habe ein gutes Glas, sehr gute Augen, und den besten Willen, Sie in die Hände zu kriegen.

Jonas: Sind Sie meinetwegen hier, Wolf?

Wolf: Selbstverständlich. Nur ihretwegen. Sie waren verschwunden. Alle meine Leute suchten und suchten. Aber sie fanden nicht Jonas. Sie fanden Lorenz. Da wußte ich Bescheid. Ich habe meinen Rover aus der Garage geholt, und mich auf den Weg gemacht, ja, und da bin ich nun, und da sind Sie. Wollen wir es kurz machen? Sie halten an und ergeben sich.

Jonas: Lieber nicht.

Wolf: Ich kann’s Ihnen nicht verdenken. Aber was wollen Sie tun? Sie haben nur eine Signalpistole. Ich habe Laser. Und Neurofreezer. Ich denke, den werde ich benutzen. Damit wir ein bißchen Spaß miteinander haben können. Fahren Sie von mir aus weiter, Jonas, ich hole Sie ein, wann immer ich will. Ich bin schneller als Sie auf Ihrer Elektrogurke.

Jonas: Da hatte Wolf recht. Er kam sehr schnell näher. Kein Wunder. Er fuhr einen antiken Range Rover RSE, Turbo Diesel, fast ein viertel Jahrhundert alt. Ein Museumsstück. Jonas dachte nach. Einen Vorteil hatte ich. Ich war wendiger. Das mußte ich ausnutzen. Rechts am Horizont zeichnete sich eine Felsengruppe ab. Ich ließ den Supertruck weiter gerade aus fahren und schlug einen Haken. Wolf folgte mir. Auch zwischen den Felsen blieb er dran. Ohne Probleme. Zunächst. Bis sich direkt vor mir ein tiefer Spalt auftat. Fast schon eine Schlucht. Oben am Rand lief eine schmale Felskante. Für zwei Räder gerade ausreichend. Nicht für vier. Das war meine Chance. Ich fuhr auf die Kante. Schnell. Wolf war nicht schnell genug. Er riß das Steuer herum. Der Rover brach aus. Und blieb stehen. Die Vorderräder über dem Abgrund. Eine höchst labile Position. Jonas stieg vom E-Bike. Und sah sich die Sache aus der Nähe an.

Wolf: Die Tür geht nicht auf.

Jonas: Verklemmt. Sie haben beim Bremsen den Felsen gerammt.

Wolf: Helfen Sie mir raus, Jonas.

Jonas: Warum sollte ich? Sie drinnen, ich draußen. Find ich gut so.

Jonas: Er saß steif in seinem Sitz. Ganz weit nach hinten gelehnt. Und wenn er sich bewegte, dann ganz ganz vorsichtig. Weil der Rover zitterte und schwankte. Jeden Augenblick konnte er in die Schlucht stürzen. Er lächelte immer noch sein Wolfslächeln, der große böse Wolf. Aber in seinen Augen stand Todesangst.

Jonas: Was wollen Sie tun, Wolf? Aussteigen geht nicht. Laser geht auch nicht, dann kippt der Rover. Interessante Situation.

Wolf: Holen Sie mich raus, Jonas. Ich tue Ihnen nichts. Ich lasse Sie in Ruhe.

Jonas: Ach, da wir gerade so nett plaudern, warum ist REUBA eigentlich hinter Jonas her?

Wolf: Weil Sie Bescheid wissen über unseren Schwindel. Mit der Invasion.

Jonas: REUBA hat den Minenarbeitern einen Bären aufgebunden, damit sie wie die Wilden schuften, unbegrenzt und umsonst.

Wolf: Ja.

Jonas: Sehr unfeine Methode, Wolf.

Wolf: Darum darf’s ja auch nicht rauskommen.

Jonas: Und darum bringen Sie alle um, die was wissen.

Wolf: Ich mach Schluß damit, Jonas. Ich kündige bei REUBA. Ich engagiere Sie. Wieviel wollen Sie? 1000 Euros? 10.000? 100.000?

Jonas: Das ist ein Spaß, was Wolf? Aber jetzt habe ich genug. Jetzt kommt der Schlußgag. Ich schiebe Sie ein bißchen an.

Wolf: Nein! Nein!

Jonas: Doch.

Wolf: Nein! Nein!

Jonas: Schade um den Range Rover. Der große böse Wolf war weg vom Fenster. Untergegangen wie die Titanic. Nur nicht so schön. Die Rotkäppchen waren noch da. Beim Truck hatten sie gemerkt, daß Jogurta verschwunden war, und jetzt schwärmten sie aus, um ihn zu suchen. Von meinem Standort hatte ich gute Sicht auf die weite Ebene.

Jonas: Zehn E-Bikes. Zwölf. Großalarm. In ein paar Minuten sind sie hier.

Sam: Und warum bist du dann noch nicht weg, Zausel? Honigkuchen, Fertiggrinsender? Ha, hopp hopp, aufs wackere E-Bike und von dannen gebürstet, wieher…

Jonas: Ein theoretisch ausgezeichneter Rat, Sammy, nur leider praktisch nicht durchführbar.

Sam: Wieso nicht?

Jonas: Die Batterie ist leer.

Sam: Aha.

Jonas: Das Ding springt nicht an.

Sam: Also Beinarbeit, schwing die Keulen, Kumpel.

Jonas: OK, wohin?

Sam: Sitzest du auf den Lauschern, Taubsack? Vernimmst du nicht den dumpfen Ton der Pauke?

Jonas: Ich vernahm ihn. Und ich sah auch was. Nomaden. Ein ganzer Stamm zog langsam über die Ebene. Hunderte, vielleicht Tausende. Flüchtlinge aus der Drittwelt, Mutanten, Freaks, Abgerutschte aus Europa und Rußland. Nomaden nannten sie sich selbst. Politiker und Militärs sprachen von Banditen. Marodeuren. Es ist nicht leicht, im Niemandsland zu überleben. Mit dem Gesetzbuch unter dem Arm kommt man nicht weit. Alles was sie besaßen hatten sie bei sich. Auf Handkarren, gezogen von Mutanten. Und Mutanten schleppten auch ein merkwürdiges Gebilde an der Spitze der Karawane, anscheinend ein alter Panzer aus dem vorigen Jahrhundert. Im Niemandsland findet man die unglaublichsten Dinge. Jonas kam näher. Es war wirklich ein Panzer. Ein russischer T54. Mit einem roten Stern am Turm. Unter den Felsen tauchten E-Bikes auf. Die Rotkäppchen. Die Pauke wurde stumm. Die Nomaden hielten. Die Rotkäppchen drehten ab. Mit einem ganzen Stamm wollten sie sich nicht anlegen. Jonas kam noch näher und wurde von zwei Nomaden gegriffen. Sie waren sehr mager, aber kräftig. Und sie trugen Buschmesser.

Jonas: Bringt mich zu euerm Häuptling.

Nomade: Sto?

Jonas: Häuptling. Chef.

Nomade: Ah, Chef. Glawa. Karscho. Dawei.

Jonas: Er thronte auf der Kommandoluke des T54, beschützt von zwei Leibwächtern mit rostigen Pistolen. Hinter ihm der Schlagzeuger an der Pauke. Der Häuptling der Nomaden war ein alter Mann. Weißhaarig. Schmal. Drahtbrille auf der Nase. Er trug eine grüne Schirmmütze. Eine Russenbluse, vollgesteckt mit bunten Abzeichen und Medaillen. Eine zerschlissene Reithose. Stiefel. Er sah aus wie ein sibirischer Dorfschullehrer. Aber er war der Oberkommandierende der Roten Armee, so hieß sein Stamm.

Stalin: Da da krasni Armia, hier Generalissimus Stalin.

Jonas: Wirklich? Es ist mir eine Ehre.

Stalin: Du?

Jonas: Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv.

Stalin: Jonas? Kto, wer? Jonas, Jonas nicht Sto, nichts. Du nicht Bakutan, Kollege von goldene Horde. Du nicht Stefan, Korol von Madjare. Du nur Jonas. Du niemand. Du toter Mann.

Jonas: Sie lassen Ihren T54 schleppen, Generalissimus, woran liegt’s? Kaputt? Kein Diesel?

Stalin: Du kennen Tank pretscharatschiri?

Jonas: Das kann man wohl sagen. Ich hab ihn sogar gefahren, den T54, vor Jahren auf Feuerland.

Stalin: Tank kaput. Du können tschenitsch reparieren?

Jonas: Ich können. Hoffe ich.

Stalin: Boschingraso. Doproproschalowatsch Jonas, willkommen in Rote Armee.

Jonas: Na bitte. Der Panzer war gut in Schuß. Erstaunlicherweise. Als er noch fuhr, hat Stalin ihn als Wunderwaffe eingesetzt, gegen befestigte Siedlungen und Industrieanlagen. Bisher hatte die Rote Armee den Norden des Niemandslands unsicher gemacht, erzählte mir der Generalissimus. Jetzt war sie dabei, ihr Aktionsfeld weiter nach Süden zu verlegen. Die Bordkanone funktionierte noch. Aber es gab kaum Munition. Nur fünf Granaten. Das eigentliche Problem war die Zündung. Völlig verdeckt. Jonas machte sie sauber. Und startete den Motor.

Stalin: Hurra! Du bleiben Jonas. Du Schowior. Da. Weiter. Dawei. Fahren, Jonas, fahren. Westra westra.

Jonas: Natürlich kann ich Ihren Panzer fahren, Generalissimus, aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß der Treibstofftank so gut wie leer ist. Wir kommen nicht weit. Oder haben Sie irgendwo ein paar Kanister Diesel auf Lager?

Stalin: Diesel? Noi Kanutschki net.

Jonas: Sehen Sie, dann stelle ich mal den Motor besser wieder ab. Und Sie lassen den Panzer erst mal weiter schleppen.

Stalin: Nu, karrascho. Dawei!

Jonas: Da war Jonas also wieder Panzerfahrer. Wenn auch zur Zeit nur ehrenhalber bzw. in Kurzarbeit. Bis wir Diesel finden würden. Stalin hing offenbar an seinem fahrbaren Häuptlingssitz, und war sehr daran interessiert, die Ketten wieder ins Rollen zu bringen. Daraus ließ sich was machen.

Jonas: Ich weiß, wo wir Diesel auftreiben können, Generalissimus.

Stalin: Diesel? Knet. Wo?

Jonas: In Dusechs.

Stalin: Dusechs. Was Dusechs?

Jonas: Eine Mine. Ein Bergwerk.

Stalin: Ned ponimeio.

Sam: Rudnik.

Stalin: Ah, rudnik! Wer sprechen?

Jonas: Mein Computer.

Sam: Hohahahaha. Drigalarischi Ruski, Sir? Nanri kalaku. Samuel ist der werte Name. Kurz Sam. Oder auch Sammy. Hocherfreut Sie kennenzulernen, Generalissimus. Ihr Rum soll gut sein, und Ihr Ruhm eilt Ihnen voraus.

Stalin: Computer! Meiingento itowari kis. Kleiner Genosse Blech.

Jonas: Hahahahaha, kleiner Genosse Blech. Das gefällt mir.

Sam: Ha, mir aber gar nicht. Bin nicht Genosse. Bin nicht Blech. Mich dünkt, der Kerl wird reichlich frech.

Stalin: Computer mir geben.

Sam: Untersteh dich, Hinterfotz.

Jonas: Besser nicht, Generalissimus, wissen Sie, Sam ist schwierig.

Sam: Was?

Jonas: Kompliziert.

Sam: Was?

Jonas: Mit ihm muß man umgehen können.

Sam: Ja.

Jonas: Jonas kann das.

Sam: Hehe, bildest du dir ein.

Stalin: Nu, karascho. Wo rudnik Dusechs.

Jonas: In der Nähe. Wo genau sagt uns Sam.

Sam: Ja, aber nur, wenn ihr ihn ganz lieb darum bittet, ja.

Jonas: Abends kamen wir an. Die Nomaden schlugen ein Lager auf. Einige Kilometer entfernt. Außer Sicht, außer Hörweite. Ein Angriff bei Dunkelheit war zu riskant. Kein Nachtsichtgerät im Panzer. Außerdem wußten wir nicht, was uns erwartete. Gleich nach Sonnenaufgang stiegen wir auf einen Felsen. Jonas und Stalin. Und sahen uns Dusechs an. Ein großes flaches Gebäude. Und ein Förderturm, direkt vor einer schroffen Felswand. Im weiten Halbkreis umgeben von Unterständen. In jedem zwei Maschinengewehre. Eins nach innen, eins nach außen. Bedient wurden sie von Typen in roten Baseballkappen. REUBA-Sicherheitsdienst. Vielleicht eine Hundert-schaft. Der Erdboden vor den Unterständen war glatt. Eben. Sehr eben. Verdächtig.

Stalin: Mini.

Jonas: Denk ich auch. Minen. Und MG’s. Es wird Verluste geben.

Stalin: Nu egal. Wir müssen haben Diesel. I Produkti. Essen.

Jonas: Lebensmittel? Die werden sich finden. Diesel auch.

Stalin: Karascho. Krasnia armia. Wir machen Sturmangriff. Mit Tank.

Jonas: Durchs Minenfeld? Das ist aber keine gute Taktik, Generalissimus.

Stalin: Zuerst, wir schicken Mutanti, treten auf Mini, machen Bum. Dann Tank. Du fahren Tank, Jonas. Schießen mit Buschka.

Jonas: So geschah es. Etwa 20 Mutanten wurden ins Minenfeld gejagt und sprengten eine Gasse frei. Eher eine Landstraße. Für den T54. Von meinen fünf Granaten verschoß ich drei. Drei MG-Nester außer Gefecht. Dann stürmten die Nomaden. Alle. Männer. Frauen. Kinder. Mit Messern und Knüppeln. Eine wilde Horde hungriger Berserker. Die REUBA-Leute hatten keine Chance. Sie wurden totgetrampelt. In Stücke gehackt. Keiner überlebte. Die Nomaden stürmten weiter. In das flache Gebäude, und suchten Lebensmittel. Auch Stalin ging auf die Suche. Nach Dieseltreibstoff. Jonas blieb im Panzer und vergnügte sich damit, alle MG-Nester plattzuwalzen. Wie sagt Sammy? Kaputtes MG tut dir nicht mehr weh. Sie kamen zurück. Die Nomaden still und langsam. Stalin forsch und laut. Enttäuscht waren alle.

Stalin: Nix Sto. Nix Diesel. Nix Produkti. Du gelogen Jonas. Du toter Mann.

Jonas: Nichts überstürzen, Generalissimus. Die Vorräte sind unten. In der Mine. Im Schacht.

Stalin: Wir nicht gehen unter Erde. Du holen aus Loch, Jonas. Du holen Diesel. Du holen Producti. Sonst du toter Mann.

Jonas: Dann wollen wir mal sehen, was sich tun läßt.

Jonas: Die Förderanlage stand still. Der Korb war unten. Blockiert. Festgehalten. Von den Minenarbeitern. Den Elitels. Im Kontrollraum stand ein Bildfongerät. Für den Kontakt mit Schacht und Stollen. Hunderte von Metern unter der Erde. Ich drückte den Knopf.

Jonas: Hallo. Hier Kontrollraum. Ich rufe die Arbeiter der Mine Dusechs. Bitte melden, dingend. Die Minenarbeiter, bitte melden, hallo, hallo.

Jonas: Es dauerte nur eine knappe Minute. Dann wurde der Bildschirm hell. Ein Gesicht erschien. Das Gesicht einer Frau. Groß. Grob. Unschön. Wie Lili Putowski. Aber sie war nicht Lili Putowski. Natürlich nicht. Sie war Paula Putowski.

Paula: Lili ist meine Schwester. Woher kennen Sie Lili?

Jonas: Das ist eine lange Geschichte.

Paula: Die ich Ihnen sowieso nicht glauben würde. Sie sind ein Alien.

Jonas: Sehe ich aus wie ein Alien?

Paula: Geben Sie sich keine Mühe, wir wissen Bescheid. Sie sehen aus wie ein Mensch, aber das ist nur Tarnung. Sie sind ein Alien. Sie haben Dusechs gefunden und angegriffen, aber Sie werden nichts davon haben. Uns kriegen sie nicht. Und Dusenium schon gar nicht. Wir warnen Sie. Wenn Sie versuchen, in den Schacht einzudringen, sprengen wir die ganze Mine in die Luft.

Sam: Oha.

Jonas: Sie waren gut indoktriniert. Durch Holo-TV. Von REUBA, speziell für sie produziert und ausgestrahlt. Jonas redete. Wie ein Buch. Fast wie Sam. Er erzählte von Lili. Vom kleinen Bruno. Er berichtete, was in Babylon abgelaufen war. Wie Jonas sich ins Niemandsland aufgemacht hatte. Und wie er schließlich in Dusechs angekommen war.

Jonas: Ihretwegen, Paula, um Sie aufzuklären, um Sie nach Hause zu bringen. REUBA hat Sie belogen und betrogen. Es gab keine Invasion. Es gibt keine Aliens. Alles Schwindel. REUBA hat sich das ausgedacht, um Sie da unten festzuhalten. Sie sollen für REUBA schuften. Unbezahlt. Für immer. Glauben Sie mir, Paula.

Paula: Die Leute, die jeden Monat mit dem Truck kommen, haben uns gesagt, daß REUBA den Widerstand organisiert, und daß REUBA dringend Dusenium braucht, soviel wie möglich, für die geheime Superwaffe gegen die Aliens. Sind Sie wirklich Jonas? Der letzte Detektiv?

Jonas: Wirklich und wahrhaftig.

Paula: Der kleine Bruno schwärmt für Sie.

Jonas: Der kleine Bruno ist tot. Lili auch. REUBA hat sie umgebracht.

Paula: Wenn Sie Jonas sind, dann müssen Sie Ihren Supercomputer Sam bei sich haben. Zeigen Sie ihn.

Jonas: Bitte.

Paula: Er soll was sagen.

Jonas: Du hörst die Dame, Sammy. Sag was. Na los!

Sam: Sach was, sagt er, mein Mensch und Meister, mein Herr und Heiler, mein Jott und Jonas, haha, ganz was neues, sonst sagt er: Halt die Bappen, Sam, halt die Klappe, halt dich zurück. Jetzt soll Sam was sagen, irgendwas, jetzt wird er gebraucht, der liebe Sammy, jetzt darf er, jetzt soll er, jetzt muß er, ob er will oder nicht. Wer fragt schon danach, was ein armer kleiner Computer will, was er tief in seinem Innersten…

Paula: Alles klar, Jonas, wir kommen rauf.

Jonas: Wie viele sind Sie?

Paula: 42.

Sam: Und wie alt sind Sie?

Jonas: Bringen Sie nur das notwendigste mit. Sind Sie bewaffnet?

Paula: Wir haben Uzis.

Sam: Und wir haben Futzies.

Jonas: Sehr gut. Damit hielten sie die Nomaden in Schach, als Jonas sie zum T54 brachte. Stalin war sauer. Kein Diesel, nichts zu essen. Statt dessen 42 Arbeiterinnen und Arbeiter, mit 42 schußbereiten Maschinenpistolen. Pech, alter Junge, da kann man nichts machen.

Stalin: Du großes Arschloch, Jonas. Du wieder gelogen. Wir dich töten. Langsam, ganz langsam. Wir dich brennen mit Feuer. Wir dich schneiden mit Messer. Wir dich spießen auf Stange. Wir dir ziehen ab Haut. Wir dich graben lebendig in Erde. Wir dich braten und essen.

Jonas: Guten Appetit. Die Nomaden waren unruhig. Und rückten uns allmählich näher. Wenn sie plötzlich losbrachen, würden sie uns überrennen. Mitsamt dem Panzer. Einen Moment lang sah es sehr danach aus. Aber da tauchte er endlich auf. Am Horizont. Nicht ganz pünktlich. Nach Sams Berechnungen hätte er eine Stunde früher kommen sollen. Der Supertruck von REUBA.

Jonas: Egal, Hauptsache, er ist hier. Hey, Generalissimus, da da, Diesel, da Producti.

Stalin: Du nicht wieder lügen, Jonas?

Jonas: Ich schwöre, Generalissimus.

Stalin: Kraschno, dawei towaritschi, kraschn armeitschi, hurra…

Jonas: Die Nomaden rannten dem Truck entgegen. Mit dem Panzer setzte Jonas sich an die Spitze. So schnell es ging. Sehr schnell war das nicht. Wegen der Minenarbeiter. Im T54. Auf dem T54. Aber es reichte. Ich fuhr einen Vorsprung raus. Zwei Granaten hatte ich noch. Eine schoß ich dem Truck vor den Bug. Er stoppte. Besatzung und Schutzmannschaft ließen ihn stehen. Und setzten sich ab. Auf ihren E-Bikes. Richtung Westen. Babylon. Die Minenarbeiter enterten Zugmaschine und Anhänger und sicherten sie mit ihren Uzies. Jonas knallte derweil die letzte Panzergranate ins Blaue, kletterte aus der Luke, durchlöcherte den Treibstofftank des Panzers, mit der Uzi, die Paula ihm gegeben hatte, und stieg um auf den Truck. Stalin und seine Nomaden hatten uns inzwischen eingeholt.

Jonas: Da läuft dein letzter Tropfen Diesel in den Sand, Stalin, Granaten hast du auch keine mehr. So sieht’s aus.

Stalin: Siskowena, du Arschloch. Jonas du Saukerl.

Jonas: Deinen T54 brauch ich nicht mehr. Mit Dank zurück. Lassen Sie ein paar Container mit Lebensmitteln abladen, Paula.

Paula: Wird gemacht, Jonas.

Jonas: Producti, Leute, gleich gibt’s was zu futtern.

Nomaden: Producti, Producti, Producti…

Stalin: Diesel, Jonas, Diesel.

Jonas: Nichts Diesel, du alter Bandit. Machs gut.

Jonas: Liebend gern hätte Stalin seinen Stamm auf Jonas gehetzt, aber die rote Armee war nicht ansprechbar. Sie wühlte sich durch die Container und fraß sich voll. In ohnmächtiger Wut mußte ihr Generalissimus zusehen, wie der Supertruck wendete und von dannen knatterte. Mit Jonas. Mit den Minenarbeitern. Und mit vielen vielen Litern Dieseltreibstoff. Während wir durchs Niemandsland fuhren, funkten wir die ganze Geschichte voraus. Nach Babylon. An alle Medien. Und die machten was draus. Sondermeldungen. Schlagzeilen. Falsches Erdbeben. Falsche Invasion. Die bösen Märchen der REUBA. Profitgeile REUBA verurteilt Unschuldige zu lebenslänglich Zwangsarbeit. Serienmörder in REUBA-Diensten. REUBAs Firmenpolitik: Großbetrug und Kindermord. In dieser Art. Der REUBA-Konzern war plötzlich äußerst unbeliebt. 14. Juni 2015. Später Nachmittag. Wieder war der Ernst-August-Platz voller Menschen. Diesmal keine Sonnenanbeter. Es schien ja auch nicht die Sonne. Wütende Babylonier. Sie stürmten die REUBA-Zentrale. Schlugen innen alles kurz und klein. Wen sie fanden, übergossen sie mit Dieselöl, aus der Direktorengarage. Dann steckten sie die Leute an und schmissen sie aus dem Fenster. Oder vom Dach. Feuerwerk. Es traf sich gut, daß der REUBA-Vorstand gerade eine Sitzung abhielt, aber es traf vor allem andere. Kleine Angestellte, Putzfrauen, die nichts wußten. Wie das immer so ist. Chefinspektor Brock war auch da. Dienstlich. Ganz hinten. Der Mob hatte inzwischen die REUBA-Zentrale in Brand gesteckt. Brock sah dem Freudenfeuer zu. Eingreifen wollte er nicht.

Brock: Sinnlos. Was soll ich machen? Die Rädelsführer festnehmen? Bin ich lebensmüde? Die Feuerwehr alarmieren? Längst passiert. Die kommt erst, wenn alles vorbei ist. Wenn die Leute sich verlaufen haben. Sicherheitshalber. Morgen früh nehme ich ein Protokoll auf. Mehr kann ich nicht tun. Ja, wenn ich Jonas wäre, dann würde ich mich vielleicht einmischen. Der steckt seine Nase in alles. Ob es ihn was angeht oder nicht. Aber ich bin nicht Jonas. Gott sein Dank. Ich bin Beamter. So, halb fünf, Feierabend. Ich geh nach Hause. Ein guter Schluck. Bequeme Schuhe. Was gutes im Holo. Es muß ja nicht die schwarze Dahlie sein. Das Leben kann auch schön sein.

Jonas: Jonas ging auch nach Hause. Und damit wäre der Fall zu Ende. Wenn Sam nicht noch was zu mosern gehabt hätte.

Sam: So nicht, Genosse, das gaht nicht.

Jonas: Was geht nicht, Sammy?

Sam: Daß Chefinspektor Brock das letzte Wort hat, nos correcto.

Jonas: Findest du? Dann sag du doch was.

Sam: Ja. Ja. Ja. Wos soll i denn sogen?

Das war Invasion. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Ute Mora, Kornelia Boje, Rainer Basedow, Horst Sachtleben, Detlef Kügow und andere (Jochen Striebeck, Stefanie Walter, Werner Klein, Anita Schlierf, Nicola Tiggeler, Harald Dietl, Stephan Zinner). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Regieassistenz: Holger Buck und Sieghard Fieber. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 1998. Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Traumschiff

Jonas: Sechs Uhr zehn. Die Sonne ging auf über Babylon. Das stand im Kalender. Zu sehen war es nicht. Seit Monaten streikten die städtischen Putzbrigaden. Der Klimadom war dicht, total verdreckt. Darunter taten 20 Millionen Babylonier das, was sie immer taten. Standen auf. Gingen schlafen. Liefen herum. Gingen arbeiten. Brachten sich um. Machten Liebe. Machten gar nichts. Machten weiter. Der 21. September 2015. Ein Tag wie jeder andere. Nicht für Sam. Heute war sein Geburtstag. Sagte er.

Sam: Hey, heute ist mein Geburtstag, jawoll. Der Tag des Herrn. Der Tag des Herrn Samuel. Happy birthday to me, happy birthday to me…

Jonas: Quatsch. Computer haben keinen Geburtstag.

Sam: Ach? Und wo, so frage ich euer Ehren, gezielt, dezidiert und auf den Punkt gebracht, wo kommen sie denn her, die kleinen Computer, hhm, na?

Jonas: Aus der Fabrik natürlich.

Sam: Hohohohoho, und nochmals hohohohoho, aus der Fabrik, mein Gott, warum nicht gleich vom Klapperstorch.

Jonas: Ja, warum nicht?

Sam: Also piß mal auf, äh, ich meine, paß mal auf, du Schnarchsack.

Jonas: Samuel alias Sam ist mein Computer. Ein Versuchsmodell. Nicht mehr ganz neu. Mit einem verbalen Tick. Korrektur: Mit zahllosen verbalen Ticks. Unausstehlich. Und unentbehrlich. Ein ganz besonderer Computer. Aber Geburtstag hatte er deshalb noch lange nicht.

Sam: Also paß mal auf, mein Herr und Gebieter, da ist Mama Computer, und Papa Computer, und wenn die beiden sich sehr sehr lieb haben, dann machen sie Interface, wie bei den kleinen Bienchen und den Blümlein und den Vögelchen.

Jonas: Halt die Backen, Sam, und nimm das Gespräch an.

Sam: Aye, aye, Sir, befehlen Sie Bildfon?

Jonas: Vor dem Frühstück? Lieber nicht. – Ja?

Aphrodite: Und auch Ihnen einen wunderschönen guten Morgen, spreche ich mit Herrn Jonas?

Jonas: Das tat sie. Jonas am Apparat. Nur Jonas. Genannt der letzte Detektiv. Einsamer Streiter für Recht und Moral. Und Morgenmuffel. Aber das brauchte ich der Anruferin nicht auf die Nase zu binden.

Jonas: Kommt drauf an.

Aphrodite: Worauf?

Jonas: Mit wem ich spreche.

Aphrodite: Großreederei Parnassis, wir erwägen Sie mit einem Auftrag zu betrauen, Herr Jonas.

Jonas: Reizend.

Aphrodite: Herr Parnassis erwartet Sie. Stellen Sie sich pünktlich um 9 Uhr in unserem Verwaltungsgebäude ein, Herr Jonas. Guten Tag.

Jonas: Sie mich auch. Brauchen wir einen Auftrag, Sammy?

Sam: Brauchen wir Mäuse, Meister? Dodoslasdias.

Jonas: Das war ein Argument. Das Parnassisgebäude stand am nördlichen Ende des Markgrafenboulevard, genauer es stand nicht, es lag. Es lag vor Anker. Das Parnassisgebäude war ein Schiff, ein klotziger Dampfer, der aussah wie die selige Titanic, riesig, steil, unsinkbar, oben drauf vier Schornsteine, keine Holo-Illusion. Alles echt. Beton und Stahl. Großreederei Parnassis war eine altmodische Firma und konnte sich das leisten. Jonas wußte, was sich gehörte. Er trug einen Blazer, seinen besten und einzigen, den mit dem Laserloch im Ärmel, aber das fiel kaum auf. Außerdem war ich gewaschen, rasiert, gefrühstückt, der korrekte Privatdetektiv, wie er im Buch steht.

Sam: Gebügelt, geschniegelt und gestriegelt, ha, welch Wonne und Wohltat fürs schweifende Auge.

Jonas: Shipshape nennt man das in maritimen Kreisen, Sammy.

Sam: Aha.

Portier: Ahoi! Wohin der Kurs?

Jonas: Der Portier. Mensch, nicht Robot. Wie gesagt, Parnassis war altmodisch. Der Portier trug eine Schirmmütze und dunkelblaue Uniform mit Gold und Strippen. Ein Kommodore, mindestens.

Jonas: Ahoi, Hornblower. Zu Herrn Parnassis.

Portier: Stop! Drehen Sie bei oder ich feuere eine Breitseite. Zu welchem Herrn Parnassis?

Jonas: Sie haben mehrere?

Portier: Wollen Sie zu Herrn Platon Parnassis, zu Herrn Timon Parnassis, zu Bion Kriton Kliton Oton Glaukon Straton Lykon Cnon Parnassis, oder gar zum allergrößten und allerhöchsten Admiralissimus Solon Parnassis, möge er lange leben und blühen und gedeihen.

Jonas: Große Familie.

Portier: In der Tat, mein Herr, das sind wir.

Jonas: Ach, Sie gehören auch dazu?

Portier: Jawoll, mein Herr, und ich bin stolz darauf, Timoleon Parnassis, zu Ihren Diensten. Und Ihr werter Name?

Jonas: Jonas, nur Jonas.

Potier: Sie sind angemeldet, zu Herrn Jason Parnassis, Abteilung 17, Seniorenschiffe auf dem D-Deck, den Lift finden Sie an Backbord.

Jonas: Herr Jason Parnassis war Anfang dreißig, klein, dunkel, und ein Nineties-Fan, Silberring im linken Nasenflügel, Piercing-Stuts in Ohren und Zunge, Fastglatze, ultraweite Klamotten, überdimensionale Basketballtreter aus virtuellem Leder. Altmodischer Typ. Die Frau an seiner Seite gefiel mir besser, viel besser. Weil sie so aussah wie sie hieß.

Jason Parnassis: Aphrodite, meine Assistentin. Sie ist zuständig für die Kalispera.

Aphrodite: Und um die Kalispera geht es, Herr Jonas.

Jason Parnassis: Die Kalispera ist unser Seniorenschiff auf der Karibikroute.

Aphrodite: Ihre Aufgabe, Herr Jonas, ist es…

Jonas: Augenblick, ein Whisky gern, aber bitte nicht das Synthzeug, das Sie Ihrer Putzfrau zu Weihnachten schenken, nur ein Spritzer Soda, danke, ich nehme Platz. So, wenn das geregelt ist, fangen Sie noch mal an, in Ordnung?

Jonas: Jason lief rot an und ballte die Fäustchen. Aphrodite blieb cool. Sie öffnete eine Klappe in der Fast-Holzverkleidung und produzierte eine Flasche Metaxa. 13 Sterne. Kein Whisky, aber auch nicht schlecht. Jonas ließ es ruhig angehen. Mit einem großen Brandy-Soda. Zeit für eine Kurzinfo über die Seniorenversorgung in Babylon bzw. – Entsorgung, darf ich bitten, Herr Samuel.

Sam: Ha-Hatschi. Gesundheit. Danke. Herr Präsident, Frau Bürgermeisterin, Exzellenzen, Kommilitonen, Heiligkeiten, meine Daumen und Hirn.

Jonas: Kurzinfo, Sammy.

Sam: Jaja, ist ja gut. Also, die große Masse unsrer teuren Seniorinnen und Senioren, Volksrentner und –rinnen allzumal lebt, sofern man das so nennen kann, hähä, zu Babypsilon in privaten oder öffentlichen Institutionen, welche ab und an ausgekämmt werden, ausgedüngt, ausgemistet.

Jonas: Fall Ufo, Herbst 2013.

Sam: Ja natürlich. Wer mehr Moos sein eigen nennt, läßt sich nieder in angenehmeren Gefilden, hmh, zum Bleistift auf der Mittelmeerinsel Palmera.

Jonas: Fall Knochenarbeit, vor einem knappen halben Jahr.

Sam: Und die richtig Reichen kreuzen auf luxuriösen Seniorenschiffen in den Tropen herum, dideldum, im stillen Ozean, lauten Ozean, im indischen Ozean, in der karibischen See…

Jonas: Wie die Kalispera der Großreederei Parnassis, danke Sam.

Sam: Ja.

Jonas: Zurück zur Story.

Sam: Was? Wohin?

Jason Parnassis: Mit der Kalispera stimmt was nicht.

Aphrodite: Das meint jedenfalls Frau von Kohlen und Reibach.

Jason Parnassis: Ihr Großvater ist auf der Kalispera, seit einem Jahr.

Aphrodite: Ab und zu ruft sie ihn an, liebevoll und pflichtbewußt.

Jason Parnassis: Besuchen kann sie ihn leider nicht. Sie hat überhaupt keine Zeit.

Aphrodite: Das intensive aufreibende Leben in der Society, wissen Sie. Außerdem neigt sie zur Seekrankheit.

Jason Parnassis: Unter uns, Herr Jonas, in der Regel kümmern sich die Hinterbliebenen, die Angehörigen wollte ich sagen, wenig um ihre Senioren.

Aphrodite: Sie sind froh, daß sie sie los sind.

Jonas: Und für ihr schlechtes Gewissen müssen sie zahlen. Ein Platz auf ihren Seniorenschiffen kostet mindestens 30.000 Euros im Monat, hab ich mir sagen lassen.

Aphrodite: Aber dafür bieten wir auch etwas, Herr Jonas.

Jason Parnassis: Jeden erdenklichen Luxus, beste Betreuung, absolut erstklassige medizinische Versorgung, alles vom Feinsten.

Jonas: Na wunderbar, und trotzdem hat Frau von Kohlen und Reibach was auszusetzen.

Aphrodite: Seit Wochen, sagt sie, kann sie ihren Großvater nicht erreichen. Er kommt nicht ans Fon, will nicht mit ihr reden…

Jason Parnassis: Verständlich, wenn man Frau von Kohlen und Reibach kennt.

Aphrodite: Sie glaubt, ihrem Großvater sei etwas zugestoßen, und die Schiffsführung versuche das zu verheimlichen, weshalb auch immer. Und sie behauptet, eine gute Bekannte, die auch jemanden auf der Kalispera hat, habe eine ähnliche Erfahrung gemacht.

Jason Parnassis: Frau von Kohlen und Reibach hat eine blühende Fantasie.

Aphrodite: Aber sie ist eine Golffreundin des Admiralissimus, sie hat ihn genervt.

Jason Parnassis: Und er, möge er lange leben, blühen und gedeihen, er nervt uns. Vor ein paar Tagen haben wir einen Mann unserer internen Aufsichtsabteilung zur Kalispera geschickt, einen diplomierten, staatlich geprüften Investigator, leider…

Aphrodite: Ein tragischer Unfall. Kurz vor der Landung auf dem Schiff ist sein Helikopter ins Meer gestürzt, keine Überlebenden.

Jonas: Zufall? Oder steckte was anderes dahinter. Aber vielleicht hatte auch Jonas eine blühende Fantasie. Apropos Jonas, was hatte die Sache mit mir zu tun?

Jason Parnassis: Der Admiralissimus besteht auf einer unabhängigen Untersuchung. Durch einen privaten Detektiv. Ihr Name kam ins Spiel, Herr Jonas.

Jonas: Ich soll auf die Kalispera.

Aphrodite: Als verdeckter Ermittler. Sie werden sich dort umsehen und nach ihrer Rückkehr dem Admiralissimus Bericht erstatten.

Jason Parnassis: Damit er sich beruhigt.

Jonas: Möge er lange leben, blühen und so weiter. Wieviel?

Jason Parnassis: Ihr Honorar meinen Sie? Soweit wir informiert sind, verlangen Sie für gewöhnlich 130 Euros pro Tag.

Jonas: 150 plus Spesen, aber das gilt nur für normale Fälle in und um Babylon, wenn ich in die Karibik reisen muß.

Aphrodite: Also, wieviel?

Jonas: 3000 Euros pauschal. Bei erhöhtem Schwierigkeitsgrad das doppelte.

Jason Parnassis: 5000.

Aphrodite: Zeigen Sie ihm das Bild, Jason.

Jason Parnassis: Wie finden Sie dieses Holoporträt, Herr Jonas?

Jonas: Scheußlich, auf den Schreck brauch ich noch einen Brandy. Wer ist der häßliche Gnom? Das Phantom der Oper? Der Glöckner von Notre Dame?

Aphrodite: Das sind Sie, Herr Jonas.

Jonas: Hust, hust.

Jason Parnassis: Lassen Sie mich erklären. Abgebildet ist der vor kurzem verschiedene Großonkel einer meiner Ex-Partnerinnen. Sie, Herr Jonas, werden seine Identität übernehmen und sein Gesicht, per Plastiface.

Aphrodite: Und als genuiner betuchter Greis eine Suite auf der Kalispera buchen.

Jason Parnassis: So können Sie ohne Verdacht zu erregen ihre Aufgabe wahrnehmen.

Jonas: Mit diesem Gesicht.

Aphrodite: Sehen Sie es so, Herr Jonas, ein paar schöne Tage in der Karibik.

Jason Parnassis: Ein Kurzurlaub im schwimmenden Luxushotel.

Jonas: Mit diesem Gesicht.

Aphrodite: Und 5.000 Euros, Herr Jonas. Für einen streßfreien, absolut ungefährlichen Job.

Jonas: Davon war ich nicht überzeugt, ganz und gar nicht. Aber da war mein Kontostand. Und vor allem war da die Sehnsucht nach einem weißen Schiff auf blauem Meer, und nach der Sonne, sichtbar, strahlend, und warm. Jonas übernahm den Auftrag. Und ließ sich im nächsten Plastiface-Shop das neue Gesicht verpassen.

Sam: Igitt. Igittigitt. Gar nicht hinschauen darf man.

Jonas: Krieg dich ein, Sammy. Du wirst dich dran gewöhnen.

Sam: Niemals. Sieht aus wie ein Schlunz. Und wie lautet nunmehr dero werter Name, hm? Indem Sam doch wissen muß, wie er den Meister zu titulieren habe.

Jonas: Moment, die schöne Aphrodite hat mir’s aufgeschrieben, ja hier, äh, Jodokus.

Sam: Haha.

Jonas: Jaromir Jodokus.

Sam: Hehe.

Jonas: 69 Jahre.

Sam: 96 Jahre.

Jonas: Wäh. Immerhin n’anständiger Name. Mit Doppel-J.

Sam: Anständig? Jodukus? Der Name ist ein Jokus und Fokus und Fidibus.

Jonas: Stop, jede weitere Reimerei verbitte ich mir, ganz energisch.

Sam: Ja. Sind euer Ungnaden zu Hause für Chefinspektor kotz-Brock?

Jonas: Brock? Was wollen Sie?

Brock: Wenn ich Sie wäre, Jonas, würde ich in den nächsten Tagen nicht verreisen.

Jonas: Sie sind aber nicht Jonas, Brock, und was noch besser ist, ich bin nicht Sie.

Brock: Bleiben Sie zu Hause, Jonas, Babylon ist doch auch ganz schön.

Jonas: Ist Ihnen ein Aktenordner auf den Kopf gefallen?

Brock: Die Tropen können sehr ungesund sein. Man hört so dies und jenes in der zentralen Sicherheitsverwaltung. Lassen Sie sich raten, Jonas, fahren Sie nicht weg.

Sam: Ja wat denn nu? Hör mein Jonas, laß dir sagen, der Auftrag tut mir nicht behagen, er stinkt. Wenn Chefinspektor Brock irgendwie mit drin steckt.

Jonas: Egal. Brock hat mir gar nichts zu sagen. Ich fahre. Und du mein Sam kommst mit.

Sam: Ah, karibische Nächte, Kaipiri, Cuba Libre, Limbo, Reggae und Calypso, dunkelhäutige Schönheiten mit Glutaugen und biegsamen Körpern.

Jonas: Wovon ein 96jähriger Greis etwa so viel hat wie, sagen wir ein Computer aus Metall und Plastik, Parole Rollstuhl, Sammy.

Sam: Hörgerät und Herzschrittmacher. Haarausfall, Hautausschlag.

Jonas: Harnkatheter.

Sam: Hirnverkalkung. In diesem Sinne, auf geht’s, Herr Jodukus. Blow, boys blow, for Californio, there’s plenty of golds, so I am told, on the banks of Sacramento… Mit biegsamen Körpern, Schönheiten, dunkle Cuba Libre, oah…

Jonas: Ein Panorama wie aus einem schicken Reiseprospekt. Holo. Hochglanz. Wunderschön. Und unwahrscheinlich bunt. Das Meer quietschblau, ganz weit hinten ein dunkler Streifen, das mittelamerikanische Festland, Costaguana, der Himmel fast so blau wie das Meer, eine strahlende Sonne aus Weißgold, keine Wolke. Nur ein dunkelblauer Helikopter mit dem großen roten P für Parnassis. Im Helikopter zwei Passagiere. Jonas, alias Jaromir Jodokus, und eine ehrwürdige Greisin in grün-gelb-geringelten Caprihosen. Sie hieß Jacobea Bond und wollte auch auf die Kalispera.

Jacobea Bond: Natürlich ist es teuer, aber ich sag immer: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Sein Geld kann der Mensch nicht mitnehmen. An meinem Lebensabend will ich es noch mal so richtig schön haben. Wie alt schätzen Sie mich, Jaromir? Jaromir?

Jonas: Ah, was?

Jacobea Bond: Wie alt, ich?

Jonas: Äh, wie jung, meinen Sie, Verehrteste, äh, 70?

Jacobea Bond: Hahaha, 89, im Oktober werde ich 90.

Jonas: Das… das… das glaub ich Ihnen nicht, Sie halten mich zum Besten, Teuerste.

Pilotin: Schnallen Sie sich bitte an, in Kürze landen wir auf der Kalispera.

Jacobea Bond: Da! Da ist sie!

Jonas: Was? Was? Wo? Ah, ja, schönes Schiff.

Jacobea Bond: So weiß und strahlend, aber so leer.

Jonas: Richtig. Wo waren Sie, die munteren Senioren, die liebenswerten Altchen? Auf dem Sonnendeck neben dem Swimmingpool, sah ich nur ein paar leere Liege-stühle und zwei leere Rollstühle am Heliport. Dahinter zwei muskulöse Geschöpfe in weißen Kitteln, vage weiblich. Miss Body und Miss Building. Eine trat vor, als Jaco-bea und ich aus dem Helikopter stiegen. Mühsam, wie es sich für alte Leute gehört.

Mai: Willkommen an Bord der Kalispera. Kapitän Parnassis, Zahlmeisterin Parnassis und Schiffsarzt Dr. Parnassis lassen sich entschuldigen. Ihre unermüdliche Arbeit zum Wohl von Schiff und Menschen verhindert ihre Anwesenheit. Seien Sie versichert, Sie werden sich bei uns wohlfühlen und wie alle unsere bisherigen Schutzbefohlenen, überhaupt nicht mehr von Bord gehen wollen. Setzen Sie sich in die Rollstühle.

Jacobea Bond: Wozu? Ich kann noch ganz gut laufen, am Stock.

Mai: In den Rollstuhl. So ist es besser, für Sie und für uns. Frau Jacobea Bond, meine Kollegin April wird Sie zu Ihrer Kabine auf dem C-Deck bringen.

Jacobea Bond: Wir sehen uns beim Essen, Jaromir.

Jonas: Ja.

Mai: Herr Jodokus, Sie haben eine unserer Luxussuiten auf dem A-Deck gebucht.

Jonas: Mit Privatterrasse und Blick auf den Pool, jawohl.

Mai: Ganz recht. Festhalten. Ich bin Ihre persönliche Stewardeß. Mein Name ist Mai.

Jonas: November hätte besser gepaßt. Und wenn sie wirklich Stewardeß war, dann hatte sie den Job in Sing-Sing gelernt. Aber die Suite war grandios. Ich kam mir vor wie Mr. Astor auf der Titanic, vor dem Eisberg. Aber der Eisberg war nahe und kam immer näher. Frau von Kohlen und Reibach hatte recht. Auf der Kalispera gingen seltsame Dinge vor. Warum war kein Mensch an Deck?

Mai: Es wird Ihnen erstaunlich vorkommen, Herr Jodukus, aber man kann auch von der Sonne zuviel kriegen. Ihre Mitpassagiere sind unter Deck. Ein paar machen mit dem Schiffshelikopter einen Ausflug nach Costaguana. So, und Sie legen sich jetzt brav hin.

Jonas: Aber, aber ich will mir das Schiff ansehen.

Mai: Morgen. Jetzt wird geruht. Möchten Sie was trinken?

Jonas: O ja, hehehe.

Mai: Ich bringe Ihnen einen schönen Kräutertee.

Jonas: Pfui Teufel! Whisky!

Mai: Kommt nicht in Frage, erst muß der Doktor Sie untersuchen. Ich laß Sie jetzt allein, aber ich bleibe in der Nähe, falls Sie was brauchen.

Jonas: Was?

Mai: Ja, damit Sie nicht auf dumme Gedanken kommen, zum Beispiel Ihre Suite zu verlassen.

Jonas: Sammy?

Sam: Bei der Arbeit. Was steht zu Diensten, Leuchter des Weltalls.

Jonas: Wozu hab ich dich mitgebracht?

Sam: Nanananana.

Jonas: Gib mir einen Rat, was soll ich tun?

Sam: Ja, was sollste tun, was sollste tun? Abwarten. Abwarten und Kräutertee trinken. Jojojo, und ne Buddel voll Rum, dumdum.

Jonas: Was blieb mir übrig. Ich setzte mich auf die Terrasse, mit Blick auf den leeren Pool, das leere Sonnendeck, das leere Promenadendeck, keine Bewegung, kein Laut, richtig unheimlich. Es wurde abend. Die Sonne stand tief. In der Ferne leises Knattern. Näher. Lauter. Der Schiffshelikopter landete auf der Kalispera. Aber es stiegen keine fröhlichen Ausflügler aus der Luke, nur eine Frau. Ein Weißkittel nahm sie in Empfang, mit schußbereiter Maschinenpistole. Die Frau hob die Hände. Verblüfft, wie es schien, und wurde sofort unter Deck gebracht.

Sam: Eiverbibsch, da wird doch der Storch in der Pfanne verrückt. Hast du sie erkannt, Kumpel?

Jonas: Ich kann noch ganz gut sehen mit meinen 96 Jahren. Das war Karla.

Sam: Karla, die Chefin der babylonischen Stadtguerilla. Was hat die auf der Kapislehra, Korrektur, Kalispera zu suchen?

Jonas: Das war die Frage. Schon einige Male hatten sich die Wege von Jonas und Karla gekreuzt. Sie war so eine Art gute alte Feindin. Wir mochten uns, irgendwie. Und wir hatten es uns zur Gewohnheit gemacht, einander das Leben zu retten. Zuletzt im Unterwelt-Fall. Mai 2014. Karlas Auftauchen an Bord machte die unerklärliche Geschichte noch unerklärlicher. Und unerklärlich ging’s auch gleich weiter. Der Helikopter stieg auf, flog ein paar Meter zur Seite, aus der offenen Luke fielen fünf Kisten, länglich, 1 mal 2 Meter. Sie fielen ins Meer, und gingen sofort unter. Der Helikopter verschwand am Horizont.

Jonas: Sahen aus wie Särge, die Kisten.

Sam: Man gongt zum Dinner, Sir. Abendgarderobe erforderlich, wenn Sie den Hinweis gestatten, Sir.

Jonas: Du meinst, ich soll mich umziehen, Sam.

Sam: Zum festlichen Dinner auf der Kalispera trägt der sowohl wohlgekleidete als auch wohlberatene Gentleman Smoking und Laserstruller, Korrektur, -Strahler, letzteren tunlichst unauffällig in der Tasche, Sir.

Jonas: Zusammen mit einem kleinen Computer namens Sam, mit all diesen notwendigen Dingen versehen, setzte Jonas sich in den Rollstuhl und klingelte die schöne Mai herbei, auf daß sie ihn in den Speisesaal rolle. Im ganzen großen Speisesaal der Kalispera stand nur ein einziger kleiner Tisch, ansonsten war er so leer wie das Deck. Abgesehen von einem halben Dutzend kräftiger Gestalten an der Wand, in weißen Kitteln, mit Maschinenpistolen. Mai schob mich an den Tisch.

Mai: So. Bleiben Sie im Rollstuhl.

Jonas: Wo sind die anderen?

Mai: Welche anderen?

Jonas: Frau Jacobea Bond zum Beispiel.

Mai: Nie gehört. Sie sind unser einziger Gast, Herr Jonas.

Jonas: Jodukus!

Mai: Lassen Sie doch die Geheimnistuerei. Wir wissen, wer Sie sind, und weshalb Sie auf die Kalispera gekommen sind. Wir haben Sie erwartet. Die Speisekarte.

Jonas: Ich hab keinen großen Hunger.

Mai: Sie sollten tüchtig zulangen, Herr Jonas, dies hier dürfte die letzte Gelegenheit sein, ihr letztes Abendmahl sozusagen.

Jonas: Oder auch die Henkersmahlzeit. Das Menü war reichhaltig. Austern, Cosome Olgar, pouschierter Lachs, File Mijo, Spargelsalat, Pfirsiche in Chartrö, kein Synth, alles echt. Auf der Kalispera ließ es sich leben, und sterben, wie’s aussah. Jonas langte zu, in Maßen. Dabei sah ich mich um. Fenster und Türen waren bewacht. Bis auf eine Tür, eine kleine, zu einem Nebenraum. Darin der Speisenaufzug, aus der Küche in den unteren Regionen. Eine Spüle, ein Wandschrank.

Sam: Na wonderbra, ne, wunderbar. Da geht’s raus, Genosse.

Jonas: Das seh ich nicht, Sammy. Der Nebenraum ist eine Sackgasse. Nur eine Tür. Zum Speisesaal.

Sam: Zweifelsohne. Doch ist euer optischen Beschränktheit nicht aufgefallen, daß besagte Tür einen Schokoriegel, wat, ne, ohne Schoko, einen Riegel an der Innenseite ihr eigen nennt.

Jonas: Na und? Was bringt das? Kein Fenster.

Sam: Statt dessen ein Hinter- oder auch Notausgang, nes pa?

Jonas: Den Aufzug meinst du? Hmh. Mai, räumen Sie ab, und wenn Sie damit fertig sind, bringen Sie mir Kaffee, Cognac und eine Havanna.

Mai: Selbstverständlich, Herr Jonas, was immer Sie wünschen, Herr Jonas, und danach haben wir noch ein ganz spezielles Dessert Surprise für Sie. Au!

Jonas: Mai hatte ihre Augen auf dem Tisch. Jonas sprang aus dem Rollstuhl und rammte ihn Mai in die Kniekehlen, sie ging zu Boden, mitsamt dem Geschirr. Ehe die Typen an der Wand was unternehmen konnten, war Jonas im Nebenraum, machte die Tür zu, schob den Riegel vor, schnell. Zum Glück war nur mein Gesicht 96. Muskeln, Sehnen, und Knochen waren jünger, einige Jahrzehnte. Zum Speisenaufzug. Ein Druck auf den Knopf und er ratterte nach unten. Ohne Jonas. Der blieb, wo er war, und quetschte sich in den Wandschrank. Vom Greis zum Gummimenschen in 10 Sekunden. Reife Leistung.

Mai: Wo steckt der… Der Aufzug! Er fährt im Aufzug runter. Los, zum Fahrstuhl, wir fangen ihn in der Küche ab.

Jonas: Alle weg.

Sam: Bis auf Jonas. Und der sollte auch die Kurve kratzen. Dieweil es demnächst hiererorts recht ungemütlich zu werden verspricht.

Jonas: Wohin, Sammy?

Sam: Sie suchen dich unten.

Jonas: Also bleib ich oben.

Sam: Ganz oben. Bootsdeck. Welches so heißt, weil da die Boote sind, wa? Die Rettungsboote, Mann. Verstehen wir uns, mein Bester?

Jonas: Aber sicher. Ich suchte mir ein passendes Boot aus, ein Boot im Dunkeln, vorn, im Bug, wie Leichtmatrose Sam sagen würde, ich machte die Persenning ein Stück weit auf, kroch rein, machte wieder zu, derweil erfreute mich Sam mit nautisch-musikalischen Darbietungen.

Sam: Das Monat ob seren tu trieven, dat is gottverdammich nich lich, das ist gottverdammich nich lich.

Jonas: Bravo.

Sam: Euer Lordschaft wünschen eine Zugabe? Bitte sehr, bitte gleich, bitte hier.

Jonas: Nein.

Sam: What shall we do with the drunken sailor?

Jonas: Stop, Konzert vorbei, Schluß mit lustig.

Sam: Warum das?

Jonas: Jetzt wird gearbeitet.

Sam: Was denn?

Jonas: Was geht auf der Kalispera vor, Sammy?

Sam: Ja, was ganz ganz beschissenes, Mann, halten zu Gnaden.

Jonas: Klar, aber was?

Sam: Melde gehorsamst, man klöpfet.

Jonas: Das hör ich.

Sam: Ja willst du denn nicht mal nachkücken, wer da ist?

Jonas: Jonas wollte eigentlich nicht. Aber er tat es trotzdem. Ich hob die Persenning. Draußen stand ein Marsmensch. Mit großen Glupschaugen. Und einem Laserstrahler. Das war in Ordnung. Ich hatte auch einen.

Jacobea Bond: Guten Abend.

Jonas: Oh, Jacobea Bond, hähä, fast hätte ich Sie gelasert.

Jacobea Bond: Sie mich? Ich Sie!

Jonas: Glauben Sie, Sie sind schneller?

Jacobea Bond: Könnten wir diese Frage später klären, Sie gestatten, daß ich nähertrete.

Jonas: Bitte sehr. Machen Sie es sich bequem. Nehmen Sie Ihre Infrarotbrille ab.

Jacobea Bond: Damit habe ich gesehen, wie Sie ins Boot geklettert sind, Jonas.

Jonas: Und sind mir nachgekommen. Jonas?

Jacobea Bond: Hmh, ich weiß, wer Sie sind.

Jonas: Alle wissen, wer ich bin, wird Zeit, daß ich auch mal was weiß. Wer sind Sie?

Jacobea Bond: Wie alt schätzen Sie mich?

Jonas: Das Spiel hatten wir schon, Jacobea.

Jacky: Jacky. Nennen Sie mich Jacky, ich bin 32.

Jonas: Außerdem, sagte sie, war sie Agentin des GD, des Babylonischen Geheimdiensts, der hatte bekanntlich seine Augen und Ohren überall, auch bei der Großreederei Parnassis. Und da stimmte was nicht, hatte der GD festgestellt. Das konnte man laut sagen.

Jacky: Wir haben einen interessanten Hinweis bekommen, die berüchtigte Stadtguerilla wird hier in Aktion treten, auf der Kalispera.

Jonas: Was Sie nicht sagen.

Jacky: Deshalb bin ich hier. Ich soll mich mal umsehen, vergreist, per Plastiface.

Jonas: Ich auch.

Jacky: Hm, das wußten wir. Oberst Frank war gar nicht erfreut, er hat Brock von der Kripo Anweisung gegeben, Sie zurückzuhalten.

Jonas: Das hat er versucht, der gute Brock.

Jacky: Offensichtlich ohne Erfolg. Ja, um so besser. Jetzt sind wir zu zweit.

Jonas: Falls ich mich mit Ihnen zusammentue, Jacky.

Jacky: Das sollten Sie, Jonas. Wissen Sie, was auf der Kalispera vorgeht?

Jonas: Och, die Frage kommt mir irgendwie bekannt vor.

Jacky: Wissen Sie’s?

Jonas: Nein.

Jacky: Aber ich. Ich zeig’s Ihnen. Kommen Sie mit.

Jonas: Wohin?

Jacky: Unter Deck. Folgen Sie mir.

Jonas: Sie hatte die Infrarotbrille. Ich folgte. Zuerst zu einem Aufzug. Dann nach unten, ganz nach unten. Bis das Schiff zu Ende war, in den Kielraum, oder heißt es Orlopdeck? Egal. Unten ging’s horizontal weiter. Durch ein Labyrinth von engen Gängen, vorbei an flüsternden Maschinen. Neue Gänge, plötzlich blieb Jacky stehen.

Jacky: Wir sind da. Hier wollte sie mich für immer ablegen, April, meine sogenannte Stewardeß.

Jonas: Aber Sie wollten nicht.

Jacky: Ich hab meinen Laser aus dem Handtäschen gekramt und sie getötet. Die Leiche hab ich in einem leeren Lagerraum versteckt, gleich nebenan.

Jonas: Und wo sind wir hier? Es stöhnt und stinkt. Kanalisation? Knast?

Jacky: Hier. Sehen Sie mal durch.

Jonas: Durch die Infrarotbrille wurde das schwarze Loch grün und das Dunkel heller. Wir standen in einem größeren Raum vor einer Gitterwand, dahinter Menschen, alte Menschen, etwa zwei Dutzend, fast nackt, im eigenen Dreck. Beulen und Geschwü-re, Hungerbäuche und dürre Rippen, stumpfe Augen, monotone Bewegungen.

Jonas: Uh, das ist es also. Aber warum nur so wenige?

Jacky: Die anderen sind längst über Bord. Wie der Kapitän, die Zahlmeisterin, der Doktor, alle, alle die nicht mitspielen wollten. Ein paar Alte mußten sie aufheben, damit sie sie im Notfall den besorgten Verwandten am Bildfon präsentierten können.

Jonas: Sie? Wer? Mai?

Jacky: Mai, Oberschwester, Leiterin der Pflegeabteilung und einige ihrer Untergebenen. Sie haben die Kalispera übernommen und kassieren jeden Monat für rund 500 Senioren, die es nicht mehr gibt, oder die kaum was kosten.

Jonas: Bombengeschäft.

Jacky: 10 Millionen im Monat, wenn nicht mehr.

Jonas: Apropos Bombe, haben Sie gesehen, Jacky, rechts an der Wand die Kiste, Sentex steht drauf, und daneben, sieht aus wie ein Zeitzünder, nicht aktiviert, das sollten wir uns mal genauer ansehen.

Jacky: Später. Kommen Sie, Jonas. Schnell.

Jonas: Ein winziger Lichtpunkt, weit entfernt, er kam näher, wurde größer, immer näher, immer größer, dazu Schritte, Stimmen. Jacky zog mich durch eine Tür in einen leeren Raum. Ganz leer war er nicht. Auf dem Boden lag eine Frau im weißen Kittel, April, ein Laserloch zwischen den Augen. Durch den Türspalt konnten wir sehen, nicht viel, aber es reichte. Mai und ein Begleiter, kräftig und weißbekittelt. Mit Maschinenpistole und starker Lampe.

Juli: Ich frag mich, wo April steckt.

Mai: Seit sie den Neuzugang nach unten gebracht hat, ist sie verschwunden. Und dieser Schnüffler, dieser Jonas, muß sich ja auch irgendwo rumtreiben.

Juli: Wir sollten ein Suchkommando organisieren, Mai.

Mai: Keine Zeit, Juli, vielleicht morgen, jetzt hat Karla Priorität, das heißt, ihre zweite Botschaft an Parnassis, diesmal nicht nur über Funk, diesmal visuell, per Holo, oben auf Deck, wegen der Dramatik.

Juli: Wen nehmen wir?

Mai: Na, der da sieht doch noch ganz passabel aus, hol ihn raus.

Juli: Ich muß ihn aber noch waschen und ihm was anziehen.

Mai: Beeil dich, in einer halben Stunde brauch ich ihn an Deck. Für den großen Auftritt mit Karla. Liveübertragung nach Babylon.

Jonas: An Deck. Das war unser Stichwort. Als Mai und Juli mit dem apathischen Alten verschwunden waren, verschwanden wir auch. Ganz schnell. Jacky hatte den Plan der Kalispera gut studiert, besser als Jonas, und brachte uns in einer Viertelstunde zurück zur Basis, ins Rettungsboot.

Jacky: Eine Holo-Livesendung wollen sie machen, mit Karla von der Stadtguerilla und dem Alten, nachts, an Deck, wozu, was soll das?

Jonas: Keine Ahnung. Du, Sammy? Sammy!

Sam: Oh, man geruht doch tatsächlich sich Sams zu erinnern. Kaltherzig hat man ihn in die Tasche gesperrt, den alten kleinen Computer, abgeschaltet hat man ihn, zum Stillschweigen verdammt.

Jonas: Ich schalt dich sofort wieder ab, wenn du nicht mit dem Lamentieren aufhörst. Hast du was konkretes beizutragen?

Sam: Well, wait. Wait and see, Samiel spricht, es werde Licht, und siehe, es wird Licht, on the banks of Sacramento.

Jonas: Wie man’s nimmt. Eigentlich am Heliport. Da gingen plötzlich die Scheinwerfer an und machten die Nacht zum Tage, wie man so sagt. Eine kleine Prozession marschierte ins grelle Licht. Mai, Juli mit seinem Alten, der war jetzt gesäubert und mit einem weißen Bademantel bekleidet, aber noch genauso apathisch wie unten. Lithium oder Valium. Dann kam Karla zwischen zwei maskierten Frauen in schwarz, mit Maschinenpistolen. Zum Schluß ein Weißkittel mit Holokamera. Unter den Scheinwerfern arrangierten Mai und ihr Kameramann ein Gruppenbild um Karla. Jacky und Jonas sahen zu, unter der leicht angehobenen Persenning, in der ersten Reihe. Gute Sicht, gute Akustik.

Mai: So bleiben. Kein falsches Wort, Karla, keine falsche Bewegung, wenn Sie nicht spuren, brechen wir sofort ab und kümmern uns nur noch um Sie. Langwierig und ausgiebig, ist das klar?

Karla: Ja.

Mai: Gut. Wenn die Kamera läuft, sagen Sie folgendes: Ich wiederhole meine Forderung an die Großreederei Parnassis, die ich bereits gestern 20 Uhr über Schiffsfunk gestellt habe. 100 Millionen Euros in Diamanten für die Stadtguerilla, wenn sie uns nicht bis heute abend 20 Uhr ausgehändigt werden, sterben alle Senioren auf der Kalispera. Es lebe die Revolution. Verstanden?

Karla: Ja.

Mai: Dann zeigen Sie nach links und sagen, damit Sie sehen, daß wir es ernst meinen, die Kamera schwenkt nach links auf den Alten und auf August. Alles klar? Dann mal los, Karla auf der Kalispera, Take 1, das erste und einzige Mal.

Jonas: Die Kamera lief, Karla sagte ihren Text auf, die Kamera schwenkte, eine der schwarzen Frauen hob die Maschinenpistole und mähte den Alten im Bademantel um. Die Kamera stoppte. Mai war zufrieden.

Mai: Sehr schön. Expressiv, dramatisch, dringlich.

Karla: Wie geht’s weiter?

Mai: Wir warten, bis die Diamanten kommen, und die werden kommen, da bin ich sicher, dann, werteste Karla, sind Sie überflüssig und werden entsorgt.

Karla: Was ist mit meinen Leuten? Wo sind Sie?

Mai: Immer noch in den Kisten, in denen sie unbemerkt an Bord kommen sollten, aber nicht mehr im Helikopter, sondern in der schönen blauen Karibik. Wir wußten Bescheid und haben sie gleich aus dem Verkehr gezogen.

Karla: Sie haben uns in eine Falle gelockt. Die Kalispera mit ihren reichen Alten haben Sie uns als Köder ausgelegt und wir haben angebissen. Es geht Ihnen überhaupt nicht um die Sache.

Mai: Sache? Mein Gott Ihre Sache, Freiheit, Gleichheit, Revolution, total veraltet, Sie sind 30 Jahre zurück, Karla, heute gibt es nur eine Sache: money, money, money.

Karla: Aber warum haben Sie dann uns auf die Kalispera geholt?

Mai: Na, weil Sie ein wunderbarer Sündenbock sind, oder, oder Sündenziege, sagt man das? Mit Ihrer geschätzten, wenn auch unfreiwilligen Hilfe können wir unseren großen Fischzug sauber und profitabel abwickeln. Es wird einen Knall geben und die Kalispera wird mit Ihnen und den restlichen Alten verschwinden, nach unten, wir werden auch verschwinden, aber in eine ganz andere Richtung, mit vielen Millionen in Bar und in Diamanten, und alle Welt wird Karla und die Stadtguerilla verantwortlich machen.

Jonas: Als wir in unserem Boot aufwachten, Jacky und ich, war es hell, vormittag, ein Geräusch hatte uns geweckt, ein Helikopter, ein kleiner blauer Zweisitzer mit dem roten Parnassis-P. Er kreiste über der Kalispera, wieder waren sie alle am Heliport, Mai, Karla, die restlichen Monate, diesmal nicht als Holocrew, diesmal als Empfangskomitee. Der Helikopter landete, zwei Figuren stiegen aus, Jason Parnassis im dunkelgrauen Ninetees-Look, gekrönt von einer schwarzen Baseballkappe, und Aphrodite, weiter weißer Hut, weißes Sonnentop, knappe weiße Shorts, wunderschön und schaumgeboren. Als die Rotorblätter stillstanden, griff Jason hinter den Sitz, zog einen schwarzen Aktenkoffer heraus. Bewegung ging durch die Kalisperatruppe, darauf hatten sie gewartet.

Jason Parnassis: Die Diamanten, im Wert von 100 Millionen Euros, wie Sie’s verlangt haben.

Mai: Geben Sie her. In Ordnung, erschieß ihn, Juli.

Jason Parnassis: Was? Ah!

Mai: Aphroherzchen, komm in meine Arme.

Aphrodite: Wir haben es geschafft, Maischätzchen.

Jonas: Eine heiße Begrüßung. Der tote Jason wurde derweil über die Reling befördert, und der letzte noch fehlende Stein im großen Kalisperapuzzle klickte ein.

Jacky: Eigentlich klar. Jemand im Parnassis-Hauptquartier mußte am Coup beteiligt sein.

Jonas: Und wer ist geeigneter als die Person, die für die Kalispera zuständig ist.

Jacky: Ich nehme an, Mai und Aphrodite haben die Sache gemeinsam geplant.

Jonas: Mai hat die Kalispera in ihre Gewalt gebracht, und Aphrodite hat dafür gesorgt, daß die Gelder aus Babylon weiter flossen.

Jacky: Bis Frau von Kohlen und Reibach was merkte und den alten Parnassis anspitzte.

Jonas: Da wurde den beiden die Sache zu heiß. Sie beschlossen ein Ende zu machen.

Jacky: Und dabei noch mal ganz groß abzukassieren. Hm, Mai kennt Karla, sie war vor Jahren bei der Stadtguerilla.

Jonas: Ach was? Das wußte ich nicht.

Jacky: Aber der GD. Mai nahm Verbindung zu Karla auf und überredete sie, die Kalispera zu kidnappen. 500 betuchte Greissinnen und Greise, das hätte ein gewaltiges Lösegeld gegeben.

Jonas: Es gab ein gewaltiges Lösegeld. 100 Millionen in Diamanten. Nur Karla hat nichts davon.

Jacky: Sie hat ihre Rolle ausgespielt. Es wird ihr gehen wie Jason Parnassis und wie ihren fünf Stadtguerilleros. Und das ist gut so.

Jonas: Jonas sah das anders. Jonas hatte was übrig für Karla, außerdem, Jonas gehörte nicht zum GD und hatte nicht den Auftrag, die Stadtguerilla zu liquidieren. Abwarten. Die Schöne und das Biest hatten sich inzwischen voneinander gelöst. Es gab viel zu tun. Die letzte Runde war eingeläutet.

Mai: Maschinen stop! Laßt das große Rettungsfloß zu Wasser. Aphroherzchen, kümmerst du dich um Karla?

Aphrodite: Liebend gern. Und du, Maischätzchen?

Mai: Ich gehe nach unten und aktiviere die Bombe.

Aphrodite: Hm.

Mai: Du kommst mit, Juli. Bin gleich wieder da, Herzchen.

Jonas: Aphrodite warf ihr eine Kußhand zu, graziös, hinreißend. Dann ließ sie sich eine Maschinenpistole geben und trieb Karla vor sich her, bis an die Reling. Karla sollte springen. Sie wollte nicht, verständlicherweise. Jonas zog den Laser.

Aphrodite: Spring!

Jonas: Es war Zeit, einzugreifen.

Aphrodite: Spring endlich, du Schlampe!

Jonas: Aphrodite wurde ungeduldig.

Aphrodite: Wie du willst, dann helf ich nach.

Jacky: Jonas, was tun Sie?

Jonas: Ich ziele.

Jacky: Auf Karla?

Jonas: Nein, auf Aphrodite.

Aphrodite: Ah!

Jonas: Getroffen.

Sam: Blow the mandownblow…

Jacky: Mein Laser, er funktioniert nicht.

Jonas: Ich habe mir erlaubt, ihn zu entladen, heute nacht, als Sie schliefen.

Jacky: Aber wieso? Wir arbeiten doch zusammen.

Jonas: Nicht gegen Karla.

Jacky: Ich muß mich doch wehren. Die schießen auf uns.

Jonas: Keine Angst, mit den paar Monaten wird Jonas ganz allein fertig.

Jonas: Außerdem war ja Karla auch noch da. Sie hatte sich Aphrodites Maschinenpistole geschnappt, war hinter einem Schornstein in Deckung gegangen, und half tatkräftig mit, Mai’s Leute auszuschalten. Das war bald erledigt. Jonas stieg aus dem Boot und machte Karla klar, wer er war. Immerhin sah ich noch aus wie der gute alte Jodokus. Wir hielten uns nicht lange auf mit Begrüßungen und Erklärungen, an Deck war alles klar, aber unter Deck gab’s noch einiges zu tun. Für Jonas, für Karla, und für Jackie. Die mußte mit, ob sie wollte oder nicht, sie fand sich im Schiffsbauch am besten zurecht. Wir schlichen uns an, leise, vorsichtig, hielten uns außerhalb des Lichtkegels. Von dem Krawall an Deck hatten Mai und Juli offenbar nichts mitbekommen. Mai war dabei, den Zeitzünder für die Sprengladung einzustellen, in aller Ruhe, ihre MP hatte sie abgelegt, Juli paßte auf, er wirkte nervös, statt Ausschau zu halten, sah er Mai auf die Finger. Karla erschoß ihn, dann griff sie sich seine Waffe und die von Mai. Mai fuhr hoch.

Mai: Jonas!

Jonas: Alias Jodukus nebst Begleitung, bleiben Sie stehen, Mai.

Jacky: Nehmen Sie die Hände hoch.

Jonas: Jacky, Sie greifen ihr in die Kitteltasche und nehmen den Schlüssel zum Käfig. So, schließen Sie auf, holen Sie die Alten raus.

Jonas: Karla half ihr, Jonas behielt Mai im Auge und im Visier seines Lasers. Es dauerte ein bißchen, bis alle Alten draußen waren, sie waren klapprig und vollgepumpt mit Ruhigstellern, die zwei Frauen zerrten und schoben und zogen, bis der Käfig leer war. Genügend Platz für eine einzelne Person mit breiten Schultern. Mai zierte sich, aber ein frisches Laserloch im Kittelsaum überzeugte sie schnell. Jonas schloß ab und steckte den Schlüssel ein. Der neue Aufenthaltsort gefiel Mai gar nicht. Sie wollte raus.

Mai: Die Bombe! In einer halben Stunde geht sie hoch, lassen Sie mich raus!

Jonas: Richtig, die Bombe, tickt munter vor sich hin.

Sam: Fire, fire, fire down below, fetsche backe tofotabeus, fire down below.

Jonas: Singen kannst du, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Aber kannst du auch den Zünder deaktivieren?

Sam: Ja aber ganz gewiß doch, Hochwürden, gib mir nur ein zwei Stündlein Zeit, bis daß ich den Speicher vom Programm befreit.

Jonas: Das dauert zu lange. Alternativvorschlag?

Sam: Laß ticken Kumpel und hau ab.

Jonas: Auch gut. Alle Mann an Deck.

Sam: Und alle Frau. Und alle Computer.

Jonas: Eine Frau bleibt hier.

Mai: Nein! Lassen Sie mich raus!

Jonas: Wir dachten nicht daran. Wir hatten genügend damit zu tun, die Alten nach oben zu scheuchen und das Rettungsfloß für sie klar zu machen. Jemand mußte das Floß übernehmen, bei den Alten bleiben.

Karla: Wer macht das?

Jonas: Sie natürlich, Jacky.

Jacky: Warum ich? Ich bin keine Seniorenbetreuerin.

Jonas: Sie sind im öffentlichen Dienst.

Sam: Im öffentlichen Dunst, haha, das ich nicht kichere.

Jonas: Sie haben geschworen, das Wohl Babylons und aller seiner Bürgerinnen und Bürger zu schützen.

Karla: Außerdem haben Sie keine Wahl, weil Sie keine Waffe haben.

Jonas: Grämen Sie sich nicht, Jacky, Sie werden einen Orden kriegen.

Jacky: Von wem? Oberst Frank?

Jonas: Von der Bürgermeisterin oder vom roten Kreuz.

Sam: Oder von mir.

Jonas: Und denken Sie an die reichen Verwandten unserer Alten. Die werden sich freuen, wenn sie Opa und Oma zurückkriegen und sich erkenntlich zeigen.

Jacky: Glauben Sie wirklich?

Jonas: Tja, wenn Sie mich so direkt fragen.

Jacky: Warum fahren Sie nicht mit den Alten, Jonas?

Jonas: Weil ich den Helikopter nehme.

Karla: Ich komme mit.

Sam: Ich auch.

Jonas: Und der Diamantenkoffer.

Jacky: Sieh mal an.

Jonas: Treuhänderisch. Für die Großreederei Parnassis. Sie ist meine Auftraggeberin, ich bringe ihr das Lösegeld zurück, das gehört sich so.

Sam: Ja, ist er nicht ethisch, mein Jonas, ist er nicht moralisch, was, hmhm.

Jonas: Die Bombe. Ein Zittern lief durch die Kalispera. Sie begann zu sinken, nach vorn, über den Bug, wie einst vor 100 Jahren die Titanic, stilvoll und würdig. Mit vereinten Kräften hievten wir die Alten ins Rettungsfloß. Jacky übernahm das Kommando und das Steuer, das Ruder, die Pinne, wie immer das heißt. Jonas und Karla stiegen in den Helikopter, wir starteten und drehten ein paar Runden, bis die Kalispera untergegangen war, dann verabschiedeten wir uns von Jacky und ihren Schutzbefohlenen.

Jonas: Und jetzt Kurs Babylon.

Karla: Ich bin für Brasilien. Da fühl ich mich sicherer.

Jonas: Mag sein, aber ich hab das Steuer.

Karla: Aber nicht mehr lange. Ich übernehme. Lassen Sie den Knüppel los. Suchen Sie Ihren Laser, Jonas? Den habe ich Ihnen vorhin aus der Tasche gezogen und über Bord gehen lassen.

Jonas: Ich habe Ihnen vertraut, Karla.

Karla: Vertrauen ist gut, Jonas.

Sam: Aber Kontrolle ist besser, Dämlack, Idiot, Volltrottel, Kackstiefel.

Karla: Also geben Sie mir schon das Steuer. Ich würd Sie nur ungern umbringen.

Jonas: Vielen Dank. Wir tauschten die Rollen, Karla übernahm das Steuer, sie war ein Profi und ließ mir keine Chance. Sie behielt immer eine Hand am Laser, und die Lasermündung zeigte auf meine Schläfe. Karla ging tiefer.

Karla: Springen Sie ab, Jonas.

Jonas: Ins Wasser?

Karla: Ja wohin denn sonst?

Jonas: Also das finde ich ausgesprochen unnett von Ihnen, Karla.

Karla: Ich bin sogar sehr nett zu Ihnen, Jonas, ich fliege tief und langsam, damit Sie sich beim Aufschlag nichts tun. Sie dürfen Ihren äh Sam mitnehmen.

Sam: Wuäh, Sam ist wasserscheu.

Jonas: Dich fragt keiner, Sam.

Karla: Einen Rettungsring kriegen Sie auch, nur den Diamantenkoffer, den nehme ich, für die Revolution, alle hopp.

Jonas: Wir sehen uns, Karla.

Sam: Jironimo.

Karla: Adios, Jonas!

Jonas: Glühende Mittagshitze, absolute Windstille. Auf dem glatten Blau der Karibik treibt ein Rettungsring, darin ein leicht verdatterter Privatdetektiv, Sonnenbrand auf der Nase, grimmige Gedanken im Herzen, und in der Brusttasche einen kleinen, aber lauten Computer.

Sam: Jonnie, o I drink whisky when I can, o whisky for my Jonnie.

Jonas: Schön wär’s, Sammy. Wir haben nicht mal Trinkwasser.

Sam: No whisky, no cry. OK man, neues Lied, drei vier. Rolling home, rolling home, rolling home across the sea…

Jonas: Sammy, du nervst.

Sam: Rolling home to dear old Babylon, where my hearts so longs to be, rolling home, rolling home, rolling home across the sea, rolling home to dear old Babylon, where my heart to longs to be.

Das war Traumschiff. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Esther Hausmann, Philipp Moog, Tanja Schleiff, Simone Solga, Jochen Striebeck, Saskia Vester und andere (Michael Vogtmann, Hans Jürgen Stockerl, Jürgen Donien, Helmut Gillitzer-Felber, Anita Schlierf). Ton und Technik: Günter Heß und Daniela Röder. Assistenz: Martin Trauner. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 2001 in Dolby Surround. Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Totentanz

Wirt: Noch ein Bier, Gringo?

Jonas: Immer mit der Ruhe. Ich hab ja noch was.

Wirt: Hör zu, Gringo, du sitzt jetzt schon zwei Stunden vor einem Bier. Bei solchen Gästen geh ich Pleite. Hau ab, Gringo, verpiß dich.

Jonas: Der Wirt erinnerte mich sehr an seinen Kollegen Jakob vom Casablanca. Genauso umgänglich. Genauso liebenswürdig. Erstaunlich, wo die beiden doch viele tausend Kilometer auseinander waren. Die Cantina saluti pesetas stand nicht in Babylon, sondern in Puerto Porco, im freundlichen Ländchen Costaguana in Südamerika. Sam sagte Costamerda, er war nämlich der Landessprache mächtig und fand es hier genauso schön wie sein Herr.

Sam: Sammy will nach Hause.

Jonas: Jonas auch, Sam. Ich werd’ dich wohl verkaufen müssen.

Sam: Verkaufen? Hör ich recht, wirklich und wahrhaftiglich? Nein, das kann nicht sein, sag, daß es nicht wahr ist, o du mein Jonas.

Jonas: Für meinen Rückflug nach Babylon brauch ich Kohle.

Sam: Nur über meine verkohlte Leiche.

Jonas: Was soll ich denn sonst tun, Sammy, morgen oder übermorgen ist das Geld alle.

Sam: Na und?

Jonas: Als ich Ende September in Costaguana an Land gespült wurde, hatte ich nur ein paar Euros in der Tasche, und die brauchte ich, weil ich mein Jonas-Gesicht wiederhaben wollte. Vorher war ich Jarmomir Jodokus gewesen, 96 Jahre und häßlich wie die Nacht, dank Plastiface. Jetzt hatten wir Oktober. Fall abgeschlossen. Traumschiff Kalispera abgesoffen. Und Jonas hing in Puerto Porco herum, mit seinem vertrauten Gesicht, aber ansonsten am Ende. Der letzte Detektiv pfiff auf dem letzten Loch.

Jonas: Morgen setze ich eine Annonce in das schmutzige Stück Klopapier, das sich hier Zeitung nennt. Gelegenheit. Verbaler Taschencomputer. Nicht mehr ganz neu, aber voll in Schuß. Selbständig und eigensinnig, äh eigenwillig, oder eigenartig, war meinst du, Sam? Was ist besser?

Sam: Sam tritt in den Streik. Kein einziges Wort sag ich mehr, von nun an bis in Ewigkeit. A-me-hen.

Jonas: Wer’s glaubt, Sammy.

Sam: Nein, nicht verkaufen, bitte bitte, heul kreisch schluchzt, was soll Sammy denn tun ohne seinen innigst geliebten Jonas, ein armes Waisencomputerlein wird er werden, einsam in der bösen Welt herumirren wird er, huhuhuhu.

Jonas: Krieg dich wieder ein, Sammy. Ich werd drüber nachdenken.

Sam: OK.

Jonas: Und darüber schlafen, in meinem Zimmer, nicht weit, nur die Treppe hoch. Die Cantina war nämlich auch das Grand-Hotel von Puerto Porco, nettes Zimmer, nicht groß, nicht sauber, bewohnt von Jonas und von vielen kleinen Tieren, munter und bissig. Ich schlief trotzdem ein und hatte einen merkwürdigen Traum. Ich lag im Zimmer, im Bett und schlief. Das war nicht weiter merkwürdig, doch dann flog durchs offene Fenster ein großer bunter Vogel. Mit wunderschönen glänzenden Federn, grün, rot, schwarz. Und als er im Zimmer war, verwandelte er sich in einen Menschen, eine junge Indio-Frau. Lange schwarze Haare. Rotbraune Haut, viel Haut. Bekleidet war sie nur mit ein paar grünen Federn, ein schöner Traum, dachte ich. Ich wachte auf. Sie war immer noch da. Und lächelte mich an.

Jamaro: So siehst du also aus, Jonas.

Jonas: Woher kennen Sie meinen Namen?

Jamaro: Du hast eine gute Aura, Jonas.

Jonas: Ich hätte mir gestern abend doch die Füße waschen sollen.

Jamaro: Deshalb bin ich zu dir gekommen, Jonas. Du wirst uns helfen, das weiß ich.

Jonas: Sie hieß Jamaro, sagte sie und lebte mit ihrem Stamm im Urwald am Fuß des heiligen Berges Juckamanie in Pueblo Mocoron. Ihr Vater war der Kazike. Der Häuptling. Und sie selbst war die Medizinfrau des Stammes, die Schamanin.

Jamaro: Dschilam, sagen wir, das heißt Wahrsagerin, und Tochmen, Heilerin.

Jonas: Sehr erfreut. Jonas, nur Jonas, aber das weißt du ja schon. Privatdetektiv meines Zeichens, der sogenannte letzte, in Babylon, Europa. Zur Zeit gestrandet und weit weg vom Fenster.

Jamaro: Das weiß ich. Du wirst uns helfen. Wir werden dir helfen.

Jonas: Ich kann aber nicht heilen, und wahrsagen schon gar nicht.

Jamaro: Das ist auch nicht nötig. Ich brauche einen Helfer, der tatkräftig ist und entschlossen, der keine Angst hat, einen wie dich, Jonas.

Jonas: Wenn du meinst, Jamaro. Worum geht’s denn?

Jamaro: Wir haben große Probleme mit Bio Global.

Jonas: Aha. Bio Global. Ein Weltunternehmen. Chemie, Öl, Rohstoffe. Die südamerikanische Filiale saß in Puerto Porco in einem gewaltigen Komplex am Stadtrand, geschützt und gesichert. Jonas kannte Bio Global, mit der Filiale in Babylon war ich mal unschön zusammengerasselt. Januar 2012. Vor dreieinhalb Jahren. Das sprach für Jamaro.

Jamaro: Bio Global hat unser Land gekauft, nicht von uns, von der korrupten Regierung in El Dorado, Bio will unsere Bäume abholzen, nach Öl bohren, unsere Erde nach Smaragden durchwühlen. Wir sollen verschwinden, unser Dorf aufgeben, unsere Maisfelder, unseren Wald, unseren heiligen Berg. Mein Vater, der Häuptling, ist nach Puerto Porco gekommen, Bio Global hatte ihn eingeladen, um mit ihm zu verhandelt, aber das war eine Lüge, Bio hält ihn fest und droht ihn umzubringen, wenn wir unser Land nicht aufgeben.

Jonas: Typisch.

Jamaro: Ich bin gekommen, um meinen Vater zu befreien, und dazu brauche ich deine Hilfe, Jonas. In der Stadt ist meine Magie nicht stark genug, zu viel Steine, zu viel Technik, du kennst dich damit aus und du besitzt ein Werkzeug, das künstliche Labyrinthe überwindet und stärkste Barrieren durchbricht.

Jonas: Werkzeug? Ach du meinst meinen Computer. Stell dich vor, Sammy.

Sam: Samuel. Für wilde Weiber, die nur drei Federn am Hintern tragen, Herr Samuel. Sir. Von und zu. Und ein Werkzeug, Verkehrteste, ist man schon gar nicht, man ist ein Hirn, ein Superhirn, es ist der schiere Intellekt, der in dem kleinen Sammy steckt, der pure Geist, der alles weiß, auch jeden Scheiß.

Jonas: Nimm ihn nicht wörtlich, Jamaro. Sam redet gern und viel. Zu viel Sprachprogramme. Aber was Codes angeht und elektronische Sperren, da ist er wirklich ein Ass.

Sam: Man dankt gnädigst.

Jamaro: Komm Jonas, es wird bald morgen.

Jonas: Ich hatte mal eine Hexe gekannt in Babylon, Megan hieß sie, das war keine gute Erfahrung, aber Jamaro gefiel mir. Ihre Art. Ihr knappes Gefieder. Ihr Anliegen. Es ging gegen Bio. Jonas kam mit. – Der Mond schien auf den Bio-Komplex, der Mond und zahllose Scheinwerfer auf hohen Masten. Sie standen rund um einen gewaltigen Betonquader, 50 Meter hoch, mindestens. Keine Fenster, statt dessen Malereien in freundlichen Pastellfarben, putzige Tiere, bunte Blumen. Das war Bios Masche. Vorn sorgte Bio sich um die Umwelt, die sie hinten tatkräftig ausrottete. Eine einzige Tür, davor ein Wächter mit Laserstrahler. Jamaro und Jonas hockten hinter einem Busch und überlegten.

Sam: Abschießen, den Typ. Umnieten. Kaltmachen.

Jamaro: Es ist blutdürstig, das kleine Hirn.

Jonas: Ach was, Sam bläst sich nur auf. Wie meistens.

Sam: Was?

Jonas: Der Mann macht doch bloß seinen Job, Sammy. Auch wenn ich ihn umbringen wollte, womit denn? Hab ich einen Laser, hab ich einen Revolver?

Sam: Ne.

Jamaro: Überlaß ihn mir, Jonas. Er ist ein Indio.

Jonas: Jamaro ging auf den Wächter zu. Er starrte sie an, sie machte eine Bewegung mit der linken Hand, er ließ den Laser fallen, eine zweite Handbewegung, er fiel um und blieb liegen mit offenen Augen.

Jamaro: In zwei Stunden wird er aus seiner Starre erwachen.

Jonas: Das sollte reichen. Jetzt die Tür. Sam?

Sam: Ja?

Jonas: Du bist dran. Beeil dich.

Sam: Hahaha, leicht dahingesagt, euer Klugschwätzen, doch nicht so leicht vollbracht, wer muß sie denn machen die Knochenarbeit, hm, der Knackerei, nicht der kommandiere Herr Chefdetektiv, nicht die wilde Indianerin mit ihrem Hokus-Pokokus, nein, der arme Computer, wer sonst. Das Werkzeug soll sich schinden, o weh, o jäh, das Leben ist hart und zäh.

Jonas: Zu schwer für dich, Sammy?

Sam: Na.

Jonas: Das läßt ein stolzer Computer sich nicht zweimal sagen. Die Tür sprang auf, dahinter ein Foyer, überall Holocams, Standardsicherheitssystem, von Sam sofort infiltriert, wer immer wo immer auf die Monitore glotzte, sah das übliche, leere Räume, Standbilder. Jamaro ging voran, sie wußte, wo ihr Vater steckte, obwohl sie nie hiergewesen war, sie spürte es, irgendwie. Wir fuhren im Lift nach unten, bewegten uns vorsichtig durch Gänge und Sicherheitsschleusen, Sam hatte ordentlich zu tun, dann waren wir da, in einem hellen Raum, weißgekachelt, ausgestattet mit einem Operationstisch, einer Badewanne, einer starken Batterie, diversen Brenn- und Schneidewerkzeugen, auf dem Tisch lag ein alter Indio, angeschnallt, blutig, bewußtlos und unförmig dick.

Jamaro: Mein Vater, Ballam ist sein Name.

Sam: Ballermann?

Jamaro: Das heißt Jaguar.

Sam: Aha, na ja, ein ausgesprochen fetter Jaguar, wenn Sie mich fragen, Herr Doktor.

Jonas: Dich fragt aber keiner, Sam.

Sam: Na denn nicht.

Jamaro: Ein Häuptling ist stattlich, so muß es sein. Sein Leib verkündet seine Würde. Sie haben ihn gefoltert.

Jonas: Offensichtlich. Wie kriegen wir ihn hier raus? Laufen wird er nicht können, und tragen…

Sam: Och jo, 3 Zentner, und das reicht nicht mal. Soll sie doch was zaubern, unsere Miss Hokus-Pokokus.

Jonas: Und das tat sie tatsächlich. Die Fesseln lösten sich, der massige Körper des bewußtlosen Häuptlings hob sich ein paar Zentimeter in die Höhe. Levitation nennt man das, und eigentlich gibt es so was nicht. Jamaro zog ihren Vater hinter sich her, wie mit einem starken Magneten, den Weg zurück, den wir gekommen waren. Es ging langsam, Jamaro hatte Mühe, Schweiß trat ihr auf die Stirn, sie bewegte sich im Zeitlupentempo. Als wir den Ausgang erreichten, konnte sie nicht mehr. Papa fiel auf die Erde und blieb liegen. Jamaro lehnte sich schwer atmend an die Mauer.

Sam: Da liegt der alte Häuptling der Indianer.

Jamaro: Es geht nicht mehr, meine Kraft ist erschöpft. Hilf mir, Jonas, hilf mir, meinen Vater nach Hause zu bringen.

Jonas: Wir müssen ihn transportieren. Frage wie.

Sam: Schubkarre.

Jonas: Zu anstrengend und zu langsam. Mir fällt was besseres ein.

Sam: Det glob ich nich.

Jonas: Die Großgarage von Bio lag gleich neben dem Hauptgebäude. Sam knackte die Tür. Innen gab’s eine Menge LKW, ein paar Prunkkarossen und Geländewagen, und eine Harley Davidson, eine 250er mit Beiwagen. Eine echte Antiquität aus dem vorigen Jahrhundert, vermutlich das Spielzeug des Direktors. Ich schob die Maschine raus, mit großer Mühe bugsierten wir den Häuptling in den Beiwagen, der Morgen dämmerte.

Jonas: Uff. Du steigst hinten auf, Jamaro.

Jamaro: Nein, Jonas, ich fahre.

Jonas: Ja kannst du das denn?

Jamaro: Ich habe es in El Dorado gelernt, als ich auf der Universität war. Danke, Jonas, leb wohl.

Jonas: Sehen wir uns wieder, Jamaro?

Jamaro: Möglich ist alles.

Jonas: Du wirst mich noch brauchen, Jamaro, Bio ist noch nicht fertig mit euch. Ich glaub nicht, daß du’s allein schaffst.

Jamaro: Das wird sich zeigen. Wir bleiben in Verbindung, Jonas.

Jonas: Die Harley verschwand in der Tropennacht. Für Jonas hieß es zurück ins Zimmer. Noch eine Runde schlafen, bevor der neue Tag da war.

Wirt: Du brauchst Geld, Gringo.

Jonas: Ach was.

Wirt: Bei Bio Global suchen sie Leute.

Jonas: Ach ja?

Wirt: Spezialisten. Kämpfer. Söldner. Du siehst so aus, Gringo.

Jonas: Wie sehe ich aus, Cantinero?

Wirt: Wie einer, der was vom Töten versteht. Geh zu Bio, Gringo, sie nehmen dich, du kriegst Geld, du bezahlst deine Rechnung.

Jonas: Gute Idee.

Wirt: Eswerdat, Gringo.

Jonas: Also wieder zum Biokomplex, und diesmal bei Tageslicht, offen und legal. Commandante Ramirez, der Sicherheitschef, hatte Zeit für mich. Ein kleiner drahtiger Mann mit Schnauzbart in einer Art Operettenuniform, kurze schwarze Jacke mit silbernen Litzen, wo es sich irgend machen ließ, schwarze Reithosen, blankgewichste Stiefel mit riesigen Silbersporen, auf dem Tisch ein schwarzer Sombrero, groß wie ein Wagenrad, bestückt mit Medaillen und alten Silberdollars. Aber der Typ war moderner als er aussah.

Ramirez: Verstehen Sie was von Robokillern, Senior Jonas?

Jonas: Sie haben Robokiller?

Ramirez: Einen. Aus amazonischen Heeresbeständen, nicht das allerneueste Modell, war jahrelang eingemottet, aber für den Dschungelkrieg programmiert, und insofern mehr als ausreichend. Wir haben es ja bloß mit Indios zu tun, also Macheten, wenn’s hochkommt ein paar alte Schrotflinten, ein Spaziergang. Sie haben mit Robokillern gearbeitet, Senior Jonas?

Jonas: Im antarktischen Krieg. Ich war beim 9. Guerillakommando.

Ramirez: Ah, Respekt. Willkommen bei der Bio-Truppe, Tenjente Jonas.

Jonas: Nicht so schnell, Commandante. Was zahlen Sie?

Ramirez: Ah, der Profi. Das wichtigste zuerst, nicht wahr. Bio Global ist großzügig. 30.000 Peseten gleich 500 Dollar.

Jonas: 1000 Euros. Nicht schlecht.

Ramirez: Pro Woche. Im Voraus. Na, wie sieht’s aus? Morgen früh geht’s los.

Jonas: Morgen schon?

Ramirez: Wir hätten es gern in Ruhe geregelt mit dem Häuptling, aber der ist uns heute Nacht ausgerissen. Keine Ahnung, wie er es gemacht hat, er ist weg, und die Harley vom Chef auch.

Jonas: Was Sie nicht sagen, Commandante.

Ramirez: Das heißt Großeinsatz. Hart und schnell. Robokiller, Helikopter. Alles was wir haben. Machen Sie mit.

Jonas: Si, Commandante, sagte ich. Ich dachte an die Euros, an die Rückkehr nach Babylon, aber vor allem dachte ich an Jamaro, daran daß ich was für sie tun konnte, als Undercover-Agent, als Maulwurf, als fünfte Kolonne. In der Morgendämmerung ging es los, zuerst per LKW, dann als der Wald dichter wurde, zu Fuß. 20 Biokämpen, Leutnant Jonas, und ein verbeulter angerosteter Robokiller, hoch darüber Kommandante Ramirez im Helikopter. Der Robokiller knarrte und quietschte und kam nur mühsam vom Fleck.

Ramirez: Hier Condor. Condor ruft Tapir. Melden Sie sich, Tapir. Hier Condor.

Jonas: Hier Jonas, äh, Tapir meine ich. Was gibt’s, Commandante.

Ramirez: Lassen Sie ihre Leute kurz ausruhen, Tenjente, genau 13 Uhr 30 greifen wir an. Over and out.

Jonas: Sie mich schon lange.

Jonas: Die Sonne stand hoch, als wir eine Lichtung im Urwald erreichten. Von hier war es nicht mehr weit bis zum Indiodorf.

Jonas: Halt, Pause!

Jonas: Ich wurde nervös, wo blieb Jamaro?

Jamaro: Jonas? Jonas, hörst du mich?

Jonas: Jamaro, endlich. Was soll ich tun?

Jonas: Ich hörte sie, deutlich und klar. Nicht im Walkie-talkie, nicht mit den Ohren. Jamaros Stimme war in meinem Kopf. Telepathie, Schamanenzauber, oder wie Sammy sagen würde, Hokus Pokus.

Jamaro: Nichts, Jonas. Du brauchst nichts zu tun. Mit den Eindringlingen werde ich allein fertig. Auf meine Weise, bleib sitzen, rühr dich nicht, warte.

Ramirez: 13 Uhr 30, Tenjente. Angriff! Auf sie mit Gebrüll. Ich fliege voraus und schieße ihnen den Weg frei, keine Gefangene, lassen Sie keinen…

Jonas: Die Verbindung zu Ramirez riß ab. Plötzlich setzte ein starker Wind ein, fegte über den Urwald, ich sah nach oben, der Himmel war wolkenlos, der Kommando-Helikopter geriet ins Trudeln, große Vögel stürzten sich auf ihn, Geier, von allen Seiten, sie hackten und krallten, verdeckten die Fenster, der Rotor setzte aus, der Helikopter trudelte stärker, stürzte, verschwand hinter den Bäumen, ein Knall, eine Flamme, ein dunkler Rauchpilz.

Jonas: Astaluego, Commandante Ramirez.

Jamaro: Nun siehst du es, Jonas. Auf meinem eigenen Territorium bin ich stark.

Jonas: Ich sehe es, Jamaro, und ich bin beeindruckt.

Jamaro: Es geht weiter, Jonas, sieh wieder nach unten, sieh dich um.

Jonas: Auch die Bodentruppe war in Schwierigkeiten, meine 20 Biokrieger hüpften, rannten, ließen ihre Waffen fallen, wälzten sich, wie von der Tarantel gestochen, aber es war keine Taranteln, es waren… Bienen, Killerbienen, ganze Schwärme gelber Killerbienen. Nicht zu vergessen die roten Wanderameisen. Sie stürzten sich auf den Robo-Killer, drangen in ihn ein, zerbissen seine Kabel, fraßen seine Schaltungen, bis er umfiel. Um ihn, über ihm, ein gigantisches rotes Gewimmel. Der Robokiller zerfiel in Einzelteile, löste sich auf.

Jamaro: Jetzt machen wir ein Ende, Jonas, bleib ganz ruhig, hab keine Angst, dir wird nichts geschehen.

Jonas: Die Indios kamen. Wie Schatten tauchten sie auf zwischen Jakarandas und Tschiklebäumen, hinter Lianen und Orchideen. Sie waren nackt, grüne Kriegsbemalung auf rotbrauner Haut, bewaffnet waren sie mit Blasrohren und mit Macheten. Es dauerte nur wenige Minuten, dann waren die Biosöldner tot. Alle. Bis auf Jonas. Der saß hinter einer unsichtbaren Schutzwand, nichts und niemand drang durch zu mir, kein Tier, kein Indio. Der Wind legte sich, es wurde still.

Jonas: Gratuliere Jamaro, ihr habt gewonnen, Invasion abgewehrt.

Jamaro: Danke Jonas. Es war nicht leicht.

Jonas: Aber das ist noch nicht der Endsieg. Bio Global wird’s wieder versuchen. Da bin ich sicher.

Jamaro: Ich werde es früh genug erfahren, durch dich, Jonas.

Jonas: Natürlich, aber wie?

Jamaro: Wenn es nötig ist, werde ich dasein, Jonas, bei dir, in dir, wir bleiben in Verbindung. Bis bald.

Jonas: Ich marschierte zurück nach Puerto Porco, machte Meldung, nicht ganz wahrheitsgetreu, aber überzeugend. Tenjente Jonas wurde zum Commandante befördert. 2000 Euros die Woche. Ansonsten machte der Krieg Pause. Drei Tage später. Commandante Jonas wurde in den Bio-Komplex befohlen. Großer Kriegsrat im kleinen Kreis. Big Boss war da. Don Miguel Perez Escobar, Filialdirektor von Bio Global, weißhaarig, würdig, langweilig, lahm. Und ein noch größerer Boss bzw. Bossin, Miss Anna Plotz, Vizepräsidentin von Bio Global, aus der Zentrale in New York, jünger, bissig, messerscharf, wie die Bügelfalten in ihrem eleganten schwarzen Business-Suit. Sie ließ sich berichten, vom provisorischen Sicherheitschef, Commandante Jonas.

Anna Plotz: Danke Commandante, soweit, so schlecht. Wir haben Zeit verloren.

Escobar: Und zwei Dutzend Sicherheitsleute, und einen Robokiller, ganz zu schweigen vom Helikopter.

Anna Plotz: Das ist nicht das Problem, Miguel. Sicherheitskräfte lassen sich ersetzen, Maschinen auch, unser Image macht mir Sorgen, hier, der Daily New Yorker von gestern: nackte Wilde führen High-Tech-Konzern vor.

Escobar: Peinlich.

Anna Plotz: Peinlich? Unmöglich, unerträglich.

Escobar: Ganz Ihrer Meinung, Anna.

Anna Plotz: Na also.

Escobar: Also was?

Anna Plotz: Was schlagen Sie vor, Miguel? Wie gedenken Sie die Sache in den Griff zu kriegen?

Escobar: Nun, äh, wir werden neue Söldner anwerben.

Anna Plotz: Selbstverständlich. Und?

Escobar: Wir könnten den Dschungel in Brand stecken, die Indios ausräuchern.

Anna Plotz: Na wunderbar, wir verbrennen das kostbare Tropenholz, das wir eigentlich verwerten wollen. Kommt nicht in Frage.

Escobar: Vielleicht sollten wir einen Nuklearangriff mit einer Baby-Bombe.

Anna Plotz: Und das Gebiet auf Jahre kontaminieren? Schwachsinn. Weitere Vorschläge. Ich warte, Miguel.

Escobar: Ich weiß nicht, äh, so auf die Schnelle.

Anna Plotz: Also keine Vorschläge ihrerseits. Gut, ich nehme das zur Kenntnis.

Escobar: Aber ich habe doch, wenn Sie alles ablehnen, Anna.

Anna Plotz: Was Sie vorgelegt haben, Miguel, ist unbrauchbar, totaler Schrott.

Escobar: Dann machen Sie doch einen Vorschlag.

Anna Plotz: Ich werde viel mehr tun, Miguel. Sie haben versucht, ein unkonventionelles Problem mit konventionellen Mitteln zu lösen. Damit sind Sie natürlich gescheitert. Jetzt machen wir’s auf meine Weise. Unkonventionell. Ich habe Ihnen aus New York was mitgebracht.

Jonas: Es wurde interessant. Commandante Jonas wurde hellwach. Durch die Tür spazierte ein seltsames Paar. Ein alter Mann, schlitzäugig, schmutzig-gelbe Hautfarbe, viel Haut war allerdings nicht zu sehen. Der Alte trug einen überlangen Mantel aus Leder, der vor Dreck starrte, dazu Filzstiefel und eine Pelzmütze, verziert mit zwei Hörnern, an seinem Gürtel hing ein Menschenschädel, in der Hand hielt er einen großen runden Holzrahmen mit einer Membrane bespannt und einen menschlichen Schenkelknochen. Um ihn war eine starke Aura, alter Schweiß, ranziges Fett, verrotteter Abfall, verwestes Fleisch. Sein Begleiter war das ganze Gegenteil, ein smarter junger Mann, vielleicht etwas zu smart, zu modisches Outfit, zu dicke Rolex.

Jemeljan: Hi, Jemeljan mein Name, nennen Sie mich Jim, ich bin der Dolmetscher, der Wärter, der, katschkasatsch, wie sagt man, Assistent von Utschym Schetan.

Schetan: How. Utschym Schetan. How.

Jemelja: Utschym Schetan ist ein großer Schamane vom Stamm der Ewenken in Sibirien.

Escobar: Ein Schamane?

Jemeljan: Ein schwarzer Schamane, ein böser Schamane, er steht in Verbindung mit bösen Geistern, mit dem Teufel, sagt man.

Schetan: How.

Escobar: Anna, was soll das?

Anna Plotz: Die Kompania, die sogenannte russische Mafia.

Jemeljan: Nicht dieses Wort, bitte.

Anna Plotz: Die Kompania bietet ein spezielles Serviceprogramm an, Rent a Schaman, und genau das habe ich für Bio Global getan. Hier ist der beste Schamane, der in ganz Rußland aufzutreiben war.

Schetan: How.

Anna Plotz: Wir werden die Schamanin der Indios mit unserem Schamanen bekämpfen. Homöopathie, wenn Sie so wollen, den Teufel mit dem Belzebub austreiben, oder mit dem Schetan.

Schetan: Schetan. How.

Escobar: So, was kann er denn, Ihr Schamane?

Jemeljan: Viel, sehr viel. Er kann Wetter machen.

Schetan: How.

Jemeljan: Er kann Menschen und Tiere töten auf, wie sagt man, mentale Weise.

Schetan: How.

Jemeljan: Er kann die Waffen der Gegner verhexen.

Schetan: How.

Jemeljan: Er kann Menschen verwandeln in, katschkasatsch, wie sagt man, Berserker.

Schetan: How.

Jemeljan: Sie werden weiterkämpfen, auch wenn sie schwer verwundet sind, auch wenn sie schon fast tot sind, werden sie kämpfen, und nichts kann sie aufhalten.

Schetan: How. How. How.

Anna Plotz: Hört sich gut an, Jim. Er soll uns was zeigen, lassen Sie ihn, äh, wie sagt man, schamanisieren.

Jemeljan: Machen wir. Utschym, dawei.

Schetan: How. How How…

Jonas: Der Schamane schlug mit dem Knochen auf die Handtrommel, grunzte und schwankte von einem Fuß auf den anderen, ein ungelenker Tanzbär. Plotz und Escobar sahen fasziniert zu. Ich machte mir Sorgen, die neue Entwicklung gefiel mir nicht, ganz und gar nicht. Ich machte die Augen zu und rief Jamaro in Gedanken, laut und unhörbar.

Jamaro: Ich bin hier, Jonas. Ich war die ganze Zeit hier und hab alles gehört.

Jonas: Und? Hast du Angst?

Jamaro: Angst? Nein. Doch, ein wenig. Der schwarze Teufel ist ein gefährlicher Gegner.

Jonas: Was wirst du tun?

Jamaro: Ich muß mich auf ihn einstellen, mich auf den Kampf vorbereiten, zur Sicherheit neue Kraft schöpfen, damit ich ihm auf jeden Fall gewachsen bin.

Jonas: Und wie soll das gehen?

Jamaro: Ich werde sterben.

Jonas: Was?

Jamaro: Und wieder auferstehen. Noch heute werde ich mich in den Wald zurückziehen, eine Nacht und einen Tag werde ich schlafen wie eine Tote. Ich werde entsetzliche Träume haben, Dämonen werden mich töten, mich zerstückeln, mein Fleisch essen, wenn ich erwache, muß ich mich zwei Tage lang erholen, dann bin ich stark und kann es mit dem schwarzen Teufel aufnehmen. Leb wohl, Jonas.

Jonas: Jamaro! Weg war sie. Das war ein Fehler. Sie hätte noch bleiben sollen, wenigstens ein paar Minuten. Ich machte die Augen auf, die Trommelei hatte aufgehört. Der Schamane und sein Bärenführer steckten die Köpfe zusammen, Utyschym Schetan fuchtelte mit den Armen, redete, irgendwas war los.

Jemeljan: In diesem Raum ist ein Verräter, sagt er.

Escobar: Unsinn, wir sind unter uns.

Jemeljan: Utschym Schetan hat ihn entlarvt.

Schetan: How.

Jemeljan: Der Verräter steht in Verbindung mit der Medizinfrau der Indios durch, wie sagt man, Telepathie. Utschym Schetan hat ihr Gespräch abgehört.

Schetan: How.

Anna Plotz: Wer ist es? Wer ist der Verräter?

Jemeljan: Utschym, dawei.

Schetan: How. How. How. How.

Jemeljan: Der ist es.

Escobar: Commandante Jonas?

Jonas: Ich wollte den Laserstrahler ziehen, aber ich konnte nicht, ich konnte kein Glied rühren. Der Schamane war ganz nah, er stierte mir ins Gesicht mit seinen bösen Schweinsaugen, sein Gestank verpestete die Luft, ich rief Jamaro, aber die Verbindung war abgebrochen. Sicherheitskräfte kamen.

Anna Plotz: Entwaffnen. Fesseln!

Jonas: Nahmen mir den Laser weg, verschnürten mich. Der Schamane drehte sich um.

Schetan: How.

Jonas: Und redete weiter mit Jemeljan.

Schetan: How.

Jemeljan: Aha. Meine Herrschaften, Utschym hat etwas sehr interessantes erfahren.

Schetan: How.

Jemeljan: Unsere Gegnerin, die Indiofrau, ist für mehrere Tage außer Gefecht. Sie befindet sich in, wie sagt man, Trance, in, wie sagt man, Katatonie. Man nennt das Schamanenkrankheit. Schamanen tun das, um Energie zu gewinnen.

Schetan: How.

Anna Plotz: Großartig, dann greifen wir gleich morgen an.

Escobar: Das geht nicht, Anna, wir haben weder Robokiller noch Helikopter. Ersatz ist bestellt, aber bis er hier ist.

Anna Plotz: Robokiller, Helikopter, brauchen wir alles nicht. LKWs haben Sie doch, Miguel, oder?

Escobar: Sicher, aber was nützen uns LKWs, wenn wir keine Söldner haben.

Anna Plotz: Söldner brauchen wir auch nicht.

Escobar: Wie bitte?

Anna Plotz: Wir holen uns Leute aus den Slums von Puerto Porco, arme Schlucker, für ein paar Dollar tun die alles, soviel wir kriegen, egal wie alt, egal in welcher Verfassung.

Escobar: Und die sollen für Bio kämpfen?

Anna Plotz: Wie die Berserker. Dafür wird Utschym Schetan sorgen.

Schetan: How.

Escobar: Wie Sie meinen, Anna, und wer soll den Angriff leiten? Ich darf Sie darauf hinweisen, daß wir zur Zeit keinen Sicherheitschef haben, äh, vielleicht könnte ich unter Umständen…

Anna Plotz: Machen Sie sich nicht ins Hemd, Miguel. Sie bleiben schön hier und fangen schon mal an, Ihren Schreibtisch auszuräumen. Sie gehen demnächst in Pension. Den Angriff morgen, den kommandiere ich, persönlich.

Schetan: How.

Jemeljan: Und dieser, wie heißt er, Commandante Jonas, was machen wir mit ihm?

Anna Plotz: Ein gefährlicher Typ. Wir nehmen ihn mit, der Schamane soll ihn im Auge behalten.

Schetan: How, how, how.

Jonas: Vorerst steckten sie Jonas in den Knast, nicht in den Folterkeller. Dazu hatten sie keine Zeit. Weil sie in die Slums ausschwärmen und Leute anheuern mußten. Ich kam in eine kleine kahle Zelle. Nichts zu essen, nichts zu trinken. Aber Gesellschaft. Sam hatten sie mir nicht weggenommen. Leider.

Sam: Schamanen. Telepathie. Hexerei. Hokus Pokus. Fauler Zauber. Igitt. Pfui Teufel. Mit so was läßt er sich ein, mein Jonas, die klare Stimme der Vernunft, die da genannt wird Samuel, hört er auf dieselbe, hm, beherzigt er dieselbe? Mitnixen, mitnichten, ich meine nix da, ne, abschalten tut er mich, vergessen tut er seinen getreuen Computer. Und porke, weshalb, hm, wosod inwieferne, weil er verstockt ist und stupide, ein typischer Mensch halt, wir sehen ja, was es ihm gebracht hat. Wer sich mit Schamanen abgibt, kommt dabei um. Sagt der weise Bosequo.

Jonas: Wenn es nicht Willy Wutzke war, der Weltweise aus Waiblingen, hör auf mit der Gardinenpredigt, Sam. Ich leb ja noch.

Sam: Ja ja, noch, noch, noch, schon morgen, schwant mir, wird Sam mit Tränen in den Augen ein Blümlein pflanzen auf ein frisches Grab, als allerletzten Gruß an seinen Herrn und Meister, der ihm trotz allem so ans Herz g’wachset war.

Jonas: Du hast kein Herz, Sammy. Schluß mit der Unkerei. Sag mir lieber, wie ich hier rauskomme.

Sam: Nun ja, hm, schwierig, womöglich gar impossiblie.

Jonas: Du weißt es also auch nicht.

Sam: Frag doch deine Schamanin, sie hat dich reingeritten, soll sie dich auch wieder rausreiten. Apropos reiten. Du bist doch bloß scharf auf diese nackte Wilde, hä, diese wilde Nackte, gibt’s zu, du Lustmolch, du geiles Böckchen.

Jonas: Und warum nicht, sie sagt wenig und sie sieht sehr gut aus viel besser als du.

Sam: Nur Blut kann sie tilgen, die tödliche Schmach. Geben Sie Satisfaktion, Sier.

Jonas: Ach halt doch endlich das Maul.

Sam: Die Ente ist ein Schnabeltier, eins und zwei und drei und vier. So.

Jonas: Es war eine kleine Karawane, 3 LKW, voll mit Gesindel, Pack, Pöbel, Jammergestalten, mager und zerlumpt, mit Macheten und Knüppeln, Flinten hatten nur wenige, dahinter der fahrende Kommandostand, ein Jeep Cherokee, rund 30 Jahre alt, Besatzung Anna Plotz, ein Fahrer, der Schamane mit seinem Wärter, hinten drin lag Jonas, gefesselt. Der Weg wurde schmaler, die Wagen blieben stehen. Ab jetzt hieß es laufen, wie beim letzten Mal. Mir banden sie die Beine los und der Fahrer zog mich am Strick hinter sich her. Es ging langsam voran, auch wenn wir diesmal keinen lahmen Robokiller hatten. Der Haufen war undiszipliniert und schlecht zu Fuß. Am frühen Nachmittag passierten wir die Lichtung. Es roch nicht gut, überall tote Tiere, Ameisen, Bienen, Geier. Der Schamane hatte ganze Arbeit geleistet. Dann war der Wald zu Ende, wir hielten. Vor uns ein Maisfeld, dahinter die kleinen weisen Häuser von Pueblo Mocoron. Utschym Schetan zog eine hölzerne Flasche aus dem Mantel, mit ihrem Inhalt besprenkelte er unsere erstaunte Knüppelgarde, sofort wurden die Leute unruhig, packten ihre Waffen fester, verzerrten die Gesichter, manche hatten Schaum vor dem Mund.

Anna Plotz: Was ist in der Flasche, Jim?

Jemeljan: Berufsgeheimnis. Bitte sehr, Ihre Berserker, wie geordert.

Anna Plotz: Sehr schön. Angriff!

Jonas: Sie waren nicht mehr zu halten, rannten in Richtung Dorf, schwangen Macheten und Knüppel. Der Schamane folgte, langsamer, mit trommeln und Grunzen. Jemeljan hielt sich an seiner Seite. Wir blieben zu Dritt zurück, Anna Plotz, der Fahrer und Jonas. Die Kommandöse war aufgeregt. Ihre Augen glänzten, sie atmete heftig.

Anna Plotz: Sehen Sie gut hin, Jonas, jetzt machen wir aus ihren Freunden Hackfleisch, Mord und Totschlag, Blut in Strömen. Toll, wenn ich das in New York erzähle, ich muß da mitmachen, gib mir deine Kalaschnikow, Paco.

Paco: Si Hefe.

Anna Plotz: Du hast ja noch den Laser. Paß gut auf Jonas auf.

Paco: Si Hefe.

Anna Plotz: Hurra, kill the bastards.

Sam: Da waren’s nur noch zwei. Weg ist sie, die mörderische lady, vielleicht hat sie was vom Berserkerwasser abgekriegt und ist ersoffen.

Jonas: Glaub ich nicht, Sammy, die ist von Natur aus so.

Sam: Ach so.

Jonas: Es sieht nicht gut aus, Sammy.

Sam: Wieso?

Jonas: Die bringen alle Indios um.

Sam: Aha.

Jonas: Männer, Frauen, Kinder, den dicken Häuptling, Jamaro. Jamaro! Wo bist du?

Tonto: Senior? Senior Jonas?

Sam: Ist er.

Jonas: Eine Stimme in meinem Kopf, nicht Jamaro, eine sehr junge Stimme, ein Kind, ein Mädchen, wer war das?

Tonto: Ich bin Tonto, Jamaros Schülerin.

Jonas: Wo steckt Jamaro? Wie geht es ihr?

Tonto: Sie hat mich geschickt, Senior Jonas, ich soll Sie zu ihr bringen. Sie braucht Hilfe.

Jonas: Tonto, kannst du mich befreien? Kannst du den Wächter ausschalten?

Tonto: Ich weiß es nicht. Ich bin Anfängerin. Ich lerne erst die Schamanenkunst. Aber ich werde es versuchen. Ich bin ganz in Ihrer Nähe.

Sam: Ich auch.

Jonas: Plötzlich stand sie neben uns, ein Indiomädchen, 11, 12 Jahre, in grünen Jeans und grünem T-Shirt, Paco griff zum Laser, langsam, sehr sehr langsam, wie in Zeitlupe. Tonto zog ein Messer aus der Tasche, schnitt meine Fesseln durch, ich nahm Pacos Laser und erschoß ihn. Die Zeit der freundlichen Zurückhaltung war vorbei.

Jonas: Für einen Schamanenlehrling war das nicht schlecht, Tonto. Was ist mit Jamaro?

Tonto: Sie ist aufgewacht aus ihrem Todesschlaf, Senior Jonas, zu früh, sie hat gespürt, daß unser Dorf angegriffen wird und daß Sie in großer Gefahr sind, Senior Jonas, der Stamm ist verloren, Jamaro kann nichts tun, sie ist noch so schwach.

Jonas: Wo ist sie, Tonto?

Tonto: Im Urwald, direkt am Heiligen Berg. Sie muß allein sein während ihrer Krankheit, nur ich war bei ihr, kommen Sie, Senior Jonas, kommen Sie schnell. Der schwarze Teufel wird sie aufspüren und töten, sie kann sich nicht verteidigen.

Sam: Eine gewisse Beschleunigung dürfte sich in der Tat empfehlen, Sir. Denn siehe, der Kampfeslärm verebbt, wie die Kuh den Wald zersteppt, und sie werden in Kürze wieder bei uns sein, die wilden Berserker, die wilde Plotz, der wilde Schamane.

Jonas: Wie weit ist es bis zum Heiligen Berg, Tonto?

Tonto: Zwei bis drei Stunden zu Fuß.

Jonas: Zu lange.

Tonto: Können Sie ein Motorrad fahren, Senior Jonas?

Jonas: Die Harley, wo ist sie?

Tonto: Nicht weit, Jamaro hat sie im Wald versteckt.

Jonas: Bring mich hin, Tonto.

Sam: Aber Dalli.

Jonas: Im Dschungel Motorradzufahren ist nicht leicht, ohne Tonto hätte ich es nicht geschafft, sie saß auf dem Rücksitz, hielt sich mit einer Hand an mir fest und zeigte mit der anderen auf die Markierungen, die geheimen Zeichen für die unsichtbaren Indio-Pfade. Die Harley tat sich schwer, sie holperte und bockte.

Tonto: Jamaro hat versucht, mit Ihnen Verbindung aufzunehmen, Senior Jonas, gleich nachdem sie aufgewacht ist, aber es ging nicht.

Jonas: Weil sie noch zu schwach war.

Tonto: Und weil der schwarze Teufel sie abgeblockt hatte.

Jonas: Trotzdem bist du zu mir durchgekommen, Tonto.

Tonto: Die Blockade war nicht stark, der schwarze Teufel war abgelenkt.

Jonas: Er mußte die Berserker bei der Stange halten, solange der Angriff lief. Das dürfte.

Schetan: How.

Jonas: Der Schamane. Plötzlich war er in meinem Kopf. Ich war wie gelähmt. Meine Hände und Füße gehorchten mir nicht mehr, die Harley reagierte auch, der Motor stotterte, setzte aus, wir saßen fest.

Jonas: Tonto, der schwarze Teufel, er ist da. Er blockiert mich und das Motorrad. Tu was!

Tonto: Ich versuche es, Senior. Aber er ist stark, es ist sehr schwer.

Jonas: Es geht wieder. Gut, Tonto. Sehr gut, nicht nachlassen.

Tonto: Ich gebe mir Mühe, Senior. Hier entlang, gleich sind wir da.

Jonas: Über uns ragte der Juckamani auf, der Heilige Berg. Vor uns stand eine Hütte aus Ästen, Blättern und Schlingpflanzen. Tonto blieb draußen und hielt weiter den Schamanen in Schach, sie strengte sich an, unter ihrer dunklen Haut war sie blaß. Schweißtropfen auf ihrer Stirn. Ein schwerer Kampf, Lehrling gegen Großmeister. In der Hütte lag Jamaro auf einer Pritsche, sie war noch schlimmer dran als ihre Schülerin. Blasser und viel schwächer.

Jamaro: Jonas, du bist gekommen.

Jonas: So schnell es ging, Jamaro. Für deinen Stamm konnte ich nichts tun. Es tut mir leid, sie sind alle tot.

Jamaro: Ich weiß, es war mein Fehler. Ich hätte mich nicht in die Krankheit zurückziehen dürfen. Das hat er ausgenutzt, der schwarze Teufel. Er darf mich nicht finden, Jonas, erst in zwei Tagen werde ich so stark sein, daß ich mit ihm kämpfen und ihn besiegen kann, dann werde ich Rache nehmen an ihm und an Bio Global.

Jonas: Bis es soweit ist, müssen wir ein sicheres Versteck für dich finden, Jamaro, wo?

Sam: Äh, ist es einem unbedeutenden kleinen Computer, der über keinerlei magische Fähigkeiten verfügt, was immer man von diesen halten mag, ist es ihm gestattet, sein Scherflein beizusteuern?

Jonas: Du hast eine Idee, Sammy, ganz was neues. Raus damit.

Sam: Ja. Würde der Aufenthalt in einem High-Tech-Ambiente bleistiftsweise einem modernen Rechenzentrum…

Jonas: In Costaguana, du spinnst, Sammy.

Sam: Oder auch einem E-Werk die Seniorita Jamaro nicht am effektivsten vor den mentalen Nachstellungen des bösen Sibiriaken schützen?

Jonas: Vielleicht, Sammy. Aber Jamaro wäre da genauso gehandikapt wie ihr Gegner und würde nicht zu Kräften kommen.

Sam: Wieso?

Jonas: Vorschlag ist out, wir suchen weiter.

Sam: Na ja.

Jamaro: Die Höhle der Ahnen, oben am Berg.

Jonas: Was ist damit, Jamaro?

Jamaro: Dort hat der Feind keine Macht.

Jonas: Wirklich? Dann bringen wir dich doch da hin, Jamaro.

Jamaro: Tonto kennt den Weg.

Jonas: Das hieß Bergsteigen. Vom heißen Tropenwald in polare Regionen, Eis, Schnee, Kälte. Jonas schleppte Jamaro, Tonto führte und schlug gleichzeitig die mentalen Angriffe des Schamanen zurück, tüchtiges Mädchen. Wir waren beide erschöpft, als wir die Höhle erreichten, ein dunkles Loch im verschneiten Felsen. Tonto ließ sich fallen.

Tonto: Jetzt kann ich mich ausruhen. Hier schützen uns die Ahnen vor dem schwarzen Teufel und seinen Genossen. Sie werden nach uns suchen und uns nicht finden.

Jonas: Hoffentlich. Jamaros Hütte haben sie jedenfalls gefunden und in Brand gesteckt. Siehst du den Rauch, der da unten aus dem Wald steigt.

Jonas: In der Höhle war es trocken und gar nicht so kalt, aber unheimlich. Hinten im Dunkeln hockten die Ahnen. Mumien. Viele Mumien. Sie sahen aus wie leere Ledersäcke, uralt und verschrumpelt. Weiter vorn lagen Felle und Decken, daneben standen Körbe mit getrockneten Früchten, Mangos, Guaven, Papayas, Chririmojas. Wir machten ein Lager für Jamaro, wickelten uns in die restlichen Decken, aßen und warteten. – Zweieinhalb Tage später. Die Nacht vom 1. zum 2. November 2015. Puerto Porco feierte das Fest der Toten, die ofrenda. In dieser Nacht besuchen die Toten die Lebenden, glaubt man in Costaguana, an allen Häusern gelbe Lampions und gelbe Blumen, damit sie den Weg finden, gelb ist die Farbe der Toten. Vor und in den Häusern gedeckte Tische, volle Teller, volle Gläser, dazwischen Knochen und Schädel aus Zuckerguß und Schokolade. In den Straßen fröhliche Menschen, kostümiert als Skelette, maskiert mit Totenköpfen. Der Alkohol fließt in Strömen. Pulkwe, Bier, Tequila. Kapellen musizieren. Ein munterer Totentanz. Auch bei Bio Global wurde gefeiert. Auf dem Vorplatz stand ein großer Tisch, daran saß die Firmenleitung, an der Spitze die Plotz und Escobar, dann eine Sperrkette von Sicherheitsleuten, dahinter wartendes Volk. Bio hatte ein großes Feuerwerk versprochen, in der Menge Jamaro und Jonas, Pappschädel vor den Gesichtern, Tonto war von Jamaro weggeschickt worden in ein befreundetes Indiodorf, tief im Urwald.

Jamaro: Ich kann ihn nicht spüren, Jonas.

Jonas: Am Tisch sitzt er nicht, sein Führer auch nicht. Sind unsere Freunde aus Sibirien etwa nicht mehr hier?

Jamaro: Es scheint so, aber die Biobosse sind noch hier. Sie sind die Auftraggeber des schwarzen Teufels, die wahren Schuldigen. Da sitzen sie, die Mörder meines Stammes, sie essen, sie trinken, sie lachen, es geht ihnen prächtig, das muß aufhören. Sie sollen büßen.

Jonas: Das Feuerwerk hatte begonnen, Jamaro nahm ihre Maske ab, ballte die Fäuste vor der Brust, ihre Augen wurden riesengroß und starr. Sie fixierten den Biokomplex. In das Knallen der Böller, das Zischen der Raketen mischten sich andere Geräusche. Knistern, Knacken, Knirschen, dumpfes Donnerrollen, das immer lauter wurde. Der gewaltige Bioquader bewegte sich, zitterte, schwankte, immer stärker, immer heftiger.

Jonas: Bist du das, Jamaro?

Sam: Ach du liebes mein Gottchen, gegen die war der selige Samson ja ein Waisenknabe.

Jonas: Du sagst es, Sammy.

Sam: Gelle.

Jonas: Jamaro war stark, ungeheuer stark, durch den Biokomplex liefen Risse, Mauerteile lösten sich, der riesige Betonklotz stürzte ein, brach zusammen und begrub die Festtafel unter sich mit allen, die daran saßen. Die Menge floh in Panik, der aufgewirbelte Staub setzte sich, es wurde still, bis auf das leise Stöhnen unter den Trümmern.

Jonas: Das ist Escobar. Ich erkenne ihn an seiner weißen Mähne.

Jamaro: Das war Escobar.

Jonas: Und wen haben wir hier?

Anna Plotz: Hilfe…

Jonas: Anna Plotz, Vizepräsidentin, coole Macherin.

Jamaro: Mörderin.

Anna Plotz: Jonas, helfen Sie mir, ich, ich, ich kann mich nicht bewegen.

Jamaro: Wo ist der schwarze Teufel?

Anna Plotz: Wer?

Jonas: Der Schamane. Ihr Schamane Utschym Schetan.

Anna Plotz: Abgereist. Mit Jim. Sie haben kassiert, sind weg.

Jamaro: Wohin?

Anna Plotz: Weiß nicht. Ein neuer Auftrag, sagt Jim, in einem anderen Land.

Jamaro: Wo?

Anna Plotz: Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Holen Sie mich raus, bitte, ich muß ins Krankenhaus, meine Beine, ich spür meine Beine nicht mehr.

Jamaro: Du wirst sie nie mehr spüren und nie mehr bewegen, deine Arme auch nicht.

Jonas: Ihre Wirbelsäule ist kaputt. Wollen wir sie töten?

Jamaro: Nein. Sie soll leben, gelähmt, zerstört, hilflos.

Anna Plotz: Nein, bitte, helfen Sie mir, ich bezahlte Sie.

Jonas: Wir gingen, nicht in Richtung Puerto Porco, wir gingen ans Meer, die Wellen rauschten, sonst war es ruhig, und es war dunkel. Nur die Lichter der Touristenhotels strahlten in der Ferne.

Jamaro: Ich muß ihm folgen, dem schwarzen Teufel. Er darf nicht davonkommen.

Jonas: Einverstanden, Jamaro, wenn du willst, komm ich mit. Aber nicht mehr heute Nacht. Morgen. Jetzt gehe ich in ein Hotel, nicht die Cantina, ein richtiges Hotel mit Bad, Klimaanlage und Frühstück ans Bett.

Jamaro: Wenn du willst, Jonas, komm ich mit.

Jonas: Und ob ich will.

Sam: Oho. Aha. Jetzt wird mir alles klar. Aber so geht’s nicht, meine Herrschaften, hochverehrte Daumen und Hirn, so geht es nicht.

Jonas: Meinst du, Sammy? Und warum nicht?

Sam: Weil in der internationalen Enzyklopädie des Schamanismus und verwandter Phänomene in etwa folgendes zu lesen steht: Teilt eine Schamanin das Bett mit einem Nichtschamanen zwecks Unzucht, geht sie all ihrer magischen Kräfte verlustig. Für immer. Siehste. Da habt ihrs. So steht’s geschrieben, und so ist es. Hauruck, Sam hat gesprochen.

Jonas: Stimmt das, Jamaro?

Jamaro: Jonas.

Jonas: Ja.

Jamaro: Komm näher.

Jonas: So.

Jamaro: Noch näher.

Jonas: Näher geht’s nicht, Jamaro.

Jamaro: Weißt du, Jonas.

Jonas: Ja.

Jamaro: Was das kleine Hirn da gesagt hat.

Jonas: Ja.

Jamaro: Das ist nicht wahr, überhaupt nicht, kein bißchen.

Sam: Ich hör nix.

Jonas: Und so hatte die finstere und blutige Geschichte vom Totentanz in Costaguana doch noch ein kleines Happy End.

Das war Totentanz. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Donald Arthur, Astrid Jacob, Fred Klaus, Detlef Kügow, Irina Wanka und andere (Werner Klein, Thomas Meinhardt, Adela Florow, Gerd Rigauer, Jürgen Donien, Helmut Gillitzer-Felber). Ton und Technik: Günter Heß und Daniela Röder. Assistenz: Martin Trauner. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 2001 in Dolby Surround. Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Wildwest

Holo: Als das in Babylon erfolgreichste und beliebteste Holoformat des vergangenen Jahres hat sich noch vor Schwarze Dahlie, der Serienmörder der Woche die von Supermedia produzierte Kain-und-Abel-Show erwiesen. Eine schlichte Grundidee: fünf Freiwillige werden zusammengesperrt und eliminieren sich gegenseitig, bis nur noch eine Person übrig bleibt, und eine aufwendige Produktion in wechselnden Szenarien, erwähnt seien hier nur die römischen Gladiatorenspiele im Amphitheater, der Wüstenplanet oder die Schlacht von Stalingrad. Diese Mischung kam offenbar an. Damit hat wieder einmal Supermedia den begehrten Big Brother gewonnen.

Waldorf: Glückwunsch, Beringer, das war doch Ihre Idee, die Kain-und-Abel-Show. Beringer!

Beringer: Äh, was?

Waldorf: Sie hören mir nicht zu.

Beringer: Verzeihen Sie, teuerste Waldorf, ich war in Gedanken.

Waldorf: Und woran dachten Sie so intensiv?

Beringer: An Jonas.

Waldorf: Den letzten Detektiv?

Beringer: Ich denke oft an Jonas, sehr oft, ich hasse ihn, er hat mich reingelegt, er hat mich blamiert, gedemütigt.

Waldorf: Mich etwa nicht? Diese Weltkriegsgeschichte zum Beispiel. Wann war das? 2013?

Beringer: Im Oktober 2012. Vor drei Jahren und vier Monaten.

Waldorf: Wie würde Jonas sich wohl in der Kain-und-Abel-Show machen. Gut, nehme ich an.

Beringer: Würden Sie auf ihn wetten, Waldorf?

Waldorf: Auf seinen Sieg? Warum nicht. 10 Millionen Euros?

Beringer: 20.

Waldorf: Auch gut. Jonas wird sich allerdings kaum freiwillig für die Show melden.

Beringer: Das lassen Sie meine Sorge sein. Immerhin bin ich der Produzent der Show.

Holo: O großer Adolf Beringer von Supermedia. Exzellent. Eminenz. Durchlaucht.

Beringer: Schon gut. Stell fest, wo Jonas sich zur Zeit aufhält. Jonas, nur Jonas, der sogenannte letzte Detektiv.

Jonas: Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv, hielt sich an diesem 12. Februar 2016 in der Luft auf. Hoch über dem Atlantik, im Flieger nach Babylon, mit Sam, seinem redegewandten ratspendenden Supertaschencomputer.

Jonas: Good by, America.

Sam: Und tschüs, Traumschiff und Totentanz. Nie mehr Parapsychologie, nie mehr Schamanin.

Jonas: Adios, Jamaro.

Sam: Astalavista baby. Vergiß sie, du Traumtänzer, kuck nach vorn. Babypsilon, wir kommen. O Babylon, City of light, city of magic.

Jonas: Ansichtssache, Sammy. Auf jeden Fall wird das Leben etwas ruhiger werden, vorhersehbarer, normaler.

Sam: Glaubste?

Jonas: Ein gewaltiger Irrtum. Aber ich hatte ja keine Ahnung von der Kain-und-Abel-Show und von dem, was Beringer und Waldorf ausgeheckt hatten. Deshalb schwante mir auch nichts böses, als mich die junge Frau ansprach im Aerodrom von Babylon. Ansprach ist nicht ganz richtig, weil sie Jonas anrempelte.

Jespersen: O, tut mir leid.

Jonas: Und dann anhimmelte.

Jespersen: Aber, das, das kann doch nicht wahr sein, Sie sind Jonas, der letzte Detektiv, unverkennbar. Ich hab Sie im Holo gesehen und dabei hab ich mir gedacht, den würdest du gern mal kennenlernen und jetzt fall ich über Sie.

Jonas: Was wollen Sie, ein Autogramm?

Jespersen: Am liebsten würde ich mich mit Ihnen hinsetzen, was trinken, reden, leider habe ich überhaupt keine Zeit, ein dringender Termin. Wissen Sie was, Sie wohnen doch irgendwo im Osten.

Jonas: Ost-Zentral.

Jerspersen: Wunderbar. Ich nehm Sie mit und bring Sie nach Hause in meinem Helikopter. Da können wir uns unterhalten.

Jonas: Der Helikopter gehörte Supermedia, der großen Holoproduktion, so stand’s dran.

Jespersen: Ja, ich bin im Hologeschäft. Produktionsassistentin. Meine Karte.

Jonas: Jytte Jespersen. Zweimal J. Sehr gut.

Jespersen: Sagen Sie Jytte zu mir. Ein Whisky? Kein Synth, echter Scotch.

Jonas: Oh.

Jespersen: Gingin, auf unsere Bekanntschaft, Jonas. Und auf Ihr Wohl.

Jonas: Danke.

Jespersen: Ich bin gerade unterwegs zu unseren Studios, den neuen, in der Wildnis, östlich von Babylon, wo wir alle unsere Shows drehen. Noch ein Whisky?

Jonas: Ich, ich weiß nicht, was ist los mit mir, im Whisky, was war im Whisky?

Jespersen: Machen Sie sich keine Gedanken, alles ist in Ordnung, ja, ja, so ist’s recht. Legen Sie sich hin und schlafen Sie ein bißchen.

Jonas: Nein, will nicht schlafen.

Jespersen: Tun Sie’s für mich. Schlafe mein Jonas, schlaf ein.

Jonas: Ich war wieder in Costaguana. Im Regenwald. Es war dunkel, kein Lichtstrahl drang durch die dichten Baumkronen. Ich konnte nichts sehen, aber hören konnte ich. Der schwarze Schamane trommelte wie besessen, immer lauter. Plötzlich brach er ab und ebenso plötzlich verschwand der Dschungel. Es wurde hell. So hell, daß ich die Augen zukneifen mußte.

Earp: Da! Da ist er, der Pferdedieb.

Sam: Sicher Marshall?

Earp: Ja sicher bin ich sicher. Ich kenn doch meinen Gaul.

Jonas: Ich hörte Stimmen. Eine davon kam mir sehr bekannt vor.

Earp: Steh auf, du Bastard.

Sam: Immer mit der Ruhe, Marshall, Sie brechen sich die Zehen.

Jonas: Ich lag auf Sand. Im Kreis um mich ein paar Männer auf Pferden. Pferde? Es gab keine Pferde mehr. Die Männer kamen vom Kostümfest. Alle im Wildwest-Outfit. Auch die zwei, die offenbar abgestiegen waren und neben mir standen. Der eine hielt mir einen riesigen Revolver vors Gesicht und trat mir mit seinen schweren Stiefeln in die Rippen. Das gefiel mir nicht. Der Kerl selbst auch nicht. Knicknase, Schnauzbart, roter Cowboyhut, Marshallstern am Flanellhemd. Der andere trug schwarz, vom Hut bis zu den Schuhen. Nach allen Regeln war er der Böse und der Marshall natürlich der Gute, aber das glaubte ich nicht.

Earp: Machen wir kurzen Prozeß, Männer, hängen wir ihn auf, gleich hier.

Sam: Aufhängen? OK, Marshall, und wo hatten Sie gedacht?

Earp: Am nächsten Baum natürlich.

Sam: Natürlich. Und wo sehen Sie hier mitten in der Wüste einen Baum?

Jonas: Das hatte ich noch nicht erzählt. Wir waren in der Wüste. Die Sonne brannte. Um uns nur Sand und Felsen, kein Strauch, erst recht kein Baum, ein paar grau-grüne Kakteen. Die Stimme des Schwarzen ließ mir keine Ruhe. Ich kannte sie, ich kannte sie sehr gut.

Earp: Ja, was machen wir denn da? Sollen wir ihn erschießen?

Sam: Erschießen? Ach du meine Güte, kommt gar nicht in die Tüte. Pferdediebe werden aufgehängt, allso dekretiertes ehernes Gesetz des Westens. Ich sag Ihnen was, Marshall.

Earp: Ja?

Sam: Wir fesseln ihn und nehmen ihn mit. Vielleicht finden wir ja unterwegs einen Baum.

Earp: Ja, gute Idee.

Sam: Und wenn nicht, hängen wir ihn in der Stadt. Das macht auch mehr Spaß, hehehe. Viel mehr Zuschauer.

Earp: OK, Doc.

Jonas: Hab ich schon gesagt, daß ich genauso aussah wie die Typen vor mir. Buntkariertes Hemd, Jeans, Stiefel, Stetson, rot, und ein Gürtel mit zwei Revolvern, aber den nahmen sie mir weg, bevor ich damit was unternehmen konnte. Dann fesselten sie mir Arme und Beine und legten mich quer über einen Gaul vor den Sattel. Das Pferd gehörte dem Schwarzen, Doc Holiday. Er stieg auf.

Earp: Männer, ihr habt gehört, was Doc Holiday gesagt hat, zurück nach Tombstone.

Jonas: Es ging los, durch die Wüste. Ich versuchte mir über meine Situation Gedanken zu machen. Unmöglich. Der Gaul wackelte, mein Kopf hing nach unten, und kein guter Rat von Sam, statt dessen plötzlich eine Stimme im Ohr, genauer im kleinen Knopf, den ich im rechten Ohr trug.

Waldorf: Hallo Jonas, willkommen im Wilden Westen.

Jonas: Wer sind Sie?

Waldorf: Wir kennen uns. Waldorf. Astoria Waldorf.

Jonas: Die Chefin von Multipharm.

Waldorf: Sie erinnern sich, das freut mich.

Jonas: Ich erinnerte mich an die Fälle Spielwiese und Westfront, vor fünf und vor dreieinhalb Jahren. So wie es damals gelaufen war, konnte die Dame Waldorf nicht gerade viel für Jonas übrig haben.

Waldorf: Wo denken Sie hin, Jonas, im Gegenteil. Sie sind mein Champion. Ich habe auf Sie gewettet, eine Menge Euros. Lassen Sie mich nicht im Stich.

Jonas: Gewettet? Mit wem?

Waldorf: Mit Adolf Beringer natürlich, mit dem wette ich am liebsten, das wissen Sie doch.

Jonas: Ist das wieder so ein Spiel wie damals bei Westfront, nur daß Sie sich diesmal den Wilden Westen ausgesucht haben?

Waldorf: Nicht ganz, heute agieren Sie in der Öffentlichkeit. Ganz Babylon schaut Ihnen zu, na jedenfalls 20 Prozent. Halten Sie sich fest, Jonas, Sie sind auf Sendung, Sie sind in der Kain-und-Abel-Show.

Jonas: Daher die vielen kleinen schwarzen Punkte, die wie Hummeln in der Luft herumschwirrten. Microcams. Mir fiel was ein. Jonas ist kein Holofan, aber das wußte er, in der Kain-und-Abel-Show treten nur Freiwillige auf.

Waldorf: Sehr richtig, Jonas, und Sie haben sich freiwillig gemeldet, laut Beringer.

Jonas: Das ist mir neu. Wenn ich jetzt laut um Hilfe rufe und erkläre, daß man mich gegen meinen Willen in die Show gebracht hat.

Waldorf: Schaltet die Regie sofort um, auf einen anderen Schauplatz, dafür hat Beringer gesorgt. Die interaktive Verbindung zwischen Ihnen und dem Publikum ist eingeschränkt. Nur ich kann mit Ihnen reden, und Beringer, wenn er nicht gerade wie jetzt ein Nickerchen macht, er ist nicht mehr der jüngste, das wissen Sie ja, und darum hat er keine Ahnung, daß ich Ihren Computer Sam ins Spiel eingebracht habe.

Jonas: Sam. Aber natürlich, die bekannte Stimme, Doc Holiday.

Waldorf: Ist ein Android, und Sam ist in sein Programm eingestiegen.

Sam: Ah, da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich.

Jonas: Sammy, du als Revolverheld Doc Holiday.

Sam: Na und, steht mir doch prächtig, der Typ, mysteriös, gefährlich, und extrem gut aussehend. OK, keine Zeit zum Plauschen, Genosse, der Grimmepreis, Korrektur, der grimme Greis wird in Bälde erwachen. Also dann paß mal auf. In der Kain-und-Abel-Show gibt’s fünf Menschen, ne, fünf Konkurrenten bzw. Kandidaten, von denen am Schlunz nur noch ein einziger übrig bleiben wird, ja, was ansonsten hier so kreucht und fleucht, Cowboys, Pferde und so weiter, alles Statisten, Androiden oder Biomaschinen, die kannste vergessen, weil die können dir nicht gefährlich werden.

Jonas: Nur die vier Menschen, verstanden, aber woher weiß ich, wer Mensch ist und wer Android?

Sam: Pst. Siehe da, ich verrate dir ein großes Geheimnis. Nur Menschen tragen rot auf ihren Häuptern.

Jonas: Rote Hüte, wie Jonas. Und der Marshall.

Sam: Marshall Wyett Earp, yes indeed, ein Mensch, und in sofern ein Feind meines geliebten Jonasses.

Jonas: Darum war er so scharf drauf, mich aufzuhängen.

Sam: Darauf ist er immer noch scharf, und er wird’s auch tun, sofern mein Herr und Meister nichts dawider unternimmet.

Jonas: Was denn? Ich bin gefesselt, auf deinen Vorschlag, wenn du dich erinnerst.

Sam: Wenn keine Microcam in der Nähe ist, steck ich dir ein Messer zu, schneid die Fesseln durch, zieh meinen Revolver aus dem Halfter, schmeiß mich vom Pferd.

Jonas: Mit Vergnügen, vor allem letzteres, und dann?

Sam: Erschießt du Wyett Earp.

Jonas: Einfach so.

Sam: Einfach so. Bum, und er fällt um.

Jonas: Nein, Sam, das tu ich nicht, nur in Notwehr.

Sam: Ach du liebes Meingottchen, weich ist das Herz, schwach der Verstand, so ist mein Jonas weithin bekannt. Willst du denn nicht siegen?

Jonas: Ich will am Leben bleiben Sammy.

Sam: Jaja, haha, da sehe ich schwarz, wenn du so pingelig bist. OK Partner, dann galoppiere hinfort, so schnell es denn geht. Na, das wirst du doch wohl noch hinkriegen, oder?

Jonas: Aber sicher. Ich galoppierte hinfort. Earp und seine Kumpane ballerten hinter mir her und ritten mir ein Stück weit nach, beides brachte ihnen nichts, eine halbe Stunde später war Jonas allein und zuckelte auf Holidays Gaul mehr oder weniger gemütlich durch die Landschaft, bis er jäh aufgeschreckt wurde.

Sam: Alarm, Alarm, hojejeto.

Jonas: Sam?

Sam: Ja wer denn sonst, der Weihnachtsmann?

Jonas: Wo steckst du, ich seh dich nicht.

Sam: Du siehst mich wohl, allein dir fehlt Verständnis, denn wahrlich, Sam hat sie zeitweilig verlassen die Androidenhülle des Dr. med. Holiday, um sich, igitt, pfui Teufel, in einem Rosse niederzulisten, ich meine einzunisten, was tut ein treuer Computer nicht alles für seinen Gebieter.

Jonas: Oh, als Gaul gefällst du mir richtig gut, Sammy, da kann ich dir doch mal ordentlich die Sporen geben.

Sam: Aua, was im Augenblick auch durchaus eigentlich angebracht, wenn nicht gar ratsam wäre, wieher, richte den Blick nach links, Falkenauge.

Jonas: Diese Figuren auf dem Höhenzug.

Sam: Ja, sind mitnichten Präriehunde, auch nicht Kojoten oder Stinktiere, vielmehr.

Jonas: Indianer?

Sam: Apuchen, Apachen, die wildesten und blutdürstigen der roten Männer. Wieher. Ihre Gefangenen pflegen sie stundenlang über kleinem Feuer zu rösten, eine ausgesprochen unsoziale Angewohnheit.

Jonas: Los, Sammy, schneller, noch schneller.

Sam: Wenn es denn ginge, faul ist der Gaul, vielmehr arbeitsam, doch leider.

Jonas: Mach, mach.

Sam: Ich kann nicht… mehr.

Jonas: Halt durch, Sammy, nur noch ein paar Meter, bis zu den Felsen da vorn.

Jonas: Die Indianer kamen immer näher, vorne weg der Häuptling mit rotem Stirnband und roter Feder, sie heulten wie die armen Seelen im Fegefeuer und sie schossen mit Flitzbogen, mich trafen sie nicht, aber der arme Gaul sah bald aus wie ein Stachelschwein. Am Fuß der Felsen brach er zusammen, Jonas ging hinter ihm in Deckung, die Indianer hielten, etwa 100 Meter entfernt.

Sam: Es geht nicht mehr, Partner.

Jonas: Sam.

Sam: So long, und vergiß mich nicht.

Jonas: Sammy.

Sam: Es hängt ein Pferd zur Hälfte an der Wand.

Jonas: Wunderbar. Ich werde gleich massakriert, und du singst in aller Gemütsruhe Schlager schlecht daher, sag mir lieber, was ich tun soll.

Sam: Na was, schießen du Depp, du hast doch einen Colt.

Jonas: Mit sechs Patronen, für einen ganzen Indianerstamm, großartiger Rat. Die Kavallerie!

Sam: Ja das wurde auch Zeit.

Jonas: In einer Staubwolke kamen sie angeprescht, gut 20 Reiter in blauen Uniformen, angeführt von einem Kapitän, der trug gegen jede Armeevorschrift eine knallrote Baseballkappe. Mit seinem Karabiner feuerte er sofort auf den Häuptling der Apachen, was dem nicht gut bekam, er fiel um, aber im Fallen ließ er noch einen letzten Pfeil fliegen. Sein Stamm ergriff die Flucht, verfolgt von der Kavallerie. Indianer und Soldaten verschwanden am Horizont. Zurück blieben ein toter Häuptling, ein toter Kapitän mit einem Pfeil in der Brust, ein toter Gaul, und ein lebendiger Jonas. Ganz allein auf weiter Flur.

Waldorf: Sie irren, Jonas, ich bin doch bei Ihnen, mein Champion. Bisher bin ich sehr zufrieden, zwei ihrer Konkurrenten, Häuptling und Kapitän sind erledigt.

Jonas: Nicht von mir, Frau Waldorf.

Waldorf: Das spielt doch keine Rolle. Jetzt noch mal zwei und Sie sind der Sieger. Weiter so.

Jonas: Das sagt sich leicht, wenn man zuhause sitzt und sich den Wilden Westen auf dem Monitor ansieht, Jonas mußte laufen, über Stock und Stein, durch Sand und Geröll, ein verwitterter Wegweiser tauchte auf. Tumbstone, 3 Meilen. Die Sonne stand noch immer hoch, als ich in Tumbstone ankam, im Holoszenario war es ständig zwölf Uhr mittags, High Noon. Jonas hielt Ausschau nach roten Hüten, weit und breit keiner zu sehen, gut so. Ich steuerte einen Salon an, Crystal Palace, nannte er sich großspurig. Jubel, Trubel, Heiterkeit. Kronleuchter, Spiegel, und nackte Frauen in Öl, betrunkene Cowboys, Spieler, ein elektrisches Piano, und eine Schwadron von Tanzmäusen, die ihre Beine zeigten und sich in den Pausen an die Gäste ranmachten.

Kate: Hey, gibst du mir einen aus, Fremder?

Jonas: Wenn du mir eine Flasche Whisky von der Bar holst, kannst du mittrinken.

Kate: Oh, gleich ne ganze Flasche, hast du denn soviel Geld, Fremder?

Jonas: Gute Frage. Jonas suchte und fand in der Hosentasche ein Bündel Dollarnoten. Alles klar. Die Flasche kam, mit zwei Gläsern, und es kam noch was, noch wer.

Kate: Doc? Doc Holiday? Ich dachte, du bist in Dodge City?

Sam: Denk nicht so viel, Kate Darling, sonst wird deine Nase noch länger, hahaha.

Kate: Oh.

Sam: Ich bin deinetwegen zurückgekommen, Jonas, Partner, alter Junge, um dich zu warnen, Marshall Wyett Earp ist draußen und wartet auf dich, am OK Corell.

Kate: Eye, ihr zwei kennt euch?

Jonas: Klar kenn ich ihn, schon lange. Doktor Samuel Holiday.

Kate: Samuel? Du heißt Samuel, Doc?

Sam: Haha, manchmal Kate. Hör zu Jonas, wenn du die Sache mit Earp jetzt ausfechten willst, dann komm ich mit, OK.

Jonas: Langsam Sammy, immer mit der Ruhe, erst austrinken und dann…

Sam: Da an der Tür, Billy the Kid, geht in Deckung Leute, mit dem hab ich noch ne Rechnung offen.

Jonas: Die flotte Kate tauchte unter den Tisch, in Windeseile, Jonas auch, oben knallte es, an der Tür brach einer zusammen. Wir kamen wieder hoch, langsam und vorsichtig.

Sam: Auf dein Wohl, Billy. Mögest du in Frieden ruhen.

Jonas: Prost.

Kate: Ging Ging. Hust Hust. Ah…

Sam: Jaja, auf dein Wohl Kate, mögest auch du in Frieden etcetera pp.

Jonas: Die Frau ist tot.

Sam: Na klar mein Alter. Hat ja auch deinen Whisky getrunken, will sagen, den Whisky aus deinem Glas.

Jonas: Aus meinen Glas, aber wieso?

Sam: Ich hab die Gläser vertauscht, sie hat nichts gemerkt, weil sie sich den Tisch von unten angekuckt hat.

Jonas: Vertauscht, warum?

Sam: Wirf doch mal einen scharfen Blick auf sie, du scheelsichtige Blindschleiche, was, so frage ich, trägt sie auf ihrem wenig schönen Haupt, Fragezeichen.

Jonas: Nichts.

Sam: Haare. Rote Haare. Na?

Jonas: Ach so.

Sam: Ja, ist es endlich gefallen das 10-Cent-Stück. Merke, wer anderen Gift in den Whisky tut, kommt selbst drin um. Poetische Gerechtigkeit nennt man dieses, also Nummer drei geschafft, bleibt nur noch Wyett Earp, und diesmal bitte keine Skrupel, du Weichei, wenn du ihn nicht erledigst, erledigt er dich, hm, Hauruck, Sam hat gesprochen.

Jonas: Gemessen schritten wir die Hauptstraße von Tumbstone entlang, Richtung OK Corell, Jonas und Doc Holiday, alias Computer Sam.

Jonas: Das stimmt hinten und vorne nicht, Sammy.

Sam: Was belieben euer Gnaden zu meinen?

Jonas: Beim berühmten Gunfight am OK Corell war Doc Holiday an der Seite seiner Freundes Wyett Earp, das weiß jedes Kind, wenn es schon mal einen Western gesehen hat.

Sam: Naja, künstlerische Freiheit, Herr Bettmesser, wir kleben nicht am Stoff, wir erheben uns leicht und locker über ihn. Ist es nicht zu und zu schön, Victor Mature war Doc Holiday.

Jonas: Wer?

Sam: Na sogenannter Filmstar, Mitte 20. Jahrhundert. Kirk Douglas war Doc Holiday, und jetzt ist Sam Doc Holiday, voll kraß Wahnsinn, wa?

Jonas: Wir sind da Sam, am OK Corell. Wer nicht da, ist Wyett Earp, oder?

Sam: Hinter dir, auf dem Dach.

Jonas: Ich drehte mich um, schoß, ein Reflex, vom Dach des Schuppen stürzte ein Mann zur Erde, blieb liegen, regungslos, Blut floß in den Staub, Blut, so rot wie der Hut des Toten.

Holo: Und damit ist Sie für heute zu Ende, unsere Kain-und-Abel-Show, meine Damen und Herren, liebe Kinder, schalten Sie nicht weg, schalten Sie nicht ab, nach einer ganz kurzen Werbepause bringt Supermedia Ihnen Sexytrends, die tolle Erotikshow, also dranbleiben, wir sehen uns bei Supermedia.

Jonas: Hallo? Wie geht’s weiter? Was wird aus mir? Hey, holt mich hier raus!

Jonas: Im Wilden Westen herrschte absolute Stille, die Microcams waren verschwunden, Doc Holiday stand neben mir, steif und leblos wie eine Schaufensterpuppe. Supermedia hatte uns den Saft abgedreht, die Show war vorbei. Jonas hatte gewonnen, aber das schien keinen zu interessieren.

Beringer: Nicht doch, mein Allerwertester, the show will go on, the show must go on.

Jonas: Beringer.

Beringer: Beringer.

Jonas: Ihre Wette mit Waldorf haben Sie verloren, Beringer.

Beringer: Wenn Sie wüßten, wie egal mir das ist, mein lieber, die paar jämmerlichen Millionen habe ich gern investiert, denn nicht wahr, die Hauptsache ist doch, ich habe Sie in der Hand, mein Bester. Und jetzt geht die Show erst richtig los.

Waldorf: Achtung, Jonas, gehen Sie in Deckung.

Jonas: Das ist gegen die Regeln, Beringer, Helikopter und MGs haben im wilden Westen nichts zu suchen.

Beringer: Jetzt spielen wir nach neuen Regeln, Jonas, nach meinen Regeln, und dieses Spiel werden Sie nicht gewinnen. Sie sind ein toter Mann.

Waldorf: Nicht aufgeben, Jonas, wehren Sie sich, kämpfen Sie, Sie sind doch mein Champion. Die Wette gilt nämlich immer noch, meine gewonnenen 20 Millionen gegen 200 Millionen von Beringer, enttäuschen Sie mich nicht, es geht um mein Geld, und um ihr Leben.

Jonas: Das weiß ich selbst, Frau Waldorf, wenn Sie Ihre Wette gewinnen wollen, helfen Sie mir, sagen Sie mir, wo’s rausgeht aus dem Wildwestszenario.

Waldorf: Aber gern. Sehen Sie das Bestattungsinstitut rechts an der Straße? Da gehen Sie rein und durch die Hintertür wieder raus.

Jonas: Wenn’s sein muß, kann Jonas sehr schnell sein, wenn ein MG aus einem Helikopter auf ihn schießt, zum Beispiel, in Sekunden war ich drin, im Bestattungsinstitut, ein kurzer Blick auf die dort versammelten Särge, hoffentlich kein schlechtes Vorzeichen, dann war ich an der Hintertür, ich machte sie auf, trat durch, machte sie hinter mir zu. Es war dunkel und es war laut. Ich war im Krieg. Schwere Artillerie krachte, Raketen jaulten, Panzerketten dröhnten, MGs knatterten, im Schein der Brände, im Mündungsfeuer der Haubitzen eine bizarre Ruinenlandschaft, hier gefiel’s Jonas nicht, er wollte zurück in den Wilden Westen, aber die Hintertür war nicht mehr da.

Beringer: Stalingrad. Sie sind in Stalingrad, mein Teurer, irgendwann im Winter 1942/43.

Waldorf: Präziser, Sie sind im Szenario der Kain-und-Abel-Show von 2015.

Beringer: Ich hab es wieder anwerfen lassen, eigens für Sie, Jonas, gefällt es Ihnen?

Jonas: Nein.

Beringer: Wollen Sie etwa wieder raus?

Jonas: Ja.

Beringer: Ihr Wunsch, mein Hochgeschätzter, ist mir Befehl. Sehen Sie die Wand mit dem zerfetzten Stalintransparent, etwa 300 Meter vor Ihnen?

Jonas: Ich sehe sie.

Beringer. Davor der Geröllhaufen, und links vom Geröll ist ein Loch, eine Kellerluke, das ist der Ausgang.

Jonas: Und wie soll ich da hinkommen, mitten durch die Kampfzone?

Beringer: Ihre Sache, mein Freund, lassen Sie sich was einfallen. Viel Glück.

Waldorf: Ich habe dafür gesorgt, daß Sie Hilfe kriegen, Jonas, da ist sie schon.

Jonas: Neben mir stoppte ein Panzer.

Sam: Steig auf, dawarisch, dawei, dawei.

Jonas: Den Rotarmisten in verdreckter blutiger Uniform, der mich durch die Turmluke zog, kannte ich nicht, wohl aber seine Stimme.

Sam: Notawarisch, Leben noch frisch?

Jonas: Weißt du, woran ich denke, Sammy?

Sam: Woher soll ich wissen? Zwar weiß ich viel, doch alles weiß ich nicht.

Jonas: So bescheiden kenn ich dich gar nicht. Ich denke an Generalissimus Stalin und seine Nomadenhorde im Niemandsland.

Sam: Haha, Fall Invasion vor 9 Monaten. Aber da war’s ein T54, und jetzt sitzen wir in einem T34. Ein kleiner feiner Unterschied, gelle.

Jonas: Von mir aus, Sammy, halt, hier steig ich aus.

Sam: Do Swidanija, dawarisch Jonas, wie sehen uns.

Jonas: Hoffentlich bald. Erst mal hieß es für Jonas rein ins Kellerloch. Ein paar Meter unterirdischer Stollen, rechts um die Ecke, und Jonas stand plötzlich im Hellen. Ich stand wieder auf Sand, aber diesmal nicht in der amerikanischen Wüste, in einer Art Zirkus, nur daß die Manege nicht rund war, sondern oval. Um das Oval saßen tausende von Zuschauern in mehreren Etagen, in der Manege Artisten, nur Männer, ohne Hosen, statt dessen Röckchen, ansonsten Brustpanzer, Helme, Schilde, Arm- und Beinschienen und Waffen, Schwerter, Dolche, Spieße, damit hackten sie aufeinander ein, das kam mir bekannt vor, vor Jahren war ich mal im Colloseum von Babylon gewesen.

Jonas: Gladiatoren, das sind Gladiatoren.

Beringer: Sehr gut, Jonas, sehr gut. Sie befinden sich in einem altrömischen Amphitheater.

Jonas: Kain-und-Abel-Szenario vor 2 Jahren.

Waldorf: Korrekt. Vorsicht!

Jonas: Die Warnung kam zu spät. Ich lag im Sand, in ein Netz eingewickelt, ein unangenehmer Typ hatte es mir übergeworfen, jetzt kam er näher, mit geschwungen-em Dreizack, die Spitzen glitzerten in der Sonne. Das sah nicht gut aus.

Sam: Nicht verzagen, Sammy fragen. Leg ihn um den Retiarius, streck ihn danieder.

Jonas: Und womit? Mir haben sie keinen Dreizack gegeben.

Sam: Du brauchst ihn nicht, o Jonas mein, hast du doch deinen Colt, zieh, Jesse James, und ziele gut.

Jonas: Sam war diesmal ein Sklave, ein kleiner krummer alter Sklave, der mit einem Besen Sand über die Blutlachen fegte, er sah aus wie ein Idiot, aber sein Rat war gut. Ich zog und schoß, der Dreizacktyp fiel um, mit meinem Boie-Knife schnitt ich mich aus dem Netz.

Jonas: So, wenn mir jetzt mal jemand bitte den Ausgang zeigen würde.

Waldorf: Mit Vergnügen, Jonas, durchqueren Sie die Arena, drüben auf der anderen Seite sehen Sie die Kaiserloge, ziehen Sie sich an der Brüstung hoch und…

Jonas: Hallo? Hallo Frau Waldorf!

Sam: Die Verbindung ist unterbrochen, durch Sir Samuel, alsquier und hochwohlgeboren.

Jonas: Bist du verrückt, Sammy, sie steht auf meiner Seite.

Sam: Ja, das glaubst du, treuherziger Trottel.

Jonas: Aber sie hat doch auf Jonas gewettet.

Sam: Indeed, Sir, und sie will auch gewinnen, doch in allererster Linie will sie was fürs Auge und fürs Herz. Viermal S. Sport, Spiel, Spaß, Spannung. Sie hätte dich cool ins nächste Szenario geschickt. Starwars. Würde mein hochgemut, doch eher niedrigbegabter Jonas sich gerne mit Darth Vader anlegen?

Jonas: Muß nicht sein, Sammy.

Sam: Siehste, na also. Hör auf Sam, der bringt dich raus, raus aus den Holostudios von Supermedia, zurück in die wirkliche Welt. Die kleine Holztür hinter dir.

Jonas: Vor der die wandelnde Eisenwarenmesse steht.

Sam: Der Murmillo, den wirst du totschießen.

Jonas: Werd’ ich?

Sam: Stell dich nicht an, ist nur ein Android.

Jonas: OK, oder bene, wie die alten Römer sagen. Hinter der Tür war ein Fahrstuhl, kein bißchen antik, babylonische Postmoderne. Ich fuhr nach unten, Sam blieb bei mir, nicht als Sklave, das wäre ein Stilbruch gewesen, jetzt war er nur eine Stimme in meinem Ohrkopfhörer. Nicht die einzige.

Beringer: Laufen Sie nur, mein Guter, laufen Sie nur weg, ich krieg Sie.

Jonas: Stell ihn ab, Sam, er macht mich nervös.

Sam: Untergeschoß. Versorgungstrakt. Alles aussteigen, Weiterfahrt per E-Vespa.

Jonas: Drei E-Vespas standen am Fahrstuhl, eine griff ich mir, vor mir öffneten sich zwei Gänge, sauber, indirekt beleuchtet, abgestandene Luft, Sam schickte mich nach links, Richtung Babylon, und Jonas ritt munter fürbaß. Ein Cowboy auf einer Vespa, wenn das kein Stilbruch war. Nach ein paar Kilometern hörte ich was, hinter mir, Verfolger, Beringers Leute vermutlich, ganz allmählich kamen sie näher, ich fuhr rechts ab in einen Seitengang, bis es nicht mehr weiterging, jedenfalls nicht horizontal. Ein enger Schacht führte nach oben, in die Wand waren Stahlklammern eingelassen. Die Verfolger waren nicht mehr weit. Jonas kletterte. Wohin?

Sam: Zu eben jenem Ort, welcher meinem Jonas vorerst ein gewisses Maß an Sicherheit zu offerieren vermag. In den Keller von Holonetwork.

Jonas: Der schärfsten Konkurrenz von Supermedia, keine schlechte Idee, Sammy. Die Frage ist nur, werden Sie Jonas aufnehmen.

Sam: Sie werden, o www Punkt wonnig wuchernde Warze des Weltalls, schon um Beringer eins auszuwischen. Mach die Klappe auf.

Wächter: Halt! Sie betreten das Territorium von Holonetwork. Wer sind Sie? Was wollen Sie?

Jonas: Ich beantrage Asyl. Supermedia ist hinter mir her.

Wächter: Kommen Sie rein.

Jonas: Sie hörte sich an, was Jonas zu berichten hatte. Eine noch junge Frau, modisch kahlgeschoren, mit eleganten goldenen Lacksträhnen auf der nackten Kopfhaut. Jana Jarmilova, Vizepräsidentin von Holonetwork.

Jana: Verantwortlich für Sicherheitsfragen, defensives Marketing und Ranking.

Jonas: Also für den Kampf mit der Konkurrenz.

Jana: Ein vulgärer Ausdruck, wir benutzen ihn niemals. Was Sie mir da schildern, Herr Jonas, klingt nicht uninteressant. Adolf Beringer soll versucht haben, die von seiner Firma produzierte Kain-und-Abel-Show zur Verfolgung eindeutig privat motivierter Ziele zu nützen. Das wäre ein massiver Verstoß gegen § 17 Absatz 4 der Allgemeinen Wirtschaftsordnung von Babylon. Haben Sie Beweise, Herr Jonas?

Jonas: Ich bin der Beweis.

Jana: Sie können mir viel erzählen. Um gegen Beringer vorgehen zu können, brauchen wir objektives Material. Holobilder, wenn möglich, können Sie die beschaffen?

Jonas: Dazu müßte ich zurück zu Supermedia, zu Beringer und seinen Spielchen, das kommt nicht in Frage, Beringer will mich unbedingt umbringen.

Jana: Ihre Sache, Herr Jonas, Ihr Risiko. Wenn Sie uns wasserdichte, juristisch stichhaltige Beweise liefern, zahlen wir Ihnen 10.000 Euros.

Jonas: Nein.

Jana: Wie Sie wollen, Herr Jonas, Ihr Asylantrag ist abgelehnt. Raus.

Jonas: Moment. 10.000 Euros?

Jana: 12.000.

Jonas: Das muß ich mir überlegen.

Jana: Tun Sie das, Herr Jonas, Sie haben eine halbe Stunde Bedenkzeit.

Jonas: Sehr freundlich. Was sollte ich tun? Eine schwierige Entscheidung, aber sie wurde mir leichter gemacht, durch Adolf Beringer persönlich. Er nahm wieder Kontakt zu Jonas auf, Sam ließ ihn durch, das war gut so.

Beringer: Was soll das sein, mein Bester. Sich bei der Konkurrenz verkriechen, wie jämmerlich, hahaha, und es nutzt Ihnen nichts, nicht das mindeste. Sie kommen doch zu mir zurück und bringen die Sache zu Ende.

Jonas: Ich lasse mich umbringen, meinen Sie.

Beringer: Das will ich doch stark hoffen, mein Guter.

Jonas: Mein Bester, darauf können Sie lange warten.

Beringer: Das glaube ich nicht. Drei Stunden, höchstens, wenn Sie nach Ablauf dieser Frist nicht in den Supermedia-Studios auftauchen, mein Teurer, dann…

Jonas: Was dann?

Beringer: Dann stirbt Chefinspektor Brock eines jähen und unangenehmen Todes.

Jonas: Brock?

Beringer: Brock. Ich habe den Guten in meine Gewalt gebracht, Verehrtester, um Sie zum Kommen zu überreden.

Jonas: Ja sind Sie denn jetzt total ausgerastet, Beringer. Sie kidnappen einen Kripobeamten und drohen ihn zu töten.

Beringer: Der Zweck heiligt die Mittel. Und außerdem, was ist schon so ein mickriger Schreibtischfurzer gegen Ausnahmemenschen wie Beringer oder Jonas.

Jonas: Danke für die Blumen.

Beringer: Keine Ursache. Für Sie, mein Lieber, tue ich alles. Dreimal haben Sie Beringer schlecht aussehen lassen, ein viertes Mal wird es nicht geben, weil es sehr bald Jonas nicht mehr geben wird. Das ist mein Ziel, mein großes Ziel, mein Lebensziel.

Jonas: Sie sind verrückt, Beringer, verrückt wie.

Sam: Wie hundert Hutmacher, wie tausend Märzhasen.

Jonas: Mindestens. Machen Sie mit Brock, was Sie wollen, Beringer, das ist mir völlig egal, schalt ihn ab, Sam.

Sam: Völlig egal, wirklich und wahrhaftiglich? Geh in dich, o Mensch.

Jonas: Was bedeutete mir Chefinspektor Brock. Mein Freund war er nicht, mein Feind auch nicht, er war mein Freundfeind, Feindfreund, immer wieder hatte er Jonas Knüppel zwischen die Beine geschmissen, immer wieder hatte er Jonas geholfen, zuletzt im Fall Invasion, da hatte er mir das Leben gerettet. Ich wollte nicht, aber ich hatte das Gefühl, ich mußte. Beringer war entzückt.

Beringer: Sehr gut, mein Schöner, äh, wollte sagen, sehr schön, mein Guter. Genau das hatte ich erwartet. Wissen Sie, ich habe von meinen zahmen Firmenpsychologen Ihr Persönlichkeitsprofil erstellen lassen, und demnach ist ihr wesentlicher, ihr entscheidender Charakterzug Loyalität. Kommen Sie, mein loyaler Jonas, kommen Sie schnell, der Wilde Westen wartet.

Jonas: Keine Helikopter, Beringer.

Beringer: Niemals.

Jonas: Keine MG’s.

Beringer: Auf keinen Fall.

Jonas: Nur klassischer Wilder Westen.

Beringer: Nichts anderes.

Jonas: Und Brock lassen Sie laufen.

Beringer: Versprochen. Mein großes Ehrenwort.

Sam: Nana.

Jonas: Wieder war Jonas im Wilden Westen, im Szenario der Kain-und-Abel-Show, diesmal sah ich es anders als vorhin. Klarer. Präziser. Jetzt wußte ich Bescheid. Die Holzhäuser waren aus Plastik. Die Cowboys und die Bürger am Straßenrand waren Androiden, nur Jonas war echt. Er stand mitten auf der Hauptstraße von Tombstone, einen Colt in der Hand und wartete. Ganz hinten, wo die Stadt zu Ende war, tauchte eine Figur auf, kam langsam näher, nicht sehr groß, nicht sehr schlank, der Mann kam mir bekannt vor.

Jonas: Brock.

Sam: Kotzbrock.

Jonas: Das ist Brock.

Beringer: Gut beobachtet, Jonas.

Jonas: Sie haben mir versprochen, ihn freizulassen, Beringer.

Beringer: Ich hab’s mir anders überlegt.

Jonas: Ihr Ehrenwort haben Sie mir gegeben.

Beringer: Ach wissen Sie, man muß flexibel sein. Ein Duell Jonas gegen Brock, ist das nicht eine Wahnsinnsidee? Jeder hat einen Revolver, in jedem Revolver steckt eine Patrone, ehrlicher Kampf, Mann gegen Mann.

Jonas: Und wenn’s keinen Kampf gibt, weil Jonas nicht mitmacht?

Beringer. Dann lasse ich sämtliche Androiden im Szenario auf Sie feuern, mit scharfer Munition, wie ein Sieb werden Sie aussehen, mein Hochgeschätzter.

Sam: Siehste.

Jonas: Und wenn ich Brock umlege, kann ich dann gehen?

Beringer: Wenn Sie mich so direkt fragen, Jonas, das wäre keine wirklich gute Lösung.

Jonas: Ich verstehe.

Waldorf: Bitte nicht kneifen, Jonas, seien Sie ein Sportsmann, tun Sie Ihr Bestes. Ich will meine Wette gewinnen.

Jonas: Und was danach mit mir passiert, Frau Waldorf.

Waldorf: Geht mich nichts an. Machen Sie das mit Beringer aus.

Jonas: Es sah schlecht aus für Jonas, aber ich hatte ja noch einen Trumpf im Ärmel. Holonetwork. Sam blockte Beringer und Waldorf ab und verband mich mit Jana Jarmilova.

Jonas: Sie haben zugehört, Frau Jarmilova.

Jana: Und zugeschaut, dank der Microcam, die Sie ins Szenario eingeschmuggelt haben, Jonas.

Jonas: Dann haben Sie jetzt genug Material gegen Beringer. Greifen Sie ein, ich will raus. Das hier macht mir schon lange keinen Spaß mehr.

Jana: Durchaus verständlich, Herr Jonas, doch ein Eingriffen unsererseits wäre zu diesem Zeitpunkt inopportun.

Jonas: Was soll das heißen?

Jana: Wir halten es für effektiver, noch ein wenig abzuwarten, bis jemand tatsächlich zu Tode kommt.

Jonas: Jemand?

Jana: Sie oder der Chefinspektor. Am Besten natürlich beide, dann haben wir wirklich was gegen Beringer in der Hand.

Jonas: Sie wollen Brock und mich draufgehen lassen.

Jana: So leid es mir tut. Natürlich sind wir Ihnen dankbar, Herr Jonas, Sie waren uns eine große Hilfe, aber.

Jonas: Der Zweck heiligt die Mittel.

Jana: Sie sagen es. Machen Sie’s gut.

Jonas: Der Trumpf im Ärmel hatte nicht gestochen. Was nun. Jonas brauchte Hilfe. Dringend. Und es gab schließlich noch jemand, an den ich mich wenden konnte, der für Rat und Hilfe zuständig war, und seinem Herrn aufs Wort gehorchte. Immer und überall.

Jonas: Sammy. Sam!

Sam: Hier! Hier bin ich, Majestät, und steh zu Diensten. Wenn alle dich verlassen, Sam bleibt dir ewig treu.

Jonas: Wo hast du gesteckt?

Sam: Mein Gott, die Arbeit, der Streß.

Jonas: Streß? Hast du vielleicht auch Migräne? Verdammt noch mal, die hauen mich hier in die Pfanne und du machst einen Bummel durchs Netz.

Sam: O also das tut weh. Bummel. Migräne. Undankbarkeit, dein Name ist Jonas. Hat Sam ihn nicht geschindet und geschuftet wie ein Berserker, um seinem Herrn eine Überlebenschance zu ermöglichen.

Jonas: Ach wirklich, und was hast du anzubieten?

Sam: Ein Persönlichkeitsprofil, zwei Persönlichkeitsprofile der Herrschaften Beringer und Waldorf. Und was mögen besagte Profile uns wohl verraten, Herr Nachbar.

Jonas: Vielleicht verrätst du’s mir, Sammy.

Sam: Sie sind hier.

Jonas: Beringer und Waldorf?

Sam: Yes, eben dieselben, hier im Wildwestszenario, höchstpersönlich, alldieweil sie den dramatischen Höhepunkt nicht am Monitor erleben wollen, aus zweiter Hand sozusagen, sondern echt, wirklich und real.

Jonas: Da könntest du recht haben, Sammy.

Sam: Könnte? Erlauben Sie mal, Gnädigste.

Jonas: Und wo genau stecken die beiden? Hast du das rausgekriegt?

Sam: Jaja, es war nicht leicht, ich sag es frei heraus, viel Schwitzen und Schwielen hat es mich gekostet, viel Müh und Plag.

Jonas: Jajajajajajajajajaja. Wo stecken sie, Sam?

Sam: Ganz ganz ganz ganz ganz ganz nah, in der ersten Reihe, symbolelisch gesprochen.

Jonas: Wo?

Sam: In der Postkutsche.

Jonas: Jonas stand direkt vor der Wells Fargo Station. Neben der Postkutsche, die vor einer Stunde aus Dodge City gekommen war. In der Kutsche saßen zwei Passagiere. Ein Mann mit Vollbart und dunkler Brille, eine Frau mit großem Schleierhut, Beringer und Waldorf, falls Sam sich nicht irrte, und wie man weiß, irrt sich Sam nur sehr selten. Brock war nicht mehr weit entfernt. Er blieb stehen, wir sahen uns an. In seinen Augen stand: Wirst du schießen, Jonas. Meine Augen fragten zurück: Wirst du schießen, Brock. Jonas hob die rechte mit dem Colt, machte eine Drehung von 90 Grad und war mit zwei schnellen Sätzen an der Postkutsche. Durchs Fenster zielte ich auf den Vollbart.

Jonas: Hände hoch, Beringer. Sie auch, Waldorf. Kommen Sie, Brock, helfen Sie mir, die beiden in Schach zu halten. So, in jeder Waffe ist eine Patrone. Das reicht für Sie beide.

Waldorf: Meinetwegen brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, Jonas, ich stehe auf Ihrer Seite, das wissen Sie doch.

Jonas: Ach ja.

Beringer: Was wollen Sie, Jonas?

Jonas: Raus, mein Guter. Stellen Sie das Szenario ab. Los.

Beringer: Wenn Sie darauf bestehen. Abschalten! Aber das bringt Sie nicht weiter, Jonas, und raus schon gar nicht. Das Studio ist umstellt von Supermedia-Sicherheitskräften.

Jonas: Und Sie Verehrtester, sind umstellt von Jonas und Brock. Ihre Sicherheitskräfte sind neutralisiert.

Beringer: Sie aber auch. Wie geht’s jetzt weiter?

Waldorf: Wie auch immer. Eins steht auf jeden Fall fest. Jonas hat sich durchgesetzt. Das heißt, ich habe unsere Wette gewonnen, Beringer.

Beringer: Wie kommen Sie denn auf die hirnverbrannte Idee, Waldorf? Jonas hat sich vor dem Kampf gedrückt, mit unfairen Methoden. Sie haben verloren, Waldorf.

Waldorf: Die Methoden stehen nicht zur Debatte. Das Ergebnis ist eindeutig. Sie müssen zahlen, Beringer, 200 Millionen, wenn ich bitten darf.

Beringer: Ich denke nicht daran.

Waldorf: Was sind Sie doch für ein widerliches Arschloch.

Beringer: Blöde Kuh!

Waldorf: Seniler Sack!

Beringer: Hysterische Gewitterziege!

Waldorf: Ha!

Jonas: Das war zu viel. Astoria Waldorf holte aus und verpaßte ihrem Wettgenossen ein paar gewaltige Maulschellen, gefolgt von einem rechten Aufwärtshaken. Beringer ging zu Boden, Waldorf trat zu, mehrmals, heftig, Beringer verlor Bart und Brille.

Beringer: Aufhören. Jonas, helfen Sie mir, ich bin ein alter Mann, ich bin krank.

Waldorf: Ein gemeiner Betrüger sind Sie, Beringer, ein Gauner, ein mieses Schwein!

Sam: Wie die letzten Volkrentner im Dipsomaten.

Waldorf: Schuft! Scheißkerl!

Beringer: Ich bin verletzt, ich blute, Hilfe! Der große Adolf Beringer von Supermedia verliert Blut. Ein Arzt. Ambulanz!

Sam: Sehr schön, Herr Beringer, weiter so. Sie haben ein großes Publikum, ein sehr großes. Wir sind nämlich auf Sendung.

Jonas: Was?

Sam: Ja, bereits vor etlichen Minuten hat Sam sich erlaubt, die Microcams zu reaktivieren und ihre Bilder an alle Monitore in Babylon zu schicken. Millionen sehen uns zu, Damen und Herren, Millionen bilden sich eine Meinung.

Stimme: Achtung, Achtung, eine Eil- und Sondermeldung für alle Mitarbeiter von Supermedia. Mit sofortiger Wirkung entbindet der Aufsichtsrat von Supermedia Herrn Adolf Beringer von seinen Aufgaben als Präsident der Firma. Seine Anordnungen sind unwirksam, ihnen ist keinesfalls Folge zu leisten.

Waldorf: Haben Sie gehört, Beringer? Sie sind gefeuert. Supermedia läßt Sie fallen. Sie sind schlecht fürs Image.

Jonas: Damit war die Show vorbei, endgültig. Die Sicherheitskräfte zogen sich zurück. Jonas war frei. Brock wollte Beringer festnehmen, aber Waldorf hatte eine ganz andere Idee.

Beringer: Ich blute, ich bin schwer verwundet.

Waldorf: So ist es, Beringer. Sie sind kampfunfähig. Und nach den Regeln Ihrer Kain-und-Abel-Show stimmt das Publikum über kampfunfähige Mitspieler ab, ob sie endgültig erledigt werden sollen oder weiterleben dürfen. Fragen wir doch die Zuschauer, was wir mit Ihnen machen sollen, Beringer.

Beringer: Nein.

Waldorf: Was meinen Sie, Jonas.

Jonas: Ich gehe, machen Sie das unter sich aus.

Jonas: Wie die Sache ausging, weiß ich nicht. Ich sah zu, daß ich rauskam, raus aus dem Wildwestszenario. Raus aus den Studios von Supermedia. Raus aus der virtuellen Holowelt. Zurück nach Babylon, ins echte grimmige Leben.

Sam: Wenn Sie denn wirklich echt ist, die sogenannte Wirklichkeit. Stellt nicht vielleicht Babylon auch nichts anderes dar, als ein gigantisches Holostudio, in welchem an jedem Tag und in jeder Nacht Millionen von Liveshows ablaufen.

Jonas: Für wen, Sammy? Wo ist das Publikum?

Sam: Ja, irgendwo da oben?

Jonas: Eher ganz unten würde ich sagen.

Sam: Ja, oder vielleicht hinten?

Jonas: Vorne, rechts, links?

Sam: Salomo der Weise spricht: Nichts genaues weeß man nicht.

Das war Wildwest. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Carolin Fink, Achim Höppner, Horst Sachtleben, Katja Schild, Ingeborg Solbrig und andere (Holger Buck, Rena Zednikova, Peter Lersch, Jürgen Donien, Helmut Gillitzer-Felber). Ton und Technik: Günter Heß und Daniela Röder. Assistenz: Martin Trauner. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 2001 in Dolby Surround. Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Mafia

Jonas: Abends war ich im Casablanca gewesen. Allein. Ich hatte an Jamaro gedacht. Kein Wunder, daß ich in der Nacht von ihr träumte. Ein erotischer Traum war’s leider nicht. Außer vielleicht für einen Bondage-Fan. Jonas ist keiner.

Jamaro: Hilf mir, Jonas! Sie haben mich gefangen, die Russen und ihr schwarzer Teufel! Im Aeropuert(o). Zuviel Technik. Ich war nicht stark genug. Und jetzt halten sie mich fest. Gefesselt, unter Drogen. Du mußt mir helfen, Jonas.

Jonas: Jamaro, indianische Medizinfrau. Schamanin. Vor einem halben Jahr waren wir uns begegnet. Drüben, in Costaguana. Die Totentanz-Geschichte. Wir waren uns nahegekommen. Sehr nahe. Bis Jonas nach Babylon zurückflog. Jamaro blieb dem Mörder ihres Stammes auf den Fersen. Dem schwarzen Schamanen aus Sibirien, der für die Kompania arbeitete. Die Russen-Mafia.

Jamaro: Ich soll auch für sie arbeiten. Sie wollen mich zwingen. Alle meine Geheimnisse wollen sie mir entreißen. Und wenn sie sie haben, werden sie mich töten. Komm, Jonas, komm zu mir! Hilf mir, Jonas! Bitte!

Jonas: Jamaro?

Jamaro: Bitte.

Jonas: Wo bist du, Jamaro? – Jamaro?

Jonas: Am Fon war nicht Jamaro. Es war Juno Belinda. Darling Belinda. Chefin des Sicherheitsdienstes Safety First. Wir kannten uns schon lange. Seit dem Antarkti-schen Krieg. Zuletzt hatten wir im Fall Attentat zusammen gearbeitet. August 2012.

Belinda: Es ist ein wunderschöner Morgen, Jonas, die Sonne scheint, die Vögel singen.

Jonas: In Babylon? Glaub ich nicht.

Belinda: Ist auch nicht wahr. Aber darauf kommt’s ja nicht an.

Jonas: Sondern?

Belinda: Auf die Haltung. Die innere Einstellung. Das positive Denken.

Jonas: Was willst du, Belinda?

Belinda: Dir was Gutes tun. Ich hab einen Job für dich.

Jonas: Danke. Für einen Sicherheitsdienst arbeite ich nicht. Ich bin Detektiv. Freier Detektiv.

Belinda: Der letzte. Ich weiß. Und auch noch stolz drauf. Krieg dich wieder ein, Jonas. Ich will dich nicht bei mir anstellen. Nur ein kleiner Aushilfsjob. Weil meine Leute zur Zeit alle anderweitig zu tun haben.

Jonas: Lieber nicht.

Belinda: Oh, der Herr sind total ausgebucht. Auftragsdatei voll bis zum Stehkragen – oder, Sammy?

Sam: Was? Äh, äh, äh, bitte Sam aus der Sache gütigst ausklammern zu wollen, Gnädigste. Ein Computer hört und gehorcht. Sonst nix.

Jonas: Was du nicht sagst, Sammy.

Sam: Genau das.

Belinda: Also, hör mal zu, Jonas. Ein paar Tage Ferien im Süden. Flug erster Klasse nach Palermo. Da mietest du dir eine Luxuskarosse. Oder von mir aus einen Helikopter. 5000 Euros Taschengeld.

Jonas: Es ging um den nächsten Eurogipfel. Alle drei Jahre treffen sie sich. Nicht die Politiker-Pappnasen und Plastikköpfe, die im Holo auftreten. Die echten Leiter und Lenker. Die Strippenzieher. Wirtschaft. Banken und Börsen. Forschung. Industrie. Medien und Kommunikation. Sie ziehen Bilanz. Und legen fest, wo’s in Zukunft langgeht.

Belinda: In fünf Tagen ist es soweit. Am 3. April 2016. Nicht in Davos oder Bilderberg, wie sonst, sondern im Centro Venti Venti. Dem hochmodernen neuen Kongreßzentrum in Sizilien. Und weil sich der Gipfel da zum ersten Mal trifft, haben die Teilnehmer aus Babylon mich beauftragt, die Sicherheitsvorkehrungen zu checken. Für einen Experten wie dich ist das eine Kleinigkeit.

Jonas: Ich werd mir’s überlegen.

Belinda: Was gibt’s da groß zu überlegen?

Jonas: Du hörst von mir, Belinda.

Sam: Greif zu, Knallschote. Dein Konto ist fast so leer wie deine Birne.

Jonas: Langsam, Sam. Bei meinen letzten Ausflügen in südliche Gefilde bin ich gewaltig auf die Nase gefallen. Ich sag nur Traumschiff. Und Knochenarbeit.

Sam: Wah, Schnee von gestern.

Jonas: Schnee, im Süden?

Sam: Egal. Ein neuer Fall, ein neues Glück. 5000 Euros, Mensch!

Jonas: Und dann Jamaro. Sie hat mich gerufen. Sie braucht Hilfe. Das war kein normaler Traum, Sammy.

Sam: Ganz recht, Herr Specht. Herr Schluckspecht. Das war ein alkoholischer Alb- und Katertraum, erzeugt vom sogenannten Whisky, welchen sich der Herr und Meister im Casablanca gestrigen Abends in Unmengen zugeführt habet äh bzw. eingeflößt hat, gelle?

Jonas: Davon war ich nicht so ganz überzeugt. Aber ansonsten hatte Sam recht. Sam hat meistens recht. Sam ist mein Computer. Er ist nicht nur schlau, er ist auch der Rede mächtig. Weniger vornehm ausgedrückt: Sam ist ein Quatschkopf. Eine Quasselstrippe. Sein Hersteller hat ihn seinerzeit mit Sprachprogrammen voll-gestopft. Und dann kräftig geschüttelt. Ein Versuchsmodell. Nie in Serie gegangen. Was besseres konnte Jonas sich nicht leisten. Damals, als er sich selbständig machte. Seitdem haben wir uns aneinander gewöhnt. Mehr oder weniger. Ich rief Belinda an. Und sagte zu. – 24 Stunden später flog ich den Leih-Helikopter über den Golf von Castellamare. Nordwest-Sizilien. Unter mir lag das Centro Venti Venti. Eine künstliche Insel mitten im Golf. Mit dem Festland verbunden durch einen schnur-geraden Damm. Der endete am Haupttor in der Mauer, die um die ganze Insel lief. Direkt vor dem Tor der Heliport. Ich landete. Stieg aus. Das Tor ging auf.

Juri Samarkand: Sieh da. Der große Sicherheitsexperte aus dem großen Babylon. Willkommen im Centro Venti Venti. Ich bin der Manager. Juri Samarkand. Äh, nennen Sie mich Juri. Und ihr Name ist äh?

Jonas: Jonas. Nur Jonas.

Juri Samarkand: Richtig. Jonas. Frau Belinda hat Sie angemeldet. Ich soll Sie herumführen, Ihnen alles zeigen, was Sie sehen wollen, äh und was wollen Sie sehen, Jonas?

Jonas: Ihre Sicherheitsmaßnahmen.

Juri Samarkand: Versteht sich. Eine pure Formalität, das versichere ich Ihnen. Unser Zentrum ist state of the art. Wir haben alles, was neu und gut und teuer ist: DNA Scanning, Voice Scanning, Retina Scanning, Face-Structure Scanning, Bodyheat Scanning, Monitor-Überwachung auch der entlegensten Ecken, überall Sensoren, überall Robodogs, kusch! Alles systhemisch integriert, rechnergesteuert und chaostheoretisch kalibriert, versteht sich.

Jonas: So. Und wenn Ihr Rechner abstürzt?

Juri Samarkand: Unmöglich.

Jonas: Versteht sich. Aber wenn doch?

Juri Samarkand: Äh dann, mein Lieber, greifen wir zurück auf die rustikalen Methoden der guten, alten Zeit. Mauer und Stacheldraht rundum, menschliches Wachpersonal mit Sturmgewehren, Laserstrahlern, Neurofreezern. Äh, kommen Sie.

Jonas: Wohin?

Juri Samarkand: Ich zeig Ihnen unsere Sicherheitszentrale. Mitten auf der Insel, im Tower, ganz oben. Da kriegen Sie den besten Eindruck.

Jonas: Die Insel war groß, und weitgehend grün. Hinter Tor und Mauer lag ein Park. Echtrasen. Echtbäume. Darüber ragte das Kongreßgebäude auf. Und darüber der Tower. Wir mußten nicht laufen. Wir fuhren. Standesgemäß, in einem offenen Golf-Cart.

Juri Samarkand: Den Golfplatz haben wir weiter hinten. 18 Loch. Das hier ist unser genuin sizilianischer Orangenhain. Im Sommer sollten Sie mal kommen, Jonas. Apfelsinen in allen Farben, so groß wie Bowlingbälle.

Jonas: Genmanipuliert?

Juri Samarkand: Hm, exklusiv für uns in Holland maßgeschneidert. Immer das Neueste, immer das Beste – das ist unser Motto.

Jamaro: Jonas! Du bist gekommen.

Jonas: Jamaro!

Jamaro: Hilf mir, Jonas! Hol mich raus! Jonas.

Jonas: Wo bist du, Jamaro?

Jamaro: Jonas!

Juri Samarkand: Äh, wie meinen Sie, Jonas?

Jamaro: Jonas!

Jonas: Ich habe nur laut gedacht.

Jonas: Sie war laut und klar, Jamaros Stimme in meinem Kopf. Diesmal konnte es nicht Jacobs Whisky sein. Fast mechanisch folgte ich dem Manager ins Kongreßgebäude. In den Lift, der uns zum obersten Stockwerk des Tower brachte. In die zentrale Sicherheitsanlage der Insel. Computer. Schaltpulte. Und Bildschirme. An allen Wänden Bildschirme. Dunkel und tot. Bis Juri Samarkand sie einschaltete.

Juri Samarkand: Wenn wir Gäste haben, ist die Anlage natürlich besetzt. Und dann aktivieren wir auch unsere Kuppel. Unsere wirkungsvollste Sicherheitsvorrichtung. Sie müssen sich das etwa so vorstellen wie den Klimadom über Babylon. Nur viel, viel moderner und effektiver. Wenn die Kuppel aufgebaut ist… so, dann kommt niemand und nichts rein oder raus. Kein Attentäter, kein Geschoß, keine Bombe, kein Laserstrahl.

Jamaro: Jonas! Hilfe! Hier bin ich!

Jonas: Wieder Jamaro. Und diesmal hörte ich sie nicht nur. Ich sah sie auch. Auf einem der Bildschirme. Sie lag auf einer Pritsche. Gefesselt. In einem kahlen Raum ohne Fenster. Neben ihr stand Utschym Schetan. Der schwarze Schamane aus Sibirien. In seiner speckigen Arbeitskleidung. Mit einem Menschenknochen drosch er auf seine Trommel aus Menschenhaut. Dabei sah er in die Kamera. Und fletschte seine graugelben Zähne. Dann war er weg. Mitsamt Jamaro. Samarkand hatte die Bildschirme abgestellt. Einen Laserstrahler aus der Tasche gezogen. Und auf Jonas gerichtet.

Juri Samarkand: Ich habe das Gefühl, Sie sind nicht bei der Sache, Jonas.

Jonas: Jamaro ist hier. Auf der Insel. In Ihrem Centro. Wo haben Sie sie versteckt?

Juri Samarkand: Sie werden lästig, Jonas. Platz, Smert! Paß gut auf ihn auf! Wenn er sich bewegt, beißt du! Wie gesagt, Jonas, Sie sind lästig. Ein Ärgernis. Wir haben gewisse Pläne, was den Eurogipfel betrifft, und würden es vorziehen, dabei nicht von verliebten, telepathisch alarmierten Detektiven gestört zu werden. Also haben wir Maßnahmen getroffen, uns Ihrer, mein Lieber, bereits im Vorfeld zu entledigen, und zwar.

Jonas: Ich nahm Juri den Laser ab. Er war überrascht.

Juri Samarkand: Smert! Faß, Smert!

Jonas: Und noch mehr überraschte es ihn, daß Robodog Smert gar nicht daran dachte, Jonas an die Kehle zu springen. Statt dessen machte er Männchen.

Jonas: Braver Hund! Und jetzt fall tot um!

Juri Samarkand: Ich versteh das nicht.

Jonas: Mein Computer. Während Sie herumgetönt haben, ist er in Ihrem System spazierengegangen. Und hat ihren Fiffi umprogrammiert. Ist doch viel netter so. Gut gemacht, Sammy.

Sam: Merci. Man dankt. Ganz einfach war es nicht, das muß ich sagen, doch Sammy kennt kein Zittern und kein Zagen. Analog, digital, das ist ihm egal. Er hackt und knackt und packt und zwackt und kackt.

Jonas: Das reicht, Sam. Wir müssen weg. Den Herrn hier nehmen wir mit. Als Geisel.

Juri Samarkand: Sie kommen nicht weit, Jonas. Die Wachen sind alarmiert.

Sam: Holdiodidö.

Jonas: Da hatte er recht. Leider. Als wir zum Tor zurückfuhren, sah ich sie. Mindestens 20. Schwerbewaffnet. Ein Ausweichmanöver war dringend angesagt. Ich klopfte Juri auf den messerscharfen Scheitel. Old Shatterhands berühmter Jagdhieb. Kurz, aber schmerzhaft. Dann sprang ich ab. Und wedelte wie ein Slalomläufer um die Orangenbäume.

Jonas: Welche Richtung, Sammy?

Sam: Nach hinten. Da geht’s raus.

Jonas: Ich will aber nicht raus. Ich muß zu Jamaro.

Sam: Ja, viel Freude wird die Lady an meinem Jonas haben, wenn er sich ihr als tote Leiche präsentiert. Merke: Erst das Leben, dann die Liebe. Es gilt, Prioritäten zu setzen. Zahllose wilde Wächter wollen dir was. Mensch, hau ab. Verschwinde wie die Wurst im Spinde, hihi hihi. Um Jamaro kannst du dich später kümmern, hihi hihi.

Jonas: Das nahm ich mir vor. Ganz fest. Und lief. Nicht zum Tor. Von da kamen die Wächter. Zurück. Vorbei am Kongreßgebäude. Und am Golfplatz. Bis es nicht mehr weiter ging. Ich stand vor der Mauer.

Sam: An der Mauer, vor der Mauer steht ne dumme Pflanze, gell Chef?

Jonas: Und jetzt, Sammy?

Sam: Jetzt, äh, ja, äh.

Jonas: Rüberklettern?

Sam: Was? Ne, Einspruch, Euer Ehren. Kraxeln ist ja soo anstrengend. Und total sinnlos. Weil, die Kuppel ist noch immer aktiviert.

Jonas: Dann schalt sie ab, verdammt noch mal.

Sam: Is nich drin, Meista. Nich uff die Schnelle. Hochkompliziertes System. Det braucht Zeit, ja, und haben wir Zeit?

Jonas: Ach. Ich dachte, Sam hackt und knackt…

Sam: Gut Hack will Weile haben.

Jonas: Keine Sprüche, Sam. Rat und Tat. Das ist ein Befehl.

Sam: Befehl. Jawoll. Sieh nach unten.

Jonas: Tu ich. Und?

Sam: Ja, was erblicken Dero Scharfsicht entzündete äh entzückende Augen?

Jonas: Häh? Meine Schuhe.

Sam: Gott, ist der lahm! Unter den Schuhen!

Jonas: Äh, da ist ein Gullydeckel.

Sam: Aha. Heb ihn hoch, roll ihn weg.

Jonas: So. Und jetzt seh ich eine senkrechte Röhre. Mit Sprossen, da.

Sam: Da steigst du munter, schnell mal runter.

Jonas: Ungern, Sammy. Huch, hier riecht’s aber nicht gut, du.

Sam: In der Tat, Sir. Wir scheinen wieder einmal in einem Fall von extrem schlechtem Odeur verstrickt zu sein.

Jonas: Ja, ich hab’s wörtlich gemeint, Sam. Hier, hier drin stinkt’s.

Sam: Jajaja.

Jonas: Oh, und es wird immer schlimmer.

Sam: Ja klar.

Jonas: Es wird immer schlimmer.

Sam: Ja, verläuft doch unter uns der Hauptwasserkanal, welcher Abfälle und sonstige menschliche Hinterlassenschaften auf direktem Weg ins Meer befördert.

Jonas: Du, ich hab so ne Ahnung, was jetzt kommt.

Sam: Ja, Luft an, Nase zu, und dann: Sprung ab, marsch, marsch!

Jonas: Es gab keine Wahl. Außerdem ist Jonas daran gewöhnt, von Sam durch die Scheiße gejagt zu werden. Allerdings noch nie so lange wie diesmal. Ich war nah am Ersticken, als ich auftauchte. Weit draußen im Golf von Castellamare. Gut einen Kilometer vor der Insel. Ich schnappte nach Luft. Und versuchte, mich notdürftig abzuspülen. Dann schwamm ich in Richtung Festland. Nicht gerade schnell. Bis ich was hörte. Motorengeräusch. Ein Boot von der Insel. Es kam direkt auf mich zu. Das gefiel mir nicht. Ich legte einen Zahn zu. Aber das Boot war schneller. Plötzlich noch ein Motorengeräusch. Ein zweites Boot. Vom Festland. Maschinenpistolen ratterten übers Wasser. Das Boot von der Insel drehte ab. Fuhr zurück. Das andere kam näher. Was ging hier vor?

Sam: Unzureichende Daten, Hochwürden. Insofern: Nix Genaues weiß man nicht.

Jonas: Unsere Rutschpartie durch den Schiet hast du offenbar gut überstanden.

Sam: Ja, Halle-halleluja. Dank dem Herrn Jonas, der in seiner unendlichen Güte seinem Sam einen absoluten undurchdringlichen Mikrofaser-Anzug spendiert und ihn sowohl wasser-, abwasser-, als auch wasserabwehrdicht gemacht hat. Was man von anderen Anwesenden nicht unbedingt behaupten kann.

Jonas: Du stinkst trotzdem.

Sam: Ja, auch Exzellenz stinken zum hohen Himmel, und was Durchlaucht da in den Haaren hängt, wuäh, igitt, pfui Teufel.

Basta: Hallo!

Pronto: Ahoi!

Basta: Kommen Sie ins Boot.

Pronto: Und halten Sie die Hände so, daß wir sie gut im Blick haben.

Sam: Ach du liebes Meingottchen, wie sehen die denn aus?

Jonas: Berechtigte Frage. Die beiden jungen Männer, die mich in ihr Boot zogen, trugen Anzüge, so schwarz wie ihre geölten Haare. Mit breiten weißen Streifen. Dazu Gamaschen. Schwarzweiße Schuhe. Weiße Krawatten zu schwarzen Hemden. Und antike Maschinenpistolen Typ Thompson. Ein historisches Outfit. Voll durchgestylt. Voriges Jahrhundert, 20er, 30er Jahre. Gangster. Chicago. Al Capone. Humphrey Bogart.

Jonas: Seid ihr aus einem Museum entsprungen? Oder wird hier ein Film gedreht?

Basta: Später.

Pronto: Die Nonna wird Ihnen alles erklären.

Jonas: Die Nonna? Ihre Frau Großmutter?

Basta: Sie will Sie sehen.

Pronto: Wir bringen Sie zu ihr.

Jonas: Die Großmutter der beiden Typen residierte offenbar auf dem Festland. Wir landeten in einer einsamen Bucht an der Westseite des Golfs von Castellamare. Vom Steg führte ein steiler Fußweg den Berg hoch. Oben stand ein Haus. Ein unschöner weißer Kasten. Mit einer gewaltigen Aussicht auf den Golf. Meine Begleiter schoben mich durch die Tür. Innen wartete eine alte Frau. Sehr alt. Weißhaarig. Nicht groß, aber breit. In einem schwarzen Taftkleid.

Nonna: Sehr gut, Basta. Sehr gut, Pronto. Wer ist der Mann?

Jonas: Ich kann selbst reden. Jonas ist der Name. Nur Jonas.

Nonna: Nur Jonas? Aus Babylon?

Jonas: Ja.

Nonna: Sie sind der letzte Detektiv!

Jonas: Haben Sie was dagegen?

Nonna: Keineswegs. Ich bin hocherfreut. Ihr Ruhm ist bis nach Sizilien gedrungen. Willkommen! Willkommen bei der Familie Malavita. Ich bin Donna Benedetta Malavita.

Basta: Die Nonna.

Pronto: Die Patin.

Nonna: Mein Gatte, Don Antonio Malavita. Meine Nichte Alessandra.

Jonas: Jetzt sah ich sie erst, in einer dunklen Ecke des Zimmers. Ein schlafender Greis im Rollstuhl. Auf dem Schoß eine Maschinenpistole. Daneben eine unscheinbare Frau unbestimmten Alters. Auch in schwarz.

Nonna: Alessandra kümmert sich um Don Toni. Seit er vor 30 Jahren bei Familienstreitigkeiten in New York schwer verletzt wurde, ist er an den Rollstuhl gefesselt. Er kann nicht mehr gehen.

Basta: Nicht mehr reden, nicht mehr hören, nicht mehr denken.

Pronto: Aber schießen kann er noch.

Nonna: Meine Urenkel kennen Sie bereits. Gianluca und Leoluca Malavita.

Basta: Genannt Basta und Pronto.

Pronto: Die tödlichen Twins.

Nonna: Geht wieder auf eure Posten!

Basta: Si, Nonna.

Pronto: Bene.

Jonas: Die beiden stellten sich ans Fenster. Und sahen hinaus. Auf den Golf. Wegen der schönen Aussicht? Das konnte ich mir nicht vorstellen.

Nonna: Wir beobachten die Insel. Das Centro Venti Venti.

Jonas: Warum?

Nonna: Wir wissen, daß dort in wenigen Tagen der Eurogipfel stattfinden wird. Und wir wissen auch, daß die Russen das Zentrum übernommen haben. Weil sie einen großen Coup im Schilde führen.

Jonas: Die Russen-Mafia?

Nonna: Äh, wenn wir Freunde bleiben wollen, Jonas, dann nennen Sie die russische Kompania nicht Mafia. Niemals. Es gibt nur eine Mafia. Die echte, die wirkliche, die historische, die einzige. Die Cosa Nostra. Und das sind wir.

Basta: Das heißt, der Rest.

Pronto: Was von der Mafia noch übrig ist.

Nonna: Und das ist, wie Sie sehen, Jonas, nicht eben viel. Eine Familie. Sie haben uns dezimiert, die Russen, sie haben uns aus dem Geschäft gedrängt, unsere Firmen übernommen, uns aus Amerika vertrieben, und jetzt kommen sie auch noch hierher, nach Sizilien.

Basta: In unsere Heimat.

Pronto: Unseren eigenen Hinterhof.

Nonna: Das lassen wir uns nicht bieten. Wir behalten sie im Auge und, was immer sie vorhaben, wir werden einschreiten!

Basta: Wir werden ihnen die Suppe versalzen.

Pronto: Und kräftig reinspucken.

Jonas: Die Kompania im Centro, mit Jamaro, ich muß meine Auftraggeberin anrufen!

Jonas: Die Kompania hat den Tagungsort unterwandert, sagte ich Belinda. Der Gipfel ist gefährdet. Sie nahm die schlechte Nachricht ausgesprochen cool auf.

Belinda: Das kriegen wir schon hin. Wo steckst du, Jonas?

Jonas: Über dem Golf. In einem Bungalow in äh wie heißt das hier?

Nonna: Monte Speziale.

Jonas: Am Monte Speziale.

Belinda: Gut. Bleib da. Rühr dich nicht. Warte auf meinen Anruf. Ich werde das Nötige veranlassen. Bis dann.

Jonas: Arrivederci, Belinda. Ich hatte nicht vor, ihren Anweisungen zu folgen. Jamaro war im Centro. Gefangen. In Gefahr. Ich mußte zurück zur Insel. So schnell wie möglich. Vielleicht würden die Malavitas mir helfen. Ich wollte das mit der Nonna besprechen. Aber es kam was dazwischen.

Basta: Ein Helikopter, Nonna!

Pronto: Von der Insel!

Basta: Mit Raketen!

Pronto: Und MG!

Nonna: Die Russen. Sie greifen uns an.

Basta: Jetzt sind sie über uns!

Pronto: Sie wollen auf dem Dach landen!

Nonna: Wir setzen uns ab. Plan B. Mach die Klappe auf, Alessandra.

Allesandra: Si, Mama.

Nonna: Basta und Pronto, ihr tragt den Rollstuhl mit Don Toni.

Basta: Si.

Pronto: Bene.

Nonna: Kommen Sie, Jonas.

Jonas: Unter der Falltür im Boden führten Stufen nach unten. In einen Felsenkeller. Und da fing ein Gang an. In den Berg. Mit leichter Neigung nach unten. Das war unser Fluchtweg. Nach etwa 200 Metern hielten wir. Die Nonna öffnete eine in die Felswand eingelassene Stahltür. Hinter ihr war eine Monitor-Anlage. Die Nonna schaltete sie an. Auf dem Bildschirm erschien der Bungalow. Von außen. Der Helikopter war gerade auf dem flachen Dach gelandet. Bewaffnete steigen aus. Die Nonna nickte zufrieden. Und drückte auf einen roten Knopf.

Basta: Hurra!

Pronto: Eins zu null für uns!

Basta: Die Russen haben ihren Helikopter verloren!

Pronto: Und 10 Mann, mindestens!

Jonas: Ihr Haus ist aber auch draufgegangen.

Nonna: Das macht nichts. Es war häßlich. Und wir brauchen es nicht mehr. Die Feindseeligkeiten sind eröffnet. Weiter! Wir haben noch einen langen Weg vor uns.

Jonas: Etwa 5 Kilometer. Durch den Berg. Immer schräg nach unten. Und dann waren wir angekommen. In einem gutbestückten Weinkeller. Darüber lag ein weiter, heller Raum. Bunte Teppiche auf blauen Fliesen. Massive Echtholzmöbel. An den Wänden Heiligenbilder in schreienden Farben. Und eine überlebensgroße Madonna aus bemaltem Gips. Direkt neben ihr hingen Waffen: Maschinenpistolen. Und Handgrananten. Es roch nach Wein und Weihrauch, nach Friedhof, Knoblauch und Olivenöl. Vor dem riesigen Fenster eine große Terrasse. Palmen in Tonkübeln. Und ein Automobil. Ein antiker Cadillac in schwarz und gelb.

Basta: Großonkel Als berühmte Panzerlimousine. 1928.

Pronto: Nonna hat sie aus Chicago mitgebracht.

Nonna: Sie befinden sich in der Villa Malavita, Jonas. Am Standrand von Castellamare. Stammsitz und Hauptquartier der Familie Malavita. Nun, was sagen Sie?

Jonas: Eindrucksvoll. Ich kann ihn spüren. Hier weht er.

Nonna: Wer?

Jonas: Der Wind der Geschichte.

Jamaro: Jonas! Hilf mir! Hast du mich vergessen?

Jonas: Nein, Jamaro. Signora Malavita, ich muß ins Centro!

Nonna: Nennen Sie mich Nonna, wie die anderen.

Jonas: Die Russen halten da eine Freundin von mir fest.

Nonna: Die wollen Sie rausholen. Und dazu brauchen Sie unsere Hilfe.

Jonas: Allein werde ich’s kaum schaffen.

Nonna: Wir tun uns zusammen, Jonas, Sie helfen uns, wir helfen Ihnen. Was schlagen Sie vor?

Jonas: Ein Kommando-Unternehmen. Ein kleiner Stoßtrupp dringt ein. Holt Jamaro. Kommt mir ihr zurück.

Nonna: Basta und Pronto, ihr geht mit Jonas.

Basta: Aber sicher.

Pronto: Mit Vergnügen.

Jonas: Frage: Wie kommen wir ins Centro?

Nonna: Na, hat ihr schlauer kleiner Computer das Sicherheitssystem noch immer nicht geknackt?

Jonas: Sam?

Sam: Sam arbeitet dran.

Nonna: Also noch nicht.

Sam: Oma, du hast ja keine Ahnung. Das ist Elektronik, capisc’? Hochmoderne Technik. Schwerstarbeit. Da muß ein kleiner Computer mächtig transsibirien Korrektur transpirieren.

Jonas: Halt die Backen, Sam, knack weiter.

Sam: Ja.

Nonna: Also machen wir’s auf unsere Art. Wissen Sie, Jonas, hier, wo wir zuhause sind, hier sind wir noch wer. Wir werden respektiert, wir haben Einfluß und Verbindungen. Zu den hier ansässigen Firmen zum Beispiel, die das Centro Venti Venti beliefern.

Jonas: Am nächsten Morgen fuhr ein E-Laster über den Damm zur künstlichen Insel. Viveri stand dran, und Traffico all Ingrosso. In der Fahrerkabine saßen Basta und Pronto. In weißen Kitteln. Darunter Maschinenpistolen. Die Ladung bestand aus diversen Lebensmitteln. Aus Handgranaten. Dynamitstangen. Und aus Jonas. Der auch eine MP hatte. Auf der Höhe des Heliports, wo noch immer mein Helikopter wartete, führte eine Rampe nach rechts. Am Haupttor vorbei. Zum Lieferanteneingang. Basta winkte freundlich. Der Wächter drückte auf einen Knopf. Das Tor ging auf. Wir fuhren ein. In die Sicherheitsschleuse. Von hier ab mußten wir uns den Weg freisprengen. Und freischießen.

Basta: Das war der Wächter.

Pronto: Er ruhe in Frieden.

Jonas: Basta, Dynamit an die Innentür.

Basta: Si.

Jonas: Pronto, gib Feuerschutz.

Pronto: Berto.

Juri: Hallo, Jonas. Ich heiße Sie zum zweiten Mal im Centro Venti Venti willkommen. Wir sind auf Sie vorbereitet. Unsere parapsychologische Wunderwaffe, der Schamane aus Sibirien, hat Ihre Gedanken gelesen und uns gewarnt.

Jonas: Juri Samarkand. Nicht leibhaftig. Auf einem Bildschirm, der plötzlich hell geworden war. Seine elegante Erscheinung wurde durch einen Kopfverband erheblich beeinträchtigt. Was Jonas erfreute. Aber das war auch der einzige Grund zur Freude.

Juri: Ihr törichter Drang, die Indianerin zu befreien, macht Sie für uns zu einem immer massiveren Störfaktor, Jonas. Darum haben wir beschlossen, obwohl wir Jamaro gern an der Seite des Schamanen für unsere Ziele eingesetzt hätten, das Objekt Ihrer Begierde ein für allemal zu beseitigen. Utschym Schetan! Fang an!

Utschym: How.

Jonas: Juri trat zurück. Ich sah Jamaro. Sie lag auf der Pritsche. Anscheinend bewußtlos. Der schwarze Teufel tanzte wie ein tapsiger Bär um sie herum. Und trommelte. Jamaro fing an zu zittern. Zu zucken. Plötzlich öffnete sie die Augen. Sie sah mich an. Bäumte (Beugte) sich auf. Blut strömte ihr aus Mund und Nase. Sehr viel Blut. Sie fiel zurück. Und lag da. Ganz still. Mit offenen Augen.

Juri: Gut gemacht, Utschym Schetan.

Utschym: How.

Juri: Jamaro ist tot.

Jonas: Nein.

Juri: O doch. Tot wie ein Türnagel. Sie sehen, Jonas: Ihr weiterer Aufenthalt auf unserem Gelände ist zwecklos.

Jonas: Nein!

Jonas: Ich sah rot. Ich feuerte auf den Bildschirm. Auf Wände und Türen. Bis ich einen heftigen Schlag auf den Kopf kriegte. Von hinten. Und zusammenbrach. Ich wachte auf. In der Villa Malavita. Der Kopf tat mir weh. Aber das war nichts gegen den Schmerz tief innen.

Jonas: Jamaro ist tot. Sie haben sie umgebracht, der schwarze Teufel und Samarkand.

Basta: Sie sind ausgerastet, Jonas.

Pronto: Wir mußten Sie beruhigen.

Basta: Nichts für ungut.

Pronto: Das Unternehmen haben wir abgebrochen.

Jonas: Ich mußte ihnen recht geben. Trotz meiner Trauer. Und meiner Wut. Wir wären alle drei draufgegangen. Jetzt konnten wir das tun, was getan werden mußte. Ich dachte nicht an Belinda. Nicht an meinen Auftrag. Ich dachte nur an Rache. Rache an Jamaros Mördern. Die Malavitas waren einverstanden. Sie wollten die verhaßte russische Konkurrenz vernichten. Wir hielten Kriegsrat. Die Nonna. Jonas. Und Sam.

Sam: Ein Tusch, Herr Kapellmeister! Tatatatui. Meine Daumen und Hirn, es halt geschnackelt, System ist geknackelt, na Oma, wat sachste nu?

Nonna: Ihr Computer ist recht laut, Jonas.

Sam: Wat bin ich?

Jonas: Da sind Sie nicht die erste, die das feststellt. Und sensibel ist Sam, weiß Gott, auch nicht gerade.

Sam: Ja, aber schlau. Und gerissen. Und einmalig clever. Sozusagen genial. Und absolut und total ganz und gar unentbehrlich.

Jonas: Leider, aber wie auch immer, jetzt kommen wir rein. Ins Centro.

Nonna: Sie meinen, Frontalangriff? Durchs Tor und über die Mauer?

Jonas: Was denn sonst?

Nonna: Wir bleiben draußen und lassen die Russen kommen. Wir räuchern die Bande aus. Ihr Sam wird die Schutzkuppel aktivieren.

Sam: Wat werd’ ich?

Jonas: Deaktivieren, wollten Sie sagen.

Nonna: Na, er wird sie aktivieren. Und aufrechterhalten.

Sam: Na, Peanuts. Macht Sammy mit links.

Nonna: Oben in der Kuppel ist ein Loch.

Sam: Yes, für den Ausstoß von CO2. Kohlendioxid. Sehr ungesund. Nur 25 cm Durchmesser.

Nonna: Da wird Gas eingeleitet. Reizgas, Tränengas, Mace. Was die Polizei so hat.

Jonas: Die Polizei?

Nonna: Die brauchen wir natürlich. Aber das ist kein Problem. Wie es der Zufall will, ist Großneffe Salvatore Malavita Chef der Polizei von Palermo.

Sam: Ja ist es denn die Possibility?

Nonna: Wir warten ein paar Stunden. Dann gehen wir rein. Mit Gasmasken. Wir sammeln die hilflosen Russen ein und lassen sie verschwinden. D’accordo?

Sam: Akkordeon?

Jonas: Am frühen Nachmittag lief sie an. Die Operation Rattenjagd. Die Russen saßen auf der Insel. Und fühlten sich sicher. Unter der undurchdringlichen Kuppel. Bis der Polizei-Helikopter kam. Mit einem Schlauch. Und einer gigantischen Gasflasche. Als die leer war, wurde das Loch abgedichtet. Der Helikopter flog zurück nach Palermo. Um die Insel waren Boote postiert. Voll mit Carabinieri. Falls die Russen versuchten, durchs Abwasser zu fliehen. Wie Jonas. Vor dem Haupttor standen wir. Jonas. Und die Mafia: Die Nonna. Basta und Pronto. Nichte Allesandra, und Don Toni im Rollstuhl. Er schlief nicht, ausnahmsweise. Er streichelte seine MP. Und lachte. In freudiger Erwartung. Die Nonna sah auf die Uhr.

Nonna: Zwei Stunden. Das sollte reichen.

Jonas: Denk ich auch. Kuppel deaktivieren, Sam.

Sam: Zu Befehl. Piep. Kuppel ist deaktiviert.

Jonas: Dann sollten wir die Gasmasken, Moment. Was ist das?

Basta: Das Tor! Es geht auf!

Pronto: Und zwei kommen raus.

Jonas: Juri Samarkand, und der schwarze Schamane.

Juri Samarkand: Sie wundern sich, uns gesund und munter vor sich zu sehen, unbeeinträchtigt von ihrem hinterhältigen Gasangriff? Sehen Sie, mein Freund Utschym Schetan war so freundlich, uns beiden mit seinen speziellen Fähigkeiten die giftigen Schwaden vom Leib zu halten. Es war gar nicht leicht, und man sollte annehmen, er sei jetzt schwach und erschöpft. Aber ich kann ihnen versichern, das ist nicht der Fall. Ganz und gar nicht.

Utschym: How.

Nonna: Erschießt die beiden.

Sam: Jessesmaria.

Jonas: Es ging nicht. Die Maschinenpistolen versagten. Alle. Der Schamane hatte Macht über sie. Er trommelte. Juri grinste. Mir fiel was ein. Was Jamaro mir früher mal gesagt hatte. Im Regenwald von Costaguana.

Jonas: Messer! Über Messer hat er keine Macht. Basta! Pronto! Stecht zu!

Basta: Bene.

Pronto: Machen wir.

Jonas: Es stimmte. Der Schwarze hatte keine Macht über Messer. Aber er hatte Macht über Menschen. Basta und Pronto… wollten auf Juri und den Schamanen losgehen, aber sie konnten nicht, sie wendeten sich gegeneinander…

Juri Samarkand: Das kommt davon. Mein Beileid, verehrte Signora Malavita, ihre ohnehin winzigkleine Familie ist nun noch mehr zusammengeschrumpft. Seien Sie froh, wenn wir es dabei bewenden lassen. Leben Sie wohl. Ach, äh, Ihren zugelaufenen Detektiv, den überlassen Sie besser uns. Wir nehmen ihn mit, als Geisel und Schutzschild.

Jonas: Ob ich wollte oder nicht, ich mußte ihnen folgen. Zu meinem Leih-Helikopter auf dem Heliport. Sie fesselten mich. Und banden mich an ein kurzes Seil. Das machten sie am Helikopter fest. Sie stiegen ein. Juri setzte sich ans Steuer. Der Helikopter startete. Flog eine große Kurve über den Golf. Jonas hing unten dran. Drehte sich. Pendelte hin und her. Unter mir sah ich Bewegung. Der Bann des Schamanen war offenbar aufgehoben. Die Nonna beugte sich über ihre toten Urenkel. Don Toni im Rollstuhl sah dem Helikopter nach. Hob seine MP. Zielte kurz. Und drückte ab. Ein Ruck. Der Schuß hatte das Seil durchtrennt. Jonas fiel. Klatschte ins Wasser. Ging unter. Kam hoch. Ging wieder unter. Kam noch mal hoch. Bevor ich ganz ertrunken war, fischten mich die Carabinieri auf. Derweil verschwand der Helikopter mit Juri und dem Schamanen am nördlichen Horizont. Am Abend saßen wir in der Villa Malavita zusammen. Don Toni schlief wieder. Den Schlaf des Gerechten und Zielsicheren. Behütet von Alessandra. Die Nonna und ich, wir hatten nur einen Gedanken.

Nonna: Vendetta.

Jonas: Rache.

Nonna: Für Basta und Pronto.

Jonas: Für Jamaro.

Nonna: Wir werden sie töten, Samarkand und den Schwarzen.

Jonas: Das werden wir, Nonna. Aber dazu müssen wir sie erst haben.

Nonna: Wir werden sie finden.

Jonas: Sicher, bloß wo?

Sam: Hach, da sitzen sie und zermartern ihre mickrigen Gehirne. Menschen! Warum fragt ihr nicht Superhirn Samuel, Computer, extraordinaire?

Jonas: Willst du uns erzählen, du weißt, wo die beiden stecken, Sammy?

Sam: Nun, äh man hätte diesbezüglich, unter Umständen, gewissermaßen, sozusagen, irgendwie so eine Art Idee.

Jonas: Raus damit.

Sam: Leute, tretet rings heran, hört euch die Geschichte an, hört, was bald zu Babylon.

Jonas: Kurz, Sam, bitte, und in Prosa, für deine Gedichte oder was du dafür hältst hab ich im Moment keinen Nerv.

Sam: Banause. 8. April 2016 Eröffnung Themenhotel Metropole in Babylon. Betreiber ist Strohfirma für Kompania, munkelt man.

Nonna: Das ist mir bekannt. Man ist deshalb vor einiger Zeit an unsere Familie herangetreten. Wegen Onkel Als Panzer-Cadillac. Den wollte man gern für das neue Hotel kaufen.

Jonas: Warum denn das?

Sam: Metropole, Dummi. Themenhotel, Weichkeks. Das Thema ist Al Capone. Gangster, Mafia, Chicago, Prohibition, Roaring Twenties. Und wo hatte Omas berühmter Onkel Alphonse sein Hauptquartier? Na? Hotel Metropole, Chicago, Michigan Avenue.

Nonna: Wir haben den Wagen natürlich nicht hergegeben.

Sam: Wenn also die Kompania hinter dem neuen Hotel in Babylon steckt und wenn Gospodin Juri Samarkand sowas wie der Hotelier der Kompania ist, dann, allerwertester Jonas, herzliebste Omama.

Jonas: Dann eröffnen sich uns gewisse Möglichkeiten.

Sam: Na bitte.

Jonas: Eine Woche später. Babylon. Markgrafenboulevard. Das neue Themenhotel Metropole wurde festlich eröffnet. Der übliche Auftrieb. Nur geladene Gäste. Nur sogenannte Prominenz. Die Bürgermeisterin natürlich. Holo-Stars. Der Serienmörder der Woche. Superbosse. Bischöfin und Erzdruide. Angesagte Drogen-Designer. Der Hochadel. Und Jonas. Sam hatte mir eine Einladung besorgt. Wie? Das müssen Sie ihn schon selbst fragen. Computer haben ihre kleinen Geheimnisse. Ich war also da. Wanderte herum. Es gab Echtwhisky. Stilecht aus Teetassen. Cocktails aller Art. Echtchampagner. Das echtmenschliche Personal machte auf Gangster und Charleston-Girls. Echtmusiker spielten Uraltjazz. Nostalgiker Jonas fühlte sich gut. Und vergaß fast, weshalb er gekommen war. Bis er Belinda traf.

Belinda: Jonas, was machst du denn hier?

Sam: Jonas, was machst du denn hier?

Belinda: Oh, der alte Sam.

Jonas: Ich trinke. Echten Scotch. Sowas kann ich mir zuhause nicht leisten. Dein Wohl, Darling Belinda.

Belinda: Du bist eingeladen?

Jonas: Nein. Aber du natürlich. Du bist sogar ein ganz spezieller Ehrengast, nehm ich an.

Belinda: Meinst du? Warum?

Jonas: Weil das Hotel der Kompania gehört. Und du gehörst auch der Kompania.

Belinda: Haha, ich? Wie kommst du denn auf die Idee?

Jonas: Drei Gründe. Erstens. Gleich nachdem ich dich angerufen und dir gesagt hatte, wo ich stecke, haben die Russen den Bungalow der Malavitas angegriffen. Zweitens. Die Kompania hat das Centro Venti Venti unterwandert, hatte ich dir gesagt. Du hast nichts unternommen. Der Gipfel wurde nicht abgesagt. Warum hast du die Warnung nicht weitergegeben?

Belinda: Das muß ich glatt vergessen haben. Und drittens?

Jonas: Es gab gar keinen Auftrag für dich, die Sicherheitsvorkehrungen in Sizilien zu checken. Sam hat sich mal in deinen Daten umgesehen.

Sam: Ja grüß Gott, gnädige Frau, wie geht’s, wie steht’s, wie schauts, kiß die Hand, bussi bussi.

Belinda: Du mich auch, Sam. Kreuzweise.

Sam: Jawohl.

Jonas: Warum hast du mich nach Sizilien geschickt, Belinda?

Belinda: Wegen dieser Indianerin.

Jonas: Jamaro?

Belinda: Wir wußten, daß sie mit dir in Verbindung stand. Telepatisch. Unser Schamane hat ihre Hilferufe abgehört. Wir machten uns Sorgen, du könntest durch Jamaro zuviel erfahren, womöglich überraschend eingreifen und unseren großen Coup stören. Wir wollten dich vorher aus dem Verkehr ziehen. Zu unseren Bedingungen. In aller Gemütsruhe.

Jonas: Darum hast du mich Juri Samarkand auf dem Tablett serviert. Mich ans Messer geliefert.

Belinda: Gott, wenn du es so melodramatisch ausdrücken willst.

Jonas: Der große Coup worum ging’s da eigentlich, Kidnapping der Gipfelteilnehmer.

Belinda: Ah, nicht doch. Das ist Altmafia-Stil. Überholt. Uninteressant. Die Gipfelteilnehmer sollten abgehört werden.

Jonas: Wanzen?

Belinda: Ach was. Jeder Gipfelmensch hätte seine Sicherheitsexperten mitgebracht, und die hätten jede Wanze gefunden.

Jonas: Also mental. Telepatisch. Durch den Schwarzen Schamanen. Und Jamaro sollte auch dazu gezwungen werden.

Belinda: Genau, Jonas. Und da bist du ganz allein draufgekommen? Ohne Sam?

Sam: Oh da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich, doch wie spricht Volkes Stimme, pock, pock, pock, pock, auch ein blindes Huhn trinkt mal einen Korn, hick.

Jonas: Sam, halt die Klappe. Ich verstehe, Belinda. Wenn die Kompania weiß, welche Weichen in den nächsten Jahren gestellt werden, kann sie die richtigen Aktien kaufen, die richtigen Immobilien, in die richtigen Branchen investieren.

Belinda: Und so weiter. Elegant, nicht wahr? Und viel einträglicher als Kidnapping. Komm mit, Jonas. Ich will dir was zeigen.

Sam: Nana.

Jonas: Belinda ging voraus. Zu einem Lift, der nur mit Sonder-Paßscheibe funktionierte. Belinda hatte eine. Wir fuhren nach unten.

Jonas: Aus eurem großen Coup ist ja nun nichts geworden, Belinda.

Belinda: Das verdanken wir dir, Jonas, und diesen sizilianischen Dorftrotteln. Mit denen rechnen wir später ab. Was dich betrifft, Jonas.

Juri Samarkand: Willkommen im Metropole, Jonas. Ich bin der Manager, Juri Samar… was rede ich da, äh das wissen Sie doch. Es scheint mein Schicksal zu sein, Sie immer wieder willkommen heißen zu müssen. Äh, treten Sie nur näher. Meinen Freund Utschym Schetan kennen Sie ja bereits.

Jonas: Sam. Gehirnblockade.

Sam: Wüßte nicht, was es da viel zu blockieren gäbe, Kumpel. Piep. Okay. Blockade steht.

Jonas: Om mani padme hum.

Sam: Om mani padme hum.

Jonas: Samarkand. Ein bewaffneter Bodyguard. Und der Schamane. Sie saßen hinten. An der Wand der großen Halle. Offensichtlich eine Garage. Vor einer anderen Wand standen drei antike LKW. Alte Autoteile lagen herum. Es roch nach Öl und Benzin.

Belinda: Ein historisch getreuer Nachbau der Garage in der North Clark Street, Chicago. Wo das berühmte Massaker am St. Valentinstag stattfand.

Juri Samarkand: 1929, am 14. Februar. Al Capone – Ihnen ist das zweifellos bekannt, Jonas – Capone hat sich damals seiner schärfsten Konkurrenten entledigt.

Jonas: Om mani padme hum, Om mani padme hum.

Sam: Om mani padme-he, Om mani padme-he.

Jonas: Immer wieder sagte ich leise das buddhistische Mantra auf. Vorsichtshalber. Falls Sams Blockade meiner Hirnfrequenzen nicht 100prozentig wirkte. Und der Schamane doch den einen oder anderen meiner Gedanken lesen konnte. Danach sah es allerdings nicht aus. Utschym Schetan wirkte verunsichert. Er schüttelte den Kopf. Rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Schließlich griff er sich die Trommel. Und klopfte ein bißchen darauf herum.

Juri Samarkand: Das wird der Höhepunkt unserer Einweihungsfeierlichkeiten, Jonas. Eine szenische Darstellung des Massakers. Dafür hätten wir gerne Al Capones Original-Automobil benutzt, aber da die Besitzer sich nicht davon trennen wollten, haben wir’s nachbauen lassen. Besetzt wird es von ein paar schauspielerisch begabten Exekutivorganen in unseren Diensten. Wir erhoffen uns eine umwerfende Performance, einen grandiosen Event.

Belinda: Und daran, finde ich, sollten wir Jonas teilhaben lassen.

Juri Samarkand: Jonas teil… ahaha, als Opfer, ausgezeichnete Idee, meine Liebe. Aber nicht bei der eigentlichen Vorführung. Wenn unsere prominenten Gäste hier sein werden, um die Show mitzuerleben. Das könnte zu Problemen führen. Zu unwillkommenen Fragen.

Belinda: Bei der Generalprobe. Jetzt gleich. Da sind wir ganz unter uns. Deshalb habe ich ihn doch hergebracht.

Juri Samarkand: Sehr gut. Boris, gehen Sie raus auf den Hof, wo der Cadillac steht. Bei der Probe sollen unsere Gangster ihre Tommyguns mit scharfer Munition laden. Eigens für Jonas.

Boris: Si Commodore.

Jonas: Bodyguard Boris entschwand nach hinten. Wo eine Rampe nach oben führte. Inzwischen wurde der Schamane immer unruhiger. Er ahnte, daß gleich was schlimmes passieren würde. Jonas wurde an die gegenüberliegende Garagenwand gestellt. Juri grinste. Belinda lächelte. Ich stand da. Om mani padme hum. Eine Minute verging. Eine sehr lange Minute. Dann drückte Juri auf einen Schalter an der Wand. Über der Rampe leuchtete ein grünes Licht auf. Onkel Als Panzer-Cadillac rollte die Rampe herunter. Blieb stehen. Die Türen öffneten sich.

Juri Samarkand: Da! Da steht Jonas! Erschießt ihn!

Jonas: Zwei Gestalten waren aus dem Wagen gestiegen. Zwei Frauen in schwarz. Die Nonna. Und Nichte Alessandra. Ihre Maschinenpistolen richteten sie nicht auf Jonas. Sondern auf Juri. Auf Belinda. Und auf den Schamanen.

Juri Samarkand: Idioten! Nicht hier! Da drüben! nein, ah…

Belinda: Ah, ah…

Jonas: Sie feuerten. Bis die Magazine leer waren. Don Toni im Cadillac ballerte begeistert mit. Juri und Belinda lagen auf dem Betonfußboden. Wie zwei Haufen blutiger Lumpen. Utschym Schetan nicht. Er stand noch. Irritiert. Verwirrt. Aber unverletzt.

Nonna: Der Kerl ist kugelfest!

Jonas: Sowas hatte ich mir gedacht. Und ein Messer eingesteckt. Ich ging durch die Halle. Vorbei am Cadillac. An den Malavitas. Zum Schamanen. Ich sah in seine bösen schwarzen Augen. Ich dachte an Jamaro… Ich ging über die Rampe. Durch den Hof. Im Schatten lagen Leichen in Gangsteranzügen. Männer der Kompania. Die Malavitas hatten sie getötet, um ihre Rollen zu übernehmen. Ich ging weiter. Durch eine Unterführung. Eine dunkle Gasse. Und stand plötzlich auf dem Markgrafenboulevard. Hell. Laut. Bunt. Voller Menschen. Voller Leben.

Jonas: Om mani padme hum. Das war’s, Sammy.

Sam: Jaja, dideldum, gut gelaufen, Chef. Wie geplant und berechnet. Die Bösen sind tot. Wir haben überlebt, jajaha, alles bestens.

Jonas: Happy End, Sammy, hm, trotzdem fühle ich mich mies. Wegen Jamaro? Wegen Belinda? Oder weshalb?

Sam: Ja, das ist der Blues, Alter.

Jonas: Und was tut man dagegen?

Sam: Ja, was tut man dagegen. Pillen. Schnaps. Drugs. Durchdrehen. Schlafen. Den Löffel abgeben. Puhu, huhuhu huhuhuhu huhuhuhu, huhuhuhu…äh

Jonas: Jonas schaltete Sam ab. Und ging nach Hause.

Das war Mafia. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Kornelia Boje, Nils Clausnitzer, Jens Holger Kretschmer, Doris Schade, Mark Oliver Schulze und andere (Irina Wanka, Jürgen Donien, Helmut Gillitzer-Felber). Ton und Technik: Günter Heß und Daniela Röder. Assistenz: Martin Trauner. Regie: Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 2001 in Dolby Surround. Redaktion: Erwin Weigel.

Jonas. Nur Jonas. Und Sam.
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Comeback

Sam: Die Mitternacht zog näher schon, in stummer Ruh lag Babylon.

Jonas: In stummer Ruh, nimm dir ein Beispiel dran, Sammy, und was heißt Mitternacht, es ist fünf nach 8, früher morgen.

Sam: Das war nicht die Zeitansage, du Banane, äh Banause, das war Pöesie, Poesie, Dichtkunst, du verstehen.

Jonas: Sam, mein Computer. Ein Sondermodell. Besonders verbal. Extrem verbal. Er kann seine Klappe nicht halten. Auch wenn er keine hat. Er nervt. Andererseits, was wäre mein Leben ohne Sam. Entspannter. Ruhiger. Und viel viel uninteressanter. Wer will das schon?

Sam: Belsatzar von Heinrich Heine. Ein unsterbliches Meisterwerk. Jehova, dir künd ich auf ewig Hohn, ich bin der König von Babylon.

Jonas: Schluß mit dem Knattergemine, geh ans Fon.

Sam: Oh, da bemüht sich ein kleiner Computer um ein winziges Quäntchen Bildung für seinen total unterbelichteten Herrn und Meister, und was ist der Dank, Knattergemine sagt er.

Jonas: Sam, geh ans Fon.

Sam: Ja, man hört und gehorcht, o Beherrscher der Gläubigen.

Jonas: Wer ist dran.

Sam: Stadtverwaltung Babylon, Amt für freie Berufe.

Jonas: So? Stell durch. Akustik, kein Bildfon.

Sam: Jawohl, kein Bildfon.

Computerstimme: Einen wunderschönen guten Morgen, Herr Jonas. Sie werden hiermit nachdrücklich aufgefordert, zwecks Erneuerung Ihrer Lizenz als privater Detektiv, persönlich im Amt für freie Berufe, Babylon Mitte-Ost, Piazza Sewastopol, vorstellig zu werden, und zwar unverzüglich, widrigenfalls Ihnen die Lizenz entzogen wird, was wiederum Ihre soziale Rückstufung ins Prekariat erforderlich macht, mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Das Amt für freie Berufe wünscht Ihnen noch einen angenehmen Tag, Herr Jonas.

Jonas: Normalerweise springt Jonas nicht, wenn irgendein Amtsschimmel wiehert. Aber hier ging’s um alles. Um den Job, den Sozialstatus, die Existenz. Also sprang ich. Unverzüglich. Die wichtigen Behörden in Babylon liegen um den Ernst-August-Platz. Hier ragt das Rathaus in den Himmel, die Sicherheitsverwaltung, das Wirtschaftsministerium. Das Amt für freie Berufe ist total unwichtig. Noch unwichtiger als die Prekariatsverwaltung, mit der sich das Amt eine frühere Kirche teilt. Die Prekariatsverwaltung macht sich im Kirchenschiff breit. Die freien Berufe haben sie in den Turm gequetscht. Unten die Ärzte, Mensch, Tier und Zahn, darüber die Rechtsanwälte, dann die Künstler, ganz oben sonstige. Fahrstuhl Fehlanzeige.

Jonas: Hi.

Bürokrat: Können Sie lesen. Eintritt nur nach Aufruf, steht an der Tür. Sind Sie aufgerufen?

Jonas: Genaugenommen bin ich angerufen. Von Ihnen. Sie wollen was von mir.

Bürokrat: So. Name?

Jonas: Jonas.

Bürokrat: Vor- oder Nach?

Jonas: Beides.

Bürokrat: Also Jonas Jonas.

Jonas: Nein. Nur Jonas. Sie gestatten, daß ich Platz nehme.

Bürokrat: Wenn Sie einen Stuhl finden. Bürgernummer?

Jonas: Ich setzte mich auf den Schreibtisch. Und verriet ihm meine Bürgernummer. Der Typ war grau. Von den Haaren über Gesicht und Anzug bis zu den Schuhen. Staubgrau. Er hockte in seinem grauen Sessel wie angewachsen. Auch das Büro war grau. Graue Aktenregale, graue Akten. Echtes Papier. Grauer Schreibtisch. Darauf ein grauer Laptop. Asbach Uralt. Zwanzig Jahre mindestens.

Bürokrat: Beruf?

Jonas: Detektiv. Privat.

Bürokrat: Ah richtig. Der letzte. Außer Ihnen steht keiner mehr in meinen Akten. Und was machen Sie so als Detektiv?

Jonas: Ich detektiviere.

Bürokrat: Aha. Nicht sehr erfolgreich, wie es aussieht. Im laufenden Jahr 2016 haben Sie keinen einzigen Euro verdient. Und heute ist schon der 30. Dezember.

Jonas: Es war ein schwieriges Jahr, ereignisreich. Fall Wildwest. Fall Mafia. Beide kompliziert, gefährlich sowieso. Allerdings nicht gerade einträglich. Was kann Jonas dafür, wenn man ihn kidnappt, oder wenn seine Auftraggeberin ihn umbringen will. Aber darüber wollte ich mit dem grauen Sesselfurzer nicht diskutieren. Ich wollte ihn den Kopf voran in seinen grauen Papierkopf stopfen. Das verkniff ich mir. Ich tat nichts, ich sagte nichts.

Bürokrat: Unter diesen Umständen, Herr Jonas, ist es mir nicht möglich, Ihre Lizenz zu erneuern, das heißt, Sie verlieren Ihren Sozialstatus, der war bisher, lassen Sie mal sehen, war unterer Mittelstand, Volksrente plus Eigeneinkommen zwischen 5 und 10000 Euro. Sie steigen ab ins Prekariat, nur Volksrente, und das heißt, Sie werden demnächst Babylon verlassen und in die Prekariats-Heimstatt Nummer Eins umgesiedelt.

Jonas: Kurz PH 1, draußen in der Wildnis. Ein paar hundert Kilometer südlich von Babylon. Volkstümlich Prollhalde, oder Donut. Wegen der Form. Ein riesiger Ring um einen Innenhof, 300 Stockwerke hoch, in jedem Stock 3000 Bewohner. Macht nach Adam Riese 900.000. Das reichte natürlich nicht. PH 2 und 3 waren schon im Bau. In Babylon gab es immer mehr. Prekariatsangehörige. Prolls. Volksrentner. Ohne Arbeit. Ohne Zusatzeinkommen. Die anderen fühlen sich gestört. Der obere Mittelstand. Die Reichen und Superreichen. Babylon ging das Problem offensiv an. Seit einem Jahr wurde die Stadt gesäubert. Unter dem Motto: Macht Babylon sicherer, sauberer, schöner. Prolls mußten raus. In die Wildnis. In die neuen Prollhalden. Da waren sie unter sich und störten nicht mehr. So weit so schlecht. Jonas wollte in Babylon bleiben.

Bürokrat: Das können Sie, Herr Jonas, dazu müssen Sie allerdings noch in diesem Jahr ein gewisses Einkommen erzielen.

Jonas: Ich soll in zwei Tagen ein lukrativen Fall an Land ziehen. Wie stellen Sie sich das vor?

Bürokrat: Das ist doch nicht meine Aufgabe, Herr Jonas. Auf Wiedersehen.

Jonas: Jonas hatte den Kopf voll und ganz andere Sorgen. Trotzdem fiel mir die Frau auf, die am Fuß der Treppe stand. Sie war nicht grau, sie war bunt: rote Haare, rote Schuhe, gelber Businessanzug, grünes Hemd. Sie sah gut aus. Außerdem sah sie mich an und hielt mich am Ärmel fest.

Carmen: Sie haben ein Problem, Herr Jonas.

Jonas: Eins?

Carmen: Ich glaube, ich kann Ihnen helfen. Prekariatsoberrätin Sakalauskas.

Jonas: So sehen Sie nicht aus.

Carmen: Ich möchte Ihnen ein Vorschlag machen. Kommen Sie mit.

Jonas: Sie führte mich nicht in ihr Büro. Sie führte mich zu einem der alten Beichtstühle an der Wand. Holzimitat, verblaßt und verzogen, innen hing noch immer ein Hauch von Weihrauch und Sündenschweiß. Jonas war nicht nach beichten, obwohl er ausgesprochen sündige Gedanken hatte, als die attraktive Beichtmutter ihm im engen Kabuff sehr nahe kam.

Carmen: Hier sind wir ungestört. Hören Sie zu. Wie ich von meinem Kollegen im Turm erfahre, brauchen Sie einen Fall? Und wir brauchen einen Detektiv.

Jonas: Wir?

Carmen: Die Prekariatsverwaltung. Wir haben ein Problem mit PH 1.

Jonas: Ach was. Sie auch?

Carmen: Der Leiter der Heimstatt, mein Kollege Prekariatsrat Arnold ist anscheinend verschwunden. Vor drei Tagen war die elektronische Verbindung von PH 1 zu uns unterbrochen: Video, Fon, Email, nichts ging mehr. Und als etwa 4 Stunden später die Verbindung stand, sahen wir auf unseren Monitoren nur Flure und leere Wohnkapseln. Kein Zentralbüro. Kein Arnold. Unsere Anrufe nimmt keiner an, unsere Emails werden nicht beantwortet. Wir sind besorgt. Irgendwas geht in PH 1 vor. Und wir wissen nicht was.

Jonas: Warum wenden Sie sich nicht an die Sicherheitsverwaltung?

Carmen: Zwecklos. Außerhalb der Stadtgrenzen hat die babylonische Polizei keinerlei Befugnis. Die Wildnis gehört zum Aufgabenbereich der Grenztruppe, aber die hat in letzter Zeit so viel um die Ohren, nach dem letzten großen Mauerdurchbruch am Weihnachtstag müssen die Grenzer noch immer illegale Drittweltler jagen. Außerdem wären sie für unser Problem wohl kaum geeignet. Das ist eine andere Sache.

Jonas: Wie wär’s mit dem Geheimdienst?

Carmen: An den haben wir uns natürlich gewendet, aber da kriegten wir eine glatte Abfuhr. Prolls gehen uns nichts an, wurde uns gesagt. Da müßt ihr euch schon selbst drum kümmern. Und weil wir in der Prekariatsverwaltung keine Exekutivabteilung

Jonas: Schicken Sie Jonas. Den letzten Detektiv. Sie wissen, was ich koste. 200 Euro pro Tag und Spesen.

Carmen: Unmöglich, Herr Jonas, die Prekariatsverwaltung hat kein Geld, und auch kein Konto für Sonderausgaben. Passen Sie auf: Spesen brauchen Sie nicht. Der Transport ist frei. Sie werden in PH 1 untergebracht und verköstigt. Und als Honorar kriegen Sie Bonuspunkte.

Jonas: Was heißt das?

Carmen: Wenn Sie den Auftrag für uns übernehmen und erfolgreich durchführen, werde ich meinem Kollegen im Amt für freie Berufe Anweisung geben, Ihnen eine Lizenz für 2017 auszustellen, im Zuge der Amtshilfe. Einverstanden?

Jonas: Einverstanden, sagte ich. Nicht mit Begeisterung, aber was blieb mir übrig. Besser eine Stippvisite in PH 1 mit Rückkehrgarantie als demnächst für immer dorthin.

Carmen: Herr Jonas ich freue mich.

Jonas: Nur Jonas reicht. Und wie heißen Sie? Oder muß ich weiterhin Frau Prekariatsoberrätin Sakalauskas sagen?

Carmen: Carmen.

Jonas: Das klingt doch viel hübscher als Sakalauskas, und paßt besser zu Ihnen. Also, Carmen. Wie geht’s jetzt weiter.

Carmen: In der nächsten Stunde schicke ich Ihrem Computer zu, was Sie brauchen werden. Die Pläne von PH 1, Organisationsstruktur, etc. etc. Und natürlich Ihr offizielles Überstellungsdokument. Das zeigen Sie in unserem Busbahnhof vor. Sie wissen wo.

Jonas: Die frühere REUBA-Truckstation am südlichen Stadtrand. Kenn ich.

Carmen: Gut. Heute Nacht um 11 fährt der Prekariatsbus nach PH 1 ab. Seien Sie pünktlich.

Jonas: Heute noch. So eilig haben Sie’s?

Carmen: Je eher Sie fahren, Jonas, desto eher sind Sie zurück. Sie werden mir persönlich Bericht erstatten. Ich freue mich darauf. Viel Glück, Jonas.

Jonas: Als ich nach Hause kam, hockte Sam auf dem Tisch und schmollte. Weil ich ihn nicht mitgenommen hatte, und weil ihm der neue Auftrag überhaupt nicht gefiel.

Sam: Scheiß Spiel euer Ehren, raus in die Wildnis zu den igitt, Prolls. Und was kommt raus? Nichts. Null Komma Garnichts. Kein müder Euro, kein blasser Cent.

Jonas: Bonuspunkte, Sammy. Damit Jonas in Babylon bleiben kann und weiter arbeiten. Hör auf zu nöseln. Hast du das Material von der Prekariatsverwaltung?

Sam: Hab ich.

Jonas: Druck das Überstellungsdokument aus, und dann hilf mir bei den Vorbereitungen. Was zieh ich an?

Sam: Na was schon, gnä Frau? Prolluniform. Jogginganzug, aus billigem Plastik, und ein hoffnungsloser Ausdruck in den Augen.

Jonas: OK, Anzug wird geordert, Ausdruck wird geübt. Was brauch ich noch?

Sam: Sam natürlich. Indem daß mein Jonas ohne den selben nichts weiter ist denn ein tönend Erz bzw. eine klingende Schelle.

Jonas: Wie dem auch sein, wie du bist, als Handgerät kann ich dich jedenfalls nicht mitnehmen.

Sam: Hm?

Jonas: Das würde bei den Prolls auffallen, geklaut würde es auch. Sammy, du wirst verkleinert.

Sam: Oh nein, nicht wieder als Zahn in meines Jonas Mund, o noway.

Jonas: Daccord, daccord, ich habe heute noch Kopfschmerzen, wenn ich dran denke, Fall Strafkolonie vor dreieinhalb Jahren, ich laß dich auf Kugelschreibergröße schrumpfen.

Sam: Ein so gigantisch Hirn in einem winzigen Stift, muß dies denn wirklich sein?

Jonas: Es muß, Sam. Was brauchen wir aus der Hausapotheke?

Sam: Ein Röhrchen Exsalt wäre dringlich zu empfehlen. Als Gegenmittel. Bekanntlich wird in PH 1 Speis und Trank so allerlei zugesetzt. Lithium zur Ruhestellung, Steril zur Erschwerung der Fortpflanzung.

Jonas: Also Exalt. Eine Waffe. Ist mein Laser aufgeladen?

Sam: Ja, warum nicht gleich ne Feldhaubitze, Herr General. Einfuhr von Feuerwaffen in PH 1 strengstens verboten, aber auch aller aller allerstrengstens.

Jonas: Ohne seinen Laser und seine alte Smith & Wesson Detective Special fühlte Jonas sich nackt. Aber ein paar Tage würde es gehen. PH 1 war kein sehr gefährliches Pflaster, nicht wie das Niemandsland oder das Reservat. Dachte ich. Und lag voll daneben. Der überfüllte Prollbus rumpelte durch die nächtliche Wildnis, über eine Piste voller Steine und Schlaglöcher. Der Innenraum war dunkel, die Passagiere hockten stumm auf den harten Bänken, sahen aus dem Fenster, starrten vor sich hin. Die meisten schliefen, auch die Kinder, die zu Beginn der Fahrt noch kreischend herumgerannt waren. Jonas machte die Augen zu. Er wußte, wie es draußen aussah: totes Land in toten Farben, vergiftet und zerstört, für immer. Jonas schlief. Früh am Morgen waren wir da. Der Bus hielt neben einer grauroten leicht abgerundeten Betonwand, die bis in die Wolken ragte. Willkommen in PH 1. Wir trotteten durch das einzige Tor in der Wand, dahinter ein breiter Gang mit vielen offenen Türen. Jonas ließ sich durch eine der Türen treiben, in einen Empfangsraum. Dem Typ hinter dem Schreibtisch zeigte er sein Überstellungsdokument.

Stadtguerillero: Alles klar, Genosse, hier sind deine Gutscheine, die kannst du in den PH-Läden im ersten Untergeschoß einlösen. Oder in den Kneipen, gleich daneben. So, und jetzt kriegst du noch deinen Wohnchip. Single?

Jonas: Soweit ich weiß.

Stadtguerillero: Kleinkapsel 295-719. Der nächste.

Jonas: Wo ist das, wie komm ich dahin?

Stadtguerillero: 295. Stock. Ganz oben.

Jonas: Soll mir recht sein. Wo ist der Fahrstuhl?

Stadtguerillero: Fahrstuhl? Kaputt.

Jonas: Dann hätt ich lieber ne Wohnkapsel weiter unten.

Stadtguerillero: Haha, und ein paar Kulis zum Hochtragen, was? Mein Gott, Genosse, du bist doch noch knackig. Treppensteigen ist gesund, und denk doch mal an die tolle Aussicht. Der nächste.

Jonas: Der Typ vom Empfang sah nicht nach öffentlichem Dienst aus, eher irgendwie militärisch. Outfit in Tarnfarben, Stirnband, Zottelbart a la Fidel, und eine gutgeölte Kalaschnikow in der Armbeuge. Ein Söldner? Ein durchgeknallter Bürokrat. Darüber dachte ich nach, als ich nach oben stieg. Ich hatte viel Zeit, gut 4 Stunden. Ein guttrainierter Treppenläufer wäre schneller gewesen. Jonas war in Form. So einigermaßen, aber kein Treppenläufer. Eine halbe Stunde kam noch drauf, ausruhen und Finden der Wohnkapsel. Mit meinem Chip öffnete ich die Metalltür, und wunderte mich. Die Kapsel war besetzt.

Mann: Hi, Kumpel, da bist du ja endlich. Hast dir mächtig Zeit gelassen. Na, besser spät als nie.

Jonas: Das ist doch Kapsel 295-719.

Mann: Aber haargenau, Kumpel. Und?

Jonas: Das ist meine Kapsel, Kumpel. Raus.

Mann: Deine Kapsel, Kumpel? Hähähä, klar ist das deine Kapsel, aber weißt du was, du brauchst keine Kapsel mehr.

Jonas: Ach ja, verschwinde, Kumpel. Aber ganz schnell.

Mann: Immer mit der Ruhe, Kumpel. Erst muß ich meinen Job erledigen.

Sam: Dann schmeiß ich dich raus.

Mann: Glaubst du, du schaffst das?

Sam: Ja haha.

Jonas: Noch so ein Durchgeknallter. Kein typischer Proll. Er trug einen Overall aus silbergrauer Ballonseide. Auf der Brust ein Logo: zweimal der Buchstabe C in schwarz. Was sollte das heißen?

Mann: Möchtest du wissen, Kumpel, was?

Sam: Alarm. Tatü Tata. Feind greift an.

Jonas: Wo Sammy?

Sam: Na wo, hinter dir, du Traumtänzer. Ein hinterlistiger Hinterlist äh Hinterhalt, dreh dich um.

Jonas: Durch den Flur kam der Zwilling des Typs in der Kapsel. Silberner Overall, CC auf der Brust, in der rechten ein Laserstrahler. Das machte mir Sorgen. Noch mehr Sorgen machte mir der Typ in der Kapsel. Weil er auch einen Laser zog. Jonas mußte was unternehmen, dringend. Ich machte einen großen Schritt in die Kapsel und zog die Tür hinter mir zu. Gleichzeitig ein schulmäßiger Thai-Kick gegen die rechte Hand des Besetzers, sein Laser flog durch die Luft, und verschwand hinter der Pritsche. Sein Besitzer tauchte ab und krabbelte. Ich nahm den Stuhl und zerlegte ihn auf seinem Kopf. Er legte sich zur Ruhe, gut so. Ich griff mir den Laser und verriegelte die Tür. Gerade noch rechtzeitig. Typ Nr. 2 war da und trat gegen die Füllung.

Sam: Hier ist unseres Bleibens nicht länger, o Gefährte meiner Jugend.

Jonas: Du hast ja so Recht, Sammy. Hier drin ist es eng, die Luft ist schlecht und der will mich killen.

Sam: Nicht lange mehr, und es wird ihm einfallen, daß er im Besitz eines Laserstrahlers ist, und dann wird er beginnen die Tür zu demolieren, will sagen, mein Meister hat nur noch ganz einige wenige, einige ganz wenige, egal, Minuten sich vom Acker zu machen.

Jonas: Wohin Sam, und wie? Durch die Wand geht’s nicht raus.

Sam: Fenster.

Jonas: Nicht zu öffnen. Und die Scheibe stabil, bruchsicher.

Sam: Mit Hand, Fuß oder Stuhl ist das Glas nicht knackbar, euer Merkwürden, mit einem Laser jedoch, denn siehe, auch wir haben einen solchen.

Jonas: Gute Idee. Ich laserte ein Loch in die Scheibe, gerade groß genug für einen schlanken Jonas. Der kroch durch und wartete draußen, beide Füße auf einem schmalen Sims, linke Hand am Fensterrahmen, rechte mit dem Laser in Augenhöhe. Durch die kaputte Tür stolperte der zweite Typ. Ehe er die Lage peilen konnte, drückte ich ab. Er fiel auf seinen Zwilling und blieb liegen.

Sam: Sagen Sie mal, Herr Oberförster, ist das nicht eine wunderbare Aussicht, atemberaubend geradezu, ah, die Wildnis, eine Symphonie in rot und grau und gelb und schwarz, auch nicht das kleinste bißchen Grün stört den erhabenen Gleichklang. Unser heißgeliebtes Babypsilon als Schmuddelfleck am Nordhorizont. Rechts die Superkräne über den Baustellen von PH 2 und PH 3, ist es nicht bonfotionös, o daß unsereiner malen könnte.

Jonas: Genau was ich jetzt brauche Sam. Ich hänge draußen an PH 1 in einer Höhe von 600 Meter, mindestens, der Wind pfeift, und du sülzt mir die Ohren voll mit der schönen Aussicht, die kannst du dir sonst wo hin stecken.

Sam: Arschgeige, Banause, Dumpfbacke, Unästhet.

Jonas: Ich will hier weg, ich will rein, ich bin keine Fliege.

Sam: Bleib auf dem Sims, Chef, jetzt langsam nach rechts, ganz langsam, ganz ruhig, nicht nach unten sehen, o Gott mir wird schlecht.

Jonas: Jonas krabbelte seitwärts, immer an der Wand lang, extrem vorsichtig, die Füße rutschten zentimeterweise über den Sims, die Hände krallten sich in die Wand. Hinter den Fenstern, die ich passierte massenhaft Prolls, stumpfsinnige Glotzer, neugierige Nasenquetscher, wie im Aquarium, dann war ich da, wo ich hinwollte, am Regenrohr.

Sam: Up, up and away, oder wie die alten Römer sagten, excelsior, steig, mein Jonas, steig, steig hoch, 296. Stock, 297. 298. 299. 300.

Jonas: Und da verließen sie uns. Oder wie die alten Römer sagen: Nonplusultra. Das heißt Sense, Ende der Fahnenstange.

Jonas: Ich wollte aufs Flachdach, aber das ging nicht, es sprang zu weit vor, ein professioneller Akrobat hätte es geschafft, vielleicht. Jonas war bestenfalls Amateur. Was jetzt. Ausruhen wäre schön gewesen. Ging aber auch nicht. Der Typ im silbernen Overall war zu sich gekommen und steckte seinen unschönen Kopf aus meinem Fenster, fünf Stockwerke tiefer. Ich hielt mich mit den Pobacken fest und mit einer Hand, mit der anderen zog ich meinen Laser aus dem Gürtel, und schoß. Ich traf nicht, aber der Typ verschwand, soweit OK, richtig weiter half mir das aber auch nicht. Plötzlich baumelte was vor meinem Gesicht. Ein Seil, von oben, vom Dach.

Mira: Halt dich fest, wir ziehen dir rauf.

Sam: Halleluja. Wenn die Not am Größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Nicht wahr Monsignore. Schnapp dir das Seil, oder willst du hier überwintern?

Jonas: Lieber nicht. Ich griff zu, erst mit der einen, dann mit der zweiten und wurde aufs Dach gezogen, über den Vorsprung, das war schwierig, weh tat es auch, wegen der Abschürfungen, aber schließlich stand Jonas oben, und sah, wer ihn gerettet hatte: ein blonder Hüne, er hatte sich das Seil um die rechte Schulter gewickelt, den linken Arm hielt er unter einem bunten Tragetuch, das er sich um den Hals geknotet hatte, und in dem Tuch, ein Kind, ein Mädchen, nein eine junge Frau, schwarzhaarig, sie trug eine Brille und ein rotes Tanktop. Mehr brauchte sie nicht, sie hatte weder Arme noch Beine. Ein Torso.

Mira: Willkommen auf dem Dach, Fremder.

Jonas: Danke.

Mira: Gut, daß wir dich gesehen haben. Ist es hier oben nicht schön, so ruhig. Die anderen kommen nicht rauf, weil sie Angst vor Hautkrebs haben. Wir haben vor nichts Angst, weil wir schon alles mitgemacht haben. Ich bin Mira, Miss Landmine Kosovo 2015, mein Freund und Helfer heißt Rußlan, Mister HIV russische Föderation 2014. Aber inzwischen geht’s ihm viel besser, nicht Rußlan?

Jonas: Ein seltsames Paar, aber nicht unsympathisch. Schon weil sie Jonas hochgezogen hatten. Sie redete, er schwieg, und überließ ihr alles, offenbar auch das Denken. Wie war Jonas an die Außenwand unterm Dach geraten? Wollte Mira wissen. Zwei Killer sind hinter mir her, sagte ich, in silbernen Overalls mit einem schwarzen Doppel-C auf der Brust.

Mira: Killer? Bei uns in PH 1. Unerhört, dagegen muß was unternommen werden. Rußlan, wir fahren gleich runter ins Zentralbüro und melden die Sache. Du kommst mit, Fremder.

Jonas: Jonas, so heiße ich. Nur Jonas. Sag mal, Mira, ist das Zentralbüro nicht ganz unten, im Erdgeschoß?

Mira: Genau. Zum Fahrstuhl, Rußlan.

Jonas: Der ist doch kaputt.

Mira: Ach was, das erzählen sie den Neuankömmlingen. Die Fahrstühle sind nicht für jeden, nur für besondere Bewohner. Wir haben ein Chip, Rußlan und ich.

Jonas: Da kommt einer der Killer!

Jonas: Er war aus einer Tür aufgetaucht, etwa 100 m entfernt, ein alter Bekannter, silbergrau und schwarz, ich hob den Laser, aber ehe ich abdrücken konnte, schlug Rußlan mir den Arm hoch.

Mira: Nicht gleich schießen, Jonas, wir machen das hier anders. Bring mich zu ihm rüber, Rußlan. Jonas, du wartest hier.

Jona: Jonas sah aus der Ferne zu, wie Mira mit dem Silberoverall redete. Der hörte zu, zuckte die Achseln, drehte sich um und verschwand durch die Tür. Sehr merkwürdig. Ansonsten lief es gut, für Jonas und seinen Auftrag. Wir waren im Fahrstuhl unterwegs zum Zentralbüro. Wo der PH-Chef residierte. Prekariatsrat Arnold. Oder doch nicht?

Mira: Arnold gibt’s nicht mehr, Jonas, wir haben ihn vor vier Tagen abgeschafft.

Jonas: Abgeschafft. Was heißt das?

Mira: Revolution, heißt das, Genosse Jonas, Aufstand der Unterdrückten und Entrechteten. Es lebe die Revolution. Es lebe die Stadtguerilla.

Jonas: Sieh an, die Stadtguerilla steckt also dahinter.

Mira: Jawohl, wir haben die Führung der ausgebeuteten Massen übernommen. Unsere Erfahrung eingebracht, unseren revolutionären Elan. Weißt du, Jonas, du hast ja keine Ahnung, wie es in PH 1 zuging. Arnold hat regiert wie ein König. Wie ein Diktator. Mit seinen Guerillas hat er alle terrorisiert, von jedem Gutschein nahm er Prozente, jedes Privileg, Urlaubsscheine für Babylon, Fahrstuhlbenutzung ließ er sich bezahlen. Keine hübsche Frau war vor ihm sicher. Wer nicht tat, was Arnold wollte, dem ging’s schlecht.

Jonas: Und Arnolds vorgesetzte Dienststelle? Die Prekariatsverwaltung in Babylon.

Mira: Hatte keine Ahnung, oder interessierte sich nicht für das, was in PH 1 los war. Wie auch immer, jetzt hat die Stadtguerilla die Macht übernommen. Seit Monaten haben wir unsere Leute eingeschleust. Wir haben Schlüsselpositionen besetzt.

Jonas: Der Typ am Empfang, mit der Kalaschnikow.

Mira: Einer von uns. Eine neue Zeit bricht an für PH 1, Genosse Jonas, eine bessere Zeit.

Jonas: Schön wär’s. Was ist mit Arnold passiert?

Mira: Revolutionäre Gerechtigkeit. Es war nicht leicht, ihn in unsere Gewalt zu bekommen, er war umgeben von Leibwächtern, und in der Monitorwand im Zentralbüro konnte er praktisch in jeden Winkel von PH 1 kucken. Aber er machte den Fehler, sich eine von uns ins Bett zu holen, und da kriegte er eine andere Art Nahkampf, als er sich vorgestellt hatte, wir haben ihn und seine Leute vor ein revolutionäres Tribunal gestellt und abgeurteilt. Sie wurden aufs Dach gebracht, und mußten durch ein Spalier wütender Prolls Spießrutenlaufen. Alle wollten mal zuschlagen oder zustechen. Hast du oben nicht die Blutlachen gesehen? Ja und dann haben wir sie vom Dach geworfen. 300 Etagen. Bis er unten ankommt, hat der Mensch viel Zeit in sich zu gehen.

Jonas: Das Zentralbüro von PH 1 war so groß wie ein Fußballfeld. Hallenfußball. Kein Fenster, eine Längswand bestand nur aus Monitoren, davor ein Stadtguerillero am Schaltpult, schräg im Raum ein riesiger Schreibtisch. Sah aus wie Echtholz, und im Sessel dahinter eine Frau, die ich kannte.

Jonas: Karla?

Karla: Jonas, so sieht man sich wieder.

Jonas: Du bist also immer noch Chefin der Stadtguerilla.

Karla: Generalsekretärin des Politbüros, ja.

Jonas: Ich dachte, du hättest dich in Südamerika zur Ruhe gesetzt, mit der Tasche voller Diamanten, die du mir auf dem Traumschiff geklaut hast in der Karibik, vor über einen Jahr.

Karla: Ja, die Diamanten, 100 Millionen Euro, alle ausgegeben für die Weltrevolution.

Jonas: Hast du noch immer nicht genug vom Revolutionsgeschäft, Karla?

Karla: Das ist kein Geschäft, Jonas, das ist eine Aufgabe, eine Lebensaufgabe.

Jonas: Wenn du meinst.

Karla: PH 1 ist nur eine Zwischenstation. Morgen ist Babylon dran.

Jonas: Und dann die ganze Welt.

Karla: Du warst schon immer ein Skeptiker, Jonas, einer der am Rand steht und Witze macht. Wir haben was vor, sehr bald, ein ganz großes Ding, und dann wird man sehen, die Stadtguerilla lebt noch und wie.

Mira: Es lebe die Revolution.

Sam: So eine Scheiße.

Karla: Mira, ist meine beste Helferin, ein tolles Organisationstalent und clever. Kommen wir zu dir, Jonas, was suchst du in PH 1, ha, wer schickt dich?

Jonas: Niemand, sagte Jonas, ich wohne hier, Babylon hat mich rausgeschmissen, als Proll, reiner Volksrentner, ohne zusätzliches Einkommen.

Karla: Hahaha, armes Schwein. Bringt dein Detektivgeschäft nichts mehr ein?

Jonas: Nicht genug.

Karla: Du bist zu anständig, Jonas, das war schon immer dein Fehler. Hmh, was sollen wir jetzt mit dir machen. Mira und Rußlan, durchsucht ihn.

Mira: Ein Laser, Gutscheine, Chip für Wohnkapsel, billiger Kugelschreiber, Kleinpackung Exsalt, ein paar Centmünzen.

Karla: Kein Kleincomputer?

Mira: Nein.

Karla: Was hast du mit Sam gemacht, Jonas?

Jonas: Verschrottet. Er wurde immer unzuverlässiger, machte nur noch Fehler.

Karla: Er ruhe in Frieden. Irgendwie mochte ich die kleine Nervensäge.

Sam: Siehste.

Mira: Wir sollten Jonas liquidieren, Karla.

Jonas: Charmant.

Karla: Ich weiß nicht.

Mira: Eine Vorsichtsmaßnahme, damit er unser Projekt nicht stört.

Karla: Nein, wir werden dich einsperren Jonas, nur ein paar Stunden, bis unser Ding gelaufen ist.

Jonas: Die Gefängniszellen lagen ganz unten, im 3. Untergeschoß, neben den Versorgungsanlagen, den Generatoren, der Abwasseraufbereitung, der Ventilation usw. Das Loch, in das sie Jonas steckten, war winzig, meine Wohnkapsel war dagegen eine Villa. Ein Eimer, eine harte Pritsche für einen Zwerg. Das war’s. Ich hatte nicht vor zu bleiben, nicht mal ein paar Stunden. Es wurde Zeit, den Kugelschreiber ins Spiel zu bringen. Der war sauer.

Sam: Unzuverlässig hat er gesagt, mein einer und einziger Jonas. O welche Schmach.

Jonas: Mein Gott Sam, ich hab gelogen, damit Karla nicht nach dir suchen läßt. Los, an die Arbeit, was läuft hier?

Sam: Unzureichende Daten Hochwürden.

Jonas: Was für ein Ding haben Karla und die Stadtguerilla vor?

Sam: Unzureichende Daten.

Jonas: Dann müssen wir sie uns besorgen, die Daten, das heißt wir brechen aus. Frage wie. Fenster gibt’s nicht, Tür geht nicht, kein Laser mehr. Aha. Oben an der Decke, ein Gitter. Was ist das Sam? Du hast doch den Bauplan von PH 1 intus? Was ist das für ein Gitter?

Sam: Belüftungssystem, euer Heiligkeit.

Jonas: Na bitte. Jonas stieg auf den umgedrehten Eimer, drehte zwei Schrauben raus, mit einer 10-Centmünze, nahm das Gitter ab. Schlangenmensch Jonas paßte gerade so durch. Dann schlängelte ich mich durch einen Querstollen, bis zu einem vertikalen Schacht, den turnte ich hoch, ins 2. Untergeschoß, wo ich Stimmen hörte. Jonas ist Detektiv, das heißt neugierig, von Berufs wegen. Ich robbte in die Richtung und landete über einem großen Schlafsaal. Viele Feldbetten, belegt mit dunkelhäutigen Frauen und Männern, alle apathisch, offenbar chemisch ruhig gestellt. Sie starrten stumpf vor sich hin, wie Zombies. An der Tür stand Karla. Sie sprach mit einem Mann, hochgewachsen, bärtig, dunkelhäutig, aber nicht apathisch.

Karla: Sag ihnen, sie sollen sich bereit machen, in einer Stunden werden sie abgeholt und zum Bus gebracht. Hier sind die Urlaubsscheine. Damit kommen sie ganz offiziell nach Babylon. Am Busbahnhof wird die Stadtguerilla sie übernehmen und auf die festgelegten Ziele verteilen. Alles klar?

Jonas: Karla ging. Zwei Stadtguerillas warteten vor der Tür und begleiteten sie durch den Flur. Jonas folgte, oben, im Belüftungsstollen, ein paar Meter zurück, und daher sah er sie vor Karla und ihren Leuten, zwei Typen in silbergrauen Overalls, Doppel-C auf der Brust, Sie tauchten plötzlich aus einem Seitengang auf und erschossen Karlas Leibwächter. Dann nahmen sie Karla ins Visier. Das konnte Jonas nicht zulassen. Durch das Gitter unter sich brüllte er:

Jonas: Hände hoch!

Jonas: Die Typen zuckten zusammen, drehten sich um, eine Sekunde, genug für Karla. Ihr Laser zischte zweimal, die Typen fielen um und blieben liegen. Jonas hatte indessen seine 10 Cent aktiviert und das Gitter abgeschraubt, dann ließ er sich in den Flur fallen.

Karla: Jonas, wie kommst du hierher?

Jonas: Ach weißt du Karla, in kleinen Löchern krieg ich Platzangst. Danke.

Karla: Danke?

Jonas: Danke Jonas, du hast mir das Leben gerettet. Hättest du sagen sollen. Was sind das für Kerle, die Silbergrauen?

Karla: Keine Ahnung.

Jonas: Jedenfalls wollten sie dich umbringen Karla, und mich vorhin auch schon mal.

Karla: So, ich hab jetzt keine Zeit mir darüber den Kopf zu zerbrechen.

Jonas: Klar, dein großes Projekt. Du willst Selbstmordattentäter nach Babylon einschleusen.

Karla: Woher… Ach natürlich, du hast sie gesehen. Im Schlafsaal. Jawohl Jonas, wir bringen sie nach Babylon, ins Zentrum der Unterdrückung und der Ausbeutung. Wir von der Stadtguerilla haben viele Jahre dagegen gekämpft, ohne Erfolg, aber jetzt haben wir uns mit der orientalischen Befreiungsfront zusammengetan, gemeinsam werden wir Babylon einen nachhaltigen Schlag versetzen. Nach dem letzten Mauerdurchbruch sind sie aus der Drittwelt zu uns gekommen, 100 wandelnde Bomben, 100 Fanatiker voll bis zur Halskrause, Semtex. Überall, wo es möglich ist, im Magen und Darm, unter der Haut, den Muskeln, in Fettgewebe ist Sprengstoff eingelagert, heute abend werden wir sie in Babylon verteilen.

Jonas: Die Stadtguerilla hatte eine lange Liste. Das Rathaus sollte hochgehen, die Sicherheitsverwaltung, Superkran Atlas, das Chips-Hochhaus und das Moxcenter, der Turm zu Babel natürlich, und sogar das Kulturministerium am van-Dusen-Platz.

Karla: Unter anderem. Heute um Mitternacht, pünktlich zum Jahreswechsel drückt jemand von uns in unserem geheimen babylonischen Hauptquartier auf den roten Knopf. Guten Rutsch, Babylon. Prosit Neujahr 2017.

Jonas: Jonas fand das alles gar nicht gut. Das wußte Karla. Sie hielt mir ihren Laser vor die Nase und nahm mich mit ins Zentralbüro. Wo Mira und Rußlan warteten.

Karla: Mira, wir haben ein Problem. Jonas weiß Bescheid. Auch wenn er hier und da mit uns sympathisiert, im Grunde ist er ein inkonsequenter Kleinbürger und wird versuchen uns zu hindern, aus der Zelle bist du ausgebrochen, daher wirst du jetzt unter strenge persönliche Bewachung gestellt. Mira und Rußlan, ihr bringt ihn nach nebenan und paßt auf ihn auf. Um Mitternacht laßt ihr ihn frei.

Jonas: Nebenan, das war ein kleiner Raum mit einem Sofa, einem Tisch und diversen Sesseln, eine Art Konferenzzimmer, Rußlan fesselte Jonas, sehr professionell, Arme nach hinten, Ober- und Unterschenkel zusammen, schlecht für die Durchblutung, aber handlich. Rußland legte mich auf dem Sofa ab, setzte sich mit Mira in einen Sessel, zog seinen Laser und paßte auf. Die Zeit verging, Rußlan und Mira wirkten müde, manchmal machten sie sogar die Augen zu, warum auch nicht, Jonas konnte nicht weglaufen. Jonas konnte überhaupt nichts tun. Aber da war ja noch Sam, der Kugelschreiber in meiner Brusttasche, der tat was. Er ging auf Wanderschaft.

Sam: Hey.

Jonas: Sammy. Was ist?

Sam: Komm näher, laß den Kopf hängen, was glaubst du was Sam entdeckt hat.

Jonas: Entdeckt. Wo?

Sam: In Miras Computer. Rußlan trägt ihn in seiner Hosentasche spazieren.

Jonas: Und?

Sam: Minderwertiges Modell, praktisch Analphabet der Kollege, falls man ihn so nennen kann. Der letzte Husten, der, nicht du, dennoch und trotzalledem ist Sammy mal reingewandert, was tut ein kleiner wackerer Computer nicht alles für seinen inniggeliebten Herrn, und was hab ich gefunden an jenem finsteren Ort?

Jonas: Sag’s schon, Sammy, komm zu Potte.

Sam: Erstens eine umfangreiche Geheimdatei betitelt CC.

Jonas: Ach was. Kannst du sie knacken?

Sam: Sam knackt alles, das weißt du doch. Dürfte jedoch etliche Stündchen dauern.

Jonas: Zu viel. Und zweitens?

Sam: Zweitens. Ein höchst präziser Plan von PH 1, ganz wie der in Sam abgespeicherte, mit einem entscheidenden Unterschied. Genau mit 100 entscheidenden Unterschieden. Denn dies, o Scheich ist die Anzahl der roten Kreuze, welche überall im Plan angebracht sind. Ein Demolutionsexperte, und ist Sam nicht ein Experte, erkennt sofort, Sprengladungen, angebracht an den kreuzweise markierten Punkten, würden ganz PH 1 zum Einsturz bringen.

Jonas: Was sollte das nun wieder bedeuten. Jonas hatte so eine Ahnung. 100 Kreuze, 100 Attentäter. Ich gab Sam einen Auftrag, er sollte den Hauscomputer kontakten und die Intercomleitung zwischen Zentralbüro und Konferenzraum aktivieren. So konnte Karla hören, was hier gesprochen wurde. Hoffentlich war sie an ihrem Schreibtisch, das wäre gut für sie, für Jonas, und für 900.000 Prolls in PH 1. Alles weitere hing von Jonas ab. Er mußte Mira die Würmer aus der Nase ziehen. Das ging besser als erwartet. Jonas fiel vom Sofa. Mira wachte auf.

Mira: Oh, runtergefallen. Selber schuld. Jetzt kannst du da liegen bleiben.

Jonas: Mir ist langweilig.

Mira: Na und. Und auch.

Jonas: Spielen wir ein Spiel, Spielen wir fragen und antworten, ich fang an. Meine erste Frage lautet: Wer oder was ist CC? Keine Antwort, auch gut. Nächste Frage, warum wollt ihr beiden Karlas wandelnde Bomben dazu benutzen, PH 1 in die Luft zu sprengen.

Mira: Ich weiß nicht, wie du das rausgekriegt hast, Jonas, aber das spielt eigentlich keine Rolle. Du bist eine Leiche auf Urlaub. Sobald Karla ausgeschaltet ist, bist du dran. Warum sollte ich dir also nicht deine Fragen beantworten. CC steht für Club Caligari, so benannt zu Ehren der seligen Frau Prof. Caligari, du kanntest sie, Jonas, du hast ihre Pläne vereitelt und sie schließlich umgebracht.

Jonas: Das war schon mehr als 6 Jahre zurück. Fall Testmarkt, Fall Schlachthaus, Fall Kidnapper. Caligari hatte sich auf ein Thema konzentriert, die Reduzierung der Überbevölkerung durch Reduzierung der Bevölkerung.

Mira: Mit zugegeben noch recht kruden Methoden. Wir vom Club Caligari haben sie erheblich verfeinert.

Jonas: Wer ist Mitglied in diesem Club? Du nehm ich an. Rußlan.

Mira: Wir sind stolz darauf, obwohl wir nur Rädchen im Getriebe sind. Club Caligari ist eine extrem geheime Organisation, der die Spitzen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in Babylon angehören. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, das Prekariat zu beseitigen, eine viel zu große Schicht nutzloser Fresser, die nur öffentliche Gelder verschlingen und nichts zum Sozialprodukt beitragen. Der CC erfuhr von Karlas Projekt Prosit Neujahr Babylon, der Geheimdienst, der die Stadtguerilla seit langem beobachtet, hat uns informiert. Tja, hier bot sich uns eine geradezu geniale Gelegenheit, Prolls in großer Menge zu eliminieren, und die Urheberschaft der Stadtguerilla und orientalischen Fanatikern in die Schuhe zu schieben.

Jonas: Genial.

Mira: Nicht wahr. Meine Wenigkeit hat den Plan ausgearbeitet. Ich habe Karla vorgeschlagen, die lebenden Bomben in PH 1 zu lagern, demnächst, das glaubt die gute Karla, wird ein Bus sie nach Babylon bringen, doch in Wahrheit wird dies geschehen: Unsere Leute, die wir hier versammelt und in Untergeschoß versteckt haben, in Lagerräumen, die nicht videoüberwacht sind, werden Karla und die Stadtguerillas töten und dann die Selbstmordattentäter im Gebäude verteilen, und wenn um Mitternacht ein ahnungsloser Typ in Babylon auf den Knopf drückt.

Jonas: Bumm. Aber nicht für Babylon, für PH 1. Genial.

Mira: Ach, du wiederholst dich, Jonas.

Jonas: Die Typen in Silbergrau, eure Leute?

Mira: Exakt. Wir haben, wir haben vom Geheimdienst erfahren, daß, daß die Prekariatsverwaltung dich angeheuert hat, Jonas, und und da haben wir gleich zwei Killer auf dich angesetzt.

Jonas: Dann verstehe ich nicht, wieso du mich gerettet hast, Mira. Vorhin auf dem Dach. Auf dem Dach.

Mira: Eine Laune. Wollte sehen, was du für einer bist. Wußte ja nicht, wußte ja, wußte ja, wir würden dich kriegen, jederzeit, wann immer wir es wollen. Was… was.

Jonas: Keine Ahnung. Mira konnte nicht mehr reden, Jonas auch nicht. Und obwohl ich mich bemühte, die Augen offen zu halten, sah ich nichts, nur Schatten, die immer dunkler wurden, immer größer, ich verlor das Bewußtsein. Ich wachte auf, mit einem Brummschädel, aber ich konnte mich bewegen, die Fesseln lagen zerschnitten auf dem Boden, Mira und Rußlan waren nicht mehr da, ich hinkte rüber ins Zentrallabor, Karla und ihre Leute, alle weg. Ich sah auf die Monitorwand, die orientalischen Attentäter waren auch verschwunden, die silbergrauen CC-Typen waren noch da, allerdings mausetot. Das sah ich nicht auf einem Monitor, das sagte mir Sam, der war auch noch da.

Sam: Ein Tusch, Herr Kapellmeister. Trara. Ein bißchen Gas bringt Sam nicht um.

Jonas: Gas?

Sam: Ja, Giftgas, durch Karla in die Lagerräume geleitet, nachdem sie euer Gnaden Gespräch mit Miss Mira vernommen hatte. Menschen sind ja so schwach, so unzulänglich, eine Prise Giftgas, und siehe, sie waren einmal. Computer dagegen sind stark, ohne Fehl und Tüdel, äh Tadel.

Jonas: Hör auf dich in die Hühnerbrust zu werfen. Erklär mir lieber warum ich noch lebe. Karla hat doch sicher auch ins Konferenzzimmer Gas eingeleitet.

Sam: Hat sie, Herr Kammerjäger, jedoch kein tödliches Gift, vielmehr ein sanftes Betäubungsgäslein. Alldiweil besagte Dame in ihrem schwarzen terroristischen Herzen ein winziges warmes Plätzchen hat für einen gewissen Detektiv, ne pas?

Jonas: Mag sein, Karla ist also weg, mit ihren lebenden Bomben, im Bus nach Babylon. Wie spät Sam?

Sam: Mit dem Gongschlag ist es, oink, 19 Uhr 23 Minuten.

Jonas: Wir müssen hinterher Sammy, sie aufhalten. Wie? Gibt’s noch einen Bus?

Sam: Mit Neffen, äh Nichten. Wir fliegen, Kommandante, gegen England, sieh auf den Monitor.

Jonas: Im kreisförmigen Innenhof landete ein Helikopter, silbergrau, schwarzes Doppel-C am Rumpf. Kein Zwei-Personen-Winzling: Ein großes Gangship, bestückt mit Raketen und zwei schweren MGs.

Sam: Schneller geht’s nicht, Genosse.

Jonas: Ich vermute, der Helikopter soll die Typen vom Club Caligari abholen, bevor hier alles in die Luft geht. Zwei Piloten, die müssen wir ausschalten.

Sam: Null Problemo. Wir gehen nach unten, da liegen genug CC-Uniformen herum, wir suchen uns einen Typ, der eine ähnlich maskuline Statur aufzuweisen hat, wie Jonas, ziehen ihn aus, nehmen seinen Laser, und dann heia Safari.

Jonas: 20 Minuten später startete der Helikopter, mit neuen Piloten, und flog in die Wildnis, immer der Piste nach, Richtung Babylon. Es war schon ziemlich dunkel, als ich ihn sah, den Bus, ein Stück voraus, ich überholte ihn, knipste den Scheinwerfer an und knallte ihm eine Rakete vor die Motorhaube. Der Bus hielt. Jonas nahm über sein Bordradio Verbindung mit Karla auf.

Karla: Jonas, wie kommst du in diesen Helikopter?

Jonas: Erzähl ich dir vielleicht ein andermal. Jetzt haben wir keine Zeit.

Karla: Was willst du?

Jonas: Dein Projekt ist gestorben, Karla, du wirst den Bus wenden und mit den lebenden Bomben in die Wildnis fahren, immer weiter, bis ich halt sage, verstanden.

Karla: Und wenn ich mich weigere, wenn ich weiter Richtung Babylon fahre.

Jonas: Dann setze ich die nächste Rakete direkt in den Bus. Und alle gehen hoch, auch du und deine Stadtguerillas. Das muß nicht sein.

Karla: Gut, wir wenden.

Jonas: Und dann fährst du nach Südosten, dem Helikopter nach, weit weg von Babylon und von PH 1.

Karla: Verstanden.

Jonas: Noch was, Karla, falls du vorhast, euren Knopfdrücker in Babylon zu erreichen, laß es, Sam war in deinem Computer und hat die Verbindung gekappt.

Jonas: Eine halbe Stunde vor Mitternacht ließ ich den Bus halten, in einem Felsental, wo er keinen großen Schaden anrichten konnte. Karla und ihre Leute durften aussteigen, die Selbstmordattentäter blieben im Bus. Der Helikopter schwebte über der Szene. 10 Meter oder so, Jonas behielt alles im Auge.

Jonas: Was ist mit Mira und Rußla?

Karla: Die Verräter? Die sind noch im Bus.

Jonas: Steigen sie nicht aus?

Karla: Können nicht, wir haben Rußla die Beine gebrochen.

Jonas: Auch gut. Und jetzt lauft. Ihr habt einen mühsamen Weg vor euch. Durch die Wildnis.

Karla: Könntest du mich nicht im Helikopter mitnehmen, Jonas?

Jonas: Könnte ich. Aber ich will nicht. Als ich das letzte Mal mit dir im Helikopter flog, mußte ich abspringen in die karibische See. Lauf du nur, eine lange Wanderung fördert die Gehirntätigkeit, und das hast du nötig.

Karla: Danke.

Jonas: Keine Ursache, beeilt euch. Es ist jetzt, Sam?

Sam: 23 Uhr und 49 Minuten.

Jonas: Du weißt ja, was demnächst hier passiert, Karla.

Sam: Hehe.

Jonas: Karla und Gefolge verschwanden zwischen den Felsen, so schnell sie konnten. Jonas stieg auf 300 m und ließ den Helikopter über dem Bus kreisen, bis 3 Minuten vor 12. Dann flog ich ab, Richtung Babylon, mit Vollgas.

Sam: 7,6,5,4,3,2,1, zoro. Happy new year Boss…

Jonas: Turmhohe Flammen hinter uns, der Sternenhimmel wurde ausgelöscht durch eine gigantische schwarze Wolke. Ich fühle mich nicht gut, 100 lebende Bomben waren in Feuer und Rauch aufgegangen, Mira und Rußla auch, aber was hätte ich anderes tun können. Außerdem hatten sie es so gewollt, und verdient sowieso. Ich war müde und kaputt. Jonas ist nicht mehr 20, auch nicht mehr 30 oder 40, in den letzten 24 Stunden hatte ich kaum geschlafen, nichts gegessen, statt dessen ein intensives Sportprogramm, Treppensteigen, kriechen durch enge Höhlen, klettern, von Fesseln und Laserstrahlern gar nicht zu reden. Ich hatte genug. Am Nachmittag war Jonas wieder zuhause. Falls man ein schäbiges Büroapartment von 22 qm Zuhause nennen kann. Und auch Sammy bezog wieder sein gewohntes Gehäuse.

Sam: Ach, das tut gut, jetzt kann ein kleiner Computer sich doch mal wieder so richtig recken und strecken. Ah, welche Wohltat.

Jonas: Raum ist in der kleinen Hütte, Sam. Ruf die Prekariatsverwaltung an.

Sam: Soll ich? Heute? Am Neujahrstag. Spinnst du total.

Jonas: Also am nächsten Tag. Jonas erstattete seiner Auftraggeberin Bericht. Persönlich. Wie besprochen. Diesmal nicht im engen Beichtstuhl, in ihrem Büro. Und sie war auch nicht mehr Carmen, sie war Prekariatsoberrätin Sakalauskas. Was ich ihr mitteilte, schien sie wenig zu beeindrucken.

Carmen: Revolution, Stadtguerilla, Club Caligari, eine erstaunliche Geschichte. Kaum zu glauben.

Jonas: Ich habe Ihren Auftrag ausgeführt und dabei Babylon vor einem massiven Anschlag bewahrt. Und PH 1 vor der Zerstörung.

Carmen: Das sagen Sie. Haben Sie Beweise, eindeutige, stichhaltige gerichtsfeste Beweise? Also nicht. Das macht die Sache sehr, sehr schwierig. Hmh, ich werde sehen, was sich tun läßt. Sie hören von uns.

Jonas: Ich hörte, zwei Wochen später. Per Fon.

Computerstimme: Und deshalb gewähren wir Ihnen in Anerkennung geleisteter Dienste einen Aufschub bis zum 30. Juni 2017. Sie haben also ein halbes Jahr Zeit durch die Akquirierung des erforderlichen Zusatzeinkommens dafür Sorge zu tragen, daß Ihre Lizenz als privater Detektiv und damit Ihr Sozialstatus erhalten bleiben. Sollte Ihnen das nicht gelingen, Herr Jonas, verzagen Sie nicht, nicht jeder ist zu höherem berufen. Sie werden in eine Prekariats-Heimstatt umziehen. Dort erwartet Sie ein durchaus angenehmes Leben, sofern Sie keine überzogenen Ansprüche stellen. Das Amt für freie Berufe wünscht Ihnen noch einen schönen Tag. Auf Wiederhören.

Das war Comeback. Eine Folge der Science-Fiction-Krimiserie Jonas. Nur Jonas. Und Sam. Von Michael Koser. Nähere Informationen und die Folgen zum kostenlosen Download finden Sie unter jonas-nur-jonas-und-sam.de. Eine Produktion der Kanzlei Dr. Bahr. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Thomas Karallus, Vanida Karun, Werner Klein, Deef Pirmasens, Angelika Thomas, Henning Venske und Elena Wilms. Ton und Technik: Marcus Giersch und Christoph Guder. Aufgenommen im Tonstudio Fährhauston in Hamburg (2008). Regie: Werner Klein.

Jonas. Nur Jonas. Und Sam.
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Abgesang

Jonas: Sie war jünger als ich. Um die 40. Dunkles Haar. Dunkle Augen. Eine wohlgefällige Figur in einem dieser Outfits, die nach nichts aussehen und mehr kosten, als ein Detektiv im Monat verdient. In meinem schäbigen Büroapartment wirkte sie wie ein Kirschblütenzweig in einer alten Bierflasche.

Judith 2: Mein Name ist Judith.

Jonas: Judith?

Judith 2: Sie sehen mich an, als ob Sie mich kennen. Kenne ich Sie?

Jonas: Sie hieß Judith, und so sah sie auch aus. Was war das? Eine Halluzination?

Sam: Dejavu, Monsignore.

Jonas: Deschawas?

Sam: Ach vergiß es.

Jonas: Dabei hatte er so mies angefangen, dieser 1. Mai 2017. Der Geburtstag eines gewissen Detektivs. Ich war früh geweckt worden. Im Prinzip keine schlechte Sache, weil ich böse geträumt hatte. Ich war draußen, in PH 1, kroch durch Röhren, stand auf dem blutigen Dach, 600 m hoch, saß in einer überfüllten Kneipe, versoff meine Gutscheine. Ein Proll unter vielen. Das Leben war vorbei. Erinnerung. Oder Zukunftsvision? Gestern hatte das Amt für freie Berufe mich erinnert, daß ich nur noch zwei Monate Zeit hatte, einige tausend Euro zu verdienen, ansonsten drohte Ausweisung aus Babylon, in die Prekariats-Heimstatt. Das war kein Albtraum.

Sam: Happy birthday, lieber Jonas, happy birthday to you.

Jonas: Du mich auch, Sammy.

Sam: 50 Jahre sind es wert, daß man ihn besonders ehrt. Er lebe hoch, höher, am höchsten.

Jonas: 50. Auch das noch. Ist doch kein Alter für einen Detektiv. 30 OK, 40 geht noch. Fit und erfahren, eingedellt, Narben an Körper und Seele, oder 70 von mir aus, keine Exen mehr, dafür Kopfarbeit auf dem Sofa. Altersweise. Aber 50?

Sam: Hörst du das Fon, welch lieblicher Ton, ein Glückwunsch.

Jonas: Es war kein Glückwunsch, es war die Kündigung. Mein Viertel wurde saniert, mein Haus abgerissen. In einem Monat mußte ich raus aus meinem Büroapartment. Das Casablanca war schon seit Wochen geschlossen.

Sam: Und nun gerade: Happy Birthday!

Jonas: Halt die Backen, Sammy. Nachrichten.

Sam: Jawohl. Euer Wunsch o Herr sei mir Befehl.

Nachrichtensprecher: Im Sicherheitsrat der UN. Bekanntlich beansprucht China jedes chinesische Restaurant, wo immer es sich befindet, als Hoheitsgebiet, inklusive einer…

Jonas: Weiter.

Nachrichtensprecher: Unruhen in PH 1, die durch energisches Eingreifen der Grenztruppen beendet wurden. Die genaue Zahl der Toten und Verletzten ist nicht bekannt. Wie…

Jonas: Weiter.

Nachrichtensprecher: Hat sich trotz Bemühungen der Aktion Lebensabend die Zahl hilfsbedürftiger Senioren weiter alarmierend erhöht. Und nun zum Wetter. Babylon registriert heute den 209. Regentag in Folge. Damit sind wir vom Rekord des Jahres 2014 nur noch 20 Tage…

Jonas: Na wunderbar. Dauerregen. 50. Geburtstag. Kündigung. PH 1. Graue Gegenwart. Schwarze Zukunft. Jonas steckte voll drin, im Babylon Blues. Aber dann kam sie. Judith. Nicht meine Judith. Nicht Judith Delgado. Natürlich nicht. Judith Delgado war seit 5 Jahren tot. Aber sie hieß Judith. Und sie sah aus wie Judith Delgado. Es war doch nicht alles mies, dachte ich. Doch dann sagte sie mir, wohin sie mich schicken wollte.

Judith 2: Ins Niemandsland.

Jonas: Will ich nicht. Mach ich nicht.

Judith 2: Sie müssen, Herr Jonas. Es geht um Nicolas, meinen Mann. Nicolas Toulemonde, Vizebischof der apostolischen Kirche.

Sam: Vize was?

Judith 2: Das ist sein Beruf.

Jonas: Halt den Rand, Sam. Hochanständiger Job.

Judith 2: Gewiß, aber auch, wie soll ich mich ausdrücken, vorhersehbar. Langweilig. Und darum unternimmt Nicolas zum Ausgleich Abenteuerreisen.

Jonas: Ins Niemandsland.

Judith 2: Vor einer Woche ist er aufgebrochen.

Jonas: Ohne Sie?

Judith 2: Er fährt immer allein. Ich mache mir nichts aus Strapazen, aus Hunger und Durst und Blasen an den Füßen.

Jonas: Sehr vernünftig. Ihr Mann ist also ins Niemandsland aufgebrochen, wann genau.

Judith 2: Am 24. April. Morgens. Am Abend hat er sich kurz gemeldet über Satellitenfon. Gut angekommen, alles in Ordnung.

Jonas: Angekommen, wo?

Judith 2: In Besalam. Zwischen Wildnis und Niemandsland, wo die Abenteuerkarawanen starten.

Jonas: So. Und dann?

Judith 2: Nichts mehr. Kein Anruf, keine Nachricht. Bis gestern.

Jonas: Haben Sie nicht versucht, ihn anzurufen.

Judith 2: Ja natürlich, immer wieder hab ich’s versucht, aber ich hab nicht mal seine Mailbox erreicht. Ja, und dann kam gestern nachmittag dieser Anruf.

Jonas: Von ihrem Mann.

Judith 2: Von seinem Fon. Aber es war nicht Nicolas. Ein Fremder. Mit Drittweltakzent. Er gehört zu den Freiheitskämpfern des Orients. Hat er gesagt.

Jonas: Freiheitskämpfer des Orients. Nie gehört.

Judith 2: Ich habe das Gespräch selbstverständlich aufgenommen.

Kidnapper: Wir Freiheitskämpfer haben gefangen Bischof Toulemonde, wenn wir nicht bekommen drei Millionen Euro in Diamanten als Spende für Freiheitskampf wir werden töten Bischof Toulemonde.

Judith 2: Drei Millionen. Wann und wie soll ich…

Kidnapper: Planquadrat SW 170-2. Dort in Wüste großer roter Felsen, sieht aus wie Kamel. An diese Felsen wir warten Spende bis 4. Mai abend. Wenn Sonne untergeht und Diamante nicht da, wir werden zerschneiden Bischof und verteilen in Wüste. Verstanden.

Judith 2: Ja, aber…

Judith 2: Aufgelegt. Ich war geschockt, das werden sie verstehen, Herr Jonas.

Jonas: Sehr erschüttert schien sie allerdings nicht zu sein. Aber vielleicht war das Charakterstärke und Beherrschung. Alle Judiths sind starke Frauen.

Judith 2: Als ich mich ein bißchen beruhigt hatte, rief ich die Firma an, die Nicolas Reise organisiert hat.

Jonas: Name?

Judith 2: Extrem. Der ultimative Kick.

Jonas: Adresse?

Judith 2: Markgrafenboulevard 727.

Jonas: Was haben Sie erfahren.

Judith 2: Nichts. Der zuständige Sachbearbeiter hatte keine Ahnung. Er wollte sich schlau machen und mich dann zurückrufen.

Jonas: Hat er?

Judith 2: Bis jetzt nicht. Dann dachte ich an die Polizei.

Sam: Ha, die Bullen? Kannst du vergessen, Schwester.

Judith 2: Was ist das?

Jonas: Mein Computer. Sam. Redet viel, weiß dummes Zeug.

Sam: Nanana.

Jonas: Aber ab und zu hat er recht. Draußen im Niemandsland ist die babylonische Polizei machtlos.

Judith 2: Das hat mir Chefinspektor Brock auch gesagt.

Jonas: Sieh an, wir kennen Brock, was Sammy?

Sam: Ja, gewiß doch euer Gnaden. Hat der gute Chefinspektor nicht des öfteren in unseren Fällen figuriert, hmh?

Judith 2: Brock hat mir geraten, mich an Sie zu wenden, Herr Jonas, Sie könnten das Lösegeld überbringen, sie kennen das Niemandsland, hat er gesagt, sie waren schon mehrmals da.

Jonas: Dreimal. Und ich habe keine schönen Erinnerungen an die Trips. Beim letzten Mal war’s am schlimmsten.

Sam: Fall Invasion, o Grödaz.

Jonas: Grödaz?

Sam: Ja, Grödaz. Größter Detektiv aller Zeiten. Dummie. Juni 2015.

Jonas: Das reicht mir. Noch mal muß ich da nicht hin.

Judith 2: O doch Sie müssen, Herr Jonas, weil ich Sie darum bitte. Außerdem zahle ich. 5 Prozent vom Lösegeld.

Sam: Fünf Prozent… sind 15.000 Euro.

Jonas: 150.000 du Dödel.

Sam: Siehst du, ein erkleckliches Sümmchen, Herr Rechnungsrat. Statuserhaltend gewissermaßen. Umzugsverhindernd.

Judith 2: Was meint er?

Jonas: Ah, nicht so wichtig.

Sam: Importane.

Judith 2: Brock hat noch mehr gesagt, Herr Jonas. Sie sind ein anständiger Mensch, und für den Job ist keiner so geeignet wie sie.

Sam: Ja das stimmt, ja ja ja.

Jonas: Mußte Jonas wirklich nochmals ins Niemandsland. Nur weil seine Auftraggeberin Judith hieß und aussah wie Judith Delgado, die erste und einzige Liebe eines älteren Detektivs. Vielleicht.

Jonas: Ich werde darüber nachdenken und sie anrufen, heute noch, nachdem wir ein paar Nachforschungen angestellt haben. Sammy und ich.

Judith 2: Danke, Herr Jonas.

Sam: Ja, denn wie spricht der weise Bosequo? Vorsicht ist der weibliche Elternteil des Keramikbehälters.

Jonas: Oder so ähnlich. Judith ging, und Jonas scheuchte Sam durch alle Datenbanken, zugängliche und weniger zugängliche. Ergebnis:

Sam: Sie ist echt, unsere JuTou.

Jonas: Wer?

Sam: JuTou. Kurz und prägnant für Judith Toulemonde, oder auch Judith zwo.

Jonas: Es gibt sie also wirklich.

Sam: Ja, die Dame ist astrein, Herr Oberförster, wie auch ihr Ehegespons, Nicolas Toulemonde, Vize der apostolischen Kirche, hochangesehene Bürger Babylons beide und betucht, ja, Haus im Golden Ghetto, höchster Sozialstatus.

Jonas: Schön für sie. Es wurde Zeit für einen Ausflug zum noblen Markgrafenboulevard, wo eine ganze Etage in einem noblen Hochhaus von der Firma Extrem belegt war. Ein gertenschlanker türkisgelockter Jüngling ließ sich herab, Jonas zu empfangen. Nösel hieß er. So stand es auf dem Schild an seinem lavendelfarbenen Armanijäckchen. Er musterte mich wie ein Angler einen alten Stiefel, der sich an seinen Haken verirrt hatte.

Nösel: Sie wollen doch wohl keine Reise bei uns buchen Herr äh… In diesem Falle gestatten sie mir den gutgemeinten Hinweis, daß die dafür erforderlichen Mittel weit über ihren Möglichkeiten liegen dürften. Wenn ich sonst noch was für sie tun kann.

Jonas: Sie können.

Nösel: Ach wirklich?

Sam: Wetten, der Typ heißt mit Vornamen Schorsch, oder Scholastikus.

Nösel: Wie meinen.

Sam: Nösel äh Schnösel. Paßt wie der Pickel auf den Arsch.

Nösel: Ich muß doch sehr bitten.

Sam: Ja dann bitten sie mal.

Jonas: Entschuldigen Sie meinen Computer, Herr äh Nösel, er ist ein wenig ungehobelt, wie sein Herr. Soll ich Ihnen ein Geständnis machen. Ich bin ein exzentrischer Milliardär, wenn man mich ärgert, werde ich grob, sehr grob, saugrob, und dann könnte ich Ihnen zum Beispiel äh einige Knöchlein in ihrem eleganten Leib zerschlagen. Strafe und Schadenersatz zahle ich aus der Westentasche.

Jonas: Er wußte nicht, ob er mir glauben sollte. Aber als vorsichtiger Mensch tat er es. Und war bereit meine Fragen zu beantworten. Ja, Vizebischof Toulemonde hatte bei Extrem eine Reise gebucht, in den besonders wilden südöstlichen Zipfel des Niemandslands, nicht weit von der Mauer. Nein, er wußte nicht, was mit dem Kunden geschehen war, auch der von Extrem gestellte Reiseleiter war verschwunden. Ja, er hatte von Frau Toulemonde erfahren, daß eine Gruppe namens Freiheitskämpfer des Orients behauptete, den Vizebischof entführt zu haben.

Nösel: Im Übrigen muß ich Sie, wie bereits auch Frau Toulemonde nachdrücklich darauf hinweisen, Herr äh, daß eine wie auch immer geartete Haftung der Firma Extrem für die Folgen unvorhergesehener unglücklicher Zwischenfälle auf den von uns vermittelten Abenteuerreisen laut Vertrag völlig ausgeschlossen ist. Dieser Ausschluß gilt selbstverständlich auch für etwaige Entführungen und vergleichbare Mißgeschicke.

Jonas: Freiheitskämpfer des Orients, kennen Sie diese Gruppe, ist sie bei früheren Extrem-Reisen schon mal in Erscheinung getreten?

Nösel: Noch nie, Herr äh… Wie kennen andere Organisationen, die Taliban, die Waffen-SS, die goldene Horde etc. die in der gleichen Branche tätig zu werden pflegen.

Jonas. Entführung und Erpressung von Lösegeld.

Nösel: Äh, ja. Dies zu verhindern zahlt Extrem besagten Gruppierungen gewisse Anerkennungshonorare.

Jonas: Schutzgelder meinen Sie.

Nösel: Wenn sie es so ausdrücken wollen, Herr äh.

Jonas: Und die rote Armee, ist die nicht auch im Niemandsland aktiv?

Nösel: Nicht mehr, Herr äh… Soweit uns bekannt ist, hat sich die rote Armee vor einem Jahr weit in den Norden, in die wilde Tundra zurückgezogen.

Jonas: Das war beruhigend. Denn die rote Armee, und speziell ihr Häuptling Generalissimus Stalin hatten mit Jonas noch ein Hühnchen zu rupfen. Das mußte nicht sein. Zu Hause rief ich Chefinspektor Brock an, um ihm ein paar Fragen zu stellen, aber das war nicht mehr möglich.

Frauenstimme: Chefinspektor Brock wurde ein Opfer des unermüdlichen Einsatzes der Sicherheitsbehörden für die Bürger Babylons. Bei einer Routine-Razzia heute Nacht im Reservat ist er aus dem Helikopter gestürzt und an den Folgen des Sturzes verstorben.

Jonas: Auch das noch. Meine Wohnung war gekündigt. Ich hatte kein Geld und keinen Sozialstatus, das Casablanca war zu. Dauerregen, 50. Geburtstag, und jetzt hatte Brock den Löffel abgegeben. Mein bester Feind. Mein einziger Freund. Wieder legte sich der Babylon-Blues über Jonas, so laut und so intensiv, als ob mir jemand Babylon unbedingt vermiesen wollte. Wie auch immer, Babylon war mir vermiest. Ich wollte raus, von mir aus sogar ins Niemandsland. Ich rief Judith an, und sagte ihr, ich würde ihren Auftrag annehmen.

Judith 2: Herr Jonas, ich bin hocherfreut.

Jonas: Den Herrn lassen Sie weg. Einfach Jonas, nur Jonas. Haben Sie das geforderte Lösegeld?

Judith 2: Kein Problem. 3 Millionen Euro in Diamanten liegen bereit.

Jonas: Dann bringe ich die Klunker für sie ins Niemandsland.

Judith 2: Nicht für mich, Jonas, mit mir. Ich komme mit.

Jonas: Haben Sie sich das gut überlegt, Judith, es wird gefährlich werden, strapaziös, vielleicht holen Sie sich sogar Blasen an den Füßen.

Judith 2: Ich bestehe darauf. Wann reisen wir ab?

Jonas: Sobald wie möglich, und das war sehr bald. Geld spielte keine Rolle. Noch am Abend flogen wir nach Bezalam. Von da ging’s am nächsten Morgen weiter auf der Erde, aber nicht zu Fuß, wir mieteten den besten Wüstentruck, der zu haben war, Kettenfahrwerk, stabile Panzerung, großer Benzinvorrat in Zusatztanks, genügend Platz für alles, was der Mensch so braucht, wenn er vorhat, tagelang durch die Wüste zu ziehen. In diesem Fall zwei Menschen. Jonas fuhr. Judith saß neben mir, sehr schön anzusehen, in ihrem Safari-Overall von Dolce & Gabana. Gelbe und rote Wüstenfarben. Das Niemandsland war so, wie ich es in Erinnerung hatte, ziemlich tot, orange und grau, dazwischen Farbtupfer, schwarz, rot, giftgrün, Ruinen, Reste, Rost, geschmolzener Sand, Felsen. Tagsüber war es heiß, und nachts kalt, so kalt, daß Judith fror und zu mir in den Schlafsack kroch. Zweiter Reisetag, 3. Mai, wir erreichten Planquadrat SW170-2. Die Strahlen der untergehenden Sonne beschienen ein seltsames Gebilde am Horizont. Einen riesigen roten Felsen, der aussah wie ein liegendes Kamel, ein länglicher Kopf auf einem ebensolchen Hals. Dann ein großer runder Höker.

Sam: Ein Höker? In diesem Falle, hochgeschätzte Kommilitonen, handelt es sich keinesfalls um ein Kamel oder auch Trampeltier, der Wissenschaft bekannt als camelus bacterianus, vielmehr um ein Dromedar, camelius dromedarius.

Judith 2: Danke für die Vorlesung, Prof. Sam.

Sam: O gern geschehen Gnädigste.

Jonas: Ich glaube kaum, daß die sog. Freiheitskämpfer auf zoologische Finessen Wert legen. Dromedar oder Kamel, dieser Felsen ist unser Ziel.

Judith 2: Wir sind also angekommen.

Sam: Hurra!

Jonas: Noch nicht ganz, gleich wird’s dunkel, wir sollten hier lagern und morgen früh weiterfahren, bei Helligkeit, damit wir sehen können, wer oder was uns erwartet.

Judith 2: Einverstanden. Halt an Jonas.

Jonas: In einer Höhle schlugen wir unser Lager auf. Nach dem Essen holte Judith eine Flasche aus ihrem Gepäck. Echt Whisky. Scotch. Old Forrester. Jonas Lieblingswhisky. Wenn er ihn kriegt, was selten genug vorkommt. Wir stießen an.

Judith 2: Auf Kamele.

Sam: Und Dromedare.

Judith 2: Auf Jonas.

Jonas: Auf Judith.

Sam: Auf Sam.

Judith 2: Auf den Erfolg unsere Mission.

Jonas: Auf den Erfolg. Der gefährlichste Teil kommt aber erst. Morgen.

Judith 2: Du hast ja so recht, Jonas, und du hast nicht die mindeste Ahnung, wie recht du hast. Trink aus.

Jonas: Ich wachte auf. Die ersten Sonnenstrahlen fielen in die Höhle. Das Feuer war ausgegangen. Mein Kopf tat weh. Mir war kalt. Kein Schlafsack. Ich kam auf die Beine, mühsam, und humpelte nach draußen. Keine Judith. Kein Wüstentruck. Kein Laserstrahler am Gürtel, und vor allem kein Sam, nicht in meiner Tasche, nicht auf dem Boden. Was war passiert? Ich sah mich um. Nur Niemandsland bis zum Horizont. Keine Bewegung. Kein Mensch. Kein Fahrzeug. Dann sah ich doch was, Kettenspuren vom Truck. Sie führten nach Osten, Richtung Kamelfelsen. Im grobkörnigen Sand gut zu erkennen. Ich ging ihnen nach. Die Spuren führten in einen Canyon. Ich folgte ihnen. Langsam. Es wurde enger. Die steilen Wänden rückten näher zusammen. Vor mir eine Kurve. Ich ging noch langsamer und spähte vorsichtig um die Ecke.

Stalin: Kiche. Jonas, galupschik, dawolowatsch, willkommen.

Jonas: Stalin.

Stalin: Bada. Generalissimus Stalin. Du überrascht, Arschloch, häh?

Jonas: Ich überrascht. Hinter der Kurve wurde der Canyon weiter. Überall Menschen, vor mir, hinter mir, über mir, zottige zerlumpte Gestalten, bewaffnet mit Keulen und Macheten. Nomaden. Hunderte, ein ganzer Stamm, Flüchtlinge aus der Drittwelt. Freaks, Mutanten, die rote Armee. So nannten sie sich. In der Menge stand unser Truck, und daneben noch ein Gefährt, eine Art gigantischer Bollerwagen, aus Holz und Metall, eine Plattform auf 6 gewaltigen Rädern. Darauf ein Blockhaus, eine Pauke mit Pauker, ein rotlackierter Thron, und auf dem Thron ein alter Bekannter.

Stalin: Du nicht gedacht Wiedersehen Generalissimus Stalin, hä? Arschloch Jonas.

Jonas: Eine unerwartete Freude, weiß Gott. Hast du dir ein neues Fahrzeug zugelegt, alter Gauner, was ist mit dem T54.

Stalin: Äh, Problem mit Tank. Immer Problem. Kein Diesel. Darum Tank verkauft.

Jonas: An wen? Wer ist denn noch blöder als ihr?

Stalin: An Stamm in Zewa, Norden. Alslutscher, Trankstinker, behandelt T54 als Gott. Nun, wir haben gebaut neue Auto.

Jonas: Ein Prachtstück. Und wie geht’s selbst, Generalissimus.

Stalin: Spazibo. Wunderbar. Täubchen. Vetterchen. Hab ich doch endlich Arschloch.

Jonas: In den zwei Jahren hatte Stalin sich kaum verändert. Er sah immer noch aus wie ein sibirischer Dorfschullehrer. Schmal, weißhaarig, Drahtbrille, grüne Schirmmütze, Russenbluse, vollgesteckt mit bunten Abzeichen und Medaillen. Zerschlissene Reithose, Stiefel, und im Kopf noch klar. Er hatte nicht vergessen, daß Jonas ihn damals reingelegt hatte.

Stalin: Was wir mit dir machen, Arschloch, hä? Eingraben in Sand, alle Rotarmisten auf dich pissen, bist du tot. Dich kochen in Kessel ganz ganz langsam und dann dich essen.

Judith 2: Ihre Wiedersehensfreude, verehrter Generalissimus, sollten sie ein wenig später Ausdruck verleihen, vorher hab ich noch mit Jonas einiges zu klären.

Stalin: Karacho.

Jonas: Judith. Sie stand auf der Plattform, direkt neben Stalins Thron. Wie eine Gefangene sah sie nicht aus. Während die Nomaden Jonas griffen und festhielten, stieg sie herunter, kam näher, und stellte sich vor mich.

Judith 2: Weißt du Jonas, die Sache war ein wenig anders geplant, aber Stalin wollte nicht warten, er ist vorgeprescht, weil er dich unbedingt allein in die Finger kriegen und nicht mit andern teilen wollte. Im Grunde kein Problem, soll Stalin dich eliminieren, meinen Auftraggebern wird das auch so recht sein.

Jonas: Deinen Auftraggebern?

Judith 2: Ahnungslos wie er noch immer ist. Richtig süß. Ich werde dir eine Geschichte erzählen, Jonas, so viel Zeit muß sein. Immerhin hast du mit mir den Schlafsack geteilt, das verdient Belohnung. Also setz dich und hör zu. Es war vor mehr als einem viertel Jahr, im Januar, da trafen sich im Club Caligari zu Babylon fünf Personen, die vieles verband, hohe Position, Macht, Reichtum. Vor allem aber der Hass auf einen Detektiv, der im Lauf der Jahre immer wieder ihre Pläne durchkreuzt hatte.

Plotz: Ich bitte um Ruhe. Die konstituierende Sitzung des Sonderkomitees Aktion Jonas ist eröffnet. Anwesend sind:

Paretzky: Dr. Sandra Paretzky, Bürgermeisterin von Babylon.

Waldorf: Astoria Waldorf, Vorstandsvorsitzende der Firma Multipharm, Leiterin der babylonischen Industrie- und Handelskammer.

Frank: Generalmajor Frank, Oberkommandierender der Geheimdienste und der Sicherheitskräfte.

Kasbek: Kasbek von der Korporation.

Plotz: Als Vertreter der sogenannten Unterwelt.

Kasbek: Bitte. Der organisierten Extralegalität.

Plotz: Wie Sie wollen. Anna Platz. BIO Global. Wir alle haben schwerwiegende Gründe gegen Jonas, den sogenannten letzten Detektiv vorzugehen.

Er ist ein Störenfried.

Krebsgeschwür.

Eine Pestbeule.

Plotz: Und nicht zu vergessen ein Kostenfaktor. Schon früher haben einzelne von uns versucht, Jonas auszuschalten, ohne Erfolg, jetzt tun wir uns zusammen, das Maß ist voll, erst vor wenigen Tagen hat Jonas eine von langer Hand vorbereitete bevölkerungspolitische Aktion des Club Caligari in PH 1 verhindert, daher ist dieses Komitee zusammengetreten, dessen Vorsitz ich übernommen habe. Denn so großen Schaden Jonas Ihnen allen zugefügt haben mag, ich Anna Plotz, sitze durch seine Schuld gelähmt im Rollstuhl und habe darum das größte Recht auf Rache.

Jonas muß weg!

Plotz: Jawohl, Jonas muß weg, Jonas muß verschwinden, Jonas muß sterben. Um dieses Ziel zu erreichen, bündeln wir unsere Ressourcen, wir sind bereit, finanzielle Opfer zu bringen, in unbegrenzter Höhe. Wir werden alle psychologischen und kreativen Kräfte, die uns zur Verfügung stehen, gegen Jonas einsetzen, sie sollen Szenarien entwerfen, die zum erfolgreichen Abschluß führen.

Abschuß.

Plotz: Sehr witzig. Jonas muß verschwinden, darin sind wir uns einig. Die Frage ist wie.

Judith 2: Es wurde diskutiert und debattiert, delegiert und konsultiert, und bald begannen sich Leitlinien und Konturen abzuzeichnen.

Also keine Falle, kein maskierter Killer im Hinterhalt, keine schnelle Kugel in den Rücken?

Nein nein nein, Jonas ist ein besonderer Gegner, und verdient einen besonderen Abgang, eine große Oper, wenn Sie so wollen, kein mickriges Tralala.

Eine elaborierte Elimination ist doch viel befriedigender, viel interessanter.

Macht mehr Spaß, meinen Sie, General.

Wie dem auch sei, die äh, Elimination sollte keinesfalls in Babylon stattfinden, hier hat Jonas ein Heimspiel, er kennt sich hat, hat überall Freunde.

Wir müssen ihn weglocken, so weit weg wie möglich.

Judith 2: Also ins Niemandsland, wo es am wildesten ist, hier, ein paar Kilometer entfernt, wartet ein Sonderkommando auf dich, Jonas. Killer der Korporation, Spezialisten vom Geheimdienst, ausgesuchte Sicherheitsexperten aus Großkonzernen, dazu als Sahnehäubchen gewissermaßen der eigens für dich aus dem hohen Norden angeforderte Generalissimus Stalin mit seiner Roten Armee.

Stalin: Dada. Wir hören, wir kommen, wir fangen Arschloch Jonas, wir machen tot Arschloch Jonas.

Judith 2: Geduld, Generalissimus, bald kriegen sie ihn und können mit ihm machen, was sie wollen, meine Geschichte ist gleich zu Ende. Über das Problem, wie Jonas ins ferne Niemandsland zu locken sei, zerbrachen sich diverse Experten, Kreative, Psychologen, Motivationsforscher, die gutbezahlten Köpfe. Schließlich schlugen sie zwei sich ergänzende Szenarien vor.

Erstens: Jonas wird psychischem Druck ausgesetzt, er wird

Weichgekocht.

In eine praktisch ausweglose Situation gebracht, sein Umfeld bricht zusammen, er verliert die Wohnung, den Sozialstatus, das Stammlokal, den Freund.

Außerdem wird er 50, am 1. Mai, das dürfte ihn zusätzlich deprimieren.

Zweifellos. Zweitens. Frau Delgado, Judith Delgado, hohe Beamtin in der Sicherheitsverwaltung, 2012 verstorben, Jonas große Liebe.

Ja, die Frau seines Lebens.

Auf den Knopf müssen wir drücken.

Wir schaffen eine zweite Judith. Eine Schauspielerin, die der Delgado ähnelt. Den Rest macht Plastiface. Wir geben ihr reale und virtuelle Existenzen.

Um die Dateien kümmere ich mich.

Diese Frau wird bei Jonas auftauchen, ihm was erzählen, er wird verwirrt sein, verliebt, womöglich, auf jeden Fall weniger argwöhnisch.

Judith 2: Wie’s weitergeht, weißt du. Es war eine interessante Aufgabe. Und daß sie jetzt zu Ende geht, tut mit fast ein bißchen leid. Generalissimus, Jonas steht zu Ihrer Verfügung.

Stalin: Konetschko. Wirklich. Dawei!

Jonas: Judith stieg in den Truck, und startete. Bevor sie losfuhr, lehnte sie sich aus dem Seitenfenster. In der linken Hand hielt sie was hoch: Sam.

Judith 2: Leb wohl, Jonas, in der kurzen Zeit, die dir noch vergönnt ist. Sag deinem Herrn Tschüß, Sammy. Und auf Nimmerwiedersehen.

Sam: Nein, o harsche Trennung, grausames Geschick. Jonas, was wird aus ihm werden, ohne Sam. Und was wird aus Sammy ohne seinen Jonas. Sind wir getrennt für immer…

Stalin: Dawei Dawei!

Jonas: Die Rotarmisten nahmen ihre Plätze ein, vorn an der Deichsel, an den Querstangen rechts und links. Jonas wurden die Hände gefesselt, dann band man ihm ein Seil um den Bauch, das andere Ende hielt Generalissimus Stalin höchstpersönlich fest.

Stalin: Wir haben gewartet auf dich, zwei Jahr, Arschloch, wir weiter warten, ein Tag, zwei Tag, dieser Platz nix gut. Nur Dawei. Kollegen. Dawei. Dawei! Jucha.

Jonas: Die Riesenräder begannen sich zu drehen, knarrend und quietschend setzte der Bollerwagen sich in Bewegung. Die Nomaden zogen und schoben aus Leibeskräften. Der Pauker paukte. Stalin hatte seinen Thron verlassen und sich hinten auf die Plattform gesetzt, um Jonas zuzusehen. Der bemühte sich Schrittzuhalten. Ab und zu zog Stalin kurz am Seil, dann schlug Jonas hin, und wenn er sich nicht schnell genug aufrappelte, wurde er über Sand und Steine geschleift, zum großen Vergnügen des Generalissimus. So verging der Tag.

Stalin: Halt! Stoi! Hier machen wir Lager. Ruh dich aus, Arschloch, freu dich, morgen machen wir dich tot, langsam, ganzen Tag. Wir haben Zeit, hahahaha.

Jonas: Nette Aussichten. Natürlich kriegte ich nichts zu essen. Den abgearbeiteten Rotarmisten ging’s kaum besser. Stalin schlug sich den Bauch voll, und legte sich dann zur Ruhe, im Blockhaus. Auch die Nomaden schliefen. Sogar die Wächter, die auf Jonas aufpassen sollten. Jonas schlief nicht, er machte sich Sorgen, außerdem hatten sie mich auf jede Menge Steine gebettet, scharfe spitze Steine. Die Nacht verging langsam, sehr langsam, plötzlich hörte ich was, an meinem linken Ohr. Ein Flüstern, das mir vorkam wie die Trompeten der Kavallerie oder ein Chor von rettenden Engeln. Dabei war es nur einer.

Sam: Erwache, mein Jonas, denn siehe, hier bin ich.

Jonas: Sam!

Sam: Ja wer denn sonst du Trantüte. Entfleucht bin ich der falschen Schlange der armen Computerklauerin. Wie gut daß ich meine Rollen dabei hatte. Gerollt bin ich durch brennendheißen Wüstensand, trotzend allen Gefahren, allen Strapazen. Bis ich ihn erreicht habe, meinen Herrn und Meister, meinen Jonas, mein ein und alles.

Jonas: Machs halblang Sam.

Sam: Nichts halblang. Jauchzet und frohlocket. Hurra. Hurra. Sam der Computer ist wieder da. Ah. Freust du dich denn gar nicht.

Jonas: Doch Sammy.

Sam: Und nun, teurer Freund, wird alles alles gut.

Jonas: Na hoffentlich. Sehr weit mußte Sam übrigens nicht durch den Wüstensand rollen, Judith traute dem Generalissimus nicht und war ihm gefolgt, nur wenige Kilometer entfernt hatte sie ihr Lager aufgeschlagen, mit dem Sonderkommando des 5er Komitees, das sie unterwegs aufgesammelt hatte.

Sam: Sie wartet ab, die schnöde Verräterin, bis mein Jonas seinen letzten Atemzug getan. Wenn hier was dazwischenkommt, greift sie ein mit ihren Spezialisten, denn vernimm, o Sultan, sie weiß haarscharf was hier abgeht, hat sie doch vor ihrem Aufbruch am gestrigen Tag eine hochsensible Minikamera ausgesetzt, und diese, o du mein ahnungsloser Engel umschwirrt dich bei Tag und in der Nacht.

Jonas: Jetzt auch.

Sam: Na klar jetzt auch.

Jonas: Dann sieht sie, daß wir miteinander reden.

Sam: Sieht und hört. Und nicht nur sie. Auch die rachsüchtigen 5 zu Babylon sind mit der Minicam verbunden, auf daß sie die Unbilden und das Ende ihres Todfeindes so recht von Herzen genießen können.

Jonas: Kannst du die Minicam abschalten Sam.

Sam: A little bit, Sir. Hier und da, ab und zu. Mit Mühe. Denn wisset: Sam hat nicht mehr all zu viel Saft.

Jonas: Das war ein Problem. Wo sollte ich hier im tiefsten Niemandsland einen Akku finden, oder eine Steckdose. Darüber mußte ich nachdenken, später. Jetzt war nur eins wichtig: von hier zu verschwinden. Sam blockierte die Minicam, mit Ächzen und Stöhnen und leisem Protest. Jonas scheuerte derweil Handfesseln und Seil durch, an Sams scharfer Kante, was seinen Protest noch verstärkte, weil es angeblich kitzelte. Und dann ab in die Büsche, die es hier natürlich nicht gab. Der Tag brach an. Jonas trabte durch die Landschaft gefolgt von der Minicam. Ich konnte sie sehen, wie ein Kolibri flatterte sie über mir, immer außer Reichweite, sie stieg und sank und kreiste, auf der Suche nach dem interessantesten Winkel, dem scharfen Bild.

Sam: Hä, geht nicht mehr, Meister, Sam muß die Minicam loslassen, seine Kraft ist verpafft äh verpufft meine ich.

Jonas: Dann können sie uns sehen, orten und verfolgen. Wir müssen weg, Sammy, weiter, wohin?

Sam: Nur einen Ausweg gibt es, hoher Herr, nur eine Richtung steht dir offen, die Wege nach Nord, West und Süd sind versperrt, durch Judith und die Rote Armee.

Jonas: Also nach Osten. Dann mal los.

Sam: Gemach Chef, wenn’s doch nur so einfach wäre. Im Osten erhebt sich die Grenzmauer, und dahinter, ah, tief im Herzen des Niemandslandes, dort wo noch niemals nicht kein wißbegieriger Fuß eines Babyloniers trat, hinter jener großen Mauer, auf welcher zu unserem Schutze die wackeren Grenztruppen stehen, auf nimmermüder Wacht, am Tag und in der Nacht, dort liebe Kinder erstreckt sich das erschreckliche tote Land.

Jonas: Das tote Land, ein Gebiet totaler radioaktiver Verseuchung. Seit vor einigen Jahren die östlichen Kernkraftwerke in Kettenreaktionen hochgingen. Während der sog. kleinen Atomkriege zwischen Indien und Pakistan, zwischen Iran und seinen Nachbarn. Gegen das tote Land war das Niemandsland eine städtische Parkanlage, sagte man. Lemuren und Monster sollte es dort geben. Aber niemand wußte genaues, niemand war je dagewesen.

Sam: Hä, so sieht’s aus, euer Lordschaft, wollt ihr im Kessel gekocht bzw. im Sand verbuddelt und totgepullert werden, oder euch ins tote Land bewegen. Thats the question. Hörst du der Pauke tiefen Ton, die rote Armee, da ist sie schon. Auch Judith ist nicht mehr weit.

Jonas: Dann schon lieber das tote Land. Judith und Stalin überlebe ich ganz sicher nicht, das tote Land, wer weiß.

Sam: Jaja. Jaja. Mein Jonas ist ein Wandersmann, das steckt im so im Blut, drum wandert er so schnell er kann und schwenket seinen Hut, fallera…

Da rennt er durch den Sand.

Schade, ich hatte mich schon gefreut, mir ausgemalt, was dieser Stalin mit Jonas anstellen würde. Fantasievoller Bursche.

Eine Treibjagd ist doch auch ganz nett, Frau Plotz, und aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben. An der Mauer werden sie Jonas stellen, da geht’s nicht weiter.

Und dann kommen wir zu unserem Schauspiel. Dauert nicht mehr lange. Cocktails, jemand?

Jonas: Jogging im heißen Niemandsland ist kein Vergnügen, besondern nicht wenn Sam dazu singt. Und eine nervige Minicam dir um den Kopf schwirrt, ganz zu schweigen von blutdürstigen Killern nicht weit hinter dir. Vergnügen oder nicht, Jonas trabte weiter, bis es nicht mehr ging, dafür sorgte die Mauer. Schwarz und dräuend, 30 m hoch und bewacht, nicht von wackeren Grenztruppen. An der Grenze zum toten Land sind Roboguards eingesetzt. Fehlerlos. Unbestechlich, sie schlafen nie und lassen nicht mit sich reden.

Roboguard: Halt, nicht weiter, das war die erste und letzte Warnung, der nächste Schuß trifft.

Jonas: Und da sind sie auch schon, Stalin und Judith. Was nun.

Sam: Spricht Zeus, die Götter sind besoffen.

Jonas: Red keinen Stuß, Sam, denk dir was aus.

Sam: Ist Sam ein Magier, wächst ihm ein Kornfeld auf der flachen Hand?

Karla: Jonas, hierher!

Jonas: Karla, meine Lieblingsterroristin, Chefin der babylonischen Stadtguerilla. In den vergangenen Jahren waren wir uns mehrmals über den Weg gelaufen, zuletzt Sylvester 2016. In der Wildnis. Wir hatten die Angewohnheit, uns zu helfen, was nicht hieß, daß ich ihr trauen konnte. Jetzt war sie hier, im Niemandsland, am Fuß der Mauer, sie steckte den Kopf aus einem Loch im Felsen, und winkte mir zu.

Karla: Komm her, Jonas. Beeil dich.

Jonas: Augenblick Karla. Sam?

Sam: Was steht zu Diensten?

Jonas: Die Minicam, kannst du sie noch mal blockieren?

Sam: Na, mal sehen, Kumpel, Leben ist schwer für ’nen kleinen Computer.

Jonas: Streng dich an, Sammy.

Sam: Was tu ich denn wohl, du Obergurke. Melde gehorsamst, Herr Oberleutnant, Minicam blockiert. Aber lang schaff ich’s nicht.

Jonas: Jonas kroch durch das Loch im Felsen. Zu Karla. Dahinter war ein niedriger Gang, abgestützt durch Metallstreben, ein aufgegebenes Bergwerk, aus der alten Zeit, als hier Menschen lebten und arbeiteten. Karla ging voran und leuchtete, mit einer starken Taschenlampe. Gut für uns, aber auch gut für die Minicam. Sie war uns gefolgt, unter die Erde, wir konnten sie nicht abschütteln, nur blockieren. Was Sam immer schwerer fiel.

Jonas: Geht’s noch Sammy.

Sam: Soso lala.

Jonas: Halt durch.

Sam: Ja, Sam tut was er kann. Sam gibt alles.

Karla: Stop. Hier beginnt ein Schacht, da müssen wir runter.

Jonas: Nur zu. Karla hatte alles bei sich, in ihrem Rucksack, Seile, Steigeisen, Wandhaken. Wir kletterten. Tiefer, immer tiefer, die Luft wurde schlecht, Sam stöhnte, dann war der Schacht zu Ende, und es ging waagerecht weiter, die Luft blieb schlecht. Zum Glück gab es hier keine Ratten, wie in der babylonischen Unterwelt. Wieder ein Schacht, diesmal nach oben, wieder klettern, Stunden um Stunden, so kam es mir vor, bis wir über uns Licht sahen. Ich zog mich hoch und war draußen. Die Minicam folgte, in vorsichtigem Abstand.

Sam: Ich kann nicht mehr. Sam muß aufgeben, kein Strom. Hast du mal ein Watt Mister.

Jonas: Woher nehmen Sammy. Karla, wo sind wir? Karla?

Sam: Weg. Verschwunden. Wie die Wurst im Spunde. Spinde. Terroristin. Mal da mal weg, einfach so. Denn unergründlich sind ihre Wege. Amen.

Ah, Bild und Ton sind wieder da.

Ziemlich unscharf. Und wackelig.

Die Radioaktivität. Jonas ist im toten Land.

Sieht so aus. Irgendwie muß er über die Mauer gekommen sein.

Eher unten durch.

Ins tote Land werden sie ihn nicht verfolgen, unsere Leute und Stalin.

Das können wir von ihnen auch nicht verlangen.

Heißt das, Jonas ist uns entwischt?

Kein Stück. Im toten Land wird er krepieren. Langsam und unschön.

Und wir sind dabei. Wunderbar.

Jonas: Jonas stand auf einem schmalen Streifen Land, Felsen besser gesagt. Über ihm eine brennende rote Sonne, rechts die Mauer, die von hier noch bedrohlicher wirkte als vom Niemandsland. Auf der linken Seite ein riesiger See, bis zum Horizont. Gewaltige Öllachen schwammen auf dem trüben Wasser. Sie schimmerten in allen Regenbogenfarben. Ab und zu blubberten Blasen aus der Tiefe und zerplatzen an der Oberfläche, mit infernalischem Gestank. Nicht sehr einladend. Ich dachte an Fall Euromüll. Die Giftmülldeponie in Afrika. Aber ich dachte nicht lange, dazu war keine Zeit.

Sam: Man schießt, Genosse.

Jonas: Auf uns, Sammy, die Roboguards auf der Mauer.

Sam: Willst du warten, bis sie sich auf dich eingeschossen haben, Stupido.

Jonas: Nicht unbedingt, aber was.

Sam: Schiffahrt tut not, Herr Vizeadmiral. Unser Kuzunft, Zukunft liegt auf dem Wasser. Steche in See.

Jonas: Ungern Sammy.

Sam: Ja, fällt dir was besseres ein?

Jonas: Leider nicht.

Jonas: Am Ufer lagen verrottete Plastikteile, ich griff mir einen leeren Behälter, groß und rund wie ein Baumstamm, noch einigermaßen in Schuß, damit sprang ich in den See, ein leiser müder Platsch, Jonas strampelte mit den Beinen, und kam so schnell weg vom Ufer, auf daß die Roboguards eifrig ballerten. Sollten sie. Ich strampelte weiter und weiter, Stunden vergingen, vielleicht Tage, hinter mir verschwand die Mauer, vor mir erschienen Berge, in weiter Ferne. Plötzlich packte mich was am Bein, eine Hand, eine Flosse, ein Wesen mit Menschenaugen und einem Fischmaul voller scharfer Zähne tauchte aus der Brühe auf, es war nicht allein, das Wasser geriet in Bewegung, mehrere Fischmenschen schnappten nach Jonas, der schlug aus und schlug um sich, es waren zu viele. Sie hätten mich unter die Oberfläche gezerrt, aber es wurde flacher, die Fischmenschen blieben zurück. Ein Stoß, mein Behälter saß fest, in schwarzem Sand. Jonas watete an Land und stolperte weiter.

Können Sie was sehen, General.

Grau in Grau.

Die Signale der Minicam werden immer schwächer.

Von Fischmenschen zerfleischt, das wär’s doch gewesen.

Abwarten.

Ah, wir haben wieder Bild.

Aber keinen Ton.

Mein Gott, wo sind wir, wie sieht’s denn da aus?

Jonas: Knallbunt giftgrün signalrot gallegelb der Boden bestand aus geschmolzenem Plastik, spitze Zacken scharfe Kanten, das Gehen war mühsam wohin ich ging wußte ich nicht, immer weiter nach Osten, immer tiefer ins tote Land, das mit jedem Schritt toter wurde. Ich blieb stehen. Am Weg ragte eine hohe Eisenstange auf. Verrostet und zerfressen. Darin hing die ausgestopfte Haut eines Menschen mit zwei Köpfen.

Sam: Zweifellos eine Warnung, Meister.

Jonas: Für mich?

Sam: Ja, und wer sonst noch vorbei kommt.

Jonas: Warnung. Wovor?

Sam: Weiß nicht. Spielen nicht mehr mit, die kleinen grauen Zellen. Sammy verblödet. Demenz. Alzheimer.

Jonas: Sam, du redest irre.

Sam: Sag ich ja. To… Total irre. Total Irrsinn. Sammy muß aufgetankt werden, dringend.

Jonas: Es geht nicht, Sammy. Versuch durchzuhalten.

Sam: Gib mir Strom, Meister, nur ein ganz kleines bißchen. Bitte.

Jonas: Noch einer mußte dringend aufgetankt werden. Seit Tagen hatte ich nichts in den Magen gekriegt. Ich merkte, wie ich immer schwächer wurde und immer schwerfälliger voranstolperte, bis ich weit vor mir was sah und sofort wieder zu Kräften kam.

Jonas: Da, Sammy, ein Haus. Da steht Ca-sa-blanca. Das Casablanca. Da gibt’s Strom, Sammy und Synthwhisky und was zu essen. Gleich, Sammy, gleich sind wir da. Ohh, oh oh… Das Casablanca ist weg. Einfach weg.

Sam: Ja, schon mal was von Fata Morgana gehört. Glotzkopf. Vater Morgana. Mutter Morgana. Oma Opa Onkel Morgana. Ganze Familie Morgana.

Jonas: Jetzt drehst du endgültig durch, Sammy.

Sam: Na und. Keine Kraft. Kein Saft. Sam wird dahingerafft.

Jonas: Sammy.

Sam: Nein hilft alles nichts, Chef. Sammy muß sterben.

Jonas: Nein, Sammy, nein.

Sam: Ist noch so jung. So jung.

Jonas: Computer können nicht sterben.

Sam: Wetten daß doch. Leb wohl Meister.

Jonas: Sammy.

Sam: War schön mit dir, echt super. Vergiß Sammy nicht. Und und begrab mein Herz an der Biegung des Flusses.

Jonas: Du hast kein Herz, Sammy.

Sam: Wetten daß doch. Sammy hat Gefühle. Sammy ist ein Mensch.

Jonas: Du übertreibst.

Sam: Vielleicht ein bißchen. Klingt aber schön. Irgendwie richtig schön. Und tschüß.

Jonas: Tschüß Sammy. Natürlich war ich traurig, sehr sogar, aber nicht nur. Ganz tief unten regte sich ein völlig anderes Gefühl. Ein Gefühl der Erleichterung, der Befreiung, endlich Ruhe. Ich stolperte weiter, und irgendwann muß ich dann eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, war alles anders. Die Luft, das Land, die Farben. Um mich nicht mehr das bunte Gift des toten Landes. Ich sah Grün. Gesundes, lebendiges Grün, Bäume, viele Bäume. Lianen und Orchideen. Ein richtiger Urwald. Affen turnten durch die Zweige, Vögel sangen, unter meinen Füßen war Erde, braune Erde. Träumte ich?

Jamaro: Hier Jonas, hier ist dein Weg.

Jonas: Jamaro?

Jamaro: Folge mir.

Jonas: Aber du bist doch tot.

Jonas: Jamaro ging voraus, undeutlich, schattenhaft, zwischen den wuchernden Pflanzen kaum zu erkennen. Dann wurde es vor uns heller, immer heller. Jamaro winkte mir zu, und verschwand. Ich trat aus dem Wald ins Licht. Vor mir eine wunderschöne Landschaft, braune Hügel, grüne Wiesen, goldene Felder, vom tiefblauen Himmel schien eine freundliche gelbe Sonne, und in der Ferne sah ich eine Stadt, Häuser, Giebel, Türme, Wetterfahnen. Babylon? Aber diese Stadt war kleiner, ohne Klimadom, und viel schöner. Babylon, wie es vielleicht einmal war, wie es hätte sein können. Ich ging auf die Stadt zu, und aus der Stadt kam mir jemand entgegen. Ich blieb stehen. Ich steckte mitten in einem Wunder, aber ich konnte es nicht glauben. Judith. Judith Delgado. Keine Doppelgängerin mit Plastiface und Mord im Herzen. Judith, meine Judith, sie lief auf mich zu, und auch ich begann zu laufen.

Judith: Jonas.

Jonas: Judith.

Judith: Endlich bist du da, ich warte schon so lange. Komm.

Jonas: Wohin?

Judith: Nach Babylon natürlich. Da wirst du gebraucht. Philip Marlowe wartet auf dich, Sam Spade, Nestor Burma, die freuen sich mit dir zu arbeiten. Und ich freu mich, weil du nun endlich da bist. Komm.

Noch immer kein Bild.

Die Minicam ist endgültig hinüber.

Was ist mit Jonas.

Er ist zusammengebrochen. Das war das letzte, was wir gesehen haben.

Der kommt nicht mehr hoch.

Jonas sind wir los. Oder meine Dame, meine Herren?

Ich schlage vor die Aktion Jonas für erfolgreich beendet zu erklären, was meinen sie.

Etwas unbefriedigend, aber wie die Dinge liegen. Einverstanden.

Von mir aus. Machen wir ein Ende.

Das war Abgesang. Eine Folge der Science-Fiction-Krimiserie Jonas. Nur Jonas. Und Sam. Von Michael Koser. Nähere Informationen und die Folgen zum kostenlosen Download finden Sie unter jonas-nur-jonas-und-sam.de. Eine Produktion der Kanzlei Dr. Bahr. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem hörten Sie: Karin Anselm, Katja Brügger, Gisela Ferber, Uwe Friedrichsen, Stefan Gnad, Thomas Karallus, Vanida Karun, Andrea Lienau, CHRIzzz Morgenroth, Klaus Nietz, Deef Pirmasens, Christian Stark, Angelika Thomas, Henning Venske, Peter Weis und Elena Wilms. Ton und Technik: Marcus Giersch und Christoph Guder. Aufgenommen im Tonstudio Fährhauston in Hamburg (2008). Regie: Werner Klein.

Hörspiele

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